20. Certain Things
Seine Hände waren eiskalt, und er fiel auf seine Waden zurück, nachdem er gebückt, den Höhlenboden mit dem kalten Seewasser geschrubbt hatte, damit er nicht mehr klebte. Der Honig war überall gewesen, und er würde nur die verdammten Insekten und Käfer anlocken.
Da seine Fallen nun nutzlos waren, hatte Skills den Rest des Honigs verspeisen dürfen. Wieder hatte er mehr über Riesenaffen gelernt, denn Honig schien Skills genauso zu lieben, wie gebratenes Fleisch.
Wie sie ihn angesehen hatte. Fast hatte er es gespürt. Fast hatte er verstanden. Für eine Sekunde hatte er glaubte zu wissen, was sie bewegt hatte. Warum sie so wütend gewesen war. Wütend genug, um in der Nacht zu verschwinden! Es knallte ständig zwischen ihnen. Es schien nicht anders zu gehen. Er kannte das von seinen Eltern.
Kurz hielt er in der Bewegung inne. Er schüttelte den Kopf über sich. Ja, er und Granger führte eine genauso kranke Beziehung wie seine Eltern. Fabelhafter Gedankengang, Draco, lobte er sich. Und es war nicht so, als hätten sie zwei Wohnung in der Stadt. Er kannte ihre Adresse hier nicht. Und er wusste, es bestand das Risiko, dass er sie nicht fand. Aber… irgendetwas in ihm hatte keine Zweifel. Er würde sie morgen finden. Es war so, als ob ihn das Universum von Streitereien mit Granger nicht verschonen wollte. Nicht einen Tag. Und er wusste, sie mussten es nicht bis aufs Blut austragen. Manchmal half Abstand.
Es war nötig, denn seine Ideen waren besser als ihre, und es trieb ihn in den Wahnsinn, es ihr jedes Mal buchstabieren zu müssen. Deshalb war Abstand auch für ihn der bessere Ausweg.
Und es erinnerte ihn plötzlich an den Moment von heute Mittag, als sie ihm Unüberlegtheit vorgeworfen hatte. Als er Skills Mutter getötet hatte. Als er das weiße Monster getötet hatte. Er hatte ihr scheiß Leben gerettet, und das einzige, worüber sie sich Gedanken gemacht hatte, war, dass der Affe vielleicht der Letzte seiner Art gewesen war! Dass das Wesen vielleicht nicht böse war. Tatsächlich war Dumbledores Erscheinung nicht böse gewesen – aber was waren die Chancen hier? Er hatte handeln müssen. Er war nicht wie sie!
Es war, als würde ihr Überlebensinstinkt nur bis zu einem bestimmten Punkt reichen und er endete dort, wo sie das Leben anderer gefährdete.
Und das stimmte nicht mal! Für ihn galten diese noblen Regeln nicht! Er musste um jedes Recht, jede Anerkennung hier kämpfen, denn alles, was er tat war böse und unmoralisch, war falsch! Nicht eine Sekunde hatte sie sich auch nur ansatzweise eingestanden, dass ihr gefallen hatte, was er… was er mit ihr getan hatte! Erschöpft warf er das schmutzige Leinen auf den Boden.
Abstand. Wirklich gut.
Und seine Fallen hätten funktioniert, und das wusste sie auch. Ja, wahrscheinlich wären sie keine besten Freunde mit dem Baumvolk geworden, aber wofür auch?
Er schloss die Augen. Sehr deutlich hatte er das Bild seines Vaters vor Augen, hörte seine kalte Stimme irgendwo in den Tiefen seiner Hirnwindungen, dort, wo sie sich für immer eingebrannt hatte. ‚Vergiss nie deinen Platz, Draco. Mitleid und Gnade sind Tugenden der Schwachen.' Und sehr langsam, immer deutlicher, verloren die Worte seines Vaters an Wirkung. Er war auf die Gnade dieser verdammten Insel angewiesen. In dem größeren Gefüge befand er sich in der schwächeren Position. Er konnte so viele Tiere töten wie er wollte, konnte lernen, Feuer zu machen – er konnte König dieser verfluchten Hölle hier werden, aber die Tatsache blieb unumstößlich bestehen. – Nichts davon half ihm, hier wegzukommen.
Denn das, was ihn tatsächlich voran brachte in diesem Bestreben, waren die Dinge, die er nicht mit Gewalt anging. Die nichts mit Kräftemessen zu tun hatten. Es waren diese Tugenden der Schwachen, um es mit den Worten seines Vaters zu sagen. Sie hatte ihn gezwungen, mitzukommen. Hatte ihm klar gemacht, dass es das war, was sie zu tun hatten – zusammen sein.
