Die Crew, die ihn von New Providence nach Antigua gebracht hatte, war der Pearl offensichtlich erst vor wenigen Tagen begegnet; wie es schien, wurde ihre Fahrt durch Ablagerungen am Rumpf erheblich verlangsamt. Es würde Barbossa und den elenden Verrätern also gar nichts anderes übrig bleiben, als sie aufs Trockene zu bringen und den Dreck abzukratzen.
Die Inseln unter dem Wind boten zahlreiche geschützte Küstenabschnitte, die seit jeher einen besonderen Reiz auf Piraten ausübten, da ihnen die schweren Schiffe der Navy nicht ins flache Wasser folgen konnten. Zudem munkelte man, der Gouverneur der Insel würde selbst von Zeit zu Zeit Handel mit den Gesetzlosen treiben. Es sprach also einiges dafür, dass die Gerüchte stimmten und Barbossa schon bald hier auftauchen würde. Nun, Jack plante, ihm einen angemessenen Empfang zu bereiten.
Bis es soweit war, mietete er sich in eine Spelunke am Hafen ein und genoss vier mehr oder minder unbeschwerte Tage im Dauerrausch, umringt von einigen der feinsten Mädchen, die diese Inseln zu bieten hatten. „A pirate's life for me ...", summte er auch an diesem Nachmittag gut gelaunt vor sich hin, als er ein altbekanntes Geräusch vernahm. Ein Dutzend Stiefelpaare knallte im Gleichschritt auf das Kopfsteinpflaster und kündigte die baldige Ankunft eines Regiments an.
‚Nicht gut!', schoss es Jack sofort durch den Kopf. Egal, was man sich über die Bestechlichkeit des Gouverneurs von Antigua erzählen mochte, es war nicht konkret genug, um leichtfertig sein Leben aufs Spiel zu setzen. Eilig sah er sich nach allen Seiten um und entdeckte schließlich eine Schaluppe, deren Deck von einem Segeltuch überspannt wurde. Mit einem waghalsigen Sprung rettete er sich an Bord und kroch unter das Segel, just in dem Augenblick, in dem die Soldaten um die Ecke marschiert kamen.
Er wollte gerade einen Seufzer der Erleichterung ausstoßen, als ihm der Kiefer nach unten klappte. Das war einfach unmöglich! Offenbar war er nicht der einzige, der auf die Idee gekommen war, sich unter dem Segel zu verstecken. Aus dem Halbdunkel heraus starrten ihn fünf Augenpaare unverwandt an, jedes einzelne von ihnen so voller Angst und Elend, dass er zuerst an eine Geistererscheinung glaubte. Er musste sich selbst die Hand auf den Mund pressen, um nicht zu schreien. Erst als sich sein Verstand vollständig zurückgemeldet hatte wurde ihm klar, warum er die Gestalten kaum erkennen konnte. Sie waren allesamt schwarz, eine Handvoll Afrikaner, die sich unter dem Segel versteckt hielt. Jack griff instinktiv nach seiner Waffe, als er ein unterdrücktes Schluchzen hörte. Er kniff die Augen zusammen, um in der Dunkelheit besser sehen zu können. Dann erkannte er, dass die fünf keine Männer, sondern Kinder waren. Ein kleines Mädchen kauerte direkt vor ihm, die dürren Arme fest um seine nackten Beine geschlungen. Ihre Begleiter konnte er nur schemenhaft erkennen, doch sie schienen allesamt nicht älter als dreizehn oder vierzehn zu sein. Für einen Moment verschlug es ihm schlicht die Sprache, was allerdings nicht allein seiner unerwarteten Gesellschaft geschuldet war.
Etwas blitzte in der Dunkelheit auf, und mit Schrecken erkannte Jack, dass eines der Kinder – offenbar ein Junge – ein Messer in der Hand hielt. „Ho", sagte er leise. „Langsam, Bürschchen." Er deutete eine beschwichtigende Geste an und zeigte dem Jungen beide Hände um zu signalisieren, dass er keine Gefahr darstellte. „Ich tu euch nichts."
Der Junge sah fragend zur Seite, und Jack war, als würde die Gestalt neben ihm zustimmend nicken. Langsam ließ er das Messer sinken, sein Blick war jedoch nach wie vor starr auf Jack gerichtet.
Eine Bewegung, und du bist tot!
Die Kinder schienen zu allem entschlossen – und schnell wurde Jack auch klar, warum.
