Noch mal Unmengen von "DANKE"s an meine lieben Reviewer, es geht weiter!


Kapitel 20

Drei Tage später brach Tonks endlich ihr Schweigen.

Natalie hatte bereits vermutet, dass etwas Wichtiges geschehen sein musste, weil Tonks am vorigen Tag nicht in Hogwarts gewesen war. Lupin hatte nur kurz gesagt, sie käme am nächsten Tag wieder.

Schon morgens, als Natalie sich auf den Weg in die Große Halle machte, um zu frühstücken, sah sie Tonks, die mit Lupin auf einer Couch im Gemeinschaftsraum saß und leise, aber erhitzt, mit ihm diskutierte. Natalie war sich sicher, die Worte „Midgeons" und „Askaban" aufgeschnappt zu haben. Tonks begrüßte sie angestrengt grinsend und Natalie beschloss, sie während der Doppelstunde Pflege Magischer Geschöpfe auszufragen.

Aber auf den Hinweg hielt Tonks sich betont abseits von Natalie und während des Unterrichts entfernte sie sich einige Meter von den Schülern.

Die Folge war, dass Natalie abschrieb, was Emma sich über die Paarungsgewohnheiten von Knarlen notierte und sich ganze sechsmal von einem besonders argwöhnischen Exemplar beißen ließ. Sie musste die ganze Zeit über die Midgeons nachdenken. Wenn sie wirklich nach Askaban geschickt worden waren, dann musste das Ministerium überzeugt von ihrer Schuld sein. Oder war das wieder eine Vorzeigeverhaftung, wie das bei Stan Shunpike gewesen war? Wollten die Todesser die Midgeons aus dem Weg haben, weil die etwas wussten? Oder das Ministerium? Natalie wusste, dass sie sich alles mögliche zusammenüberlegen konnte, aber nicht auf die richtige Lösung kommen würde. Sie musste Tonks einfach zum Reden bringen.

Doch die schien ganz genau zu wissen, worauf Natalie aus war. Sie seufzte vernehmlich, als Natalie ihre Sachen betont langsam zusammen packte und es so einrichtete, gemeinsam mit Tonks am Ende der Gruppe zu gehen.

„Was ist mit den Midgeons passiert?" fragte sie sofort leise.

Tonks warf ihr einen müden Blick zu. „Ich hab dir doch gesagt, dass ich die Klappe halten werde."

„Aber das ist doch unfair!"

„Warum?"

„Weil ich es wissen will. Warum darf ich das nicht?"

„Du bist eine vierzehnjährige Schülerin. Was würdest du mit dem Wissen anfangen können?"

Das wusste Natalie nicht, und sie wusste es auch nicht, als sie abends mit Emma im Gemeinschaftsraum saß und ihr die mageren Neuigkeiten erzählte.

Auch Emma hatte keine bahnbrechenden Theorien zu bieten, sie schien nicht einmal ganz bei der Sache zu sein.

Wenigstens konnte niemand sie belauschen, denn im Gemeinschaftsraum übte der Rest der vierten und fünften Klasse angestrengt den Aufrufezauber. Natalie warf Eleanor, die eifrig mit Colin am Üben war, einen bösen Blick zu. Sie konnte wirklich nicht zulassen, dass ausgerechnet Eleanor ihr beim Aufrufezauber zuvor kommen würde.

Accio!" rief sie flüsternd und ließ ein Pergamentpapier zu sich schweben. Das gelang ihr allerdings schon seit längerer Zeit, schließlich bot das Papier genügend Angriffsfläche.

Mit verengten Augen beobachtete sie Eleanors vergebliche Versuche, das Geschichte-der-Zauberei-Buch Charakterlose Koboldkaiser zu bewegen.

Accio Koboldbuch!" rief Natalie leise, aber nichts geschah.

Emma rollte die Augen. „Das ist ein Koboldkaiserbuch, kein Koboldbuch."

Natalie zuckte die Schultern. „Accio Koboldkaiserbuch!"

Sie wagte es kaum zu glauben, als das Buch sich tatsächlich zögernd in die Luft hob, um dann langsam, aber beständig, auf sie zu zusegeln. Direkt auf dem Tisch vor ihr kam es zum Stehen und senkte sich auf die Tischplatte.

