Hallo, Ihr Lieben,

unglaublicherweise schaffe ich es heute tatsächlich mal rechtzeitig hochzuladen.

Meinen allerherzlichsten Dank übersende ich heute mit einer Packung virtueller Taschentücher an:

Reinadoreen – Doch, keine Sorge, er ist wirklich tot.

Leni4888 – Nein, so funktioniert Harrys Magie leider nicht, er ist ja kein Heiler.

Zissy – Ja, habe Ostern gut hinter mich gebracht. Und du??

Little Whisper für ihre unermüdlichen Verbesserungen *g*.

Macht weiter so, vielleicht komme ich dann endlich mal mit der neuen Story weiter – seufz. So, nun aber genug gejammert.

Here we go.

Viel Spaß und ich freue mich wie immer über ein Review.

Bis nächste Woche

Eure Cassie

Chapter III - Stille Akzeptanz

Without a thought
Without a voice
Without a soul

Don't let me die here
There must be something more
Bring me to life

(Bring me to life - Evanescence)

Harry

Und so verging auch der zweite Monat in stiller Agonie.

Ich verbrachte praktisch jede freie Minute an Dracos Seite. Beim allerersten Zucken seiner Hand rief ich noch völlig euphorisch nach einem Heiler, nur damit er mir mit unerträglich mitleidigem Blick erklären konnte, dass es nur ein Reflex war. Nervenimpulse, die richtungslos durch den Körper flackerten, einzig dazu da, die Nervenbahnen am Leben zu erhalten für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie irgendwann wieder von einem Willen geleitet würden.

Es brachte mich fast um, dieses hilflose Zucken mit ansehen zu müssen und so schloss ich von da an jedes Mal die Augen, wenn Draco sich zu bewegen schien und wartete mit angehaltenem Atem, bis er wieder still wurde.

Doch auch diese Stille konnte ich kaum ertragen.

Ich wich nur von seiner Seite, wenn Narzissa oder Dora mir gar keine Ruhe ließen. Sicherlich war ich mir darüber bewusst, dass ich Nathan vernachlässigte, auch wenn der kleine Mann es erstaunlich gut verkraftete, dass ich als seine Hauptbezugsperson quasi von einem Moment auf den anderen ausgefallen war.

Daran trug selbstverständlich Narzissa den größten Anteil, denn sie verhätschelte Nathan nicht weniger als Molly es getan hatte und ich bekam eine Ahnung davon, warum Draco in seiner Schulzeit so fürchterlich eingebildet gewesen war. Dennoch rief Narzissa mir in kürzer werdenden Abständen ins Gedächtnis, dass Nathan allen voran seinen Vater brauchte!

Es kam soweit, dass Narzissa mir mit all ihrer arroganten Malfoy-Art unmissverständlich klarmachte, dass sie von mir erwartete, dass ich mich zumindest den halben Tag um Nathan kümmerte. Und zwar nicht im Krankenhaus. Ich verstand nicht, warum sie plötzlich darauf drängte, dass ich Draco allein ließ und ein irres Stimmchen in meinem Kopf versuchte mich davon zu überzeugen, dass sie mich von Draco fernhalten wollte! Was natürlich Blödsinn war, doch die Unveränderlichkeit von Dracos Zustand zerrte an meinen Nerven und ich hatte immer mehr das Gefühl durchzudrehen.

Ausgerechnet Snape verhinderte mit einem einzigen Satz, dass die Situation eskalierte und ich Dinge zu Narzissa gesagt hätte, die ich nicht so meinte. Rational gesehen wusste ich ja, wie Recht sie hatte, doch es war Snapes direkte Art, die mir die Augen öffnete. „War es so schön ohne Vater aufzuwachsen, dass Nathan diese Erfahrung auch machen soll?", sagte Snape ganz leise, während Narzissa mich anfauchte und ich sie anschrie.

Es war, als hätte Snape mir mit diesem einen Satz den Boden unter den Füßen weggerissen und ich begann haltlos zu fallen. Plötzlich erkannte ich, wie traurig mich Nathans große Kinderaugen jedes Mal ansahen, wenn ich ihn mit Narzissa fortschickte und ich erkannte mit erschreckender Deutlichkeit, dass ausgerechnet ich den gleichen Fehler beging, den ich meiner Umwelt jahrelang vorgehalten hatte. Ich stieß Nathan von mir, weil ich die Sorge um Draco nicht ertragen konnte. Nathan musste sich fühlen wie ich, als ich noch bei den Dursleys lebte. Geduldet, als wäre er nicht die wichtigste Person in meinem Leben.

Ich entschuldigte mich augenblicklich bei Narzissa, zu erschrocken über meine eigene Verhaltensweise, als dass ich meinen Ärger auch nur einen Augenblick länger hätte aufrecht erhalten können.

Als ich Nathan aufhob und ihn fragte, ob wir nicht auf den Spielplatz gehen wollten, schaute er mich viel zu ernst und ungläubig für einen nicht einmal Dreijährigen an, als könne er nicht glauben, was ich sagte, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Merlin, wie hatte ich nur nicht sehen können, was ich meinem Sohn antat?

Narzissa überraschte mich einmal mehr, als sie mir mit einer liebevollen Geste über die Haare strich und sagte: „Sei nicht zu hart zu dir, Harry. Wir sind alle nur Menschen und Nathan wird dir alles verzeihen, es ist doch noch nicht zu spät." Ich nickte halbherzig und hob Nathan auf den Arm, der überglücklich seine Ärmchen um mich schlang und begeistert anfing vor sich hinzuplappern, in welcher Reihenfolge er mich über die Spielgeräte zu jagen gedachte.

„Geht schon! Wir sind ja hier und passen auf Draco auf", lächelte Narzissa und ich hatte mir die Tränen in ihren Augen nicht eingebildet.

Obwohl ich das im Krankenhaus abgestritten hätte, so tat es auch mir gut an die frische Luft zu kommen. Es war angenehm frisch, aber nicht kalt, und der kühle Wind ließ mich seit Wochen endlich einmal wieder aufatmen. Ich genoss es mit Nathan zu toben, die Spieltürme hinaufzuklettern, mit dem Kopf voran im Sand zu landen, wenn wir zuviel Schwung auf einer der Rutschen hatten. Und ich genoss das unbeschwerte Lachen meines Sohnes, wenn er sich in meine Arme schmiss und hochgehoben werden wollte.

Dennoch konnte ich den Gedanken an Draco nicht völlig verdrängen und es schmerzte mich zu wissen, dass er in diesem furchtbar kleinen Zimmer lag und keinen Anteil an meinem, an unserem Leben haben konnte. Und es wurde mir einmal mehr erschreckend klar, wie sehr ich ihn vermisste. Er fehlte mir so unbeschreiblich.

~~*~~

Eine Woche später führte ich ein langes Gespräch mit Narzissa, welches mir die Augen darüber öffnete, dass das Leben auch ohne Dracos Zutun weiterging. Ganz egal, was ich davon hielt.

Sie schob mir eine Tasse Kaffee hin und lächelte Nathan zu, der auf meinem Arm eingeschlafen war. Seit jenem Streit hatte ich es immer so eingerichtet, dass ich entweder vormittags oder den ganzen Nachmittag mit Nathan verbringen konnte und sein glückliches Gesicht sagte mir, dass diese Entscheidung dringend nötig gewesen war.

„Trinkst du nichts?", fragte ich verdutzt, als Narzissa sich neben mir niederließ.

„Nein, ich… fühle mich nicht besonders."

