Endlich, endlich!
Es war soweit, er durfte sie heim holen!
Wie hatte er diesen Tag herbeigesehnt!
Und er war so aufgeregt wie vor seinem ersten Schultag! Grundgütiger! Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen. Sehr schade, dass es Hermine zwar ebenso ging, sie aber nicht in der Stimmung schien, die Zeit anderweitig sinnvoll zu nutzen und das, obwohl er doch extra für einen ausreichenden Vorrat an Gummiüberziehern gesorgt hatte. Nun ja, sie schien mit anderen Dingen beschäftigt zu sein. Dass es sich bei diesen Dingen um keine sehr beruhigenden oder frohmachten Gedanken handelte, ließ sich leicht an ihrem unruhigen Hin und Her ablesen, aber er wusste leider auch nicht, wie er ihr dabei helfen konnte. Nun gut, auch diese Nacht fand irgendwann mit dem Schrillen des Weckers ihr Ende.
Ihre letzten Sachen waren nach dem etwas hektischen und gleichwohl stillen Frühstück schnell gepackt. Das Meiste hatte er bereits in den vergangenen Tagen zurück nach Hogwarts gebracht. Nun wartete schon das Taxi hupend vor der Türe und er rief zum wiederholten Male, mehr als ungeduldig, nach seiner Frau.
„Hermine, verflixt noch mal! Jetzt komm schon, der Zug wartet nicht, noch nicht einmal auf Dich!"
„Ja doch!", rief sie genervt und kam etwas zögerlich, wie ihm schien, die Treppe hinunter.
Sie griff Mantel und Schal und ihren Rucksack, in dem sie Proviant und einige Wälzer als Reiselektüre eingepackt hatte, „Nun, worauf wartest Du noch?", fragte sie im Gegenzug spöttisch, als sie seinen skeptischen Blick bemerkte.
„Ist alles in Ordnung?", fragte er vorsichtig.
„Natürlich!", antwortete sie, aber sein Gefühl sagte ihm, dass sie gerade gelogen hatte.
Hm, seine schnellen Blicke während der Taxifahrt bestätigten dieses Gefühl, sie sah immer dann abwesend und besorgt aus, wenn sie dachte, keiner sieht es und dass Henry seinen Arm um seine Tochter legte und auch Jean sie immer mal wieder kritisch musterte, zeigte deutlich, auch sie waren der gleichen Meinung, da stimmte etwas nicht und er konnte sich auch schon denken was!
Ihre Eltern begleiteten sie bis zum Bahnsteig und winkten ihnen nach, als die rote Lock des Hogwarts-Express mit zwei kleinen Wagons im Schlepptau vom Gleis 9 ¾ rumpelte.
Zwischen den Ferien verkehrte der Zug zwischen Hogsmeade und London nur ein- zweimal pro Woche, aber wenn die Lock übermorgen zurückfahren würde, wären ihre zahlreichen Waggons voller lärmender Schülerinnen und Schüler, die sich auf ihre Osterferien freuten.
Jetzt aber stiegen nur wenige weitere Zauberer und Hexen ein und es war keiner dabei, den sie persönlich kannten, trotzdem kamen die meisten auf Hermine zu, um ihr zu sagen, wie sehr sie sich über ihre Genesung freuten. Hermine war sehr gerührt und bedankte sich herzlich für die guten Wünsche. Doch er bemerkte auch, dass ihr Lächeln ihre Augen nicht erreichte.
Wie gesagt, da stimmte etwas nicht!
Beide wählten den letzten Waggon und dort das letzte Abteil. Es war ganz leer, so konnten sie beide einen Fensterplatz nehmen. Severus hängte ihre Mäntel auf, stellte den Rucksack neben sich und machte es sich gegenüber seiner Frau bequem, die sogleich eines ihrer Bücher zückte, es aber nicht aufschlug, sondern nur auf den Schoß legte.
Sie waren schon lange aus London heraus und sie hatte immer noch keinen Ton gesagt, sondern nur mit gefurchter Stirn aus dem Fenster gestarrt, ein Zeichen, das nicht nur bei seiner Tochter Sera kein gutes war.
