Kapitel 15

Ein langer Weg - Die Genesung

Am nächsten Morgen trafen zwei Heiler ein, die beide Legolas seit seiner Geburt kannten und ihn immer bei Verwundungen versorgt hatten. Als sie den jungen Prinzen so ausgemergelt auf der Trage liegen sahen, konnte man ihnen ihren Schmerz ansehen. Sie begannen sogleich, die Verbände zu erneuern und ihn selbst mit einem belebenden Sud zu waschen. Sanft massierten sie seine Muskeln und versuchten, diese zu lockern. Legolas stöhnte auf. Nefhithwens und Thranduils Mienen waren froh, auch wenn dieser Laut ihnen im Herzen wehtat, so war er doch eines der wenigen Lebenszeichen, die sie von ihm in den letzten Tagen erhalten hatten.
Nachdem die Heiler ihr Werk beendet hatten, entschied Thranduil, von nun an den Weg durch den Wald zur Hauptstadt des Elbenreiches zu Fuß zu gehen. Er wollte den Galanern und seiner neuen Tochter, als diese sah er Nefhithwen nun an, das Reich der Waldelben zeigen und ihnen so ein wenig Geborgenheit vermitteln. Zudem hoffte er, daß sein Sohn die Kraft des Waldes, seiner Heimat, spürte und diese ihm half, an Leib und Seele zu genesen. Die Pferde wurden mit mehreren Elben voraus geschickt. Er bat Celebril mitzugehen und Elena von den Geschehnissen zu berichten. Celebril war ein alter Freund, und Thranduil vertraute darauf, daß dieser wußte, was er Elena zumuten konnte.

Dann brachen sie auf. Legolas war auf eine Trage aus grünen Weiden, gepolstert mit Moos, gelegt worden und eine Decke aus grünen Farnen bedeckte ihn und gab ihm Wärme. Die notdürftig zusammengezimmerte Trage aus der Feste hatte ausgedient. Sie war in kleine Stücke zerschlagen worden und hatte bereits die Nacht zuvor als Brennholz gedient. Nefhithwen und die Galaner staunten nicht schlecht, als sie sahen, wie und womit die Elben eine stabile, leicht federnde Trage geschaffen hatten. Die Trage war an Kopf- und Fußende jeweils mit großzügigen Schlingen aus Lianen versehen, welche die Träger über ihre Schultern legen konnten und so das Gewicht des zu Tragenden von den Armen nahm. Dadurch konnten sie viel sicherer gehen, weil sie die Hände zum Abstützen frei hatten, wenn der Weg schmal oder steil wurde, und andererseits wurde die Trage dadurch immer so waagrecht wie nur irgend möglich gehalten.