„Ich habs geschafft!" schrie sie mit quiekender Stimme. „Ich hab´s echt geschafft!"

Überwältigt umarmte sie die verblüffte Emma und richtete ihren Zauberstab auf das Exemplar von Verwickelte Verwandlungen, das sie noch immer nicht in die Bibliothek zurückgebracht hatte. Wieder funktionierte der Zauber.

Glücklich ließ Natalie sich auf ein Sofa plumpsen. „Ich hab´s geschafft", wiederholte sie erstickt. „Wahnsinn!"

Es war auch höchste Zeit gewesen. Nur wenige Minuten später stellte sich der Erfolg bei Eleanor ein. Um kurz vor zehn war es auch Jack gelungen.

Und als Lupin gerade die Zweit- und Drittklässler anwies, sich langsam in ihre Schlafsäle zurückzuziehen, schaffte es endlich sogar Emma.

„Flitwick wird begeistert sein!" verkündete Natalie selbstsicher.

„Oooh ja! Gleich drei Leute gleichzeitig – und eine Dumpfbacke", sagte Emma hämisch grinsend und sah Eleanor so auffällig wie sie konnte an.

Als die alte Standuhr elf Uhr schlug, war der Gemeinschaftsraum fast leer. Padma saß noch in einer Ecke und ließ Nadeln vor ihrem Gesicht tanzen, die auf einem dunkelroten indischen Sari verschlungene Muster stickten. Ganz in ihrer Nähe schrieb Neville an einem Aufsatz, während Tonks auf einem Sofa einen Haufen höchst offiziell aussehender Blätter durchsah.

Emma setzte ihre Falkenfeder ab und betrachtete ihren vollendeten Aufsatz für Geschichte der Zauberei mit einem erleichterten Blick. Natalie hatte ihren bereits vor fünf Minuten fertig geschrieben, das Aufrufezauber-Übungsobjekt Charakterlose Koboldkaiser hatte sich als sehr nützlich erwiesen.

„Ich hab drei Zoll mehr als Binns verlangt hat", sagte Emma triumphierend. „Ich weiß bloß nicht, ob alles stimmt. War Gorg der Garstige ein Rebell oder der dreihundertsiebenvierzigste Kaiser?"

„Ich hab geschrieben, er wäre ein Familienvater mit dreizehn Frauen", erwiderte Natalie verwirrt. „Stand jedenfalls in dem dämlichen Buch da."

Emma kreischte wütend auf, rollte ihren Aufsatz aber trotzdem zusammen und stopfe ihn energisch in ihre Tasche. „Ist – mir – jetzt – scheißegal! Warum ist Binns bloß nicht ganz abgekratzt, sondern ein Geist geworden?"

„Frag ihn doch", sagte Natalie schulternzuckend.

„Pah... Er würde sagen ‚Bitte unterbrechen Sie mich nicht, Miss Dirks'. Und dann würde er so lange weiter labern, bis ich wieder eingeschlafen wäre."

„Das ist die Antwort. Er war selbst dem Tod zu langweilig."

„Natürlich", grummelte Emma.

Um Viertel nach elf faltete Neville seinen Aufsatz zusammen, wünschte den Verbliebenen eine Gute Nacht und stieg gähnend die Treppe zum Schlafsaal der Fünft- bis Siebtklässler hoch.

Als auch Padma um fünf vor zwölf aufstand, hielt Natalie den richtigen Moment für gekommen. Sie flüsterte Emma zu, sie solle in den Schlafsaal verschwinden, damit sie selbst Tonks ausquetschten konnte.

Emma blinzelte verwirrt, fragte „Hä?" und schien sich erst dann an die Sache mit den Midgeons zu erinnern. Sie schlich müde fort.

Tonks sah von ihren Blättern auf und blickte halb erstaunt, halb gequält drein.

„Nein", sagte sie fest.

Natalie setzte sich neben sie und versuchte, einen Blick auf die Dokumente zu erhaschen. Tonks faltete sie hastig zusammen und tippte sie mit ihrem Zauberstab an, worauf die Blätter sich in Luft auflösten.