„Geht es Dir gut?", versuchte er es, nachdem sie schon hinter Northamton waren, noch einmal.
„Ja, doch", kam es mit leichtem Nicken von Hermine, aber sie wich seinem Blick aus.
„Was ist es dann?", blieb er hartnäckig und fügte nachdrücklich hinzu, „Und erzähl mir keine Märchen!"
In Hermines Gesicht arbeitete es, nur zu gerne hätte sie wohl ihre Gedanken für sich behalten, es war auch zu dumm, dass er sie genau so gut kannte, wie sie ihn.
„Es ist nur…", begann sie und stockte auch schon wieder.
„Ja? Ich bin ganz Ohr und wir haben viel Zeit bis hoch nach Hogsmeade", versicherte er ihr und beobachtete genau, wie sie etwas gequält über den Buchrücken strich und unruhig auf ihrem Platz hin und her rutschte.
„Es ist nicht so, dass ich mich nicht freue, Severus", versicherte sie schließlich und schöpfte tief Luft.
„Aber?", half er leise.
„Aber ich habe auch Angst", gab sie seufzend zu.
Severus legte seine Stirn in Falten „Wovor denn genau?"
„Ich bin mir nicht sicher, aber wahrscheinlich davor, endlich Gewissheit zu haben", antwortete sie und presste das Buch fest an ihre Brust.
„Schlechte Gewissheit, oder?", konkretisierte er.
„Ja, die Gewissheit, dass es nicht geht, Severus", ihr Blick schnellte zu ihm herüber, „dass es unmöglich ist und der Schule mehr schadet als nützt, wenn ich weiter Schulleiterin bleibe!"
Severus stand auf, setzte sich neben sie und legte den Arm fest um sie herum.
„Bis jetzt konnte ich hoffen und mir vielleicht auch etwas vormachen", fuhr sie fort und lehnte ihren Kopf an seine Schulter, „Es war schön und leicht, Heiler Clement, Dir und den anderen zu glauben, dass es sich lohnt es zu versuchen. Doch spätestens morgen oder übermorgen habe ich die Gewissheit und das macht mir furchtbare Angst." Sie schloss die Augen und ihre Hand tastete nach seiner.
„Kein Wunder, dass Dir das Angst macht, Hermine", sagte er leise, „Dein Herz hängt eben an dieser Schule!", er küsste leicht ihren Scheitel und atmete den Duft ihres Haars tief ein, „Aber meinst Du nicht, dass Minerva, Kingsley und all die anderen Dir schon längst gesagt hätten, dass eine Rückkehr keinen Sinn macht, wenn sie dies tatsächlich denken würden?"
„Sie wollen mich vielleicht nur schonen", nuschelte sie leise und vergrub ihr Gesicht in den Falten seines Jacketts.
„Das glaubst Du doch selbst nicht!", schnaubte Severus und rückte etwas von ihr ab, „und selbst wenn sie das täten, ich würde Dich garantiert nicht schonen!"
„Ach nein?", sie schaute erstaunt auf.
„Nein, auf keinen Fall!", entgegnete er energisch.
„Und warum nicht?", ihre Stirn zeigte noch mehr Falten.
„Ganz einfach, weil mein Herz noch viel mehr an Dir, als an Hogwarts hängt!", antwortete er grollend und reckte das Kinn vor.
Hermine blinzelte ihn überrascht an, dann traten Tränen in ihre Augen, „Ach Severus", schniefte sie gerührt, „Das war eines der größten und schönsten Liebesgeständnisse, die Du mir je gemacht hast!"
„Wie? Unsinn! Das bildest Du Dir nur ein!", brummelte ihr Mann unwillig, schaute sich trotzdem schnell um und nutzte die Gelegenheit ihr einen liebevollen Kuss zu geben.
„Weißt Du eigentlich", murmelte er, als er ihre Lippen wieder freigab, „dass ich seit Wochen und Monaten von diesem Tag träume."
„Ich weiß, und auch das macht mir Angst", Hermines Stimme zitterte wieder und sie schmiegte sich fester an ihn heran, „Du und die Mädchen, ihr werdet schrecklich enttäuscht sein!"
