Diese Fanfiction gehört DQRC, Twilight gehört Stephenie Meyer, ich übersetze nur.

Kapitelsongs: Save us von Feeder (Anfang), Lullaby von den Dixie Chicks (Schluss) und Brave von Idina Menzel für den Brief.

Viel Spaß!


Don't say goodbye
I know you can save us
Don't wave goodbye
But nothing can break us
Don't say goodbye
I know you can save us
You can bring us back again

(Save Us von Feeder)


Lieber Edward – EPOV

Nach meinem Gespräch mit Bella war mein erster Instinkt gewesen, davonzulaufen. Als ich ihr Zimmer mit bebenden Händen und Lungen, die krampfhaft nach der Luft schnappten, die ich nicht benötigte, verließ, durchfuhr ein fast nicht zu bekämpfender Drang meine Glieder, loszulaufen, dem Krankenhaus den Rücken zu kehren und meine Schande und mein Elend hinter mir zurückzulassen. Es spielte keine Rolle, wohin ich ging – ich konnte Rochester verlassen oder die USA oder, Teufel, sogar die ganze verdammte Welt, wenn es möglich wäre –, solange es nur irgendwo weit, weit weg war von diesen tiefen, braunen Augen und den Tränen und den entsetzlichen, unerträglichen Gefühlen darin.

"Ich kann dir nicht verzeihen… das war's, Endstation."

Alles, was sie gesagt hatte, pulsierte durch meine Gedanken wie die kranke Parodie eines Herzschlags. Überall, wohin ich blickte, sah ich ihr Gesicht in meinen Gedanken und ihren herzzerreißenden, seelentötenden Gesichtsausdruck, als sie Nein gesagt hatte. Doch als den Gang hinunterwankte, musste ich unwillkürlich an den ersten Tag in Bellas Unterricht denken, vor all den Wochen. Damals war ich auch davongelaufen, war aus ihrem Klassenzimmer und der Schule geflohen, verzweifelt, Distanz zwischen uns zu legen, zu verängstigt, um mich der Wirklichkeit zu stellen. An dem Abend an der Schule, als ich fast mit Emmett gekämpft hätte… was hatte er da gesagt?

"NATÜRLICH gehst du! Das kannst du ja am besten, nicht wahr, Edward? Sobald es hart auf hart kommt, beschließt du zu gehen."

War es das, was er gemeint hatte? Ich blickte sehnsuchtsvoll zu der Tür am Ende des Ganges. Es wäre so leicht, durch sie zu fliehen und dieses Krankenhaus und alles und jeden darin hinter mir zu lassen, aber würde das Emmetts Anschuldigungen nicht nur bestätigen? Dass ich tatsächlich ein Feigling war?

Ich knurrte frustriert und holte mit dem Fuß aus, um gegen die Wand zu treten, hielt mich aber noch rechtzeitig davon ab. Ich hatte heute schon genug Schaden angerichtet. Geschlagen stieß ich den Atem aus und sank auf einen nahestehenden Stuhl, rutschte mit dem Rücken die Wand hinunter.

"Ich weiß nicht, ob ich dir verzeihen kann…"

Was wenn das – wir –, was immer es ist oder war, nicht repariert werden kann?"

Ich bin nicht erstarrt; ich habe mich verändert."

Ich schloss die Augen. Ich konnte die Gedanken einer Krankenschwester drei Zimmer weiter hören. Ich konnte die Schritte von Menschen im Stockwerk über mir fühlen. Ich konnte Bellas Herzschlag hören und ihren unruhigen Atem, als sie sich hinter der Tür, nur Schritte von mir entfernt, hin und her wälzte. Ich wünschte, ich könnte bei ihr sein. Aber das ging nicht. Sie hatte gesagt, ich solle gehen, also war ich gegangen. Sie hatte gesagt, sie brauche Zeit, also würde ich sie ihr lassen. Selbst wenn es mich vernichten würde, ich würde es immer noch tun.

Was soll ich denn noch tun, Bella? dachte ich verzweifelt. Ich gebe mein Bestes, aber es scheint nicht genug zu sein.

Ich fühlte Alices Ankunft mehr als ich sie sah. Ein unmenschlich sanftes Trappeln von Schritten, der vertraute Duft – eine Mischung aus Frühling und Zimt – und eine sehr schwache Brise verkündeten ihre Anwesenheit.

Hi,dachte sie. Die Luft bewegte sich wieder, und ich wusste, dass sie sich neben mich setzte.

Ich öffnete ein Auge, um ihr einen Blick zuzuwerfen, dann schloss ich es wieder, ohne zu antworten.

Alles okay?

Ich gab keine Antwort. Das musste ich gar nicht. Ich kannte Alice gut genug, um zu wissen, dass sie mir weiterhin ihre Meinung sagen würde, ganz gleich ob ich nun antwortete oder nicht.

Du hast das Richtige getan, als du beschlossen hast zu bleiben.

Also wusste sie Bescheid. Es überraschte mich etwas, dass sie nicht in der Sekunde aufgetaucht war, in der sie sah, wie sich meine Zukunft veränderte, als ich entschied, nicht aus dem Krankenhaus zu rennen. Vielleicht hatte sie beschlossen, mich eine Weile allein sein zu lassen.

Ich musste unwillkürlich lächeln. Nur Alice würde fünf Minuten als genügend Zeit erachten, um sich von dem Gespräch zu erholen, das ich soeben mit Bella geführt hatte.

Die anderen sind unten, fuhr sie fort. Sie dachten, du brauchst ein bisschen Ruhe vor allen. Gut, und Jasper und Emmett wollten außerdem sicherstellen, dass Black nicht auf dumme Ideen kommt.

Selbst aus ihren Gedanken ging ihre Verachtung für Jacob klar hervor. Um ehrlich zu sein, ich hatte beinahe vergessen, dass er noch im Krankenhaus war. Bella hatte ihn vollkommen aus meinen Gedanken verdrängt. Jetzt, da ich mich an seine Anwesenheit erinnerte, gelang es mir jedoch nur halb, Alices Abneigung zu teilen. Ich hatte einen Großteil seiner Unterhaltung mit Bella mit angehört, während ich draußen darauf wartete, dass ich „an der Reihe" war, mit ihr zu sprechen. Nachdem ich seinen Zusammenbruch gehört hatte, bei dem er seine Angst in Bezug auf Brady und seiner Unzulänglichkeiten als Anführer zugegeben hatte, konnte ich nicht umhin, ihn sympathisch zu finden. Er hatte genauso wenig um sein Schicksal gebeten, wie ich mir gewünscht hatte, ein Vampir zu werden. Wir hatten beide diese Leben zugeteilt bekommen und waren, jeder auf seine Weise, bemüht, uns so gut wie möglich mit unseren Instinkten zu arrangieren. Er hatte darauf reagiert, indem er versuchte, sich in seine Kräfte und all die Verantwortung, die damit einherging, einzufinden, während ich darum gerungen hatte, mich so weit wie irgend möglich von meinem Vampirismus zu distanzieren. Als das fehlschlug, hatte ich alles, was ich liebte, fortgestoßen. Jacob hingegen hatte es irgendwie geschafft, die beiden Bereiche seines Lebens nebeneinander existieren zu lassen. Es brauchte keinen Experten, um zu erkennen, wessen Ansatz der bessere war.

