Kapitel 2.05 – Eins zu eins
- 17.08.2001 -
Zwei Tage später war Severus mit einem Schlag wach, als er nur einen Blick auf den Tisch in seinem Zimmer geworfen hatte. Eine schmale Schachtel war über Nacht dort aufgetaucht und er konnte nicht verhindern, dass ihm der alberne Gedanke an die Zahnfee kam.
Barfuß stand er auf und ging zum Tisch hinüber. Er klappte das Kästchen auf und fand einen schmalen, dunklen Zauberstab darin, der seinem alten nur unwesentlich ähnelte. Sein alter Stab war lang und dünn gewesen, dieser etwas stämmiger. Das Holz war heller und die Maserung feiner gewesen. Dieser automatische Vergleich ließ ihn etwas skeptisch werden.
Dennoch, mit den Spitzen seiner Finger strich er über das Holz und nahm ihn schließlich aus der Schachtel. Er wog den Stab prüfend in der Hand und schwang ihn durch die Luft. Ein leichtes Kribbeln zog durch seinen Arm und Severus wusste, dass sie sich doch aneinander gewöhnen würden, der neue Zauberstab und er.
Dann entdeckte er die Karte im Deckel des Kästchens und zog sie hervor. ‚Ebenholz, Kern aus Drachenherzfaser, 12 Zoll' stand in der schrägen und ihm nur flüchtig bekannten Schrift Ollivanders darauf. Und Albus hatte darunter geschrieben: ‚Viel Erfolg, gib Acht auf dich und Hermine'.
Severus verzog das Gesicht. Acht geben… Das war nicht so einfach, wenn einem die Schutzbefohlene ständig aus dem Weg ging. Er hatte sie seit vorgestern nicht mehr gesehen und konnte auch nicht behaupten, dass es ihm darum leid tat.
Natürlich war es sehr einsam im Haus, aber er hatte die Zeit gebraucht, um wieder zur Ruhe zu kommen. Er hatte die Kontrolle verloren, schön und gut. Aber nun wurde es Zeit, dass er sie wiederfand. Und Albus hatte ihm das Hilfsmittel dazu geliefert.
Adia wusste nicht, dass er wieder Träger eines Zauberstabes war. Und Severus würde zu verhindern wissen, dass sie es vor ihrer Zeit erfuhr. Das bedeutete zwar, dass er auch Hermine anlügen musste, aber das würde er in Kauf nehmen. Wenn dafür nur der Überraschungseffekt auf seiner Seite war.
Sorgfältig legte er den neuen Zauberstab zurück in die Schachtel und verstaute sie vorerst in einer Schublade. Zwar vertraute er Hermine, dass sie sein Zimmer nicht betreten würde, wenn er im Bad war. Doch Adia vertraute er in dieser Beziehung nicht im Mindesten. Wenigstens würde sie so nicht sofort sehen, was er plante.
Tatsächlich hatte er einen relativ klaren Plan vor Augen, was er beim nächsten Aufeinandertreffen mit ihr anstellen würde. Er wollte sich ihr körperlich nicht mehr als nötig näheren, die Gefahr war einfach zu groß. Er vertraute sich selbst nicht und das war ein bedrohlicher Zustand. Doch letztendlich blieb ihm nichts anderes übrig, als danach zu handeln.
Und das, so beschloss er, als er unter die Dusche trat, beinhaltete nun einmal Abstand.
- - -
Eine halbe Stunde später stieg er mit missmutiger Miene die Stufen zur Küche hinunter. Da hatte er nun schon einen Zauberstab und durfte ihn nicht einmal benutzen, um sich die Haare zu trocknen. Doch sobald Adia erstmal zu spüren bekommen hatte, dass sie das nächste Mal keinen unbewaffneten Mann verfluchen würde, würde er sich die Zeit nehmen, seine ohnehin schon viel zu langen Haare zu stutzen.
Die Küche war still und kalt. Es schien nicht so, als ob heute schon jemand hier gewesen war. Nach einem Blick auf die Uhr stellte er fest, dass es eigentlich Hermines Zeit war. Das ließ ihn die Stirn runzeln und die Küche wieder verlassen.
Einem Instinkt folgend, schlug er zuerst den Weg ins Labor ein, erkannte aber bereits an der Tür, dass dort unten niemand war. Das Licht war immer bis zur Tür hinauf zu sehen und ohne Licht konnte man dort unten nicht arbeiten.
