Fünfter Teil: Tomorrow and Tomorrow and Tomorrow
Kapitel 20
Rattenwege
Ein dunkler Laut, der direkt an ihrem Ohr vorbeizustreifen schien, riss Adelia aus dem Halbschlaf. Sie fuhr auf. In der Dunkelheit sah sie eben noch einen Vogel an ihrem Balkon vorbeifliegen. Es war eine Eule, vermutlich die von Rosie. Die hielt sich zwei Eulen, so, wie andere Leute Papageien hatten. Adelia hatte schon oft Eulen über dem Dorf kreuzen sehen, und als sie Rosie einmal danach fragte, hatte diese irgendwas von "Brieftauben" gemurmelt. Rosie war eben manchmal etwas seltsam.
Der Gedanke an Rosie brachte die Erinnerung zurück an das, was sie beobachtet hatte, bevor sie weggedöst war. Das Dach des Pepperleaf-Hauses! Ja, richtig, das hatte sie nicht geträumt! Da war immer noch das Loch in den Ziegeln zu sehen. Und da – das war doch Licht, da hinter den Fenstern im Erdgeschoss? Ein ganz schwacher Schimmer nur, vielleicht von einer Kerze oder einem Kaminfeuer, aber eindeutig Licht!
Also doch Einbrecher! Oder – brannte es da etwa?!
Jetzt konnte sie es nicht länger aufschieben. Sie musste etwas unternehmen. Mühsam stand sie auf. Das Telefon stand drinnen auf dem Tisch.
oooOOOooo
Erst als es unten schon seit einer Weile still geworden war, wagte Peter, die Ratte unter dem Kleiderschrank, wieder eine Bewegung. Sirius hier! Von allen Leuten ausgerechnet Sirius! Er hatte den Kleinen mit sich nach unten genommen, und Peter war allein hier oben zurückgeblieben, allein mit der Toten, über deren nackte Beine Sirius eine bunt bestickte Decke gebreitet hatte. Eine Ecke davon berührte fast den Kleiderschrank.
Wie konnte Sirius nur so schnell erfahren haben, dass der Fidelius-Zauber gebrochen worden war?
Und jetzt – jetzt suchte er ihn, Peter! Diese Gewissheit sank wie ein Eisklumpen in seine Eingeweide. Sirius würde ihn töten, das war ihm klar. Der würde sich nicht erst damit aufhalten, nach den Details zu fragen.
Er musste fliehen. Verschwinden, untertauchen – verdammt, er musste sich ausradieren! Jetzt hatte er sie alle auf den Fersen: den Phönixorden ebenso wie die Todesser, die das Verschwinden ihres Herrn doch bestimmt mit ihm in Verbindung bringen würden. In jedem Fall würden sie ihn als möglichen Augenzeugen vernehmen wollen.
Er zuckte zusammen, als er wieder Geräusche von unten hörte. Sirius war also immer noch im Haus. Er konnte ihn weinen hören. Wenn er an den Toten da unten dachte, den er kaum anzusehen gewagt hatte, fühlte er selbst einen komischen Schmerz in Kehle und Augen. Warum gerade James? Warum musste ausgerechnet James der Preis gewesen sein, den er für sein Überleben hatte zahlen müssen? Doch Ratten können nicht weinen.
Aber während er seinem eigenen dröhnenden Herzschlag lauschte, wurde ihm klar, dass Sirius gar nicht hier war, um ihn zu suchen. Er würde ihn hier nicht einmal vermuten, sondern annehmen, dass er längst über alle Berge war. Sirius war wegen James hier.
Das bedeutete vielleicht einen kleinen Aufschub, eine winzige Zeitspanne, die er nutzen konnte, wenn er es schlau genug anstellte. Zuallererst musste er Voldemorts Zauberstab und Umhang wieder an sich nehmen und in Sicherheit bringen. Er hätte es nicht erklären können, aber während er hier in der Düsternis kauerte, die dieses fürchterliche Kürbislicht nur färbte, ohne sie wirklich zu erhellen, wusste er mit zunehmender Gewissheit, dass diesen Hinterlassenschaften des Dunklen Lords immer noch Macht innewohnte. Sie hatten noch eine Bedeutung, und auch wenn sie sich vielleicht erst mit der Zeit enthüllen mochte – er würde jedenfalls nicht so blöd sein, diese Dinge jemand anderem zu überlassen.
Und dann war da noch die Maske – ein rätselhafter Fund. Jemand musste ihnen gefolgt sein, als Voldemort mit ihm hierher appariert war. Und dieser Jemand hatte vielleicht gesehen, was hier passiert war. Vielleicht hatte er sogar dazu beigetragen?!
Snape! Natürlich! Er war bei den Todessern in diesem seltsamen Raum gewesen, vorhin, vor einer Ewigkeit, als Voldemort ihn schließlich doch noch aus seiner Rattengestalt herausgezwungen hatte. Snape – den verband so einiges mit der Frau, die da tot auf dem Boden lag. Ob er für sie seinen Kopf riskiert hätte? Die Szene fiel ihm ein, die er damals in diesem Zimmer im Schrägen Winkel belauscht hatte – hatte der seinen Kopf nicht sowieso schon längst wegen Lily Potter verloren?
Ja, es musste Snape gewesen sein. Vielleicht konnte ihm diese Erkenntnis noch einmal nützlich sein – wenn es wieder einmal galt, sein Überleben gegen sein Wissen einzutauschen.
In diesem Moment krachte unten eine Tür ins Schloss, und schwere Schritte trampelten über die Holzbohlen. Wer war das nun wieder?
Er hatte sich die Frage kaum gestellt, da erkannte er auch schon Hagrids Stimme. Der auch noch! Hagrid war ja vielleicht ein Trottel, aber er war ein verdammt großer Trottel. Der würde jeden, dem er die Schuld für das Desaster hier gab, einfach zertreten – egal, in welcher Gestalt er ihn erwischte!
Und jetzt kam er auch noch die Treppe herauf!
Peter, der sich eben unter dem Schrank hatte vorwagen wollen, floh zurück in die hinterste Ecke. Keine Sekunde zu früh, denn da stand Hagrid schon in der Tür. Für jemanden von seiner Größe war in diesem Zimmer nicht genug Platz, und so blieb er, wo er war. Peter drückte sich zitternd an die Wand. Staubflusen kitzelten seine empfindliche Rattennase.
Was machte der denn bloß? Es war nichts zu hören, außer ein paar schnaufenden Atemzügen. Der schien einfach nur dazustehen und zu glotzen.
