1721, Volterra
Es war ein Geräusch, dass Carlisle üblicherweise nicht hätte hochschrecken lassen, denn es war etwas, was er schon oft gehört hatte.
Jedoch noch nie zuvor hier. Es war etwas, was er niemals erwartet hatte hier zu hören.
Er befand sich in dem Bereich der Burg, zu dem nur Vampire den Zutritt hatten. Die Menschen, die hierher kamen, starben immer nur wenige Minuten nach ihrer Ankunft. Carlisle hatte inzwischen gelernt, bei Heidis Ankunft mit den Menschen sofort zu flüchten. Er versuchte noch immer Aro von seiner Lebensart zu überzeugen, auch wenn er bezweifelte, dass es möglich war. Es war schwierig für ihn zu akzeptieren, dass er das Leben dieser vielen Menschen nicht retten konnte, die regelmäßig tief in die Burg geschleust wurden. Tagelang hing der Geruch ihres Blutes in der Luft. Es war hart, aber er akzeptierte es.
Das hier hingegen konnte er nicht akzeptieren.
Das Geräusch, dass er hörte, war das Lachen eines kleinen Kindes.
Kinder. Kleine unschuldige Kinder, Kinder die ein langes Leben noch vor sich haben sollte.
Entsetzt sprang er von seinem Schreibtisch auf und riss die Tür zu dem kleinen Raum auf, den Aro ihm gegeben hatte und in dem er den größten Teil seiner Zeit mit den Büchern aus der riesigen Bibliothek verbrachte. Aro hatte gelacht, als er das hölzerne Kreuz sah, dass Carlisle an die Wand gehängt hatte.
Doch nun hatte er kein Auge für dies eine Artefakt, dass er aus seinem menschlichen Leben mit in die Unsterblichkeit genommen hatte.
Er hatte nur Augen für die zwei kleinen Kinder, am anderen Ende des Ganges.
Eines hielt in seinen winzigen Händchen eine Puppe, die es mal an seinen winzigen Körper drückte und dann wieder von sich hielt, um sie lachend zu betrachten. Das Kind war so klein, dass es noch etwas breitbeinig auf seinen kurzen Beinchen stand. Wahrscheinlich waren die Kinder nicht einmal zwei Jahre alt.
Das andere war in den Armen einer Vampirin, die Carlisle nicht kannte. Es hatte sein Gesicht tief in ihr langes Haar vergraben, seine knubbeligen kurzen Arme um ihren Hals geschlungen.
Sie drehte ihren Kopf zu dem Kind. Carlisle konnte kaum glauben was er sah. Wollte sie es beißen? Wie konnte sie so etwas tun?
In dem Moment, in dem er auf sie zustürmen und ihr das Kind aus den Armen reißen wollte, drehte sich das Kleine, das am Boden stand zu ihm um.
Es zeigte mit seinen kurzen Ärmchen zu Carlisle.
„Mann!", sagte es. Sein Gesicht war blass, umrahmt von schwarzen Locken, welche die unnatürliche Blässe des Kindes noch verstärkten. Seine Augen waren blutrot. Sie waren das bezauberndste, was Carlisle je in seinem Leben gesehen hatte. Er spürte sofort den Wunsch, ihre winzigen Gesichter zu streicheln, sie zu liebkosen und zu beschützen.
Erst jetzt bemerkte Carlisle, dass etwas fehlte. Kein Herzschlag ging von den Kindern aus. Kein Geruch von menschlichem Blut. Er roch nur den süßen blumigen Geruch von Vampiren.
Diese Kinder waren unsterblich.
Er wusste nicht was schrecklicher war. Zu glauben, dass diese Frau die Kinder gerade töten wollte, oder aber zu sehen, dass sie unsterblich waren.
Sie hob nun auch das zweite Kind hoch und nahm es ebenfalls auf den Arm. Sie warf Carlisle einen kurzen Blick zu, ehe sie mit beiden Kindern verschwand.
Aro merkte, dass Carlisle etwas beschäftigte, als er einige Stunden später nach ihm sah. Er fand Carlisle wieder an seinem Schreibtisch, doch die Bücher lagen zugeklappt vor ihm und Carlisle starrte reglos geradeaus. Für einen normalen Vampir war das nichts ungewöhnliches, die meisten verbrachten einen Großteil ihrer Zeit reglos wie Statuen zu sein.