Er spürte ihr heftig klopfendes Herz an seiner Brust. „Ja, das wären wir wahrlich!", er blitzte sie an, „Denn wir hatten uns alle von dem Umstand, dass Du die Direktorin bist, mittel- und langfristig große Vorteile erhofft!"
„Wie bitte?", staunte Hermine ernüchtert und rückte nun ihrerseits von ihm ab.
„Ja, immerhin sind zwei von uns Slytherins!", erklärte Severus gern.
Hermine streckte den Rücken durch und entgegnete mit erhobenen Zeigefinger „Eigentlich ist Eileen gar keine richtige Schlange, das ist doch wohl allen klar. Sera wird bestimmt keine Slytherin, da sei Dir mal sicher und bei Lillian stehen die Chancen auch mehr als gut für Gryffindor, sodass wir Euch Pseudo-Schlangen in ein paar Jahren löwenmäßig im Griff haben werden!", grimmig und entschlossen war ihr Blick und sie sah ihn herausfordernd an.
„Aber nur, wenn Du weiter in Hogwarts bleibst, meine Liebe. Ziehen wir z.B. nach Edinburgh oder auch nach London, weil Du vielleicht von dort besser arbeiten kannst, dann steht es zwei zu zwei!", meinte er zufrieden.
„Denkfehler, Severus Snape! An Deiner Stelle", Hermine piekste ihm ihren Zeigefinger schmerzhaft in den Oberarm, „würde ich eher dafür beten, dass ich Schulleiterin bleibe, denn da muss ich von Berufswegen neutral sein. Arbeite ich aber wo anders, bin ich eine Gryffindor, mit oder ohne Magie und es steht 3,5 zu 1,5! Basta!"
Hm, verflixt, da hatte sie vollkommen recht. Ein ärgerliches Grollen entwich ihm. Aber er wollte sie eh nur aufmuntern. Trotzdem musste er jetzt irgendwie ehrenvoll aus der Geschichte heraus. Da kam ihm die Speisewagenhexe gerade gelegen. Er orderte flugs ein Stück Kesselkuchen und drei kleine Packungen Schokofrösche für seine Mädchen.
Als er ihr das Stück Kuchen aufgenötigt hatte, überlegte laut, „Hast Du übrigens mal darüber nachgedacht, dass Ambros Carter über Deine völlige Rückkehr an die Uni mehr als glücklich sein würde."
„Tränkemeisterinnen brauchen auch Magie, wie Du weißt!", gab seine Frau zu bedenken und kaute sehr lustlos auf ihrem Kuchen herum.
„Ja, aber theoretisch-wissenschaftlich arbeitende Professoren eher weniger. Und jeder weiß, Recherche, Struktur und Forschung sind eindeutig Deine Stärken."
Hermine durchdachte sich diese Möglichkeit gründlich und gab dann zu „Es wäre eine Option, unser Archiv ist immer noch eine Katastrophe. Es würde garantiert Jahre dauern dort Ordnung zu schaffen."
„Wem sagst Du das! Dann könntest Du auch in Hogwarts wohnen bleiben und es ist wie früher", ergänzte Severus geschickt.
„Wie gesagt, es wäre eine durchaus interessante Option", nickte Hermine, „Solange ich nicht beim Büro für muggelgerechte Entschuldigungen anfangen muss, ist alles o.K.!", sie stopfte sich das letzte Stück Kesselkuchen in den Mund und legte ihren Kopf wieder an seiner Schulter an.
„Für Dich werden sich immer interessantere Optionen als diese erschließen, Hermine", war sich Severus sicher und streichelte ihren Arm entlang. Er kannte nämlich den Abteilungsleiter, der für das Büro für muggelgerechte Entschuldigen zuständig war und dem würde eine Hermine Granger gar nicht gut tun! „daher brauchst Du auch keine Angst vor Gewissheiten zu haben! Denn egal wie diese Gewissheiten aussehen, wir werden das schon schaffen!"
Hermine hob den Kopf und lächelte ihn liebevoll an, „Danke!", erwiderte sie leise und gab ihm einen nicht zu kleinen Kuss und der schmeckte nicht nur wegen des Kesselkuchens sehr, sehr süß.