In der angespannten Stille schoss durch Peters auf Hochtouren arbeitendes Gehirn der Gedanke, dass Hagrid offenbar nicht über den Geheimniswahrer informiert war – denn sonst hätte er doch Sirius nicht einfach so da unten gelassen, oder? Oder bedeutete das vielleicht, dass er den wirklichen Geheimniswahrer kannte? Natürlich, so musste es sein! Sirius hatte inzwischen bestimmt mit Dumbledore über den Tausch gesprochen! Der Phönixorden war sicher schon auf der Jagd nach ihm!
Ganz unvermittelt trampelte Hagrid wieder hinaus und die Treppe hinunter.
Peter hörte ihn mit Sirius reden. Minutenlang lauschte er zitternd nach unten, ständig in der Erwartung, dass sie wieder heraufkamen.
Und während der ganzen Zeit versuchte er verzweifelt, die Situation zu verstehen. Sirius hätte es am liebsten gesehen, wenn sie niemandem davon erzählt hätten, dass er die Rolle des Geheimniswahrers einem anderen aufgedrückt hatte. Peter war deutlich im Gedächtnis geblieben, wie widerstrebend Sirius zugesagt hatte, Dumbledore überhaupt darüber zu informieren. Kein Wunder! Das war ihm dann natürlich unangenehm gewesen. Konnte ihm ja leicht als Feigheit ausgelegt werden!
Peter bleckte die scharfen Rattenzähne. Aber jetzt bedeutete das möglicherweise einen Hoffnungsschimmer für ihn. Wenn Sirius Dumbledore noch nichts von dem Tausch gesagt hatte, dann würden sie bald Sirius suchen. Und nicht Peter Pettigrew!
In diesem Moment schnitt ein gänzlich unerwartetes Geräusch von draußen seine Überlegungen ab: Da näherte sich ein Auto und hielt dann vor dem Haus. Die Muggel! Sie waren also doch noch aufmerksam geworden!
Auch Sirius und Hagrid mussten das gehört haben. Und jetzt schlug die Autotür! Dann sekundenlang, vielleicht eine halbe Minute lang gar nichts. Und dann, unüberhörbar, das Aufheulen eines Motors, den Peter kannte. Sirius' Motorrad! Das Geräusch riss beinahe sofort ab. Sie waren weg!
Nun musste er handeln, sonst hatte er vielleicht keine Gelegenheit mehr dazu. Wer weiß, was die Muggel hier alles anstellen würden!
Er huschte unter dem Schrank hervor, verwandelte sich zurück und zog die Schranktür auf. Hastig zerrte er Stab, Umhang und Maske zwischen James' T-Shirts und Pullovern hervor. Waren das Schritte auf der Eingangstreppe oder bildete er sich das nur ein? Nichts wie weg von hier!
Aber statt unverzüglich zu disapparieren, stand er da vor dem Kleiderschrank, seine Beute fest an sich gedrückt, und sah sich einem Problem gegenüber, dem er in letzter Zeit ständig begegnete. Weg – ja gut! Aber wohin?!
Wo konnte er unterkriechen, bis er sich darüber im Klaren war, wie es weitergehen sollte? Nach Hause – unmöglich. Und auch die wenigen anderen Plätze, die ihm einfallen wollten, schieden aus. Voldemorts Leute schienen viel zu genau über seine Wege und Schlupfwinkel Bescheid zu wissen. Nein, es gab nur einen einzigen Ort, an dem ihn bald mit Sicherheit niemand mehr suchen würde, die Todesser nicht und ebenso wenig Sirius und der Phönixorden. Und dieser Ort war Godric's Hollow. Außerdem sagte ihm sein schlauer kleiner Rattenkopf, dass er, wenn er noch ein Weilchen in Godric's Hollow blieb, auch beobachten konnte, was hier weiter geschah.
Er hatte sich die Geräusche nicht eingebildet. Unten kam gerade jemand mit zögernden Schritten in den Flur.
Verdammt, er musste jetzt weg hier! Wenn es nur eine andere Möglichkeit gegeben hätte, einen anderen Ort, der Sicherheit und Vertrautheit zugleich bot! Er wollte nicht in Godric's Hollow bleiben! Er wollte fliehen, so weit weg von hier wie nur möglich! Von hier, wo er gerade beinahe über die Tote auf dem Boden gestolpert wäre –
Der Muggel unten hatte jetzt sicher James entdeckt.
Peter holte tief Atem und konzentrierte sich auf die kleine Wildnis zwischen diesem und dem Nachbargrundstück, in der er sich eine Woche zuvor verkrochen hatte. Dann disapparierte er und stand Sekundenbruchteile später in der windigen Dunkelheit.
Wie gut, endlich aus diesem beklemmenden Raum heraus zu sein! Als ihm der Wind jetzt so kalt und heftig ins Gesicht fuhr, ging ihm erstmals mit aller Macht auf, was eigentlich geschehen war: Voldemort war fort! Der Dunkle Lord war hinüber! Und er, Peter Pettigrew, war ihm entkommen! Hatte er sich je zuvor so lebendig gefühlt? Was für eine Nacht!
Aber er durfte jetzt nicht unvorsichtig werden. Geduckt hastete er zum Bachufer hinunter. Hier gab es doch bestimmt irgendwo eine verlassene Tierhöhle, in der er seine Beute sicher verstauen konnte, bis er einen besseren Platz dafür gefunden hatte. In einer solchen Höhle würde auch eine Ratte unterkriechen und ein wenig ausruhen können –
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Adelia hatte noch nie zuvor mitten in der Nacht bei jemandem geklingelt. Moment, eine Klingel gab es hier nicht einmal, nur den altmodischen Türklopfer unter dem Messingschild mit dem Schriftzug "Rose Lovegood". Sie überwand sich und klopfte zaghaft.
"Komm rein, Adelia!", rief Rosie laut aus der Küche.
Woher weiß sie bloß, dass ich es bin?, fragte sich Adelia und schob sich zwischen dem überquellenden Pflanzengewucher in Töpfen, Kübeln und Hängeampeln in die hell erleuchtete Küche ihrer Nachbarin.
"Entschuldige, dass ich um diese unmögliche Zeit hereinplatze", begann sie. "Aber ich habe Licht bei dir gesehen und da –"
"Adelia! Du bist willkommen! Warte einen Moment, dann habe ich Zeit. Muss das nur erst fertig schreiben!"
Rosie klang so wach – überhaupt sah es aus, als sei sie nicht einmal schlafen gegangen. Sie saß am Tisch über einen gelblichen Bogen Papier gebeugt, in der Rechten eine altertümliche Schreibfeder. Jetzt sah sie mit leuchtenden Augen auf. "Setz dich doch! Ich muss es nur unbedingt noch meinem Sohn schreiben!"
