Sommerregen
Kapitel 20
„Ich raff das nicht. Warum schickt Dumbledore ausgerechnet Snape zum Grimmauldplatz? Er ist ein Todesser. Man kann ihm nicht trauen! Außerdem gehörte das Haus Sirius. Er hat es mir vererbt und es wäre ihm bestimmt nicht recht, Snape dort herumschnüffeln zu sehen."
Hermine hörte sich Harrys Beschwerden geduldig an und musste sich stark zusammennehmen, dabei nicht vor Bitterkeit loszulachen. Das Ganze ging schon eine Weile so. Draußen regnete es wieder einmal und sie hatte sich gemeinsam mit Harry und Ron in eine ruhige Ecke des Gemeinschaftsraums zurückgezogen, um zu beratschlagen, was wegen des gestohlenen Medaillons zu tun war.
„Ich kann es dir nicht mit Gewissheit sagen, Harry", erklärte sie resigniert. „Glaubst du, ich habe mir dieselben nutzlosen Fragen nicht wieder und wieder gestellt? Ich weiß nur, dass Dumbledore extrem vorsichtig ist, seit Voldemort versucht hat, über dich an ihn heranzukommen. Sieh dich vor, er rechnet mit allem."
„Aber meine Narbe ziept fast gar nicht mehr", sagte er ausweichend, wobei er sich wünschte, er hätte Dumbledore nicht den Vorschlag gemacht, den Grimmauldplatz weiter zu nutzen. Sein Groll über Snape reichte aus, um seine Entscheidung zutiefst zu bereuen.
„Ob es dir passt oder nicht, Snape ist nun mal Mitglied im Orden. Du solltest dich damit abfinden, dass er derjenige ist, der der Sache mit den Horkruxen auf den Grund gehen wird, schließlich hast du Dumbledore das Haus für den Orden zur Verfügung gestellt."
„Das klingt ja gerade so, als wärst du damit einverstanden, da mitmachen zu müssen."
„Das habe ich nicht gesagt, Harry", wand Hermine mit funkelnden Augen ein, woraufhin Harry schnell wegsah. „Ich wollte dich nur vorwarnen, dass wir dieses Wochenende aufbrechen, mit deiner Erlaubnis oder ohne."
„Weißt du was?", sagte Harry unverwandt. „Ich glaube sowieso nicht, dass Voldemort noch einmal versuchen wird, diese Verbindung zwischen uns zuzulassen."
„Und woher willst du das wissen?"
„Weil er gesehen hat, wozu Dumbledore fähig ist. Solange wir ihn haben, wird Voldemort es nicht wagen, uns hier anzugreifen."
„Ja, das stimmt. Dass Dumbledore ihm im Ministerium die Stirn geboten hat, war ein wichtiges Signal. Trotzdem müssen wir uns vorsehen. Jeden Tag verschwinden einfach Menschen, Harry. Dass im Tagespropheten gelogen wird, ist nichts Neues. Aber diese Vorfälle sind keine Zufälle. Obwohl das Ministerium hart durchgreift und viele Verhaftungen vorzuweisen hat, ist es machtlos. Scrimgeours rücksichtsloses Vorgehen ist vermutlich nicht der richtige Weg, ich bin trotzdem überzeugt, Voldemort führt irgendwas im Schilde. Das heißt, wenn Malfoy jetzt wirklich ein Todesser ist, könnte er eine ganz schöne Gefahr für uns werden. Denk doch nur mal nach! Sein Vater sitzt mehr oder weniger wegen der Pleite mit der Prophezeiung in Askaban und ständig tauchen die vom Ministerium bei ihm zuhause auf und durchsuchen es nach Hinweisen auf dunkle Magie. Draco muss ganz schön verzweifelt sein."
„Kann schon sein. Aber woher soll er denn wissen, dass Ron und ich ihn belauscht haben? Mr Weasley würde dem Tagespropheten niemals verraten, was wir herausgefunden haben und wozu wir Draco verdächtigen."
