Auf halbem Weg zu unserem Zelt wurde ich von der Elbe, welche mich, als wir angekommen waren, zu dem Badehaus geführt hatte, zurückgehalten. Ich bedeutete Legolas weiter zu gehen.

Sie drückte mir einen Beutel in die Hand und erklärte mir, dass wenn ich wollte, ein Bad nehmen könnte. Ich bedankte mich bei ihr und fragte sie, ob ich in eineinhalb Stunden vorbei kommen könnte. Sie nickte und setzte auf diese leichte Elbenweise ihren Weg fort.

Ich war nur noch wenige Schritte von unserem Zelt entfernt, da hörte ich Legolas aufgebracht sagen: „Gimli, ich hege keinerlei Absicht sie in Verlegenheit oder gar in Verruf durch irgendein unsittliches Benehmen meinerseits zu bringen. Wir waren spazieren. An öffentlichen Orten. Und am ‚Ort der Bücher' waren ebenfalls einige meines Volkes, sodass wir nie allein waren." Bitte?

„So war das nicht gemeint, Spitzohr. Ich zweifle weder an deiner Ehre noch an ihrer Sittsamkeit. Ich mein nur, dass du dir über deine, aber auch über ihre Gefühle klar werden solltest. Sie kann nicht kontrollieren, wann es passiert.", antwortete Gimli ebenfalls leicht erregt doch mit einem beruhigendem Unterton in der Stimme.

„Wenn ich das wüsste. Woher weißt du so viel über sie?", antwortete Legolas nun deutlich ruhiger.

„Das solltest du sie selber fragen.", wich Gimli seiner Frage aus. Was sollte das ganze?

Ich setzte ein leichtes Lächeln auf und ging mit schnellen Schritten auf die Lichtung, um so zu tun, als hätte man mich so lange aufgehalten und ich wäre nun schnell weiter gegangen. Legolas stand vor dem Tisch und stützte sich auf dessen Platte. Gimli und auch Aragorn, welcher sich nicht an dem Gespräch beteiligt hatte saßen auf Stühlen und rauchten. Ich ließ mir nichts anmerken, grüßte die drei mit einem beschwingtem ‚Hallo' und ging in das Zelt. Dort öffnete ich meinen Beutel und packte die gereinigten Sachen in meinen Infinitus. Ich hatte die Kleidung so lange getragen, dass es einem Wunder glich, dass die Elben sie vollständig hatten reinigen können. Meine Tunika duftete himmlisch und ich musste mich wirklich losreißen.

Von draußen hörte ich munteres Stimmengewirr. Anscheinend kamen Boromir, Pippin und Merry zurück.

Der Mensch hatte mit den Hobbits in den letzten Tagen immer wieder den Schwertkampf geübt, oft bis weit in die Nacht herein. So viel wie ich mitbekommen hatte, verspürten auch die Halblinge nach dem Drama in Moria den Drang sich besser wehren zu können und auch andere zu verteidigen. Ich trat aus dem Zelt und setzte mich zu den anderen.

Sofort stürzten sich die Hobbits auf das Essen (man konnte es ihnen nach dem langen Training nicht verdenken, denn sie waren bereits weggewesen, als ich mich am Morgen erhoben hatte) und Aragorn rettete ein Brötchen vor ihnen, nur um es mir augenblicks später mit einem Grinsen zu zuwerfen. Ich bedankte mich mit einem leichten Kopfnicken in seine Richtung.

Alles im allen war es recht unterhaltsam und kurze Zeit später stießen auch Sam und Frodo zu uns. Frodo wirkte abwesend und auch Sam war recht ruhig. Wir fragten sie nicht nach dem Grund.

Gerade erzählten Merry und Pippin eine abenteuerliche Geschichte darüber, dass sie bei einem Bauern des Öfteren kleine Mengen an Essen stahlen und dass sie ein Mal fast erwischt worden wären, als ein graugekleideter Elb auf uns zutrat. Er sprach kurz mit Aragorn auf der Sprache der Elben und verschwand dann wieder so lautlos, wie er gekommen war, in den Bäumen.

Unser Gruppenführer nahm erst einen Zug aus seiner Pfeife uns sagte dann: „Lord Celeborn und Lady Galadriel bitten uns zu sich. Es geht um die Abreise"

Es legte sich Stille über unsere kleine Runde. Schließlich erhob Aragorn erneut seine Stimme und fragte: „Es ist keiner verpflichtet bis zum Ende zu gehen. Wer möchte, kann mit Sicherheit hier bleiben." Es wurde wieder still und Aragorn nickte. Er hatte verstanden, dass wir alle weiterziehen würden.

