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Die zweite Chance
Fanfiction von Slytherene
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Danke sehr an Textehexe, Alcina, Moonlight, Sally S., Spitzohr für Eure Reviews!
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Das letzte Kapitel hat Euch ja gut gefallen, freut mich. Jetzt wird es etwas besinnlicher, der Joulupukki steht ja auch vor der Tür. Tja, leider war ich nicht schnell genug mit Schreiben, so dass Ihr im Januar nun Weihnachtsstimmung ertragen müsst. Aber vielleicht ist es ja doch ganz nett…immerhin kommt die von Eve eingeforderte Romantik auch nicht zu kurz ;-)
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Betagelesen wie immer mit kundiger Hand von TheVirginian. Vielen Dank.
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20. Heiligabend
„Du hast was?" Lilys Augen weiteten sich, und James ließ sein Whiskyglas sinken.
„Das ist nicht dein Ernst, Moony." James sah seinen Freund kopfschüttelnd an.
„Remus, du kannst sie doch nicht einfach einsperren", empörte sich nun auch Lily.
„Habt ihr mir eigentlich zugehört?", gab Remus zurück. „Sie will mich auf den Neujahrsball der Malfoys schleppen. Lucius Malfoys Vater ist ihr Pate, und sie behauptet, sie habe einfach ‚vergessen', mir dieses natürlich völlig unwichtige Detail zu eröffnen."
Er war immer noch stocksauer.
„Wenn du dich neunzehn Jahre lang daran gewöhnst, einen bösen, reinblütigen Slytherin zum Patenonkel zu haben, ist es für dich vielleicht so normal, dass auch du es nicht besonders erwähnen würdest", nahm James Sanni in Schutz, sehr zu Remus' Verdruss.
„Kannst du das mit der Mutter, die kein Mensch war, noch einmal erzählen?", bat Lily.
„Sie hat nur gesagt, dass ihre Mutter nicht hätte ertrinken dürfen, weil sie es nicht konnte", erwiderte Remus folgsam. Dann setzte er erregt hinzu: „Aber ich weiß nicht, was das mit den anderen Sachen zu tun hat."
„Wann hast du eigentlich deinen Verstand an der Garderobe abgegeben, Remus?", erkundigte sich James wenig charmant. „War das bevor oder nachdem ihr es auf dem Sofa vor dem Kamin…"
Remus warf ihm einen entsetzten Blick zu. Er wusste es? Bei Merlin, das war ihm so entsetzlich peinlich, und er fühlte, wie das Blut förmlich in seine Wangen schoss.
James schluckte die zweite Hälfte des Satzes hinunter. „Das Fenster", sagte er nur.
„Jamie drückt sich unglücklich aus", vermittelte Lily, ohne auf James' Andeutungen einzugehen. „Was er sagen will, ist: Diese Dinge hängen alle zusammen. Wenn Sannis Mutter ein Magisches Geschöpf war – mächtig, wie sie dir erzählt hat – könnte das der Grund sein, warum die Malfoys sich für sie interessieren. Aber wenn wir all das beiseite lassen, dann bleibt, dass du deine Freundin gegen ihren Willen in deine Wohnung eingesperrt hast. Was hast du dir nur dabei gedacht?"
Der Vorwurf in Lilys Stimme löste bei Remus eher Zorn als Scham oder gar Einsicht aus.
„Ich brauchte doch nur eine Atempause", rief er verzweifelt aus. „Kannst du dir vorstellen, Lily, wie es sich anfühlt, wenn du jemanden liebst, und du weißt, du wirst ihn nicht halten können? Ich kann ihr nichts abschlagen, und doch ist diese Einladung einfach nicht machbar. James würde doch auch dich niemals zu einem solchen Ereignis mitschleppen, selbst wenn er sicher wüsste, dass dir nichts geschehen könnte. Warum will Sanni mich zwischen lauter Hexen und Zauberer bringen, die mir am liebsten eine Silberkugel verpassen würden?"
