Der Junge, der überlebte
„Das soll es sein? Hier lebt er?"
Kingsley musterte mehr als skeptisch die schmucklose Fassade hinter der säuberlich gestutzten Ligusterhecke.
„Die Muggel legen scheinbar viel Wert auf Ordnung.", stellte die dunkelhaarige Hexe fest, von der Tonks inzwischen wusste, dass sie Hestia Jones hieß und im St. Mungo als Heilerin arbeitete.
„Diese hier schon." Remus schlich durch den Garten auf die Hintertür zu und zückte seinen Zauberstab. Die Schwärze der Nacht schien an ihm zu haften, sodass man seine Bewegungen nur erahnen konnte. Auf seinen leisen Befehl hin bewegte sich klickend der polierte Türknauf und gab den Weg frei. Remus nickte zufrieden und bedeutete Tonks, ihm zu folgen.
Drinnen stolperte sie prompt über einen niedrigen Küchenschemel, versuchte sich erfolglos mit der Hand abzufangen und wischte dabei effektvoll einen Teller von der Arbeitsplatte, während sie zu Boden ging.
Fluchend zückte sie ihren Zauberstab, um den Schaden zu beheben. Sowohl Remus als auch Kingsley waren sofort bei ihr und hielten ihr helfende Hände entgegen. „Alles in Ordnung?"
Sie grummelte nur zur Antwort, rappelte sich ohne fremde Hilfe auf und nickte dann ungeduldig Richtung Flur. Remus verstand und setzte seinen Weg durch das fremde Muggelhaus fort.
Aus Angst, bei der nächsten unbedachten Bewegung im Dunkeln wieder etwas kaputt zu machen, ließ Tonks erst mal auch Alastor und Kingsley den Vortritt, die sich mit vorgehaltenen Zauberstäben zur Treppe schlichen.
„Leute, es ist niemand da. Wir brauchen nicht leise zu sein.", versuchte sie sich vor den missbilligenden Blicken ihrer Mitstreiter zu rechtfertigen. Hestia Jones, Emmeline Vance und Dädalus Diggel, die vermutlich noch nie zuvor ein Muggelhaus betreten hatten, blieben trotzdem recht schweigsam und sahen sich nur andächtig um. Sturgis Podmore, der ebenfalls von der Partie war, schlenderte hingegen unbefangen durch die Küche und nahm verschiedene Gerätschaften neugierig näher in Augenschein.
Tonks betrachtete gerade ihr Spiegelbild in der glänzenden Oberfläche des Kühlschranks – ihre Haare hatten zu ihrem Verdruss unabsichtlich einen elektrischen Lilaton angenommen, der ihre innere Anspannung verriet - als er fasziniert den Kopf in die Mikrowelle steckte, eine recht praktische Erfindung, die Tonks aus dem Haus ihrer Großeltern kannte.
„Sei lieber vorsichtig, das Ding steht unter Strom.", lachte sie und zog Podmore ein Stück von der Küchenzeile weg. Der sah sie verständnislos an, verzichtete aber auf eine Erwiderung, weil aus dem oberen Stockwerk Stimmen an ihre Ohren drangen.
Tonks trat in den Flur und wäre beinahe schon wieder gegen ein Hindernis gelaufen, diesmal war es Remus, der am Fuß der Treppe stand. „Warum stehen wir alle im Dunkeln herum?", fragte Tonks gleichermaßen gereizt und peinlich berührt. Rasch entzündete sie die Spitze ihres Zauberstabs.
Auf dem Treppenabsatz über ihr stand, flankiert von Alastor, Harry Potter.
Der Junge war blass und sah für seine schlacksige Größe zu dünn aus. Unter seinem zerzausten schwarzen Haar blickten zwei grüne Augen verwirrt durch die kreisrunden Gläser seiner ramponierten Brille auf die versammelte Zaubererschaft hinunter.
„Er sieht genau so aus, wie ich ihn mir vorgestellt habe.", flüsterte sie Remus zu. Die anderen schienen ebenfalls sehr zufrieden mit dem Anblick, der sich ihnen bot. Kingsley und Diggel kommentierten immer noch das originelle Äußere des Jungen, als Tonks einen Schritt auf ihn zutrat, um ihn zu begrüßen: „Schön dich zu sehen, Harry!"