Den Rest der Fahrt verbrachten sie lesend oder schlafend. Man merkte ihr schon an, dass sie die halbe Nacht mit Sorgenmachen, anstatt mit Ruhen verbracht hatte, trotz der Anspannung fielen ihr nämlich gegen Mittag die Augen zu und sie schlief mit dem Kopf auf Severus Schoß gebettet bis gegen vier. Dann machte sie sich frisch und sie zogen sich um.
Als sie die Robe anlegte, entging ihm nicht, wie sie zufrieden über den weichen Stoff ihres Umhangs strich, aber ihm blieb auch nicht verborgen, dass sie einen kleinen Augenblick inne hielt, als ihre Hand an der versteckten, schmalen Tasche vorbeifuhr, in der normalerweise ihr Zauberstab steckte. Sie bemerkte seinen Blick.
„Ich vermisse ihn!", murmelte sie leise.
„Ich weiß, er Dich sicherlich auch", meinte Severus und griff nach ihrem Rucksack, „aber lass uns einen Tee trinken, wir haben noch eine dreiviertel Stunde und Heiler Clement hat gesagt, dass Du viel Trinken sollst."
„Ja, schon gut", murmelte sie und ergänzte murrend, „Abwarten und Teetrinken!"
„Sehr gut!", befand Severus grinsend und beschwor zwei Becher herauf, „Ich werde Heiler Clement gerne berichten, dass Du Dich zudem endlich in Geduld übst!"
Sie hatte schon im Krankenhaus nach ihrem Stab gefragt. Kein Wunder, eine Hexe oder ein Zauberer fühlten sich ohne dieses mächtige Instrument reichlich nackt und hilflos.
Heiler Clement hatte Hermines Stab sorgsam überprüft, ihn magisch dezinfiziert und anschließend in einem speziellen Gefäß zwei Monate lang in Quarantäne gesteckt. Vor einigen Wochen hatte er ihn Severus zur Aufbewahrung gegeben und nun lag er in einem schön gearbeiteten Kästchen aus Weinstockholz auf ihrem Schreibtisch in Hogwarts.
Wenn der Heiler Anfang Mai den ersten Test auf Restmagie zuließ, würde man wissen, ob er sich eine andere Besitzerin, einen anderen Besitzer suchen musste oder ob er Hermine weiterhin solch gute Dienste leisten durfte, wie bisher.
Als der Zug am späten Nachmittag in Hogsmeade eintraf, war es schon stockdunkel. Der Bahnsteig war menschenleer und nur ein einziger riesiger Schatten harrte dort ungeduldig aus.
„Hagrid!", Hermine hatte den Halbriesen sofort erkannt und ein glückliches Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Der Zug stand noch nicht ganz, da wurde auch schon die Waggontüre mit solcher Ungeduld und Gewalt aufgerissen, dass man Sorge um die Scharniere haben musste, die auch sogleich erbärmlich in ihren Angeln quietschten.
Augenscheinlich konnte er es auch nicht abwarten, dass Hermine die zwei Stufen hinunter stieg, „Beim goldflügligen Hippogreif, Hermine!", schrie er in ihr Ohr, hob sie aufgeregt empor und presste sie so vorsichtig wie es ihm in seiner Freude möglich war, an sich, während ihm dicke Tränen in den Bart liefen.
„Hallo Hagrid", keuchte Hermine und versuchte krampfhaft zu atmen.
„Verdammich, ich hab Dich so schrecklich vermisst!", schniefte der Halbriese, ließ sie widerwillig herunter, um in sein kariertes Taschentuch zu trompeten und anschließend über seine Augen zu wischen. Dann nickte er Severus freundlich zu, „N`abend, Professor Snape, Sir!"
„Ich habe Dich auch schrecklich vermisst!", bestätigte Hermine und auch in ihren Augen sammelten sich einige Tränen.
„Komm! Professor McGonagall will, dass ich Euch unverzüglich zum Schloss bringe, es is auch verflixt kalt hier, nachher holst Du Dir noch ´ne Lungenentzündung! Professor Snape, Sir, soll ich Ihren Rucksack nehmen?", ohne eine Antwort abzuwarten griff er auch schon nach der Tasche und schob Hermine energisch zu einer geschlossenen Kutsche, vor dem zwei mächtige Thestrale angeschirrt waren.