Ok. Vielleicht. Vielleicht verstand er im groben Ansatz, was sie meinte. Aber er wollte ihre Vorstellungen und Ansprüche gar nicht erfüllen. Konnte er auch nicht. Warum auch?
Der Affe war schrecklich unruhig. Er wanderte ruhelos um den See, heulte ab und an wild, kam zur Höhle, wirkte gänzlich verstört, nur um wieder hin und her zu laufen. Draco bezweifelte, dass der Affe begriff, dass sie tatsächlich nicht zurückkam, aber… auch der Affe schien Sorgen zu haben.
Er wusste nicht, was für Gefahren in den Bergen lauerten, welche Tiere dort sonst noch lebten. Aber er bezweifelte, dass es ein freundlicher Ort war. Im Verbotenen Wald hatte es Einhörner gegeben, und das war garantiert kein netter Ort gewesen. Merlin, nein. Aber… sie hatte auf dieser Insel auch ohne ihn überlebt und würde wahrscheinlich weiterhin ohne ihn überleben, hätten sie nicht dieses unglückliche Zusammentreffen am Strand gehabt.
Lange atmete er aus. Denn mittlerweile glaubt er nicht mehr, dass es reiner Zufall war. Mittlerweile glaubte er nicht mehr, dass es ein Unglück war. Zwar sind seitdem nur Dinge passiert, auf die er nicht gerne zurückblickte, aber… er hatte das Gefühl, es ging weiter. Sie existierten nicht nur blind, sie arbeiteten der Lösung entgegen.
Granger war fähig, ohne ihn zu überleben. Und er war fähig, sie wiederzufinden. Und es war verrückt, wie selbstverständlich es langsam wurde. Dass er kaum darüber nachdachte, dass sie zusammen arbeiteten. Und er wusste, es gefiel ihm nicht, dass sie gegangen war. Aber es hätte nichts gegeben, was er hätte tun oder sagen können, ohne dass es ihn in eine gefährliche Position geschoben hätte.
Jedes Wort, das sie miteinander sprachen schien ohnehin zu viel. Er verlor zu schnell die Nerven, denn je länger er ihre Stimme in seinen Ohren hörte, umso größer wurde das Verlangen, ihren Mund zu stopfen – egal, wie.
Und das grelle Licht traf ihn so überraschend, dass er fast zur Seite sprang.
Er musste die Augen schließen, als das Licht der Vision heller schien. Wieder der Baum, fragte er sich gereizt. Aber er schirmte seine Augen mit der Hand ab, bis das Licht erträglich war. Und es war anders. Dracos Hand fiel unbewusst an seine Seite.
Seine Augen sogen die Eindrücke auf. Es waren unbekannte Eindrücke, aber sein Blick verfing sich an der tickenden Standuhr, den Möbeln, und fast konnte er sich vorstellen, wie sich der Stoff des alten Sofas unter seinen Finger anfühlen würde, das schwere Holz des Tisches, was er sah. Der Kamin vermittelte Wärme, und es musste Nacht sein, dort, denn nur, was das Licht des Feuers berührte, konnte er sehen.
Der breite Tisch war leer. Er konnte nur das Zimmer erkennen. Ein Esszimmer? Bücher standen im Regal, und das bodenlose Gefühl des Verzichts kroch in ihm empor. Er vermisste Menschen. Zwar konnte er die wenigsten leiden, aber nur der Hauch von Zivilisation schickte so viel Schmerz durch seinen Körper, dass er gar nicht gemerkt hatte, wie sehr ihm sein Zuhause wirklich fehlte.
Vier Wände. Die Sicherheit, die einem nur die Infrastruktur einer Stadt mit ihren Regeln und Gesetzen bringen konnte, und welche im Dschungel einfach nicht existierten.
Und fast zuckte er zusammen, als ein Mann die ungestörte Ruhe der befremdlich anheimelnden Szene störte.
Draco erkannte mit weiten Augen die Flasche Odgen's Whiskey, die der Mann auf den Tisch stellte. Das Glas war aus Kristall, und der Feuerschein blitzte verlockend im Schliff des Glases. Draco hörte kristallklar das Geräusch des Alkohols, als der Mann ihn in das Glas schüttete, so nah, als wäre Draco da. So nah, als könne er sich das Glas selber greifen. Sein Mund wurde trocken.
