A/N: Ich weiß, ich weiß... Es tut mir leid;( Ist ein Monat zwischen Büchern und Prüfungen eine Entschuldigung? Ich hoffe ihr seid alle noch da und dass euch dieses Kapitel ein wenig für die lange Wartezeit entschädigt. Da jetzt Semesterferien sind (ich bin offiziell seit gestern wieder unter den Lebenden;) hoffe ich zumindest den Rosings Bogen in den nächsten zwei Monaten zu ende zu bringen ( ca. 5 kapitel).
Zwei andere Sachen: 1. Änderung des Ratings ab diesem Kapitel (nicht wegen aktuellem Inhalt, sondern eher aufgrund der Richtung die diese Geschichte schlagen wird)
2. Für all die, die verzweifeln, dass ich aufgegeben haben könnte: Ich habe einen Blog;) Oder besser: diese Story hat einen Tumblr-Blog;) Ihr findet ihn unter: theo-la-dora "punkt" tumblr "punkt" com (einfach die punkte durch punkte ersetzen;) Er nennt sich "A Journal about Bones" und enthält Fotos, sketche, musik etc. zu einzelnen kapiteln. Ich bin dabei ihn auf den aktuellen Stand zu bringen (momentan kapitel 3), sodass er, wenn er "up to date" ist ein viel größeres Sammelsurium an Ideen, Gedankenfetzen, Dialogideen und Bildern enthält und ihr sehen könnt, dass ich, selbst wenn ich nicht zum schreiben komme, mich doch ständig mit dieser geschichte beschäftige;)Außerdem könnt ihr mir dort fragen stellen;)
Okay, dann zum Kapitel;)
Disclaimer: Not mine.
Soundtrack:
Gleaming Auction - Snow Patrol
Somewhere A Clock is Ticking - Snow Patrol
This Losing - The Airborne Toxic Event
The Winning Side - The Airborne Toxic Event
Kapitel 19: Glühbirnen
„Und die haben wirklich keine Ahnung wo Craig stecken könnte?", wiederholte Lizzie Bennet zum vielleicht dreißigsten Mal an diesem Morgen, während sie sich an den Menschen auf der Rolltreppe vorbei in Richtung Luft und Licht und dem Verkehrschaos um die U-Bahn Station Victoria drängte.
„Nein", sie hörte Anne's Seufzen durch den Lautsprecher ihres Telefons und der Griff um den Henkel ihres Rucksacks verstärkte sich noch, während sie links und rechts Tut-mir-leid's und Entschuldigung's wie Süßigkeiten um sich herum warf. „Wie gesagt, er ist wie vom Erdboden verschluckt."
„Aber wie kann das sein?", fragte Lizzie mit einem Stirnrunzeln, als die Rolltreppe ihr Ziel erreichte und ihr die kalte Februarluft ins Gesicht schlug. „Die Vorlesungszeit hat vor vier Wochen schon wieder begonnen. Er muss sich doch irgendwie abgemeldet haben, um nicht durchzufallen, oder?"
Anne seufzte leise und Lizzie kannte das Geräusch gut genug, um wie angewurzelt inmitten der Zeitungsverkäufer stehen zu bleiben, die ihre große Chance gekommen sahen und sie nun mit Angeboten umzingelten.
Lizzie ignorierte sie. „Anne?", fragte sie, ihre Stimme angespannt. „Anne, was ist los?"
Wieder das Seufzen. „Sie waren sich nicht sicher", sagte sie schließlich. „Lizzie, die Sache ist -"
„Anne", sagte Lizzie drohend und machte sich wieder auf den Weg durch das Gedränge der Leute. „Was ist los?"
„Lizzie, sie waren sich nicht sicher, ob Craig überhaupt noch für das Semester eingeschrieben ist", erklärte Anne ernst. „Ganz zu schweigen von der Frage, ob er überhaupt noch immatrikuliert ist."
„Die denken er hat abgebrochen?", rief Lizzie aus und der Schock war deutlich in ihrer Stimme zu hören.
„Ein paar", erklärte Anne leise, die spürte, dass Lizzie kurz davor war die Fassung zu verlieren. „Einer seiner Freunde sagte, dass er am Anfang wohl noch regelmäßig zu den Seminaren gekommen sei, aber er hat anscheinend überhaupt keine Arbeit geleistet und als der Dozent ihn nach seinen Fortschritten fragte, hat er wohl seinen Laptop aus dem Fenster geschmissen und ist abgehauen."
Lizzie schnaubte. „Und den Scheiß glaubst du? Du weißt doch genauso gut wie ich, wie sehr Craig an diesen kleinen Spielereien hängt. Sie aus dem Fenster zu werfen fällt für ihn doch unter Mord." Sie lachte, doch es klang angestrengt und Anne fiel nicht ein.
„Lizzie, du hast die Schachteln gesehen", warf sie leise ein. „Das waren nicht bloß ein paar Pillen, die er von den Rotjacken hat -"
„Anne, du weißt nicht -", begann Lizzie und drängte sich unwirsch an den Leuten vorbei, die die Gehwege bevölkerten. Es roch nach Kaffee und warmen Brötchen und ihr Magen knurrte.
„Oxycodon, Lizzie. Ein stark wirkendes, halb-synthetisches Opioid mit extrem hohem Sucht- und Missbrauchspotential, das stark euphorisierend wirkt und -"
„Hast du Wikipedia inhaliert?", fragte Lizzie, doch der Scherz war nur halb ernst gemeint und tat wenig um ihre eigene Nervosität zu übertünchen.
„Nein, Lizzie, ich versuche dich nur an das zu erinnern, was sie dir in deinem Medizinstudium beigebracht haben, bevor du anfängst dir eine riesige Mauer im Kopf zu bauen, die dir erzählt, dass es doch völlig unmöglich ist, dass Craig ein Problem haben könnte. Ich kenne dich, Lizzie."
„Anne..." Sie seufzte, aber es war schon immer schwer gewesen Anne anzulügen, wenn sie einen so direkt darauf ansprach.
„Hydrocodon", erwiderte Anne, ihre Stimme hart. „Unter dem Markennamen Vicodin vertrieben zur Linderung von Schmerzen besitzt es ein hohes Missbrauchspotential aufgrund seiner euphorisierenden Wirkung. Lizzie! Du weißt das!"
„Ja", wisperte sie. „Shit, ja!" Sie stampfte mit dem Fuß auf, biss sich auf die Lippe. „Natürlich weiß ich das. Shit. Shit. Shit!"
„Die waren in den Aspirinschachteln", sagte Anne leise. „Die du im Spülkasten versteckt hast. Lizzie, du hast die Tabletten gesehen."
„Ich hab sie gesehen", wisperte Lizzie, deren Kopf anfing sich zu drehen und sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie sein ganzes Apartment durchsucht hatten, um einen Hinweis, etwas, irgendetwas zu finden und wie sie dann mit zitternden Fingern die tropfnasse Tüte aus dem Spülkasten gezogen hatte, nur um dann zu entdecken, dass die Tabletten in den Schachteln gar keine Aspirin waren.
„Was machen wir jetzt?", zwang Lizzie sich zu fragen und die unwillkommenen Emotionen herunterzuschlucken. Sie brauchte einen klaren Kopf. Jetzt mehr denn je.
„Wir weiten die Suche auf Krankenhäuser aus", erklärte Anne, bei der jetzt der simple Pragmatismus überwog. „Mus ist schon dabei herumzutelefonieren. Die Ferrars und Dashwoods sind einverstanden ihn anstelle der Polizei anzurufen, sollte jemand mit Craig's Beschreibung bei ihnen in der Notaufnahme auftauchen, also haben wir damit schon mal einen Teil Nordirlands abgedeckt."
„Was ist mit der Telefonlawine?", fragte Lizzie, nun wieder dabei im Eiltempo den Gehweg entlang zu hasten. Es war Januar und die Luft war klirrend kalt. Sie sah ihren Atem in Wolken vor ihrem Gesicht aufsteigen.
„Funktioniert, hat aber noch keine Ergebnisse gebracht. Gleiches gilt für die Facebook-Aufrufe. Gott, ich hätte nie gedacht, dass ich mal freiwillig diese Website besuchen würde!"
„Es geschehen noch Zeichen und Wunder", murmelte Lizzie und Anne gluckste leicht.
„Hast du noch mal mit seiner Familie geredet?"
„Ja", schnaubte Lizzie humorlos. „Und die sagen, dass sie keine Ahnung haben, wo er steckt. Das war bevor einer seiner Brüder sich den Hörer geschnappt habt, um mir zu sagen, dass echte Männer sich für ihre Taten nicht bei Frauen zu verantworten haben." Sie rollte ihre Augen. „Ich hab ihn dann zum dritten Mal in zwei Tagen ein chauvinistisches Arschloch genannt und aufgelegt."
„Was für ein Salat", seufzte Anne. „Ich wünschte es gäbe wenigstens ein Dressing dazu."
Lizzie lachte, ein wenig bitter, während sie den Eingang zum Gelände um Rosings Hospital passierte. „Das würde definitiv besser schmecken", meinte sie und lief den sorgfältig gepflasterten Weg hoch zum dem Krankenhaus, das von außen mehr an einen Palast erinnert als an ein zweckmäßiges Gebäude.