Rosies Sohn gehörte auch zu den jungen Leuten, die es von Godric's Hollow weggezogen hatte. Soweit Adelia wusste, war er Journalist und trieb sich ständig an den merkwürdigsten Orten herum. Rosie hatte jahrelang darauf gewartet, dass er eine Frau fand und ein paar Kinder in die Welt setzte, und in diesem Jahr waren ihre Wünsche endlich in Erfüllung gegangen.
"Du bist lange nicht mehr hier gewesen, Adelia. Sind deine Schmerzen heute besser?"
"Wie gesagt, ich habe gesehen, dass bei dir überall Licht brennt", erwiderte Adelia, während sie sich auf den einzigen freien Stuhl setzte und neugierig umsah. All diese Pflanzen! Die sah sie jetzt mit ganz anderen Augen, seit sie entdeckt hatte, dass ihre eigenen Pflanzen so überraschend lebendig waren. Ob die hier auch –?
Dann bemerkte sie, dass sie ihrerseits beäugt wurde: von der kleinen, grauschwarzen Eule nämlich, die auf der Fensterbank saß. Und direkt neben ihr –
Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen. "Rosie! Wie hast du das denn geschafft? Die Pflanze da – das ist doch die, die dir im Sommer eingegangen ist – sie hatte alle Blätter verloren –"
Und trotzdem hatte sie sie nicht wegwerfen wollen. Man konnte nur den Kopf schütteln über so viel Sturheit – nicht einmal jemand wie Rosie brachte es fertig, eine tote Pflanze wiederzubeleben. Aber jetzt waren gleich an zweien der völlig kahlen, verdorrten Zweige große, glockenförmige weiße Blüten aufgebrochen, deren frischer Duft prickelnd durch die Küche tanzte.
Rosie strahlte übers ganze Gesicht. "Ja! Das Feindglöckchen! Es ist eben aufgeblüht! Und das bedeutet, dass der Feind besiegt ist."
Adelia hatte keine Ahnung, wovon sie redete, aber die Freude, die von ihr ausstrahlte, war seltsam ansteckend.
"Es ist ein echtes Feindglöckchen! Ich hatte den Sämling voriges Jahr von einem zuverlässigen Händler gekauft, der seine Ware direkt aus Albanien bezieht, und das ist – aber lassen wir das jetzt. Tatsache ist, dass ich das Unheil auch in den Karten gesehen habe. Ich habe schon länger als ein Jahr verfolgt, wie es sich zusammenbraute. Ich war also vorgewarnt." Rosie verstummte für einen Moment, und ihr sonst so freundliches Gesicht verdüsterte sich. "Letzte Woche sagten mir die Karten dann, dass die Entscheidung herannaht. Es stand auf der Kippe. Alles stand auf der Kippe! Aber der Feind ist vernichtet worden, und zwar heute Nacht!"
Adelia hatte schon bemerkt, dass das seltsame Kartenspiel, mit dem sie Rosie oft in ihren Arbeitspausen gesehen hatte, auf dem Tisch ausgebreitet lag. Es war vielleicht verrückt, aber auf einmal hatte sie die Idee, dass das, wovon Rosie da in Rätseln redete, mit dem, was sie selbst beobachtet hatte, irgendwie zu tun haben könnte –
"Rosie, hast du gesehen, dass das Dach vom Pepperleaf-Haus eingestürzt ist?", fragte sie. "Ich war doch die meiste Zeit auf dem Balkon, aber ich habe nichts gehört! Und das Loch im Dach ist mir vorhin erst aufgefallen. Kann es denn sein, dass das schon früher passiert ist und ich es – einfach nicht bemerkt habe?"
Rosie schüttelte den Kopf. "Nein. Das ist erst in dieser Nacht passiert", sagte sie bestimmt. "Im Haus der Pepperleafs hat ein Kampf stattgefunden, und dabei ist das Dach eingestürzt."
"Ein Kampf?", wiederholte Adelia. "Was für ein Kampf? Und woher weißt du das?"
"Die Entscheidung, von der ich eben gesprochen habe. Die ist heute Nacht im Pepperleaf-Haus gefallen. Der Kampf, bei dem der Unnennbare bezwungen wurde. Ein Kind hat ihn besiegt!"
"Der Unnennbare? Ich fände es wirklich nett, wenn du gerade jetzt einmal nicht in Rätseln sprechen würdest", erwiderte Adelia ein bisschen gereizt. Ihre Knochen nahmen ihr den Weg die Treppen hinunter und durch den nächtlichen Vorgarten zu Rosies Haustür übel. "Und wenn du denkst, der Kleine der Potters könnte irgendwen besiegen, dann irrst du dich. Er ist ja noch ein Baby! Außerdem hab ich die Potters seit Wochen nicht mehr drüben gesehen."
"Ich vermute, sie wollten nicht gesehen werden", sagte Rosie geheimnisvoll und rollte sorgfältig ihren Briefbogen zusammen. Dann versiegelte sie ihn mit einem altmodischen Siegel, befestigte ihn an einem Fuß der kleinen Eule und öffnete das Fenster. "Beeil dich, Fern! Bis London ist es ein weiter Weg!"
Als die Eule verschwunden war, wandte sie sich wieder Adelia zu. "Sie müssen dort sein. Und ja, es war der kleine Harry Potter, das weiß ich. Schon, als er geboren wurde, habe ich gewusst, dass sein Leben eng mit dem Unnennbaren verbunden ist. Genau genommen wusste ich das sogar schon, als ich seiner Mutter die Hand gab, um ihr zu ihrer Heirat zu gratulieren. Weißt du noch, wir waren zusammen drüben, damals."
Adelia beschloss, dass es an der Zeit war, zu den Tatsachen zurückzukehren. "Ich habe Harris angerufen und ihn gebeten, mal drüben nachzusehen. Mir kam es so vor, als wäre da ein flackerndes Licht. Nicht, dass dem armen Mr Potter das Haus abbrennt, während er in London ist."
Rosie sah sie an, und ihre großen blauen Augen verschatteten sich. Sie schüttelte den Kopf. "James Potter ist nicht in London", sagte sie voll tiefem Bedauern. "Wieso Harris?"
"Weil er bei der Feuerwehr ist. Und ein vernünftiger Mann außerdem. Ich – ich wollt' nicht gleich ein Riesenaufhebens machen, vielleicht habe ich mir ja nur etwas eingebildet!"