Ich trank einen Schluck Kaffee und schaute sie genauer an. Ich meinte, dass die dunklen Schatten unter ihren Augen noch tiefer geworden wären.

„Harry, ich…", sie unterbrach sich und starrte auf ihre Hände.

Ich dachte zu wissen, worauf sie hinauswollte. „Narzissa, hör zu, ich bin dir unendlich dankbar dafür, was du alles für Nathan tust, aber wenn es dir zuviel wird, dann…"

Sie hob den Blick und schaute mich mit einem merkwürdigen Lächeln an. Merkwürdig, weil es völlig entgegen allem war, was ich bisher an ihr gesehen hatte. Es war nicht überheblich oder aufgesetzt, im Gegenteil. Es war so still und irgendwie geheimnisvoll und doch kam es mir vertraut vor, auch wenn ich nicht wusste, wie ich es hätte einordnen sollen.

„Nein, nein, das ist es nicht. Aber… es gibt etwas, was ich mit dir besprechen möchte… muss."

Ich schaute sie fragend an und sie lächelte erneut. Und ganz plötzlich wusste ich, woher ich dieses stille Lächeln…nein, Lächeln war nicht das richtige Wort, dieses stille Strahlen kannte. Zwei Menschen hatte ich gesehen, die mich ebenso angesehen hatten. Ginny und Hermine.

„Eigentlich wollte ich es dir und Draco zusammen… aber…", sie atmete tief durch und dann war neben dem sanften Strahlen auch eine gewisse Stärke in ihren Zügen. „Ich bin schwanger."

Ich schluckte und blinzelte ein halbes Dutzend Mal, bevor ich eine Reaktion zustande brachte. „Du… du… oh gütiger Himmel, das ist toll… nehme ich an, also, ich meine, nicht, dass du denkst..."

Narzissa lachte. Es klang sehr befreit, sie griff nach meiner Hand. „Schon gut, ich… nein, wir… wollten es dir und Draco eigentlich zusammen sagen, aber so wie die Dinge stehen, hättest du es früher oder später sowieso gesehen."

Sie schob den Saum ihrer modischen Bluse nach oben und ich konnte kaum fassen, wie deutlich der Babybauch sich schon an ihrer schmalen Figur zeigte.

„Wow, ich weiß noch gar nicht… ich darf aber gratulieren, oder?", stammelte ich ziemlich hilflos.

„Ja, Harry, das darfst du. Es kam zwar überraschend, aber ich bin sehr glücklich darüber, wenn du das meinst."

Plötzlich musste ich lachen. Es begann als leises Kichern in meiner Kehle, bis ich mich nicht mehr beherrschen konnte und lauthals loslachte. Nathan murrte protestierend im Schlaf und veränderte seine Position. Narzissa schaute mich verständnislos an, offenbar ziemlich überfordert mit meiner Reaktion.

„Tut mir leid, ich hab…. Ich hab mir nur gerade vorgestellt, wie Severus Snape Windeln wechselt!", brachte ich atemlos hervor. Ihre Mundwinkel zuckten, bevor das Amüsement deutlicher Überraschung wich. „Woher weißt du?"

„Ach, bitte, ich habe Draco das schon beim Galaabend gesagt. Jeder - außer ihm - der Augen im Kopf hatte, hat das doch gesehen."

Narzissa wurde so plötzlich blass, dass ich erschrak und nach ihr griff. Tränen schossen ihr in die Augen und fluteten ihre Wangen, bevor ich begriff, was geschah. „Du meinst… Draco weiß es?", presste sie heiser hervor und der Schmerz in ihren Augen war fast greifbar.

Endlich verstand ich. Liebevoll zog ich sie in die Arme so gut es der schlafende Nathan eben zuließ. „Ja, Draco weiß es, Narzissa, und glaub mir bitte, wenn ich dir sage, dass er zwar überrascht war, aber sich trotzdem für euch gefreut hat."

„Oh, Draco…", schluchzte sie auf und klammerte sich an mich, während sie hemmungslos weinte.

Ich begriff, was für eine Belastung es für sie gewesen sein musste, die ganze Zeit zu denken, dass sie vielleicht nie mehr die Gelegenheit bekommen würde Draco von ihrer Liebe zu Severus zu erzählen. Und ich war froh, ihr diese Last genommen zu haben.

Ihre Tränen versiegten so schnell sie gekommen waren, einzig die rötlichen Flecken auf ihren Wangen verrieten sie noch, als sie nach Tiny rief, damit sie mir Nathan abnahm.

„Wann ist es denn soweit?", fragte ich in die aufkommende Stille.

„In 5 Monaten. Ich… ich habe es selbst erst spät bemerkt und wollte Draco nicht damit überfallen, weißt du, wo er doch gerade so glücklich mit dir und Nathan war. Und dann der Umzug und die neue Arbeit… ach, was rede ich denn da? Ich hatte einfach Angst vor seiner Reaktion. Und jetzt wünsche ich mir nichts mehr, als dass ich es ihm gesagt hätte." Sie seufzte und selten hatte ich ihr so deutlich angesehen, wie verzweifelt sie war.

„Ich kenne das Gefühl…", flüsterte ich zur Antwort. „…ich frage mich jeden Tag, ob ich ihm oft genug gesagt habe, dass ich ihn liebe. Ob er wirklich wusste, wie viel er mir bedeutet und ob er weiß, dass…"

Ich schaffte es nicht mehr, den Rest hervorzuwürgen und verstummte.

„Er weiß es, Harry", wiederholte Narzissa sanft meine Worte.

Obwohl ich ihr nicht glaubte, ihr nicht glauben konnte, nickte ich und brachte ein halbherziges Lächeln zustande. „Wisst ihr denn schon, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?"

„Keins von beiden", war die verwirrende Antwort und meine Ratlosigkeit musste Narzissa mir angesehen haben, denn sie lächelte traurig, als sie antwortete: „Draco bekommt zwei Brüder."

„Zwillinge?"

„Ja, sieht aus, als wollte Mutter Natur mir die verlorenen Jahre mit Severus in einem Rutsch zurückgeben."

Wir schwiegen lange und es war erneut Narzissa, die das Schweigen brach. „Wir werden vorerst nicht heiraten, weil… ich, ich kann das nicht ohne Draco tun."

Ich verstand sie.

~~*~~

Die Tage flossen nur zäh dahin und ich konnte mich bald nicht mehr daran erinnern, wann ich zuletzt so etwas wie einen normalen Tagesablauf gehabt hatte.

Sicherlich, die Stunden mit Nathan waren wunderbar, denn jetzt, wo mich keine beruflichen Verpflichtungen mehr plagten, konnte ich jeden seiner Fortschritte genießen. Es erstaunte mich, wie schnell ein so kleiner Mensch sich entwickelte, und wie viel mir bisher entgangen war. Jeden Tag kam ein neues Wort hinzu, welches er mir manchmal noch recht undeutlich vorplapperte. Und ich musste schnell feststellen, dass Nathan ein wirklicher Wildfang war. Auf dem Spielplatz war ihm kein Kletterturm zu hoch, kein Gerüst zu wackelig und keines der magischen Karussells schnell genug. Mir blieb das ein oder andere Mal fast das Herz stehen, wenn Nath sich in einem waghalsigen Sprung in meine Arme schmiss und ich meine liebe Mühe hatte ihn noch rechtzeitig aufzufangen.

Wenn ich dann nach diesen sorglosen Stunden mit Nathan zurück zu Draco ins Krankenhaus ging, fühlte sich jede einzelne Minute, welche ich neben ihm saß und seine Hand hielt zäh und unwirklich an.