Allerdings konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, als ich mir Jacobs Reaktion darauf vorstellte, zwei 'Blutsauger' als Babysitter zugeteilt bekommen zu haben. Ich war schließlich kein Heiliger.

Alice schien mein Grinsen als Ermunterung aufzufassen, denn sie richtete das Wort erneut an mich.

Ich habe euer Gespräch mitbekommen.

Ich warf ihr einen Blick zu, und sie musste die Ungläubigkeit, die in mein Gesicht gemeißelt war, gesehen haben. 'Mitbekommen'? Wirklich? Ich weigerte mich zu glauben, dass es tatsächlich so unbeabsichtigt gewesen war.

Alice beugte widerwillig den Kopf. „Na gut, ich hab gelauscht", sagte sie und nahm wortlos meine Entscheidung zur Kenntnis, mich in ein Gespräch verstricken zu lassen, indem sie laut entgegnete: „Ich weiß, du wolltest wahrscheinlich allein sein, aber ich konnte nicht anders. Bella ist auch meine Freundin, weißt du, und es ist mir auch wichtig, wie es dir geht." Sie senkte den Blick, und es schien, als hätte sie den Anstand, ein wenig kleinlaut auszusehen. „Tut mir leid", sagte sie leise.

Da fühlte ich mich ein bisschen schuldig.

„Ich bin dir nicht böse", sagte ich. Das waren die ersten Worte, die ich seit Bellas Zimmer laut gesagt hatte. Alice schaute mit hoffnungsvoller Miene zu mir auf.

„Nicht?"

„Nicht wirklich."

"Gut, ich will nämlich mit dir über das reden, was Bella gesagt hat." Ich war halb verblüfft über die Geschwindigkeit, mit der sie ihre Verlegenheit abgelegt hatte, halb belustigt über ihre Zielstrebigkeit. „Ich weiß, es war nicht unbedingt das, was du hören wolltest, aber ich denke wirklich nicht, dass es eine Katastrophe war. Es war einfach das, wo Esme und du einer Meinung wart – du und Bella braucht beide Zeit, um es hinter euch zu lassen, und es wäre widersinnig, zu erwarten, alles würde sich sofort wieder zurechtfügen."

Da lag so viel Optimismus in Alice Gemütsruhe und ihren Worten, dass es mich etwas einschüchterte. Sie schien sich so sicher zu sein, dass alles gutwerden würde, so zuversichtlich, dass bei Bella ein Nein nicht Nein hieß, dass ich nicht wusste, wie ich ihr widersprechen sollte. Ich suchte mühsam nach Worten, um meine Zweifel zum Ausdruck zu bringen.

„Sie hat gesagt, es ist das Ende", entgegnete ich schließlich. Meine Stimme klang unwirsch.

Alice schüttelte den Kopf. „Nein, Edward, sie hat gesagt, es könnte das Ende sein. Das ist ein großer Unterschied. Sie hat gesagt, sie braucht Zeit."

"Soweit ich es sehe, gibt es zwei Möglichkeiten", fuhr Alice fort. „Du kannst Bella entweder zwingen, jetzt zu dir zurückkommen, und dabei das Risiko eingehen, dass du sie endgültig verlierst, oder du gewinnst ein wenig Abstand und findest dich damit ab, dass die Dinge zumindest im Moment nicht in deinen Händen liegen. Du solltest versuchen, diese Wochen so normal wie möglich zu verleben. Bella braucht jetzt Zeit, um zu heilen, Edward. Viel davon hat nichts mit dir zu tun – es hängt mit den Schuldgefühlen zusammen, die sie wegen dem Schicksal dieses Jungen empfindet, wofür sie, so furchtbar es ist, ungefähr so viel kann wie die Bäume oder die Luft oder der Himmel. Bella trägt keine Schuld an seinem Leid, aber bis sie das selbst erkennt, hat es keinen Zweck, wenn du sie zurückzugewinnen versuchst. Ich will damit nicht sagen, dass du nicht im Hintergrund für sie da sein kannst, wenn sie dich braucht, aber du musst Geduld haben. Du musst dich damit abfinden, dass du ausnahmsweise mal nicht die Zügel in der Hand hältst." Sie zuckte die Schultern. „Wie gesagt, du hast zwei Möglichkeiten. Keiner von uns muss hellsehen können, um zu erkennen, welche eher funktioniert."

Dann gab Alice mir einen Kuss auf die Wange. Sie sprang auf und war in Sekundenschnelle verschwunden, ließ mich allein zurück, um über ihre Worte nachzudenken.

Sie hatte natürlich recht. Rückblickend betrachtet, war Bellas Abschied nicht so endgültig, wie er es hätte sein können, doch das war nicht sonderlich beruhigend, sondern vielmehr wie ein winziger Silberstreif im Umriss einer pechschwarzen Wolke.

Oder vielleicht musste es das ja gar nicht sein. Vielleicht musste ich mich auf positive Seite konzentrieren. Bella war offensichtlich nicht bereit, mir zu vergeben oder irgendeine langzeitliche Beziehung einzugehen, aber sie hatte nie bestritten, mich zu lieben.

Ich liebe dich. Aber es geht nicht mehr nur um dich und mich, Edward. Es ist größer geworden. Es sind mehr Leute darin verstrickt, mehr Herzen und Leben…Du bist vielleicht derselbe Mensch wie vor sechs Jahren, aber ich nicht. Ich bin nicht erstarrt; ich hab mich verändert."