„Bitte, Tonks!"

„Nichts da!" sagte Tonks energisch. „Natalie, alles, was du zu wissen hast, wird morgen im Tagespropheten stehen. Und das ist genau das, was der Rest der Welt auch zu wissen hat."

Natalie verengte ihre Augen. „Aber ich weiß doch schon mehr!"

„Eben. Du weißt schon zu viel. Es geht dich nichts an."

„Aber dich geht es was an!" rief Natalie empört. „Mr Lupin auch, und das gesamte Ministerium – warum ich nicht?"

Tonks fummelte entnervt an ihren türkisen Haaren herum. „Du bist eben nicht das gesamte Ministerium. Und nebenbei wissen davon eh nur der Minister und die Auroren, die mit dem Fall Midgeon zu tun haben."

Natalie schwieg erbost.

„Und das ist wahrscheinlich sowieso nicht die bahnbrechendste Neuigkeit. Die Schlagzeile des Propheten wird morgen etwas völlig anderes sein."

„Was denn?" fragte Natalie begierig.

„Morgen, Natalie", sagte Tonks düster. „Morgen."


Natalie hatte keine Ahnung, ob sie jemals den nächsten Tag so ersehnt hatte. Sie hatte noch nie so ungeduldig auf die Morgenpost gewartet, und als eine Eule ihr endlich den Propheten auf den Kopf fallen ließ, riss Natalie ihn an sich und erhaschte einen Blick auf die Titelseite.

Die Eule kreischte mahnend auf und flatterte ihr um den Kopf herum. Hastig stopfte Natalie ein paar Münzen in das Beutelchen, das am Bein der Eule befestigt war und las die dickste Überschrift auf der ersten Seite.

Celestia Warbeck kurz vor Genrewechsel

Die ebenso rührselige wie stimmgewaltige Celestia Warbeck (47) teilte gestern auf einer Pressekonferenz ihre Absicht mit, ihr neues Album „voll mit afrikanischen Tanzrythmen zu packen".

Natalies Augen glitten den Text hinab („...bezeichnete ihr letztes, besonders erfolgreiches Album als Kitschüberschwemmung...", „...feuerte ihren siebzehnten Manager...") und sie las den letzten Satz, ohne, dass sie irgendetwas bemerken konnte, das bei Tonks für schlechte Laune sorgen könnte.

„'Ob ihre zahlreichen älteren Fans mit dem überraschenden Genrewechsel klarkommen werden, bleibt abzuwarten.'", zitierte Ginny, die gegenüber von Natalie saß, lachend. „Meine Mum bestimmt nicht, die -"

Natalie konnte nur zu gut nachempfinden, was Ginny verstummen ließ. Unter der Warbeck-Schlagzeile stand eine kleine, unbedeutend aussehende Notiz.

Wachwechsel in Askaban

Das weltweit größte Zauberergefängnis in der Nordsee erfuhr in den letzten Tagen den ersten Wachwechsel überhaupt. Die Dementoren verließen auf Befehl des Ministeriums die Festung, um Platz für schätzungsweise zweihundert Riesen unter der Leitung ihres Gurgs Golgomath zu machen. Golgomath, von einem Vertreter des Ministeriums als „vertrauenserweckend und intelligent" beschrieben, hat bereits Erfahrung mit einer Riesengruppe von hundertfünfzig Mitgliedern gemacht. Seinen eigenen Worten nach ist er „zuversichtlich, Askaban wieder zu einem ausbruchssicherem Gefängnis" zu machen, so ein Dolmetscher des Ministeriums.

„Ach, du Scheiße!" hauchte Ginny entsetzt. „Das Ministerium ist doch total gestört. Riesen – verdammt, Riesen! Die müssen dich wissen, dass die mit den Todessern unter einer Decke stecken!"

David Sloper sah von seinem Müsli auf. „Der Prophet hat doch schon ein paar Mal geschrieben, dass sich mehr und mehr Riesen unserer Seite anschließen. Vor allem eben auch Golgomath -"

„Völliger Blödsinn!" unterbrach Ginny ihn erhitzt. „Und überhaupt – die Dementoren sind garantiert nicht auf Befehl des Ministeriums gegangen. Die sind doch schon die ganze Zeit am Abhauen. Aber Riesen... Wie können die nur Riesen dahin bringen?"