Manchmal las ich ihm aus der Zeitung vor, oder ich stöberte in den vielen Genesungskarten, die er noch immer bekam und beschrieb ihm, wie die schönsten aussahen. Meistens jedoch saß ich einfach nur neben ihm, hielt seine Hand und betrachtete sein ruhiges Gesicht.

Er hatte sich nicht verändert. Nicht viel jedenfalls, nur die grauen Schatten unter seinen Augen und seine Haut, die zwar schon immer sehr hell gewesen war, jetzt aber so durchscheinend wie Papier war, zeugten davon, dass etwas mit ihm nicht stimmte.

Ich kann nicht sagen, ob es die verzweifelte Hoffnung war, dass er es doch noch irgendwie schaffen würde, oder meine pure Verzweiflung, die mich aufrecht hielt. Die Heiler taten zweifellos was sie konnten, doch sie stocherten im Dunkeln, denn keiner der Zeugen hatte gesehen oder gehört, welchen Fluch Craig Falten auf Draco gerichtet hatte.

Selbst Snape war noch immer jeden Tag im krankenhauseigenen Labor zugange, gemeinsam mit Dracos Assistenzärzten, um auch die letzte Möglichkeit eines Zaubers nicht unprobiert zu lassen.

Mit jedem Tag schwand die Hoffnung ein bisschen mehr, auch wenn ich mit aller Gewalt versuchte, diesen Gedanken nicht zuzulassen.

Doch… so sehr ich mich auch dafür schämte, begann ich mich in so mancher stillen Stunde, die ich an Dracos Bett saß und keine Ruhe finden konnte, zu fragen, ob es vielleicht sogar besser wäre, wenn Draco sterbe. Wenn ich ihn gehen lassen würde. Kaum hatte ich diesen Gedanken zugelassen, waren es dann meine Schuldgefühle, die mich nicht schlafen ließen. Wie konnte ich nur so etwas denken, wenn ich Draco tatsächlich so liebte? War ich vielleicht doch nicht mehr als ein verdammter Egoist? Liebte ich ihn nicht genug, um so lange es nötig war an seiner Seite zu bleiben? Gewöhnlich war dies dann der Moment, an welchem ich aus der bedrückenden Krankenhausatmosphäre floh.

Ich flüchtete mich meist auf eine Lichtung im Verbotenen Wald in Hogwarts. Und zwar an jene ganz besondere Lichtung am Rande des Schwarzen Sees, wo Sirius und ich knapp mit dem Leben davongekommen waren, während die Dementoren über uns kreisten. Wenn mich jemand gefragt hätte, warum ich ausgerechnet dort Zuflucht suchte, hätte ich es nicht beschreiben können. Vielleicht war es das aberwitzige Gefühl, dass ich hier schon einmal aus einer ausweglosen Situation hatte entkommen können. Vielleicht hoffte ich einfach, dass mir hier die Erleuchtung darüber käme, wie ich Draco zurückholen könnte.

Doch ganz gleich, wie oft ich auf diese Lichtung apparierte, wie laut ich meine Verzweiflung in den stillen Wald hinausschrie. Ich bekam keine Antwort. Und ich weinte nicht ein einziges Mal.

~~*~~

Mittlerweile war ein weiterer Monat nach meinem Gespräch mit Narzissa ins Land gegangen, ohne dass sich an Dracos Zustand irgendetwas geändert hätte. Die Ermittlungsbeamten des Ministeriums schlossen den Fall ab, der Täter war gefasst und Dracos Zustand bedauerlich, aber leider nicht mehr zu ändern. So jedenfalls lautete der offizielle Abschlussbericht von Evangeline Ashcott und ich schwöre, dass ich sie auf der Stelle in Grund und Boden geflucht hätte, wenn Blaise und Snape mich nicht zurückgehalten hätten. Und sie beide brauchten all ihre Kräfte um mich davon abzuhalten auf sie loszugehen, auch wenn Blaise mir hinterher gestand, dass er ihr zu gern selbst die ein oder andere Faust in ihr emotionsloses Gesicht geprügelt hätte.

Ironischerweise jedoch war es Narzissa, die mit einer einfachen Geste auszudrücken vermochte, was wir alle gegenüber der Ermittlungsbeamtin empfanden. Während Snape und Blaise mich festhielten, baute sich Narzissa vor Evangeline auf und musterte sie mit diesem eiskalten, abschätzenden Blick, den ich seit den Hogwartszeiten nicht mehr an ihr gesehen hatte. Und dann? Dann spuckte sie ihr auf die Füße. Im wortwörtlichen Sinne! Narzissa sagte nicht ein einziges Wort, nicht eine Silbe! Sie spuckte Evangeline nur auf die Füße und deutete hocherhobenen Hauptes auf die Zimmertür. Und was sollte ich sagen? Evangeline war so sprachlos wie gedemütigt und schlich sichtlich empört, aber nicht fähig zu einer angemessenen Reaktion, von dannen. Dies war das erste Mal, dass ich sah, wie Snape Narzissa küsste.

Die ganze Tragweite von dem Abschluss der Ermittlungen wurde mir jedoch erst später bewusst. Das Ministerium würde keine weiteren Mittel für die Forschung nach dem schiefgegangenen Zauber, der Dracos Zustand verursacht hatte, bereitstellen. Den Heilern im St. Mungo waren die Hände gebunden und auch wenn ich ihnen ansah, wie sehr sie diese Entscheidung des Ministeriums bedauerten, so wurde die Forschung dennoch eingestellt.

Glücklicherweise war auf Dracos Assistenzärzte Verlass. Ich konnte mir den Begriff Assistenzärzte einfach nicht abgewöhnen, selbst wenn alle zwischenzeitlich ihre letzten Prüfungen hinter sich gebracht und mittlerweile offizielle Heiler oder wissenschaftliche Assistenten waren. Jedenfalls waren es Dracos Assistenzärzte, die es - weiß der Himmel wie - schafften eine komplette Laboreinrichtung zusammenzubringen, welche im ausrangierten Weinkeller von Malfoy Manor seinen Platz fand.

So verschwanden dann auch Snape und die Assistenzärzte aus dem St. Mungo.

Draco und ich blieben die letzten Dauergäste.

~~*~~

Erneut zogen Tage ins Land.

Ich glaube, es war ein Dienstag und ich war mehr oder weniger in die Abendausgabe des Tagespropheten vertieft, als eine junge Lernhexe ihren Kopf durch die Tür steckte und mir schüchtern mitteilte, dass an der Schleuse ein Besucher für Draco wartete.

„Wer denn?", fragte ich perplex, denn eigentlich kannte das Pflegepersonal doch die Besucher, die zu Draco vorgelassen werden durften.

„Er sagt, sein Name sei Roger O'Donnell", bekam ich zur Antwort und hätte überraschter wohl nicht sein können.

Roger.

Dracos Ex.

Ich wusste im ersten Moment nicht, wie ich reagieren sollte. Dracos Ex! Dessen Freund verantwortlich für Dracos Zustand war! Sollte ich ihn zu Draco lassen? Wusste er eventuell doch etwas? Steckte er nicht doch hinter diesem Anschlag? Obwohl ich mich durchaus an Susans Worte darüber erinnerte, dass Roger die Befragung unter Veritaserum widerspruchslos bestanden hatte, konnte ich den letzten Zweifel nicht aus meinem Herzen vertreiben. Und da war noch etwas. Eifersucht. Selbstverständlich wusste ich, wie absolut lächerlich das war, doch auch dieses kleine Stimmchen wollte nicht verstummen. Ich betrachtete Dracos bewegungsloses Gesicht. Wollte er vielleicht, dass Roger kam? Würde er wollen, dass ich Roger zu ihm ließ? War eventuell sogar Roger das letzte Puzzelteilchen, was Draco zum Aufwachen benötigte? Ich schüttelte den Kopf und schalt mich einen Narren. Was sollte schon dagegen sprechen, wenn Roger herkam? Immerhin war ich auch da und würde weiß der Himmel zu verhindern wissen, wenn Roger tatsächlich auf dumme Gedanken kam. Und wenn Draco tatsächlich aufwachen würde, nur weil sein Ex-Freund ihn besuchte… ich war am Durchdrehen!