Also wandte er sich neuerlich ab und ging zum Wohnzimmer. Auch dort war Hermine nicht, doch durch die offene Terrassentür konnte er sie im Garten sehen. Die Sonne stand bereits am Himmel und schickte diffuse Strahlen in ihre Realität. Dennoch hatte sie die Arme um ihren Körper geschlungen und zitterte sichtlich.
Severus lehnte sich mit der Schulter gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. Er bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck, doch so ganz wollte es ihm nicht gelingen. „Bist du wieder am Kämpfen?", fragte er mit einer gesunden Portion Abscheu und brachte Hermine dazu, sich zu ihm umzudrehen.
Ihr Gesicht war blass, sah aber alles in allem nicht so schlecht aus, wie er es erwartet hatte. Ihr Zähneklappern drang bis zu ihm hinauf und er fragte sich ernsthaft, warum sie noch aufrecht stand. „Sicher", brachte sie nach ein paar Momenten hervor und er sah, wie ihre Finger sich noch tiefer in den dicken Stoff des Pullovers krallten.
Severus löste sich vom Türrahmen und trat ein paar Schritte hinaus. Der Temperaturunterschied nach oben war deutlich zu spüren. Über Nacht war das Haus ausgekühlt, doch der Garten speicherte durch den direkten Sonneneinfall beinahe wie ein Treibhaus Wärme. Es hatte schon jetzt mindestens fünfundzwanzig Grad.
Dicht vor seiner ehemaligen Schülerin blieb er stehen, hütete sich jedoch, sie zu berühren. „Frieren ist ein Zeichen von Erschöpfung", stellte er fest.
Hermines Augen wurden schmal. „Danke, d-das weiß ich." Ihr schien es schwer zu fallen, die Augen offen zu halten.
„Dann lass deinem Körper ein wenig Kraft und hör auf zu kämpfen. Du wirst noch oft genug die Gelegenheit dazu bekommen, dir und mir zu beweisen, dass du eine starke Frau bist."
Sie schnaubte sehr verrutscht, was sicherlich an dem Sarkasmus in seinen letzten Worten lag. „Du hast mir besser gefallen, als d-du dich noch n-nicht zum Hobby-Psychologen aufgeschwungen hast." Erneut klapperte sie laut mit den Zähnen und holte einmal tief Luft, nur um sie langsam aus dem Mund wieder entweichen zu lassen.
„Ich kam auch besser mit dir zurecht, als ich dir noch Punkte abziehen konnte. So ist das Leben."
Sie schenkte ihm einen ironischen Blick, begann dann aber zu wanken. Severus hielt sich mit viel Selbstbeherrschung davon ab, sie festzuhalten. Vielleicht würde es ihrem gesunden Menschenverstand auf die Sprünge helfen, wenn sie endlich einmal auf die Nase fiel.
Doch er hatte seine Rechnung ohne Hermine gemacht. Sie schien es sich zwar in den Kopf gesetzt zu haben, bis zum Äußersten zu kämpfen, nicht allerdings, dies alleine zu tun. Ihre Hand griff urplötzlich nach seinem Arm und krallte sich fest in den schwarzen Stoff seines Umhanges. „Sie… kann… nicht… gewinnen!", keuchte Hermine und sah ihn aus geröteten Augen von unten herauf an.
Severus legte einem Impuls folgend seine freie Hand auf ihre. „Dann lass das Kämpfen!"
Sie schüttelte den Kopf und noch während sie dies tat, lief ein dünner Faden tiefroten Blutes aus ihrer Nase und sammelte sich in einem dicken Tropfen direkt über ihrer Oberlippe. Severus griff nach ihrem Kinn und zwang sie dazu, ihn anzusehen. „Sie macht dich kaputt, Hermine!"
Ein beinahe irres Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Verstehst du denn nicht? Ich bin ihr Wirt. Wenn sie mich zerstört, zerstört sie sich selbst. Sie kann nur verlieren."
Im nächsten Moment bekam er die Verwandlung das erste Mal wirklich mit. Es war eine Sache von Sekunden, bis Hermines Erscheinungsbild sich komplett verändert hatte. Und nicht viel länger, bis Severus sie losgelassen hatte und einen Schritt zurückgewichen war.
