Der Boden näherte sich ihm mit einem ungeheuren Tempo, was Draco allerdings nicht wirklich überraschte - schließlich war nichts anderes zu erwarten, wenn man kopfüber von seinem Besen gestoßen wurde.
Wenn ich das hier überlebe, bringe ich den Elf um. Sofort.
Er schloss die Augen und hoffte still darauf, dass er im Tod noch etwas von seiner Schönheit erhalten konnte, als sein Fall plötzlich abgebremst wurde. Zögerlich öffnete er zunächst ein Auge, dann das andere, und fand sich plötzlich einem Zauberstab gegenüber.
Harry Potters Zauberstab, um genau zu sein.
"Draco!" keuchte der Andere atemlos und wedelte sanft mit der Hand, woraufhin er einmal um 180° gedreht wurde und sich schließlich wieder aufrecht auf dem Rasen wieder fand, nur um dort seinen verständlicher Weise etwas weichen Knien nachzugeben und reichlich würdelos ins Gras zu sinken.
Tada, Weasley, ich knie vor Harry. Hast du hellseherische Fähigkeiten?!
"Ist... ist alles in Ordnung mit dir?"
"Sehe ich verdammt nochmal so aus, als wäre alles mit mir in Ordnung?!" keifte der Blonde zurück, woraufhin dem Gryffindor ein erleichtertes Seufzen entfuhr.
"Merlin sei Dank, dir geht es gut", meinte er leise, konnte es aber dennoch nicht lassen, sich neben dem Anderen niederzulassen und mit sanften Bewegungen dessen Haar aus seinen Augen zu streichen, sowie prüfende Blicke über den unversehrten Körper Dracos gleiten zu lassen.
"Als hätte es dir etwas ausgemacht, wenn ich mir den Hals gebrochen hätte", murrte dieser zurück und entzog sich den Berührungen, obwohl alles in ihm danach schrie, einfach still liegen zu bleiben und das Ganze weiter zu genießen, "du hättest vermutlich auf meiner Leiche getanzt, an meiner Beerdigung gelacht und meine Eltern zu meinem Ableben beglückwünscht."
"Klar, darum habe ich dich auch gerettet", analysierte Harry mit hochgezogener Augenbraue und schnappte sich erneut Dracos Handgelenk um dessen Puls zu fühlen, der deutlich erhöht war. Was dummerweise nicht nur an dem unfreiwilligen Stunt sondern auch an der Anwesenheit eines gewissen anderen Zauberers lag.
"Potter'scher Heldenstatus", gab Draco zurück und sah immernoch starr an dem Gryffindor vorbei irgendwo auf einem Punkt hinter dem Schloss, wo die Sonne gerade ihren Höchststand erreichte, "du kannst vermutlich nicht anders. Das Selbe hättest du bei Snape getan."
Harry schnaubte, ließ das Handgelenk des Anderen aber nicht los sondern begann, kleine Muster auf die Haut zu malen. "Könntest du dich nicht einfach bedanken?"
"Wofür, Potter?" fragte Draco schneidend zurück und zog abrupt seine Hand zurück, "für mein Leben? Danke, dass du es versaut hast! Ganz großes Quidditch! So allumfassend schlecht ging es mir schon lange nicht mehr, und das ist allein deine Schuld!" Wütend versuchte er aufzustehen, aber seine Beine waren leider noch nicht so reflexschnell wie seine Zunge und deswegen kam er nicht wirklich weit. Harry beobachtete seine Anstrengungen mit einem schwer zu deutenden Blick und versetzte ihm schließlich einen heftigen Stoß gegen die Brust, sodass er sich plötzlich auf dem Rücken wiederfand. Der Gryffindor setzte sich rittlings über ihn und fixierte ihn mit einem durchdringenden Blick.
"Jetzt hörst du mir mal zu, Draco Malfoy! Ich habe dein Leben nicht versaut, ich habe es gerade gerettet! Und auch, wenn es für dich vielleicht schwer zu glauben ist, habe ich das nicht nur gemacht, weil ich ein Held bin, sondern weil ich es aus irgendeinem selbstzerstörerischen Grund nicht ertragen könnte, wenn dir etwas geschehen würde!"
Dracos Augen weiteten sich verwirrt und sein Unterkiefer fiel herab. Harry seufzte.
"Ich will nicht, dass du auf dem Grund des Sees verrottest", flüsterte er leise, so als müsste ihm dieses Eingeständnis fast peinlich sein und senkte den Blick.
