Kapitel 20: Brotkrumen

London, Down Lane Park – Sonntag, 6:07pm

„Gib' es bitte an alle weiter. Bleibt nach Möglichkeit in einer Gruppe, mindestens aber zu zweit", John sah Cat eindringlich an. „Schleicht nicht alleine durch irgendwelche Parks oder verlassene Gegenden. Ich gebe Dir Bescheid, sobald ich mehr weiß."

Cat nickte. Die Nachricht von vier toten Obdachlosen hatte bereits im Netzwerk die Runde gemacht. Die Leute waren unruhig und besorgt.

John atmete einmal tief durch. Er hatte bislang nichts über die Identität der Opfer gesagt. „Cat?", die junge Frau sah John aufmerksam an, als dieser beruhigend eine Hand auf ihren Arm legte. „Das letzte Opfer… es war Naomi."

Rita, die bis eben einen anderen Patienten behandelt und dieselbe Warnung weitergegeben hatte atmete einmal scharf ein, als sie Johns Aussage hörte.

Cat schloss die Augen und nickte. Sie hatte es irgendwie geahnt. Ein paar Tränen rannen ihr die Wange herunter. John nahm sie kurz in den Arm. Er wusste, wie es sich anfühlte, jemanden zu verlieren, für den man die Verantwortung übernommen hatte. Er hatte es in der Armee oft genug selber erlebt. Es war nicht fair. Die Kleine hatte es nicht verdient, dass ihr Leben so endete.

John reichte Cat ein Taschentuch, mit dem sie ihre Tränen abwischte. Die junge Frau fasste sich recht schnell wieder. „Ich werde den anderen Bescheid geben. Wir passen auf uns auf", sagte sie und wandte sich schon zum Gehen als ihr etwas einfiel. Sie drehte sich noch einmal zu John um und in ihren Augen spiegelte sich plötzlich ein großes Maß an Hoffnung.

„John? Ist es wahr?", John wusste sofort was sie meinte und fragte sich unwillkürlich, wie die Nach richt so schnell die Runde machen konnte.

„Ist er zurück?", fragte Cat noch einmal.

John lächelte leicht und nickte. „Ja. Ja, er ist zurück."

„Dann wird alles gut. Er wird dafür sorgen, dass niemandem mehr etwas passiert", Cat sah John lächelnd an und verließ den Wagen.

Als sich die Tür hinter Cat geschlossen hatte wandte sich Rita an John. „Was meinte Cat? Wer ist zurück?", fragte sie verwirrt. Sie ahnte zwar, um wen es ging, aber das war unmöglich.

John seufzte und sah seine Kollegin an. „Sherlock", antwortete er, „Sherlock ist zurück." Er wusste nicht recht, wie er etwas erklären sollte, dass er selber rational noch nicht verarbeitet hatte. „Er… Er hatte seinen Tod vorgetäuscht."

Rita sah ihn entgeistert an und wollte gerade etwas sagen, als die Tür des Wagens aufgerissen wurde. „Hilfe! Ich brauche Hilfe!"

Ein Mann, John schätzte ihn auf um die vierzig, stand vor ihnen. Seine Kleidung war zerschlissen und schmutzig. Er wirkte aufgeregt und außer Atem. John trat vor und wollte ihm in den Wagen helfen. „Was ist passiert?"

„Nein", wehrte der Mann Johns Hand ab, „es ist mein Freund. Er… ich weiß nicht, was er hat… Er ist zusammengebrochen… Er hat plötzlich angefangen nach Luft zu schnappen… dann ist er umgekippt und hat so gezuckt."

„Wo?", fragte John.

„Dort drüben", antwortete der Mann und deutete hecktisch auf einen Häuserblock auf der gegen über liegenden Straßenseite, „an der Ecke."

„Ist jemand bei ihm?", fragte Rita.

„Nein, wir waren nur zu zweit."

„Wir müssen ihn herbringen", sagte John, griff sich seine Arzttasche und wandte sich dem anderen Mann zu. „Komm, zusammen schaffen wir das."

„Soll ich mitkommen?", fragte Rita.

„Nein", antwortete John bestimmt. Er war nun vollkommen in seinem ‚Doktor-Soldaten-Notfall-Modus'. „Bereite alles vor. Sauerstoff und Defi für den Notfall."

Rita nickte.

John sprang aus dem Wagen und eilte dem Mann hinterher, der bereits in die Richtung lief, die er beschrieben hatte. Sie bogen um die Straßenecke und John sah, dass dort tatsächlich eine Person bewusstlos auf dem Gehweg lag. Auf den ersten Blick konnte John keine Verletzungen er ken nen und der Mann schien zum Glück auch noch zu atmen. John kniete sich neben den Ohnmächtigen und legte zwei Finger an dessen Hals um den Puls zu messen. „Sir? Können Sie mich hören?"