Die Elben marschierten zügig, aber dennoch in einem gemäßigten Tempo durch Eryn Lasgalen, das Reich der Waldelben, das die Menschen früher lange Zeit den Düsterwald genannt hatten. Nefhithwen und die Soldaten blickten sich staunend um, denn sie hatten noch nie einen Wald mit so hohen Bäumen und so dichtem Blätterwerk gesehen. Nichts an diesem Wald war düster und beängstigend und sie fragten sich, woher er diesen dunklen Namen hatte. Die Königin und ihre Soldaten waren – gemessen an der für sie schier unendlich langen Lebenszeit der Elben – überaus jung. So war ihnen nicht bewußt, daß dieser wahrlich düstere Name auf Zeiten zurückzuführen war, in denen der Düsterwald in großen Teilen von Wesen der Dunkelheit, wie den Riesenspinnen, beherrscht worden war. Trotz des gedrängten Grünwerkes ließ der Wald sanft schimmernd die Sonnenstrahlen des Tages wie goldene Bänder bis auf den Waldboden fallen. Der ganze Wald leuchtete in tausenden, kleinen Lichtblitzen in funkelnden Grüntönen auf, als wenn all seine Pflanzen mit Edelsteinen besetzt wären. Immer wieder, wenn ein Sonnenstrahl auf undurchdringliches Blattwerk fiel, schien es, als wenn die Farben des Waldes dort für den Moment einer Unendlichkeit besonders schillernd aufloderten. Die Luft war erfüllt vom Summen der Insekten, dem Rascheln des Windes im Laub, dem Zwitschern der Vögel und einer sanften Melodie, die durch die Wipfel glitt und sie auf ihrem Weg begleitete. Je länger Nefhithwen dieser Melodie zu folgen versuchte, um so deutlicher wurde ihr, daß es sich um das Lied handelte, das sie Legolas schon so oft gesungen hatte. Sie blickte Thranduil fragend an und er lächelte sanft und gab ihrer unausgesprochenen Frage zur Antwort:
„Du erzähltest mir, wie es dazu kam, daß dieses Lied für euch beide eine solche Bedeutung hat. Ich sagte dir, daß Legolas von Elena auch immer, wenn er sich nicht wohl fühlte, ein Lied gesungen bekam."
Thranduil fuhr Nefhithwen sanft mit seiner Hand über die Wange und sprach dann mit einer Stimme voller Liebe weiter:
„Es ist kein Zufall, daß auch Elena ihm dieses Lied vorsummte. Du kennst dieses Lied sicher von deinem Vater. Als Legolas noch klein war, brachte er ihn öfters zu Bett und sang ihm dieses Lied zum Einschlafen vor. Legolas liebte dieses Lied immer heiß und innig und Elena hatte es von Hûniest übernommen."
Nefhithwen wurde es ganz warm ums Herz, denn sie erkannte, daß da sicher noch viel mehr war, was sie von ihrem Vater übernommen hatte, das ihn mit seiner Familie und seinem Volk verbunden hatte und sie erwiderte:
„Vater hatte dieses Lied oft auf seinen Lippen und ich kenne die elbischen Worte, aber ich habe nie erfahren, was sie wirklich bedeuten. Vater sagte immer, erst wenn ich einen Menschen gefunden hätte, mit dem ich mein Leben verbringen möchte, würde er mir den Text offenbaren."
Sie verfiel einen Moment in Melancholie und dachte daran, wie ihr Vater sie immer aufgezogen hatte, wenn sie versucht hatte, ihn zu überlisten, damit er ihr den Inhalt des Liedes verriet. Thranduil nahm ihre Hand und sprach:
„Es sind nicht nur eine Melodie und ein paar Worte. Es ist immer wieder aufs Neue eine Liebeserklärung an das Leben an der Seite des oder der Geliebten mit allem, was es an Schönem birgt - mit den Kindern, den Jahreszeiten, der Wärme, der Poesie. Es ist eine Liebeserklärung an die schönen und glücklichen Momente mit denen, die man liebt."
Er drückte Nefhithwens Hand ein wenig fester und begann, den Text in seiner sonoren, sanften und satten Stimme anzustimmen. Nefhithwen sah, daß die Elben, die sie begleiteten, glücklich lächelten. Sie konnte erkennen, wie sie es liebten, ihren König singen zu hören und als einige von ihnen in einer begleitenden Melodie in den Gesang einfielen, wurde ihr klar, wie sehr die Elben ihre Gefühle durch ihren Gesang ausdrückten. Ihr Vater hatte häufig ein Lied auf den Lippen gehabt und es war immer ein Ausdruck seiner Ausgeglichenheit und seiner Freude am Leben gewesen. Sie hatte es geliebt einfach dabeizusitzen und zu lauschen, wenn er las und dabei vor sich hinsummte.

Nefhithwen ließ sich in die Liebe fallen, mit der Thranduil das Lied sang. Als er es beendet hatte und nur noch die Melodie in scheinbar endloser Wiederholung weiter durch den Wald hallte, fragte sie leise:
„Verrätst du mir den Sinn der Worte?" Und sie blickte ihn erwartungsvoll an.
Thranduil lachte leise auf, schüttelte den Kopf und erwiderte dann mit einem zärtlichen Blick auf sie:
„Nein, Tochter, das soll Legolas machen."
Er lächelte verschmitzt, drückte sacht ihre Hand, als er ihre Enttäuschung sah und drückte ihr einen Kuß auf die Schläfe.

Unterwegs wurde Thranduil gewahr, daß sein Sohn wieder fieberte. Seine Haut glühte und war zugleich wächsern und feucht. Besorgt blickte er zu den beiden Heilern, aber diese beruhigten ihn und Nefhithwen indem sie erklärten:
„Seid ohne Sorge, Herr, wir haben seinen Rücken und die Wunden dort gewaschen und die Entzündungsherde dort behandelt, worauf Estel, wohl wegen der schweren Verletzung der Hüften, zunächst verzichtet hatte. Das Fieber hat nun reinigende Wirkung und zeigt uns, daß der Heilungsprozeß begonnen hat."

Legolas hatte den Gesang seines Vaters gehört, er spürte die sanften Erschütterungen der Trage, spürte die Wärme seiner Zudecke, und der Duft des Waldes, seiner Heimat, stieg ihm in die Nase. Er versuchte, seine Augen zu öffnen, aber noch reichten seine Kräfte hierzu nicht. Schnell waren bleierne Schwere und Müdigkeit zurückgekehrt, die ihn immer nur kurze Zeit losließen. Aber der Gesang seines Vaters, die sphärischen Stimmen der Elben, die in den Gesang mit einer eigenen Melodie einfielen, umfingen seinen Geist wohltuend. Sein Atem wurde ruhiger, gleichmäßiger und etwas tiefer. Legolas sank in einen erholsamen Schlaf und überließ sich ganz der heilenden Kraft des Waldes.