„Moment mal", unterbrach Lily seinen ungewohnten Redefluss. „Du bringst da ein paar Dinge durcheinander. Das mit dem Neujahrsdinner ist das einfachere. Ich glaube, selbst wenn du es ihr gesagt hast, ist ihr nicht bewusst, wie deplaziert du dich dort fühlen würdest. Ich kann deine Empfindung nachvollziehen, Remus. Du weißt, was ich mir in der Schule manchmal anhören musste, als Muggelstämmige, selbst von Menschen, bei denen ich das nie erwartet hätte." Sie schluckte kurz. „Sanni hingegen – ganz offenbar ein Reinblut mit makelloser Abstammung und zudem ein Mensch, der es liebt, ihre Schicht zu provozieren - ist all ihrer konträren Auffassungen zum Trotz ein Teil dieser Gesellschaft. Genau wie Sirius, übrigens. Sie bewegt sich dort auf vertrautem Terrain. Und sie vertraut ihrem Paten." Lily seufzte. „Sprecht noch einmal in Ruhe darüber, wenn ihr beide eine Nacht geschlafen habt. Ich bin sicher, sie wird dich dann besser verstehen – vorausgesetzt, sie kratzt dir nicht gleich heute Abend die Augen aus. Wofür ich durchaus Verständnis hätte."
Lilys Blick, mit dem sie Remus bedachte, ließ ihn frösteln.
„Was das andere angeht: Warum hast du solche Angst, sie zu verlieren? Du bist ein charmanter, liebenswürdiger und intelligenter Mann. Sie kennt dein Geheimnis und steht dennoch zu dir. Viel öffentlicher geht es nun wirklich nicht als im Rahmen eines derartigen Empfangs."
„Dort laufen eine Menge ziemlicher reicher Zauberer herum", begann Remus.
„Merlin, Moony!", entfuhr es James ärgerlich. „Davon hätte sie vermutlich längst einen haben können, wenn sie es wollte. Sie lebt aber mit dir! Was willst du, eine lebenslange Garantie? Die gibt es nicht, für niemanden."
Er nahm Lilys Hand.
„Nicht einmal ein goldener Ring kann dir diese Sicherheit verschaffen, Moony. Liebe ist Arbeit – jeden Tag." Nach einem schnellen Blick auf Lily setzte er keck hinzu: „Manchmal auch Frondienst."
Seine Frau versetzte ihm einen nicht ganz erst gemeinten Boxhieb auf den Oberarm.
„Au!", protestierte er dennoch.
„Ein Neujahrsball voller Slytherins ist tatsächlich keine gute Idee", ergriff Lily wieder das Wort. „Wenn Sanni dorthin gehen möchte, sollte sie das allerdings tun. Vielleicht wäre es eine Möglichkeit, dass Sirius sie begleitet. Aber wenn ich du wäre, würde ich jetzt machen, dass ich nach Hause komme. Und du bringst besser Blumen mit und entschuldigst dich für die Freiheitsberaubung."
Remus seufzte ergeben. Sich zu entschuldigen war eine leichte Übung, das konnte er in Perfektion. Immerhin entschuldigte er sich seit fast zwanzig Jahren ständig dafür, dass er überhaupt existierte. Er verabschiedete sich von den Potters und brach auf dem Weg zu seiner Wohnung in einem fremden Garten ein paar Kirschzweige ab. Mit einem Schwenk seines Stabes und der Formel ‚Floris' brachte er sie zum Blühen.
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Die Treppe zu seiner Wohnung erschien ihm ungewohnt steil, und die Tür wirkte seltsam abweisend. Er entfernte das Siegel und den ‚Silencio' und klopfte. Wie würde Sanni ihn empfangen? War sie sehr zornig?
„Sanni?" Vorsichtig lugte er durch die Tür.
Der geworfenen Tasse konnte er eben noch ausweichen, und während sie scheppernd an der Zarge zerschellte, traf ihn das nachfolgende Kissen am Kopf.
„Du Mistkerl! Idiootti! Was fällt dir ein?"
Mit hochroten Wangen und vom Weinen geröteten Augen stand sie im Wohnzimmer, die Hände in die Hüften gestemmt.
„Wie konntest du mich einsperren, noch dazu mit einem Silencio auf der Tür? Hast du nur einmal nachgedacht, was passiert, wenn es hier drinnen brennt, im dritten Stock?"