Als die Tür zugeschlagen war, schwang er sich auf den Kutschbock. Das doch recht filigrane Gefährt ächzte und stöhnte unter seiner Last.
„Alle freuen sich mächtig auf Dich", plapperte er aufgeregt los, kaum dass sich die Kutsche in Bewegung gesetzt hatte, „ehrlich, Fang auch! Er is ganz aus´em Häuschen! Warte, bis er Dich wiedersieht! Bei uns war auch ´ne Menge los, Hermine, die ganzen Leute vom Ministerium, die das komplette Schloss nach der schlimmen Seuche abgesucht haben und dann die Posteulen, die Armen kamen nich´ mehr nach mit all den Briefen für Dich. Ich habe einen speziellen Stärkungsbrei für sie zusammengemischt damit sie nicht schlappmachten. Du musst unbedingt in den nächsten Tagen zum Tee vorbei kommen!", er beugte sich nach hinten, „Ich hab da auch ´ne kleine Überraschung!" Oh, je, Hermine und Severus tauschten einen sorgenvollen Blick. Hagrids Überraschungen waren meistens gefährlich, oft verboten, aber immer sehr speziell.
„Ich komme gerne, Hagrid", versicherte sie trotzdem und nahm von Severus dankbar die warme Decke für ihre Knie. Der Frühling in den Highlands von Schottland ließ noch spürbar auf sich warten.
Hagrid trieb den Thestral zu einem wahren Höllentempo an und Severus wurde es schon ganz komisch. Gut, dass Hogwarts Hüter der Schlüssel und Ländereien die Kutsche direkt vor dem großen Portal anhielt und einige Augenblicke brauchte, um die Thestrale zu beruhigen. Severus half ihr in der Zeit behände beim Aussteigen und schöpfte tief die kühle, klare Luft in seine Lungen. Oben wurde ungeduldig das Tor aufgestoßen und Minerva McGonagall lugte mit finsterem Blick durch den Spalt.
„Da seid ihr ja endlich! Wurde auch Zeit! Hagrid, hast Du sie auch nicht unnötig lange auf dem zugigen Bahnsteig stehen lassen?", sie zog ihren Umhang enger um sich herum, der Wind pfiff scharf um das alte Gemäuer und zerrte an Robe und Hut.
„Ne, Professor, bin sofort losgefahren, wie Sie verlangt haben!", versicherte Hogwarts Wildhüter mit zum Schwur erhobener Hand.
„Nun kommt schon rein! Severus, Hermine worauf wartet Ihr?", Minervas Blick wurde noch finsterer, aber Hermine musste erst einmal tief einatmen, bevor sie sich in Bewegung setzen konnte, man sah ihr an, dass ihre Knie zitterten.
Severus ließ sich ebenfalls etwas Zeit und sein aufmerksamer Blick hatte sogleich die großen Banner und Flaggen in den vier Häuserfarben blau, grün, rot und gelb gesehen, die die Türme und Zinnen schmückten und dort nur zu ganz besonderen Anlässen erschienen.
Das war in gutes Zeichen! Nein, besser, viel besser, das war ein verdammt gutes Zeichen!
Das winzig kleine Lächeln, das sich darauf hin in seinen Mundwinkeln einnistete, war von da an für die nächsten Stunden nicht mehr von seinem Gesicht zu wischen.
Drinnen, in der großen Eingangshalle stürmte sogleich ein kleiner Trupp von Menschen auf sie zu: Ihre drei Töchter, gefolgt von Wilbur Honytree und Marcus Grant, „Mum, Dad, da seid ihr ja endlich!", jauchzte Sera und Lillian hüpfte vor Freude wie ein Muggeljojo auf und ab und selbst Eileens Gesicht glühte vor Freude. Alle umarmten Hermine und strahlten um die Wette.
„Großer Merlin, was für ein froher Tag!", dröhnte der Feuerwhiskeybrauer und strich sich vergnügt über seinen großen Schnäuzer, als er sie aus seinen starken Armen entlassen hatte und an Wilbur weiterreichte.