Der Trupp aus Elben und Menschen war gut vorangekommen und am Abend wurden sie auf einer Lichtung bereits überraschend erwartet. Der Platz war das Zentrum eines kleinen Dorfes, das durch vom Boden in die Äste der Bäume hinein gebaute Stege und Wege erreichbar war. In schwindelnder Höhe waren Aussichtspunkte und feingliedrige Behausungen angelegt. Die Elben von Eryn Lasgalen lebten nicht grundsätzlich wie die Elben Lothlóriens ausschließlich in den Bäumen, aber sie kannten die Schönheit dieser scheinbar schwebenden Bauweise ebenso. Sie nutzten ihr Wissen um diese Baukunst, um in den Höhen der Bäume Dörfer zu errichten, wo ebenerdige Gebäude die Harmonie des Ortes stören würden. Die Waldelben waren noch mehr mit den Bäumen verbunden als die Elben des Lichts, weshalb ihnen die Reinheit des Waldes wichtig war.
Die Überraschung aber war Elena, die auf der Lichtung stand und auf sie wartete. Thranduil eilte auf seine Gemahlin zu und nahm sie sanft in seine Arme. Zärtlich küßte sie den Mann, den sie liebte, und er erwiderte ihren Kuß lange und fast wie ein Ertrinkender, dem kostbares Naß geboten wurde. Thranduil löste sich nach einiger Zeit sanft von ihr und blickte in das schöne Gesicht seiner Königin, dann fragte er:
„Celebril kann dich nicht getroffen haben, wenn du bereits hier bist. Du mußt aufgebrochen sein, bevor er den Palast erreichte. Wieso bist du hier und was wurde dir mitgeteilt?"
Elena sah Thranduil traurig an und sprach:
„Melethron, glaubst du wirklich, daß die Kunde über das Leid unseres Sohnes nicht in Windeseile einen jeden Bewohner und Untertan im Düsterwald erreicht hätte? So wie seine Verbannung, ist auch die Nachricht über deinen Aufbruch zur Versöhnung und nun seine schwere Heimkehr bereits an alle Ohren gedrungen. Das Volk leidet. Unsere Herzen bluten."
Sie gab ihrem Gemahl noch einen sanften Kuß auf seine Lippen, wand sich dann aus seiner Umarmung und ging zur Trage, auf der ihr Sohn lag. Die Träger hatten sie vorsichtig abgesetzt und Nefhithwen war neben ihr auf die Knie gesunken und hielt Legolas' Hand, wie schon den ganzen Weg über. Aufschluchzend sank Elena nieder, und hielt sich entsetzt eine Hand an die Lippen. Ihr Sohn sah so ausgezehrt und zerbrechlich aus, und ihr Geist konnte den seinen nicht berühren. Sanft fuhr sie mit ihrer feingliedrigen Hand über seine eingefallenen Wangen. Dann holte die Königin tief Luft, besann sich wieder ihres Standes, richtete sich auf, gab ihrem Sohn sanft einen Kuß auf die Stirn und wandte sich dann an die Träger:
„Taran wird euch führen. Es ist ein Lager für Legolas bereitet. Danach wird er Euch weisen, wo ihr Euch erholen könnt."
Sie winkte einem jungen Elben, der schweigend vorging, während die Träger, seit dem Mittag zwei Soldaten der Galaner, Legolas' Trage wieder aufnahmen und ihm folgten. Elena griff nach der Hand der jungen Frau, die auf der anderen Seite der Trage gesessen hatte und nun die Träger begleiten wollte. Legolas' Mutter hielt die junge Galanerin zurück und blickte ihr offen in das Gesicht, mild lächelnd sprach sie:
„Welch wunderschöne Augen. Selbst die Augen deines Vaters waren nicht so tief braun."
Elena zog Nefhithwen sanft zu sich heran und umarmte die noch sehr scheue Geliebte ihres Sohnes herzhaft. Dann ließ sie Nefhithwen wieder aus ihren Armen frei und sprach:
„Willkommen, Nefhithwen, sei von Herzen gegrüßt."
Elena lächelte die etwas unsichere Nefhithwen aufmunternd an.