Erneut bestiegen wir den Talan des Herren und der Herrin des Waldes in der Dunkelheit nur vom Mondlicht und dem blauen Licht des Ithildin den Weg erhellend.

Das Gespräch ging schnell von statten: Wir erklärten, dass wir alle gemeinsam mit dem Ringträger weitergehen wollten und das Herrscherpaar erklärte sich bereit, uns Boote zu geben, damit wir auf dem Fluss schneller voran kamen. Auch erklärten sie uns, dass das Böse uns folgte und wir uns beeilen mussten.

Letztendlich drehte es sich wieder um die Frage nach dem richtigen Weg, welche wir selbst nach der Audienz weiter erörterten. Boromir stellte klar, dass er nach Minas Tirith gehen würde. Er bezeichnete es als seine Pflicht seiner Heimatstadt beizustehen.

Ich entschuldigte mich nach einer Weile, da ich zu wenig über Mittelerde wusste, als dass ich überhaupt eine sinnvolle Meinung hätte zusteuern können. Ich ging zu dem Badehaus und nahm mein letztes Bad seit langem. Diesmal nahm ich mir ein wenig mehr Zeit und als ich aus dem Wasser stieg fiel mir auf, dass ich extrem abgemagert war. Meine Knochen standen deutlich hervor, doch zierten Muskeln meine Arme und Beine. Die Schnittverletzungen an meinen Unterarmen waren mittlerweile vollständig verheilt, doch erinnerten sie mich an das Vergangene. Mit einem Seufzer zog ich wieder meine Reisebekleidung an und rieb meine Augen mit den Resten Elronds Salbe ein. Nun würde sich mein Augenlicht wohl nicht weiter verbessern.

Ich dankte der Elbe dafür, dass sie mir das Bad bereitet hatte und ging mit großen Schritten zurück zu den Anderen.

Die Hobbits hatten sich bereits zur Ruhe gelegt nur Aragorn, Gimli, Legolas und Boromir saßen noch vor dem Zelt und frönten zumindest teilweise der Raucherei. Die würden irgendwann alle Lungenkrebs bekommen. Und wenn nicht dann Luftröhren- oder Speiseröhrenkrebs. Ich schüttelte den Kopf und verstaute meine Kleidung in meinem Infinitus, bevor ich mich zu ihnen gesellte.

„Bist du auch für Minas Tirith, Lucy?", durchbrach Aragorn wie schon so oft die Nacht.

„Das kann ich nicht sagen.", wich ich ihm aus und Boromir fragte ebenfalls an mich gewandt: „Wieso? Traust du deinem eigenen Volk nicht?" Er wollte, dass ich ja sagte, damit er einen weiteren Grund hatte mich zu hassen.

Diesen Gefallen tat ich ihm nicht: „Nein, aber ich kann nicht darüber urteilen welcher Weg besser sein könnte, da ich die Optionen nicht kennen und auch sonst nicht viel über Mittelerde weiß. Doch im Zweifelsfall werde ich mich Frodo anschließen. Ich werde ihm beistehen. Bis zum Ende." Meine Stimme war fest. Nichts zeugte von der Angst die mich noch immer umklammert hielt. Zwar war in Lórien der Schmerz besser geworden, es war noch da und lauerte darauf im geeigneten Augenblick wieder an die Oberfläche zu treten.

„Werden wir im Morgengrauen aufbrechen?", fragte ich nun.

„Ja. Wir sollten wohl nun alle schlafen gehen, damit wir ausgeruht sein werden.", ordnete Aragorn an.

Der Morgen kam schnell: Jemand weckte mich durch leichtes Rütteln an der Schulter. Es war Sam. Ich zog meinen Lederharnisch an, der so locker saß, dass ich ihn enger stellen musste als sonst. Danach befestigte ich meine Dolche an Bein, Arm und Gürtel, zog meine Lederhandschuhe an und band zuletzt auch den Infinitus an meinen Gürtel.

Gerade wollte ich auch meinen Umhang umlegen, denn obwohl es hier im Wald vergleichsweise warm war so würde es auf dem Fluss kalt werden, da trat eine Gruppe von Elben zwischen den Bäumen hervor. Sie alle trugen kleine Pakete bei sich, die sich als Umhänge und Wegzehrung herausstellten.