Ronald Weasley setzte das Glas an die Lippen, lieblos, mit gewisser Übung, als wäre dies nicht sein erstes Glas, nicht die erste Flasche in seinem Leben. Und Draco konnte den Blick nicht wenden. Weasleys Haare waren lang, gingen ihm bis zum Kinn. Unordentlich lagen sie auf seinem Kopf, und auch von hier erkannte Draco die Ringe um seine glasigroten Augen.
Und dann sah er ihn an. Draco schreckte zurück, aber Weasleys Blick war teilnahmslos in eine unbekannte Ferne gerichtete. Vielleicht sah er durch ein Fenster, aber… sehen konnte er ihn nicht. Dracos Mund öffnete sich langsam.
Lange atmete Weasley aus.
Und erst auf den zweiten Blick sah Draco etwas anderes. Weasley trug einen nachtschwarzen Anzug. In der mehr als bescheidenen Umgebung in der er sich befand, stach es plötzlich mehr als deutlich hervor. Nur unbewusst beschäftigte sich sein Gehirn mit dieser Tatsache, denn wahrscheinlich war es unwichtig, was die Menschen trugen, die er sah.
„Hier bist du", sagte eine tiefe Stimme. Dracos Blick weitete sich, als ein weiterer Mann in sein Sichtfeld kam. Potter! Potter näherte sich, ebenfalls im Anzug, und die Fliege lag lose um seinen Hals. Er trug kein Jackett mehr, nur noch Hose, Hemd und Weste.
„Potter", flüsterte Draco unbewusst, aber er wusste, niemand konnte ihn hören oder sehen.
„Wir sind müde", schien Potter freundlich zu erklären, legte Weasley die Hand auf die Schulter, und Draco sah, er drückte fest zu. „Es war gut, dass du heute dabei warst." Weasley reagierte nicht, starrte hinab in sein Glas, und Draco begriff nicht wirklich. Wer war müde? Wo waren sie gewesen? Und kurz erfasste Draco ein Schauer, denn… waren er und Granger beerdigt worden? Trugen die beiden Männer deshalb die Anzüge? Zeigte ihm die Vision die Gegenwart?
Unwirsch schüttelte Weasley jedoch den Kopf.
„Ich wäre gern allein", murmelte Weasley, und der Alkohol hatte seine Stimme tief gefärbt.
„Ron-", begann Potter, aber Weasley hob den Blick.
„Harry", sagte Weasley entnervt, „Ich komme zurecht, ok?" Doch Potter setzte sich ans Ende des Tisches, und Draco konnte nun sein Gesicht erkennen. Potter schien nicht geweint zu haben.
„Ich weiß, was du denkst", sagte Potter dann.
„Tust du das?", wollte Weasley kalt wissen, und der schiere Unglaube, gemischt mit echter Verletzung, stand deutlich in seinem Gesicht.
„Ron…", begann Potter unschlüssig, aber Weasley schüttelte präventiv den Kopf, als wisse er schon, was Potter sagen wollte.
„-ich habe mich nicht abgefunden, Harry!", warnte Weasley ihn. „Damals. Ich… konnte nur nicht mehr Tag ein, Tag aus mit dem Verlust leben, mit dem Schmerz, mit…-"
„-mit der Einsamkeit?", beendete Potter den Satz, und Weasley verzog den Mund.
„So war es nicht!", widersprach Weasley trotzig, aber fast nachsichtig sah Potter ihn an. „Es war nichts", sagte Weasley zornig. „Ablenkungen. Nichts weiter, Harry", versprach er beinahe. „Es hat nichts bedeutet! Wäre es Ginny gewesen", fing Weasley anklagend an, „du hättest kein Jahr gewartet!", warf er Potter zornig vor. „Es ist fast ein Jahr her, Harry! Sie war fast ein Jahr fort"
„Was soll ich sagen, Ron?", fuhr Potter ihn an.
„Gar nichts, ok? Gar nichts, verdammt. Lass mich einfach allein." Er leerte das Glas in einem Ruck und knallte es auf den Tisch. „Weil ich es gewagt habe, mich nicht jede Nacht in den Schlaf zu weinen, weil ich es alleine nicht ertragen habe, werde ich bestraft!", entfuhr es ihm wütend, wenngleich auch über alle Maßen verzweifelt. „Das ist die Strafe, nicht wahr? Ausgerechnet! Wahrscheinlich hat ihr Gehirn einen massiven Schaden erlitten!", schloss er erschüttert.
„Ron", begann Potter seufzend, schien nach den richtigen Worten zu suchen, „vielleicht braucht es Zeit. Vielleicht braucht sie Zeit." Dracos Stirn runzelte sich verständnislos.