Nefhithwen war sprachlos. Sie hatte noch nie eine solch schöne Person gesehen. Ihr Vater hatte die Elben immer als das ‚Schöne Volk' bezeichnet. Er hatte auch berichtet, daß es unter den Elben von Caras Galadhon welche gab, die so schön waren, daß sie selbst für andere Elben überirdisch und nicht von dieser Welt erschienen. Aber Elena war eine Schönheit, erdgebunden, frisch und so lebendig wie das Blätterwerk des Waldes. Sie schien ein Teil dieses Waldes zu sein, gewachsen aus allen Elementen um sie herum. Ihr Haar schimmerte in den vielfältigen Farben des lichten Waldes und fiel so glänzend und füllig auf den Rücken nieder, als würden sie einem Wasserfall gleich fließen. Nur zwei kleine Zöpfchen aus den Haaren an ihrer Schläfe, die nach hinten gebunden waren, hielten die Haarpracht aus ihrem Gesicht.

Als Nefhithwen sich wieder gefangen hatte, lächelte sie scheu zurück und dankte für die Begrüßung. Sie war etwas irritiert, denn Legolas hatte überhaupt keine Ähnlichkeit mit seiner Mutter. Diese aber nahm Nefhithwen ihre Scheu, faßte sie erneut bei der Hand und zog sie einfach mit sich in die Wipfel der Bäume. Thranduil folgte ihnen lächelnd, in Gedanken den Valar für die unkomplizierte Art seiner Frau dankend, während die anderen Elben des Trupps und die Soldaten Galens von Bewohnern der Lichtung ihre Unterkünfte gewiesen bekamen.

Elena zeigte Nefhithwen, wo Legolas untergebracht war, aber da sich bereits wieder die Heiler um ihn kümmerten, führte sie die Geliebte ihres Sohnes weiter zu einem Raum, in dem bereits ein Abendbrot für mehrere Personen bereit stand. Der Raum war weit und geräumig, in den warmen Herbsttönen des Waldes gehalten. Seine leichte Ornamentik machte ihn edel und lud zum Verweilen ein. Es gab keine Sitzmöbel oder eine Schlafstatt in diesem Raum, statt dessen waren wunderschön gearbeitete Kissen, die mit den gleichen gewebten Ornamenten der Wände versehen waren, um einen niederen Tisch verteilt. Nefhithwen wollte protestieren und zu Legolas zurückkehren, hatte sie ihm doch versprochen da zu sein, wenn er seine Augen aufschlug, aber Elena war unnachgiebig, schob die junge Frau zum Tisch und sprach dabei:
„Ich habe schon gemerkt, daß du nicht lange von Legolas fernzuhalten sein wirst." Sie lächelte versöhnlich und fuhr fort:
„Aber die Heiler versorgen ihn gerade, wie du selbst gesehen hast, und du tust ihm keinen Gefallen, wenn du irgendwann völlig entkräftet neben ihm zusammenbrichst. Du wirst zunächst essen und wir werden ein wenig reden. Für heute Nacht habe ich ein Lager für dich neben Legolas richten lassen. Sei also beruhigt."
Elenas Lächeln war so entwaffnend, daß Nefhithwen ihren Widerstand aufgab und sich ergeben auf einem Kissen niederließ. Zu ihnen gesellten sich nun noch Gimli, dem man zunächst seinen Raum gezeigt hatte und Aranhathel, der nachgesehen hatte, ob die Galaner mit allem, was sie brauchten, versorgt waren.

Elena begrüßte nun auch Gimli und tat es in einer überschwenglichen, liebevollen Art, daß Nefhithwen über die Schäkereien zwischen der Königin und dem Zwerg schmunzeln mußte. Sofort lockerte sich die Stimmung und alle langten mit gutem Hunger beim exzellenten Mahl zu. Erst nach dem Essen bat Elena ihren Gemahl von dem Geschehenen zu berichten. Thranduil zog seine Gemahlin zu sich und begann zögernd, aber dann immer schneller, von ihrer Reise seit seinem Abritt aus dem Düsterwald zu berichten. Es schien fast so, als müßte der König sich alles vom Herzen reden
Nefhithwen durchlebte nochmals die vergangenen schrecklichen Augenblicke und bebte, während die Elbenkönigin Tränen in den Augen hatte. Elena hielt sich aber tapfer zurück und sprach dann leise:
„Aragorn und Legolas. Zwei Wesen unterschiedlicher, wie sie nicht sein könnten und doch seit sie sich fanden verbunden, wie es noch enger nur zwischen Liebenden möglich ist. Aragorn wird an dem Schmerz zerbrechen, wenn Legolas' Genesung zu lange dauert. Es herrschte einen Moment Schweigen und alle dachten an Aragorn. Schließlich war es Gimli, der wieder das Wort ergriff und fragte:
„Ich habe Aragorn und Legolas im Rat von Elrond in Bruchtal kurz vor dem Ringkrieg zum erstenmal getroffen. Schon damals war die enge Verbindung zwischen den Beiden zu spüren gewesen, aber es war immer Legolas, der in der Nähe von Aragorn zu finden war, so deutlich im umgekehrten Fall ist es mir bei Aragorn nie aufgefallen. Wie kam es zu dieser Freundschaft?"