Sie wusste nicht genau, ob es daran lag, dass Harry der Auserwählte war oder weil er Remus und Sirius so viel bedeutete, aber schon jetzt fühlte sie tiefe Sympathie für den Fünfzehnjährigen, der sie alle noch immer verblüfft musterte, ohne ein Wort zu sagen.
Scheinbar hatte er den Dementorenangriff ohne ernsthaft Schaden zu nehmen überstanden, dennoch fand Tonks seinen leicht verwahrlosten Zustand, die müden Augen und den harten Zug um seinen Mund besorgniserregend. Die letzten Tage mussten schrecklich für ihn gewesen sein.
„Bist du ganz sicher, dass er's ist, Lupin?", knurrte Alastor wenig liebenswürdig. Er hatte Harry am Kragen gepackt und beäugte ihn äußerst skeptisch. Der Junge schien allerdings relativ gelassen, dafür dass eine Schar Fremder soeben in sein Haus eingefallen war und er nicht zaubern durfte, um sich zu verteidigen.
Geduldig, wenn auch überrascht, beantwortete er Remus' prüfende Frage nach der Gestalt seines Patronus'. Bei der Enthüllung, dass es ein Hirsch war, musste Tonks schmunzelnd an den Animagus James Potter denken, dessen Sohn ihm offenbar nicht nur äußerlich, sondern auch im Wesen unglaublich ähnlich zu sein schien.
Erst als Alastor begann altkluge Belehrungen zu verteilen, die er irgendwie in Verbindung mit abgefallenen Pobacken brachte, sah Tonks sich gezwungen, ihren Mentor in seine Schranken zu weisen. Sie sah ihm an, dass er dieses Abenteuer bisher in vollen Zügen genoss. Vermutlich würde er nachher auch noch mit seinem magischen Auge prahlen. „Wen kennst du, der 'ne Pobacke verloren hat?", fragte sie abschätzig, um ihn zum Schweigen zu bringen und den Fortgang der Ereignisse zu beschleunigen.
Alastor humpelte lärmend die Treppe hinab, während er irgendwas von altertümlichen Sicherheitsvorschriften grummelte, und warf Tonks, die neckisch die Augen verdrehte, einen bösen Blick zu.
Harry schien die Situation noch immer nicht ganz erfasst zu haben. Mit großen Augen ergriff er Remus' dargebotene Hand und ließ sich die Treppe hinunterziehen. Tonks erklärte ihm stolz, wie sie seine Verwandten weggelockt hatte, was ihn allerdings kaum zu kümmern schien. Stattdessen fragte er halb ärgerlich, halb flehend: „Wir gehen weg von hier, ja? Bald?"
Remus nickte und sah auf die Uhr. „Jeden Moment, wir warten nur noch auf das Okay." Er wich Alastor aus, der mit seinem polternden Holzbein geräuschvoll in die Küche zurück preschte. Tonks folgte ihm, um Remus und Harry etwas Freiraum zu schaffen. Sie lehnte sich an den Küchentisch, an dem Alastor inzwischen ächzend Platz genommen hatte.
„Der Arme.", raunte sie ihm zu. „Jeder von uns kennt seinen Namen, aber wir sind Fremde für ihn."
Alastor zuckte nur mit den Schultern. „Remus war sein Lehrer, genau wie ich … indirekt … er kennt mein Gesicht."
„Und meins!", warf der kleine Dädalus mit vor Stolz geschwellter Brust dazwischen. „Wir sind uns bei seinem allerersten Besuch im Tropfenden Kessel begegnet. Er war ja so ein strammer kleiner Bursche!", erklärte er versonnen.
Ebenjener Junge betrat nun mit Remus ebenfalls die Küche und sah sie alle der Reihe nach an, während sein ehemaliger Lehrer die Ordensmitglieder vorstellte.