„ ... nicht einfach nur weggelaufen", hörte er eine Stimme unweit ihres Verstecks poltern. „Einer von ihnen hat eine der Wachen niedergestochen."
„Wir müssen Sie unbedingt finden, sonst wird das hier ein unangenehmes Nachspiel haben. Das verspreche ich Euch!"
„Es sind doch nur Kinder. Wenn Ihr mich fragt, ich verstehe ohnehin nicht, wie man aus einer Schiffsladung voller Bälger Profit schlagen soll. Für harte Arbeit taugen die noch nicht, und –"
An dieser Stelle trat eine Pause ein, die offenbar mit vielsagenden Blicken und Gesten gefüllt wurde.
„Das ist – widerlich!", meldete sich die Stimme schließlich wieder zu Wort. „Wer würde so einen verabscheuungswürdigen Akt begehen?"
„Was geht uns das an? Besser diese Affen, als unsere Kinder." Der Mann machte einen beinahe gelangweilten Eindruck, und Jack spürte brennende Wut in sich aufsteigen. Wären die Kinder nicht gewesen, er wäre aus seinem Versteck hervorgeschossen und hätte ihm sein Schwert in die Eingeweide gerammt. Was er soeben erfahren hatte, entsetzte ihn weit mehr als die plötzliche Entdeckung der Kinder. Bei Gott, der Handel hatte die grausamsten Blüten getrieben, doch dass man sich nun sogar schon im großen Stil an Kindern vergriff, übertraf alles, was er selbst erlebt und gesehen hatte.
Zum ersten Mal erwiderte er den Blick des Jungen und konnte nicht anders, als tiefsten Respekt für ihn zu empfinden. Offenbar war er es gewesen, der auf einen ihrer Peiniger losgegangen war und die vier anderen befreit hatte. Das kleine Mädchen schluchzte erneut, diesmal deutlicher, und Jack legte einen Finger an die Lippen um ihr zu signalisieren, dass sie leise sein mussten.
Währenddessen schien das Regiment stramm zu stehen. „Durchkämmt die ganze Stadt!", befahl eine laute Stimme, gefolgt von eiligen Schritten. „Weit können sie nicht gekommen sein!"
Tatsächlich kamen sie bis Grenada, das unter französischer Verwaltung stand und Jack damit vorerst sicherer schien, als die britischen Antillen. Natürlich hatte er es versucht, doch es war ihm einfach nicht gelungen, die Kinder ihrem Schicksal zu überlassen. So war ihm schließlich nichts anderes übrig geblieben, als sie mit Händen und Füßen von seinen ehrenwerten Absichten zu überzeugen und anschließend die Ankerkette der Schaluppe zu kappen. Da man sie nicht verfolgt hatte nahm Jack an, dass ihre Flucht zunächst unbemerkt geblieben war. Der Vorteil war jedoch schnell aufgebraucht, als sie entdecken mussten, dass weder Proviant noch ausreichend Trinkwasser an Bord waren. So hatte er beschlossen, das Boot mit Hilfe der beiden Jungen Momoh und Ayu'nwi in französische Gewässer zu segeln.
Es war Momoh gewesen, der den Wachtposten niedergestochen und seine Mitgefangenen befreit hatte. Der bruchstückhaften Schilderung der drei Ältesten glaubte er entnehmen zu können, dass in den Baracken am Hafen noch mehr Kinder auf ihr unaussprechliches Schicksal warteten, sicher war er sich jedoch nicht. Wenn er ehrlich war, wollte er eigentlich auch gar nicht weiter darüber nachdenken. Wie die Dinge nun einmal lagen, hätte er ohnehin nichts für sie tun können. Er musste sich ganz darauf konzentrieren, die fünf anderen in Sicherheit zu bringen. Und er hatte auch schon eine Vorstellung davon, wie er das anstellen würde.
In den Sümpfen Hispaniolas hatte nicht nur Tia Dalma, sondern auch eine Gruppe von Maroons Zuflucht gefunden, denen Jack noch immer in besonderer Weise verbunden war. Ihr Schicksal und seines waren so untrennbar miteinander verwoben, dass er sich manchmal als ein Teil von ihnen betrachtete. Sie waren Ausgestoßene wie er, ehemalige Sklaven, denen man den Stolz und die Würde nicht hatte rauben können. Er war sicher, dass sie die Kinder bei sich aufnehmen und ihnen Schutz gewähren würden. Er musste nur ein Schiff finden, das von ausreichender Größe war, um sie dorthin zu bringen. Die beiden Jungen waren kräftig und lernten schnell; Jack Sparrow war auf einem Schiff der Royal Navy mit einem ungelenken Schmied als Besatzung nach Tortuga gesegelt. Die Überfahrt nach Hispaniola erschien ihm vor diesem Hintergrund ein wahres Kinderspiel.