„Allerdings, Sir!", murmelte dieser und schüttelte heftig Hermines Hand, „Herzlich Willkommen, Professor Granger!"
„Sie wollten doch Hermine zu mir sagen, Wilbur!", mahnte sie, freute sich aber trotzdem, obwohl man ihr ihre Anspannung immer noch ansah.
„Also, ich weiß ja nicht, wie es Euch geht", meinte Minerva und wischte sich verstohlen eine kleine Träne aus den Augen, „aber ich habe einen unglaublichen Hunger! Kommt, das Essen wartet!" Sera juchzte begeistert und sie und ihre Schwester Lillian ergriffen die Hände ihre Mutter.
„Wie? Essen? Ausgezeichnete Idee", stimmte Hagrid händereibend bei, der in der Zwischenzeit die Kutsche ausgespannt hatte.
Hermine warf Severus einen leicht panischen Blick zu, sie hatte wohl auf ein gemütliches Abendbrot in ihren Räumen gehofft. Auch für ihn ein sehr verlockender Gedanke, aber er kam gar nicht dazu irgendetwas zu erwidern, denn alle drückten und schoben lachend und schwatzend ihre Schulleiterin mitsamt ihrem überrumpelten Ehemann zu den Saaltüren.
Die Türflügel wurden aufgedrückt und schon stand die kleine Gruppe in der Großen Halle und Hermine blieb der Mund vor Staunen offen stehen.
Drinnen war nämlich nicht weniger als ganz Hogwarts versammelt: die Schülerinnen und Schüler, das Lehrerkollegium, die Gespenster, die Hauselfen, der komplette Schulrat und die Verantwortlichen von Seiten des Ministeriums, samt Zaubereiminister. Sogar Firenze und Sybill Trelawney waren zu entdecken und auch die Potters, Weasleys und die Grangers, die sie eben noch in London verabschiedet hatten. Große Banner mit magisch animierten Willkommensgrüßen prangten an den Wänden zwischen den Bildern, die – wie zur Hochzeit von Hermine und Severus voller gemalter Menschen waren, die sich dort tummelten.
Im ersten Moment war es vollkommen still, aber als Hermine sich blinzelnd umsah, entbrannte ein unbeschreiblicher Jubel. Keiner hielt es mehr auf seinem Platz aus, alle wollten ihr die Hand drücken oder sie umarmen, sich nach ihrem Wohl erkundigen oder einfach die Freude über ihre Rückkehr kundtun. Es war ein buntes, fröhliches Durcheinander und es dauerte schier ewig, bis es Hermine zu ihrem Platz in der Mitte des Lehrertischs geschafft hatte.
Severus sah es ihr an, dass sie sich am liebsten gleich dort hingesetzt hätte, ihre Knie waren bestimmt immer noch mehr als wackelig, aber das ging natürlich nicht, alle Augenpaare waren gespannt auf sie gerichtet und erwarteten eine kleine Ansprache.
Hermine musste schlucken und sah sich hilfesuchend nach ihrem Mann um. Der hatte sich auch bewusst noch nicht auf seinen Platz begeben, sondern stand ihr genau gegenüber am Kopf des Slytherintisches, überkreuzte die Arme vor der Brust und nickte ihr auffordernd zu.
„Ich… ich, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll", stotterte Hermine und fuhr sich glättend durch ihr Haar, Lillian drückte sich eng an sie heran „ich bin einfach überwältigt von diesem wunderbaren, herzlichen Empfang", großer Beifall brandete auf.
Wieder sah sie sich im Raum um, lächelte den Schulleiterinnen und Schulleitern in ihren Rahmen zu, streichelt über Lillians Kopf und ihr Blick blieb an Sera, Eileen und ihrem Mann hängen. Als es wieder ruhig geworden war, schöpfte sie tief Atem, „In den vergangenen Wochen und Monaten habe ich mich wirklich sehr bemüht, nicht zu oft an all das hier zu denken", begann sie und winkte sofort ab, als sie in die erstaunten Gesichter ihrer Schülerinnen und Schüler blickte, „nicht, weil ich es nicht vermisst hätte, oh nein, ganz im Gegenteil! Sondern weil es mir so unglaublich schwer gefallen ist, nicht hier sein zu können", sie schluckte schwer und in ihren Augen sammelten sich Tränen, „aber ich muss zugeben, es ist mir nicht gelungen."
