Um Severus Snape war Schwärze. Sein Schädel dröhnte und er spürte wie er trotz der Hitze, die er empfand, fröstelte. Wenn er die Augen öffnete, war alles unliebsam grell und dermaßen überbelichtet, dass es seine Netzhaut zu verbrennen drohte. Das war der Grund, warum er die Augen geschlossen hielt und um auch das letzte bisschen durchscheinendes Licht auszusperren, hatte er sich den Arm darüber gelegt. Gedanken überrollten ihn, doch sie waren ihm seltsam fremd – als sähe er einem Fremden beim Denken zu. Nichts ergab einen Sinn. Nichts wurde zu Ende gedacht. Er versuchte vergeblich, sich zu konzentrieren.

Mal fühlte er sich einsam, als säße er auf dem Boden eines verödeten Brunnenschachtes und mal spürte er eine fremdartige Präsenz in seinem Hirn, als wolle der Dunkle Lord all die Lügen aufspüren, die er ihm all die Jahre aufgetischt hatte. Er versuchte sich an die Okklumentik zu erinnern, doch im nächsten Moment wusste er schon nicht mehr, was das überhaupt war.

Plötzlich schien etwas seine Hand zu berühren. Der letzte Rest seines Bewusstseins stellte neugierig fest, dass jemand seine Hand hielt und eine Welle von Geborgenheit schwappte durch seinen delirierenden Körper. Aber noch ehe er ihr auf den Grund gehen oder gar seinen Augen erlauben konnte, etwas Reelles zu sehen, brach eine neue Flut schrecklicher Bilder über ihn herein.

Ein leises Stöhnen entfuhr ihm, das Hermine angespannt aufblicken ließ. Sie hatte nur kurz gezögert, als Snape ihr nicht geantwortet hatte und schließlich sein Handgelenk ergriffen, um nach seinem Puls zu fühlen. Unendlich groß war ihre Erleichterung gewesen, als sie ihn schwach zwar, doch stetig schlagen gespürt hatte. Aber gleich darauf hatte sich Ernüchterung breit gemacht, denn sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte.

Sie saß jetzt seit gut einer Stunde hier neben seinem Bett und alles, was ihr eingefallen war, war seine Hand zu halten. Da war das heisere Stöhnen aus seiner Kehle gekrochen und Hermine hatte gehofft, ihm würden ein paar hilfreiche Worte folgen. Aber nichts passierte. Er lag immer noch genauso, wie sie ihn gefunden hatte da und so war sie fieberhaft am Überlegen, woran er so litt.

Da fiel ihr plötzlich Harry ein, wie er einst geistesgegenwärtig einen Bezoar in Rons Mund gestopft hatte, als dieser irrtümlich Opfer eines Giftanschlags geworden war und ihm damit wahrscheinlich das Leben gerettet hatte. Der Gedanke, dasselbe nun mit Snape zu versuchen schien schon fast lächerlich einfach, doch Hermine wagte nicht, es unversucht zu lassen.

Schnell ging sie zu seiner Ledertasche, die auf dem winzigen Küchentisch lag, denn sie war sicher, dass er im Gegensatz zu ihr selbst einen Bezoar mitführte. Naiv begann sie einige Bücher daraus hervor zu holen, ehe sie einsah, dass sie so nie zum Ziel käme. „Accio Bezoar", sprach sie und deutete mit ihrem Zauberstab in die Tasche. Und tatsächlich: ein unscheinbarer, wachteleigroßer Stein flog ihr in die Hand und fand wenig später den Weg zwischen Snapes Kiefer. Doch es geschah überhaupt nichts. Auch nach minutenlangem Warten hatte sich Snape noch nicht einmal gerührt und Hermine machte sich endlich verzweifelt daran, den Bezoar wieder aus seiner Mundhöhle zu pulen.

Obwohl sie es noch nicht wusste, hatte ihre bloße besorgte Anwesenheit etwas bewirkt. In Severus war seine alte Zähheit erwacht. Die Fähigkeit seines Geistes, einen Teil seines Selbst abzuschotten, kehrte endlich zurück. Und so verschanzte er sich in diesem letzten Winkel und beobachtete, was mit ihm geschah. Er erkannte recht schnell, dass ihn etwas von Außen befehligte. Seine gesamte Motorik schien ferngesteuert und dass Wirrwarr in seinem Kopf wurde feinsäuberlich nach dem Durchforsten der meisten seiner Erinnerungen dorthin projiziert. Er hatte also weder auf den größten Teil seines Hirns noch auf seinen Körper Einfluss, doch ganz verborgen in seiner einst freudlosen Seele loderte die zarte Flamme, die SIE mit ihrer Anteilnahme entzündet hatte. Seine ganze verbliebene Kraft steckte er in den Versuch mit ihr in Kontakt zu treten.