Thranduil sinnierte einen Moment, bevor er erwiderte:
„Das ist eine sehr lange Geschichte, Gimli Glóinssohn, und ich kann dir gar nicht alles erzählen, weil sich vieles meiner Kenntnis entzieht."
Er blickte dabei vielsagend auf Aranhathel. Diesem wurde bei diesem Blick seines Königs und Freundes bewußt, wie sehr diesen wohl sein und Clebrils Schweigen geschmerzt hatte. Sie hatten sich als Leibwächter von Legolas für die Wahrung des Geheimnisses ihres Schützlings gegen ihren Freund und seinen Vater entschieden. Und Aranhathel erwiderte den Blick und sprach flüsternd:
„Verzeiht."
Es war Elena, die nun einwarf:
„Ú-moe edaved, Sindarin: Es gibt nichts zu verzeihen. Aranhathel! Hättet Ihr nicht geschwiegen, würde Legolas Euch nicht so vertraut haben. Er wäre Euch entflohen, und Ihr hättet ihn nicht vor Schaden bewahren können. Ihr habt eine vernünftige Wahl getroffen und unser Vertrauen in Euch machte es uns leichter, daß unser Sohn ein Geheimnis vor uns hatte."
Thranduil drückte seiner Frau einen sanften Kuß auf die Wange und fügte dann hinzu:
„Sie hat recht, Aranhathel, es war gut so. Wir haben nur etwas in dieses Geheimnis hineininterpretiert, das gar nicht da war."
Nefhithwen und Gimli, die nicht verstanden, wovon hier gesprochen wurde, sahen sich fragend an und Elena lachte ob dieses Blickes und knuffte ihren Gemahl, nun endlich zu berichten. Nefhithwen sah dies und mußte über die resolute Art der Elbenkönigin schmunzeln.
Elena sah Nefhithwen an und sprach feixend:
„Erst durch das Geständnis seiner Liebe zu dir ist uns bewußt geworden, was wir da in sein Geheimnis immer hineingedichtet haben. Es schmerzte uns, daß er sich uns nicht anvertraute. Aber warum sollte er auch, gab es da doch nichts, was uns berühren konnte."
Gimli fiel beinahe die Kinnlade herunter, als ihm bewußt wurde, was die Königin da gerade über Aragorn und Legolas angedeutet hatte. Nefhithwen hingegen kicherte über die Offenheit der Königin und hielt sich lachend die Hand vor den Mund. Aranhathel konnte sich zwar ein Grinsen nicht verkneifen, hielt sich aber sonst zurück. Nur der König, der in diesem Moment von der Offenheit seiner Gemahlin entgeistert war, rutschte verlegen auf seinem Platz herum. Schließlich brummte er etwas Unverständliches, nahm einen tiefen Schluck Wein und herrschte dann die Anwesenden unwirsch an:
„Wehe euch, wenn ihr jemals Legolas von unserer Vermutung erzählt."
Gimli konnte sich nicht mehr zurückhalten. Er prustete ob dieser Drohung des Königs los und sein Lachen war so ansteckend, daß für einen Moment die Sorgen um Legolas bei allen in den Hintergrund traten, als sie in das herzhafte, wohltuende Lachen des Zwerges einfielen. Selbst Thranduil, der zunächst versucht hatte, Gimli durch einen strengen Blick zu zügeln, konnte sich nicht länger bezähmen und fiel in die Heiterkeit ein.

Nach einer Weile, sie hatten sich alle nur mühsam wieder beruhigt, hakte aber Nefhithwen nach und griff damit Gimlis Frage erneut auf:
„Wie kamt Ihr zu einer solchen Mutmaßung, Herr?"
Und nun begann Thranduil davon zu erzählen, wie sich Legolas vor gut siebzig Jahren nach einem Streit mit ihm, Elrond und seinen Söhnen anschloß, um gegen Orks auszuziehen, die sich in den Emyn Muil festgesetzt hatten und immer wieder raubend und mordend, ähnlich wie heute, über das Land Rohans zogen. Der König von Gondor hatte um Hilfe ersucht und die Bande zwischen den Menschen von Gondor und den Elben von Bruchtal waren durch Aragorn eng. Aragorn und Legolas standen sich in diesem Kampf zur Seite, aber Abwehr und Vertreibung der Orks dauerte fast vier Jahre. Nach dem Kampf trennten sich die Wege der Kampfgefährten, Aragorn zog ins Dunland, die Elben Bruchtals begleiteten ihn ein Stück und kehrten über das weiße Gebirge nach Imladris zurück. Legolas wollte mit den Elben Eryn Lasgalens den Anduin bis zu den Wasserfällen hinaufsegeln und von dort zum Düsterwald weiterziehen. Aber sie wurden auf dem Anduin von Korsaren überfallen und in die Sklaverei verkauft.