Doch Carlisle war auch in dieser Hinsicht anders, das war Aro längst aufgefallen. Sein seltsamer Gast war niemals still. Er ging auf und ab, setzte sich an seinen Schreibtisch anstelle im Stehen die Bücher zu lesen, manchmal legte er sich sogar auf das Sofa, dass er sich hatte bringen lassen. Und selbst dann, war er nicht gänzlich still. Er schob die Füße beim Sitzen über den Boden, veränderte immer wieder seine Position, oder rollte sich herum, wenn er lag. Für einen Vampir waren das gänzlich sinnlose Angewohnheiten. Die Körperhaltung veränderten nur Menschen regelmäßig, weil es ihnen sonst zu unbequem wurde. Vampire kannten ein solches Gefühl nicht – und Carlisle war da keine Ausnahme. Er war nicht deshalb ständig in Bewegung, weil er es musste, sondern weil es seine Angewohnheit war.
In den vergangene Jahrzehnte hatte er sich viel unter Menschen bewegt und gelernt ihre Eigenschaften für sich wiederzuentdecken und nachzuahmen. Es war ihm so sehr zur Gewohnheit geworden, dass er selbst hier in der Burg diese Eigenart nicht ablegte.
Daher sah Aro sofort, dass etwas nicht stimmte. Er hatte Carlisle noch nie unbewegt gesehen.
„Mein lieber Freund, was ist mir dir?", wollte er wissen.
Carlisle blinzelte leicht und zeigte damit eine erste Regung.
Langsam drehte er den Kopf zu Aro.
„Ich habe die Kinder gesehen."
Er musste nicht mehr erklären. Aro wusste sofort, wovon er sprach.
„Ah", sagte er, „die unsterblichen Kinder. Sie sind reizend, nicht wahr?"
Carlisle nickte. „Ich habe niemals etwas bezaubernderes gesehen. Und niemals etwas schrecklicheres. Sie sind... Kinder. Weshalb...?"
„Nun, mein lieber Carlisle, dies wird eine längere Geschichte.
Unsterbliche Kinder wurden schon immer geschaffen. Die Gründe dafür sind wohl vielseitig, doch eines hatten all diese Kinder gemeinsam. Sie waren unwahrscheinlich liebreizend und wurden von ihren Zirkeln aufs innigste geliebt und beschützt. Doch sie haben noch etwas gemeinsam: ihre Unfähigkeit sich zu entwickeln. Sie sind Kinder und werden es bis in die Ewigkeit bleiben, mit ihren Wutanfällen, ihrer Unfähigkeit sich zu beherrschen. Ein unsterbliches Kind kann in einem hysterischen Anfall ein ganzes Dorf vernichten. Ich denke, ich muss nicht weiter erklären, dass solche Vorfälle irgendwann bekannt wurden unter den Menschen. Diese Kinder waren nicht fähig sich an die eine Regel unserer Existenz zu halten.
Uns so mussten sie vernichtet werden. Doch ihre Zirkel liebten sie zu sehr und verteidigten sie bis auf den Tod. Sehr viele Clans wurden gänzlich ausgelöscht. Und letztlich entschieden wir, dass es grundsätzlich verboten ist Kinder zu unsterblichen zu machen.
Dennoch müssen auch wir eingestehen wie wundervoll diese kleinen Geschöpfe sind und so haben wir derzeit zwei dieser Wesen hier in Volterra. Wir wollen sehen, ob es wirklich unmöglich ist, sie zu lehren sich zu beherrschen. Allerdings..."
Er atmete tief ein, ehe er weitersprach. „Allerdings befinden sich die Kinder seit nun drei Jahrzehnten in unserer Obhut und sie zeigen keinerlei Fortschritte. Folglich wird sich an dem Verbot der Erschaffung unsterblicher Kinder auch künftig nichts ändern und die zwei, die du heute gesehen hast, werden wohl ebenfalls schon bald vernichtet werden. Und mit ihnen ihre Schöpferin."
Carlisle schloss die Augen und rieb sich die Schläfen als hätte er Kopfschmerzen.
„Es ist schrecklich. Sie sind noch so klein..."
„Das wird sie nicht davor retten vernichtet zu werden."
Carlisle mochte gar nicht daran denken, wie diesen winzigen zauberhaften Geschöpfen die Köpfe abgerissen wurden und ihre kleinen Körper verbrannt wurden. In seiner Zeit bei den Volturi hatte er ein mal die Vernichtung eines Vampirs miterlebt, welcher die Regel verletzt hatte. Der Geruch des purpurschwarzen Rauches hatte Carlisle wochenlang verfolgt. Wie brennender Weihrauch.
„Es wäre besser, sie wären nie erschaffen worden."
Aro stimmte zu. „Ja, das wäre besser. Sie sind zu jung, um ihre eigene Existenz zu verbergen. Nur ein paar Jahre mehr..."
„Ein paar Jahre?"