Adia blitzte ihn mit so viel Kraft an, dass ihm eine Gänsehaut den Rücken hinunterlief. Dann wischte sie sich mit einem Finger über die Nase und betrachtete das Blut daran. „So was aber auch", sagte sie mit einer beinahe niedlichen Stimme und ihre Blicke legten sich fest auf Severus' Gestalt, ehe sie das Blut von ihrem Finger leckte. „Wohl doch nicht so stark, die Kleine." Sie begann ihre Runden im Garten zu drehen und ahnte dabei anscheinend nicht, dass sie Severus einen wertvollen Hinweis überlassen hatte: Hermine hatte den Kampf eben verloren, weil sie ihre letzte Kraft genutzt hatte, um Adia von ihren Gedankengängen auszuschließen.
„Scheint so", erwiderte Severus gedehnt und beobachtete jede ihrer Bewegungen aufmerksam. Adia hatte Hermines Zauberstab bei sich, davon war er überzeugt. Doch wenn alles so lief, wie er es sich gedacht hatte, würde sich dieser Zustand bald ändern.
Nun allerdings wandte sie sich ihm erstmal mit weit in die Stirn gezogenen Augenbrauen zu. „Ich meine mich zu erinnern, dass ich dich in einem sehr viel angenehmerem Zustand zurückgelassen habe." Gespielt nachdenklich tippte sie sich mit dem Finger gegen das Kinn. „Dieses Weib macht mir ständig meine Pläne kaputt. Das ist nicht nett." Sie zog den Zauberstab und richtete ihn auf Severus, kam allerdings nie dazu, den Fluch auszusprechen.
„Expelliarmus!" Hermines Zauberstab wirbelte durch die Luft und landete raschelnd in einem Rosenbusch hinter Adia.
Ihre Augen waren groß geworden und sie schien einen Moment zu brauchen, ehe sie verstanden hatte, was passiert war. Severus genoss diesen Anblick sichtlich. Zwar hatte er nicht geplant, sie schon so bald auf seinen Zauberstab aufmerksam zu machen, doch diese Gelegenheit war einfach zu günstig.
„So, du hast also wieder einen Zauberstab", stellte sie schließlich fest und er musste zugeben, dass sie die Misslichkeit ihrer Lage gut überspielte.
„Den habe ich, in der Tat." Und er hielt ihn weiterhin auf sie gerichtet.
Ihre Augen wurden schmal. „Veränderte Spielregeln." Sie klang wenig begeistert.
Severus zog seine Mundwinkel ein paar kalkulierte Millimeter nach oben. „Gleiche Bedingungen", korrigierte er.
„Wenn meine Waffe dort hinten liegt?" Sie hob eine Augenbraue.
Er hingegen neigte nachdenklich den Kopf von einer Seite zur anderen. „Ich denke, ich hab noch was gut." Dass diese Feststellung äußerst zutreffend war, schien auch Adia aufzufallen. Zumindest geriet ihre aufgesetzte Maske beinahe unmerklich ins Wanken.
„Nun dann… Feuer frei!" Sie breitete die Arme aus und sah ihm fest in die Augen.
Severus verbot es sich, irgendeine Regung auf seinem Gesicht deutlich werden zu lassen. Lange Sekunden ließ er sie zappeln und konnte sogar auf die Entfernung von gut fünf Metern den Puls an ihrem Hals immer schneller werden sehen.
Nach einigen Momenten schüttelte er dann den Kopf und begann in einem Abstand von knapp zwei Metern um sie herum zu gehen. „So läuft dieses Spiel nicht."
Sie schnaubte, drehte sich aber mit ihm. „Also doch neue Spielregeln."
„Das ist Ansichtssache." Seine Blicke fanden ihre immer wieder, doch er achtete akribisch darauf, sie nicht zu lange anzusehen. Sie sollte zweifeln an seinen Plänen. Sie sollte nicht wissen, ob er einen Angriff plante oder nur reden würde. Ob er das Ruder wirklich fest in der Hand hielt oder ob sie es ihm jederzeit wieder abnehmen konnte. Und sie würde niemals erfahren, wie fest er das Ruder wirklich hielt.
„Und wie geht es nun weiter? Drehen wir den restlichen Tag so unsere Runden und philosophieren über unser Spiel?"
Severus verzog das Gesicht. „Nein. Dafür ist mir meine Zeit zu schade." Er lockte ein so angedeutetes Lächeln auf seine Lippen, dass sie skeptisch die Augen verengte. „Dieses Spiel lebt durch Handlungen, durch Aktionen. Ich plane nicht, dies zu ändern." Allmählich näherte er sich wieder der Terrassentür und stieg schließlich den kleinen Absatz hinauf.
„Was soll mir das sagen?"
Er sah sie ruhig an. „Dass ich nur meinen nächsten Zug überdenke. Construere moenia absconditus!"