„Mr. Potter?", erinnerte die Lernhexe mich an ihre Anwesenheit und an die Tatsache, dass sie noch auf eine Antwort von mir wartete.

„Ähm, ich… ich komme", sagte ich und legte den Tagespropheten beiseite. Ohne einen Grund dafür benennen zu können, wollte ich Roger auf neutralem Gebiet begrüßen.

Die Lernhexe öffnete die Schleuse und ich sah mich diesem baumlangen Kerl gegenüber, der sichtlich unsicher von einem Fuß auf den anderen trat und nervös seine Finger knetete. Vielleicht war es diese Demonstration von Unsicherheit, die mich weich werden ließ und mich daran erinnerte, dass Draco ihn verlassen hatte. Wegen mir. Und wusste ich nicht zu genau, wie es sich anfühlte mit unerwiderten Gefühlen leben zu müssen? Konnte ich da nicht wenigstens die Größe zeigen und ein bisschen nett zu Roger sein?

Ich nickte, als die Lernhexe mich erneut fragte, ob sie ihn hereinlassen sollte. Roger wirkte überrascht, als die Tür sich für ihn öffnete und er zögerte einen Augenblick, bevor er eintrat.

Er wurde unübersehbar noch nervöser, als er endlich vor mir stand. Die Lernhexe verschwand offensichtlich erleichtert. Sekundenlang starrten wir uns an und als Roger schließlich als erster den Blick senkte, gab ich mir einen Ruck und streckte ihm die Hand entgegen.

Verdattert starrte Roger zuerst meine Hand und dann mich an, dennoch ergriff er sie. Sein Händedruck war weich.

„Hallo, Roger", sagte ich höflich und mit einem erstaunlich neutralen Tonfall.

„Hallo…", er wurde knallrot und dachte mit Sicherheit an dieselbe Szene wie ich. Wie er mich angeschrieen hatte, als ich mit Nathan auf dem Arm bei Draco aufgetaucht war.

Er räusperte sich und entzog mir seine Hand, bevor er verlegen stammelte: „Ahm…. Ich, also, wollte wissen, ob… ich würde Draco gern besuchen."

Ich sah ihn lange an und versuchte zu einer Entscheidung zu kommen.

„Aber... Wahrscheinlich war das keine so gute Idee und ich sollte besser…" Er zuckte mit den Schultern und wandte sich ab.

„Nein, schon gut", antwortete ich und wurde mir plötzlich klar darüber, dass Roger mir leid tat. Er war hergekommen um Draco zu besuchen, jemanden, für den er noch immer Gefühle hatte, obwohl er wusste, dass es keine Zukunft für sie gab.

Er blieb nur zögernd stehen und seine angespannten Schultern verrieten mir, dass er mit sich rang, ob er nicht doch lieber gehen wollte. Ich begriff, dass er Angst davor hatte Draco zu sehen und seine leise Frage bestätigte meinen Verdacht: „Wie… sieht er aus? Ich meine, hat er… sieht man…?"

„Die äußeren Verletzungen sind verheilt", sagte ich schlicht. Es gab nichts, was ich gegen die Dämonen der Schuldgefühle tun konnte, mit welchen sich Roger unübersehbar herumschlug. Dennoch konnte ich die Selbstvorwürfe in seinen Augen lesen, als er mich nun doch noch ansah. „Ich wusste nicht, dass Craig so etwas tun wollte… Ich wusste, nicht, dass er Draco so sehr… gütiger Himmel, ich hätte niemals für möglich gehalten, dass er zu so etwas Grausamen überhaupt fähig war! Ich kannte ihn doch schon von kleinauf. Er war immer etwas aufbrausend und hatte einen furchtbaren Wortschatz und war ein Raufbold an der Schule, aber… aber, dass er zu so etwas fähig ist… war…"

„Er hat seine Strafe bekommen", unterbrach ich Rogers schnellen Redeschwall. Ich wollte nicht hören, dass Craig Falten ein normaler Mensch war. Ich wollte auch nicht hören, was für Probleme er im Leben gehabt hatte oder warum ihm Roger seine Tat nicht zugetraut hätte. Ich wollte Craig Falten weiterhin aus tiefster Seele hassen! Ich musste ihn hassen, um irgendwie ertragen zu können, was er Draco angetan hatte.

Roger nickte stumm und wir legten den Weg in Dracos Zimmer schweigend zurück.

Ich trat zuerst ein, hielt die Tür für ihn auf und ließ ihn nicht aus den Augen. Doch er hätte ein verdammt guter Schauspieler sein müssen, um mir die Reaktion auf Dracos Anblick vorspielen zu können. Ich hätte den Moment als Roger Dracos Gestalt erblickte, genau benennen können, denn seine Pupillen weiteten sich mit unübersehbarem Entsetzen. Er schlug sich eine Hand vor den Mund, klammerte sich mit der anderen am Türrahmen fest und wurde kalkweiß. Es dauerte nur einen Wimpernschlag länger und eine einzelne Träne sickerte über seine Wange. Ich senkte den Blick und wartete.

Rogers angestrengtes Luftholen war alles, was für einen Moment im Zimmer hing, bis er sich soweit gefasst hatte um mich zu fragen: „Kann er uns hören?"

„Ich denke nicht…", antwortete ich vage und vermied es Roger anzusehen. Ich konnte nicht sagen, was mir auf der Zunge lag. Ich konnte nicht sagen, dass Draco uns wahrscheinlich nie wieder würde hören können… denn es auszusprechen hätte bedeutet, dass ich mir eingestanden hätte, dass ich diesen Kampf verlor.

Roger trat nur zögernd ins Zimmer und er starrte einige Augenblicke auf die Diagnosezauber über Dracos Bett, offenbar in dem vergeblichen Versuch aus den Zahlen schlau zu werden.

Es überraschte mich, dass er mich mit einem fast flehenden Ausdruck ansah, als er leise fragte: „Hast du etwas dagegen, wenn ich für einen Moment seine Hand halte?"

Ich schüttelte den Kopf, obwohl es mir nicht gefiel zu sehen, wie vorsichtig Roger nach Dracos Hand griff. Wie zärtlich er seine große Hand über Dracos legte… es sah so verdammt vertraut aus!

Der Zwiespalt in dem ich mich befand, hätte kaum größer sein können. Hier stand ich und beobachtete, wie Dracos Ex-Freund seine Hand hielt und musste all meine Willenskraft aufbringen, um Roger nicht anzubrüllen, er solle Draco auf der Stelle loslassen. Was war ich doch für ein verdammter Egoist! Ich war nun einmal nicht der einzige Mensch auf dieser Welt, dem Draco etwas bedeutete und rational gesehen hätte ich Roger verstehen müssen. Leider schaltete sich mein Verstand noch immer ziemlich schnell aus, wenn es um Draco ging.

Ich zwang mich zur Ruhe und zog mir einen zweiten Stuhl an Dracos andere Bettseite, die Tatsache ignorierend, dass Roger sich auf meinem Stuhl niedergelassen hatte. Auch ich griff nach Dracos Hand.