„Und du erinnerst dich wirklich nicht an irgendetwas, das er vielleicht gesagt haben könnte?", fragte Anne zum hundertsten Mal und Lizzie versuchte nicht die Augen zu rollen.
„Nein", sagte sie betont ruhig. „Ich weiß nur, dass er ein wenig seltsam drauf war, aber ehrlich, Annie, ich war nicht gerade... klar im Kopf."
„Du warst bekifft", sagte das Bernsteinmädchen trocken.
„Ich wollte „emotional verwirrt" sagen", gab Lizzie zurück, während ihr der Wind scharf ins Gesicht blies.
„Wenigstens siehst du diesen Part ein", erwiderte Anne und seufzte. „Es wäre nur hilfreich zu wissen, ob er das Ganze geplant hat, oder ob es eine kurzfristige Entscheidung war."
„Oder eben überhaupt keine Entscheidung", murmelte Lizzie ein wenig düster. „Diese Familie jagt mir immer noch einen Schauer den Rücken runter. Die Mutter meinte nämlich allen Ernstes, sie wolle für ihn beten. Beten! Und nicht auf diese liebevolle Oma-Art, Nein, sie sagte es wie eine Drohung, Anne. Sie hat praktisch damit gedroht für ihn zu beten."
„Das fände ich aber auch sehr angsteinflößend", meinte Anne. „Ich wundere mich nur, warum er in diesem Jahr überhaupt nach Hause gefahren ist über Weihnachten. Die letzten Jahre hat er doch entweder mit uns verbracht oder sein eigenes Ding gedreht."
„Sein Vater hat ihm ein Ultimatum gestellt", sagte Lizzie bitter. „Entweder er käme über die Feiertage nach Hause, oder sie würden ihm jegliche finanzielle Unterstützung streichen."
„Das ist absolut...", Anne rang um Worte.
„Beschissen?", vollendete Lizzie den Satz für sie. „Ganz meine Meinung, Liebling." Sie schüttelte den Kopf, bevor sie, wie vom Blitz getroffen innehielt. „Er hat mir den Mantel geschenkt", wisperte sie.
„Wie bitte?" Anne klang besorgt.
„Er hat mir seinen Mantel geschenkt", wiederholte Lizzie tonlos. „Er sagte, er wäre gut zum verstecken und dass er ihn nicht mehr bräuchte. Dass er nutzlos für ihn wäre."
„Shit", entfuhr es Anne und es war so absolut untypisch für das Bernsteinmädchen zu fluchen, dass Lizzie beinahe vor Schock in die Luft sprang. „Warum hast du mir das nicht eher gesagt, Lizzie? Oh, Fuck!"
„Anne?", fragte sie unsicher mit dem sinkenden Gefühl im Magen, dass etwas absolut nicht stimmte. „Meinst du, dass er -"
„Ich weiß es nicht", sagte Anne harsch und Lizzie's Magen fühlte sich an, als hätte er gerade einen Kopfsprung auf blanken Asphalt gemacht.
Sie hörte wie das Bernsteinmädchen nach Luft rang. „Nein", sagte sie dann und es klang als versuche sie vor allen Dingen sich selber davon zu überzeugen. „Nein, das kann nicht sein." Sie atmete wieder. Ein und Aus. „Lass uns darauf konzentrieren ihn zu finden, in Ordnung? Der Rest kommt danach."
„Und was wenn -"
„Lass uns nicht darüber nachdenken, okay? Wir finden ihn", verkündete Anne mit mehr Entschlossenheit in ihrer Stimme als sie wahrscheinlich empfand. „Und wenn wir selber nach Irland fahren und jeden verdammten Stein einzeln umdrehen."
„Okay", sagte Lizzie und versuchte ins Zwerchfell zu atmen, um nicht zu hyperventilieren. „Okay, wir schaffen das. Sind die Zwillinge immer noch mit der Online-Suche beschäftigt?"
„Ja, sie haben eine Art Lawine in Gang gesetzt. Etwas über Posts, die geteilt werden und die nach Möglichkeit so viele Leute in Irland erreichen sollen wie möglich." Sie seufzte. „Ich kenn mich mit dem Zeug nicht aus, aber sie versichern mir, dass es sehr effektiv sein soll."
„Das ist es", sagte Lizzie trocken und beschleunigte ihre Schritte als sie endlich den Eingang des Krankenhauses vor sich sah – aus der klirrenden Kälte zu kommen war eine mehr als willkommene Option.
„Und ich hab bei Jugendherbergen und Hostels in den größeren Städten rund um den Ort angerufen, wo seine Familie wohnt, aber bislang nichts."
„Hast du es bei Obdachlosenheimen probiert?", fragte Lizzie, ihre Stimme hart. „Wenn er... wenn diese Tabletten... Es könnte sein, dass er kein Geld mehr hat und -"
„Ich werd's probieren", versicherte Anne ihr und es fühlte sich an als würde es sie umbringen, dass Craig unter irgendeiner Brücke überhaupt eine Option war.
„Danke", wisperte Lizzie. „Es macht mich wahnsinnig, dass ich nicht mehr tun kann und dass ihr die ganze Arbeit -"
„Hey, du arbeitest verrückte Stunden in einem Krankenhaus, während die Zwillinge und ich nichts weiter zu tun haben."
„Du arbeitest an deinem Doktortitel, Anne. Oder zumindest solltest du das, aber stattdessen -" Anne ließ sie nicht ausreden.
„Ich bin für jede Sekunde dankbar, in der ich mich nicht mit Statistikprogrammen rumärgern muss, das weißt du doch, Süße. Außerdem ist Wentworth -"
„Sie ist was?"; fragte Lizzie. „Bitte sag mir nicht, dass sie -"
„Kaffee?", fragte eine Stimme und die plötzliche Unterbrechung riss sie so aus dem Konzept, dass sie für ein paar Sekunden nur auf die Hand starrte, die den Kaffeebecher hielt und weder sie noch die Stimme erkannte, bis ihre Augen nach oben wanderten und sie einen wilden Schopf dunkler Haare über warm leuchtenden, ebenso dunklen Augen anstatt der üblichen Mischung aus blonden Haaren und blauen Augen entdeckte.
Darcy.
„Ich ruf dich zurück", sagte sie knapp ins Telefon und unterbrach damit Anne's fahrige Halb-Entschuldigung aus unvollendet aneinander gehängten Satzphrasen, bevor sie auflegte.
Alles ohne die Augen abzuwenden.
„Wo ist Richard?", fragte Lizzie und starrte auf den Becher Kaffee, den er ihr entgegenhielt, als sei es der Apfel vom Baum der Versuchung, bevor ihre Augen wieder zu ihm flogen.
„In einer Konferenz", erwiderte Darcy und runzelte leicht die Stirn. Ihr war auf einmal schwindelig.
„Wie interessant", erwiderte sie und betrachtete erneut den Kaffeebecher als würde er sie gleich beißen. „Was ist das?"
„Kaffee", erwiderte Darcy und blickte von Lizzie zu dem Becher und wieder zurück. „Heißes Wasser vermischt mit dem Pulver gerösteter Kaffeebohnen, teilweise vermischt mit aufgeschäumter Milch... Eines der beliebtesten Getränke in der westlichen Welt." Er zuckte mit den Schultern und sie unterdrückte das Lächeln, das drohte sich bei der Geste auf ihren Lippen auszubreiten. „Kaffee eben."
„Deine Meinung oder der Wikipedia Artikel zu dem Thema?", fragte sie ihn trocken. „Bist du überhaupt schon alt genug, um das zu trinken?", setzte sie hinterher. „Wir wollen doch nicht, dass Tantchen sich einen Knoten in ihre Unterwäsche dreht, nicht wahr?"
Er seufzte und hielt ihr erneut den Kaffee unter die Nase, den sie immer noch taxierte wie einen schlafenden Drachen, der sie jeden Moment anspringen könnte.
„Du weißt schon, dass der nicht vergiftet ist, oder, Lizzie?", fragte er sie leicht amüsiert und sie sah ihn finster an, als könne sie nicht glauben, dass er es wagte sich über ihr Namensgebot hinwegzusetzen.
Er zog bloß eine Augenbraue hoch.
„Das sagen sie alle", knurrte Lizzie und nahm ihm den Becher ab. „Und dann wacht man am nächsten Morgen in einem Bett auf, das für alles, nur nicht zum schlafen geeignet ist, mit einem Pelztierchen auf der Zunge und ohne -" Sie biss sich noch rechtzeitig auf die Zunge bevor sie noch dieses letzte Detail ausspuckte, doch als sie aufsah, war seine hochgezogene Augenbraue, wenn möglich, noch höher gewandert.
„Personalausweis!", rief sie aus und riss eine Hand in die Luft als hätte sie gerade das New York Times Kreuzworträtsel gelöst.
„Personalausweis?", wiederholte Darcy mit einer Mischung aus Skepsis und Sarkasmus. „Passiert das häufiger?"