Der Schwung seines neuen Zauberstabes war ein kleiner, aber gezielter. Von der Spitze lösten sich einige grüne Funken und verstreuten sich über den Rasen. An den Stellen, an denen sie den Boden berührten, entstanden feste Mauern, die sich – begleitet von einem leichten Beben des Bodens – bis auf drei Meter Höhe aufbauten. Es war am Anfang noch gut zu erkennen, dass es sich um einen komplizierten Irrgarten handelte. Möglicherweise hätte man mit etwas Aufmerksamkeit eine Chance gehabt, später den Weg hinaus zu finden. Doch als sie ihre endgültige Größe erreicht hatten, verschwanden die Wände und alles sah so aus wie zuvor.
Adia blickte sich irritiert und hektisch um. „Was war das? Was sollte das?", schnappte sie und drehte sich einmal um sich selbst.
Severus zwang sich, weiterhin ruhig zu bleiben. Dabei kribbelte sein Arm noch immer von der Magie, die er mit dem Zauberstab ausgeführt hatte. Die Zeit der Eingewöhnung war eine schreckliche und er schalt sich selbst, weil er diese nicht vor der nächsten Konfrontation mit Adia hinter sich gebracht hatte.
„Was war das?", fragte sie schließlich noch lauter und riss ihn damit aus seinen Gedanken. Dabei tat sie einen gewagten Schritt nach vorne und prallte gegen einen unsichtbaren Widerstand.
Severus konnte nicht anders, er verzog spöttisch das Gesicht.
Adia hingegen fasste sich an die schmerzende Nase und tastete mit der freien Hand nach dem, was sie eben von einem eindrucksvollen Auftritt abgehalten hatte. Als würde sie sich pantomimisch betätigen, glitten ihre Finger durch die Luft. Dann wirbelte sie urplötzlich herum und starrte zur Grenze der Realität.
Severus wirkte sehr zufrieden. Der Zauber war nicht fehlgeschlagen und dieser Gedanke schien auch Adia nicht ein einziges Mal gekommen zu sein. Nein, der Irrgarten war vielmehr unsichtbar. Und er hatte seine Methoden, um sie leiden zu lassen. Stimmen, Stöße, flüchtige Berührungen von Personen, die es nicht gab. Und das war nur der Anfang. „Mein nächster Zug", beantwortete er ihre Frage leicht verzögert und mit einem Unterton, der sie sichtlich rasend machte.
„Ist das dein Ernst? Das ist dein nächster Zug? Unsichtbare Mauern?" Sie bemühte sich darum, ruhig zu klingen und ihm vor allem nicht zu zeigen, dass die ersten Stimmen bereits zu sprechen begonnen hatten. Doch ihre Augen und die zu Fäusten geballten Hände verrieten sie. Ihre Nase war gerötet an der Stelle, an der sie Bekanntschaft mit den Grenzen des Irrgartens gemacht hatte.
„Es scheint so. Wenn es dir allerdings nicht kreativ genug ist…" Er hob seinen Zauberstab und senkte eine Kuppel verwirrenden Zwielichts über den Irrgarten. Schatten flossen ineinander, Schemen wurden sichtbar und verschwanden wieder, alles war da und nichts greifbar. „Ich wünsche viel Spaß und… nette Gesellschaft." Er deutete eine Verbeugung an und wandte sich um. Mit gemäßigten Schritten kehrte er ins Haus zurück und hörte Adia hinter sich fluchen.
„Verdammter Bastard! Wage es ja nicht, einfach abzuhauen! Komm gefälligst wieder her!" Dabei wurde sie immer kreativer in ihren Bezeichnungen für seine Person, je weiter er ins Haus ging. Schließlich öffnete er die Tür zum Labor, warf einen letzten Blick zurück und lächelte ein trauriges Lächeln, als er sie immer wieder gegen Wände laufen sah auf der Suche nach einem Ausgang – oder auf der Flucht vor dem imaginären Folterknecht.
- - -
Der Tag, den er nach diesem Zauber im Labor verbrachte, war keiner, an dem er wirkliche Fortschritte machte. Seine Gedanken kreisten um die Frau, die ein Stockwerk höher in dem unsichtbaren Labyrinth fest saß und obwohl er wusste, dass er keine andere Wahl hatte, hasste er es, dass dies so war.
Er versuchte es mit einigen simplen Tränken, die später sicherlich nützlich sein würde. Doch nur unter extremer Anstrengung hatte er Erfolg mit seinem Vorhaben. Das Resultat nach diesem Tag waren drei Phiolen mäßig reinen Kopfschmerztrankes und zwei Phiolen eines Destillats, das gegen Hämatome helfen würde, wenn es regelmäßig auf die entsprechenden Stellen getupft wurde.