„ … das ist Nymphadora -"
Tonks' verbindliches Lächeln erlosch und ihre Haarspitzen kräuselten sich kaum merklich. „Nenn' mich nicht Nymphadora, Remus.", sagte sie drohend und fuhr an Harry gewandt fort: „Nur Tonks."
Remus grinste schalkhaft, so als hätte er diese Reaktion provozieren wollen. Mit Nachdruck fügte er hinzu: „Nymphadora Tonks, die lieber nur bei ihrem Nachnamen genannt sein will."
Tonks hatte das seltsame Gefühl, sich erklären zu müssen, weshalb sie – mehr zu Remus als zu irgendjemand sonst - hinzusetzte: „Das wäre dir auch lieber, wenn deine Närrin von Mutter dich Nymphadora getauft hätte."
Remus musste sich sichtlich das Lachen verkneifen, während er den Rest der Truppe vorstellte.
Nach einigem hin und her, gab Remus Tonks ein Zeichen und sie machte sich zusammen mit Harry auf den Weg, um seinen Koffer und den Besen zu holen.
Nachdem sie den Jungen mit ihrer Aurorenausbildung und den metamorphmagischen Fähigkeiten beeindruckt hatte, entdeckte Tonks zu ihrem Entzücken in der Ecke des kleinen Zimmers einen waschechten Feuerblitz. Ein wohliger Schauer überkam sie, als sie den langen, polierten Stiel des Besens berührte. „Ein Feuerblitz? Und ich flieg immer noch einen Komet Zwei-Sechzig ..."
Sie warf Harry einen halb anerkennenden halb neidischen Blick zu, den er mit stolzem Lächeln erwiderte.
Schwer beladen kehrten sie in die Küche zurück, wo Mad-Eye gerade sein magisches Auge in einem Wasserglas reinigte. Tonks schüttelte sich angewidert. Die restlichen Zauberer hatten offenbar ihre Schüchternheit abgelegt und wühlten nun begeistert in den Schubladen und Schränken der Muggel, um immer abwegigere Gerätschaften und Utensilien der Nicht-Magier zu Tage zu fördern.
Remus stand am Fenster und spähte mit aufmerksam zusammengekniffenen Augen in den dunklen Nachthimmel hinauf. „Wir haben noch ungefähr eine Minute, denke ich.", sagte er und wandte sich ab. Er nahm einen Brief aus seiner Umhangtasche und positionierte diesen sorgsam auf dem Küchentisch. „Harry, ich lass einen Brief an Tante und Onkel hier, damit sie sich keine Sorgen -"
„Tun die sowieso nicht", fiel Harry ihm ins Wort.
Remus zog traurig die Augenbrauen zusammen und machte einen neuen Versuch. „ - dass du in Sicherheit bist -"
„Das deprimiert sie nur.", antwortete Harry kaltschnäuzig.
Ihn ignorierend fügte Remus nachdrücklich hinzu: „ - und dass du sie nächsten Sommer wieder besuchst."
„Muss das sein?"
Remus lächelte bedauernd und machte dann Alastor Platz, der sich vor seinem Schützling aufbaute, um ihn mit einem Desillusionierungszauber zu belegen. Bewundernd sah Tonks zu, wie Harrys Körper sich langsam, wie der eines Chamäleons, an die Farben seiner Umgebung anpasste. Diese Zauber waren Alastors Spezialität und damit nur eine seiner zahlreichen magischen Fertigkeiten. „Der kam gut, Mad-Eye.", lobte Tonks ihren Mentor, von dem sie nur ein unheilvolles Augenrollen als Antwort erhielt.
Gemeinsam stiefelten sie durch die Hintertür zurück in den Garten, der dank Dunbledores Deluminator in völliger Dunkelheit dalag.
Tonks machte sich mit Remus' Hilfe daran, Harrys Gepäck an ihren Besen zu binden. Alastor wies Harry in ihre Flugformation ein und ignorierte jeden, der versuchte, seine äußerst pessimistischen Ausführungen etwas aufzuhellen.