Remus starrte seine zornige Freundin an, und er erschrak über sich selbst. Nein, er hatte diese Möglichkeit nicht in Betracht gezogen. Er, der immer alles und jedes bedachte. Remus Lupin, der aufgrund seines Wesens und seiner Lykantrophie die Dinge stets sorgsam zu planen pflegte, sich Gedanken um jede Gefahr, jede Eventualität machte.
„Ganz abgesehen davon", schrie sie ihn wütend an, „dass das Klo eine halbe Treppe tiefer und außerhalb der Wohnung ist?"
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie fingen sich in ihren hellen Wimpern und tropften wie glitzernde Diamanten auf ihre Wangen.
„Es tut mir so Leid."
Er wusste nicht, was er sonst sagen sollte. Doch natürlich wurde ihm jetzt bewusst, wie sehr er sie verletzt und gedemütigt hatte. Mit einer Entschuldigung allein würde es nicht getan sein, dachte er zerknirscht. Aber würde sie überhaupt auf seine Erklärungsversuche hören?
„Ich war so wütend, weil du mich einfach nicht verstehen wolltest."
Ein kurzer Blick in ihre Richtung. Still wartete sie, was er noch vorbringen würde.
„Es war falsch, dich hier einfach einzusperren. Auch dich ungefragt zu apparieren war nicht in Ordnung. Es ist keine Entschuldigung, aber ich wusste mir nicht anders zu helfen. Ich konnte dich doch nicht da lassen, in der Winkelgasse, aber du… du machst mich einfach fertig, Sanni."
Er sah die Traurigkeit in ihrem Blick, aber es war zu spät. Er hatte es begonnen, er musste es zu Ende bringen. Doch konnte er ihr so einfach sagen, dass die Angst, sie zu verlieren – an diese fürchterliche Sucht oder einen anderen, erfolgreicheren Mann, einen, der ihr ihre Träume von Familie und Sicherheit erfüllen könnte – ihn auszehrte? Waren das überhaupt ihre Wünsche, und nicht viel mehr die seinen, die er auf sie projizierte? In seinem Kopf herrschte ein solches Durcheinander. Dieses Chaos nicht zu beherrschen setzte ihm zu.
„Mehr als alles andere fürchte ich mich davor, dich wieder zu verlieren. Davor, dass du gehst und dieses Zeug schluckst. Deswegen habe ich die Tür abgeschlossen."
„Wenn du nicht wolltest, dass ich verschwinde, warum bist du nicht einfach bei mir geblieben?" fauchte sie ihn an.
Remus schüttelte den Kopf. „Ich war so überzeugt davon, im Recht zu sein. Meine Angst, mich nicht beherrschen zu können, etwas Falsches zu sagen, etwas, das mir hinterher sehr Leid tun würde, war schlicht übermächtig. Ach, Sanni", sagte er traurig.
„Da hast du lieber etwas getan, das dir nun Leid tut?" Sie wirkte nicht erbost, nur maßlos erstaunt.
Hilflos zuckte er die Achseln. „Keine gute Idee, oder? Sanni, bitte. Verzeih mir."
Einen Wimpernschlag später hing sie in seinen Armen. Remus hatte das Gefühl, eine zentnerschwere Last werde ihm von den Schultern genommen. Was von seinem Zorn noch übrig war, fiel in sich zusammen, seine Verzweiflung wich unendlicher Erleichterung, während er das Gesicht in ihrem Haar vergrub und heißen Tränen freien Lauf ließ. Was war er, ein Übermensch, dass er stets die Kontrolle behalten zu müssen glaubte? Hier war soviel Gefühl im Spiel, dass selbst er es nicht beherrschen konnte. Vielleicht gehörte Streit einfach zum Lieben dazu und musste eben durchgestanden werden?
„Mir tut es auch Leid", hörte er sie in sein Ohr wispern. „Es war gedankenlos von mir, dich auf diesen Empfang nötigen zu wollen. Ich entschuldige mich bei dir dafür."
Remus atmete tief durch. Erst jetzt, als sie es sagte, wurde ihm klar, wie sehr auch er diese Worte gebraucht hatte. Noch für einen Moment sammelte er sich und war bemüht um einen kümmerlichen Rest Contenance, auf den nun eigentlich auch nicht mehr ankam.