Unkonzentriert und fahrig verkorkte er die Flaschen und ließ sie auf dem Tisch in der Mitte des Labors stehen. Dann wanderten seine Blicke neuerlich zur Uhr und er beobachtete den Sekundenzeiger, wie er sich quälend langsam der Zwölf entgegen schob. Nachdem er die Zahl endlich hinter sich gelassen hatte, straffte Severus seine Haltung und verließ das Labor.
Er musste sich zwingen, langsam zu gehen, auch nachdem er Adia zusammen gekauert am Fuß einer unsichtbaren Wand sitzen sah. Als sie durch ein Räuspern seinerseits auf ihn aufmerksam wurde, wischte sie sich eilig über die Wangen und setzte sich gerade hin. Ihre Blicke glitten durch die Gegend, doch aufgrund des Zwielichts, das sich nur ihr zeigte, konnte sie ihn nicht richtig sehen. Severus registrierte dies, ohne darauf zu reagieren.
Es hatte zwischenzeitlich zu regnen begonnen, wie es im Sommer häufiger vorkam (wobei Regen in dieser Dimension ein wirkliches Schauspiel war, denn nur ein Teil des Wassers drang durch die Barriere; der Rest perlte daran ab wie an einer Käseglocke). Und so hingen ihre schwarzen Haare nass und klebrig an ihrem Gesicht hinab. Von Tränen war aufgrund der Feuchtigkeit nichts zu sehen, aber ihre Augen waren rot unterlaufen.
An der Terrassentür blieb Severus stehen, so dass er nicht dem Regen ausgesetzt war. Er verschränkte die Arme vor der Brust und blickte hinab auf die Frau, die er niemals zuvor so gesehen hatte.
„Ich hoffe, du hattest deinen Spaß." In seiner Stimme stand eine gepresst klingende Ironie, doch durch das Trommeln des Regens auf der Barriere und nach zwölf Stunden in zweifelhafter Einsamkeit würde sie dies nicht bemerken.
„Sicher." Sie versuchte nun nicht mehr, ihn ausfindig zu machen, sondern spielte mit dem Saum ihres Oberteils. Auf ihrem Gesicht blühten einige Blutergüsse, ihre Nase schien zwischenzeitlich erneut geblutet zu haben und sie schonte ihre rechte Schulter. Er würde nachher wirklich etwas gut zu machen haben, wenn Adia das Feld wieder Hermine überließ.
„Wie ich sehe, hast du den Ausgang noch immer nicht gefunden." Er setzte sich in Bewegung und schritt unter dem kleinen Vordach der Terrasse auf und ab.
Der Klang seiner Schritte sorgte dafür, dass sie ihn nun doch einigermaßen orten konnte, allerdings hing ihr eine dicke schwarze Haarsträhne ins Gesicht und überschattete dieses. Zusammen mit dem ohnehin grauen Wetter war es ihm beinahe unmöglich auf die Entfernung von gut drei Metern zu erkennen, was sie dachte.
„Gibt es denn einen?"
„Aber natürlich. Soll ich dich noch ein wenig alleine lassen? Dir eine zweite Chance geben?"
Noch bevor er seine zweite Frage beendet hatte, entwich ihr gegen ihren Willen ein entsetztes „Nein!". Mit großen Augen starrte sie in die Richtung, aus der seine Stimme das letzte Mal gekommen war.
Severus hingegen konnte nicht widerstehen, diesen Moment auszukosten: „Sag bitte!"
„Lieber verrecke ich!", zischte Adia daraufhin.
„Fein. Ich schau dann in einer Woche noch mal nach dir. Wasser hast du ja genug." Mit diesen Worten drehte er sich um und steuerte die Terassentür an.
„Nein, warte!"
Severus blieb stehen und schielte über seine Schulter zurück. Adia hatte eine Hand in die Höhe gehoben, saß jedoch immer noch an die unsichtbare Wand gelehnt. Zu mehr war sie vermutlich nicht mehr fähig, nachdem seine Kreaturen sie zwölf Stunden lang gejagt hatten. „Ich warte!", knurrte er dennoch.
Einige Moment lang knirschte sie mit den Zähnen, so laut, dass er es hören konnte. „Bitte!", presste sie dann hervor.
Severus feixte. „Eins zu eins."