Doch erst am Abend hatte er es geschafft, eine Botschaft an der ihn besitzenden Macht vorbei zu schmuggeln. Und obwohl er sich verabscheute, für die Szenen die man ihm vor seinem Inneren Auge vorführte, war er doch froh, zu hören, wie seine Stimme nun auch seinen Hinweis hervorbrachte: „Herr, Ihr wisst um meinen eigenen Hass auf Miss James Potter, doch ich bitte Euch, überlasst mir seine Frau Granger. Es wäre ein ganz persönliche Genugtuung für mich, endlich zu bekommen, was mir von jeher zustand. Ihr müsst sie nicht töten, um an den Jungen Parasit zu kommen…", jetzt konnte er nur noch hoffen, sie nicht überschatzt zu haben.

Hermine mochte kaum mehr hinhören. Seit dem frühen Nachmittag dröhnte Snapes eiskalte Stimme immer wieder in wechselnden Rückblenden auf sein Leben durchs Zelt. Er lag dabei noch genauso angespannt auf seinem Bett wie am Morgen und auch seine Augen blieben geschlossen, als spreche er im Traum. Doch dafür wechselten die Dialogfetzen zu schnell. Er schnauzte Harry an und in der nächsten Sekunde sprach er kühl und untergeben zu Voldemort. Auch Hermine hatte bereits ihr Fett weg gekriegt. Und so war sie gar nicht überrascht, ihren Namen erneut zu hören, aber der Kontext wollte ihr diesmal nicht einleuchten. „Sir?", fragte sie, dabei wusste sie längst, dass er sie entweder nicht hören konnte oder wollte. „Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn! Es wird offenbar schlimmer…"

„Er sieht aus wie sein Vater Schädling…und genauso suchen arrogant…", kurz meinte Hermine, Snape habe ihre Hand gedrückt. Doch ob das bewusst geschah, vermochte sie nicht zu sagen. Außerdem sprach er schon weiter: „Danke, Mr. Malfoy…Bitte…", das letzte Wort gehörte nicht dazu, da war sie sich jetzt ganz sicher, denn er hatte es beinahe flehentlich ausgesprochen, während davor eine Erhabenheit zu hören war, wie sie nur von Snape kommen konnte. Hermine sprang auf und beugte sich zu ihm hinab. „Zwei Gesichter…suchen…Übel…Schlagen Sie das Buch auf…", die Stimmer wurde dünner und brach schließlich ganz.

Die Anstrengung, sich unentdeckt gegen das, was ihn beherrschte, aufzulehnen, hatte Severus Snape die letzte Kraft gekostet. Er befand sich in einem Dämmerzustand – weder bei noch ohne Bewusstsein.

Da Hermine nicht genau wusste, ob er die Aufforderung, ein Buch aufzuschlagen, zufällig gemacht hatte oder nicht und sie so oft in Büchern eine Lösung gefunden hatte, saß sie jetzt an dem kleinen Küchentisch und blätterte durch die Bücher, die sie aus Snapes Tasche gezerrt hatte. Es waren kostbar anmutende Werke über Zaubertränke, teilweise in Runen geschrieben oder mit lateinischen Texten. Dazwischen lag ein Notizbuch, das fast voll geschrieben war in Snapes winziger, schräg stehender Handschrift. Doch Hermines Blick wurde angezogen von einem zerfledderten Buch mit dem verheißungsvollen Titel „Notorische Nutznießer und magische Mitesser – Wovor sich der kosmopolitische Hexenmeister in Acht nehmen sollte". Hatte Snape nicht die Worte „Schädling" und „Parasit" verwendet, ohne dass sie wirklich gepasst hätten? „Vielleicht war das eine Nachricht…Ja! Klar, er hat mich sogar angesprochen!", sie drehte sich auf dem Stuhl um, sodass sie Snape auf seinem Bett liegen sah. „Sie sind schon ein verdammter Fuchs!", entfuhr es ihr voller Bewunderung. Dann machte sie sich sogleich daran, das Buch systematisch durchzusehen. Es war voller übler Wesen, von denen sie noch nie etwas gehört hatte. Bei einem flohähnlichen Ding namens „Sesset" (lebt in der Haut von Zauberern und verursacht juckende Läsionen, die Griselkrätze wie einen harmlosen Hautausschlag aussehen lassen) krabbelte es Hermine sogleich am ganzen Körper. Es gab vor allem in Südasien auch noch „Fredenzastas" – sie fraßen das Holz von Zauberstäben, waren aber zum Glück selten geworden, seit Zauberstäbe mit einem speziellen Wachs behandelt wurden. Und schließlich blieb sie auf der Seite mit dem „Kezy" hängen, dessen Hauptverbreitungsgebiet mit Neuguinea und umliegenden Inseln angegeben wurde. Die Illustration zeigte ein bösartig dreinblickendes Geschöpf, das man am ehesten mit einer Zecke vergleichen konnte. Gespannt überflog Hermine den Text:

Kezy, auch „Idiotenbock", Verursacher des sog. Neuguinea-Schwachsinns.

Ausgewachsene Weibchen werden bis zu fingernagelgroß, Männchen maximal halb so groß, durchlebt zwei Larvenstadien:

Phase 1: befruchtete Weibchen suchen sich Wirt mit Magierblut und schmarotzen unbemerkt (häufige Stellen für Bisse sind da, wo man selbst nicht hinsehen und/oder greifen kann, z.B. zwischen den Schulterblättern, bei Frauen Hautfalte unter der Brust, bei Beleibten Hautfalte unter dem Bauch), sie saugen Blut als Nährstoffgrundlage zur Entwicklung der Eier, dabei geben sie ein gerinnungshemmendes und psychotropes Sekret in die Wunde, das sich im Wirt anlagert und nach vier bis sieben Tagen zu massiven Störungen der Persönlichkeit führt (Schizophrenie, Wahnvorstellung, Aggressivität aber auch gelegentlich vollkommene Lethargie u.a.), Ziel ist es das Opfer in den Wahnsinn zu treiben, seiner (magischen) Kräfte zu berauben und vollkommen zu schwächen, denn nach etwa zehn bis vierzehn Tagen entlässt das Weibchen die angebrüteten Eier (500-1500) in den Körper des Wirtes und stirbt. Über dessen Blutbahn werden sie versorgt und verteilt. Das Opfer hat in aller Regel bis dahin die Nahrungsaufnahme bereits eingestellt und ist von starkem Todeswunsch beseelt.

Phase 2: Nach neun bis zwölf Tagen schlüpfen fadenförmige, etwa 15mm große Larven, die sich von dem inzwischen zumeist leblosen Wirt ernähren. Sollte der Wirt noch leben, dauert die Zeit bis zum Schlupf länger und die Larven sind etwas kleiner. Wachsen dann aber rasch durch die frischere Kost. Etwa eine Woche nach dem Schlupf brechen die nun fingerlangen Larven aus dem Wirtskörper hervor und kriechen in den Boden, wo sie eine Ruhephase einlegen, bis zur nächsten Regenzeit. Bei deren Einsetzen, verpuppen sie sich und sind bis zum Ende der Regenfälle fertig entwickelte Kezys (Phase 3).

Daher ist die gefährlichste Zeit von Juli bis September, wenn die neue Generation sich fortpflanzen will. Schutz bietet nur das tägliche Absuchen und sofortige Entfernen, da die Eiablage erst nach einigen Tagen erfolgt und die bis dahin entstandenen Verhaltensänderungen in aller Regel umkehrbar sind. Betroffene Personen benötigen zwischen zwei und vier Tagen Ruhe und reichlich Trinken, bis das Gift abgebaut ist und sie wieder ganz die Alten sind.

Wurden die Eier bereits abgelegt, findet man wenn überhaupt noch eine kreisrunde, stecknadelkopfgroße Bisswunde. Es ist niemand bekannt, der es je überlebt hätte, zur Kezy-Brutstelle geworden zu sein.

Die magisch bewanderten Einheimischen extrahieren das halluzinogene Sekret der Weibchen für besondere Séancen. Von der Teilnahme an diesen Veranstaltungen wird abgeraten.