Rogers zögerliches Lächeln überraschte mich ebenso wie seine nächsten, an mich gerichteten Worte. „Es tut mir leid, dass ich nicht früher gekommen bin, aber ehrlich gesagt hatte ich eine Heidenangst davor, dir über den Weg zu laufen."

Verdutzt runzelte ich die Stirn und Roger zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich… nun, vielleicht habe ich befürchtet, dass du denkst, dass ich hinter diesem Anschlag stecke…"

„Der Gedanke kam mir", murmelte ich und Rogers Lächeln verschwand schlagartig.

„Aber das habe ich nicht! Ich… als ich gehört habe, was passiert ist und dass Craig damit zu tun hatte, habe ich mich im Ministerium gemeldet und gesagt, dass ich Craig kenne. Ich dachte, dass ich vielleicht irgendwie helfen kann…", er unterbrach seine hastige Rede und klang sehr ernüchtert, als er fortfuhr. „Aber das konnte ich nicht. Wie sich herausgestellt hat, wusste ich wohl doch nicht alles über Craig… ich verstehe einfach nicht, wie er so etwas tun konnte, wo der doch wusste, dass ich Draco…" Er brach ab und wurde knallrot, doch ich wusste ohnehin, was er hatte sagen wollen.

Roger räusperte sich, eine Angewohnheit, die seine Nervosität verriet. „Sie haben mich unter Veritaserum vernommen."

„Hast du denn irgendetwas zu Falten gesagt, was ihn auf die Idee hätte bringen können?", fragte ich, obwohl ich wusste, dass es Blödsinn war. Falten hatte in erster Reihe mitbekommen, wie Draco seinen Freund abserviert hatte, wahrscheinlich hatte er solange an seinem Racheplan herumgefeilt, bis er endlich eine günstige Gelegenheit bekam ihn in die Tat umzusetzen.

„Nicht, dass ich wüsste. Jedenfalls nichts bestimmtes, falls du denkst, ich hätte gesagt, ich wünschte, dass Draco tot wäre. So etwas würde ich niemals sagen und mir schon gar nicht wünschen!"

„Du hast mit deinem Irrwicht meinen Sohn halb zu Tode erschreckt", erinnerte ich ihn und spürte Ärger aufwallen, als ich an Nathans entsetztes Geschrei dachte.

Roger wand sich vor sichtlicher Verlegenheit. „Ja… das tut mir leid… ich wusste ja nicht, dass du und dein Sohn… also, dass ihr schon mit Draco zusammenwohnt. Es war ziemlich dämlich, aber ich… Scheiße… es war einfach dämlich."

Ich konnte ihm bei dieser Feststellung kaum widersprechen und so schwieg ich erneut. So sehr ich es auch versuchte, konnte ich meinen Ärger über den Irrwicht nicht wirklich aufrecht erhalten. Sicher, Nathan hatte sich fürchterlich erschreckt, aber keinen wirklichen Schaden genommen und angesichts Dracos Zustand erschien mir dieser Vorfall plötzlich gar nicht mehr so wichtig.

Roger atmete tief durch als sammele er Mut für seine nächsten Worte. „Hör zu, ich bin nicht stolz darauf, dass ich so reagiert habe. Ich bin nicht stolz auf das Interview, den Irrwicht oder die Beleidigungen, die ich dir an den Kopf geworfen habe, aber ich bin auch nur ein Mensch und du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Kraft es mich gekostet hat mit Draco zusammenzusein, ihm all meine Liebe entgegenzubringen und genau zu wissen, dass eigentlich DU es bist, den er immer wollte."

Ich ahnte, wie viel Überwindung es Roger kostete mir diese Dinge offen ins Gesicht zu sagen und ich kam nicht umhin, das Bild, welches ich mir von ihm gemacht hatte ein wenig zu korrigieren. Er war kein schlechter Mensch und er gestand seine Fehler ein, gab offen zu, dass er aus verletzten Gefühlen heraus gehandelt hatte und wie konnte ich das nicht verstehen? Gerade ich hatte doch mehr als einmal aus meiner Hitzköpfigkeit heraus entschieden und hatte damit mich und meine Freunde in Gefahr gebracht. Einen Moment lang dachte ich an die Kammer des Schreckens, an Ginny, die wegen mir fast gestorben wäre. An Hermine und Ron, die sich immer und immer wieder in Gefahr begeben hatten, um mir zur Seite zu stehen, so irrsinnig sich meine Ideen auch anhörten und es - wenn ich ehrlich war - meistens auch waren. Ob es mir nun gefiel oder nicht, ich konnte Roger nicht für etwas verurteilen, was ich selbst nicht besser gemacht hatte. Und so war meine Antwort auch rein impulsiv. „Es tut mir leid, wenn du unter meiner Liebe zu Draco leiden musstest, aber ich würde es auch nicht rückgängig machen wollen. Doch es beeindruckt mich, dass du trotz allem hergekommen bist. Und ich denke, dass Draco darüber froh wäre… ihr wart immerhin lange zusammen, oder?"

„Einige Jahre…", sagte Roger und sein Blick wanderte zurück zu Dracos Gesicht. Es war alles gesagt, was es zwischen uns zu sagen gab und ich denke, es war auch der Moment, in welchem ich mit Roger einen unausgesprochenen Frieden schloss. Wenn er wiederkommen wollte, würde ich ihm nicht im Weg stehen. Draco und er hatten eine Vergangenheit, so sehr, wie ich und Ginny eine hatten.

„Er sieht so friedlich aus", wisperte Roger mit erstickter Stimme.

Krampfhaft kämpfte ich gegen den Kloß in meiner Kehle an und gegen die Versuchung den in mir aufsteigenden Gedanken doch noch laut auszusprechen. ‚Vielleicht ist er schon tot und nur die Zauber halten ihn am Leben. Vielleicht würde er tatsächlich in Frieden ruhen, wenn ich nur bereit wäre ihn gehen zu lassen.'

Ich presste eine Faust gegen meine Lippen und war dankbar, dass Roger nur noch Augen für Draco hatte. Ich wollte diese Gedanken nicht! Die Gedanken nicht und die Wahrheit, welche sie mit sich brachten wollte ich ebenso wenig!

~~*~~

Wer hätte gedacht, dass meine Verzweiflung nicht einmal zwölf Stunden später ihren bisherigen Höhepunkt erreichen würde?

Ich dachte mir noch nichts Schlimmes, als ich die Eule von Susan erhielt und sie mich um ein Treffen bat. Ich willigte ein, bat sie ins Krankenhaus zu kommen und schrieb meinerseits eine Eule an Narzissa, ob sie entgegen unserer Absprache schon morgens auf Nathan aufpassen konnte.

Ihr Antwort erreichte mich als ich gerade dabei war Nathan davon abzuhalten einen toten Vogel auf unserer Terrasse genauer unter die Lupe zu nehmen. So gut es ging versuchte ich Nathan zu erklären, dass der Vogel tot sei und nicht nur schliefe und dass er ihn eben nicht anfassen sollte, um ihn aufzuwecken. Nathans runzelte angestrengt die Stirn, während er versuchte zu verstehen, was ich ihm sagen wollte.

Das Auftauchen von Narzissas Eule lenkte ihn glücklicherweise ab. Rasch ließ ich die Eule herein und nahm ihr das Pergament ab, bevor Nathan auf die Idee kommen konnte das Federvieh genauer betrachten zu wollen. Narzissas Antwort war kurz und ich nahm an, dass sie in Eile war. Sie sagte, sie würde Nathan im Krankenhaus abholen, da sie selbst einen Vorsorgetermin hatte.