Thranduil hielt in seinem Bericht inne. Er atmete schwer und man sah ihm an, wie ihn die Erinnerungen an diese Zeit mitnahmen. Es war Aranhathel, der weitersprach, und so seinem König die Möglichkeit gab, sich wieder zu fangen.
„Die Korsaren verkauften die gefangenen Elben an Sauron und was dieser mit Elben machte, war zu jener Zeit zwar nur ein Gerücht, aber ein schreckeneinflößendes und es war noch nie zuvor ein Elb aus seiner Gewalt entflohen. Wir alle sahen das Erstarken des Bösen, wollten es aber nicht wahrhaben."
Nun meldete die Elbenkönigin sich wieder zu Wort und erzählte weiter. Sie hielt dabei Thranduils Hand fest in der ihren und spürte sein Beben:
„Wir erfuhren zunächst nichts davon, daß der Kampf vorbei war. Alle Beteiligten, bis auf die wenigen Elben aus dem Düsterwald, waren heimgekehrt, aber da sich ihre Wege bereits in den Wiesengründen von Rohan getrennt hatten, wurde keinem bekannt, was mit diesem Teil der Kampfgefährten geschehen war, bis es tatsächlich Elben gelang, aus der Gefangenschaft zu fliehen. Dies geschah ein ganzes Jahr nach dem der Kampf in Rohan geendet hatte. Sie konnten sich bis Osgiliath flüchten und waren in erbärmlichen Zustand. Der Truchseß Ecthelion II von Gondor war kurz zuvor gestorben und sein Sohn Nachfolger. Denethor II hatte zwar noch nie ein gutes Verhältnis zu den Elben, aber weil sie um Benachrichtigung von Aragorn baten, gewährte er ihnen Unterstützung."

Gimli fiel der Königin ins Wort und fragte schmerzlich berührt:
„Ist das die Begebenheit, in der Legolas schon einmal ein solches Leid durchleben mußte?"
Und der König antwortete:
„Ja, Gimli, damals glaubte ich, ihn bereits zum zweiten Mal verloren zu haben. Aragorn hatte Gondor gegen die Korsaren unterstützt, deshalb wurde er benachrichtigt, während die Elben zum Düsterwald zurückkehrten. Nachdem, was ich durch sie erfahren hatte, brach ich mit einigen Getreuen auf um Legolas zu befreien."

Der König dachte einen kurzen Moment nach, dann fuhr er mit der Erzählung fort:
„Als wir nach Osgiliath kamen, war Aragorn uns schon weit voraus und durch seine Hinweise fanden wir rasch den Weg zu dem Aufenthaltsort der Orks und konnten nach einem harten Kampf nicht nur Legolas, sondern auch etliche andere Gefangene befreien. Wir erfuhren, daß Legolas für den Fluchtversuch gesorgt hatte und sich opferte, als die Fliehenden beinahe entdeckt wurden. Die Befreiten berichteten auch, daß er immer für Schwächere eingetreten war und oft dafür bitter bezahlen mußte. Sie wußten, wohin Legolas nach dem Fluchtversuch gebracht worden war, und das Wissen darum, daß wir ihn aus den Folterkammern Saurons holen mußten, machte Aragorn und mich rasend und so kämpften wir uns den Weg bis zu Legolas unbarmherzig frei. Er hatte körperlich sehr gelitten, aber vielmehr war es seine Seele(1), die Wunden von Saurons Versuchen trug, ihn zu einem Dunkelelben zu machen. Wir kehrten mit Legolas heim, der sich nur langsam erholte. Aragorn blieb die ganze Zeit über an seiner Seite. Beide waren kaum voneinander zu trennen, bis Legolas wieder ganz der Alte war."