John wollte sich gerade an den anderen Mann wenden um nach dem Namen seines Begleiters zu fragen, als ein kräftiges Paar Hände ihn von hinten packten und ihm etwas Weiches aufs Gesicht gepresst wurde.

Chlorophorm! dachte John. Er wollte sich wehren, den Angreifer abschütteln. Aber die kniende Position am Boden schränkte seine Bewegungsfreiheit ein und er spürte zusehends die betäubende Wirkung der Chemikalie. Er schaffte noch einen schwachen Ellenbogen-Check gegen den Mann hinter sich, dessen Griff sich daraufhin etwas lockerte. Aber Johns Kraft reichte nicht mehr aus, um sich zu befreien. Er nahm noch war, dass sich der vermeintlich bewusstlose Mann vor ihm grinsend aufrichtete. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.


Es war mittlerweile fast eine halbe Stunde vergangen, seit John mit dem unbekannten Mann verschwunden war und Rita begann, sich Sorgen zu machen. John hatte nur Instrumente für eine erste Untersuchung mitgenommen, eine wirkliche Behandlung war nur hier Wagen möglich. Wo bleiben sie? Rita öffnete die Tür des Wagens und sah hinaus in die Richtung, die der Mann ihnen beschrieben hatte. Es war weit und breit niemand zu sehen. Rita fragte sich einen Augenblick, was sie tun sollte und war bereits halb entschlossen, den beiden Männern zu folgen, als ihr ein kleines Päckchen auffiel, dass zu ihren Füssen vor dem Eingang des Wagens lag. Rita hob es auf und schnappte überrascht nach Luft, als sie die Aufschrift las.

an Sherlock Holmes, persönlich

Hektisch sah sie sich um, in der Hoffnung denjenigen zu finden, der das Päckchen hier abgelegt haben mochte. Die quietschenden Reifen eines Polizeiwagens, der plötzlich neben ihr hielt, ließen Rita zusammenzucken. Zwei Leute stiegen aus dem Wagen, ein Mann, Anfang fünfzig mit silber grauem Haar und … Sherlock Holmes. Rita war dem Detektiv zwar nie persönlich begegnet, aber sie kannte sein Bild aus der Zeitung.

„Wo ist John?", fragte Sherlock. Sein Tonfall war barsch aber noch etwas anderes schwang darin mit - Panik.

Rita war für einen Augenblick zu verdutzt um zu antworten. John hatte ihr zwar vorhin erzählt, dass Sherlock Holmes lebte, den Mann jetzt aber tatsächlich vor sich zu sehen brachte sie kurz aus der Fassung.

„Wo ist John?" sein durchdringender Blick ließen Rita in die Realität zurückschnappen.

Mit kurzen Sätzen erzählte sie ihm und dem anderen Mann, der sich ihr als Detective Inspector Lestrade vorstellte, was geschehen war. Noch bevor sie zu Ende gesprochen hatte, war Sherlock zu der Hausecke gerannt, die sie beschrieben hatte. Einen Augenblick später kam er zurück. Er war blass geworden, die Augen weit aufgerissen, die Atmung beschleunigt.

„Was ist das?", fragte Lestrade und deute auf den Stofffetzen, den Sherlock in der Hand hatte.

„Chloroform", antworte Sherlock monoton. „Wir sind zu spät gekommen."

In dem Moment fiel Rita das Päckchen wieder ein, dass sie immer noch in der Hand hielt. Sie hielt es Sherlock entgegen. „Das lag vor dem Wagen."

Sherlock riss das Päckchen auf. Darin war nichts weiter als eine einfache Tafel Schokolade und ein Zettel.

Willkommen zurück, Mr. Holmes. Zeit, Ihre Schulden zu begleichen. Folgen Sie meinen Brotkrumen. S. Moran

Mit aller Kraft und einem frustrierten Schrei schleuderte Sherlock alles auf den Gehsteig vor sich.

„Sherlock!", rief Lestrade. „Was hat das zu bedeuten."

Sherlock antwortete ihm nicht. Er drehte sich eilig um und wollte gerade davon eilen, als er von Lestrade fest am Arm gepackt wurde. „Was ist los Sherlock?"

„Moran hat John."

„Danke. Soweit war ich auch schon. Haben Sie eine Idee, wo er sein könnte?"

Sherlock nickte und wollte sich aus Lestrades Griff befreien, aber dieser packte umso fester zu. „Nein Sherlock, diesmal nicht!", sagte der DI. Sein Blick war entschlossen. „Sie rennen diesmal nicht auf eigene Faust los. Das letzte Mal hat das mit einem Sprung vom Dach geendet."