„Das weiß ich doch. Nur zu dumm, dass dein Hinweis an Rons Dad nichts gebracht hat und die vom Ministerium auf dem Anwesen der Malfoys nichts gefunden haben."
„Ich bin derselben Meinung wie Harry", schaltete Ron sich da auf einmal ein. Er hatte die ganze Zeit über von seinem Platz aus Lavender und ihre Freundinnen beobachtet und der Unterhaltung keine wesentliche Beachtung geschenkt. „Wir können uns nicht darauf verlassen, was Snape dir erzählt, Hermine. Er könnte dir alles Mögliche auftischen und du würdest es vermutlich gar nicht merken."
„Danke, Ron", sagte Hermine sarkastisch und rollte mit den Augen. Es war bemerkenswert, dass er überhaupt einen Fetzen ihres Gesprächs mit Harry aufgefangen hatte.
„Ich meine", fuhr er fort, „wenn Voldemort erfährt, dass Snape hinter seinen Horkruxen her ist, was denkt ihr, würde er mit ihm machen?"
Daran wollte Hermine aus verschiedenen Gründen lieber keine Gedanken verschwenden. Sie war mittlerweile überzeugt davon, dass der Professor Voldemort genauso erledigt haben wollte wie sie selbst. Und wenn nur, um Rache zu nehmen.
Während sie gedankenverloren den Tagespropheten durchblätterte, der ausgiebig von der Durchsuchung auf Malfoy Manor berichtete, kam ihr in den Sinn, dass Draco sich seit Schulbeginn auffallend ruhig verhalten hatte. Sie runzelte die Stirn. Ausgerechnet Draco, der es immer genossen hatte, hochtrabend über andere herzuziehen, die seiner Meinung nach unter seiner Würde waren, sollte nun plötzlich damit aufhören? Das konnte nicht sein. Wenn er so verzweifelt war, wie Hermine vermutete, plante er mit Sicherheit irgendwas richtig Großes und Gefährliches. Etwas Besorgniserregendes.
Sie sprang wie vom Blitz getroffen auf die Beine, so dass Harry sein wohlbehütetes Zaubertränkebuch aus den Händen fiel und er ein erzürntes „Hermine!", vernehmen ließ. Lediglich Ron saß weiterhin unbehelligt da, ein seliges Lächeln auf dem Gesicht, das seine Verzückung über Lavenders zugeworfene Kusshand widerspiegelte.
„Entschuldigt", sagte sie hastig. „Mir ist da grad was eingefallen."
Harry sammelte grummelig sein Buch vom Boden auf und noch ehe Ron begriff, was geschah, war sie auch schon weg.
Hermine eilte schnurstracks in die Kerker und hämmerte dort wie wild an die Tür von Snapes Büro. Es war irrsinnig, wieso sie nicht schon eher drauf gekommen war, doch nun schien sonnenklar zu sein, dass zumindest ein Teil seines eigenartigen Verhaltens mit Draco zusammenhing. Snape musste einfach wissen, was sein langjähriger Lieblingsschüler vorhatte.
„Professor Snape, bitte machen Sie auf! Ich muss Ihnen was Wichtiges ..."
„Aber, aber", sagte da eine Stimme. „Was ist denn mit Ihnen los?"
Hermine wirbelte herum und sah am anderen Ende des Gangs den blank polierten Kopf von Professor Slughorn aus seinem Klassenzimmer für Zaubertränke auftauchen.
„Ich wollte zu Professor Snape", sagte sie um eine Ausrede verlegen. „Meine Hausaufgaben … wissen Sie vielleicht, wo er ist?"
Slughorn kam auf sie zu und gesellte sich zu ihr, mit den Händen seinen umfangreichen Bauch streichelnd.
„Ich fürchte, Sie haben kein Glück, Miss Granger. Er hat vorhin recht unerwartet das Schloss verlassen."
„Verlassen? Oh. Aber ..."