Natalie schüttelte matt den Kopf. Als Tochter einer reinblütigen Zaubererfamilie kannte sie genug Geschichten über Riesen, Geschichten und bewiesene Tatsachen. Riesen waren wilde, kaum kultivierte Lebewesen, schon vor der letzten Terrorherrschaft von Voldemort waren sie in ständige Kriege und Streitereien mit ihren menschlichen und nichtmenschlichen Nachbarn verwickelt gewesen. Wie man einen Riesen als „vertrauenserweckend" bezeichnen konnte, konnte Natalie nicht im Geringsten nachvollziehen.

Sie konnte sich aber gut vorstellen, dass Riesen die Gefängnisinsassen gut am Fliehen hindern würden – sie würden allen aufmüpfigen Gefangenen einfach den Kopf abreißen. Wie konnte das Ministerium nur Riesen anstellen? Konnten sie keine vernünftigen Auroren entbehren? Oder war das ganze von den Todessern angezettelt? Hatten sie darauf hingearbeitet, Riesen nach Askaban zu schicken? Es gab schon seit Monaten Gerüchte über immer mehr Riesen, die sich Voldemort anschlossen.

Natalie sah ihre Mitschüler prüfend an. Den meisten, vor allem denen, die in ausschließlich reinblütigen Zaubererfamilien aufgewachsen waren, stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Nur David Sloper schien fest am die Zurechnungsfähigkeit des Ministeriums zu glauben.

„Die Auroren haben doch Jahre gebraucht, die Riesen in die Berge zu treiben", murmelte Jessica wie betäubt. „Das dürfte der erste Annäherungsversuch an Riesen seit Jahrzehnten sein. Und dann gleich so was..."

Natalie sah, wie Ginny und Neville einen kurzen Blick tauschten und sich unauffällig zugrinsten. Was wussten die beiden denn schon wieder? Warum wussten ständig alle um sie herum Dinge, die wichtig waren und Natalie trotzdem nicht zu wissen hatte?

Sie stützte ihren Kopf auf eine Hand und grübelte trotzig vor sich hin. Natürlich, Ginny war die Schwester von Ron Weasley, und der Harry Potters bester Freund. Und ganz nebenbei war Ginny auch noch Harry Potters ehemalige Freundin. Der wusste vermutlich alles, was es im Moment zu wissen gab. Und Neville? Neville war in der DA gewesen, hatte Dennis ihr erzählt gehabt. Vielleicht waren alle DA-Mitglieder vollgestopft mit Informationen?

Allerdings hatte Natalie nicht die Absicht, Dennis danach zu fragen. Er hatte deutlich zu verstehen gegeben, dass er an einer Freundschaft mit ihr überhaupt nicht mehr interessiert war. Außer Dennis waren Neville und Ginny Mitglieder gewesen, und die würden bestimmt schweigen.

Natalie überlegte. Wer war noch in der DA gewesen? Colin Creevey. Aus dem würde sie nichts rauskriegen. Michael Corner. Den kannte sie kaum, warum sollte er ihr etwas erzählen? Sonst niemand.

Außerdem wussten die meisten von denen wohl sowieso nicht mehr als das, was auch in den schockierenden Enthüllungen vom vorletzten Jahr im Klitterer gestanden hatte. Ein paar Mitglieder waren auch im Ministerium gewesen. Das war nie offiziell bestätigt gewesen oder hatte gar in der Zeitung gestanden, aber es war ein offenes Geheimnis. Wer war noch dabei gewesen? Harry Potter, natürlich, seine Freunde Ron Weasley und Hermine Granger, dann Neville und Ginny – und die schienen eine Menge zu wissen! – und noch jemand. Luna, Luna Lovegood. Natalie lächelte schmal. Luna, natürlich.


Natalie war durch die halbe Schule gelaufen, um das Mädchen zu finden. Die anderen waren nach zwei einschläfernden Stunden Geschichte der Zauberei gähnend in der Großen Halle beim Mittagessen, aber Natalie hatte von Ginny erfahren, dass Luna gerade ihre Wahrsagestunde beendet haben musste und sowieso selten zum Mittagessen kam.