„Nun, die möglicherweise jüngsten Vampire, die die Fähigkeit beherrschen unser Geheimnis zu wahren, leben hier in Volterra, wurden von mir selbst erschaffen."
Carlisle blickte ihn verwirrt an.
„Jane und Alec, meine Zwillinge. Es ist ein Jammer, dass du sie bisher nicht kennenlernen konntest. Ich schickte sie erst kurz vor deiner Ankunft in die Neue Welt. Es ist unsere Pflicht allen Vampiren weltweit zu zeigen, dass auch wenn wir unseren Wohnsitz hier in Italien haben, wir dennoch auch die fern abgelegenen Orte durchaus unter Beobachtung halten. Die beiden sind wundervolle Talente, ich weiß, dass Amun dir von ihnen erzählte."
Carlisle nickte. Die Namen hatte er tatsächlich von Amun gehört. Und er hatte auch erfahren wie die Talente dieser Zwillinge aussahen. Er wusste, dass Jane unerträgliche Schmerzen verursachen konnte bei jedem den sie nur ansah, während ihr Bruder so ziemlich das Gegenteil tat. Er konnte sämtliche Sinne seines Gegners gänzlich ausschalten und im Gegensatz zu seiner Schwester war er in der Lage mehr als ein Opfer zeitgleich damit zu erreichen. Doch Amun hatte ihm nicht gesagt, dass die zwei recht jung waren.
„Wir wissen nicht genau wie alt Jane und Alex damals waren, doch sie mussten etwa 12 oder 13 Jahre alt gewesen sein, als ich sie zu uns holte. Ich hatte sie bereits beobachtet, da ihre Fähigkeiten schon als Menschen sichtbar wurden, doch ich wollte sie zuvor groß werden lassen. Wenn ich geahnt hätte, dass die Menschen ihres Dorfes sie letztlich als Hexen brandmarkten und auf den Scheiterhaufen verbannten, ich hätte sie viel früher nach Volterra geholt und hier großgezogen! Doch so kam ich gerade noch rechtzeitig, um sie aus dem Feuer zu retten und augenblicklich zu verwandeln. Für das gesamte Dorf war es natürlich ebenfalls das Todesurteil, hatten sie doch gesehen was ich getan hatte.
Glücklicherweise stellten sich die Zwillinge als sehr gelehrig heraus, trotz ihres jungen Alters. Und nun komm, du sollst unsere kleinen unsterblichen Kinder ein wenig besser kennenlernen."
Sie kamen gerade rechtzeitig, um zu sehen wie eines der Kinder einen hysterischen Anfall bekam. Es warf sich auf den Boden und schrie, trommelte mit seinen winzigen Fäusten auf den steinernen Boden, der unter ihm zerbröselte.
„Holt Gulia", befahl Aro.
Carlisle war für einen Moment verwirrt. Was sollte Gulia, die neue menschliche Empfangsdame bei dem Kind?
Er erkannte einen Augenblick zu spät, was sie hier sollte.
Kaum hatte sie den Raum betreten, da flog das Kind bereits regelrecht auf sie zu und biss sie, es riss ihr dabei fast den Kopf vom Hals.
Sofort füllte sich der Raum mit dem Geruch von frischem Blut und Carlisle konnte kaum rasch genug die Tür finden. Aro lachte.
Es sollte einige Jahre dauern, bis Carlisle den Verdacht bekam, dass dieser Moment keineswegs zufällig gewesen war, sondern dass Aro ganz genau gewusst hatte, dass das Kind durstig sein würde und wie es auf Gulia reagieren würde. Dass er hatte sehen wollen, was Carlisle tat, wenn vor seinen Augen menschliches Blut vergossen wurde, wenn er es roch und sah, wie ein anderer Vampir, wenn auch ein sehr winziger Vampir, menschliches Blut trank.
Carlisle besuchte die unsterblichen Kinder nicht mehr. Manchmal hörte er ihr Lachen im Flur, manchmal ihr wütendes Schreien. Und auch wenn er sie nur kurz kennengelernt hatte und er es entsetzlich fand, dass so junge Menschen zu Vampiren gemacht worden waren, so brach es ihm sein totes Herz, als die Volturi entschieden, dass sie die Kinder lange genug beobachtet hatten und es Zeit war sie zu vernichten. Sie hatten ihn von der ersten Sekunde an bezaubert. Es war wahrhaftig unmöglich gewesen sich ihrem Bann zu entziehen.
Schon bald lag wieder der Geruch von brennendem Weihrauch über Volterra.
Die Entscheidung war einstimmig gewesen unter den Volturi. Unsterbliche Kinder durfte es niemals wieder geben.
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