Die Umhänge erschienen im morgendlichen Licht grau und alle waren auf unsere Körpergrößen angepasst. Die Nahrung bestand neben ein wenig Obst, Gemüse, Käse und auch einem Weinschlauch hauptsächlich aus getoasteten Toastbrotscheiben. Die Elben erklärten zwar, dass dies Lembas sei und den Tagesbedarf eines erwachsenen Mannes decken konnte, doch hatte es für mich einfach zu viel Ähnlichkeit mit dem nährstoffarmen Kastenbot, dass ich mir nur mit Mühe ein unangebrachtes Grinsen vermeiden konnte.

Wir gingen, nachdem wir unsere Sachen gepackt hatten zu einer kleinen Anlegestelle am Celebrant, an welcher drei silberne kanuähnliche Boote bereitstanden.

Lady Galadriel und Lord Celeborn traten während der Abreisevorbereitungen zu uns und schenkten einem jeden von uns eine Gabe. Ich wusste nicht wie, doch die meine war ein kleiner, gläserner Tiegel mit der Salbe, die Herr Elrond für mich gefertigt hatte. Als sie sie mir überreichte meinte sie mit einem Lächeln in den Augen, dass die Salbe mir zu Klarsicht verhelfen würde.

Die Herrin und der Herr des Waldes verabschiedeten sich von uns.

„Lucy? Möchtest du dir mit uns ein Boot teilen?", brummte Gimli, welcher neben mir gestanden hatte und nun stolzer Besitzer dreier Haare der Herrin war.

Ich stimmte zu, erkundigte mich jedoch nicht nach dem anderen Mitfahrer bis der Zwerg mehr zu sich selber meinte: „Das ist gut. Dann kann das Spitzohr direkt erfahren, wieso die Kleine so viele Zwerge kennt." Ich glaubte ein Lächeln auf seinem bartverdecktem Mund zu erkennen.

Kurz darauf trat auch besagtes ‚Spitzohr' auf uns zu und half mir, nachdem unser Gepäck und der Proviant verstaut waren in das Boot hinein.

Vor mir nahm Gimli Platz und, um die multikulturelle Kanufahrt zu vervollständigen, setzte sich Legolas nach hinten, da er das Boot steuern würde. Wir stießen uns von dem Ufer ab und Legolas begann mit Hilfe des Paddels uns in die Mitte des Flusses zu manövrieren.

Noch waren wir in recht ruhigen Gebieten doch ein paar Meilen weiter, so erklärte er, würde der Fluss wilder werden und das Boot würde schneller fahren.

An den Ufern standen vereinzelt Elben und vereinzelt wanken sie uns zu.

Wir waren noch keine Viertelstunde auf dem Fluss unterwegs, als Gimli plötzlich sagte: „So ihr beiden. Ihr seid jetzt in einem Boot und habt keine Möglichkeit zu flüchten. Also könnt ihr ja jetzt gegenseitig ein wenig mehr über euch erfahren. Beachtet mich gar nicht." Sofort schoss mir die Schamesröte ins Gesicht. Dieser Zwerg!

Legolas räusperte sich leicht verlegen hinter mir und meinte dann: „Wir könnten dich auch von Bord werfen, Gimli." Das laute Lachen konnte ich gerade noch so in ein Lächeln umwandeln, während Gimli wie immer nur in seinen Bart brummte.

„Nun gut. Woher kennt ihr beide euch eigentlich?", fragte er nun an mich gewandt.

„Sein Vater stellte uns am Abend nach dem Rat vor.", meinte ich und ergänzte: „Ich hab dir ja schon erzählt, dass ich Thorin Eichenschild auf seiner Reise zum Erebor begleitete. Gimlis Vater Glóin war ebenfalls Teil der Gruppe Zwerge."

„Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir damals auch einen Menschen gefangen nahmen. Bist du damals nicht durch den Düsterwald gegangen?", fragte der Elb weiter.

„Nein, ich schied vorzeitig aus. Aber es war wohl besser, denn die Kerker waren wohl nicht so angenehm.", antwortete ich ihm.

„Wir hätten dich doch niemals in die Kerker gesteckt. Sowas macht man nur mit Zwergen, die einfach so durch fremde Wälder laufen."

„Haha.", ertönte es von Gimli.

„Ich hätte wohl oder übel auch im Kerker gesessen. Ich kann mich ja schlecht von meiner Gruppe trennen lassen."

„Du kannst deine Rufe also nicht kontrollieren, sonst wärst du ja sicher dabei geblieben.", stellte Legolas fest.