„Ist schon in Ordnung", sagte er und streichelte über ihr Haar.
Er schob sie ein Stück von sich weg und hielt ihr die Kirschblüten hin. „Für dich. Eigentlich sollten es Rosen sein", meinte er mit entschuldigendem Lächeln, das besser gelang, als er geglaubt hätte. „Lass uns nicht mehr streiten. Bitte. Ich hab' keine Kraft dafür."
Vorsichtig nahm sie die Zweige entgegen und schnupperte an den Blüten. „Sind sie echt?"
„Echt verzaubert", gestand er.
„Sie sind sehr schön", lobte sie, inzwischen auch wieder ein halbes Lächeln auf dem verquollenen Gesicht. „Ich habe noch nie so wundervolle Kirschblüten bekommen."
Sanni brachte die Zweige in einer leeren Milchflasche unter – eine Vase besaßen sie nicht. Er beobachtete sie, heilfroh, dass die Dinge halbwegs wieder im Lot waren. Natürlich blieb ihnen nichts übrig, als den Konflikt doch irgendwie zu klären.
„Dieser Empfang…" begann Remus.
Doch Sanni legte den Finger auf die Lippen. „Fang nicht davon an. Ich werde absagen."
„Nein. Nein, das musst du nicht." Remus räusperte sich. „Schau, es wäre wirklich schwierig, jemanden wie mich dorthin mitzunehmen. Vielleicht finden wir eine Lösung, mit der wir beide leben können."
Sie sah ihn fragend an.
„Geh mit Sirius", schlug Remus vor. „Dann musst du nicht absagen, dein Pate ist nicht verärgert, und Sirius hat vermutlich höllischen Spaß dabei, die noble Gesellschaft aufzumischen."
Sanni sah nicht eben begeistert aus. „Was ist mit dir?"
Remus bemühte sich um ein Lächeln. „Ich werde hier zu Hause sitzen, mir eine Flasche Chianti aus dem billigen Muggelladen um die Ecke genehmigen und darauf warten, dass mein Aschenputtel zurückkehrt, ohne einen Schuh auf der Treppe von Malfoy Manor zu hinterlassen."
„Das ist keine besonders tolle Idee", sagte Sanni seufzend.
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„Das ist eine fantastische Idee!", rief Sirius begeistert aus, als die beiden ihm am Mittag des vierundzwanzigsten Dezembers den Vorschlag machte, Sanni zu begleiten.
Remus lächelte, und auch Sanni wirkte irgendwie erleichtert. Die vergangene Nacht war so schön, wie Nächte der Versöhnung nach heftigen Streits gelegentlich sind, wenn beide sich bemühen, ‚Verbrochenes' wieder gut zu machen.
„Mann, ich kann es gar nicht erwarten, Lucius' bestürztes Gesicht zu sehen, wenn ich an Neujahr auf der Schwelle des Manors auftauche!" Sirius' blaue Augen blitzen abenteuerlustig.
„Du wirst dich wie ein Gentleman benehmen, Pads, denn du vertrittst mich", gebot Remus ernsthaft.
„Abraxas Malfoy ist mein Pate, ich erwarte, dass mein Begleiter mich nicht blamiert", setzte Sanni selbstbewusst hinzu.
„Aber natürlich, Miss Nykänen", antwortete Sirius mit einer spöttischen Verbeugung. „Wenn Ihr bezauberndes Gesicht und der Platz an Ihrer werten Seite mir nur den Zutritt zum Allerheiligsten der mächtigsten Zaubererfamilie Englands verschafft, werde ich jeden Schwur leisten…."
„Dein Wort reicht mir", schnitt ihm Remus trocken die Rede ab.
Sirius sah betroffen drein.
„Ich möchte, dass du es mir verspricht, Sirius Black", forderte Sanni.
„Ihr ruiniert den ganzen Spaß", maulte Sirius.
„Pads", begann Remus. „Du weißt, ich kann nicht dorthin gehen. Ich kenne niemanden, der sich souveräner auf diesem gesellschaftlichen Parkett bewegen könnte als du. Mir wäre wohler, wenn ich Sanni in deiner Begleitung wüsste. Außerdem", setzte Remus eine wohlüberlegte Pause, „werden sicher auch deiner Familie die Augen herausfallen. Ich gehe doch davon aus, dass deine Eltern und dein Bruder eingeladen sind?"