So stand Jack nun also am Kai von Fort Royal, der Hauptstadt Grenadas, und ließ seine Augen über die Schiffe schweifen. Momoh und Ayu'nwi hatte er mitgenommen, die beiden kleinen Mädchen hatte er bei Sheza auf der Schaluppe zurückgelassen.
„Wir werden – Achtung, nautischer Fachbegriff – ein Schiff kapern. Versteht ihr das?"
Die beiden Jungen sahen ihn verständnislos an und Jack seufzte tief.
„Also gut, ich erkläre es euch noch mal, wenn's soweit ist! Jetzt brauchen wir erstmal ein Boot – und einen Drink! Kommt!"
Das windschiefe Schild hatte seinen Blick beinahe magisch angezogen. „La Sirene" war eine Taverne ganz nach seinem Geschmack; schmutzig, verrucht und garantiert ein willkommener Treffpunkt für die Seeleute, die hier vor Anker gingen. Eine Spelunke war natürlich kein geeigneter Ort für zwei halbwüchsige Jungen, doch auf diesem Wege würde es ihnen vielleicht gelingen, ein paar verwertbare Informationen einzuholen.
„Bleibt immer schön hinter mir", rief er Momoh und Ayu'nwi über die Schulter zu, als er die Tür zum Schankraum öffnete. Obwohl es erst später Nachmittag war, summte die Taverne wie ein überfüllter Bienenstock. Sehr gut, so würden sie wenigstens nicht allzu sehr auffallen.
„Hey, für Nigger is' hier verboten!", lallte ein betrunkener Fettkloß, als Jack mit den beiden Jungen an ihm vorbeiging.
„Was ich mit meinen Niggern mache, ist ganz allein meine Sache. Und wenn ich sage, dass meine Nigger hier willkommen sind, dann ist das auch so. Klar soweit?" Jack setzte ein goldenes Grinsen auf und ließ seine rechte Hand betont nebensächlich über die Pistole an seiner Hüfte gleiten. Die Geste schien Wirkung zu zeigen, denn sofort wandten sich die umsitzenden Gäste wieder ihrem Glas zu, als hätten sie die Neuankömmlinge überhaupt nicht bemerkt.
„Eine Flasche Rum! Aber nichts von dem billigen Fusel, den du den anderen ausschenkst, sondern was von deinem eigenen Zeug, das du unter dem Tresen versteckst!", sagte Jack auf Französisch, begleitet von einem gewinnenden Lächeln. Der Wirt betrachtete ihn und die beiden Jungen abschätzig, entschied sich jedoch schließlich dafür, seine Vorbehalte für sich zu behalten. Jack war ganz offensichtlich die Art von Gast, mit der man nicht spaßte. Wortlos knallte er eine verkorkte Flasche Rum auf den Tresen und steckte die Münzen ein, die Jack ihm hingeworfen hatte.
„Nettes Restaurant, muss ich sagen", sagte Jack beiläufig, nachdem er den Korken mit den Zähnen aus der Flasche gezogen hatte. „Und viel los heute."
Der Wirt grunzte etwas Unverständliches, doch Jack ließ nicht locker.
„Da liegen wohl ein paar größere Schiffe im Hafen vor Anker."
„Die Faucon Dieu und die Constance sind gestern eingetroffen." Jack wandte sich um und sah in das freundliche Gesicht eines zahnlosen Matrosen, der mit hoher Wahrscheinlichkeit noch nicht einmal halb so alt war, wie er aussah. „Bist wohl neu hier, was?"
„Gerade erst eingetroffen", bestätigte Jack.
„Einer von den Küstenbrüdern." Es war eine Feststellung, keine Frage. „Viele von uns würden gern bei euch mitmachen. Beneiden euch, weil ihr selbst Herr über euer Leben seid. Kann nich' sagen, dass ich's nich' verstehen kann, aber für mich wär' das nichts."
Jack neigte leicht den Kopf und nickte dem Matrosen zu. „Jack Sparrow."
„Philippe Boisseur. Ich gehöre auf die Constance. Wir laufen in einer Stunde hier aus und segeln Richtung Jamaika. Solltet Ihr auf der Suche nach Beute sein, dann sucht Euch besser ein anderes Boot. Wir haben nur Getreide im Frachtraum."