Diese Worte taten immer noch weh. Ich konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass, mich als 'erstarrt' zu bezeichnen, ein unfasslicher Schlag unter die Gürtellinie war. Wie konnte sie die Tatsache, dass ich ein Vampir war, gegen mich verwenden, wo sie doch wusste, was ich darum gäbe, ein Mensch zu sein? Doch als ich genauer darüber nachdachte und ruhiger wurde, schwand meine Wut, um von ein wenig Scham ersetzt zu werden. War ich wirklich noch derselbe wie vor sechs Jahren? Bella hatte dieses Beispiel benutzt, um zu verdeutlichen, wie erwachsen sie geworden war, aber wie sehr hatte ich mich verändert? Ich war viel, viel älter als Bella, dennoch hatte ich mich in den vergangenen Wochen wie ein Teenager aufgeführt. Bellas Autorität im Klassenzimmer zu untergraben und vor ihren Kollegen mit ihr zu streiten, war nicht gerade das Verhalten, das jemand mit meinem Alter und meiner Lebenserfahrung an den Tag legen sollte. Es war, als hätte ich in meiner Verzweiflung, sie zurückzugewinnen, vergessen, wie man sich benahm.

Als ich das dachte, erinnerte ich mich plötzlich an die Zeit, als Esme gerade zu unserer Familie gestoßen war. Als ich eines Tages von der Jagd zurückkehrte, schnappte ich zufällig auf, wie Carlisle zu ihr sagte, er bereue es, mich so früh verwandelt zu haben. Er fürchtete, er habe mich davon abgehalten, richtig erwachsen zu werden. Damals war ich wütend gewesen und hatte seine Sorge als lachhaft und beleidigend zugleich empfunden. Mit plötzlicher Verlegenheit stellte ich fest, dass sie mir nun eher einleuchtete. So viel dazu, ihm das Gegenteil zu beweisen; wenn überhaupt, hatte mein jüngstes Benehmen seine Auffassung nur bestätigt.

Ich erinnerte mich an etwas anderes, das Bella gesagt hatte.

Es gibt noch andere Leute als dich, die mir wichtig sind; ich habe Verantwortungen außerhalb unserer Beziehung. Ich kann mein Leben nicht 'uns' widmen oder daran arbeiten, etwas zurückzugewinnen, das wir vielleicht nie wieder bekommen werden. Jetzt gerade stirbt mein Freund am anderen Ende des Landes wegen etwas, das wir getan haben – etwas, das unsere Beziehung angerichtet hat – und ich muss für ihn da sein. Das ist jetzt wichtiger als das hier."

So gesehen schien es, als wäre einer der Hauptgründe, weshalb Bella mich abgewiesen hatte, dass sie immer noch zu tief in Schuldgefühlen wegen dem Schicksal des Indianerjungen gefangen war. Obwohl es mir schmerzte, dass Bella für etwas schuldig sehen konnte, an dem sie so offenkundig keine Schuld trug, konnte ich mich doch ein wenig damit trösten, dass sie die Geschehnisse, wenn sie erst mit ihnen abgeschlossen hatte, möglicherweise hinter sich lassen könnte. Mir war bewusst, wie selbstsüchtig diese Reaktion war. Es beschämte mich, dass ich mich mehr um meine Zukunft mit Bella sorgte als darum, was mit dem Jungen geschehen würde. Ich wünschte, es gäbe etwas, das ich für ihm tun konnte –schließlich hatte er geholfen, Bellas Leben vor Victoria zu bewahren –, doch ich wusste bereits, dass das nicht in meiner Macht stand. Während ich darauf gewartet hatte, dass Bella ihr Gespräch mit Black beendete, hatte Carlisle mir mitgeteilt, er habe einen früheren Freund und Kollegen aus dem Forks Hospital angerufen und sich nach Bradys Verfassung erkundigt. Wahrscheinlich fühlte er sich, wie ich, in gewissem Maße für Bradys Verletzungen verantwortlich. Der Chirurg hatte ihm mitgeteilt, dass für Brady jegliche Hilfe zu spät kommen würde. Sein Schicksal war besiegelt, und so furchtbar das zweifelsohne war, ich würde nicht zulassen, dass Bella ihre eigene Zukunft ebenfalls als irreparabel betrachtete.

Also liebte Bella mich, aber sie hatte immer noch Dämonen zu bekämpfen. Einige musste sie alleine erschlagen, bei anderen konnte ich ihr, so hoffte ich, mit der Zeit helfen. Sie war jedoch nicht die Einzige, die Veränderungen durchmachen musste; auch ich musste mich bewusst bemühen, zu jemandem zu werden, der ihrer würdiger war. Ich hatte es schon zuvor gewusst, doch nachdem ich es aus Bellas Mund gehört hatte, war ich mir dessen sicherer denn je.

Kurz gesagt, wir brauchten beide Zeit. Und wenn es etwas gab, über das ich grenzenlos verfügte, dann über Zeit.

Alice hatte recht; es gab keinen Zweifel daran, welche ihrer beiden Möglichkeiten ich wählen würde.


Und so begann das Geduldspiel.

Ich lief nicht davon; ich blieb im Krankenhaus. Ich versuchte nicht, ein weiteres Gespräch mit Bella in die Wege zu leiten; ich respektierte ihre Wünsche und ihr Bedürfnis, sich ohne emotionale Erschwernisse zu erholen. Meine Familie hatte mich, zu meinem leichten Verdruss, seit meiner Unterhaltung mit Bella kaum noch allein gelassen. Ganz egal, wohin ich ging, ich fand mich immer von mindestens einem von ihnen begleitet. Ich wusste natürlich, warum sie es taten. Sie machten sich Sorgen um mich. Sie fürchteten, ich könnte als Reaktion auf Bellas Abfuhr das Land verlassen oder irgendetwas Unvernünftiges tun. Ich nehme an, sie hatten Angst, ich würde wieder in dieselben Depressionen zurückverfallen, die ich durchgemacht hatte, nachdem wir vor all den Jahren Forks verlassen hatten. Ich konnte ihre Befürchtungen nachvollziehen, doch sie waren unbegründet. Ich wollte nicht sterben; ich wollte nicht davonlaufen. Beides würde ich niemals tun – nicht jetzt, jetzt, da ich wusste, wie sehr ich Bella beim ersten Mal wehgetan hatte. Solange Bella lebte, würde ich in ihrer Nähe bleiben. Es spielte keine Rolle, ob sie mich hasste, nicht einmal, ob sie mit einem anderen zusammen war, obwohl mich der Gedanke ganz krank machte. Ich könnte niemals aus freiem Willen eine Welt verlassen, in der es Bella gab. Ich würde auf ewig auf meine Chance warten, wenn es das war, was Bella brauchte.

Ich besuchte sogar weiterhin die Schule, obwohl ich mich anfangs rundheraus geweigert hatte.