Ich antwortete bereitwillig: „Nein. Es gab eine Zeit, da war es meinen Ahnen möglich, doch das ist lange her. Erinnerst du dich an die Erklärung oder vielmehr die Theorie, von der ich dir erzählt habe. Die mit dem Gott Chronos? Nun ja, es wird gesagt, dass das Schicksal was dagegen hatte, dass meine Ahnen den Lauf der Zeit änderten, daher wollten sie uns eigentlich töten, doch letztendlich sind wir dazu verbannt worden, die Fehler in der Zeit zu korrigieren. Das Schicksal oder auch Moiren, sind nun für die Rufe verantwortlich. Auf Grund unserer Aufgabe des Korrigierens werden wir auch Korrektor genannt."

Kurz schwieg unser Steuermann doch dann fragte er: „Gibt es nur Korrektor oder noch andere? Musst du dein ganzes Leben lang den Rufen Folge leisten oder nur ein paar Jahre?" Viele Fragen. Sehr viele.

„Zu deiner ersten Frage: Es gibt sogenannte Divina, Menschen die manchmal Ahnungen der Zukunft verspüren. Mehr weiß ich darüber nicht, ich hatte bisher nicht die Gelegenheit mit meiner Großmutter darüber zu reden. Eine Vorfahrin hat mir berichtet, dass man die Beobachtung gemacht hat, dass zumindest die Frauen nach der Geburt ihres ersten Kindes nicht mehr gerufen werden. Es ist dann gewissermaßen so, dass die Schuld an die nächste Generation weitergegeben wurde und man selber aus dem Schneider ist."

„Dann weißt du, was du machen musst, Lucy.", lachte Gimli vor mir und ich gab ihn einem empörten Stoß in den Rücken.

Legolas trat ihm ebenfalls fast zeitgleich mit mir in die Seite und tadelte: „So etwas sagt man nicht zu einer Dame, Herr Zwerg." In seiner Stimme war trotzdem etwas Schelmisches heraus zu hören.

„Genau. Außerdem bin ich noch viel zu jung. Mit 17 ist man keinesfalls in der Lage ein Kind groß zu ziehen."

„War doch nur ein Scherz, aber ich dachte, es wäre bei den Menschen üblich, früh zu den Bund ein zu gehen und dann Kinder zu bekommen.", ließ Gimli von Vorne verlauten.

„Hier vielleicht, aber nicht in meiner Zeit. Mit 17 braucht man sogar erst die Erlaubnis der Eltern, bevor man heiraten kann. Und selbst dann bekommt nicht jedes Paar Kinder. Viele wollen es gar nicht mehr.", erklärte ich, ahnend worauf es nun herauslaufen würde.

„Aber wie wird die Ehe dann vollzogen, wenn doch die Paare nicht…ich meine die Ehe…vollzogen werden…nicht rechtskräftig.", stotterte der Zwerg nun deutlich verwirrt vor sich hin.

Erneut musste ich lachen: „Zerbrech dir da mal nicht den Kopf. Es gibt Mittel, die Kinder verhindern können und das mit dem ‚Ehe vollziehen' ist längst nicht mehr wichtig. Und bevor du noch weiter fragst: Es würde mich auch nicht wundern, wenn eine Frau aus meiner Zeit keine Jungfrau mehr ist, wenn sie heiratet."

Nun war auch Legolas leicht geschockt. Gimli brachte nur ein leises ‚Oh ' hervor. Ich sagte dem Elb, er könne ruhig weiterfragen.

„Vergeht die Zeit so wie jetzt in deiner Zeit, wenn du gerufen worden bist?", fuhr er fort.

„Wenn ich wieder in meine Zeit zurückgerufen werde, dann ist noch nicht einmal eine Sekunde vergangen. Es wird so aussehen als ob ich nie weg war. Während ich in einer anderen Zeit weile, verändere ich mich körperlich auch nicht wirklich. Wunden heilen zwar und ich benötige auch Nahrung, doch wächst mein Haar nicht. Es ist so lang wie vor 70 Jahren, da ich bisher nicht in meiner Zeit war.", erklärte ich. „Doch genug von mir. Wie geht es eigentlich den anderen Zwergen? Was machen Kílí und Fílí so? Ist Thorin glücklich unter seinem Berg?", wechselte ich das Thema.

„Ich weiß nicht wie ich es dir sagen soll, aber sie sind tot. Alle drei fielen in der Schlacht der fünf Heere, nachdem der Erebor wieder eingenommen wurden ist.", wand sich der Zwerg in einem traurigen Ton. Nein, das war jetzt nicht sein Ernst. Sie etwa auch?