Ein beinahe wilder Ausdruck trat in Sirius' Blick.
„Auch wenn ich bereits sehr am Ruf der ach so ehrenwerten Black-Sippe gekratzt habe, reicht die Reputation unter Umständen noch für eine Einladung zu den Malfoys", knurrte er. Er schüttelte sich wie ein Hund.
„Also gut. Weil du mein Freund bist, Remus. Weil du mir Gitarrengriffe beigebracht hast, die ich sonst nie gelernt hätte, Sanni. Ich verspreche, mich als echter Gentleman zu erweisen. Aber wenn sich eine Gelegenheit bietet, meinem Bruder in die Fresse zu schlagen oder meiner Mutter auf die Hors d'oeuvres zu spucken, werde ich sie nutzen."
Er schenkte Sanni sein bestes Zahnpastalächeln. „Wann gehen wir shoppen, Häschen?"
Sanni musste lachen. „Gar nicht. Ich werde Lily um eine Festrobe bitten. Sie hat einen hellen Teint, ich werde sicherlich etwas finden in ihrem Schrank."
Sirius schien enttäuscht. „Meine Begleitung kommt in einer geliehenen Robe? Das wird meinem Ruf aber sehr schaden." Er grinste. „Allerdings war ich noch nie mit dem Star des Abends aus."
„Wie meinst du das?", erkundigte sich Remus erstaunt.
„Nun, ich habe auch so meine Quellen", erklärte Sirius mit geheimnisvollen Gesichtsausdruck. „Es heißt, Abraxas Malfoy habe eine Sirene für sein Konzert gewinnen können."
Er blickte Sanni neugierig an. Knisternde Spannung lag plötzlich im Raum. Sanni zuckte die Schultern.
„Die Gerüchte sind maßlos übertrieben. Echte Sirenen singen, und sie sind ausgestorben. Ich werde lediglich ein bisschen musizieren."
„Das allein wäre ein Grund, sich die Veranstaltung nicht entgehen zu lassen. Was denkst du, Moony? Bekommst du nicht doch Lust?" Sirius blickte ihn provozierend an. „Ich komme auch anderweitig zu einer Einladung, wenn ich es darauf anlege."
„Danke, aber ich habe meinen Standpunkt bereits deutlich gemacht", erklärte Remus kategorisch.
„Du ahnst ja nicht, was du verpasst", unkte Sirius, ließ es jedoch dabei bewenden.
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Der Heilige Abend kam nach einem Spaziergang am neblig-kalten Themseufer schneller, als Remus gedacht hatte. Immerhin hatte er bis mittags noch gearbeitet, dann Sanni zu Hause abgeholt, sie waren zu Sirius appariert und hinterher am Fluss gewesen.
Sanni hatte am Morgen noch ein paar Zutaten für das Weihnachtsessen besorgt und dabei eine Packung Haferflocken erstanden. Diese dienten zu Remus' Verblüffung nicht der Nahrungszubereitung – er hatte vielmehr den Eindruck, die Haferflocken seien dazu bestimmt, ihn beschäftigt zu halten, bis Sanni mit dem Kochen fertig war. Die Finnin hatte ihn vor die gar nicht so leichte Aufgabe gestellt, die Flocken in Haferbüschel zu verwandeln, um sie für die Vögel – immerhin hatte die Nachbarschaft ein paar hungrige Spatzen zu bieten - rund ums Haus zu verteilen.
„Es ist so Brauch", hatte sie entschieden erklärt.
Nun, Remus bemühte sich nach Kräften, aber das Zaubern mit Nahrung unterlag sehr komplexen Gesetzen, die Materie widersetzte sich zäh seinen magischen Manipulationen. Zudem waren Haferbündel, bei denen die Körner gleich vom ersten Windstoß heraus geweht wurden, sinnlos. Sie genügten auch Remus' eigenen Ansprüchen an die Qualität seiner Wandlungen nicht.
„Wenn McGonagall, meine alte Verwandlungslehrerin, mich hier sehen würde, zöge sie Gryffindor vermutlich fünf Hauspunkte ab!", beschwerte er sich.