„Häufiger als man meinen sollte", erwiderte Lizzie. „Man hört doch, dass sie alle da hinterher sind."
„Hinter Personalausweisen?", fragte er trocken und sie wollte ihm gegen die Schulter boxen, doch Körperkontakt war etwas, das sie momentan in nüchternem Zustand eher vermied.
Es brachte zu viele Probleme mit sich.
„Natürlich", sagte sie ernsthaft, während sie sich beide auf den Weg durch die überdimensional großen Türen machten. „Noch nie etwas von Identitätsdiebstahl gehört?"
„Stehlen sie nicht dazu eher Kreditkarten?", fragte Darcy und hielt ihr die letzte Tür auf.
Lizzie funkelte ihn an. „Tja, zu dumm, dass ich keine davon besitze."
Sie hörte ihn leise glucksen und es irritierte sie. „Warum nur habe ich das seltsame Gefühl, dass sich diese Anschuldigung irgendwie auf mich bezieht?"
Lizzie schnaubte. „Typisch Narzisst. Wenn die Welt aufhört sich um euch zu drehen, kollabiert ihr doch alle."
„Und diese Idee erscheint plausibel, weil...?", fragte er und folgte ihr mit langen Schritten durch das Foyer, das aussah wie die Empfangshalle eines Fünf-Sterne-Hotels.
Sie drehte sich halb um und ließ ihren Blick von oben nach unten wandern. Darcy trug schon die typischen Krankenhauskittel, dunkelblau für Oberärzte, und darüber den obligatorischen weißen Arztkittel. Sie wandte den Blick von dem kleinen Streifen Haut ab, wo die Schlüsselbeine sich trafen und sie erinnerte sich an diese Stelle, die Art wie es ihn menschlich wirken ließ, nun da kein Hemdkragen oder Krawatte sie mehr versteckte.
Sie schluckte und ihr Blick fiel zu seinen Füßen.
Er trug Turnschuhe.
Lizzie schüttelte den Kopf, erinnerte sich daran, dass selbst wenn die Aliens situationsangemessen seine Persönlichkeit ausgetauscht hatten, ihn das noch längst nicht zum Menschen machte.
„Chirurg. Arzt. Mediziner. Psychopath", erklärte sie und drückte auf den Knopf, um den Aufzug herbeizurufen. Rosings war ein verdammtes Labyrinth und wie Richard ihr erklärt hatte, gab es in den Ecken dieses Kastens mehr als ein Skelett unglücklicher Seelen, die nicht mehr lebend herausgefunden hatten. „Such dir eins aus", sagte sie abwinkend. „Sie passen alle."
Er schnaubte. „Bist du nicht diejenige, die hier ein Praktikum absolviert?", fragte er und sie konnte die hochgezogene Augenbraue praktisch hören.
„Und er ist intelligent!", rief sie mit gespieltem Enthusiasmus aus und hielt den Kaffeebecher in die Luft und sie schwor, schwor sie sah ein Lächeln auf seinen Lippen. „Aber nein", sagte sie dann und ihr Gesicht fiel zurück in einen Ausdruck neutraler Gleichgültigkeit. „Ich hab meinen Kittel noch nicht angezogen", erklärte sie. „Meine Seele brennt noch nicht im Höllenfeuer."
Darcy runzelte die Stirn gerade als die Türen zum Aufzug mit einem leisen „Ping" aufsprangen und eine kleine Traube von Menschen entluden.
„Also besteht der Unterschied in der Art unserer Kleidung?", fragte er spöttisch. „Bravo, Elizabeth, du hast die Lösung für alle Persönlichkeitsstörungen gefunden! Vergessen wir doch einfach Psychopharmaka, Psychotherapie und all das und konzentrieren uns auf unsere Kleidungsstile."
Lizzie schnaubte und lehnte sich mit dem Kaffeebecher gegen die verspiegelte Wand des Fahrstuhls. „Ich wette man könnte Leute so dazu überreden Fair-Trade Produkte zu kaufen."
Darcy sah sie skeptisch an und sie spürte wie ihre Mundwinkel in Amüsement zuckten. Aber nein, sie zwang sich zur Kontrolle, zu lachen würde bedeuten dem Teufel nachzugeben, der Versuchung.
„Elizabeth..."
„Hab ich dir schon gesagt, dass ich deine Art der Anrede wirklich nicht mag?", fragte sie ihn mit schräg gelegtem Kopf und einem Anheben ihres Kinns.
„Hab ich dir schon gesagt, dass mich das wirklich nicht interessiert?", gab er zurück, die Arme vor der Brust verschränkt. Er lehnte auf die gleiche, gewollt lockere, mir-doch-egal Art und Weise wie Lizzie gegen die gegenüberliegende Wand und sie kniff ihre Augen zusammen und funkelte ihn an.
Er lachte.
„Also, warum bin ich ein Narzisst als Mediziner und du nicht? Denn in circa zwanzig Minuten trägst du die gleichen Sachen, wenn du nicht möchtest, dass Lady Catherine dich so sieht."
„Ach pssht", machte Lizzie und winkte ab. „Ich könnte hier in einem von Richard's kleinen Outfits auftauchen und DeBourgh würde mir immer noch die Füße küssen in der Hoffnung, dass ich ihr meine Seele verkaufe."
„Die Teufel-Metapher hat es dir wirklich angetan, nicht wahr?", fragte Darcy und der Ausdruck in seinen Augen war beinahe spielerisch.
„Warum ein Pferd wechseln, das gewinnt?", fragte Lizzie lässig. „Erzähl mir nicht, der Vergleich sei dir noch nie in den Sinn gekommen."
„Kannst du jetzt auch Gedanken lesen?"
„Wusstest du das nicht?" Sie starrten sich an, bis Darcy's Lächeln die Spannung brach und Lizzie den Blick abwandte.
„Du hast immer noch nicht meine Frage beantwortet", beharrte er und sie spürte die Irritation in sich aufwallen, spürte wie die Wellen an ihr leckten.
„Was sollen die zwanzig Fragen?", erwiderte sie. „Bist du drei oder dreißig, Darcy?"
„Zweiunddreißig", erwiderte er mit einem feinen Lächeln.
„Die zwei Jahre machen wirklich einen Unterschied", kommentierte sie, die Augen auf die Leuchtanzeige des Aufzugs gerichtet, während Zahl um Zahl aufleuchtete und verschwand und sie auf ihr Stockwerk wartete.
„Elizabeth...", warnte er und sie grinste leicht, das Gesicht von ihm abgewandt.
„Du weißt schon, dass ich auf den Namen nicht antworte, oder?"
„Ist das chronisch oder nur auf mich bezogen?", entgegnete er.
„Hey, Narzissmus, wie schön dich wieder zu sehen!", rief sie aus und rollte ihre Augen in gespielter Langeweile. „Warum denkst du, dass es immer um dich geht?"
„Weil du immer nur bei mir die Ausnahmen machst."
„Und Guten Tag, Egoismus", sagte sie mit einem Seufzen. „Du hast sie heute auch alle versammelt, oder?"
„Ich glaube, dein Lieblingswort ist hier angebracht", erwiderte er und das feine Lachen in seiner Stimme bescherte ihr eine Gänsehaut.
„Wer ist denn jetzt der Gedankenleser, Darcy?" Sie ließ ihre Wand los und machte eine Schritt auf ihn zu. Es fühlte sich an als würde man einen Magnet an Metall halten.
Und erwarten, dass sie nicht kollidierten.
Er sah auf sie herab, auf den wilden Schopf kaum gekämmter dunkelbrauner Haare, die von der Kälte geröteten Wangen und die vom Schlaf noch verklebten grünen Augen.
„Sag du es mir", sagte er mit einem Lächeln und einem Funkeln in den Augen und sie schluckte, atmete, zitterte leicht.
„Ist wie ein Dejà-Vu, nicht wahr?", wisperte sie in die Spannung hinein, die sich wie ein elektrisch geladenes Band um sie wand. „Eine verdammte Schallplatte."
„Manche würden es eine zweite Chance nennen", erwiderte er leise und mit einem Ausdruck in den Augen, den Lizzie nicht ganz verstand.
Sie schüttelte den Kopf. „Zweite Chance impliziert, dass es eine erste gab." Sie trat einen Schritt zurück. „Und einen Grund, warum es nicht funktioniert hat."
Lizzie wusste, dass er sie ansah, wusste, dass er auf irgendetwas hinauswollte, wusste nicht ob sie lachen oder wie hysterisch weinen sollte.
Es war zu spät. Er war zu spät.
Ihre Atmung ging schneller, die Elektronen, Protonen um sie herum, die Neuronen in ihrem Hirn rasten, sirrten, schütteten komische Transmittermischungen in den falschen Hirnarealen aus und sie war mehr als erleichtert als mit einem leisen „Ping" die Aufzugtüren aufsprangen.
Lizzie atmete auf, als die Spannung brach und marschierte an Darcy vorbei in den Flur, doch bevor sie den Aufzug verließ, drehte sie sich um und hielt mit einem Fuß die Aufzugtüren in Schach.
