20. Mehr Eulenpost

Mein Kirrrsss! (25)

Auf diesen Brief muss ich natürlich gleich antworten, obwohl ich total im Stress bin, ich muss noch in 7 Fächern Prüfungen schreiben, und einige davon sind ganz schön knackig, teils liegt es am Fach (wie beispielsweise Arithmantik, aber ich habe das Gefühl, dass es dank Prof. Potters engelsgleicher Geduld langsam vorangeht, manchmal hab ich sogar das Gefühl, ich hab was kapiert), teils auch an der Lehrerin (dreimal darfst Du raten, welches Fach ich da meinen könnte). Aber wie Du Dir vielleicht vorstellen kannst, hat mich Deine Antwort getroffen wie ein Vorschlaghammer. Meinst Du wirklich, Mr. Anderson hat sich in mich verliebt? Deine fantastische Interpretation (so gut wie die war, könnte man glatt meinen, das Gedicht sei von Dir gewesen) lässt ja fast keinen anderen Schluss zu, das ist auch mir klar. Aber wieso hab ich nicht gemerkt, dass sich jemand mitten vor meiner Nase in mich verliebt hat? Ich hab ja auch gemerkt, dass Rab nicht ganz abgeneigt wäre und ihm immer wieder dezente Hinweise gegeben, dass das nichts wird. An dieser Stelle muss ich mich auch mal gleich verteidigen. Irgendwie musst Du das mit dem Abknutschen Dir etwas plastischer vorgestellt haben, als es tatsächlich war, wir haben nicht vor versammelter Mannschaft rumgemacht, sondern er hat immer wieder versucht, mich zu küssen, und ein paar Mal konnte ich nur zu spät eingreifen, da hing er mir dann schon am Hals, und zu viel mehr wäre er auch nicht fähig gewesen, er war zu wie eine Haubitze. Und außerdem stimmt das mit dem pädophil auch nicht so ganz, er ist zwar in der fünften Klasse, aber als er an Hogwarts eingeschult wurde, war er zwei Jahre älter als die anderen, weil er damals mit seinen Eltern von den USA hierher gezogen ist, und die schicken ihre Kinder zwei Jahre später als die Briten auf die Zauberschule, die haben erst noch zwei Jahre lang so eine Art Vorschule, und nachdem er am 28. Januar Geburtstag hat, und der schon längst stattgefunden hat, ist er schon 18, und damit ist er so schrecklich jung nun auch wieder nicht.

Aber nun wieder zurück zu meiner Frage, wieso ich nichts gemerkt habe. Jetzt wo Du mir sagst, wie es alles hätte zugehen können, könnte man fast meinen, ich wäre stockblind, es würde alles zusammenpassen, die Katze, die mir dauernd zwischen den Beinen herumstreicht, während sie andere Schüler noch nicht mal mit ihrem dritten Auge anschaut, Mr. Anderson, der immer und überall auftaucht, wenn ich irgendwie in Schwierigkeiten bin. Aber ich glaube, ich habe es einfach nie in Erwägung gezogen, dass er andere Absichten haben könnte, als mir zu helfen. Weißt du, Mr. Anderson ist schlicht und ergreifend der Inbegriff von Coolness, sein Aussehen, seine Sonnenbrille, sein Mantel, sein Knackarsch, den hier im Schloss niemand verachtet, noch nicht mal Be-Nice, selbst wenn sie so was niemals zugeben würde, aber ich habe des öfteren beobachtet, wie sie sein Hinterteil verstohlen mit Wohlwollen betrachtet hat, an diesem Mann ist einfach alles perfekt (und das meine ich auch objektiv betrachtet). Und solche Typen haben sich noch nie in mich verliebt, normalerweise könnten die ja an jeder Hand zehn Frauen haben (was sie ja auch meistens haben), und ich scheine einfach nicht der Frauentyp zu sein, auf den sie stehen. Ich hab mich oft genug in solche Männer verschaut und wurde dann bitter enttäuscht, sie haben sich sogar oft noch darüber lustig gemacht, dass sich so jemand wie ich überhaupt Chancen ausrechnen würde, und mittlerweile ist es vielleicht einfach eine Art Selbstschutz zu sagen, ich will nichts von solchen Typen. Bei Männern wie Snape hatte ich bis jetzt einfach die besseren Aussichten, er ist der Klassiker der nicht schlecht aussieht in meinen Augen, der jetzt aber nicht von allen bewundert oder verehrt wird, einige finden ihn sogar hässlich und können sich gar nicht vorstellen, wie so jemand eine abbekommt. Außerdem ist dieser Typus Mann nicht ganz so verletzend, wenn es darum geht, jemandem beizubringen, dass das nichts wird.

So könnte es sein, dass mir gar nicht der Gedanke kam, Mr. Anderson könnte mehr wollen.