Gimli wippte schon eine ganze Weile unruhig auf seinem Platz umher, als er einfach dazwischen fragte:
„Aber was hat das nun mit seinem Geheimnis und Eurer falschen Annahme zu tun?"
Thranduil lachte ob dieser Ungeduld auf und erwiderte:
„Nun, nachdem Legolas wieder genesen war, wollte ich nicht, daß er Düsterwald gleich wieder verließ, aber ich konnte ihn nicht halten. Zunächst verschwand er heimlich und als ich merkte, daß ich ihn nicht zurückhalten konnte, ließ ich ihn gehen, aber unter der Bedingung, daß entweder Celebril oder Aranhathel an seiner Seite zu finden sein mußten. Ich hatte ihn schon zum zweiten Mal beinahe verloren und er war doch noch so jung."
Thranduils Stimme hatte einen um Verständnis heischenden Ton angenommen.
Nefhithwen und Gimli sahen sich erstaunt an und die Königin, die diesen Blick richtig deutete warf dazwischen:
„In euren Augen ist Legolas als Elb schon uralt, aber gebt zu, selbst ihr seht in ihm auch immer den Jungen, einen Mann von vielleicht zweiundzwanzig Jahren. Legolas ist soviel älter, als ihr es erfassen könnt und doch ist er im Verhältnis zu dem Alter, das möglich ist, für uns ebenso noch ein junger Mann, wie für euch. Für uns wird er immer unser Kind bleiben, er ist unser einziger Sohn."
Gimli blickte nachdenklich und erwiderte:
„Wenn ich es so recht bedenke, hat Legolas nie mit seinem Alter hausiert und im Zusammensein mit Aragorn wirkte es für mich immer so, als wenn er der jüngere Bruder der Beiden wäre. Er ist soviel älter und weiser, als wir es je erlangen können und doch berührt mich gerade seine Jugend."
Thranduil nickte nur zu den Worten Gimlis und fuhr fort:
„Ich erfuhr nichts von Aranhathel und Celebril, aber Erzählungen Reisender berichteten davon, daß ein ungewöhnliches Paar das Land durchstreifte – ein Elb und ein Mensch. Und man erzählte sich, daß diese beiden sich verstanden, ohne ein Wort zu sprechen, wie man das gleichwohl nur von Verliebten kennt."

Abermals begann nun Gimli schallend zu lachen. Er schlug sich immer wieder feixend mit der Hand auf den Schenkel und prustete:
„Was für ein Bild! Diese Vorstellung! Und Ihr nahmt an, Euer Sohn hätte sich in einen Menschen verliebt, nur weil Reisende so einen Unfug erzählten?"

Thranduil blickte Gimli böse an und schwieg, bis sich der Zwerg wieder beruhigt hatte und erwiderte dann:
„Ihr müßt zugeben, Ihr habt vorhin selbst gesagt, daß Euch die Nähe der beiden aufgefallen war. Und ich nahm das halt auch einfach hin, weil unser Sohn zum einen vorher noch nie Interesse an einer Elbin gezeigt hatte, und zum anderen zuvor nie ständig den Düsterwald verlassen wollte. Er streifte selten durch das Land, erst mit Aragorn änderte sich das. Und mir wäre es oft lieber gewesen, er wäre zuhause geblieben. Aber ich mache Aragorn keinen Vorwurf. Ich selbst war dumm. Hätte ich Aragorn als das, was er für Legolas war, erkannt und angenommen, als Legolas' Freund und Bruder, ich hätte sie nicht immer aus dem Düsterwald fortgetrieben."

Die letzten Worte hatte Thranduil sehr heftig und mit einer großen Portion Selbstanklage ausgesprochen, so daß Nefhithwen ihre Hand tröstend auf die seine legte. Aber Thranduil schüttelte den Kopf, lächelte verlegen zurück und sprach:
„Ich danke dir, Tochter, aber ich habe damals den gleichen Fehler begangen, wie bei deinem Vater. Ich glaubte, es müsse immer alles nach meinem Willen gehen. Ich habe dadurch meinen Bruder verloren und nun beinahe auch meinen Sohn. Ich danke den Valar, daß sie mir abermals eine Chance gegeben haben und ich hoffe, es endlich begriffen zu haben."

Elena legte ihrem Gemahl sanft ihre Arme um den Hals und küßte ihn zärtlich, um ihn zu trösten, aber auch um ihm zu zeigen, wie sehr seine Worte sie glücklich machten. Einen Moment lang herrschte nachdenkliches Schweigen in der Runde, als sich ein Heiler am Raumdurchlaß durch ein Räuspern bemerkbar machte. Alle blickten in seine Richtung und auf ein Zeichen Thranduils hin trat er näher und berichtete kurz, daß Legolas' Fieber endlich sank und seine Bewußtlosigkeit in einen tiefen, ruhigen Schlaf übergegangen war. Die Königin dankte dem Heiler und wünschte ihm eine gute Nacht. Als dieser gegangen war, erhob sich Nefhithwen und bat um Vergebung, aber sie wollte nun an die Seite Legolas' eilen und dort bei ihm versuchen, ein wenig Ruhe zu finden. Elena stand ebenfalls auf, ging zur jungen Frau und nahm sie nochmals in die Arme. Diesmal tat sie es fest und mit einer warmen Herzlichkeit, die Nefhithwen endgültig alle Scheu und Zurückhaltung nahm und sie die Umarmung von Legolas' Mutter erwidern ließ. Sie lächelte dem König noch einmal zu, wünschte allen eine gute Nacht und verschwand.