Rosie schüttelte wieder den Kopf. "Nein, das hast du nicht. Im Pepperleaf-Haus ist wirklich etwas passiert – und zwar das Bedeutendste, das sich seit Jahrhunderten in diesem Dorf ereignet hat! Ich werde jetzt übrigens selbst einmal einen Blick nach drüben werfen. Kommst du mit?"
oooOOOooo
Sirius saß auf der Gartenmauer, zumindest dem arglosen Blick durch das Gewirr der hängenden Weidenzweige entzogen. Zu seinen Füßen rauschte das schwarz glitzernde Wasser des Baches vorbei.
Er musste nachdenken, es waren wichtige Entscheidungen zu treffen – aber er konnte nur an James' Augen denken. Sie waren offen gewesen, und alles, was James ausgemacht hatte, war aus ihnen geschwunden. Da war auch kein Frieden in seinen Augen, keine Erkenntnis oder sonst irgendetwas von dem, was die schaudernden Lebenden dem Moment des Todes gern zuschreiben. Sirius hatte nur Leere darin gesehen.
Das war nicht mehr James gewesen, da auf der Türschwelle, nur ein Körper, in dem James gelebt und den er jetzt verlassen hatte.
Und trotzdem fühlte er schreckliches Mitleid mit diesem Körper, eine schreckliche Trauer um ihn, die ihn geradezu schüttelte. Wie sollte er ihn nur gehen lassen? Wie konnte er ihn allein in diesem Haus lassen, das ihm jetzt wie eine Gruft erschien?
Wie hatte er ihn zurücklassen können?!
Sirius krallte seine Hände ins Gesicht, bis sich die Fingernägel in die Haut bohrten, und fühlte eine vage Erleichterung bei diesem Schmerz. "Er war – alles", flüsterte er. "Und ich hab's ihm nicht mal gesagt!"
Er saß da auf der Mauer, auf der sie so oft zusammen gesessen hatten, und hörte sich selbst keuchend und gepresst atmen, fühlte das schwache, rhythmische Knirschen seiner angebrochenen Rippe, lange Zeit, bis sein Atem endlich ruhiger ging.
Und nach und nach setzte sein Denken wieder ein.
Wo war Peter? War er auch tot? Hatte Voldemort ihn gefoltert, um die Antwort zu bekommen, die er suchte?
Nein, dachte Sirius. Nein, Peter muss man nicht foltern. Das war eben der Schwachpunkt in meiner Kalkulation. Die Sache konnte nur gut gehen, solange auch Peter unauffindbar gewesen wäre – ich dachte, er würde das schaffen. Unauffindbar bleiben. Wozu ist er eine Ratte?!
Jetzt nicht wieder abdriften. Ruhig bleiben. Er musste nachdenken –
Wo war Voldemort? Was war mit dem passiert? Hagrid hatte doch irgendwas darüber gesagt, oder? Konnte es wirklich sein, dass er an einem kleinen Kind gescheitert war? Warum?
Aber seltsamerweise bedeutete Sirius das überhaupt nichts mehr. Seine Gedanken glitten einfach weiter.
Hagrid! Wie kam der eigentlich plötzlich nach Godric's Hollow? Was hatte er gesagt – Dumbledore habe ihn geschickt, um Harry zu holen? Dumbledore wusste also, dass der Fidelius-Zauber gebrochen worden war. Außerdem hatte Hagrid gewusst, dass James und Lily tot waren, Harry aber lebte. Woher? Wer war vor ihm im Haus gewesen und hatte sie informiert? Warum war der Betreffende verschwunden, und wohin?
Sirius seufzte. Das Rauschen des Wassers hatte eine einlullende Wirkung, brachte eine kühle Schläfrigkeit über ihn, der er sich nur zu gern ergeben hätte. Seine Gedanken verwirrten sich, rannen wie Sand durch die Netze seines Denkens. Schließlich aber kristallisierte sich eine weitere Frage aus dem Durcheinander.
Dumbledore wusste, dass der Fidelius gebrochen, die Potters tot waren – und doch hatte er Hagrid, als er ihn nach Godric's Hollow schickte, ganz offensichtlich nicht vor Sirius gewarnt. Zumindest nicht ausdrücklich. Er hatte sicher damit rechnen können, dass sich der Verräter nicht gerade am Tatort aufhalten würde –
Aber Tatsache war, er hatte Hagrid gar nichts über den Geheimniswahrer gesagt! Was bedeutete das? Dass er sich nicht im Klaren war über Sirius' Verschulden?
Sirius seufzte auf. Bestand noch eine Chance für ihn? Konnte er zu Dumbledore gehen und ihm erklären, was geschehen war – was er getan hatte? Für einen Augenblick überließ er sich dieser Vorstellung: Nach Hogwarts, zu Dumbledore zu gehen und mit ihm zu sprechen – zusammen mit ihren anderen Freunden um James und Lily trauern zu dürfen –
Was er in der vergangenen Woche immer wieder aufgeschoben hatte, schien ihm auf einmal wie eine Erlösung zu sein. Ja, er durfte nicht nur, er musste mit Dumbledore reden – sie mussten Peter finden und zur Rechenschaft ziehen, falls er noch lebte.
Peter! Diese Ratte!
Hätte er ihn in diesem Moment vor sich gehabt, er hätte ihn ohne Bedenken getötet. Dass er blöd genug gewesen war, sich von Voldemort einfangen zu lassen – und schwach genug, um James zu verraten – James, einen der drei einzigen Freunde, die er je gehabt hatte! Diese elende, feige, verräterische Ratte!
Aber –
Was, wenn Peter gar nicht eingefangen worden war? Was, wenn Peter schon vorher ein Verräter gewesen war – der Verräter nämlich, den es im Phönixorden geben musste, wie Dumbledore und nicht wenige andere schon seit einer Weile argwöhnten? Was, wenn Peter freiwillig zu Voldemort –
Aber das konnte doch nicht sein! Nicht Peter. Der hatte Angst vor seinem eigenen Schatten –
Er hörte sich rauh auflachen. Was für eine Ironie, wenn Voldemort dieselbe Berechnung angestellt hätte wie er selbst! Dass nämlich niemand in einem so armseligen Tropf wie Peter mehr als eben das sehen würde – was ihn zu einem geeigneten Instrument für jeden machen würde, der skrupellos genug war, ihn ausreichend einzuschüchtern und unter Druck zu setzen.
Auf einmal schienen sich die verschiedenen Informationsfetzen in seinem Kopf zu einem einfachen, überzeugenden Gesamtbild zusammenzufügen. Alles passte so perfekt, dass er sich fragte, wieso er nicht schon längst darauf gekommen war.