Ebendieses Thema wurde am Mittwoch nach Bellas Unfall zum Streitpunkt. Vier Tage waren seit dem samstäglichen Zusammenstoß vergangen, aber zu meinem Glück war die Schule die letzten beiden Tage aufgrund des rekordartigen Schneefalls am Wochenende ausgefallen, sodass ich im Krankenhaus bleiben konnte. Ohne weitere Schlechtwetteraussichten würde sie jedoch wahrscheinlich sehr bald schon wieder ihre Pforten öffnen. Es war mir kaum in den Sinn gekommen, dass ich wieder zu Schule gehen würden müsste – in einem Klassenzimmer zu sitzen, während Bella im Krankenhaus lag, schien mir undenkbar, trotz meiner Zustimmung, ihr 'Abstand zu geben'. Ich hätte jedoch wissen sollen, dass Alices Vorstellung von 'so normal wie möglich weitermachen' miteinschließen würde, die High School–Farce aufrechtzuerhalten.

Sie kam am Mittwochmorgen zu mir, ein paar Stunden nach Morgendämmerung. Ich saß im Wohnzimmer unseres Hauses und beobachtete den Sonnenaufgang durch die bodenlange Terrassentür. Ich blickte auf und sah, wie sie mich mit eisern entschlossener Miene ins Visier nahm.

„Ich wollte dir nur Bescheid geben, dass wir um halb neun alle zur Schule aufbrechen", sagte sie, mit starker Betonung auf 'alle'. „Du fährst uns."

„Sei nicht albern."

„Bin ich nicht."

„Ach, bitte. Wenn du denkst, ich gehe nach allem, was passiert ist, wieder zurück in die Schule-"

„Was willst du denn sonst tun? Du hast nicht vor, Bella zu besuchen, und es bringt nichts, wenn du einfach nur im Krankenhaus herumschleichst, bis die Besuchszeit um ist."

Ich blickte sie finster an. „Du hast gesagt, ich sollte für sie da sein, falls sie mich braucht."

„Ja, aber ich habe auch gesagt, dass du versuchen musst, so normal wie möglich weiterzumachen. Und das schließt auch die Schule mit ein. Jazz, hilf mir", sagte sie und drehte sich um. Jasper war gerade ins Zimmer gekommen, zweifellos auf der Suche nach Alice. Sie nahm flehend seine Hand. „Sag Edward, dass er zur Schule gehen muss."

Es war unlauter, dass sie Jasper zur Hilfe rief. Selbst ohne seine Gabe waren seine ruhigen, überzeugenden Erklärungen und seine messerscharfe Logik praktisch unanfechtbar. Ganz der Meister strategischen Denkens, wies er mich darauf hin, dass ein jetziger Schulaustritt nur noch mehr Argwohn über mein Verhältnis zu Miss Swan erregen würde.

„Die ganze Schule weiß schon, dass zwischen euch etwas Seltsames vorgeht. Wenn du aufhörst zum Unterricht zu erscheinen, während sie krankgeschrieben ist, wirst du damit nur noch mehr Aufmerksamkeit auf eure Beziehung lenken."

Besiegt stimmte ich zu, zur Schule zu gehen.

Eine ähnliche Geschichte war es mit meiner Entscheidung, in Rochester zu bleiben. Es war Jasper gewesen, der mir ausgeredet hatte, Bella nach Forks zu folgen. Das war meine Absicht gewesen, seit sie mir gesagt hatte, sie würde abreisen. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie aus meinem Blickfeld verschwand, geschweige denn ans andere Ende des Landes reiste. Es war weniger, weil sie die Lage nicht alleine meistern konnte; sondern vielmehr meine Unfähigkeit, sie ziehen zu lassen.

„Sie braucht Abstand, Edward", hielt Jasper dagegen. „Sie ist im Augenblick emotional total verwirrt. Sie liebt dich, aber sie hat Angst, entsprechend zu handeln. Hast du schon vergessen, was ich dir über ihre Schuldgefühle gesagt habe? Sie gehen wie Wellen von Bella aus; sie sieht sich immer noch verantwortlich für alles, was mit diesem Wolfsjungen passiert ist. Ich weiß, dass es lächerlich ist!", fügte er schnell hinzu und hob die Hand, um meinem empörten Aufschrei zuvorzukommen. „Aber das hat sie noch nicht begriffen. Ich denke, irgendwann wird ihr das klarwerden, wenn du ihr Zeit lässt. Ich glaube, wenn du ihr nach Washington folgst, tust du damit keinem von euch beiden einen Gefallen. Wenn überhaupt, stößt du sie damit vielleicht nur noch weiter von dir fort."

"Bella müsste doch nicht wissen, dass ich ihr nach Forks gefolgt bin. Ich könnte Abstand halten."

Jasper verdrehte die Augen. "Sicher, als könntest du ihr wirklich den ganzen Weg nach Washington folgen und dann zusehen, wie sie ihre Zeit mit Werwölfen verbringt, ohne einzuschreiten oder in irgendeiner Weise mit ihr in Kontakt zu treten. Du könntest zusehen, wie sie zusammenbricht und weint und leidet, ohne dich genötigt zu sehen, zu ihr zu gehen, um sie zu trösten, und dich dabei zu verraten. Sieh's ein, Edward, du bist ein zu großer Kontrollfreak, als dass du dich in einer solchen Situation nicht einmischen könntest."

Er hatte natürlich recht. Jasper besaß die beeindruckende Angewohnheit, bei solchen Themen grundsätzlich richtig zu liegen. Seine Gabe hatte damit natürlich eine Menge zu tun, doch ich hatte den leisen Verdacht, dass es auch daran lag, dass er eine außergewöhnlich einfühlsame Person war – etwas, worin ich trotz meiner Fähigkeit, Gedanken zu lesen, beschämend schlecht war. So lange Zeit hatte ich gedacht, die allumfassende Natur meiner Gabe bedeute, ich müsse nicht an meinen Menschenkenntnissen arbeiten. Es hatte jemanden gebraucht, dessen Gedanken ich nicht lesen konnte – Bella –, um mir vor Augen zu führen, wie sehr ich mich geirrt hatte.

Alice war auch nicht besonders hilfreich, wenn es darum ging, mir zu sagen, was ich hören wollte. Als ich mich, nach vielerlei Beschwerden und Unentschlossenheit, endlich damit abfand zurückzubleiben, während Bella sich nach Forks aufmachte, wandte ich mich sofort an Alice. Wenn ich schon nicht körperlich bei Bella sein konnte, dann wollte ich mich zumindest damit trösten, zu wissen, wie es ihr gerade erging. Nur leider hatte ich da eine Sache vergessen. Nun ja, mehrere große, haarige Sachen, um genau zu sein.