Ein sehr zufriedenes Murmeln erfüllte den Raum, das aber sofort verstummte, als Hermine fortfuhr.
„Es ist diese unbeschreiblich herrliche Landschaft, das stolze und geheimnisvolle Gemäuer, der ganz besondere, einzigartige Duft der Räume und diese unglaubliche, phantastische Magie die fast greifbar ist, sobald man das Gelände betritt, die ich so schmerzlich vermisst habe. Im Krankenhaus und auch in London. Aber das ist es nicht allein. Es sind vor allem die wunderbaren Menschen und Wesen, die Hogwarts so einzigartig machen. Die aus Fleisch und Blut, genauso wie all die anderen."
Ihre kleine Liebeserklärung wurde mit lautem, zustimmendem Beifall belohnt.
Dann aber blickte sie kurz auf ihr noch leeres Gedeck, „Ich habe Hogwarts viel, sehr viel zu verdanken: meine Ausbildung, meine Freunde, meine Familie und nicht zuletzt dank Sir Nicolas, mein Leben", sie suchte mit den Augen nach dem Gespenst des Hauses Gryffindor und als sie ihn entdeckt hatte, nickte sie ihm dankbar zu. Dann atmete sie tief ein und wurde noch ernster „In den letzten Wochen und Monaten erschien es mehr als zweifelhaft, dass es mir jemals wieder vergönnt sein würde einen Fuß hierher setzen zu dürfen. Dass dies nun doch eingetroffen ist, macht meine Familie und mich zutiefst glücklich", noch einmal schöpfte sie tief Atem, „Aber ich will ehrlich zu Ihnen sein, erst die nächsten Wochen werden zeigen, ob ich bleiben kann und ob ich bleiben will. Wir werden im Kollegium, mit den Räten und dem Zaubereiministerium sorgsam prüfen, ob eine Schulleiterin ohne Magie von Nutzen für diese Schule sein kann."
Gemurmel schwoll an und vereinzelte laute Ausrufe wurden laut, doch Hermine ließ sich nicht beirren, „Das ist ein notwendiger und wichtiger Prozess, denn das Wohl Hogwarts steht an erster Stelle, weil es für mich zugleich die Verantwortung für Ihr und Euer Wohl bedeutet und da dürfen persönliche Wünsche und Befindlichkeiten keine Rolle spielen!"
„Wie immer wohl gesprochen, Schulleiterin!", rief Kingsley mit seinem tiefen Bass und erhielt zustimmenden Applaus dafür.
„Vielen Dank, Minister!", Hermine wischte sich mit dem Ärmelrücken über die Augen und hob dann beschwichtigend die Hand „Bevor Sie jetzt aber endlich alle Ihr wohlverdientes Abendessen genießen dürfen, möchte ich die Gelegenheit nutzen Danke zu sagen: Danke allen, die mir Grüße und Wünsche gesandt haben", sie lächelte in die Runde, „allen die meine Arbeit gemacht haben", sie verbeugte sich vor Minerva und Wilbur, die herzlichen Applaus dafür ernteten, „für alle die meine Post sortiert haben", hier nickte sie Marcus Grant zu, der über eine Woche gebraucht hatte, um die ganzen Genesungsgrüße zu ordnen, „noch mal für alle die mein Leben gerettet haben", man konnte deutlich Sir Nicolas stolzgewellte Brust erkennen, als er sich galant für den Dank verneigte, „für alle guten Freunde, die viele Stunden, Tage und Wochen an meinem Bett gewacht haben", sie lächelte Kingsley, Marcus, den Potters und den Weasleys zu, bevor ihr Blick an Severus hängen blieb, „ganz besonders aber danke ich meiner Familie, meinen Eltern, meinen Töchtern und meinem Mann!"