„Herzlichen Glückwunsch." Sie machte noch immer keine Anstalten aufzustehen und das weckte eine unterschwellige Besorgnis in Severus. Dann schrie sie gedämpft auf und verbarg den Kopf zwischen den Händen. Er konnte nur vermuten, wer oder was ihr eben begegnet war. Doch niemals würde er sich davon leiten lassen und die Mauern frühzeitig aufheben. Adia würde diesen Irrgarten nicht verlassen. Sie war zweifelsfrei eine gute Schauspielerin und es würde ihn nicht überraschen, wenn sie es darauf angelegt hatte, ihn zu übertölpeln.
„Danke", ließ er deswegen auf sehr selbstzufriedene Art verlauten und blieb stehen, die Arme hinter dem Rücken verschränkt.
Nach einigen Minuten sah sie ihn wieder an. „Was ist nun? Ich habe dich doch angebettelt! Was willst du noch? Soll ich an einer Lungenentzündung verrecken?" Dass sie sich mit dem Handrücken über die Nase fuhr und ihre Finger heftig zitterten, strafte ihrer patzigen Frage lügen.
Er lächelte fein. „Denkst du nicht, dass du ein wenig übertreibst? Es ist Sommer und das hier lediglich ein kurzer Schauer. In wenigen Minuten klart der Himmel wieder auf und die Sonne wird die Spuren des Regens trocknen."
„Sonne… sicher", flüsterte sie und rückte ein Stück nach links, während ihre Hand durch den leeren Raum fuchtelte.
Severus machte eine Pause, beobachtete sie einige Zeit und versuchte herauszufinden, ob sie wirklich nervlich am Ende war oder es nur so aussehen ließ. Irgendwann hob sie abwartend eine Augenbraue und ein Funken des alten Kampfgeistes blitzte in den dunklen Augen. „So leicht stirbt es sich nicht in diesem Spiel", raunte er gerade so laut, dass sie ihn hören würde.
Einige Sekunden starrte sie ihn unverwandt und sehr zielsicher an, dann begann sie zu kichern und stützte den Kopf in die linke Hand. Wassertropfen liefen bereits nach wenigen Augenblicken an der dunklen Haut hinab und lenkten seinen Blick weg vom Zittern, das sie augenscheinlich zu verbergen versuchte.
Severus wartete geduldig. Er war lange über die Zeit hinaus, in der ihn das überdrehte und vollkommen sinnlose Lachen seiner Opfer verunsichern konnte. Er hatte gelernt, sich selbst zu vertrauen. Er war sich sicher, dass er keinen Fehler gemacht hatte, nichts vergessen hatte. Alles lief nach seinem Plan. Ihr Lachen war nur ein Aufbegehren der Psyche, nicht endgültig den Verstand zu verlieren.
Und schließlich wurde sie wieder ernst. So schnell und unvermittelt, dass er den Wechsel kaum bemerkt hatte. Plötzlich stand sie auf den Beinen und lehnte sich gegen die unsichtbare Wand, die sie auf ihrem Platz hielt. Ihre Handflächen wurden weiß unter dem Druck. „Das hier ist nur ein Teilerfolg, Severus." Sie sprach seinen Namen so präzise aus, dass es ihn unwillkürlich schauderte. „Eins zu eins, wie du es nanntest. Und der nächste Punkt wird an mich gehen."
Im nächsten Moment wurden ihre Haare kürzer, heller und lockten sich. Die Gesichtszüge wurden weicher, die Augen weniger feindselig und das Erscheinungsbild schwach und müde.
In Severus kam wieder Leben, während er beobachtete, wie Hermine nach hinten stolperte, gegen eine weitere Wand stieß und daran zu Boden sackte. Ihr Nase begann neuerlich zu bluten und die dunkelrote Flüssigkeit wurde vom Regen verteilt, so dass sich rosa Schlieren über ihre Lippen und das Kinn zogen. Die braunen Augen drehten sich in den Kopf und sie kämpfte sichtlich um ihr Bewusstsein.
„Finite Incantatem!", befahl er, während er mit großen Schritten die Terrasse überquerte. Durch die plötzlich fehlenden Wände sackte Hermine auf dem Rasen zusammen und es erschreckte Severus, dass sie dem nicht das Geringste entgegenzusetzen hatte.
Kurz darauf war er neben ihr und drehte den Kopf zu sich. Ihre Augen flatterten kurz auf und sie lächelte verschwommen. „Eins zu eins", wiederholte sie schwächlich seine Worte, dann verlor sie das Bewusstsein endgültig.