"Das sind die Wölfe", meinte Alice entschieden und schlug mit den Händen auf die Tischplatte, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Es war Nacht und wir saßen zuhause herum, warteten, dass die Besuchszeiten wieder begannen, damit wir zurück zu Bella konnten.

In zwei Tagen würde sie entlassen werden. Auf meine Bitte hin hatte Alice mehrere Stunden lang versucht, in Bellas Zukunft zu sehen, jedoch ohne Erfolg. Ganz gleich, wie sehr sie es versuchte, sie bekam nur Schnipsel von Bella zu sehen, wie sie ein Flugzeug nach Forks bestieg und am Flughafen landete. Alles darüber hinaus war nichtssagend und in Schatten gehüllt.

"Es muss an ihnen liegen", fuhr Alice fort, während sie frustriert an ihren kurzen Haaren zerrte. Jasper küsste sie sanft auf die Stirn und Esme kam herüber, um ihr tröstend über die Hand zu streichen. Jeder wusste, wie sehr es Alice verunsicherte, blind zu sein.

"Erinnert ihr euch noch, wie meine Visionen einfach verschwunden sind, als Jacob im Krankenhaus aufgetaucht ist? Und wie gar nichts mehr sehen konnte, als sie noch bei ihnen in Forks war? Alles, was ich momentan von Bella sehen kann, ist, wie sie nach Hause kommt, um zu dem Rudel zu gehen. Eine Entscheidung, die darüber hinausgeht, hat sie nicht getroffen, also gibt es für mich nichts zu sehen." Sie versuchte es ein weiteres Mal und einmal mehr sah ich die massive Mauer aus Grau, die Bellas Zukunft versperrte.

Es fiel mir äußerst schwer, mich an Jaspers Rat zu halten, als ich erst wusste, dass ich Bella unmöglich überwachen würde können, während sie in Forks war. Ich würde vollkommen von ihr abgeschnitten sein, und nicht einmal Alices Visionen könnten mir helfen. Ich war völlig machtlos. Und das machte mir schreckliche Angst.

Aber vielleicht war genau das der springende Punkt. Vielleicht war das der Abstand, von dem Jasper sprach, vielleicht war es das, was Bella brauchte. Vielleicht würde sie, wenn sie erst frei von mir war – ganz und gar frei, ohne meine Einflussnahme, meinen Schutz oder meine Anwesenheit – in sich finden, wonach sie suchte. Denn obgleich ich nur wenig davon verstand, wie sie sich im Moment fühlte, gab es eine Sache, die ich ganz sicher wusste. Was auch immer Bella im gerade durchmachte, es war etwas komplett Introspektives. Es lag in ihrem Inneren – es war ihre Seele, ihr Bewusstsein, ihre Schuldgefühlen. Ich hatte mich im Krankenhaus über sie lustig gemacht, als sie es mir zu erklären versuchte, aber wenn ich es nun objektiv betrachtete, verstand ich es wirklich. Sie hatte die Wahrheit gesagt. Es liegt nicht an dir, es liegt an mir. Wir wussten beide, was Bella in Bezug auf mich empfand – das war nicht das Problem. Aber ihre Gefühle ihr selbst gegenüber schienen weitaus weniger klar zu sein, und als ich das akzeptierte, erkannte ich, dass Jasper recht hatte. Bella befand sich auf einer Reise, auf der ich sie nicht begleiten konnte, und ich konnte damit leben… solange ihr Weg irgendwie wieder zu mir zurückführte.

Und deshalb fand ich mich auch am Tag vor Bellas Entlassung am Rochester Airport wieder, wo ich ein unbefristetes Hin-und Rückflugticket nach Seattle löste.

Bella war nicht die Einzige, die erwachsen geworden war. In vielerlei Hinsicht markierte meine Entscheidung, in Rochester zu bleiben – zu warten, anstatt umgehend zu handeln – für mich einen neuen Anfang. Ich veränderte mich. Ich lernte aus meinen Fehlern und versuchte, mein unüberlegtes Handeln in den letzten paar Wochen wiedergutzumachen.

Natürlich war es nicht leicht zurückzubleiben. Kein Tag verging, an dem ich nicht an Bella dachte oder mich fragte, was ihr wohl in diesem Moment widerfuhr. Ich verbrachte viele Spanischstunden damit, mögliche Szenarien in meinem Kopf zu entwerfen, was Bella gerade in Forks zustoßen könnte. Alice versicherte mir, sie würde es wissen, wenn sich etwas änderte, doch das hielt meine wilde, unermesslich pessimistische Phantasie nicht davon ab, alle fünf Minuten mit mir durchzugehen.

Es überraschte mich etwas, dass Bellas anhaltende Abwesenheit, obwohl sie in den ersten paar Tagen ein wenig Interesse weckte, größtenteils kommentarlos hingenommen wurde. Aus der Haltung der meisten Menschen den Neuigkeiten gegenüber ging klar hervor, dass Miss Swans Krankenhausaufenthalt angesichts ihrer notorischen Ungeschicklichkeit wenig überraschend war, wenn nicht gar zu erwarten gewesen. Tatsächlich schien bei der Hälfe der Schüler der interessanteste Aspekt der Geschichte noch die Vorstellung von Bella auf einem Motorrad zu sein. Ich musste eine besonders unangenehme Mathe-Stunde über mich ergehen lassen, in der Adam Carter über Bella in Leder fantasierte, woraufhin es mich all meine Selbstbeherrschung kostete, den Jungen nicht am Kragen zu packen und ihn aus dem Fenster im dritten Stock zu schleudern. Jasper war mir, als er meine Wut vom benachbarten Klassenzimmer aus wahrnahm, zum Glück zur Hilfe gekommen, indem er so einschläfernde Wellen der Ruhe ausströmen ließ, dass ein paar Schüler in der letzten Reihe möglicherweise sogar eingenickt waren.

Ich war dankbar für sein Eingreifen, stellte jedoch mit Befremden fest, dass sich bei manchen von Carters Vorstellungen noch etwas anderes in mir geregt hatte als Zorn… aber nein, jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, solchen Gedanken Beachtung zu schenken. Bella und ich hatten noch an so vielen anderen Gebieten zu arbeiten, bevor ich irgendwelche Einfälle dieser Art wirklich in Erwägung ziehen konnte.

Und so ging es weiter. Die Minuten gingen in Stunden über, die Stunden wurden zu Tagen und die Tage vermengten sich zu Wochen. Die ganze Zeit über wartete ich auf ein Zeichen, eine winzige Neuigkeit, das Bruchstück einer Hoffnung.

Und dann, beinahe einen Monat nach Bellas Aufbruch nach Forks, kam es.

