Ich erwachte früh am morgen nach einer unruhigen Nacht. Fitzwilliam war nicht an meiner Seite, wie ich enttäuscht feststellte. Dann fiel mir ein, daß ich auf Netherfield war und wir höchstwahrscheinlich erst unsere Hochzeitsnacht wieder miteinander verbringen würden. Oh, wie ich ihn vermißte!
An Schlaf war nicht mehr zu denken, also kletterte ich aus dem Bett, zog mich schnell an und nutzte die frühen Morgenstunden für einen ausführlichen Spaziergang. Der Morgen war frisch, aber sonnig und trocken, genau richtig, um den Kopf von düsteren Gedanken zu befreien. Ich lief an den Gärten vorbei zu den Feldern und in Richtung Fluß. Als ich die hochgewachsene Gestalt, die mir so wunderbar bekannt vorkam, unter einem Baum entdeckte, lief ich schneller und Sekunden später lagen wir uns in den Armen.
„Ich hatte mir fast gedacht, daß du heute morgen hier herkommst," flüsterte Fitzwilliam, als wir uns zum Luftholen kurz voneinander trennten. „Und ich hatte gehofft, dich hier zu sehen, Liebling," murmelte ich und kuschelte mich an ihn. Wann würden wir endlich aufhören können mit diesem ewigen Versteckspiel? „Komm, laß uns zu der Bank dort drüben gehen," schlug Fitzwilliam vor und nahm meine Hand. Er nahm Platz und zog mich auf seinen Schoß. Wieder küßten wir uns, Worte waren ganz und gar überflüssig. „Ich hab dich heute nacht so vermißt, Liebes," flüsterte Fitzwilliam und begann, an den Bändern meines Ausschnitts zu ziehen. Ich schnappte scharf nach Luft, als ich seine warmen Finger auf meinen Brüsten spürte, aber Fitzwilliam lächelte nur und fuhr fort, an mir herumzuspielen. „Elizabeth, wenn wir nicht endlich heiraten, werde ich noch wahnsinnig!" sagte er leise. „Ich mag nachts nicht länger alleine sein!" Ich nickte und strich sanft über seine Wange. „Ich weiß. Ich vermisse dich auch schrecklich." Aber wir wußten, daß wir Charles' Gastfreundschaft nicht überstrapazieren dürften. Ich hätte ihm nie mehr unter die Augen treten können, wenn er (oder gar Jane, Gott behüte!) uns gemeinsam im Bett erwischte!
Wir schmusten noch ein bißchen miteinander, bevor wir uns widerwillig in Erinnerung riefen, daß noch unangenehme Aufgaben am heutigen Tag vor uns lagen, die noch erledigt werden mußten. Es führte kein Weg daran vorbei. Leider.
Wir mußten zunächst überlegen, wie wir vorgehen wollten. Fitzwilliam schlug vor, daß wir zuerst mit meinem Vater redeten, dann erst sollte ich die Verlobung mit Nicholas lösen. Noch ein kleiner, leidenschaftlicher Kuß, dann machten wir uns auf den Weg nach Netherfield. Wir frühstückten kurz und dann war es soweit: wir fuhren nach Longbourn. Wir sprachen wenig auf der kurzen Fahrt. Oh, wie sehr ich wünschte, wir hätten das alles schon hinter uns! Zu unserem großen Glück erwischten wir meinen Vater alleine, alle anderen Mitglieder der Familie Bennet waren ausgegangen. Papa war mehr als überrascht, uns zu sehen. Auch er hatte keine Post von mir erhalten. Sehr merkwürdig!
Fitzwilliam verlor keine Zeit. Er bat meinen Vater um ein Gespräch unter vier Augen und ich vertrieb mir die Zeit, indem ich mich auf mein Zimmer begab. Das Zimmer, in dem ich aufgewachsen war und das mich nun nicht mehr besonders oft sehen würde. Es war schicklich genug, auf Netherfield zu wohnen bis zur Hochzeit. Jane war da und die unsägliche Caroline ging auch noch als „Anstandsdame" durch. Auch wenn ich wußte, ich hätte nichts mehr zu lachen, wenn sie erst einmal von unserer bevorstehenden Hochzeit erfahren würde.
Es dauerte nicht lange, bis ich gerufen wurde. Ich betrat die Bibliothek und fand Papa und Fitzwilliam dort vor – beide sahen nicht gerade glücklich aus. „Setz dich, Kind," sagte Papa resigniert und wies aufs Sofa. „Mr. Darcy hat mich um deine Hand gebeten, Lizzy. Das ist natürlich keine große Überraschung für dich. Auch wenn ich nicht gerade glücklich bin, daß du ein anderes Eheversprechen dafür auflösen willst, werde ich seinem Wunsch entsprechen." „Es ist auch mein Wunsch, Papa," wandte ich ein und ergriff Fitzwilliams Hand. „Elizabeth, du bist dir vollkommen sicher, daß du Mr. Darcy heiraten willst?" „Oh ja, Sir."