So musste es gewesen sein. Peter hatte seine Freunde an seinen Herrn verraten. Sicher, er hatte sich eine Woche Zeit damit gelassen – und über den Grund für diese Verzögerung konnte man nachgrübeln, wenn man wollte. Er, Sirius, wollte das nicht. Für das, was Peter getan hatte, gab es keine Entschuldigung.
Sirius ballte unwillkürlich beide Fäuste. Er würde die Ratte finden, die Wahrheit aus ihm herausprügeln und ihn dann töten. Und wenn es ihn den Rest seines Lebens kostete –
Es war gut, so zu denken. Gut, noch ein Ziel zu haben. Alles war gut, was das Bild von James auf dieser Türschwelle mit anderem überdeckte, und er stürzte sich auf die Überlegungen, die sich aus seiner neuen Perspektive ergaben.
Wo mochte Peter jetzt sein? Immer vorausgesetzt, sein Herr hatte ihn am Leben gelassen, konnte er überall sein. In irgendeinem Kerker – und dieses Wort schien eine flüchtige Erinnerung in ihm auszulösen, die aber verblasste, bevor er sie genauer betrachten konnte – oder auf der Flucht. Ja, wenn Peter frei war, dann würde er sich jetzt auf der Flucht befinden. Ihm musste klar sein, dass Sirius sich unerbittlich an seine Fersen heften würde.
Peter Pettigrew mochte überall sein, überall – nur hier in Godric's Hollow würde er mit größter Sicherheit nicht sein. Nicht am Tatort.
Aber das würde ihn nicht retten.
Sirius wandte sich um und sah zum Haus am anderen Ende des Gartens zurück. Da oben waren Leute. Er konnte Licht in den Fenstern sehen.
Es fiel ihm schwer, den Blick abzuwenden. Die würden da jetzt alles durchsuchen und dann irgendwann – die Leichen fortbringen. Das musste er sehen, stellte er fest. Deshalb hing er immer noch hier herum. Er musste mit eigenen Augen sehen, wie sie James und Lily wegbrachten. Ihm war fast, als brauchte er eine amtliche Bestätigung dafür, dass sie wirklich tot waren. Vielleicht hatte er sich ja geirrt? Er war schließlich kein Heiler. Und man hatte schon seltsame Sachen gehört über Leute, die scheinbar tödlich von einem Fluch getroffen worden waren und dann Stunden später plötzlich wieder aufwachten.
Aber nicht beim Avada Kedavra!, schrie es in ihm auf. Nicht beim Avada! Und ganz sicher hatte sich Voldemort nicht auf irgendwelche anderen Flüche verlassen. Vielleicht war es auch einfach so, dass sein Herz sich nicht damit abfinden konnte, bevor er gesehen hatte, wie sie sie wegtrugen. Auf Bahren, die Gesichter mit Tüchern bedeckt.
Seine Hände klammerten sich um die rauhe Mauerkante. Er hätte selbst da im Haus sein sollen, um seine Freunde auf diesem letzten Weg zu begleiten. Stattdessen saß er hier im Dunkel und versteckte sich wie ein Verbrecher, während sich Fremde um die Toten kümmerten.
Ha, aber er war ja wirklich der Schuldige in dieser Sache! Sollten sie ihn doch verhaften!
Nein. Nein, das ging nicht. Er musste Peter finden. Und für Harry da sein. Das konnte er nur, solange er in Freiheit blieb. Und deshalb musste er diesen Platz hier jetzt verlassen. Es war auf jeden Fall wenig ratsam, dabei entdeckt zu werden, wie er sich am Tatort herumdrückte.
Da hatte er endlich eine einfache Kette aus Notwendigkeiten, ohne verwirrende Fragen. Er sprang von der Mauer in die aufgeweichte Böschung des Baches, leichtfüßig selbst jetzt noch. Der Weg am Bach war ihm von vielen früheren Unternehmungen vertraut, die hier ihren Anfang genommen hatten. Auch in der Dunkelheit fand er sich zurecht. Er würde sich irgendwo in der Nähe verstecken, an irgendeinem Platz, von dem aus er einen guten Ausblick auf das Haus hatte. Und wenn James und Lily weggebracht worden waren, würde er zu Dumbledore gehen.
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Das Geglucker des Wassers direkt vor seiner Nase ging ihm auf die Nerven. Peter hatte keine Ahnung, wie lang er jetzt schon hier in dieser feuchten, kalten Höhle in der Bachböschung saß und angespannt in die Nacht hinausblickte. Er wusste auch nicht, welches Tier hier drin gehaust haben mochte; seine Sinne reichten gerade weit genug, um zu erkennen, dass dieser Ort schon länger verlassen war. Vorhin hatte ihn das nicht gekümmert, da war er nur froh gewesen, so schnell eine ausreichend große Vertiefung gefunden zu haben, in der er seine drei Beutestücke fürs Erste unterbringen konnte. Aber je länger er hier saß, desto erleichterter war er, dass er wenigstens nicht mit der überraschenden Rückkehr des Bewohners rechnen musste. Er hatte auch so schon Sorgen genug.
Sein bisheriges Leben hatte vorhin ein abruptes Ende gefunden. Peter Pettigrew würde in der magischen Welt nie mehr ein freier Mann sein. Mit viel Glück konnte er vielleicht als Ratte unbehelligt bis ans bittere Ende seiner Tage gelangen. Der Moment überschwänglicher Lebensfreude, die ihn vorhin so plötzlich überkommen hatte, war schon wieder vorbei. Jetzt nagte er an seinen Problemen wie – wie eine Ratte an einem alten, faden, zähen Stück Fleisch.
Es stank hier, nicht nur nach modrigen Blättern und dem schlammigem Bachufer, sondern auch nach längst verendeten kleinen Tieren. Es war, mit anderen Worten, der perfekte Platz für den Start in sein neues Leben –
Aber während er sich mit einiger Verzweiflung mit den Dingen abzufinden versuchte, überkam ihn unerwartet doch immer wieder eine ganz andere Stimmung. Das musste mit der unglaublichen Erleichterung über sein Entkommen zu tun haben.
Mann, vor wenigen Stunden hatte er sich noch damit abgefunden, dass er in Kürze sterben würde! Und stattdessen war nun der allmächtige, allwissende Lord Voldemort tot! Wenn er dem entkommen war, dann würde er auch weiter Glück haben. Dann würde er auch denen entkommen, die ihn zweifellos spätestens morgen verfolgen würden!