„Der Unterschied, Darcy", sie hob ihr Kinn an und die Ringe unter ihren Augen schienen sich in dem scharfen Neonlicht noch tiefer in ihre Haut zu graben, „besteht darin, dass sobald ich meine Ausbildung beendet habe, ich schneller aus diesem Höllenloch raus bin als du blinzeln kannst."
Er sah sie mit gerunzelter Stirn an und doch hatte sie irgendwie den Eindruck, dass sein Fokus weniger auf ihren Worten als auf ihrem Aussehen lag. Seine Augen flackerten über ihr Gesicht und dann weiter nach unten und sie konnte gerade noch seiner Hand ausweichen, als er sie ausstreckte und ihr Gesicht nur um ein paar Zentimeter verfehlte.
„Du bist dünn geworden", sagte er leise und nur sein hastig vorgeschobener Fuß hinderte die Türen daran zu schließen, als sie abrupt zurückwich.
„Erzähl das meiner Mutter", schnaubte sie und biss sich gleich wieder auf die Zunge, als hätte sie ihm zu viel verraten.
„Elizabeth..."
Sie schüttelte den Kopf und drehte sich um. „Wie auch immer, Darcy. Danke für den Kaffee!", rief sie und marschierte den Flur hinunter, den Becher in stillem Gruß in die Luft gehoben.
„Wo willst du hin?", rief er ihr hinterher und sie musste sich nicht umdrehen, oder nachfragen, um zu verstehen, was er meinte.
„Afrika", rief sie, nahm einen Schluck von dem Kaffee in ihrer Hand und riss in Erstaunen die Augen auf, als der Geschmack sich auf ihrer Zunge ausbreitete.
Haselnuss.
Craig war seit über vier Wochen verschwunden.
Als Lizzie nach Neujahr zusammen mit Anne und den Grovelands zurück aus Lyme gekommen war, hatten sie London als ein Schlachtfeld vorgefunden, beherrscht von einer völlig aufgelösten, nahezu hysterischen Charlotte, um die ihr hilfloser Verlobter herumtanzte wie aufgescheuchtes Federvieh, dem bombenartigen Einschlag von Lydia Bennet in ihrer Wohnung, die diese zu ihrem neuen Zuhause erklärte und der klaffenden Leere, die Craig's Abwesenheit hinterließ.
Es war wie ein außer Kontrolle geratenes Feuerwerk gewesen und während Anne noch mit offenem Mund dastand, Charlottes Weinen und Lydias Monolog in den Ohren, hatte Lizzie, ihr Kopf sirrend mit Emotionen und Eindrücken, Charlotte die Beruhigungspillen zwischen die Zähne geschoben und sie zum Schlucken gezwungen, bevor sie ohne ein Wort zu sagen die Sachen aus ihrem Zimmer in den alten Koffer von vor fünf Jahren gepackt und sich an ihrer Schwester vorbei geschoben hatte.
Sie war bei Anne eingezogen für die wenigen Tage bis sie in eines der Zimmer ziehen konnte, die Rosings Hospital für seine Mitarbeiter zur Verfügung stellte und sie kehrte dorthin für die meisten Wochenenden zurück.
Lizzie hasste ihre Schwester nicht. Sie konnte nur einfach nicht mit ihr umgehen. Da waren zu viele Erinnerungen, zu viel Zeit vergangen und die Tatsache, dass Lydia nun hier in London war, setzte ihre Weltsicht wie ein Karussell in Drehungen.
Das stockende einsilbige Gespräch, das sie nach ihrem stillschweigenden Auszug mit Jane hatte führen müssen, hatte nicht wirklich geholfen, denn anscheinend hatte sich Lydia von ihrem Umzug nach London mehr erhofft als eine stillschweigende Schwester, die sie kaum ansah. Doch Lizzie hatte Jane's Vorwürfe beinahe stoisch entgegen genommen, hatte zu ihrem Entschluss in Meryton zu bleiben und nicht nach London zurückzukehren nichts gesagt und ihr schließlich knurrend versprochen nach ihrer Wohnung zu sehen bis Charlie sie im Juni wieder zurücknehmen würde.
Craig's Abwesenheit jedoch war etwas, das man weder mit Schweigen noch mit Pillen beikommen konnte und es hatte eine ganze Weile gedauert, bis Charlotte sich soweit beruhigt hatte, dass sie in der Lage war die Ereignisse zu rekonstruieren, oder eher gesagt, das zusammen zu fügen, was eben nicht passiert war, denn ganz egal wie sie es auch drehten und wendeten, das Ergebnis war immer dasselbe.
Craig war nicht wieder gekommen. Und niemand hatte eine Ahnung wo er war.
Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken.
„Wie viele schwule Männer braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln?", meldete sich Richard Fitzwilliam's Stimme vom Eingang des Umkleideraums, wo Lizzie sich gerade das Oberteil ihres himmelblauen Kittels über den Kopf zog, und klopfte im Takt dazu mit einem Krankenblatt gegen den Türrahmen.
„Ist das ne rhetorische Frage?", fragte Lizzie, ihre Stimme leicht gedämpft durch das Material. Richard's plötzliches Auftauchen überraschte sie nicht wirklich – er hatte die Angewohnheit sich selbst an den ungewöhnlichsten Orten aus dünner Luft hervorzuzaubern und mittlerweile war nur noch die Damentoilette der einzige Ort, wo man sicher vor ihm sein konnte – für eine ungewisse Dauer.
„Fünf", sagte Richard mit einem melancholischen Seufzer und ließ sich auf der Bank neben ihr nieder. „Einer schraubt die Birne rein, einer hält die Leiter, zwei machen den Sekt auf und der Fünfte ruft den Notarzt", zählte er gelangweilt an den Fingern ab.
„Wie uninspiriert", kommentierte Lizzie, nachdem sie endlich ihren Kopf durch den engen Kragen gezwängt hatte und in das blasse Morgenlicht blinzelte, das durch das Fenster einfiel und das blonde Chaos auf Richards Kopf wie einen Heiligenschein erleuchtete.
„Das habe ich auch gesagt!", rief der auch prompt aus, einen Ausdruck akuter Entrüstung auf dem Gesicht, bevor er erneut seufzte. „Und er war so ein hübscher Junge... Mann... was auch immer."
Lizzie schmunzelte. „Versuchst du dich zu rechtfertigen?", fragte sie, während sie versuchte ihr Haar in einen Knoten zu winden.
„Liebling, du weißt, dass ich das schon lange aufgegeben habe", sagte er seufzend, aber mit einem Lächeln.
„Was war er denn dann nun?", fragte sie. „Dein Bettgenosse, nehme ich an? Junge oder Mann?"
„Ein Engel", seufzte Richard. „So ein hübsches Gesicht und ein Körper wie ein Adonis... hmm", er leckte sich die Lippen, „... und so ein hohles Köpfchen." Er schüttelte den Kopf in Enttäuschung.
„Jetzt sag mir aber nicht, du hast ihn aus deinem Bett geworfen", schalt Lizzie, die Hände in die Hüften gestemmt.
Richard grinste hinterlistig. „So wie du Darcy?", erwiderte er, woraufhin Lizzie ihm den Todesblick zuwarf.
Er schien ihn nicht besonders beeindruckend zu finden, denn er lachte laut auf und tätschelte ihren Arm. „Engelgesicht hat es dann noch schlimmer gemacht", fuhr er fort. „Denn als ich beim ersten Witz keine Miene verzog und er sich anscheinend für einen Komiker hält, fragte er mich doch tatsächlich wie viele Ärzte man den bräuchte um eine kaputte Glühbirne auszuwechseln."
Richard schmollte als Lizzie laut auflachte. „Den kannte ich schon", kicherte sie.
„Ich auch", sagte der ehemals glitzernde Mann, den sie in seinem Alltagsoutfit aus Krankenhauskitteln, Turnschuhen und strubbeligen, Glitzer-Gel freien Haaren am Morgen nach der Willkommensfeier beinahe nicht wiedererkannt hätte, bevor er delikat die Beine übereinander schlug und seine Fingernägel inspizierte. „Ich hab dann nur stillschweigend auf die Tür gezeigt. Er hat den Wink verstanden."
„Wenigstens etwas, das er verstanden hat", gluckste Lizzie und schnürte ihre Turnschuhe zu.
Richard nickte, die Lippen gespitzt in einer etwas missglückten Imitation von Queen Elizabeth. „Es wird übrigens bloß einer benötigt", informierte er sie.
„Ich weiß."
„Aber er braucht eine Krankenschwester, die ihm sagt, welches Ende er reinschrauben soll", erklärte Richard mit erhobenem Zeigefinger und sie meinte einen Schimmer pinken Nagellackes zu entdecken. Grundsätzlich benahm der glitzernde Mann sich im Krankenhaus was seine Klamotten betraf – er nannte es ein notwendiges Zugeständnis an seinen Beruf und seine Tante – doch manchmal war sie sich fast sicher einen Hauch von Spitze unter seinem Kittel aufblitzen, einen Ohrring oder interessante Schattierungen von Nagellack zu entdecken und sie lächelte dann und schüttelte den Kopf, stupste ihn an als wäre es ihr eigenes, kleines Geheimnis.