Der Tränkemeister knurrte widerwillig, während der überraschend starke Regen seine Kleidung durchnässte. „In der Tat. Levicorpus!" Hermines Körper erhob sich in die Luft und blieb auf Hüfthöhe schweben. Severus dirigierte sie zur Tür und dann quer durch das Wohnzimmer, die Treppen hinauf und in ihrem Zimmer aufs Bett. Einen Zauber später waren sie beide wieder trocken, doch es sickerte nach wie vor Blut aus ihrer Nase.
Er lagerte Hermine mit leicht aufrechtem Oberkörper und verließ das Zimmer kurz, um Tücher, einen kalten Waschlappen und eine Schüssel mit Wasser aus dem Bad zu holen. Zuerst legte er ihr den Lappen in den Nacken. Das Wasser erwärmte er mit dem Zauberstab, dann machte er sich daran, ihr Gesicht zu waschen und das frische Blut abzufangen. Nach ein paar Minuten wurde es weniger und schließlich stoppte es ganz.
Erst danach wagte er es, sie genauer zu untersuchen. Die Stirn war warm, aber er konnte nicht recht abschätzen, ob sie zu warm war. Diagnosezauber hatte er nie beherrscht und legte es deswegen auch nicht darauf an.
Nachdem er ihre Gliedmaßen abgetastet hatte und abgesehen von einer schmerzhaften Prellung an der Schulter nichts gefunden hatte, deckte er sie gut zu und belegte sie mit einem Zauber, der ihn benachrichtigen würde, wenn sie erwachte. Widerwillig ließ er sie alleine und ging ins Labor hinunter, um weitere Tränke zu brauen, unter anderem einen gegen Erkältungen und Lungenentzündungen.
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Eine Stunde später kehrte er in Hermines Schlafzimmer zurück und stellte vier Phiolen auf den Nachtschrank. Sie schlief noch immer, doch er hatte vor, diesen Zustand bald zu beenden. Es war nicht angenehm, auf diese Art geweckt zu werden, das wusste er aus eigener Erfahrung. Doch er musste wissen, was er tun sollte. Und dummerweise war Hermine die Medihexe in diesem Haus.
„Rennervate!", befahl er deswegen mit leiser Stimme und verzog das Gesicht, als sie murrend blinzelte und sich in den Kissen bewegte.
Schließlich wandte er sich zum Fenster um, entging so ihrem suchenden Blick und stützte sich mit beiden Händen auf dem Sims ab. Hermines Bewegungen hinter ihm wurden gezielter und irgendwann wurde es wieder still.
„Du hast die Wahl", stellte er daraufhin fest und legte eine abwartende Pause ein.
Hermine blieb stumm.
„Wir spielen nach meinen Regeln und du hörst auf, gegen Adia zu kämpfen." Sie holte Luft, um etwas zu sagen, doch Severus musste nur die Hand heben, den Blick noch immer aus dem Fenster gerichtet, wo es inzwischen aufgehört hatte zu regnen und das Sonnenlicht sich in den verbliebenen Tropfen brach. „Du lässt sie an die Oberfläche", fuhr er fort, als sie wirklich keine Einwände erhob, „und ich werde die Chancen nutzen, die ich mit ihr habe. Möglicherweise wird es Rückschläge geben, aber früher oder später werden wir in Führung gehen."
Erneut eine Pause, erneut blieb Hermine stumm.
„Oder wir spielen nach deinen Regeln, du kämpfst ständig gegen sie an, richtest dich gesundheitlich zugrunde und lässt es dann zu, dass sie für sehr lange Zeit an die Oberfläche gelangt und uns jegliche Möglichkeit nimmt, uns abzusprechen. Das würde bedeuten, sie hat viel Zeit, meine Schwächen auszukundschaften und wird früher oder später selbst die Führung übernehmen." Hier drehte er sich um und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen das Fensterbrett. „Es ist deine Entscheidung. Dein Leben."
Hermine sah ihn aus verschlossenen braunen Augen an. Dann zupfte ein Lächeln an ihren Lippen, sehr schwach und makaber wirkend in ihrem gräulichen Gesicht. „Du hast Schwächen?"
Severus rümpfte die Nase. Er hätte wissen sollen, dass sie sich aus seinem gesamten Monolog genau dieses Detail heraussuchen würde. „Mehr als du vermutest", antwortete er jedoch wahrheitsgemäß und brachte so den Ernst in das Gespräch zurück.