Jack grinste. Das hörte sich ausgesprochen gut an, auch wenn eine Stunde denkbar wenig war, um ein Schiff zu übernehmen. „Keine Angst, meine Absichten sind von der ehrenwerten Sorte. Ein unbescholtener Seemann auf der Suche nach Arbeit."
Der Matrose wollte etwas erwidern, vielleicht Zweifel an Jacks Worten anmelden, doch so weit kam es nicht mehr.
„Hey!", rief eine raue Männerstimme auf Englisch. „Ihr seid der, den Sie auf Antigua suchen! Der, der die Sklaven gestohlen hat!"
Verdammt, verdammt, verdammt!
„Raus hier!" Er packte Ayu'nwi und Momoh am Arm und zog sie hinter sich her. Zu seiner Überraschung stellte sich ihnen niemand in den Weg; vielleicht sprachen die anderen Gäste kein Englisch, vielleicht interessierten sie sich auch zu wenig für das Schicksal eines Sklavendiebes. Ihnen konnte es nur Recht sein, allerdings war die Angelegenheit wohl ernster als angenommen, wenn man nun schon auf Grenada nach ihm fahndete.
Sie rannten aus der Taverne und in eine kleine Gasse, als plötzlich ein Schuss fiel. Jack riss den Kopf herum und sah gerade noch, wie Ayu'nwi in die Knie sackte. Eine weitere Kugel surrte durch die Luft, verfehlte ihr Ziel jedoch um wenige Millimeter. Ihr Angreifer konnte unmöglich so schnell nachgeladen haben, er musste also mehrere Waffen bei sich tragen. Jack zog seine eigene Pistole, wagte jedoch nicht, sich umzudrehen. Am Seiteneingang der Taverne entdeckte er drei große Fässer, und ohne nachzudenken versetzte er Momoh einen beherzten Stoß in die richtige Richtung. „Runter da!"
Die Warnung kam gerade noch rechtzeitig, denn nur wenige Augenblicke später hallte erneut ein Schuss durch die Gasse. Jack wagte erneut einen Blick nach hinten, konnte jedoch niemanden entdecken. Offenbar nutzte ihr Angreifer eine Hauswand als Deckung.
„Zeigt Euch gefälligst, Feigling!", rief Jack mit lauter Stimme und presste sich mit dem Rücken gegen die Mauer, hinter der er den Mann vermutete. Zeitgleich griff er nach dem Knauf seines Degens und zwang sich dabei, nicht auf die leblose Gestalt Ayu'nwis zu blicken.
An der Ecke angekommen hielt er inne. Hatte der Schütze inzwischen nachgeladen, so bedeutete ein schneller Vorstoß seinen sicheren Tod. Anderenfalls hatte er das Überraschungsmoment auf seiner Seite, wenn es ihm nur gelang ... ‚NICHT DENKEN!', befahl er sich selbst. Er musste jetzt handeln, durfte ihrem Verfolger keine Zeit geben, seine Pistolen zu stopfen.
Mit katzenhafter Geschmeidigkeit schoss er um die Ecke und streckte seinen Degen gerade im rechten Moment, um ihn dem Angreifer an die Kehle zu halten. Er hatte Recht behalten: Der schwarz gekleidete Mann war gerade damit beschäftigt gewesen, seine Pistole nachzuladen. Jack drängte ihn mithilfe seines Degens an die Wand zurück und presste sich mit seinem gesamten Körpergewicht gegen ihn. Der Fremde war um einiges größer als er selbst, doch mit einem solch verwegenen Angriff hatte er offenbar nicht gerechnet.
„Wer seid Ihr und was wollt Ihr?", stieß Jack hinter zusammengebissenen Zähnen hervor.
Trotz seiner misslichen Lage stieß der Angreifer ein kehliges Lachen aus. „Das wüsstet Ihr gerne, was?"
„Und ich werde es auch erfahren!", zischte Jack und verstärkte den Druck auf die Klinge seines Degens. Ein schwaches Rinnsal Blut lief über den Hals des Mannes nach unten in seine Kragenöffnung.
„Wir werden uns unser Eigentum zurückholen!"
„Wer sind wir?"
„Wir sind", begann der Fremde langsam, „auf einen Volltrottel gestoßen!" Damit rammte er Jack den Knauf seiner Pistole in den Magen. Jack krümmte sich vor Schmerz und ließ seine Klinge sinken, was der Angreifer sofort nutzte, um ihm die Waffe aus der Hand zu schlagen. „Wollen wir doch mal sehen, wer hier die Fragen stellt! Was hast du mit den Kindern gemacht?"