Natalie hatte vor Firenzes Klassenzimmer gewartet, aber Luna war nicht gekommen. Padma und Neville, die mit Luna Wahrsagen hatten, waren schon vor einer Viertelstunde aus dem Zimmer gekommen und hatten behauptet, Luna würde noch mit Firenze sprechen.

Nach weiteren zwanzig Minuten hatte Natalie ungeduldig an der Tür geklopft und war eingetreten. Firenze hatte alleine in der Mitte der Lichtung gestanden und die Sterne beobachtet. Luna sei in den Wald gegangen, hatte er gesagt. Sie suche Federn von irgendeinem Wesen, dessen Name Natalie nicht verstanden hatte – er war nur furchtbar lang, das hatte sie bemerkt – und hätte darum einen Spaziergang gemacht. Der echte Verbotene Wald sei schließlich tabu.

Natalie hatte erwartet, dass Firenze ihr anbieten würde, Luna zu folgen. Der Zentaur hatte sie jedoch schlichtweg ignoriert und weiter den Himmel betrachtet. Nach einer Weile hatte Natalie einfach einen ausgetretenen Pfad betreten und sich selbst auf die Suche gemacht.

Dieser künstliche Wald sah seinem Vorbild zum Verwechseln ähnlich. Natalie erkannte die Gegend zwar nicht, dieser Teil musste mitten im Wald sein, aber die kahlen, schwarzen Bäume, die erst hoch oben Blätter ansetzten, das faulige Moos und das vergammelte Laub auf dem Boden sagten ihr nur zu deutlich, dass dieser kleine Wald die unangenehmste Gegend des Verbotenen Waldes wiederspiegelte. Sie erwartete jeden Moment, dass ein Werwolf oder eine Acromantula in den schmalen Weg springen würde. Vorsichtshalber zog sie ihren Zauberstab und versuchte, sich selbst davon zu überzeugen, dass solche gefährlichen Wesen niemand in die Schule gelassen werden würden.

Je tiefer sie in den künstlichen Wald vordrang, desto dunkler wurde es. Die Sterne, die Firenze hatte erscheinen lassen, waren blass und durch Lücken im Blätterdach nur schwach zu erkennen. Der Halbmond war undeutlich und gab kaum Licht.

Lumos!" flüsterte Natalie.

Der Lichtstrahl traf auf alte, vermooste Wurzeln und auf verwitterte Steine voller Flechten. Das unzureichende Licht gab Natalie das mulmige Gefühl, überall, wo sie nicht hinleuchtete, lauerten Gefahren, denen sie als einfache Schülerin nichts entgegenzusetzen hatte.

„Harry Potter hat im vierten Schuljahr Voldemort entkommen können, oder?" murmelte sie verbissen. „Dann werde ich gefälligst auch einen künstlichen Wald überstehen."

Der Pfad wurde immer schlechter. Im Unterholz knackte es plötzlich. Natalie richtete reflexartig ihren Zauberstab in die Richtung, in der sie das Geräusch vermutete. Für einen kurzen Moment reflektierte ein Paar Augen das Licht, dann erkannte Natalie eine Art Hirsch oder Reh, das erschrocken floh.

Sie atmete erleichtert aus – sie hatte nicht einmal bemerkt, dass sie die Luft angehalten hatte – und ging langsam weiter. Schleichend, aber stetig schien der Wald sich zu lichten.

Von einem Moment auf den anderen glitten die Bäume auseinander und gaben den Blick auf eine weitere, kleine Lichtung frei. Mitten auf der Waldwiese stand ein großer, quadratischer Stein, und darauf saß Luna Lovegood.

Natalie ließ das Licht ihres Zauberstabes erlischen, der Mond gab hier genug Licht. Ein Pfad aus niedergetretenem Gras führte zu Lunas Sternenguckerstein.

„Hallo", sagte sie leise.