Es war ein heller, sonniger Tag. Wir hatten uns alle mit einem 'üblen Grippeanflug' krankgemeldet. Ich saß vor meinem Flügel in der lichtdurchfluteten Diele, das Schimmern meiner Haut wurde gegen das Elfenbein reflektiert, während meine Hände über die Tasten geisterten. Wie immer dachte ich an Bella. Ich spielte halb ihr Schlaflied, halb erkundete ich eine neue, fremde Melodie, die teilweise zum Ausdruck brachte, wie sehr ich sie vermisste.

Dann stürmte Alice ins Zimmer.

„Ich hab sie gesehen", platzte sie hervor.

"Zeig es mir", erwiderte ich augenblicklich. Ohne es bemerkt zu haben, war ich schon aufgesprungen. Ein Durcheinander aus Visionen traf mich in rascher Folge.

Bella, in Schwarz gekleidet, an einem grauen Strand unter einem rosafarbenen Himmel, den Blick gen Meer gerichtet; der Wind weht ihr das offene braune Haar ums Gesicht, als sie die Augen schließt, die Arme ausgestreckt, als würde sie gleich abheben; in ihrem alten Haus, wo sie ein Blatt Briefpapier vor sich legt; in ihrer unordentlichen Schrift schreibt sie die Worte 'Lieber Edward'.

Und dann, die Wichtigste von allen:

Ein braunhaariges Mädchen und ein Junge mit bronzenen Haaren sitzen auf einer Parkbank, umgeben von pink blühenden Bäumen und Krokussen. Das Mädchen lächelt.

Die Bilder hielten an, und ich schüttelte benommen den Kopf. Die Bedeutung von dem, was ich gerade gesehen hatte, brauste durch meine Gedanken.

„Das waren wir beide, zusammen", sagte ich ergriffen.

„Ja" Alice nickte mit einem breiten Lächeln, ihr ganzes Gesicht leuchtete vor Freude.

„Sie kommt zu mir zurück?" Ich konnte es fast nicht glauben.

„… im April oder Mai, wenn man nach dem Park geht."

Ich fühlte, wie mein Herz vor Glück anschwoll. Ein Park, Spätfrühling, eine lächelnde Bella. Es klang wie ein Traum. Als ich ein paar Augenblicke daran gedacht hatte, erinnerte ich mich an etwas anderes.

„Und der Brief? In der Vision hat sie mir einen Brief geschrieben." Mein Blick wanderte unwillkürlich zur Tür und dem Briefkasten, der auf ihrer anderen Seite lag, dann sah ich wieder zu Alice. „Wann glaubst du, wird er ankommen?"

Sie schüttelte ihren Kopf. „Keine Ahnung, aber darauf kommt es auch nicht an. Er ist unterwegs, Edward! Sie kommt zurück. Bella kommt zurück." Alice umarmte mich fest und machte dann auf dem Absatz kehrt und sauste davon, um dem Rest der Familie die Neuigkeiten mitzuteilen. Ich blieb alleine bei meinem Klavier zurück, tief in meine Gedanken versunken.

Die Bella, die ich am Strand gesehen hatte, hatte so glücklich – frei schon fast – gewirkt, wie ich sie schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Seit sechs Jahren, um genau zu sein. Etwas hatte sich verändert. Ihr ging es besser. Sie schrieb mir einen Brief.

Sie kam nach Hause.

Lieber Edward,

ich frage mich, ob es Dir so schwerfallen wird, diesen Brief zu lesen, wie mir, ihn zu schreiben.

Ich weiß, es ist viel Zeit vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Es tut mir leid, dass ich Dich so im Ungewissen gelassen habe, aber zu dem Zeitpunkt war es alles, was ich zustande gebracht habe. Mittlerweile hatte ich Zeit, um nachzudenken und zur Ruhe zu kommen, und ich kann Dir jetzt alles besser erklären. Ich hoffe, Du bist nicht wütend, weil ich beschlossen habe, Dir einen Brief zu schreiben, anstatt Dir das hier persönlich zu sagen. Ich habe Dir so viel zu sagen, aber ich will sicherstellen, dass ich es so gut wie möglich ausdrücke, und ich denke nicht, dass ich das von Angesicht zu Angesicht könnte. Ich will Dir auch die Möglichkeit geben, ganz genau zu hören, wie ich mich fühle, ohne dass Du das Gefühl hast, sofort eine Antwort darauf finden zu müssen. Ich glaube, es ist wahrscheinlich besser so.

Vielleicht weißt Du es schon – es würde mich nicht überraschen, wenn Du es irgendwoher schon wüsstest –, aber Brady ist diese Woche gestorben. Am Anfang war die Trauer unerträglich. Es war so schwer, zu akzeptieren, dass er tot ist, vor allem weil ich überzeugt war, Victorias Angriff wäre meine Schuld gewesen. Das Schlimmste daran war, dass ich nicht verstehen konnte, weshalb ich die Einzige zu sein schien, die nach seinem Tod keinen Abschluss finden konnte. Ich war nach Forks gekommen, um Frieden zu finden, aber alles, was ich bekam, war noch mehr Traurigkeit.

Die Beerdigung war heute. Mir hat davor gegraut; schon beim Empfang davor war mir schlecht vor Angst. Ich fühlte mich wie eine Heuchlerin, dass ich auf seiner Beerdigung war – als hätte ich kein Recht, zu trauern oder bei seinen Freunden und seiner Familie zu sein, wo ich doch so an seinem Tod beteiligt war. Aber dann haben sich die Dinge geändert. Ich hatte ein Gespräch mit Jacobs Vater. Er hat seine Frau bei einem Autounfall verloren, als Jacob sechs Jahre alt war, und er hat mir erzählt, dass er überzeugt davon war, es sei seine Schuld gewesen. Er hat sich mit mir über die Natur von Schuldgefühlen unterhalten und mir erklärt, dass sie letzten Endes sinnlos sind – dass sie Dir den geliebten Menschen nicht zurückbringen, sondern nur den Schmerz am Leben erhalten. Und dann war die Beerdigung, und ich hatte… ich weiß nicht einmal, wie ich es dir beschreiben soll. Ich glaube, es war eine Erleuchtung – die plötzliche Erkenntnis, dass ich mir die ganze Zeit über die Schuld an etwas gegeben habe, für das ich nichts konnte, dass ich loslassen und weiterleben muss. Als ich Bradys Geist endlich gehen ließ, fühlte ich, wie sich eine Last von meinen Schultern hob, und ich erkannte endlich, was alle anderen mir schon so lange gesagt haben – dass ich die Vergangenheit loslassen und anfangen muss, im Jetzt zu leben.

Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass das nicht nur für meine Gefühle wegen Brady gilt. Es ist dasselbe mit uns und unserer Beziehung.

Du hast mich verraten. Du hast mir wehgetan, als Du gegangen bist; Du hast den Verlauf meines Lebens geändert, indem Du nie zurückgekommen bist. Es war dumm und falsch und vor allen Dingen anmaßend von Dir, einfach anzunehmen, Du könntest eine solche Entscheidung über meine Zukunft treffen, ohne mich vorher zu fragen. Aber trotz all ´Deiner Versäumnisse, trotz all dem Schmerz, den ich wegen Dir durchgemacht habe, weiß ich doch, dass Du mir nie wehtun wolltest. Ich habe Dir damals im Krankenhaus geglaubt, als Du mir das gesagt hast, aber ich konnte es damals nicht richtig annehmen, nicht während mein Herz noch so zerrissen war vor Kummer und Schuldgefühlen wegen Brady. Der Schmerz von allem, was geschehen war, war noch zu frisch, und es fühlte sich falsch an, auch nur an die Zukunft zu denken, während die Geister der Vergangenheit von noch allgegenwärtig waren.

Aber jetzt ist alles anders. In der Zeit allein hatte ich die Möglichkeit, nachzudenken, den Schmerz zu lindern und die Wut abklingen zu lassen. Ich kann jetzt klarer denken; ich kann nach vorne blicken, statt zurück. Und wenn ich eines ganz sicher weiß, dann das: Dich auf ewig zu hassen, wird mir diese sechs Jahre nicht zurückgeben, genauso wenig wie mein Hass auf mich selbst Bradys Leben retten konnte. Und langsam, Stück für Stück, Tag für Tag, erlaube ich mir, zu glauben, dass ich wirklich der gute Mensch bin, den andere mich nennen – dass ich eine Chance auf Glück verdiene.

Und wenn ich ganz ehrlich bin, Edward – wenn ich auf der Suche nach Glück bin, dann bist Du der Einzige, den ich finden muss. Denn in meinem Herzen weiß ich, dass es nie einen anderen geben wird, den ich so sehr liebe wie Dich. Selbst wenn ich bis in alle Ewigkeit lebe, werde ich niemals jemanden finden, der mich so glücklich macht.

Ich weiß, wie das Leben ohne Dich ist. Ich habe sechs Jahre auf diese Weise gelebt, und obwohl ich so etwas Ähnliches wie Glück gefunden habe, obwohl es ein paar Schimmer der Vernunft gab, waren sie doch nur wie flüchtige Lichtblicke zwischen den Wolken. Zum größten Teil war mein Leben eine weite, graue Leere – bedeutungslos, gefühllos, verlassen. Ich brauche Dich jetzt nicht mehr, um existieren zu können – ich habe mir ein Leben aufgebaut und einen Pfad gefunden, der unabhängig von Dir ist –, aber ich will Dich. Das ist der Unterschied. Du bist keine Droge mehr für mich, Du bist keine Sucht mehr, über die ich keine Kontrolle habe. Ob ich Dir vergebe, ist keine Frage von Abhängigkeit oder Notwendigkeit – was es vielleicht gewesen wäre, wenn Du zurückgekommen wärst, als ich achtzehn war –, es ist eine Entscheidung. Du bist meine Entscheidung, und auf gewisse Weise ist das wohl der wichtigste Unterschied von allen.

Denn dadurch, dass ich Dich verloren und dann wiedergefunden habe, als ich es am wenigsten erwartete, habe ich eine Menge über mich selbst gelernt. Ich habe meine eigene Stärke entdeckt, doch erst nachdem ich mit all den Arten konfrontiert wurde, auf die ich schwach war. Erst jetzt, da ich erkenne, wie abhängig ich von Dir war, kann ich sehen, warum es gut war, dass Du gegangen bist.

Als ´Du gingst, fiel mein ganzes Leben in Stücke. Nachdem mich ein Jahr wie dein Satellit benommen hatte, zerfiel plötzlich alles, was ich kannte, zu Staub. Es ist so, Edward: wenn ich nicht so abhängig von Dir gewesen wäre, wäre ich vielleicht nicht so hart gestürzt, als Du gegangen bist. Ich habe Dich zu sehr geliebt. Ich habe Dich vergöttert und auf ein Podest gestellt, in dem Glauben, Du seist frei von Fehlern.

Ich fühlte mich Deiner so unwürdig. Deshalb wollte ich auch vor allem ein Vampir werden; um uns einander ebenbürtiger zu machen. Ich wollte körperliche Gleichheit, damit ich stärker, schneller und schöner sein und so zu jemandem werden konnte, der Dich verdient. Kurz gesagt, ich wollte es aus den falschen Gründen. Ich hätte begreifen sollen – oder vielleicht war ich auch einfach zu jung –, dass das einzig Wichtige geistige Ebenbürtigkeit ist, und das Einzige, was mich davon trennte, war mein mangelnder Glaube an mich selbst.

Ich brauchte Dich, um glücklich zu sein, sogar um zu leben. Es war dumm, besessen und ungesund. Ich definierte mich durch Dich, wenn Du nicht da warst war es also, als hätte ich aufgehört zu sein. Du hast vielleicht in Jacobs Gedanken gesehen, dass ich fast gestorben wäre, als Du mich verlassen hast, und das ist wahr. Ich redete mir ein, ich könnte ohne Dich nicht leben, was mit der Zeit selbsterfüllend wurde. Ich konnte mit keinem anderen Mann zusammen sein, weil ich mich niemanden als Dich sehen ließ. Bei unserem Streit vor dem Unfall habe ich versucht, es Dir in die Schuhe zu schieben, obwohl ich tief in meinem Inneren wusste, dass es nicht Deine Schuld war. Es war meine Entscheidung, Dich nicht zu vergessen; es war meine Entscheidung, um jeden Preis an der Erinnerung festzuhalten. Ich war überzeugt, Du würdest nicht zurückkommen, aber dennoch ließ ich Dich nie wirklich gehen. Ich sagte mir, ich könnte es nicht, ich wüsste nicht wie, aber vielleicht habe ich es auch einfach nie versucht.

Dasselbe war es mit Brady. Ich glaubte, ich würde die richtige Entscheidung treffen, dass ich erwachsen geworden war und Du nicht. Ich dachte, nach Forks davonzulaufen würde all meine Probleme lösen, doch dann wurde mir klar, dass der Grund, warum ich keinen Frieden finden konnte, die ganze Zeit über bei mir war. In meinem Herz, in meiner Seele, in meiner Sicht auf das Leben. Ich war so überzeugt von meiner Schuld – genauso wie ich davon überzeugt war, wie sehr ich Dich brauchte –, dass ich nicht imstande war, irgendeine Alternative zu sehen.