„Oh Mann, warum müssen Zauberer überhaupt Opfer von Parasiten werden?! Das ist doch widerlich! Aber das passt alles zusammen, wir haben Mitte September und sind vor einer Woche in Papua, dem westlichen Teil Neuguineas angekommen.", entschlossen stand sie auf, zückte den Zauberstab und trat zu Snape ans Bett. „Es tut mir Leid, Sir…aber es muss sein…"

Sie ließ seinen Körper wenige Zentimeter über dem Bett schweben und begann, ihn auszuziehen. Obwohl sie so in Sorge war, spürte sie ihre Spannung steigen, als sie den langen Umhang endlich entfernt hatte und die kurze Knopfleiste des Shirts darunter öffnete. Sie streifte die Hosenträger von seinen Schultern und zog den dünnen Pullover mitsamt dem dunkelgrauen Unterhemd aus der Hose. Als sie die Arme durch die Ärmel gefädelt hatte und ihm beides über den Kopf gezogen hatte, erlaubte sie ihren Augen kurz, seinen sehnigen, nackten Oberkörper zu mustern.

Er wirkte zwar abgezehrt aber bei weitem nicht schwach. Seine Haut war porzellanartig weiß und nur wenige schwarze Haare zierten seine eher schmale Brust. Sein einzigartiger Geruch drang so intensiv wie nie in ihre Nase und irgendwie war sie trotz der brenzligen Lage geneigt, ihn zu berühren – die Wärme seines Körpers zu erspüren. Doch Hermine zwang sich schließlich, ihn zu drehen und sofort erkannte sie den dunklen Punkt zwischen seinen Schulterblättern – genau wie in dem Buch beschrieben. Da war tatsächlich ein Kezy.

Als Hermine sich über Snape beugte um den Schmarotzer näher zu betrachten, sah sie seine leuchtgelben Augen blitzen und wie es sein Mundwerkzeug in Snapes Haut geschlagen hatte. Fieberhaft überlegte sie, wie sie das Vieh am besten entfernen und unschädlich machen konnte. Snape brummte. Offenbar beunruhigte ihn seine aktuelle Bauchlage. Hermine spürte, dass er bald lebhafter werden würde und so packte sie das Ungeziefer beherzt zwischen Daumen und Zeigefinger und zog es mit einer leichten Drehbewegung von Snapes Rücken. Sofort trat ein Tropfen Blut aus der kleinen Wunde. Hermine warf den Kezy in ein Glasröhrchen und verschloss es sorgfältig. Dann tupfte sie sanft das Blut ab und klebte ein kleines Pflaster auf die Bissstelle, ehe sie ihren Patienten umdrehte und ihm seine Kleider wieder anzog. Sie war einerseits erleichtert, die Ursache für Snapes merkwürdiges Verhalten gefunden zu haben, andererseits aber auch in Sorge, ob das Tier schon mit der Eiablage begonnen hatte.

Wenig später kam Snape tatsächlich zu sich, doch schien er weder Hermine, noch seinen Aufenthaltsort wirklich zu registrieren. Er stand mit einer einzigen flüssigen Bewegung von seinem Bett auf und verschwand hinter einer Trennwand, vermutlich dem Sanitärbereich des Zeltes. Dabei klang es, als führte er rege Diskussionen mit wem auch immer. Als er zurückkam, sah er unglaublich abgeschlagen aus. Wie auf Autopilot steuerte er wieder das Bett an. Seine Augen waren halb geschlossen und seine Lippen bewegten sich unablässig in nun glücklicherweise stummem Monolog. „Sir, möchten Sie vielleicht etwas trinken?", fragte Hermine ihn, als er im Begriff war, sich rücklings auf das Bett fallen zu lassen. „Bleiben Sie mir vom Hals!", wurde sie nur angefahren. Doch Hermine hatte den Eintrag in dem Parasitenbuch noch vor Augen: ‚...reichlich Trinken…' und so näherte sie sich mit einem Glas Wasser vorsichtig dem nun liegenden Snape. „Sie sollten wirklich etwas trinken…nur ein wenig.". Gerade als sie ihm unter den Kopf greifen wollte, um ihm das Glas an die Lippen führen zu können, machte Snape eine ausladende Bewegung mit seinem Arm, entriss ihr das Wasserglas und schleuderte es quer durchs Zelt. „Scheren Sie sich fort! Ich will nicht von Ihnen bemuttert werden!", er spuckte vor Zorn und seine Augen waren jetzt in Wahnsinn weit aufgerissen. Hermine drehte sich verschreckt weg und verließ übereilt das Zelt, so bekam sie nicht mit, wie Snape sich mit einem zweiten Hieb seines Armes unbarmherzig vor den Kopf schlug und „Idiot!" zu sich selbst murmelte, ehe er ins Kissen sank und wegdämmerte.