Sanni kam aus der Küche, bewaffnet mit Kochlappen und Holzlöffel, und warf einen Blick über seine Schulter auf sein Werk.
„Fünfzehn", sagte sie trocken und eilte in die kleine Küche zurück. „Du kannst es mich machen lassen", rief sie von dort. „Ich kenne den Spruch, und ich beherrsche ihn."
Remus hob den Kopf. Sie grinste.
„Finger weg von meinem Stab", knurrte er.
Sie tänzelte auf ihn zu.
„Das hat gestern Abend aber noch ganz anders geklungen, mein schöner Varge", schnurrte sie und schlang von hinten die Arme um seinen Hals.
Remus, der ihre Absicht ahnte, zog sie über die Schulter auf seinen Schoß, während er seinen Zauberstab in den Ärmel seiner Robe gleiten ließ – unerreichbar für seine Freundin.
„Ich bin hungrig", sagte er leise und küsste sie.
Sanni lachte. „Du musst dich noch ein Weilchen gedulden. Der Möhren-, Kartoffel- und Steckrübenauflauf ist noch nicht fertig, und der Rossoli-Salat auch nicht. Ich muss noch die Rote-Beete-Sahne färben und…"
„Mmmhm. Sahne. Das erinnert mich an etwas", fiel er ihr ins Wort, und seine Küsse wurden drängender, seine Hände forscher in dem Bemühen, unter ihren Pullover zu schlüpfen.
„Merlin, Remus, wir werden kein richtiges Weihnachtsessen haben", protestierte Sanni halbherzig.
Doch ihr schneller Atem und die Röte auf ihren Wangen sprach eine andere, deutliche Sprache, ebenso wie ihr Duft. Remus knabberte sich an ihrem Hals entlang, eine Spur zarter Bisse hinterlassend, während er ihr jeden Widerstand mit kreisenden Bewegungen seiner Fingerkuppen auf ihrem Rücken entlang austrieb. Kurze Zeit später trug er sie zur Couch, und beide vergaßen für eine Weile Auflauf, Haferbüschel und Rote Beete.
Natürlich gab es trotzdem ein traditionelles finnisches Weihnachtsessen, und auch die Spatzen wurden versorgt. Nachdem Remus und Sanni sich den Bauch mit gebratenem Schinken, Auflauf und Rossoli-Salat, einer pink-rot-rosa aussehenden Köstlichkeit aus Roten Beten, Kartoffeln, Äpfeln, Gurken und dazu "rosa" gefärbter Sahne, vollgeschlagen hatten, konnte Remus ihre Frage, ob er noch ‚Pulla' möge, nur müde verneinen. Das legendäre finnische Hefegebäck mit Kardamom hätte nun wirklich nicht mehr in seinen ohnehin überdehnten Magen gepasst.
„Das war mit Abstand das beste finnische Weihnachtsessen, das ich je hatte", lobte er lächelnd und zog Sanni näher zu sich. Sie hatten es sich mit heißem Saft, zwei Wolldecken und Remus' altem Muggelradio auf dem Sofa gemütlich gemacht.
„Da ich vermute, dass es dein erstes finnisches Weihnachtsessen ist, weiß ich nicht, ob ich mich über dieses Kompliment wirklich freuen soll", gab sie grinsend zurück.
Im Radio sang ein Chor, Orgelmusik erklang.
„Was hören wir?", erkundigte sich Remus schläfrig. Der lange Tag steckte ihm in den Knochen.
„Das ist das Weihnachtsoratorium", erwiderte sie sanft. „Ich dachte, du interessierst dich für klassische Musik?"
„Ich bin nur ein Dilettant auf diesem Gebiet", gab er zu und gähnte. „Gefällt es dir?"
„Sehr. An Weihnachten zumindest." Sie summte leise mit, und Remus wurde auf einmal noch müder. „Warum versuchst du nicht, ein bisschen zu schlafen, Remus? Der Joulupukki kommt ohnehin erst, wenn niemand im Haus mehr wach ist."
Remus lächelte glücklich. Santa Claus würde erst morgen früh kommen, aber er wusste bereits, was er Sanni mitbringen würde.
Fortsetzung folgt
