Das Hemdchen
„Ganz ruhig mein Engel. Es wird gleich besser."
Die beiden standen im Badezimmer. Schon seit Tagen ging das so und er konnte nichts tun außer ihr das Haar zurückhalten, sie zu streicheln und ihr zu vergewissern, dass es sicherlich gleich besser werden würde.
Schon damals mit Draco war ihr oft schlecht gewesen, aber das hier war gänzlich anormal.
Wo war Severus, wenn man ihn wirklich brauchte?
Narcissa schnappte nach Luft.
„Ich- ich kann nicht mehr.", keuchte sie und drehte sich zu ihm um.
Um ihre verheulten, hellblauen Augen lagen dunkle Schatten und ihr Gesicht war milchig weiß.
Erschöpft lehnte sie ihren Kopf gegen seine Brust.
„Na, komm Engelchen, dann bring ich dich wieder ins Bett."
Sie nickte. Ihr Gehirn gab den Befehl das rechte Bein anzuheben. Nichts passierte. Narcissa schluchzte auf „Ich kann nicht mehr, Lucius. Gar nichts mehr."
Lucius hob sie mit besorgter Miene hoch. Seit das hier angefangen hatte, hatte sie nichts von dem Essen mehr bei sich behalten. Seit gut vier Tagen hatte sie gar nichts mehr gegessen, aus Angst die Übelkeit würde noch länger dauern.
Unglücklicherweise hatte das nichts gebracht. Die Übelkeit war geblieben und Narcissa spuckte nur noch Galle und Blut.
Er deckte den zitternden Körper seiner Frau zu.
„Woll'n wir nicht wenigstens noch mal versuchen etwas zu essen, Darling? Bitte!"
Sie schüttelte müde den Kopf.
„Du musst was essen."
Wieder ein Kopfschütteln.
Lucius seufzte und stellte den Teller wieder weg.
„Dann wenigstens etwas trinken, einen Schluck nur! Für mich."
Er nahm die Tasse.
„Es ist bloß Tee, Engelchen. Davon wird das Bauchweh vielleicht besser."
Langsam streckte sie ihre Hand nach der Tasse aus.
„Nein. Wie willst du die Tasse denn mit deinen zittrigen Fingern halten? Ich mach das."
Unter anderen Umständen hätte sie es schön gefunden, wenn er sie umsorgt hätte, wie ein kleines Kind, aber so…
„Bitte, Lucius. Ich komm mir schon unfähig genug vor." Ihre Stimme war heiser und hatte etwas Weinerliches an sich, was Lucius bis in die letzte Faser seines Körpers schmerzte.
Vorsichtig gab er ihr die Tasse in die Hand.
Es sah aus, als würde sie mindestens einen Inhalt von 20 kg in ihrer Tasse transportieren.
Angestrengt nichts zu verschütten und die Tasse in der Hand zu behalten, führte sie sie zum Mund.
Zögerlich öffnete sie die Lippen einen Spalt breit.
„Oh nein.", heulte sie völlig entnervt und aufgelöst.
Der Tee ergoss sich über die grüne Decke und ihr Nachthemd.
Glücklicherweise hatte der Tee schon seit einigen Stunden gestanden, war also nicht sonderlich heiß, sonst hätte sie sich übelst verbrannt. So breitete sich nur ein großer dunkler Fleck auf dem Hemdchen aus.
„Entschuldige bitte.", wimmerte sie und löste die nasse Stelle von ihrer Brust.
Lucius stellte die Tasse beiseite.
„Entschuldige was?"
„Dass- dass ich so ungeschickt bin und-"
Lucius hielt ihr einen Finger vor die Lippen.
„Das bist du nicht."
Wieder hob er sie hoch und trug sie ins Badezimmer. Schon früher hatte es ihn nicht angestrengt seine Frau zu tragen, aber jetzt wog sie kaum noch etwas.
Irgendetwas musste er ihr zu essen geben, sonst würde sie vor seien Augen verhungern ohne es selbst zu merken.
„Du kannst mich auf den Rand von der Badewanne setzen, Lucius.", sagte sie und deutete herüber zu ihrem goldenen Lieblingsbadeobjekt.
„Sicher?"
Sie nickte resolut.
Langsam ließ er sie herunter und setzte sie auf der breiten Kante ab.
„Lehn dich gegen die Wand, Cissy. Ich geh dir ein neues Hemdchen holen."