„Ich we-ei-eiß!", sang Lizzie und rollte die Augen.
„Und ich weiß welche Farbe deine Unterwäsche hat, Papillon", neckte Richard und stand auf mit einem Klatschen seiner Hände.
Lizzie stöhnte. „Oh, bitte nein."
„Oh doch, mein kleiner Schmetterling." Er zupfte an dem chaotischen Haarknoten auf ihrem Kopf. „Zitronengelb mit Punkten?" Er grinste. „Niedlich."
„Richard!"
„Aber nicht so gut wie die knallrote Variante mit dem schwarzen Spitzenbesatz von vorgestern", sang Richard und tänzelte zur Tür mit Lizzie auf den Fersen. „Ich dachte, Darcy kriegt 'nen Herzinfarkt als er das gesehen hat."
„Wann hat er das bitte gesehen?!", rief Lizzie entsetzt aus und versuchte hastig den vergangenen Montag zu rekapitulieren, während sie den Flur hinunter zu Pädiatrie liefen. „Ich erinnere mich nämlich nicht daran einen Striptease aufgeführt zu haben."
„Selektives Gedächtnis, meine Liebe!", neckte Richard sie und kniff ihr in die Wange. „Und er hat nur ein Foto gesehen."
„Er hat was bitte?!", rief Lizzie aus und schreckte damit eine der hastig vorbei eilenden Krankenschwestern auf. Richard, der nun um sein Leben zu fürchten hatte, begab sich schnell aus ihrer Reichweite. „Richard!"
„Verzieh nicht so das Gesicht, Miss Hello-Kitty-Unterwäsche. Das gibt Falten!"
„Richard!" Sie stoß ihm ihren Ellbogen in die Seite. „Wie versucht eine Blondine eine Glühbirne einzuschrauben?"
Er stöhnte. „Versuchst du etwa eine Revolution zu starten, Papillon?"
Lizzie grinste breit. „Sie hält die Birne in die Fassung und wartet darauf, dass sich die ganze Welt um sie dreht."
Richard knurrte. „Großes Blutbild und CT, Papillon." Er knalle ihr das Krankenblatt in die Hand. „Und untersteh dich mich an diesen Vorfall zu erinnern", erklärte er indigniert und marschierte, mit einer Hand seine Nasenwurzel reibend, in die andere Richtung davon. „Ich hab immer noch sein Gesicht vor Augen", murmelte er vor sich hin. „Was für ein dummer, dummer Engel."
Lizzie lachte. „Die werden selten für ihre Intelligenz bezahlt, Richard!", rief sie ihm hinterher, was er mit einem vernichtenden Blick quittierte und sie hörte wie er etwas über rote Unterwäsche mit Punkten murmelte, bevor er um die Ecke bog und aus ihrem Sichtfeld verschwand.
Sie währenddessen hüpfte fröhlich pfeifend durch die Gänge, sammelte die Laborberichte ein und brachte Patienten hinunter zur Radiologie und wieder zurück in ihre Zimmer und schaffte es dabei weder Darcy, noch dem Teufel von einer englischen Adligen zu begegnen, die durch diese Flure rauschte wie ein freigelassener Höllenhund auf der Suche nach einem Knochen.
Oder mit anderen Worten: Lizzie.
Doch Lizzie, die mittlerweile eine perverse Art von Vergnügen an dieser Art von Katz-und-Maus-Spiel entwickelt hatte, hatte nicht vor die Bulldogge gewinnen zu lassen und mittlerweile war es mehr eine Art Running-Gag zwischen ihr und dem von De Bourgh als Boten missbrauchten Collins geworden, wobei er ihr jeden Mittag die Papiere reichte und sie eine große Show daraus machte sie zu inspizieren und dann schlussendlich in etwas nützliches zu verarbeiten.
Es war Richard's Highlight des Tages.
„Wie viele Ärzte braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?", wiederholte Lizzie Richard's Gruß vom selben Morgen als sie ihn wenig später an einem der Schalter auf der pädiatrischen Station abfing und ihm die Laborbefunde samt Krankenakte vor die Nase hielt.
Er rümpfte die Nase. „Der Witz wird ebenso wenig lustiger, wie die Anzahl der Ärzte sich vermehrt", erklärte er indigniert und strich sich die wirren Haarsträhnen aus seinem Gesicht.
Lizzie grinste bloß und pikste ihm in Seite. „Du irrst dich", erwiderte sie mit einem strahlenden Lächeln.
Er sah auf. „Darf ich an das Ensemble mit den kleinen Kirschen erinnern?", fragte er hochmütig. „Oder die Spongebob-Schwammkopf Höschen mit dem Seestern auf der Hüfte?" Er zog eine Augenbraue hoch. „Die stehen auf der Liste von Dingen, die ich bereit bin gegen entsprechendes Entgelt zu verkaufen."
Ihr Blick verfinsterte sich und sie knallte ihm das Brett vor den Kopf, bevor sich ein süffisantes Lächeln auf ihren Lippen ausbreitete. „Drei", erklärte sie ihm dann.
Er stöhnte. „Lila Spitze? Schwarze Baumwolle? Die Dinosaurier-Unterwäsche?", rief er beinahe verzweifelt aus und machte sich auf den Weg den Flur hinunter, Lizzie dicht auf den Fersen.
„Einen, um einen Birnen-Spezialisten zu finden. Einen, um einen Birnen-Wechsel-Spezialisten zu finden, und einen, um die komplette Rechnung an die Krankenkasse zu schicken", sang diese praktisch, während Richard sich die Ohren zuhielt.
„Rot-weiß gestreifter BH, neongrüne Spitze, blaue Boy-shorts", rezitierte der blonde Mann als wäre es eine Art Mantra und Lizzie, mit einem teuflischen Lächeln auf den Lippen, zog an seinen Armen, um seine Ohren zu befreien.
„Wie viele Ärzte braucht man um eine Glühbirne auszuwechseln, Richard?", wisperte sie mit einem Kichern.
Richard stöhnte. „Drei?", fragte er resigniert.
Lizzie schüttelte den Kopf. „Falsch", wisperte sie und ließ seinen Arm los. „Man braucht gar keinen!", rief sie, während sie den Flur hinunterhüpfte. „Die Glühbirne soll erst einmal zwei Aspirin nehmen und zur nächsten Untersuchung wiederkommen."
Sie hörte seinen Ausruf nach himmelblauer Baumwollunterwäsche und grinste.
Das Spiel zog sich über den ganzen Vormittag, während sie von Zimmer zu Zimmer liefen und Richard's kleinen Patienten einen Besuch abstatteten und waren bis zur Mittagszeit beim Buchstaben G angelangt (Wie viele Glühbirnen benötigt man, um eine kaputte Glühbirne auszuwechseln? Antwort: Zwei), aber im Vergleich zu Lizzie's erstem Arbeitstag, wo Richard zwischen Patienten all die Sexualpraktiken aufzählte, die er schon ausprobiert hatte und sie waren zur Mittagszeit noch nicht mal beim C angelangt, als Lizzie sich mit großen Augen und einem fast verstörten Gesichtsausdruck hinter einem verwirrt aussehenden Darcy versteckte und etwas von Bildern stammelte, die sie nicht wieder aus ihrem Kopf bekommen würde.
Im Vergleich dazu waren Richard's Auflistungen ihrer Unterwäsche beinahe harmlos.
„Weiße Baumwolle mit Blümchen, pinker BH mit Streifen", zählte er dann auf als sie in der Reihe zum Büffet standen und die griesgrämig blickende Dame mit dem Haarnetz, die hinter der Theke stand und alles überwachte, warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
Lizzie nickte bloß abwesend, während sie ihren Salat mit Joghurtdressing beträufelte. Sie hatte kurz zuvor noch kurz mit Anne gesprochen, die sie über die Entwicklungen im Falle Craigs auf dem Laufenden hielt, ihr aber nicht viel hoffnungsvolles hatte berichten können. Den Krankenhäusern in Irland lagen keine Berichte vor, die auf ihn passen könnten und die zahlreichen Facebook-Aufrufe hatten zwar ein paar Ergebnisse gebracht, aber die letzte Sichtung von ihm lag über zwei Wochen zurück.
Zwei Wochen. Der Gedanke stülpte ihren Magen um und sie fühlte die Schuld in ihren Gliedern, wie sie die Gelenke herabzog. Wie hatte sie bloß so egoistisch sein und ihn über das ganze Weihnachten-in-Meryton-Fiasko vergessen können? Sie hatten sich doch auch sonst immer gerettet... hatten es sich stillschweigend versprochen, den anderen nicht allein zu lassen.
„Roter Spitzen-BH!", rief Richard in diesem Moment aus als sei es die längst überfällige Schlussfolgerung einer langen, langen Liste und drehte eine Pirouette mit dem Tablett in der Hand.
Sein Spaghetti-Salat-Turm wackelte gefährlich.