Aranhathel erhob sich ebenfalls und wollte sich verabschieden, aber der König hielt ihn einen Moment noch zurück:
„Du und Celebril habt all die Jahre gewußt, was wir dachten. Ihr hättet unseren Irrtum leicht bereinigen können, aber ihr habt aus Liebe zu unserem Sohn geschwiegen, habt sein Geheimnis, daß gar keines war, bewahrt, bis ich selbst erkennen konnte, was meinen Sohn und Aragorn so tief verbindet. Ich weiß nicht ob das gut war, aber ich danke dir und Celebril für eure Treue. Ihr wart mir immer gute Freunde und Leibwächter, und ihr habt genauso über ihn gewacht. Danke."
Aranhathel sah seinen König nachdenklich an und sprach dann:
„Wir lieben Euch, wie ihn. Ihr seid Düsterwald. Legolas ist sein Licht. Düsterwald ohne Euch und Ihr ohne ihn ist nicht vorstellbar, aber er ist noch so jung und er weiß, daß er nie sein Volk regieren wird. Er sucht Aufgaben, die ihm das Gefühl geben, Sinnvolles zu tun. Aragorn, sein Schicksal und damit das Schicksal Mittelerdes im Kampf gegen Sauron zu unterstützen, erschien ihm als Aufgabe, für die es wert war, Düsterwald zu verlassen und sein Leben zu riskieren. In der Liebe zur Königin von Galen hat er nun eine neue Aufgabe, die ihn abermals von Düsterwald fortführt. Vielleicht ist Eryn Lasgalen nicht sein Schicksal, denn wenn Ihr zu den Grauen Anfurten geht, werden die Elben des Düsterwaldes folgen."
Mit diesen nachdenklichen Worten verließ Aranhathel den Raum. Er war fast so alt wie Thranduil und kannte ihn seit seinem dreihundertsten Lebensjahr, weshalb er sich diese eindringlichen Worte an seinen König und Freund erlauben konnte.
Thranduil war nun sehr still und Gimli verabschiedete sich ebenfalls leise zur Nacht. Zurück blieben ein nachdenklicher König und seine Königin. Elena nahm wieder Platz und zog ihren Gemahl in ihren Schoß. Sanft streichelte sie sein Haar, während er zärtlich ihren Arm liebkoste. Elena begann leise zu summen. Es war die Melodie jenes Liedes, das Legolas so liebte, und behutsam wiegte sie ihren Mann in den Schlaf. Zu viele Gedanken und Selbstvorwürfe beschwerten sein Gemüt. Thranduil spürte die fürsorgliche Nähe und Liebe seiner Frau, ihr Verständnis, ihre Stärke, und er schloß ergeben seine Augen und ließ sich von ihr in die Welt erholsamen Schlafes entführen.

(1)Spoiler: In der Zeit von 2953 – 3018, die Anfänge um die Entwicklung des Ringkrieges im dritten Zeitalter. Die letzten Bewohner Itiliens verlassen das Land. 2957-80 Aragorn unternimmt seine großen Fahrten und dient sowohl Thengel, dem König von Rohan als auch Ecthelion II., dem Truchsess von Gondor. Er kehrt danach zum Volk der Elben zurück und besucht Lothlórien. Dort trifft er erneut auf Arwen. Er gibt ihr Barahirs Ring und das Paar verlobt sich auf dem Cerin Amroth.

Wegen verstärkt umherziehender Banden an Orks und Korsaren ruft Gondor um Hilfe. Aragorn, sowie die Elben Ithiliens, die, nachdem der Berg in Mordor wieder Feuer zu speien begonnen hatte, eine neue Heimat in Imladris gefunden hatten, eilten zur Hilfe. Ihnen schloß sich Legolas, Prinz vom Düsterwald mit einigen Kriegern nach einem Streit mit seinem Vater an. In Gondor begegneten sich Aragorn und Legolas zum ersten Mal und die tiefste Freundschaft zwischen Elben und Menschen, die Mittelerde je gesehen hatte, nahm im gemeinsamen Kampf gegen die Ausbreitung des Bösen ihren Anfang

Trotz Sieges, kehrte Legolas aus dem Kampf nicht zurück und mußte sich statt dessen der Finsternis stellen. Nur durch die Verwegenheit seines Vaters und die Freundschaft Aragorns wurde Legolas gerettet. Das Schicksal hatte die beiden ersten Glieder der Ringgemeinschaft bereits miteinander verwoben, lange bevor die Vernichtung des Ringes Saurons seinen Lauf nahm.