Sie senkte den Blick und spielte auf dieselbe Art mit der Bettdecke, wie Adia es vorhin mit dem Oberteil getan hatte. Lange Sekunden sagte sie nichts, dann nickte sie. „Wir spielen nach deinen Regeln." Severus verbot es sich, die Erleichterung über diese Entscheidung offen zu zeigen. „Auch wenn ich nicht glaube, dass sie noch viele Demonstrationen braucht, ehe sie klein beigibt."
„Wie kommst du darauf?"
Hermine hob die Augenbrauen. „Du hast sie den ganzen Tag in einem Horrorkabinett schmoren lassen. Sie konnte nicht handeln, sich nicht wehren und niemanden um den Finger wickeln, damit sie da wieder rauskommt. Du hast sie in ihren persönlichen Alptraum gesetzt und dich lange Zeit geweigert, sie zu erlösen. Und sie musste um etwas bitten." Hermine grinste flüchtig. „Wenn sie etwas verstanden hat, dann dass du die Macht hast, sie zu brechen." Ihre Blicke waren nicht zu deuten. Severus konnte nicht sagen, ob ihr diese Entwicklung gefiel oder nicht. Und er verbot es sich, genauer darüber nachzudenken.
Stattdessen löste er sich vom Fenster, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich an ihr Bett. Er griff nach der ersten Phiole und entkorkte sie. „Gegen Kopfschmerzen", erklärte er kurz. „Ich würde die linke Hand zum Trinken nehmen."
Wie er es nicht anders erwartet hatte, versuchte sie es natürlich erst mit der rechten und verzog schmerzhaft das Gesicht.
„Es gibt Situationen, in denen solltest du mir einfach vertrauen." Er hob eine Augenbraue und kassierte einen missmutigen Blick von Hermine, bevor sie nach der Phiole griff und sie rasch leerte.
„Sobald wir das hier hinter uns haben, werden wir an deinen Rezepturen arbeiten und sie weniger widerlich gestalten."
Er ging nicht auf diese Drohung ein, sondern griff nach der nächsten Phiole, entkorkte sie und hielt sie ihr vor die Nase. „Gegen Erkältungen und Fieber."
Hermine funkelte ihn für ihren Zustand erstaunlich kampflustig an, was er mit verborgener Erleichterung zur Kenntnis nahm. Doch auch diesen Trank schluckte sie anstandslos.
Da sie sich dieses Mal sogar jeglichen Kommentar sparte, langte Severus unumwunden nach der letzten Phiole, deren Inhalt zum Trinken gedacht war, öffnete sie und hielt sie Hermine hin. „Für einen tiefen, erholsamen Schlaf."
Hier zögerte sie und blinzelte zum Nachttisch. „Wofür ist die?"
„Tinktur gegen Hämatome."
„Und die willst du wofür benutzen?"
„Um dich von deinen recht unsanften Begegnungen mit unsichtbaren Wänden zu befreien." Er schaffte es tatsächlich, diese Aussage mitsamt unterschwelliger Androhung von Ausziehen und Untersuchen ohne mit der Wimper zu zucken auszusprechen.
Hermines Mund öffnete sich ein Stück, aber sie schien zu verwirrt, um etwas zu sagen.
„Ich kann mich auch erst um die Hämatome kümmern, wenn es dir lieber ist, dabei wach zu sein", schlug er schließlich mit einem angedeuteten Schulterzucken vor.
„Danke, ich verzichte", wehrte sie daraufhin rasch ab und Severus verbarg sein Schmunzeln, während sie ihm auch die letzte Phiole aus der Hand nahm. „Tu mir nur den Gefallen und heile bei der Gelegenheit auch meine Schulter. Das hat das Biest mit Absicht getan." Sie verzog das Gesicht.
„Sag mir wie." Sie erklärte ihm den Zauber rasch und Severus nickte. „Und nun trink." Auch dies tat sie anstandslos und während beide auf das Eintreten der Wirkung warteten, sah sie ihm in die Augen.
Severus wusste nicht, was er dort sah. Doch es löste einen warmen Schauer in seinem Körper aus, der erst durch eine Träne beendet wurde, die ihr über die Schläfe lief. Er kam nicht mehr dazu, sie nach der Ursache dafür zu fragen. Im nächsten Moment schloss sie die Augen und schlief ein.
Ausgelaugt und nachdenklich machte der Tränkemeister sich daran, Hermines Körper nach Blutergüssen abzusuchen und sie von den Nachfolgen seiner Methoden zu befreien.
Construere – errichten
moenia – Mauern
absconditus – geheim
TBC...