„Oma Zissa?", fragte Nathan und ich schaute fast erschrocken von Narzissas Brief auf.

„Was hast du gesagt?"

„Oma Zissa!", wiederholte Nathan und schaute mich zweifelnd an, als würde er sich darüber wundern, wie ich nicht verstehen konnte, was er sagte.

Nathan nickte mit Nachdruck und streckte seine Hand aus. Das Pergament in meiner Hand begann zu zittern. Unwillkürlich hielt ich es fester und erst das frustrierte Schnauben meines Sohnes ließ mich begreifen, dass Nathan versuchte seine Magie einzusetzen. Verblüfft löste ich den Griff um das Papier. Sofort segelte es durch die Luft und landete zielstrebig in Nathans kleiner Hand. „Oma Zissa!", sagte er deutlich und strahlte.

„Ich werd' verrückt!", entfuhr es mir und zum ersten Mal wurde mir wirklich bewusst, wie Recht Draco damit hatte, dass Nathan dringend entsprechende Förderung bedurfte. Ich durfte überhaupt nicht daran denken, was alles passieren könnte, wenn Nathans Magie außer Kontrolle geriete. Er würde sich und andere verletzten können!

„Nathan zu Oma Zissa", informierte er mich und ließ Narzissas Brief fallen. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Er nannte Narzissa Oma!!

Mollys rundliches, lächelndes Gesicht erschien vor meinem inneren Auge und das schlechte Gewissen plumpste als knorpeliger Knoten in meinen Magen. Narzissa war nicht Nathans richtige Oma, auch wenn ich sie gern dazu gemacht hätte. Hatte ich wirklich ein Recht dazu meinem Sohn seine Verwandtschaft vorzuenthalten? Zu dem Schuldgefühl kam ein weiteres Ziehen, diesmal weiter oben in meiner Brust und ich erinnerte mich selbst sehr deutlich daran, wie Ron reagierte hatte, als ich ihm bewusst machte, dass es Draco war, den ich liebte. Und an die blassen, erschrockenen Gesichter der übrigen Weasleys. Ich erinnerte mich selbst SEHR deutlich an diesen Abend und die nagende Sehnsucht, welche mich dann und wann überkam. Waren die Weasleys nicht auch meine Familie?

„Papa, komm!", riss Nathans Kommandoton mich aus den Gedanken und ich war sehr froh über die Ablenkung.

„Ja, Schatz, komm, wir besuchen Draco und Oma holt dich dann ab, ok?" Ich hielt ihm die Hand hin und beschloss spontan zu apparieren. Nathans Magie war so ungewöhnlich stark, dass ich mir keine Sorgen darüber machte, dass er die Form des Transportes unbeschadet überstand. ‚Ich muss mich wirklich um einen Lehrer für Nathan kümmern!', dachte ich, nahm Nathan fest in die Arme und apparierte direkt vor das Hauptportal des Krankenhauses.

Nathan juchzte vergnügt, als die wirbelnde Reise vorbei war und ich ihn vorsichtig absetzte.

„Nochmal!", kreischte er vergnügt und ich vertröstete ihn auf die Heimreise.

Wie immer wenn ich ins St. Mungo kam, schien ich den Sonnenschein vor dem Gebäude zu lassen und ein undurchdringlicher Schleier von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit legte sich um mein Herz. Auch Nathan schien die Veränderung an mir zu bemerken, denn er wurde sehr still und der Griff seiner kleinen Hand in der Meinen wurde kräftiger.

Einige Heiler und Medi-Hexen grüßten uns mit einem Nicken, welches ich meist nur halbherzig erwiderte. Ich traf Snape auf halbem Weg zu Dracos Zimmer, Narzissa war noch bei der Untersuchung. Wir traten nacheinander in Dracos Zimmer, noch immer mit der irrwitzigen Hoffnung, dass sich irgendetwas geändert haben könnte. Irgendetwas.

Doch Draco lag noch immer regungslos in seinem Bett. Noch immer summte das Bett leise wenn es seine Position veränderte und noch immer flimmerten die Diagnosezauber über seinem Kopf. Jemand hatte die Vorhänge am Fenster zurückgezogen und selbst der Sonnenschein wirkte deprimierend.

Nathan stellte sich auf die Zehenspitzen um Draco zu betrachten, während ich ihn küsste. Ich küsste ihn jeden Tag und es riss mir jedes einzelne Mal fast die Seele aus dem Leib, wenn er nicht reagierte. Snape hatte diskret den Blick abgewandt, doch als ich mich zurückzog, trat auch er an Dracos Bett und griff nach seiner Hand. Gerade diese unscheinbare Geste jedoch verdeutlichte mir einmal mehr die Hoffnungslosigkeit von Dracos Zustand, war Snape doch jemand, der in Hogwartszeiten stets eine Lösung parat hatte. Selbst, wenn sie mir nicht gefiel, so wusste er doch immer einen Ausweg. Nun sah ich dieselbe Verzweiflung in seinen schwarzen Augen, welche in meiner Brust brannte. Es war furchtbar!

Nathan beobachtete eine Weile fasziniert die flimmernden Lichter über Dracos Bett und als es ihm zu langweilig wurde, beschäftigte ich ihn mit einigen Kinderzaubern und magischen Spielzeugautos.

Snape und ich sprachen nicht viel. Ich erkundigte mich nach Narzissa und er sagte, es ging ihr gut und sie habe ihn von der Untersuchung weggeschickt, weil er sie nervös machte mit seinen argwöhnischen Fragen. Ich lächelte und selbst Snapes Mundwinkel wanderten nach oben. Es fiel mir mittlerweile nicht mehr schwer mir Snape als Vater vorzustellen. Immerhin hatte ich das ein oder andere Mal Gelegenheit gehabt ihn mit Nathan zu beobachten, wenn er dachte, er sei mit ihm allein. Es hatte mich zutiefst überrascht, wie liebevoll er mit Nathan umging und wie viel unübersehbare Freude es ihm machte, wenn er Nathan ein neues Buch zeigen oder ein neues Wort beibringen konnte. Das brachte mich auf mein Problem mit Nathans Förderung zurück.

„Severus?", ich benutzte bewusst seinen Vornamen, obwohl er mir etwas schwer von der Zunge ging.

Er schaute mich an und zog sich einen Stuhl an Dracos Bett, ohne Dracos Hand dabei loszulassen. Es berührte mich zu sehen, dass er ebenso verzweifelt versuchte Draco irgendwie zurückzubringen wie ich. Und vielleicht war es diese Geste, gepaart mit dem Wissen, dass er sich die Nächte im Labor um die Ohren schlug nur um vielleicht doch noch ein Heilmittel für ihn zu finden, die mich zu einem Entschluss brachte.

„Ich hätte einige Fragen. Es geht um Nathan."

Snapes Nasenrücken kräuselte sich, doch er schwieg.

„Heute morgen, als Narzissa uns geantwortet hat, wusste er, dass der Brief von ihr kam… könnte das irgendwie mit der Stärke seiner Magie zusammenhängen? Ich meine, ist es denn überhaupt möglich, dass so ein kleines Kind schon hellseherische Fähigkeiten hat?" Nathan ließ krachend ein Auto zu Boden segeln.

„Vielleicht kennt er einfach Narzissas Eule?", fragte Snape und ich spürte, wie ich bis unter die Haarspitzen errötete. Darauf war ich nicht einmal gekommen.