„Will ich wissen, woher er das weiß?", meldete sich eine wohlbekannte Stimme und als sie von dem Soßenfiasko auf ihrem Teller aufblickte, sah sie Darcy der mit gerunzelter Stirn einem verzückt tanzenden Richard zusah, wie dieser die Unterwäsche-Kombinationen der letzten Woche in eine Art Disney-Ballade verwandelte.
Lizzie runzelte die Stirn, ein langsam pochender Schmerz arbeitete sich seinen Weg von einer Schläfe durch den Temporal- und Frontallappen zur anderen. „Nein, willst du nicht", knurrte sie und zog einen immer noch tanzenden Richard zum nächsten Büffettisch.
„Oh Papillon", sagte der tadelnd und spitzte missbilligend die Lippen. „Ob das wohl gesund ist?"
„Was?", fragte Lizzie verwirrt und blickte, in Gedanken immer noch bei Craig und den Aspirinschachteln, von dem Chaos auf ihrem Teller, zu dem nun auch noch Kartoffeln gekommen waren, auf. „Das ist Salat. Natürlich ist das gesund."
Richard schüttelte mit einer ungläubigen Miene den Kopf. „Ich meinte Darcy, Papillon."
Sie sah verwirrt zu ihrem ehemaligen Professor hinüber, der ein paar Tische weiter seinen Teller füllte. Er trug immer noch die Turnschuhe. „Der isst auch Salat", erklärte sie verwirrt mit einer abwesenden Handbewegung.
Richard's Mund klappte auf. „Der isst auch Salat?", wiederholte er. „Salat? Liebling, willst du ihn etwa umbringen?"
Sie sah auf ihren Teller. „Mit dem Salat?", fragte sie. „Soll ich ihn damit ersticken?"
„Ersticken?", wiederholte Richard und schüttelte erneut den Kopf, bevor sich ein Lächeln auf seinen Lippen breitmachte. „Ich weiß, womit du ihn ersticken kannst."
Er positionierte sie so, dass sie den Professor im Blick hatte und stahl dann einen Blick unter ihren Kittel. „Zitronengelb mit Punkten!", rief er dann wie schon am Morgen aus, zum allgemeinen Erstaunen des Rests der Belegschaft.
„War das jetzt wirklich notwendig?", grummelte Lizzie. „Du wusstest die Farbe ohne mich halb auszuziehen."
Richard grinste. „Ja, aber Darcy nicht, Papillon." Er nickte hinüber zu seinem Cousin, der sie mit versteinerter Miene beobachtete.
Lizzie runzelte die Stirn und rückte den Träger ihres BHs zurecht. „Vielleicht schmeckt ihm sein Salat nicht."
Richard fing an zu lachen und täschelte ihre Schulter. „Das wird es sein, Papillon."
Lizzie seufzte und sah sich um. „Ed und Maddie sind immer noch nicht hier?", fragte sie beiläufig, während sie sich auf den Weg zu Collins machten, der an einem der Tische in der Cafeteria saß und damit beschäftigt war möglichst zeitgleich sich sowohl Salatblätter in den Mund zu schieben, als auch einen Stapel Formulare durchzuarbeiten. Er scheiterte dabei kläglich.
„Nah", meinte Richard und zog den Stuhl für Lizzie heraus. „Ich glaube, ich hab sie im Vorratsraum im dritten Stock gesehen. Sehr laut und explizit dieser blauhaarige Schlumpf, das muss ich sagen."
Lizzie stöhnte und schüttelte den Kopf. „Die beiden werden nie kapieren was Sterilität und Hygiene in einem Krankenhaus bedeuten." Sie seufzte und wandte sich Collins zu. „Hast du Bastelmaterial für mich?", fragte sie plötzlich aufgeregt und das Rumpelstilzchen, mit beschlagener Brille, den Mund voll, lächelte, ließ seine Gabel fallen und griff hastig nach ein paar Blättern. „Hier", stammelte er, ein Salatblatt noch immer im Mund. „Sie macht sich große Hoffnungen."
„Danke!" Lizzie strahlte und griff nach dem Stapel wie ein aufgeregtes Kindergartenkind, was Richard erneut zum schmunzeln brachte.
„Was hat sie denn heute für dich, Papillon?", fragte der blonde Mann und begann sich Pommes in den Mund zu schieben. Lizzie drehte die Blätter in ihrer Hand.
„Zwei Jahre", sagte sie dann mit einem nonchalanten Gesichtsausdruck und zog beide Brauen hoch. „Und oh... Nett" Sie beäugte die fünfstellige Zahl, die als Monatsgehalt angegeben war. „Sie übertrifft sich mal wieder selber. Wenn ich es gut anstelle, kann ich damit meine geheime Drogensucht finanzieren."
„Drogen, Miss Bennet?", erklang wieder diese Stimme, die sie so gut kannte, doch anstatt aufzusehen, warf Lizzie Richard bloß einen Blick zu und blätterte ungerührt weiter. „Wir sollten ihm ein Glöckchen umhängen", überlegte sie laut und tippte ihren Zeigefinger gegen ihr Kinn. „Er verpasst den Leuten noch einen Herzinfarkt."
Richard kicherte, während Collins die Augen in Panik aufriss. „Ich...ich bin sicher dass Dr. Darcy das nicht beabsichtigt", stammelte er, während seine Augen panisch von Lizzie zu Darcy flitzten, der sich nun neben Richard niederließ. Lizzie warf ihm hinter der Blätterstapel einen Blick zu.
„Sar- Sarkasmus?", babbelte das Rumpelstilzchen und rückte seine Brille zurecht.
„Sarkasmus, Collins."
Lizzie legte die Blätter nieder und begann sie nacheinander in Schwäne zu verwandeln, wie sie es ungefähr jeden zweiten Tag mit DeBourgh's Arbeitsverträgen tat.
„Was ist der Kurs heute?", erkundigte sich Darcy und fand Lizzie's finsteren Blick über einem halbfertigen Schwan und seiner zerlegten Kartoffel. Er lächelte leicht und schüttelte bestimmt den Kopf.
„Ich bin kein Hund, Miss Bennet."
Sie schmollte. „Es würde wirklich so vieles einfacher machen", meinte sie. „Ein kleines, klitzekleines Glöckchen und ich wette die Herzinfarktrate in diesem Krankenhaus würde um die Hälfte sinken."
„Er würde wahrscheinlich auch niemanden mehr finden", blubberte es aus Collins heraus. „Lady Catherine selber hat dies einmal an mir ausprobiert. Collins, sagte sie, schleichen Sie sich nicht so an mich heran! Ich muss wissen wo Sie stecken! Dann hat sie mir die Glocke umgehangen und plötzlich war niemand mehr auffindbar!"
Alle starrten ihn mit variierenden Mienen von Schock an, während Collins das Blut in die Wangen stieg. „Ich hab sie schließlich an dem Halsband von Lady Catherine's Schoßhund Annie befestigt", erklärte er der verblüfften Runde mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln.
Richard war der Erste, der sich wieder fing und mit einem lauten Lachen Collins auf die Schulter klopfte, während Lizzie und Darcy simultan ihre Köpfe schüttelten, wie um das Bild vor ihrem inneren Auge loszuwerden.
„Also, Papillon", sagte Richard. „Hast du jetzt schon vor Darcy in Ketten und Leder zu legen?" Diese Aussage brachte augenblicklich Lizzie und Collins zum husten und würgen, während Darcy's Mundwinkel nur amüsiert nach oben zuckten.
„Interessant. Ich dachte Sie stehen nicht auf Ketten und Peitschen, Miss Bennet", sagte er mit einer hochgezogenen Augenbraue, was Lizzie nur mit einem erneuten Husten und Würgen quittierte, weil sich das Salatblatt nun doch eindeutig quer in ihrer Speiseröhre eingenistet hatte. Collins klopfte ihr vorsichtig auf den Rücken.
„Na wenigstens etwas worüber ihr beide geredet habt!", rief Richard aus und riss die Hände wie im Dankesgebet zum Himmel. „Wie ich immer sage, Vorlieben und Grenzen müssen vorher klar kommuniziert werden, sonst endet das ganze nur in Tränen und mehr roten Striemen als man wollte."
Sie starrten alle Richard an, der, sich der peinlichen Stille gar nicht bewusst, einfach weiter plapperte. „Als ich zum Beispiel am Valentinstag letztes Jahr mein Eros-Kostüm trug und mir auf dieser Party dieser wirklich hübsche Elf über den Weg gelaufen ist -"
Lizzie, die das Ende der Geschichte schon einmal zu oft gehört hatte, sah Darcy mit weit aufgerissenen Augen an und flehte ihn stillschweigend an, doch bitte etwas zu unternehmen.
„Fitzwilliam", knurrte dieser und der blonde Mann blinzelte und hielt in seiner Geschichte inne. „Iss deinen Salat, Richard", orderte Darcy. „Ich denke, wir haben klargestellt, dass Lizzie nicht an BDSM-Spielen interessiert ist." Sein Blick flickerte zu Lizzie und sie schwor, schwor, dass sie ein Zwinkern in seinen Augen entdeckte.
Sie funkelte ihn an und der Mistkerl hatte doch tatsächlich die Nerven schief zu grinsen, die Augenbrauen hochzuziehen und sich genüsslich ein Stück Kartoffel in den Mund zu schieben.