Sie verstummte. Es hatte wohl keinen Sinn, ihn zu fragen, ob er wusste, wohin Snape gegangen war. Hermine bezweifelte, dass Slughorn die Tätigkeiten des Professors auch nur annähernd bewusst waren; Slughorn hatte auf sie bisher den Eindruck erweckt, alles was mit Voldemort zu tun hatte, herunterzuspielen, als würde er um dessen Existenz einen großen Bogen machen wollen.
„Kann ich vielleicht etwas für Sie tun?", fragte er freundlich und sogleich legte sich ein breites Lächeln über sein Gesicht, das seinen mächtigen Schnauzer erzittern ließ. „Aber jemand mit Ihren Talenten braucht sich doch um seine Hausaufgaben nicht zu sorgen. Da fällt mir ein, ich würde mich freuen, Sie am Samstagabend auf meinem Fest begrüßen zu dürfen. Ein paar Schüler und ich werden uns zu einem gemütlichen Schwätzchen treffen. Es gibt allerhand leckere Köstlichkeiten dort. Bestimmt wird sich Mr Potter -"
„Harry ist auch eingeladen?"
„Aber sicher doch. Hat er Ihnen noch nichts davon erzählt?"
Hermine schüttelte leicht säuerlich den Kopf und auch Professor Slughorn wirkte etwas brüskiert darüber.
„Nein, hat er nicht."
Offenbar hatte Harry so viel damit zu tun gehabt, über Snape herzuziehen, dass er ganz vergessen hatte, es zu erwähnen. Hermine schluckte ihren Ärger auf Harry zusammen mit ihrem Ärger auf Draco und Snape herunter.
„Es ist mir fast ein bisschen peinlich, Professor, aber ich kann nicht kommen. Ich habe dieses Wochenende eine Art privaten Unterricht bei Professor Dumbledore. Es ist sehr wichtig für meine weitere Karriere und da er bei all seinen Pflichten rund um Hogwarts nur äußerst selten Zeit hat, wird sich dieser Termin nicht verschieben lassen."
Was für eine blödsinnige Ausrede! Slughorn jedoch ließ sich nahezu problemlos dadurch besänftigen.
„Wenn das so ist, werden wir uns ein andermal sehen. Es ist ja nicht aus der Welt. Und seiner Zukunft sollte man nicht leichtfertig entgegenblicken."
Hermine lächelte gequält in sein glänzendes Gesicht. Ihre Zukunft war so ungewiss, dass mit erschlagender Wahrscheinlichkeit nicht einmal Dumbledore einen vernünftigen Rat zur Stelle hatte, wenn man ihn brauchte.
„Nein, sollte man nicht."
Sie verabschiedeten sich voneinander und Hermine kehrte bedröppelt in ihren Turm zurück, wo sie im Gemeinschaftsraum Harry und Ron um ein Schachbrett versammelt vorfand. Lavender war nicht zu sehen und so war es kaum verwunderlich, dass Ron endlich wieder in die Realität zurückgefunden hatte. Hoffentlich stieg ihm ihre Bewunderung für ihn nicht zu sehr zu Kopf.
„Du hast mir gar nichts von Slughorns Treffen gesagt", bemerkte Hermine beiläufig, als sie sich zu ihnen setzte. Harry blickte auf und sah sie fragend an, woraufhin sie ihn bereitwillig aufklärte. „Ich war gerade in den Kerkern, weil ich Snape was fragen wollte, da kam Slughorn aus seinem Klassenzimmer und erzählte mir, dass Snape das Schloss verlassen habe. Er hat mich auch gleich eingeladen ... Slughorn meine ich."
Ron stieß ein missgelauntes Brummen aus. Ihm gefiel gar nicht, dass er bisher nicht auf Slughorns Liste stand.
„Du wolltest Snape was fragen?", gab Harry interessiert zurück.
„Ja. Wegen unserer bevorstehenden Reise."
Das war nur zum Teil gelogen. Tatsächlich aber hatte sie vorgehabt, ihn wegen ihrer Vermutungen bezüglich Draco anzusprechen.