Dracos einzige Antwort war ein trockenes Schnauben, während er den Gryffindor reichlich unfeierlich von sich herunter schob. "Ich gratuliere dir, Potter. Sag es aber nicht zu laut, wir wollen ja nicht, dass deine kleinen Gryffindor-Freunde dich hören und einen Heulkrampf bekommen, nicht wahr?"
Wieder machte er den ziemlich ausweglosen Versuch, auf die Beine zu gelangen, und wieder knickten seine Beine unter ihm ein wie Zahnstocher. Blöder Elf. Blöder Potter. Blöde verfluchte Mistsituation, in die er sich da wieder einmal hineinkatapultiert hatte!
"Was soll das?!" fragte Harry, irgendwie leicht angesäuert klingend, was den Unmut des Blonden nur noch anstachelte. Potter war sauer auf ihn?! Na, das wurde ja immer besser. "Was soll ich denn bitte schön machen oder tun, damit du aufhörst, dich so völlig irrational aufzuführen?"
"Irrational?!" wiederholte Draco entrüstet und wandte dem Dunkelhaarigen das erste Mal seit dessen Auftauchen seinen Blick zu, "was ist daran denn bitte irrational?" Ein erneuter Versuch, aufzustehen, und wieder kam er nicht weiter als bis auf seine Knie. Super.
"Du... du... Könntest du verdammt nochmal aufhören, immer wieder aufstehen zu wollen?! Bondarus!"
Sein neuester, fruchloser Aufsteh-Ansatz wurde im Keim von aus dem Nichts auftauchenden Bändern erstickt, die sich um seine Beine wickelten und ihn so zurück auf den Rücken warfen. Er schloss genervt die Augen.
"Lass mich sofort los, Potter!"
"Ach, sind wir jetzt wieder bei den Nachnamen?!" fragte Harry wütend und beugte sein Gesicht dicht über seines, so dicht, dass Draco ganz automatisch den unverwechselbaren Harry-Duft einatmete, seine Knie noch eine Spur weicher wurden und er sich innerlich für seine Schwäche in den schillernsten Farben verfluchte.
"Überrascht? Es wird dich vielleicht wundern, aber die meisten Leute, die mich bei meinem Vornamen nennen, haben nicht den Tod meiner Familie im Sinn!" zischte er zurück und hob die Lider, dem Dunkelhaarigen einen wutsprühenden Blick zuwerfend. Dieser zuckte nichtmal mit der Wimper.
"Ja, ich gebe es zu, ich hasse deinen Vater", erwiderte er ungerührt, "und ich kenne deine Mutter nicht, aber von dem, was ich über sie gehört habe, ist sie auch nicht unter den Top Fünf der Leute, die ich mit mir auf eine einsame Insel nehmen würde. Du allerdings...", seine Augen bohrten sich unbarmherzig in Dracos, "du..."
"Harry!" unterbrach da eine Stimme den Satz des Gryffindor, und Draco hatte noch nie solche Mordwallungen gegen eine Störung empfunden wie in diesem Augenblick, "geh SOFORT von Malfoy runter!"
Harry stutzte verblüfft und hob den Kopf, dadurch auch Dracos Blickfeld etwas weitend, woraufhin seine Augen unversehens auf Hagrids breite Gestalt fielen. Nach dem verlockenden Anblick der Lippen des Dunkelhaarigen so dicht vor seinen war der Halbriese ein ziemlicher Abfall auf der Aussehensskala.
"Aber... ich...", machte der Gryffindor hilflos, und der Blonde schnaubte leise.
"Fang gar nicht erst damit an, Harry! Ich habe genau gesehen, dass du seine Beine gefesselt hast! Was auch immer er gemacht hat, du musst ihn deswegen ganz sicher nicht verprügeln!"
Verprügeln. Klar, das hatte er machen wollen. Super kombiniert, Sherlock. "Mir geht es gut", presste Draco zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, und Hagrid schüttelte den Kopf.
"Sehr freundlich, Mr Malfoy, dass Sie Harry verteidigen, aber das geht wirklich zu weit!" Mit einem Ruck hob er Harry von ihm herunter als wöge der Andere nur soviel wie ein etwas größerer Kürbis und richtete dann Draco auf, die seine Beine umstrickenden Seile von ihm herunterreißend als wären es Spinnweben. Vertrau auf einen von Potters trotteligen Freunden, um die interessanteste Situation in so ein völliges Debakel werden zu lassen.