Lizzie's Blick verfinsterte sich und der Schwan in ihrer Hand verwandelte sich in eine klägliche Ente.
„Also, was ist der Kurs, Lizzie?", fragte Darcy und sie wusste nicht ob es an seiner nonchalanten Nutzung ihres Vornamens oder der unbekümmerten Art wie er seine Kartoffel aß lag, dass sie ihm am liebsten den Hals umdrehen würde.
Sie drehte den Schwan in ihrer Hand. „Oberer fünfstelliger Bereich", sagte sie schließlich. „Ein zwei Jahres Vertrag."
Darcy zog anerkennend eine Augenbraue hoch. „Sie wird verzweifelt."
„Und du wolltest es mir nicht glauben", gab Lizzie mit einem Anheben ihres Kinns zurück.
„Das wirfst du mir vor?", erwiderte er und gluckste. „Du hast gesagt, du könntest hier in einem von Richard's kleinen Outfits auftauchen ohne ihre Wut zu riskieren."
Lizzie schürzte die Lippen und drehte den Schwan in ihrer Hand auf die eine Seite. „Beweisstück A." Sie drehte es um und zeigte auf die Zahlen dort. „Und Beweisstück B. Reicht das, um dich zu überzeugen?"
„Dass du hier tun und lassen kannst was du willst?" Darcy schüttelte in gespielter Resignation den Kopf. „Tust du das nicht sowieso?"
Lizzie grinste breit. „Du hast es erfasst."
„Und nur zum Mitschreiben", warf Richard ein, die Gabel wie einen Taktstock in der Luft. „Niemand zieht hier eines meiner Outfits an." Er sah sowohl Lizzie als auch Collins aus irgendeinem Grund drohend an. „Es sind meine Outfits."
„Und sie würden mir sooo viel besser stehen", flötete Lizzie, während sie Schwan Nummer Drei faltete.
„Meine. Outfits", wiederholte Richard mit zusammengebissenen Zähnen. „Du hast deine zitronengelbe Spitzenunterwäsche. Begnüge dich damit."
„Uhh... Brenn!", rief Lizzie aus und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Wie viele Professoren benötigt man, um eine kaputte Glühbirne auszuwechseln?"
„Wie bequem sind rote String-Tangas?", konterte der blonde Mann, eine Pommes wie eine Zigarette zwischen seinen Lippen kleben.
„Ausgesprochen bequem", erwiderte Lizzie mit ernster Miene, was Collins puterrot anlaufen ließ.
„Und wie viele Professoren benötigt man nun?", fragte Darcy und legte den Kopf ein wenig zur Seite, was Lizzie einen Moment lang von dem momentanen Gesprächsfaden ablenkte.
Sie kniff die Augen zusammen. „Gar keinen", sagte sie mit mehr Gift in der Stimme als nötig. „Dafür sind Studenten da."
Doch anstatt unter ihrem Todesblick zu verbrennen wie ein verdammter Vampir im Sonnenlicht, zog Darcy bloß eine Augenbraue hoch und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Sollte ich mich jetzt angesprochen fühlen?", fragte er amüsiert.
„Nein", sagte sie ausdruckslos und wandte sich wieder ihren Schwänen zu. „Du bist schließlich kein Professor mehr, oder?"
Sie spürte Darcy's Blick auf sich, doch sie sah nicht auf. „Kein schlauer Spruch zum Thema Narzissmus, Miss Bennet?", fragte er und sie hörte das Lachen in seiner Stimme.
Sie schnaubte und faltete den Hals des Schwans. „Wie viele Egozentriker braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?"
„Einen?"
Sie funkelte ihn an. Darcy verzog die Lippen zu einem feinen Grinsen. „Er steht bewegungslos auf dem Tisch unter der Lampe und die Welt dreht sich um ihn?"
„Deine Welt, hmm?" Sie ließ den Vogel in Collins' Salat fliegen.
„Dein Kopf", gab Darcy zurück und deutete mit der Gabel in der Hand auf sie. Ihre Augen verengten sich.
„Wie viele Analytische Philosophen braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?", verlangte sie zu wissen, die Arme genau wie Darcy vor der Brust verschränkt.
„Keinen." Er schmunzelte. „Es handelt sich um ein Pseudo-Problem. Die Glühbirne glüht, um Licht abzustrahlen. Wenn sie kaputt ist und kein Licht mehr abstrahlt, dann ist es keine Glühbirne mehr, oder?"
Ihr Ausdruck wurde wenn möglich noch finsterer, doch bevor sie etwas erwidern konnte, unterbrach Richard sie mit einem lauten Aufschrei nach pinkem Latex.
Lizzie drehte sich irritiert zu ihm hin. „Latex? Wirklich? Ich kann mich nicht daran erinnern jemals pinken Latex angezogen zu haben. Braucht man dazu nicht Vaseline?"
Collins gab ein merkwürdiges Würgegeräusch von sich.
„Keine Sorge, Collins. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Charlotte einen von diesen Anzügen in ihrer Kommode hat."
Das Quietschen erreichte eine neue Oktave.
„Ach, Papillon, darf ich nicht träumen?", schmollte Richard.
Lizzie zog eine Augenbraue hoch. „Wie viele Blondinen braucht man, um eine Glühbirne -"
„Nein!" In seiner Verzweiflung fing der blonde Mann an seine Ohren zu zuhalten und seinen Kopf gegen die Tischkante zu knallen. „Nein, nein, nein!"
Lizzie grinste.
„Du solltest ihn nicht auch noch ermutigen", meldete sich Darcy von der Seite, während er mit einem skeptisch-amüsierten Ausdruck auf dem Gesicht Richard bei seiner Tirade zusah.
„Ermutigen? Du denkst ich ermutige ihn?", fragte Lizzie entsetzt. „Das hier nennt man Selbstverteidigung falls dir das noch nicht aufgefallen ist."
Darcy zog eine Augenbraue hoch. „Er rezitiert deine Unterwäsche."
„Und du bezahlst ihn dafür", erwiderte Lizzie. „Also wer ermutigt ihn jetzt wohl?"
„Ich. Bezahle. Ihn?" Die Augenbraue wanderte noch höher und Lizzie starrte ihn an, den Schwan halb vergessen zwischen ihren Fingern baumelnd, während Collins Salatblätter verzehrte und Richard sich eine Linie in den Schädel hämmerte. Dann breitete sich ein schiefes Grinsen auf dem Gesicht ihres ehemaligen Professors aus und er lehnte sich vor, sah sie direkt an. „Glaub mir, Elizabeth. Ich muss dafür nicht bezahlen."
Sie starrte ihn an und all diese kleinen Dinge, die Cafeteria, Collins' Schlürfen, Richard's Hämmern, De Bourgh's hartnäckige Versuche sie zu rekrutieren, all das viel plötzlich weg und sie musste sich an der Kante des Tisches festhalten um nicht selber wegzufallen.
„Schnipp, Schnipp", machte dann plötzlich Richard und durchschnitt mit zwei Fingern die Luft zwischen ihnen. „Bah", machte der blonde Mann. „Diese sexuelle Spannung hier bringt mich noch um!"
Lizzie riss sich von Darcy's dunkel funkelnden Augen los. „Ich glaube ich brauche frische Luft", verkündete sie, bevor sie sich umdrehte und aus der Cafteria hastete, als wären die Furien aus Meryton noch immer hinter ihr her.
Die blasse Mittagssonne tauchte die Dachterrasse des Rosings Hospital in blendend weißes Licht und trotz der Kälte saß Lizzie Bennet zwischen den Betonpfeilern, die die Terrasse umrandeten, einen Fuß über dem klaffenden Abgrund baumelnd und blinzelte in die kaum vorhandene Wärme, während sie Papierschwan um Papierschwan in die Tiefe fliegen ließ.
Es war nicht die Arbeit, das ständige hin und her Rennen zwischen Laboren, den verschiedenen Abteilungen und Richard, nicht das frühe Aufstehen oder die chaotischen Arbeitszeiten.
Nein, es waren die kleinen Sachen, die sie die Tage im Rosings Hospital mit roten Kreuzen abzählen ließen. Die Kinder von Prominenten und Millionären, die hier wegen jeder Kleinigkeit behandelt wurden, die Eltern, die reich und studiert waren und aus demokratischen, industrialisierten, westlichen Ländern stammten und die sich ein Stockwerk höher noch eben die Nase richten ließen, während ihre Sprösslinge eine Grippeimpfung erhielten. Es war die Geheimhaltungsklausel, die sie jedes Mal unterschreiben mussten, wenn sie jemanden zu behandeln hatten, der sein Gesicht einmal im Fernsehen gezeigt hatte als ob die Schweigepflicht nun gar nichts wert wäre und die hoch spektakulären, prestigeträchtigen Fälle, von denen Maddie immer erzählte, die das Krankenhaus an Land zog, um in die Schlagzeilen zu kommen.