„Na, dann hast du ja Glück, dass du dieses Wochenende mit Snape um die Häuser ziehst", sagte Harry zynisch. „Cormac ist nämlich auch eingeladen und wie man hört, soll er ein ziemlicher Weiberheld sein … macht mit allem rum, was ihm in die Quere kommt."
Hermine warf ihm bei der Erwähnung von Cormac einen warnenden Blick zu, denn Ron wusste ja nichts von der Sache mit dem Verwechslungszauber.
„Ist Ginny nicht auch auf dieser Feier?", wollte Ron beiläufig wissen.
Hermine stöhnte auf. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Ron seinen Kummer über ihre Abfuhr so schnell vergessen würde, doch anscheinend hatte Lavender ihn voll im Griff. Eigenartig war nur, wieso er sie neulich überhaupt nach Hogsmeade einladen wollte, wenn ihm die Verabredung mit ihr so wenig bedeutet hatte.
„Ginny würde sich nie mit so einem Angeber einlassen, Ron. Cormac ist ein schleimiger Mistsack, falls es dir entgangen ist."
„Jaah, aber zwischen Ginny und Dean soll es gewaltig kriseln, hört man."
„Und wenn schon! Das geht dich gar nichts an. Ginny ist ein tolles Mädchen. Sie hat auf jeden Fall was Besseres verdient als Cormac."
„Natürlich hat sie das, sie ist ja auch meine Schwester. Aber Cormac kann einem schon leidtun, wo er doch das Testspiel versaut hat. Ich hätte nie gedacht, dass ich den schlagen kann!"
„Ähm, also, du warst wirklich gut", sagte Hermine, „und das nicht nur beim Testspiel … wisst ihr, ich glaube, ich muss noch mal meinen Aufsatz für Verteidigung durchlesen. Mir ist da gerade eingefallen, dass ich was vergessen hab ..."
„Verteidigung?", fragte Ron verwirrt. „Aber wir haben doch morgen gar kein Verteidigung!"
„Das macht nichts. Ich will auf alle Fälle vorbereitet sein, nicht dass Snape mich noch einmal nachsitzen lässt."
Sie sprang förmlich aus ihrem Sessel und eilte die Treppe hoch, die in ihren Schlafsaal führte. Was sie gesagt hatte, stimmte nicht ganz, denn in Wahrheit hatte sie längst überlegt, ob sie es irgendwie drauf ankommen lassen sollte, um die Gelegenheit zu bekommen, ihn zu sehen.
Es macht keinen Unterschied, redete sie sich vehement ein und warf sich, das Gesicht voraus, der Länge nach aufs Bett. Sie hatte ihre Chance bei Ron gehabt, ebenso wie Ginny bei Dean. Wenn überhaupt, war sie nicht eifersüchtig auf die beiden, sondern nur neidisch, weil sie etwas hatten, was sie nicht haben konnte: Eine stinknormale Teenager-Beziehung mit allen dazugehörenden Höhen und Tiefen.
Die Minuten vergingen und Hermine lauschte angestrengt dem Regen, der laut gegen die Fenster schlug. Sie geriet immer mehr ins Grübeln und kam nicht umhin, sich in Gedanken damit auseinanderzusetzen, ob sie mit Snape dasselbe haben würde, wenn er nur bereit wäre, auf sie zuzugehen. Zunächst einmal war er, wie sie insgeheim vermutete, bei Voldemort. Es tat weh. Sie hatte sich auch früher schon mit der Vorstellung beschäftigt, wie es für ihn sein musste, fortzugehen und sich seinem Peiniger auszuliefern. Vielleicht würde sie ihn am Wochenende danach fragen, doch um ehrlich zu sein, fehlte ihr dazu der Mut. Die Wahrscheinlichkeit, sich zwanglos mit ihm unterhalten zu können, hatte sie in ihrem Eifer verspielt. Eher würde er sie in der Küche an einen Stuhl fesseln und sie erst dann wieder losbinden, wenn er mit seiner Arbeit fertig war.