Wenn er an die beiden dachte, die eben mit dem Kind auf dem Motorrad verschwunden waren, feixte etwas in ihm. Diese Dummköpfe! Was würden sie wohl sagen, wenn sie wüssten, dass ich jetzt hier sitze, noch halbwegs in James' Garten? Sollten sie Dumbledore doch sagen, was sie wollten – ihn würden sie nie finden! Die Welt war groß, er würde –
Ganz in der Nähe knackte ein Ast. Leise schmatzende Laute auf dem schlammigen Uferboden. Da war jemand! Kein Tier – das waren Schritte! Und dann gingen sie genau an der Öffnung vorbei, durch die er hinaussah. Den Stiefel vor seiner Höhle erkannte er selbst in dieser Dunkelheit. Er hatte ihn vor kurzem noch gesehen. Ein Motorradstiefel. Mit einem tiefen Schnitt im Leder.
Sirius war gar nicht mit seinem Motorrad verschwunden. Sirius war noch in Godric's Hollow.
Während sich die Schritte langsam entfernten, purzelte in seinem Kopf alles durcheinander. Nun wagte er nicht länger, Überlegungen darüber anzustellen, was das bedeuten mochte. Er drückte sich in den Umhang, mit dem er die Rückseite der Höhle ausgepolstert hatte, und versuchte sich tot zu stellen. Es war doch sowieso alles vorbei.
Aber der Stoff des Umhangs bot nicht nur ein bisschen Wärme, nein, es schien ihm, dass dieses Überbleibsel Voldemorts außerdem seinen Kopf wieder klarer machte und seine Gedanken flinker. Vor allem erschien ihm der Umhang hier, in Morast und unwirtlicher Kälte, als Relikt der Menschenwelt, die er endgültig verlassen sollte.
Verdammt, er konnte das nicht! Er konnte einfach nicht den Rest seines Lebens als Ratte verbringen! Es musste eine Möglichkeit geben, irgendeine Möglichkeit –
Und dann hatte er eine Erleuchtung. Sirius war noch hier, nicht wahr? Vielleicht hatte er Dumbledore ja gesagt, wer wirklich der Geheimniswahrer geworden war – aber konnte er das beweisen?! Wenn man ihn öffentlich als Verräter brandmarkte, würde ihm das zumindest schwer fallen. Wenn man ihn öffentlich als Verbrecher dastehen ließ –
Wenn es so aussah, als hätte Sirius nicht nur seine Freunde verraten, sondern auch noch einen Mord begangen –
Sie würden ihn nach Azkaban bringen, wo er früher oder später sterben würde. Und dann konnte er, Peter, über seine Rückkehr in die Menschenwelt nachdenken –
Während Peter mit schwarzen, glänzenden Knopfaugen in die dunkle Nacht jenseits dieser Höhle hinausblickte, nahm in seinem verschlagenen Hirn langsam ein Plan Gestalt an, ein brillanter, aber riskanter Plan, der ihm alles an Mut abverlangen würde, das er aufbringen konnte. Sein Gelingen hing außerdem davon ab, ob Sirius noch hier war, wenn es hell wurde, aber er war fast sicher, dass er darauf rechnen durfte.
Ich werde ihn laut beschuldigen. Irgendein Chaos mit dem Zauberstab anrichten. Und bevor er mich erwischen kann, verwandle ich mich und verschwinde im allgemeinen Durcheinander. Von mir werden die nichts als einen blutigen Umhang finden.
Halt, das war vielleicht nicht genug. Nein, vielleicht musste er doch ein Opfer bringen, um das Ganze wirklich überzeugend zu gestalten. Einen – Finger zum Beispiel? Oder reichte ein Zeh? Nein, ein Finger war besser. Den konnte sicher jemand als seinen identifizieren. Seine Mutter zum Beispiel. Das würde seinen Tod dann bestätigen.
War das ekelhaft! Ihn grauste schon bei dem Gedanken daran.
Aber es musste sein, das stimmte schon. Ein Finger war kein zu hoher Preis fürs Überleben! Alles war besser, als nach Azkaban zu kommen. Zumindest jetzt, wo der Dunkle Lord keine Bedrohung mehr war –
Also gut. Ein Finger. Das würde er schon hinkriegen. Vielleicht war es einfacher, wenn er sich als Ratte eine Kralle abbiss –?
Jetzt würgte es ihn tatsächlich. Zitternd schmiegte sich tiefer in den Stoff, der ihm auf geheimnisvolle Weise Kraft zu verleihen schien. Und immer wieder wurde sein Blick von dem Zauberstab angezogen, den er in den Umhang gewickelt hatte.
Ob er nicht vielleicht damit –?
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Es war ein kaltes, nebliges Morgengrauen, das über Godric's Hollow heraufzog. Über Nacht schienen die Bäume die meisten ihrer Blätter verloren zu haben, und Nebelschwaden zogen in unablässiger Folge vom Meer her über das Dorf und hüllten es wie in nasse, graue Tücher. Der November war da.
Der Nebel hatte auch zur Folge, dass die Bezirkspolizei, die Harris irgendwann in den ersten Morgenstunden verständigt hatte, mit einiger Verspätung in Godric's Hollow eintraf.
Schon in der Nacht waren immer wieder Leute durch die Straße gegangen und vor dem alten Pepperleaf-Haus stehen geblieben. Im Laufe des Vormittags verstärkte sich das zu einem beständigen Kommen und Gehen, bis es schien, dass auch der Letzte der vierhundertundneun Bürger von Godric's Hollow sowie eine Reihe Leute von außerhalb neugierige, wenn auch unergiebige Blicke auf das eingestürzte Dach und auf die grauen Steinmauern geworfen hatte. Nicht wenige von ihnen blieben still davor stehen und ließen sich auch durch die Ankunft der Polizei nicht verscheuchen.
Die beiden Detectives sowie ein Mann mit einer Kamera und ein weiterer mit einer Arzttasche waren hinter den Mauern verschwunden und hatten Harris vor dem Tor postiert mit dem Auftrag, die Neugierigen auf Distanz zu halten.
Eine halbe Stunde später kamen die beiden Polizisten wieder heraus. Sie schenkten der stummen Schar der Schaulustigen nicht mehr als ein Stirnrunzeln und ließen sich dann von Harris zur Polizeiwache führen.
"'ne Menge Leute da vor dem Haus, wie? Kaum zu glauben, dass dieses Kaff überhaupt so viele Einwohner hat."
"Die stehen nur da und starren die Mauern an", stimmte der andere zu. "Irgendwie unheimlich. Als würden sie Totenwache halten. Wenn Sie verstehen, was ich meine."