Endlich erblickte Remus am klaren Nachthimmel das Signal und gab Anweisung zum Aufbruch. Tonks schwang sich ausnahmsweise einmal elegant auf ihren Besenstiel und stieß sich vom Boden ab. Kühler Flugwind erlöste sie allmählich von der drückenden Schwüle am Boden und fuhr ihr durch die Haare. Sie sah nach unten und beobachtete die kleiner werdenden Lichter des Londoner Vororts. Remus, der Harry von unten schützte, grinste zu ihr hinauf. Sein Lächeln wirkte so befreit und erleichtert, dass es Tonks für einen Moment völlig aus dem Konzept brachte. Sie flog einen unfreiwilligen Schlinger durch einen Wolkenfetzen, aus dem sie mit hochrotem Kopf und klatschnasser Kleidung wieder auftauchte.
Aalstor, der gerade rechts an ihr vorüberzog, warf ihr einen warnenden Blick zu. Von seinen ständigen Kommandorufen und willkürlichen Richtungsänderungen, um etwaige Verfolger abzuhängen, begleitet, legte der Trupp mehrere Meilen zurück. Der Wind war so hoch in der Luft schneidend und so kalt, dass Tonks sich schon nach wenigen Minuten an ihren Höllenritt durch halb Großbritannien erinnert fühlte, auf dem sie ihre erste Mission für den Orden erfüllt hatte. Auch damals hatte sie zeitweise das Gefühl gehabt, an ihrem Besen festzufrieren.
Als sie endlich in der Ferne das Lichtermeer Londons erkennen konnten, schlug Alastor vor, noch einmal umzukehren, um sicherzustellen, dass sie sicher nicht verfolgt wurden.
„BIST DU VERRÜCKT, MAD-EYE?", schrie Tonks gegen den Wind an. Sie hatte nicht die geringste Lust, länger als unbedingt notwendig in der Luft zu bleiben, und wenn Voldemort persönlich hinter ihnen her wäre!
Bestimmt fügte sie noch hinzu: „Wir sind allesamt an den Besen festgefroren! Wenn wir andauernd vom Kurs abweichen, brauchen wir noch 'ne Woche!" Sie deutete hinab auf die Stadt, deren Umrisse sie nun gut ausmachen konnte. „Außerdem sind wir fast da!"
Remus stimmte ihr zu und gab dann das Kommando zum Landeanflug. „Halt dich an Tonks, Harry!"
Bemüht, vor dem glänzenden Sucher auf dem Spitzenbesen ein gutes Bild abzugeben, glitt Tonks in einen geschmeidigen Sturzflug, der dann allerdings mit einer eher plumpen Landung auf dem Rasen in der Mitte des Grimmauldplatzes endete.
Sie rappelte sich auf, schüttelte sich das pinke Haar aus dem Gesicht und machte sich errötend daran, Harrys Koffer von den Trageriemen zu befreien.
Die anderen steuerten bereits zügig auf die Nr. 12 zu, die – wie Tonks wusste – für Harry, der noch nicht in den Fideliuszauber eingeweiht war, unsichtbar erschien.
Sie hörte, wie Alastor raunte: „Durchlesen und Einprägen!", bevor er den kleinen Papierfetzen in seiner Hand in Flammen aufgehen ließ. Harry schien nunmehr vollkommen ratlos und stolperte Kingsley hinterher, der ihn augenzwinkernd ins Haus führte, das sich gerade wie aus dem nichts vor den Augen des Jungen materialisiert haben musste.
Remus, der Tonks mit dem schweren Koffer half, sah ihm hinterher. Sie konnte nicht sagen, ob es Sorge oder vielmehr Bedauern waren, die sein Gesicht überschatteten. Lag es daran, dass er Harry nun nicht mehr für sich allein hatte? Schließlich war Sirius sein Pate und nicht er.
Aufmunternd legte Tonks ihm eine Hand auf die Schulter. „Er ist in Sicherheit."
Remus entspannte sich ein wenig unter ihrer Berührung und nickte energisch. „Ja … ja, das ist überhaupt das wichtigste."
Er lächelte dankbar zu ihr hinab, packte dann Harrys Koffer und schritt Tonks voran auf das Hauptquartier zu.