"Also wirklich, Harry! Und ich dachte, du hättest dich besser unter Kontrolle!" Hagrid schüttelte betrübt seinen Kopf und Harry hatte anscheinend die Fähigkeit zur Sprache verloren. War ja klar, dass der Tag noch durch die Tatsache hatte gekrönt werden müssen, dass er sich nun mit diesem Riesenbaby unterhalten musste.
"Wir regeln das schon", grollte er und warf dem Halbriesen einen seiner vielgerühmten Eisblicke zu, woraufhin dieser jedoch nur laut seufzte.
"Jaja, und ich weiß auch, wie ihr das Regeln wollt! Aber diesmal nicht!" So etwas ähnliches wie ein herrischer Zug erschien um Hagrids Mundwinkel, und Draco seufzte lautlos in sich hinein. Der Typ musste weg, und zwar dringend. Und besondere Umstände erforderten besondere Mittel.
Von daher schnappte er sich in einer blitzschnellen Bewegung Harrys Handgelenk, zog den Gryffindor eng an sich und küsste ihn, ungeachtet des panischen Ausdrucks in dem Grün seiner Augen. Einen winzigen Augenblick wehrte sich der Dunkelhaarige noch, dann entspannte er sich und erwiderte den Kuss - und dies mit einer solchen Sanftheit, dass seine vorherige Wut fast - aber auch nur fast - verklungen wäre.
Ein Räuspern ließ sie auseinander fahren.
"Ähm... ich... nun... ihr seid... hehe... die Situation wurde wohl falsch eingeschätzt! Ich... naja... ich denke, ich gehe... wohl... Macht einfach weiter... Oder.. vielleicht... was auch immer! Ich... argh..." Hagrid rang sichtlich um Worte und das bißchen von seinem Gesicht, dass nicht von dichtem Bart bedeckt war, hatte die Farbe einer überreifen Tomate angenommen. "Völlig.. ähh.. überraschend! Und dabei sah es so eindeutig aus... aber man kann wohl nie wissen, nech.. ehh..."
Draco verdrehte die Augen und vergrub sein Gesicht in Harrys Halsbeuge. "Unser Gespräch ist noch nicht beendet, Potter", raunte er leise in dessen Ohr, ehe er sich mit einem strahlenden Lächeln zu Hagrid umdrehte. "Richtig. Wir gehen." Und damit schnappte er sich Harrys Handgelenk, sich dessen besorgter Blicke in seinem Rücken durchaus bewusst, und zog ihn mit sicheren Schritten in Richtung der Umkleideräume für die Quidditch-Spieler, Hagrid Hagrid sein lassend.
"Draco...", setzte der Gryffindor an, schwieg jedoch sofort nachdem der Blonde ihm einen eisigen Blick zugeworfen hatte.
"Ich habe dir nicht gestattet, mich wieder so zu nennen", sagte er bissig, woraufhin Harry etwas bedröppelt den Kopf sinken ließ.
Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, als Draco den Gryffindor auch schon reichlich unsanft gegen die Wand drückte und dessen Handgelenke über seinem Kopf fixierte. Silbernes Feuer schien in seinen Augen zu lodern, während er sich fast bedrohlich nah an den Anderen presste. "Also? Ich bin...?"
Harrys Kehlkopf bewegte sich etwas und ein leichtes Rosa färbte seine Wangen. "Ist doch egal, Dra--- Malfoy", berichtigte er sich selbst, Mutlosigkeit in der Stimme, "du bist doch eh nicht davon zu überzeugen, dass es mir leid tut."
Ein leises Lächeln legte sich auf Dracos Züge und er hob sanft Harrys Kinn an. "Tut es das denn?"
Harry blinzelte überrascht und runzelte leicht die Stirn. "Wa--- habe ich das etwa nicht gesagt?!"
"Nein", erwiderte der Blonde bloß, "also?"
Der Gryffindor schnaubte leicht. "Es tut mir leid, Malfoy", sagte er etwas steif, woraufhin Draco noch etwas breiter lächelte.
"Draco."
"Was?"
"Nenn mich Draco."
"Hä?!"
Draco seufzte. "Nicht Malfoy, sondern Draco." Er sah mit fast verlegenem Gesicht an Harry vorbei und fragte sich zum wiederholten Mal, wie er sich bloß immer in diese Situationen brachte. Unglaublich. Er, der gerühmte Eisprinz, führte immer wieder diese völlig seinem Typ widersprechenden Herz-zu-Herz-Gespräche. Und alles nur wegen Potter, war es zu fassen... "Du hast bisher nicht gesagt, dass es dir leid tut, und wenn es das tut, dann ist das genug."