"Es gibt da so eine Art – äh – Club im Dorf, verstehen Sie", mischte Harris sich ein. "Hat irgendwas mit – na ja, mit Magie zu tun." Es war immer schwierig, Außenstehenden die besonderen Verhältnisse in Godric's Hollow nahe zu bringen, ohne für verrückt erklärt zu werden.
"Und die beiden Toten gehörten dazu?"
"Nein – das heißt, ja – das heißt, wenn ich richtig informiert bin, gehörten die Eltern von James Potter dazu", stotterte Harris. "Die beiden jungen Leute kamen ja nur an den Wochenenden gelegentlich hierher."
"Interessant. Aus London kamen sie, richtig? Na, wir werden uns diesen Club mal vornehmen. Könnte ja was damit zu tun haben. Magie, sagten Sie?"
Harris nickte unglücklich. Er hasste es, wenn ein schlechtes Licht auf sein Heimatdorf fiel. Vermutlich würde der Anblick der hiesigen Polizeiwache auch nicht eben zur Ehre des Dorfes beitragen –
Im engen Flur des Gemeindehauses kam ihnen die Sekretärin des Bürgermeisters mit einer Kaffeekanne entgegen. "Sir, im Büro wartet Mrs Gruff auf Sie", sagte sie und fügte erklärend hinzu: "Sie war es, die Mr Harris letzte Nacht gebeten hat, mal im Haus der Potters nachzusehen. Sie sagt, sie will eine Aussage machen."
"Übrigens – die Leute – die Leute da vor dem Haus", setzte Harris noch einmal schüchtern an, bevor die beiden Beamten in dem winzigen Kabuff verschwinden konnten, das normalerweise an Dienstagen und Freitagen die Polizeiwache von Godric's Hollow beherbergte.
"Ja? Gibt es noch was?"
"Die Leute, die warten darauf, dass Sie die Toten herausbringen", sagte Harris.
Detective Smith zog die Augenbrauen hoch. "Sind Sie sicher? Na, dann müssen sie sich noch eine Weile gedulden. Meine Leute untersuchen noch den Tatort. Denke, so gegen Mittag sind sie damit fertig." Sprach's und entschwand in sein zeitweiliges Büro.
Harris ging langsam die Treppe hinunter in den unfreundlichen Tag hinaus. Jetzt regnete es auch noch. Er schenkte dem großen Wagen mit dem merkwürdigen, blaugoldenen Wimpel, der eben schnittig über das Kopfsteinpflaster zischte und vor dem Gemeindehaus hielt, keinen zweiten Blick. Harris beschloss, ins Wizard and Wand zu gehen und erst mal ein Bier zu trinken. Vielleicht konnte er dann den Anblick dieser toten Frau vergessen, die auf dem Fußboden unter einer Babydecke gelegen hatte, als ob sie schliefe. Wer tat so etwas nur?
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"Mrs Gruff", grüßte Detective Smith die gebeugte Gestalt, die sich bei seinem Eintreten eben an dem Bogenhanf zu schaffen gemacht hatte, der hinter der nikotinvergilbten Gardine ein kümmerliches Dasein zu fristen schien. Jetzt wandte sie sich zu den Beamten um, langsam, wie jemand, für den jede Bewegung mit Schmerzen verbunden ist.
"Haben Sie das Kind?", fragte sie statt einer Begrüßung.
"Nun, Mrs Gruff", begann Smith und setzte sich mit einem zweifelnden Blick auf den uralten Bürostuhl, der sich nicht mehr verstellen ließ und verdächtig quietschte. "Von was für einem Kind sprechen Sie?"
"Also nicht", seufzte Adelia und ließ sich vorsichtig auf dem Besucherstuhl nieder. "James und Lily Potter – die beiden Ermordeten – hatten einen kleinen Sohn. Fast noch ein Baby."
"Verstorbenen."
"Wie bitte?"
"Die beiden Verstorbenen, Mrs Gruff. Wir wissen noch nicht, ob sie ermordet wurden."
"Oh – nicht ermordet – das wäre beinahe ein Trost, nicht wahr? Ich habe ja gleich an eine defekte Gasleitung gedacht, als ich das –"
In diesem Moment erklangen Stimmen im Flur, und dann wurde die Tür schwungvoll geöffnet. Detective Smith sah ärgerlich auf.
"Tut mir leid, Sir. Ich habe ihm gesagt, dass Sie gerade eine Vernehmung durchführen. Aber er hat darauf bestanden, dass er Sie sofort sprechen muss!"
Die Sekretärin versuchte, hinter der breiten, wenn auch nicht besonders hohen Gestalt des Eindringlings zu verschwinden, der jetzt seine regennasse, smaragdgrüne Melone lüpfte.
"Guten Tag, meine Herren, guten Tag. Fudge ist mein Name, und ich bin aus amtlichen Gründen hier."
Ein Regenumhang mit Nadelstreifen?, dachte Smith ungläubig. Und ist das ein grüner Anzug, den er da drunter trägt?
"Scheußliches Wetter heute, nicht? Ganz und gar scheußlich!" Aber irgendwie sah er geradezu unverschämt vergnügt aus.
"Mr – äh, wie war doch Ihr Name?"
"Fudge, Cornelius Fudge. Ich komme vom Ministerium und habe dringend mit Ihnen zu sprechen. Es geht um – hrrm – den Fall Potter."
Smith sah, wie sein Kollege, der hinter Fudge bei der Tür stand, ihm ein Zeichen machte. Total meschugge, hieß das.
"Nun, Mr Fudge, ich führe hier gerade eine Zeugenvernehmung in eben diesem Fall durch –"
"Zeugenvernehmung? Sie waren eine Zeugin?", wandte Fudge sich mit unerwarteter Heftigkeit an Adelia Gruff. "Das ist ja – höchst interessant!"
Adelia sah sich auf einmal im Visier von zwei erstaunlich scharf blickenden blauen Augen. Das waren nicht die Augen eines Spinners.
"Also, Mr Fudge, es reicht. Ich habe jetzt keine Zeit für so etwas. Wenn Sie uns nun bitte entschuldigen und draußen warten –"
"Gemach, guter Mann", unterbrach ihn Fudge und hielt Detective Smith etwas Blaugoldenes unter die Nase, das ein bisschen wie eine Polizeimarke aussah. "Mir untersteht eine – äh – Sondertruppe des – äh – Ministeriums, die in Fällen wie diesem stets hinzugezogen wird. Wenn Sie meine Zuständigkeit – oder auch meinen Verstand – anzweifeln wollen, möchte ich Sie bitten, sich direkt mit dem Premierminister in Verbindung zu setzen. Fragen Sie ihn ruhig. Ich nehme Ihnen das nicht übel. Ich warte einfach so lange."