Auf halbem Weg zur Türe drehte er sich noch mal um und schaute, ob sie noch saß. Die Augen geschlossen und gegen die Übelkeit ankämpfend lehnte sie an der gekachelten Wand.
„Das Rote oder lieber das niedliche Weiße mit den Rüschen?"
Ein müdes Lächeln huschte über ihre Lippen, als Lucius wieder im Badezimmer stand mit den beiden Nachthemden in der Hand.
„Das 'Niedliche'. Ich wusste gar nicht, dass du meine Nachtwäsche 'Niedlich' findest."
„Das verstehst du unter Nacht- "WÄSCHE"? Da hattest du aber schon heißere Fummel a-", er verstummte und errötete kaum merklich.
Ihr Lächeln wurde etwas breiter.
Er verschwand wieder im Ankleidezimmer.
„Und das hier finde ich auch sehr hübsch. Das Weiße mit den kleinen Besen drauf, was Draco dir damals ge-"
Ein trockenes Schluchzen aus dem Bad.
„Oh, Cissy. Verzeih mir, ich wollte nicht…"
„Er- er war gerade sieben. Da hat er's mir zu Weihnachten geschenkt. Weißt du noch?"
Lucius nickte und hielt ihr den Stoff hin.
„Ich hab ihn mit nach London genommen, als du mit deinen Freundinnen hier warst. Er wollte unbedingt in diesen Laden, aber ich durfte nicht mitkommen…"
Er lachte.„Ich glaube ich habe eine halbe Stunde mit dem Rücken zu dem Geschäft gestanden, bis er wiederkam."
Narcissa roch an dem Stoff.
„Ich musste es anziehen. Er hat darauf bestanden. Weißt du noch? Bevor er ins Bett gegangen ist."
„Es ging dir kaum über deinen Po und obenrum…"
„Ist alles rausgequollen.", sie zuckte abrupt vor Schmerz zusammen, als sie lachte.
„Er fand's toll. Aber dann hat er dir gesagt, dass es ja eigentlich für den Sommer gedacht ist. Er war ja noch so klein, er konnte deine Größe gar nicht einschätzen. Weißt du noch was er gesagt hat?"
Sie nickte.
„Zieh lieber Daddys an. Die sind viel länger und kuscheliger, als deine. Ich will nicht, dass du Schnupfen kriegst."
„Oh, Lucius, was hat er mit meinem Kind gemacht?"
„Alles wird wieder gut werden, Schatz."
Einen Moment lang hielt er sie in seinen Armen.
„Das Niedliche'?"
Sie nickte lächelnd, wobei ihr kleine Tränchen über die Lippen liefen.
Lucius richtete sie auf und zog ihr das alte Hemd aus.
Sie warf einen Blick in den Spiegel.
„Oh mein Gott.", so kräftig wie sie konnte drückte sie sich von ihrem Mann weg und machte einige wackelige Schritte auf den Spiegel zu.
Mit einer zittrigen Hand fuhr sie über ihr Gesicht, dann langsam herunter über ihre Brüste zu ihrem Bauch.
„Ich- ich sehe ja grauenhaft aus. Wie kannst du nur mich nur-"
Fassungslos fuhr sie mit den Fingerspitzen an ihren Augenpartien entlang.
Lucius war hinter sie getreten.
Sie musterte ihn. Perfekt, wie eh und je.
„Sieh dich bloß an. Und ich bin so…hässlich."
„Um Gottes Willen, nein, Engelchen. Niemals wirst du hässlich sein. Du bist krank. Das ist alles. Und das geht vorüber."
Sie schüttelte verzweifelt den Kopf.
„Viel zu hässlich. Viel zu hässlich für dich."
„Wirst du wohl still sein, Narcissa."
Fest schloss er sie in seine Arme.
Ein leiser Schmerzlaut entfuhr ihr.
Sofort lockerte er erschrocken seine Umarmung.
„So wunderschön", flüsterte er in ihr linkes Ohr. Sie drehte sich vom Spiegel weg und vergrub ihr Gesicht in seinem leicht geöffneten Hemd.
Lucius angelte mit seinem rechten Arm nach dem ‚Niedlichen' Hemdchen.
„So wunder-wunderschön."
ach ja, sie tut mir einfach so leid. Aber ich tu mir auch leid. Sacht ihr: erste Matheklausur mit 5 verhauen? Oha. Jaja. Mathe und ich. Prima Sache!
Reviews würden mich aufbauen:-)
Lg LM