„Oh… ja, das ist wahrscheinlich." Ich kam mir ziemlich dämlich vor und war Snape dankbar, dass er nicht weiter darauf einging. Nach einem Moment des - meinerseitigen - peinlichen Schweigens fuhr ich fort. „Und er hat ein Accio benutzt."

Das schien Snapes Aufmerksamkeit nun doch zu wecken. „Er kann den Aufrufezauber?"

„Nicht wirklich, ich glaube kaum, dass er das Wort kennt. Er hat einfach den Arm nach Narzissas Brief ausgestreckt und der ist in seine Hand geflogen."

„Was hat Nathan gesagt?"

„Nichts."

Snape sah mich dermaßen zweifelnd an, dass ich mich genötigt fühlte es ihm zu demonstrieren. Ich acciote Nathan das Spielzeugauto aus der Hand, was er mit einem entsetzten Kreischen kommentierte. Ich stellte mir das Auto auf die ausgestreckte Handfläche und hielt es in Nathans Richtung. Einen Moment lang glaubte ich, dass er einfach herüberlaufen und es sich nehmen würde, doch dann streckte er seine kleine Hand aus und das Auto schwebte zielsicher in seine Hand. Als wäre nichts gewesen wandte Nathan sich wieder seinem Spiel zu.

„Donnerwetter!", stieß Snape aus und verblüffte mich damit, dass er zu solch banalem Wortschatz überhaupt fähig war. „Das ist absolut unglaublich! Vielleicht solltest du Nathan mal bezüglich der Stärke seiner Magie testen lassen, seine Magie könnte sogar noch größer sein als deine!"

„Draco hat das schon gemachte… ich… ich hab mir die Ergebnisse zwar angesehen, aber für mich ist das nicht mehr als ein Zahlenwirrwarr", gab ich zu und zuckte mit den Schultern. Wenn ich ehrlich war, hatte ich diesem Test nicht allzu viel Bedeutung beigemessen und das war letztendlich auch der Grund, warum die von Draco fein säuberlich ausgefüllten Testbögen noch in seinem Arbeitszimmer lagen, ohne dass jemand außer uns einen Blick darauf geworfen hätte.

„Bring sie mir beim nächsten Mal einfach mit, dann sehe ich sie mir an", antwortete Snape und ich nickte meine Zustimmung. Doch es gab ja noch etwas, was ich loswerden wollte und trotz des neuen friedlichen, fast vertrauten Umganges zwischen mir und Snape fiel es mir plötzlich schwer, mein Anliegen in Worte zu fassen.

Nach zwei Minuten peinlichen Herumdrucksens beschloss ich es einfach hinter mich zu bringen. Mehr als eine Ablehnung konnte von Snape wohl kaum kommen.

„Ich… nein, eigentlich hatten Draco und ich schon vor… also wir hatten schon darüber gesprochen und ich wollte dich fragen, ob du vielleicht Nathans Frühförderung übernehmen würdest?" Es war heraus und ich rechnete schon fast damit, dass Snape mir eine seiner typisch miesepetrigen Erwiderungen an den Kopf werfen würde. Damit, dass er völlig perplex und nur einen Augenblick später fast gerührt war, hätte ich im Leben nicht gerechnet.

Er schluckte unübersehbar schwer, bevor er mit heiserer Stimme antwortete: „Das würde ich gern."

„Dem Himmel sei Dank", entfuhr es mir und ich grinste erleichtert. Er erwiderte mein Lächeln und es war das erste Mal, dass wir uns so offen und ja, vertrauensvoll wäre wohl das richtige Wort, ansahen.

Narzissa suchte sich eben diesen denkwürdigen Moment aus, um ins Zimmer zu treten. Sie war schon immer eine Frau mit bemerkenswerter Intuition und so blieb sie für einen Augenblick stehen und schaute uns sprachlos an, bevor ein sehr glückliches Lächeln über ihr Gesicht flog. „Ich will gar nicht wissen, was es ist, aber ich bin froh darüber, dass ihr beiden endlich begriffen habt, dass wir jetzt alle eine Familie sind."

Sowohl Snape als auch ich schwiegen und begnügten uns damit die neuesten Ultraschallbilder der Zwillinge zu bewundern. Ich fragte danach, ob sie sich schon Namen überlegt hätten und wir machten uns einen Spaß daraus die unmöglichsten Vornamen zu kreieren. Narzissa verriet uns kichernd, dass Draco seinen Vornamen nur Lucius zu verdanken hatte, sie wollte ihn eigentlich Armando nennen, nach ihrem damaligen französischen Lieblingsschriftsteller.

„Das hätte er dir nie verziehen!", stellte Snape trocken fest und wir brachen in Gelächter aus. Es war das erste Mal, dass wir in Dracos Zimmer so herzlich lachten.

Und es sollte auch das letzte Mal bleiben.

Es klopfte, als Narzissa und Snape gerade mit Nathan aufbrechen wollten. Verdutzt baten wir den Besuch einzutreten.

Susan Bones' rundliches Gesicht schob sich durch den Türspalt und ich wusste, dass sie schlechte Nachrichten brachte in der Sekunde, als sich unsere Blicke kreuzten.

„Hallo, Harry… Mrs. Malfoy, Prof. Snape…", grüßte sie höflich und trat ein. Sie schloss die Tür hinter sich und selbst Narzissa, die sie nicht kannte, musste ihr angesehen haben, dass sie schlechte Nachrichten im Gepäck hatte, denn ihre Rechte legte sich beschützend über ihren Bauch, mit der anderen griff sie nach Snapes Hand.

„Was ist passiert?", fragte ich rundheraus, drängte die aufkeimende Panik in meinem Herzen zurück.

„Wir haben Neuigkeiten und ich dachte, ich sag es dir lieber selbst, bevor Evangeline Gelegenheit dazu hat." Ihr Lächeln wirkte verkrampft.

Ich verlor den Kampf gegen die Panik und mein Puls raste in die Höhe, schmerzhaft hämmerte mein Herz in meiner Brust. Schweiß brach mir aus allen Poren.

Susan atmete durch, bevor sie fortfuhr. Ihre Stimme klang belegt, doch ich scherte mich nicht um ihr Mitgefühl. „Wir, also das Ministerium, hat vor einiger Zeit einen anonymen Tipp bekommen. Aus einem ganz anderen Fall, aber es ging um Craig Falten und wir konnten… ich mache es kurz. Wir haben herausgefunden, dass Falten nicht so ohne war, wie wir anfangs dachten. Er war keineswegs der dumme Kerl, für den alle Welt ihn hielt und das war von ihm wohl auch beabsichtigt. Sagen wir der Einfachheit halber, er hat eine Art Doppelleben geführt und nebenher mit modifizierten Zaubern gedealt."

Ich verstand kein Wort und machte ein verständnisloses Gesicht. Snape jedoch schien zu wissen, worauf Susan hinauswollte.

„In welcher Weise modifiziert?", hakte er nach. Die Anspannung ließ seine Stimme noch dunkler erscheinen.

Susan seufzte. „Falten hat sich darauf spezialisiert Zaubersprüche quasi miteinander zu kombinieren und diese neuen Sprüche dann zu verkaufen. Es handelt sich meist um eine Mischung aus schwarzmagischen Sprüche und ‚normalen' Zaubern, was sie umso gefährlicher macht, da Falten sich selten die Mühe gemacht hat auch auszuprobieren, wie genau seine Zauber funktionieren."

„Wer zum Henker bezahlt für so was?", fragte ich ohne wirklich zu begreifen, was das für Draco hieß.