Es fällt mir schwer, das zu schreiben. Diese Gedanken einzugestehen ist, als würde ich meinen ganzen Schutz abstreifen, die Mauern einreißen, die ich so lange aufrecht erhalten habe. Es fühlt sich an, als würde ich meine Seele vor allen bloßlegen und all meine Fehler, all meine Schwächen und Ängste bis ins kleinste Detail aufgliedern. Aber wenn irgendjemand verdient, es zu hören, dann Du, Edward. Ich kann nicht weiterhin Dir die Schuld daran geben, wie sich mein Leben entwickelt hat oder wie unglücklich ich war, wenn ich weiß, dass ich diejenige war, die sich geweigert hat loszulassen.

Ich erzähle Dir die ganze Zeit, wie erwachsen ich geworden bin… nun, das ist der Beweis. Ich werde nicht länger vor mir selbst davonlaufen.

Keiner von uns beiden ist perfekt. Wir haben beide Fehler gemacht. Du hast mir wehgetan und ich habe Dir wehgetan, und unsere Beziehung ist zerkratzt und mit Narben übersät, aber sie ist nicht irreparabel zerbrochen, trotz allem, was ich im Krankenhaus zu Dir gesagt habe. Es mag sich verrückt anhören, aber jetzt, da ich meinem eigenen Urteil traue, kann ich hinnehmen, dass es in Ordnung ist, dass ich Dich noch liebe. Es ist kein Verrat an mir selbst, oder an Jacob oder Brady. Ich bin nicht schwach, wenn ich mich Dir zuwende; ich erlaube mir, glücklich zu sein. Ich werde nicht zulassen, dass unsere Fehler unser Glück in Mitleidenschaft ziehen oder dass die Vergangenheit unsere Zukunft bestimmt.

Ich weiß, ich kann wieder lernen, Dir zu vertrauen, trotz allem, was geschehen ist. Ich weiß, ich kann meinem eigenen Urteilsvermögen wieder vertrauen, obwohl ich es so lange ignoriert habe.

Aber es gibt etwas, das Du wissen musst. Ich habe mich entschlossen, an der Sycamore High zu kündigen. Ich will jetzt schon eine ganze Weile zurück in den Westen ziehen, und ich denke, ein Neuanfang würde mir ganz guttun, insbesondere nach allem, was in den letzten zwei Monaten passiert ist. Ich werde versuchen, eine Lehranstellung in Seattle oder Olympia zu bekommen; auf diese Weise kann ich in der Nähe von Forks und La Push bleiben, ohne meine Unabhängigkeit aufgeben zu müssen.

Du sollst wissen, dass mein Umzug kein Versuch ist, Dir zu entkommen, Edward. Ich möchte, dass Du mit mir kommst, aber es muss Deine Entscheidung sein. Mir ist klar, dass Du nie wirklich beschlossen hast, mich wiederzufinden; es war ein Zufall, der Dich nach Rocherster geführt hat. Deshalb will ich Dir eine Chance geben, auszusteigen oder Deine Meinung zu ändern. Du sagst, du liebst mich immer noch, aber Dir muss klar sein, dass es diesmal anders sein wird. Ich bin nicht mehr das Mädchen, in das Du Dich verliebt hast, und ich frage mich, ob Dir das bewusst ist und ob Du damit leben kannst. Als Jugendliche dachte ich immer, dass Du mich vor allem deshalb liebtest, weil ich zerbrechlich war und Du mich beschützten konntest. Als Erwachsene bin ich viel stärker geworden. Ich bin kein Mädchen mehr, und mir ist wichtig, dass Du das anerkennst; dass du Dir sicher bist, mich als die zu lieben, die ich bin.

Ich denke, wir brauchen etwas Zeit getrennt voneinander. Obwohl ich ganz sicher weiß, dass ich meine Zukunft mit Dir verbringen will, brauche ich ein wenig Zeit allein, damit ich alles, was passiert ist, in meinem Kopf aussortieren kann. Ich weiß nicht, wann ich bereit sein werde, Dich wiederzusehen, aber ich werde kommen und Dich finden, wenn ich soweit bin, das verspreche ich dir. Mir ist bewusst, dass ich Dich warten lasse, aber ich will nicht Hals über Kopf in unsere Beziehung zurückstürzen und sie dadurch zerstören. Dazu bist Du mir zu wichtig. Ich hoffe, Dir geht es genauso.

Denn die Sache ist die, Edward, ich liebe Dich wirklich. Das habe ich schon immer. Ich bin Worten wie „für immer" gegenüber misstrauischer, als ich es als Jugendliche war, aber ich weiß, dass ich nie jemand anderen wollen werde als Dich.

Ich hoffe, dieser Brief hilft Dir, zu verstehen, wie ich mich fühle. Ich hoffe, Du liebst mich immer noch, wenn du ihn gelesen hast. Mir ist klar, dass die Dinge von nun an nicht unbedingt einfach sein werden. Ich will, dass wir zusammenarbeiten, um alles wiederzuerlangen, was wir verloren haben, aber ich weiß, dass es Monate oder sogar Jahre dauern kann, bis wir uns wieder vollkommen wohl miteinander fühlen können. Ich weiß nicht, wo wir anfangen sollen, und ich habe keine Ahnung, wie es ausgehen wird. Ich bin nicht bereit, die Ewigkeit zu umarmen, aber genauso wenig bin ich bereit, uns vollkommen aufzugeben, Edward. Noch lange nicht.

Ich werde es Dich wissen lassen, wenn ich wieder in Rochester bin. Bis dahin, such bitte nicht nach mir.

In Liebe,

Bella


As you wander through this troubled world
In search of all things beautiful
You can close your eyes when you're miles away
And hear my voice like a serenade

How long do you want to be loved
Is forever enough, is forever enough
How long do you want to be loved
Is forever enough
Cause I'm never, never giving you up

(Lullaby von Dixie Chicks)


Dankeschön an Knuut, herz-aus-eis, Anja, Selina, Krissy, meine 2 Gäste und BT [Jep, das gehört so. So konnte Bella ihre Schuldgefühle von innen heraus betrachten.] für eure lieben Reviews;-) Und danke an euch ALLE, dass ihr so viel Geduld mit mir lahmen Ente hattet und trotzdem immer wieder vorbeigeschaut habt… *zerknirscht guck*

Wie hat euch dieses Chappi hier gefallen?

Nur noch ein Kapitel plus Epilog… so bald wie möglich, versprochen!

Bis bald! ҉