Luna reagierte nicht. Sie drehte Natalie den Rücken zu und hatte die Kapuze ihres Umhanges aufgesetzt. Natalie umrundete den Stein und war überrascht, Luna nicht in den Himmel sehend zu finden. Stattdessen hatte sie ihren Zauberstab ausgestreckt, von dem ein dünner Strahl ausging und auf dem Waldboden einen schwach glimmenden Kreis formte.

Zuerst konnte Natalie mit den dunkelgrünen Strichen und einem grotesk anmutenden, riesigen Insektenkopf nicht anfangen, dann begriff sie. Luna vergrößerte einen Ausschnitt des Bodens, benutzte irgendeinen Zauber, um eine Lupe zu ersetzen.

„Hallo, Luna!" sagte Natalie wieder, diesmal lauter.

Luna bewegte sich nicht, aber wenigstens antwortete sie. „Hallo." Ihre Stimme war noch flüchtiger als gewöhnlich.

„Was machst du hier?" fragte Natalie, obwohl es sie eigentlich nicht im Geringsten interessierte.

Luna sah lächelnd auf. „Das möchtest du doch gar nicht wissen, oder, Natalie?" fragte sie sanft.

Natalie runzelte die Stirn. „Nun... nein, eigentlich nicht."

Luna lächelte wieder auf ihre friedliche Weise. Sie sah wieder auf den Boden und murmelte etwas. Im Inneren des Kreises wuchs das Insekt an, bis nur noch ein riesiges Facettenauge zu sehen war. Der Kreis wanderte leicht nach rechts und zeigte die Zellstruktur eines einzelnen Grashalms.

Natalie beobachtete den Kreis fasziniert. Luna zoomte noch näher heran. Zwei Zellen lagen nebeneinander, eine mit einem schwarzen Punkt in der Mitte, eine andere mit vielen fadenähnlichen Gebilden.

„Wie machst du das?" fragte sie leise.

Luna erwiderte nichts, sondern studierte die beiden Zellen konzentriert.

Natalie räusperte sich verlegen. „Ich... ich wollte dich eigentlich was fragen."

Luna ließ den Kreis schrumpfen, bis er verschwunden war. Träumerisch klemmte sie ihren Zauberstab hinter ihr Ohr. „Was denn?"

„Na ja. Ich dachte, du wüsstest vielleicht etwas über... also, zum Beispiel die Sache mit Askaban. Dass die Riesen jetzt da sind. Warum das so ist und so."

Luna sah ehrlich interessiert aus. „Ach, du meinst, weil mein Vater den Klitterer herausgibt? Er hat so was ja immer aus erster Quelle."

Nein, das meinte Natalie eigentlich überhaupt nicht. „Eh... ja, klar."

Luna machte es sich auf dem Stein bequem und sah aus einem Meter Höhe gewichtig auf Natalie hinab. „Rufus Scrimgeour plant nämlich, die Gefangenen wieder aufzupäppeln. Wenn Dementoren da sind, geht das natürlich nicht, die saugen den Insassen allen Lebenswillen aus. Dass Riesen jetzt da sind, macht die Leute natürlich auch nicht viel glücklicher, aber so erholen sie sich doch ein Stück und dürfen dann Scrimgeours Privatarmee beitreten -"

„Privatarmee?" wiederholte Natalie verblüfft. „Aber da sind doch Mörder bei, Todesser!"

Luna nickte verschwörerisch. „Und nicht nur das!" Sie verengte die Augen. „Es gibt da auch einige, die mit Schrumpfhörnigen Schnarchkacklern die Weltherrschaft übernehmen wollten..."

Natalie seufzte. Sie hätte es sich denken können. Luna dachte sich mal wieder wahnsinnige Theorien aus.

„Hm, okay", murmelte sie.

Die Lichtung erhellte sich schlagartig, die Sterne verblassten und schwermütige, graue Regenwolken überzogen den Himmel. Es begann zu nieseln.

Am Waldrand raschelte es und Firenze trat aus der letzten Baumreihe hervor.

„Der Unterricht fängt gleich an", sagte er mit seiner tiefen, eindringlichen Stimme. „Sie müssen auch gehen, Luna Lovegood."

Geschickt kletterte Luna von ihrem Stein herunter und die beiden Schülerinnen machten sich schweigend auf den Weg aus dem Klassenzimmer heraus.