Er hatte keine Ahnung um was es ging, oder warum ausgerechnet er sich Weasleys Beziehungsprobleme anhören musste. Und was war ein Jahr her? Er und Granger waren seit drei Monaten und achtundzwanzig Tagen hier. Verging die Zeit in England schneller? Was sah er hier? Die… Zukunft? Die Beerdigung hätte längst erfolgen sollen. So wurden Apparierunfälle doch behandelt, wusste Draco. Garantiert wartete das Ministerium kein Jahr!
„Wieso bin ich nicht gut genug?", wollte Weasley so direkt von Potter wissen, dass dieser für einen Moment ehrlich überfordert wirkte.
„Ron, du bist gut genug", versicherte ihm Potter schließlich, und Draco stöhnte innerlich auf. Weasley war so ein Weichei. Merlin. „Das einzige, was wirklich zählt, ist, dass sie wieder da ist, oder nicht? Alles andere ist erst mal vollkommen unwichtig", erinnerte ihn Potter ruhiger.
Und Draco horchte auf. Unbewusst hatte er angenommen, es ging um sie, aber… stimmte es? War sie wieder da? Granger? Merlin, sein Herz jagte, aber er war sich noch immer nicht sicher, was er sah! Hatte sie es ohne ihn geschafft?
Und es verging ein stiller Moment, ehe Potter sich seufzend erhob und Weasley auf die Schulter klopfte. Gequält sah Weasley zur Seite. „Gut Nacht, mein Freund", verabschiedete sich Potter von ihm, und Weasley ließ langsam den Kopf auf den Tisch sinken.
Die Vision verschwand, und Draco fluchte unterdrückt.
„Nein!", rief er, sprang in die Höhe, aber das Bild war fort. Scheiße. Was sollte das bedeuten? Was geschah nach einem Jahr? Würde es noch so lange dauern? Und was hieß das? Wäre sie wieder Zuhause…? Und er? Wo wäre er?
Er war sich sicher, Potter und Weasley hatten über sie gesprochen! Über wen sonst? Das war das Problem mit den verdammten Visionen. Sie vermittelten einem das beschissene Gefühl von Hoffnung, aber er hatte keine Ahnung, was diese Vision bedeuten sollte. Das letzte Mal war die Vision mit dem Einhorn erschienen, als sein Zauberstab kaputt gegangen war. Was hatte er gerade getan? Was hatte er gedacht?
Er… hatte an sie gedacht. Er… wusste nicht mehr wirklich, was er gedacht hatte.
Aber er war sich sicher, es bedeutete, dass zumindest Granger den Weg nach Hause finden würde!
Seine Stirn runzelte sich. Und er nicht? Er glaubte nicht, dass die Vision ihm offenbaren wollte, dass er groß genug für diese Geste war. Dass er sich damit abfinden konnte, dass Granger ohne ihn nach Hause kam. Gereizt atmete er aus. Es war dasselbe wie mit dem dämlichen Einhorn. Er hatte nichts mit einem Einhorn zu tun. Also hatten Potter und Weasley absolut nichts mit der Aussage dieser Vision zu tun, nahm er an.
Aber er begriff nicht. Und er begriff nicht, warum die Vision sich nicht wenigstens die Mühe gemacht hatte, und ihm gezeigt hatte, dass Granger tatsächlich Zuhause war. Wieso war sie nicht bei Potter und Weasley gewesen? Bei wem war sie bitteschön…? Und wieso besaß die verdammte Höhle nicht so viel Takt, ihm wenigstens seine Eltern zu zeigen? Oder… irgendetwas, mit dem er was anfangen konnte?!
Frustriert starrte er an die leere Felswand. Und zumindest wusste er eine Sache. Granger würde verdammt noch mal bereuen, vorgegangen zu sein, wenn er ihr morgen von der Vision erzählte. Denn schließlich liebte sie Weasley doch so sehr! Aber… wäre sie hier, würde sie wahrscheinlich die ganze Nacht lang bittere Tränen weinen. Besser, sie war nicht hier, dachte er dumpf.
Denn ihre Tränen taten dumme Dinge mit ihm. Sie weckten sein dämliches Mitgefühl. Und er war wirklich froh, dass ihn sein Vater nicht sehen konnte. Merlin, er war froh, dass niemand ihn sehen konnte!
Und vielleicht… zeigte ihm die Vision einfach eine sehr simple Tatsache.
Vielleicht war Granger einfach sein Weg nach Hause. Aber… innerlich wusste er das bereits.