Es war ermüdend. Denn auch wenn es sie gab, die Wichtigkeit jeden zu behandeln, der medizinische Hilfe benötigte ganz egal was sein oder ihr sozioökonomischer Hintergrund war und auch wenn sie das Leid einer Krebsbehandlung, den Schmerz und die Freude der gutbetuchten Eltern sah, so erfüllte sie die Ankündigung eines neuen Medikamentes, einer neuen experimentellen Behandlung für diese oder jene Krankheit nicht mit Zufriedenheit oder Euphorie, denn der bittere Geschmack, den das Wissen, dass es gegen Malaria seit etlichen Jahren keine neuen Medikamente gab, durchtränkte alles.
Richard war da anders. Er hatte seine Nische gefunden indem er seltene, gar aussichtslose Fälle mit dem Geld behandelte, das er mit den alltäglichen, wohlhabenden Patienten verdiente und sie verachtete ihn nicht, nein, sie bewunderte ihn dafür, aber es war nun einmal nicht ihr Kampf, ihre Passion und es zog sie hinunter in die Notaufnahme, wo noch keiner einen Unterschied zwischen Menschen machte, wo alle viel zu sehr damit beschäftigt waren die Leute vor dem Verbluten zu bewahren und keine Zeit hatten die Biographie ihrer Patienten bei Wikipedia zu recherchieren.
Aber die Notaufnahme war Versuchung und Verdammnis zur gleichen Zeit und sie wagte es kaum auch nur einen Fuß dort hineinzusetzen, denn Darcy schien sie diese Tage mit einem Peilsender ausgestattet zu haben - er war immer dort, wenn sie ihn am wenigsten sehen wollte.
Es war, als wollte er ihr irgendetwas sagen, ihr etwas mitteilen, wenn er sie so ansah, wie an diesem Morgen, die Bemerkungen, die er machte, über zukünftige Dinge, so zufällig und locker als wäre es völlig klar für ihn, dass Lizzie dabei sein würde, während sie noch nicht einmal plante ihn nach den acht Wochen in dieser Plastik-Barbie-Welt wiederzusehen und es machte sie verrückt, ließ sie innerlich beinahe durchdrehen, dass er etwas zu wissen schien, von dem sie keinen blassen Schimmer hatte.
Es war als hätte er eine Entscheidung getroffen. Und sie hatte keine Ahnung, ob sie wissen wollte, was diese beinhaltete.
Lizzie hörte die die Schritte, noch bevor die Tür zur Dachterrasse aufgestoßen wurde und sie biss sich auf die Lippe als das blendend helle Licht der Wintersonne auf wirre, dunkle Haare fiel, Kanten schärfte und Linien in sein Gesicht zog.
Sie sah, wie er suchend um sich sah und sie grinste leicht als er sie in ihrem Versteck nicht finden konnte, sah wie er sich frustriert die Haare raufte und es war beinahe niedlich als er eine Reihe von Flüchen losließ, die sie beeindruckt die Augenbrauen hochziehen ließ.
Sie schloss die Augen. „Ich bin hier", sagte sie dann gelangweilt und blinzelte zwischen ihren Lidern zu ihm herüber. „Wunderbares Wetter, nicht wahr?"
Lizzie sah die Erleichterung in seinem Blick, die dann einem Stirnrunzeln wich, als er ihre Nähe zum Abgrund und ihren frei baumelnden Fuß entdeckte. Sie ließ ihn schneller hin und her pendeln.
„Es ist kalt", sagte er in seiner üblichen Art simple Tatsachen festzustellen. Lizzie rollte die Augen.
„Und definitiv zu bevölkert", gab sie zurück. Darcy sah sie an auf diese halb amüsierte, halb besorgte Art, die sie in den letzten Wochen in den Wahnsinn getrieben hatte. „Du solltest eine Jacke anziehen", riet er ihr und sie wusste nicht, ob sie lachen oder ihm einen der übrig gebliebenen Schwäne in den Mund stopfen sollte.
„Du auch", sagte sie dann und ließ einen weiteren Vogel in den Abgrund taumeln. „Daddy."
Das Grinsen wurde einen Moment breiter, bevor es schlagartig erlosch.
„Es tut mir leid", sagte er dann und Lizzie's Augen wurden bei den Worten groß und rund. „Wenn dich das da vorhin unkomfortabel gemacht haben sollte, ich -"
„Schon okay", winkte Lizzie ab. „Man sollte meinen, ich hätte mich an Richard gewöhnt in den letzten Wochen."
Er war einen Moment still. „Ja", sagte er dann, seine Stimme flach und ausdruckslos. „Richard. Stimmt..."
Sie runzelte die Stirn und sah von dem halbgefalteten Vogel in ihrer Hand auf, um dann Darcy's Blick zu sehen, der dunkel zwischen ihr und dem Abgrund hin und her flickerte.
Lizzie legte den Kopf in den Nacken. „Hast du jemals darüber nachgedacht?", fragte sie ihn dann leise und sah ihm zu wie er die Stirn runzelte und seine Augen kurz zu ihr hinüber flackerten.
„Worüber?", fragte er schließlich vorsichtig.
„Darüber", sagte sie, nahm den nun fertigen Vogel und hielt ihn ins blendende Sonnenlicht. „Über das Springen." Sie warf den Vogel hoch in die Luft, sah wie er einen Bogen beschrieb, sich drehte, taumelte und dann die steile Mauer des Krankenhauses hinabstürzte. „Und das Fallen."
Sie sah wie der den Mund öffnete und wieder schloss, die Lippen zusammenbiss und für eine ganze lange Weile einfach schwieg, während sie dem weißen Papiervogel dabei zusahen, wie er zu Boden trudelte.
„Was ist mit dir?", fragte er schließlich ohne aufzusehen.
Lizzie lehnte sich zurück, blinzelte gegen das Sonnenlicht und zuckte leicht mit der Schulter. „Ja", sagte sie dann leise und ignorierte wie sich seine Hände um das Geländer krampften. „Ich war nahe dran."
„Und dann?", fragte er, seine Stimme gepresst. Lizzie starrte in den Himmel über London, sah die wohlbekannte Skyline und lächelte leise. „Dann habe ich gemerkt, dass ich die nächste Scrubs-Folge nicht verpassen will und bin wieder heruntergeklettert."
Darcy schnaubte. „Es ist nicht so einfach", erklärte er vehement, während die Knöchel an seinen Fingern weiß hervortraten.
Lizzie lachte leise und setzte sich auf, kam nahe genug, um seine Wärme wie ein elektrisches Feld um ihn herum zu spüren und ließ dann den letzten Vogel fliegen. „Doch das ist es", sagte sie und beobachtete den Bogen, die Spirale, den Fall. „Genauso einfach ist es. Zu leben ist eine ebenso einfach Entscheidung, wie zu sterben. Man muss sie nur treffen."
Darcy sagte nichts dazu, sie starrten beide nur in das blasse Licht über London, bis sich sein eiserner Griff um das Geländer der Mauer zu lösen begann.
Er drehte sich um. „Lizzie...", sagte er leise und es war als läge ihm die Bedeutung seiner Entscheidung, die verdammten Worte auf der Zungenspitze und Lizzie wusste nicht, ob sie rennen oder springen sollte und sie blinzelte wie wild, doch die Entscheidung wurde ihr mit dem plötzlichen, schrillen Klingeln ihres Handys abgenommen.
Sie griff danach, ließ es beinahe in den Abgrund fallen in ihrer Eile und als sie abnahm und antwortete, klang ihre Stimme so atemlos, als hätte sie eben einen Marathon absolviert.
„Anne, was gibt es?", rief sie und sah aus dem Augenwinkel wie Darcy, die Stirn in Falten gelegt, ein paar Schritte zurückwich.
Doch ihre eigene Atemlosigkeit war nichts im Vergleich zu der sich beinahe überschlagenden Aufregung in Anne's Stimme.
„Lizzie?", rief sie und dann noch einmal. „Lizzie?"
„Was ist?", fragte die, während die Panik ihr Herz noch schneller schlagen ließ und Gedanken an Craig und aus dem Fluss gefischte Leichen sie überwältigten.
„Lizzie..." Sie hörte wie sie Luft holte. „Craig ist wieder da!"
A/N: ...ba da da damm... Leute, ihr glaubt nicht, wie lange dieses kapitel gebraucht hat um aus meinem Kopf aufs papier (oder in den rechner) zu gelangen. Mein Konzept für Rosings bestand aus: Ähh... lass Lizzie und Darcy Konversationen über Suzid auf dem Dach führen. Punkt. Aber dann kam Richard und verlangte mehr Platz und Craig wollte plausibler sein und die zwei medikamente, die ich oben nannte haben ungefähr drei Tage Recherche und mehrere leicht missverständliche SMS gefordert, denn dein Prof kann dir zwar alles über Alkoholabhängigkeiten erzählen, aber wenn es um Medikamente geht, bist du leider trotz allem auf google und eine freundin angewiesen, dir dir rät, wenn du es schon mit medikamenten versuchen willst, doch ritalin auszuprobieren... ja... ich hab dich auch lieb, darling.
also wie auch immer, ich hoffe wir sehen uns bald wieder;) bis dahin: ich liebe reviews:)