Welche Einwände konnte man haben? Nüchtern betrachtet stimmte alles: Fitzwilliam war wohlhabend, konnte mir ein sorgenfreies Leben bieten und störte sich nicht daran, daß ich nicht besonders vermögend war. Meine Gründe waren allerdings viel einfacher: Er liebte mich, ich liebte ihn, wir passten einfach gut zusammen. Ganz zu schweigen von den beiden Kindern, die immer noch unbemerkt in mir heranwuchsen…
Papa seufzte. Ich wußte, er hätte Nicholas Hamilton lieber als Schwiegersohn gesehen. Und wenn es nur aus dem Grund war, daß ich in seiner Nähe bleiben würde…Derbyshire war nun einmal ziemlich weit weg von Meryton.
„Nun, Mr. Darcy, wenn es der Wunsch meiner Tochter ist, gebe ich mein Einverständnis. Ich verlasse mich darauf, daß sie sie lieben und ehren werden und immer gut behandeln. Sollte ich gegenteiliges erfahren…" er machte eine bedeutungsvolle Pause und Fitzwilliam runzelte die Stirn. „Sir, sie können versichert sein, daß es Elizabeth an nichts mangeln wird, schon gar nicht an meiner Liebe." Er drückte meine Hand und sah mich zärtlich an. „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen." „Nun, ich nehme sie beim Wort, junger Mann." Papa erhob sich und schaute seinen zukünftigen Schwiegersohn ernst an. „und besser, sie enttäuschen sie niemals."
Der zweite Schritt in Richtung Ehe war getan. Allerdings auch nicht zu unserer vollkommenen Zufriedenheit. Papa war spürbar enttäuscht, daß ich ein Eheversprechen einfach so sorglos auflöste, um einen anderen Mann zu heiraten. Ich ahnte, daß er dachte, Fitzwilliams Geld und Ansehen hätten mich dazu gebracht, aber selbst Erklärungen hätten nichts geholfen. Ich fürchtete, nur die Zukunft würde beweisen können, daß wir die richtige Entscheidung getroffen hatten. Wieso glaubte mir keiner, daß ich Fitzwilliam einfach nur liebte?
Die nächste Hürde stand an und – abgesehen vom unvermeidlichen Zusammentreffen mit meiner Stiefmutter – war es die schwierigste. Nicholas Hamilton. Ich konnte Nicholas nicht so einfach zwischen Tür und Angel sagen, daß ich ihn nicht mehr heiraten wollte. Ich konnte auch Fitzwilliam nicht mitnehmen. Das war ganz alleine meine Aufgabe und ich wappnete mich dafür. Wir bestiegen die Kutsche und fuhren in die Stadt. Ich hoffte, ich würde Nicholas im Laden antreffen und ihn zu einem kurzen Spaziergang überreden können. Fitzwilliam würde in Reichweite bleiben, aber sich nicht einmischen, es sei denn, es wäre nötig. Ich hielt Nicholas aber für vernünftig genug, mir keine Szene zu machen. Letztendlich konnte er nichts dagegen tun, nicht wahr?
Mein Herz klopfte wie wild, als die Kutsche vor dem Laden des Tuchhändlers hielt und ich ausstieg. Im selben Moment wäre ich am liebsten wieder schnell eingestiegen, da dummerweise gerade eben meine Stiefmutter mit meinen Schwestern im Schlepp um die Ecke bog und mich natürlich sofort entdeckte.
„Lizzy! Lizzy, was machst du hier?" rief sie auch schon überrascht und eilte näher. Mit einer Mischung aus Bewunderung und Erstaunen sah sie die luxuriöse Kutsche an und das Wappen der Darcys auf der Tür. „Wessen Kutsche ist das, Kind? Ist Miss Darcy bei dir? Und warum hast du uns nicht benachrichtigt, daß du nach Hause kommst?" Fitzwilliam blieb nichts anderes übrig, als ebenfalls auszusteigen und meine Familie zu begrüßen. Fanny fielen fast die Augen aus dem Kopf, als sie ihn sah. Und sonst niemanden außer ihm. Schockierend!
Fitzwilliam fand als erster die Sprache wieder und dachte gleich praktisch. „Mrs. Bennet, erlauben sie mir, ihnen meine Kutsche für die Heimfahrt zur Verfügung zu stellen." Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete er den Schlag und half meiner Stiefmutter hinein, die glücklicherweise zu aufgeregt war im Angesicht des reichen Gentlemans, um sich zu wehren. Mit einer solchen Kutsche zuhause vorzufahren! Das hatte was! Meine Schwestern kletterten ihr hinterher und Fitzwilliam wies den Kutscher an, die Damen nach Longbourn zu bringen und anschließend wieder hierher zurückzukehren.
Wir atmeten auf, als die Kutsche schließlich davonrumpelte. Fitzwilliam drückte noch einmal meine Hand, dann wandte ich mich dem Laden der Hamiltons zu und ging auf leicht zitternden Beinen hinein.