„Ich habe nur an Ihrem Bett herumgesessen Direktor, weil ich gerade nichts anderes zu tun hatte. Meine Frau war nicht da, müssen Sie wissen", behauptete Severus und erntete dafür großes Gelächter, „außerdem hatte ich gehofft, dadurch eine Gehaltserhöhung herauszuschlagen." Seine Schülerinnen und Schüler am Slytherintisch johlten zustimmend.
„Oh, Professor Snape, das tut mir aber leid", entgegnete Hermine und jetzt blitzten keine Tränen mehr in ihren Augen, sondern eindeutig Belustigung, „ich muss mich da natürlich mit Professor McGonagall besprechen, aber ich glaube fest, dass unser Budget dies in diesem Jahr leider nicht mehr hergibt, wir mussten zu viele Vertretungskräfte einstellen, wie Sie wissen."
„Dann lasse ich mir diese Entlohnung eben in Naturalien auszahlen", beschloss Severus und bedachte seine Chefin mit einem durchaus anzüglichen Blick, was noch mehr Gejohle, jetzt auch von den anderen Tischen hervorrief.
Hermine antwortete mit einem kleinen frechen Grinsen „Gut, Professor, darüber können wir später in Ihren Räumlichkeiten gerne eingehender verhandeln! Aber jetzt lassen Sie uns essen, denn ich habe Hunger und nirgends schmeckt es besser als hier!", schloss sie, gab Lillian einen dicken Kuss und setzte sich unter großem Beifall.
Die Sache mit den Naturalien in ihren Räumen musste aber leider warten. Der Abend wurde noch lang. Nach einem ausgezeichneten Festessen, das über eine Stunde dauerte, lud die Schülerschaft alle zu einer kleinen Feier mit Musik und Tanz. Es gab Butterbier für die oberen Klassen und einen leckeren Punsch für alle.
Hermine führte viele, viele Gespräche, und mit jedem wurde ihr Blick müder und ein ums andere Mal unterdrückte sie ein Gähnen. Gegen 22:00 Uhr trat er dann zu ihr hin und meinte bestimmt: „Professor Granger, morgen ist auch noch ein Tag, die Mädchen sind müde und Sie sahen auch schon mal frischer aus."
„Du hast recht, auch wenn Du das ein wenig charmanter hättest sagen können", tadelte ihn Hermine und verabschiedete sich von Pomona Sprout und Neville, die ihr gerade voller Eifer und in allen Einzelheiten ihr neues Pflanzenprojekt auseinanderlegten.
„Ich arbeite daran", behauptete er zugegebenermaßen nicht sehr überzeugend und klaubte die schlafende Lillian von Marcus Grants Schulter, dann rief er nach Sera, die sich mit James in eine Ecke verkrümelt hatte und die den Abend bestimmt dafür genutzt hatten eine Menge Dummheiten zusammen auszuhecken, nickte Eileen kurz zu, die mit Max einige elegante Runden aufs Parkett gelegt hatte und ließ mit einem kleinen Schwung seines Zauberstabs die kleine Türe hinter dem Lehrertisch aufgehen, „Bitte schön, die Damen, unsere Gemächer warten auf Sie."
„Oh, wie außerordentlich charmant, mein Lieber!", lobte Hermine überrascht und winkte noch einmal allen zu, die ihr eine gute Nacht wünschten, „Du kannst es ja doch!"
„Selbstverständlich", flüsterte er ihr im Vorbeigehen ins Ohr, „aber dafür will ich eine weitere Gehaltserhöhung, denn charmante und galante Ehemänner tun das auch nicht ohne gewisse Gegenleistung."
„Nun, mal sehen ob die Auszahlung schon heute Abend", sie gähnte vernehmlich und grinste ihn an, „oder doch erst morgen geschehen kann!"
„Verschiebt das lieber auf morgen", riet Sera, die ausgesprochen gute Ohren hatte, „nachher verrechnest Du Dich noch, Mum und zahlst ihm zuwenig oder zuviel. Fürs Rechnen muss man wach sein!"
„Wohl gesprochen, Tochter", grinste Severus und flüsterte seiner Frau zu, „und nicht nur fürs Rechnen!"