Und während die Beamten und Adelia Gruff ihn ungläubig anstarrten, ging Fudge seelenruhig zu dem Stapel aufeinander gestellter Stühle hinüber, nahm sich den obersten und setzte sich dann mit einem freundlichen Lächeln neben Adelia.
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Es war verrückt – es war, als wäre er unsichtbar. Sirius hatte schon so viele Wochen seines Lebens in diesem Dorf verbracht, er kannte hier jeden Winkel und viele Leute – und viele kannten ihn. Und doch schien ihn an diesem kalten, grauen Sonntagvormittag niemand zu erkennen.
Nach den paar Nachtstunden, die er schlaflos im Gestrüpp des verwilderten Gartens gegenüber von James' Haus verbracht hatte, war er völlig durchgefroren und hatte Mühe, sich zu bewegen. Eine bleierne Kälte hatte sich auch in seinem Kopf eingenistet und lähmte sein Denken. Eigentlich war ihm alles gleichgültig. Als die Morgendämmerung endlich heraufgezogen war, hatte er beschlossen, dass es egal war, ob sie ihn fanden. Er würde ja sowieso zu Dumbledore gehen. Später.
Flüchtig dachte er daran, sich zu verwandeln. Aber ein großer schwarzer Hund wäre hier, wo jeder jeden und jedes Tier kannte, aufgefallen und verdächtiger gewesen als Sirius Black selbst. Außerdem verwandelte er sich schon seit Jahren nicht mehr so gern. Es war ein Spaß gewesen, damals in der Schule. Aber so um das siebte Schuljahr herum hatte es allmählich seinen Reiz eingebüßt. Und heute hätten die damit verbundenen Erinnerungen den Schmerz nur noch unerträglicher gemacht.
So streifte er durch das Dorf, ständig in der Erwartung, von jemandem angesprochen zu werden, was aber nie geschah, und kehrte, von einer unbezwingbaren Unruhe getrieben, immer wieder zurück in die Lion's Lane. Mit dumpfer Verwunderung stellte er fest, dass sich der Großteil der magischen Bevölkerung von Godric's Hollow in Grüppchen an den Straßenrändern der Lion's Lane versammelte und wartete. Wie er selbst schienen auch sie noch einen Blick auf die Potters erhaschen zu wollen.
"Das sind wir ihnen schuldig", hörte Sirius eine ältere Frau leise zu einem kleinen Jungen sagen. "Sie haben uns alle gerettet."
Sonst wurde kaum geredet, und dieses Schweigen hatte beinahe etwas Feierliches. Sirius sah das Strahlen in vielen Gesichtern und begriff es nicht. Es dauerte lange, bis ihm endlich aufging, dass Harrys unerklärliches Überleben anscheinend viel mehr zu bedeuten hatte als nur ein zeitweiliges Versagen Voldemorts. Die Nachricht von seiner Niederlage schien wie ein Lauffeuer durch die magische Welt gerast zu sein und hatte eine unbändige Freude ausgelöst, eine Freude, die nicht einmal dieser Mord hier dämpfen konnte.
Woher wissen die das bloß, fragte er sich stumpf. Ich war da drin und hab nicht kapiert, was eigentlich vorgefallen ist.
Aber irgendwer musste es verstanden und weitergegeben haben.
Er hatte die Polizisten kommen und gehen sehen und das Gerücht gehört, dass es noch eine Weile dauern würde, bis die Experten, die sich jetzt da drinnen mit den hinterlassenen Spuren befassten, die Toten freigeben würden. Das Gerücht besagte auch, dass dies wohl kaum vor dem Mittagessen der Fall sein würde. Daraufhin waren einige der Leute gegangen, aber bei weitem nicht alle.
Bei einer seiner Runden durchs Dorf entdeckte er den Wagen des Zaubereiministeriums vor dem Gemeindehaus. Die waren also auch schon da. Als er an der Kirche vorbeikam, begannen auf einmal die Glocken zu läuten. Offenbar war der Sonntagsgottesdienst gerade vorbei, denn die Leute strömten in Scharen auf die Straße. Er ließ sich hinterhertreiben, zumal die allgemeine Strömung offenbar in Richtung Lion's Lane ging.
Sirius konnte es nicht ahnen, aber Pfarrer Gwynnith hatte seine Schäflein eben dazu aufgefordert, für die beiden Toten, die es in der vergangenen Nacht in Godric's Hollow gegeben hatte, zu beten. Und jetzt hatten viele das Bedürfnis, noch einen unauffälligen Blick auf das Haus zu werfen, in dem auf so spektakuläre Weise das Unglück eingekehrt war.
Als er inmitten der Muggel die Lion's Lane erreichte, entdeckte er augenblicklich den großen Krankenwagen und den Leichenwagen und spürte, wie sich seine Kehle zusammenzog. Hastig drängte er sich zwischen den Leuten hindurch und erreichte die grauen Mauern in eben dem Moment, in dem zwei Männer mit einer Bahre zwischen sich aus dem Garten auf die Straße hinaustraten.
Sirius starrte hin. Weiße Tücher – ja, sie hatten den Körper mit Tüchern zugedeckt. Auch das Gesicht.
Direkt danach brachten sie die zweite Leiche. Sie lag auf der Trage des Krankenwagens, die sie jetzt mit einiger Mühe über das unebene Straßenpflaster rollten. Bei dem Geholper verrutschte das Tuch, das auch diesen Körper bedeckte. Sirius sah James' schwarzes Haar und ein Stück von seiner Stirn –
Er sah den Leuten hinterher – den Männern, die die Bahren in den beiden Wagen verstauten und dann losfuhren. Den Leuten, die wie er gewartet hatten und sich nun langsam in kleinen Grüppchen auf den Weg in ihr jeweiliges Zuhause machten, wo sie zweifellos feiern würden. Den Muggeln, die ihn inzwischen überholt hatten, ihn hinter sich ließen wie die zurückweichende Brandung ein Stück Strandgut. Ein Mädchen wandte sich im Gehen zu ihm um und streifte ihn mit einem Blick, in dem sich Neugier und Mitgefühl mischten –
Die Welt stand still.
Und dann sah er ihn. Zwischen den davonstrebenden Muggeln tauchte er plötzlich auf und kam auf ihn zu: Peter.
Peter Pettigrew.