Aber seis drum, jetzt ist es ja so wie es ist, und ich kann es auch nicht mehr ändern. Und Du hast Recht, ich sollte mich schämen und tue das auch, dass ich ihm noch gar nichts geschenkt habe. Selbst wenn nur freundschaftliche Absichten dahinterstanden, wäre es einfach selbstverständlich gewesen, aber ich war wohl so mit mir selbst und Snape beschäftigt, dass ich gar nicht daran gedacht habe. Ich werde mir auf jeden Fall etwas einfallen lassen. Und die Katze kriegt ein Schälchen Sheba, weil sie so gescheit ist. Aber was mache ich jetzt eigentlich? Dein Brief hat mich in ein ziemliches Gefühlschaos gestürzt, und ich weiß jetzt bald gar nichts mehr. Bei Snape hat es offenbar keinen Zweck, trotzdem will ich nicht, dass er dieser Hexe zum Opfer fällt, auf der anderen Seite hatte ich auch ein sehr merkwürdiges aber schönes Gefühl beim Durchlesen Deines Briefes, vor allem an der Stelle, als Du ziemlich zweifelsfrei belegst, dass er wohl tatsächlich in mich verliebt ist. Ich weiß jetzt nicht, ob ich einfach nur geschmeichelt bin, dass jemand wegen mir und für mich so ein schönes und poetisches Gedicht verfasst, oder ob nicht doch mehr dahinter steckt, andererseits weiß ich auch nicht, wo ich Snape momentan einordnen soll. Bei der einzigen Person, deren ich mir sicher bin über meine Gefühlswelt, ist Laubfrosch Schatulle (übrigens eine geniale Erfindung Deinerseits. Doch auch hier muss ich was klarstellen, das mit dem Namen nicht nennen wollen hat in diesem Fall keinerlei Ähnlichkeit mit Lord Voldemort, der Gedanke ist mir gar nicht gekommen, ich habe bloß erstens keine Lust gehabt, Dir den letzten Brief, den ich Dir geschrieben habe, vollzukotzen, jedes Mal wenn ich ihren Namen geschrieben habe, und außerdem finde ich, wenn es jemand nicht verdient hat, Lady genannt zu werden, dann ja wohl dieser Schabrackentapir.

So, es tut mir leid, und ich würde Dir liebend gerne noch drei Seiten schreiben, aber die Arbeit ruft, und ich muss wieder was tun, Arithmantik schreibt sich leider nicht von allein, und ich hab zur Zeit sowieso Probleme, alles in meinen Kopf reinzukriegen.

Bis dann mein kleiner Großkirrrsss,

Dein Kirrrsss

PS: Diesmal hab ich Dir noch andere Sachen mit eingepackt von Honeydukes, vor den every-flavour-beans brauchst Du aber nicht allzu viel Angst haben, mit einem Geschmacksfindungszauber hab ich die ganz ekligen wie Ohrenschmalz oder Kotze schon aussortiert, vielleicht schenke ich sie anonym weiter. An Laubfrosch Schatulle vielleicht.

PPS: Hab ich Dir eigentlich erzählt, dass ich mir als Muggelkunde-Assistentin ab nächstem Jahr etwas dazuverdienen kann? Davon erzähl ich Dir das nächste Mal mehr, jetzt ist wirklich Schluss

PPS: keine Ahnung, was es mit den Kotz- und Scheißsocken auf sich hat, aber ich forsche nach

Martina überstand die Klausuren heil, und wurde in allen Fächern (überraschenderweise sogar mit recht guten Ergebnissen) in die nächste Stufe versetzt. Manchmal dachte sie sich, dass noch über zwei solcher arbeitsintensiver Jahre viel zu anstrengend wären, und sie war sich nicht sicher, ob sie es jemals aushalten würde. Doch dann dachte sie an das höhnische Grinsen auf Lady Schneiders Gesicht, sollte sie scheitern, und es stachelte sie auf eine Weise an, die ihr selbst unheimlich war.

Sie lernte fleißig auf die Jahresprüfungen der vierten, fünften und sechsten Klasse in Muggelkunde, die Cal ihr im dritten Trimester im Zweiwochenabstand stellte. Ansonsten hatte sie dieses Fach überhaupt nicht mehr. Die letzten eineinhalb Monate bereitete sie sich dann auf die N.E.W.T.-Prüfung darin vor, die sie am Schuljahresende mitschreiben wollte. Es war mittlerweile Mai, eine Woche vor dem entscheidenden Spiel gegen Gryffindor, und die Häuserrivalität erreichte ein neues Hoch.

Martina hatte mitbekommen, dass nach dem zweiten Krieg gegen Voldemort viel unternommen worden war, um eben diese Rivalität und alle bestehenden Vorurteile (speziell gegenüber den Slytherins) aus der Welt zu schaffen. Dies war auch relativ gut gelungen, doch vor Quidditchspielen verfielen alle ins alte Schema ihrer Eltern und Großeltern, fauchten sich auf den Gängen an, sandten Blicke, die töten könnten, zu den Spielern des rivalisierenden Teams, und stimmten aufmunternde Hymnen für ihre eigene Mannschaft an. Slytherin trug, trotz ihrer vernichtenden Niederlage gegen Hufflepuff im Frühjahr, fast ausschließlich gelb in letzter Zeit, um ihre Unterstützung zu zeigen, denn nach wie vor gab es (zumindest im Sport) am meisten Polarität zwischen diesem und Gryffindor Haus, und bevor sie sich gegenseitig im Quidditch unterstützten, musste schon der Himmel grün werden. Ravenclaw dagegen stand fast vollständig hinter den Löwen, denn sollte Hufflepuff sie schlagen, würde Ravenclaw auf dem dritten Platz landen, wohingegen sie im Falle eines Gryffindorsieges den zweiten Platz erreichen würden. Allerdings gab es unter Ravenclaws weiblicher Bevölkerung einige Ausnahmen, denn Lizzy hatte in einem Anflug PR-strategischer Genialität Mr. Andersons Bevorzugung verraten. Der coole Hausmeister war so beliebt und bewundert unter den Mädchen, dass viele alleine deswegen das gleiche Team unterstützten wie er. Es gab sogar ein paar Gryffindors, die heimlich und versteckt den Hufflepuff-Anstecker an sich trugen.


(25) Der Inhalt des Briefes geistiges Eigentum und ©Martina Bärstetter.