Jack schluckte, als er das kalte Metall einer Waffe an seiner Schläfe spürte. Mit Schrecken erkannte er den Lauf seiner eigenen Pistole; die Frage, ob sie auch wirklich geladen war, erledigte sich in diesem Fall wohl von selbst. „Die Kinder", sagte er leise, als müsste er sich ihre Existenz erst wieder ins Gedächtnis rufen. Dann ließ er sein Knie hochschnellen, genau zwischen die Beine seines Peinigers. Ohne die Wirkung seines Angriffs abzuwarten, holte er mit der Faust aus und versetzte ihm einen Kinnhaken, woraufhin der Fremde zurück gegen die Wand taumelte. Jack griff nach seiner Hand, um ihm die Pistole zu entreißen, doch er setzte sich trotz seiner Schmerzen erbittert zur Wehr. Sir rangen für eine Weile miteinander, bis beide zu Boden gingen und die Waffe mehrere Meter weit über das feuchte Kopfsteinpflaster schlitterte. Jack behielt zunächst die Oberhand, war seinem Kontrahenten jedoch körperlich unterlegen und fand sich schon bald auf dem Rücken wieder. Das ungesund gelbliche Gesicht des Fremden grinste ihn an und enthüllte eine Reihe verfaulter Zähne; der Mundgeruch war kaum zu ertragen, weit schlimmer waren jedoch die wurstartigen Finger, die sich wie ein Schraubstock um Jacks Kehle schlossen.
Er bäumte sich mit seinem gesamten Körpergewicht auf, vermochte jedoch nicht, seinen Angreifer abzuschütteln. Verzweifelt warf er den Kopf zur Seite und erspähte aus den Augenwinkeln heraus die schemenhafte Gestalt Momohs. ‚Verdammt, lauf doch weg', schoss es ihm durch den Kopf, doch Momoh hatte offenbar andere Pläne. Er zog etwas aus der Tasche seiner abgewetzten Hose und mit einem Mal wurde Jack klar, was er vorhatte. Das Messer! Zum Zeichen, dass er verstanden hatte, streckte er den Arm aus und Momoh reagierte prompt. Das Messer schlitterte über den Boden, genau zwischen Jacks wartende Finger. Mit letzter Kraft hob er die Klinge und stieß sie so fest er konnte zwischen die Schulterblätter des Fremden.
Sofort lockerte sich der Griff um seine Kehle, doch noch ehe er nach Luft schnappen konnte, sackte sein Kontrahent röchelnd über ihm zusammen. Für eine Weile lag Jack wie gelähmt; erst als die Last von seinem Brustkorb genommen wurde registrierte er, dass Momoh den sterbenden Mann zur Seite gezogen hatte. Er schloss die Augen und rieb sich die schmerzende Kehle, während sich seine Lunge langsam mit Luft füllte.
Bei Gott und allen seinen unbedeutenden Heiligen, das war wirklich knapp gewesen!
„Danke", krächzte er und rollte sich auf die Seite, um das Ergebnis der Auseinandersetzung zu begutachten. Der Mann lebte noch, seine weit aufgerissenen Augen kündigten jedoch bereits den nahenden Tod an.
„Ihr ..." Ein Schwall dunklen Blutes schoss aus seinem Mund und rann ihm über die Lippen. „Ihr habt keine Chance. Sie werden Euch finden ... überall ..." Seine letzten Worte waren kaum mehr zu verstehen und verloren sich schließlich in einem letzten tödlichen Atemzug.
Jack wandte sich angewidert ab und starrte auf Momoh, der zitternd über der Leiche stand. „Du hast mir das Leben gerettet", sagte er leise, doch der Junge erwiderte nichts. Stattdessen ging er hinaus auf die Straße und mit einem Mal kam auch Jacks Erinnerung zurück. „Ayu'nwi!"
Er rappelte sich hoch, so schnell es ihm seine schmerzenden Glieder erlaubten, griff hastig nach seinen Waffen und stürzte ebenfalls in die Seitengasse, in der Ayu'nwi zu Boden gegangen war. Momoh kauerte bereits über ihm und hielt seinen Kopf mit beiden Händen umfangen. Es gab nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu tun. Der Junge war tot.
Jack fühlte nichts als Leere, während er langsam auf die Knie sank und die Stirn gegen das Pflaster presste. Dann übergab er sich.