„Das Klientel ist ziemlich zwielichtig. In der Knockturngasse jedenfalls ist Falten relativ bekannt. Wie gesagt, er hat die modifizierten Zauber an jeden vertickt, der bereit war Geld dafür zu bezahlen, und offenbar waren das gar nicht wenige, denn wir haben herausgefunden, dass Falten ein verdammt pompöses Anwesen in Key West besitzt."

„Hat er Aufzeichnungen über seine Zauber gemacht?", hakte Snape leise nach.

„Nein, nicht wirklich. Er hat die Zauber wohl zusammengepanscht je nachdem, was seine Käufer wollten. Wir haben zwar ein paar Notizen sichergestellt, aber es sind nicht besonders viele." Susan warf einen schnellen Blick zu Dracos Bett und ich wusste, das ich ihre nächsten Worte nicht hören wollte.

„Bei Draco hat er allerdings noch eins draufgesetzt und einen zusammengestückelten Zauber mit einem Zaubertrank zu kombinieren."

„Wie… wie soll das denn gehen?", fragte Narzissa und wurde plötzlich sehr blass. Snape umfasste ihre Taille gerade rechtzeitig genug um sie aufzufangen, als ihr die Knie nachgaben. Sie winkte jedoch ab, als ich anbot einen Heiler zu holen. Statt dessen ließ sie sich von Snape helfen, um sich setzen zu können.

Verlegen von einem Fuß auf den anderen tretend, fuhr Susan leise fort: „Wir wissen es nicht genau, aber die Ermittler nehmen an, dass es wohl reichen könnte, wenn Falten einen Zaubertrank irgendwie mit Draco in Berührung hatte bringen können, während er den Zauberspruch sagte. Leider sind das nur Vermutungen, denn keiner der Zeugen konnte uns sagen, ob das tatsächlich so geschehen ist."

„Das heißt, Sie wissen gar nichts. Nicht, welchen Trank er benutzt haben könnte, nicht welcher Zauber es war", stellte Snape mit stoischer Ruhe fest.

Susan nickte.

Die ganze Tragweite dieser Information krachte in mein Bewusstsein und mir wurden die Knie weich. Krampfhaft klammerte ich mich an Dracos Bett fest, während ich irgendwie hervorwürgte: „Die Chance Draco zu heilen ist also gleich null."

Wieder nickte sie.

Narzissa begann zu weinen und verbarg ihr Gesicht in Snapes Umhang. Wie betäubt stand ich einfach nur da, reagierte nicht, als Susan sich mit einigen letzten Worten verabschiedete und starrte lange einfach nur die Tür an, die sanft hinter ihr ins Schloss glitt.

Nathan kam zu mir, zupfte an meinem Hosenbein und starrte mich aus weit aufgerissenen Augen an. Ich brachte irgendwie einige Worte zustande und wusste nicht einmal genau, was ich zu Nathan sagte, doch er zog sich sichtlich verunsichert zu seinen Autos zurück, ohne Narzissa oder mich aus den Augen zu lassen.

Es dauerte eine Weile, bis Narzissa sich beruhigt und ich mich soweit gefasst hatte, dass ich mich wieder auf meinem angestammten Platz neben Dracos Bett sinken ließ. Mechanisch griff ich nach seiner kalten Hand.

„Wir werden weitersuchen", sagte Snape nach einer Weile und ich war ihm unendlich dankbar dafür. Ich wusste, dass er alles tat, was in seiner Macht stand und fühlte mich nur noch hilfloser. Immerhin hatte er irgendetwas, was er tun konnte, während dass Einzige, was ich tat, war, neben Draco zu sitzen und seine Hand zu halten. Ich war hilflos.

Narzissa schnäuzte sich nicht gerade damenhaft und wischte sich die letzten Tränenreste von den Wangen. „Sollen wir Nathan mitnehmen?"

Ich schaute Nathan an, der nur noch halbherzig mit seinen Autos spielte. „Ja, aber nur, wenn es dir nicht zuviel wird."

„Unsinn! Komm nachher zum Essen, in Ordnung, Harry? Wir dürfen die Hoffnung einfach nicht verlieren." Narzissas Schultern strafften sich und ich kam nicht umhin ihre Stärke zu bewundern.

„Nath, möchtest du mit Oma Zissa gehen?", fragte ich, ohne mir bewusst darüber zu sein, dass ich unbewusst Nathans Betitelung für Narzissa wiederholte.

„Jaaaah!!", antwortete Nath gedehnt und begann seine Autos in seine Hosentasche zu stopfen. Jedenfalls versuchte er es, doch seine kleinen Fingerchen wollten offenbar nicht so, wie er, denn nach dem dritten vergeblichen Versuch ließ er sie einfach vor sich herschweben.

„Einfach nicht zu glauben!", sagte Severus kopfschüttelnd.

Ich hob den Blick und stellte überrascht fest, dass Narzissa schon wieder Tränen in den Augen hatte. Bevor ich zu irgendeiner Reaktion kam, schloss sie die Distanz zwischen uns und umarmte mich so fest, dass ich Angst hatte ihr wehzutun.

„Danke, Harry, du weißt nicht, was mir das bedeutet", flüsterte sie mir ins Ohr und küsste mich auf die Wange. Ich war völlig perplex und brachte nur ein verwirrtes Nicken zustande. Erst, als Narzissa die Hand nach Nathan ausstreckte und mit rauer Stimme fragte, ob er mit Oma kommen wolle, begriff ich.

Nathan ging artig mit Narzissa hinaus, stockte jedoch an der Tür und wandte sich zu mir herum. Er befreite sich aus Narzissas Hand und kam zurück zu mir. Seine kleinen Ärmchen schlangen sich um meinen Hals und er schaute mich ernst an. „Drago tot? Vogel tot?"

Es war, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen und ich begann zu zittern. Mühsam brachte ich eine Grimasse zustande, die ein Lächeln hätte sein sollen, als ich mit rauer Stimme antwortete: „Nein, Nath, Draco schläft nur, er ist nicht tot."

„Gut", sagte Nathan grinste mich an und drückte mir einen nassen Kuss auf die Lippen.

Er streichelte Dracos Hand und tappte dann wieder hinaus. Ich brachte es nicht fertig, Narzissa anzusehen, versuchte nur so gut wie möglich das Zittern zu verbergen, welches von meinem Körper Besitz ergriffen hatte.

Starr saß ich einfach nur da, bis das leise Klicken des Türschlosses die Stille durchdrang.

Nathans Stimmchen hallte wieder und wieder durch meine Gedanken. ‚Drago tot? Vogel tot? Drago tot? Drago tot? Drago tot?'

Und endlich, nach all den Monaten brachen die Dämme.

Tränen schossen mir in die Augen und ich wandte mich um, kam mit wackligen Knien auf die Füße und ließ mich ganz nah neben Draco auf seinem Bett nieder.

Das erste Schluchzen, welches aus meiner Kehle drang, war noch leise, fast zögerlich. Ich ließ meinen Kopf auf Dracos Brust sinken und ließ all die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit und die unbeschreibliche Angst ihn wirklich zu verlieren endlich zu. Ich klammerte mich an seinen reglosen Körper und weinte. Meine Tränen durchnässten das Krankenhaushemd und das Bett summte für einen Moment lauter, als es mein zusätzliches Gewicht ausbalancierte.

Ein hilfloses Zucken durchlief Dracos Körper und auch der letzte Rest, den ich an Barrikaden hatte aufrecht erhalten können, sackte in sich zusammen.

Verzweifelt hielt ich ihn fest, während mein haltloses Weinen uns beide schüttelte.

Tbc…

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