Harry starrte ihn einen Moment lang sprachlos an. "Du meinst, wenn ich das gleich gesagt hätte, hätten wir uns das alles sparen können?!"
Die einzige Antwort war ein kurzes Schulterzucken Dracos. "Vermutlich." Seine Augen funkelten leicht auf. "Aber wir kommen vom Thema ab - was wolltest du sagen, bevor der Halbriese dazwischen kam?"
"Hagrid", murmelte Harry geistesabwesend. Draco runzelte leicht die Stirn.
"Was?!"
"Er heißt Hagrid", erklärte der Gryffindor stur, und der Blonde seufzte erneut.
"Gut, meinetwegen. Was wolltest du sagen, bevor Hagrid dazwischen kam?"
Das Rot auf Harrys Wangen intensivierte sich und er begann, leicht hin und her zu zappeln. "Ich... äh..."
"Komm schon, Harry", flüsterte Draco leise, obwohl sich angesichts der Nervosität des Anderen ein kleiner, heißer Klumpen der Aufregung in seiner Bauchgegend bildete, "wo ist dein berühmter Gryffindor-Mut geblieben?"
Harry holte einmal tief Luft und sah ihm dann fest in die Augen. "Du... du bist die Verkörperung von all dem, wovon ich Abstand halten sollte."
Gut, soviel zu seiner Aufregung. Der heiße Klumpen verflüchtigte sich und ließ eisige Leere zurück. Danke, Potter.
"Du bist arrogant, selbstverliebt, bissig, unterkühlt und so sehr slytherin, dass es ein Wunder ist, dass deine Haut nicht grün ist. Außerdem machst du dich nur zu gern über alle meine Freunde lustig." Seine Stimme klang fest und schnitt mit Präzision kleine, heftig blutende Wunden in Dracos Herz. "Aber du bist auch witzig, intelligent, interessant, geheimnisvoll und viel zu gutaussehend, als es eigentlich für einen einzigen Menschen erlaubt sein sollte."
Draco hob verwirrt den Blick und sah fast hoffnungsvoll in Harrys Augen. Das Grün schien ihn zu verschlingen. "Du bist die Art Mensch, vor der mich Sirius immer gewarnt hat und wohl der Einzige an dieser Schule, bei dem Ron an meinem Verstand zweifeln würde, wenn ich jemals mit dir zusammen kommen sollte."
Wenn?!
"Nichtsdestotrotz", fuhr Harry leise fort, "bist du auch der Einzige, der mich dazu bringt, all dies zu vergessen und einfach nur ich zu sein, ohne all die Erwartungen, die an meinen Namen geknüpft sind. Du musst mich nur ansehen und ich habe das Gefühl, dass alles andere um mich herum an Bedeutung abnimmt - und vielleicht ist das auch nur ein Trick und du machst das alles nur, um mich demnächst an Voldemort zu übergeben, aber ich denke, diese Gefahr werde ich in Kauf nehmen müssen."
Es war das erste Mal, dass Draco bei der Nennung des Namens von Dem-Der-Nicht-Genannt-Werden-Darf nicht zusammenzuckte, aber es fiel ihm nicht einmal auf.
"Denn irgendwie... ist es passiert. Das, wovor mich alle gewarnt haben; das, was nie hätte geschehen sollen; das, was fast noch ein größerer Skandal ist als das ganze Umbridge-Debakel und wohl auch das, was mich mit einem geschätzten Drittel der restlichen Bevölkerung dieser Schule verbindet." Bei den letzten Worten kräuselte er leicht seine Lippen, sah aber weiterhin mit diesem undurchdringlichen Ausdruck in Dracos Augen.
"Ich... habe mich in dich verliebt..."
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Weiheihei, es lebe der Cliffhanger!! Falls ihr jetzt ein fröhlich keckerndes Lachen hört - jaa, das bin ich, ich sitze irgendwo in einer Ecke eures Zimmers und lache mir ins Fäustchen. Also, nur mal so, falls ihr es nicht eh schon vermutet habt - wir nähern uns mit großen Schritten dem Ende! Geschätzte zwei Kapitel folgen noch, dann ist wohl auch diese FF abgeschlossen (ja, ich habe es tatsächlich bald geschafft).
Wie stets bedanke ich mich auch an dieser Stelle wieder bei meinen göttlichen Reviewern - ihr seid super, Leute!! Freut mich, dass die Story so gut bei euch ankommt und ihr mir trotz der elendig langen Schreibpausen die Treue gehalten habt... DANKE, DANKE, DANKE!!
