Als Keaton am Ende der Stunde zurückblieb, war Draco klar, dass es irgendwie mit Astoria im Zusammenhang stehen musste. Er beschied sich daher, ihn erst mal einfach zu ignorieren. Vielleicht hatte er Glück und der junge Gryffindor fand heraus, dass es vielleicht doch nicht so eine gute Idee war, mit seinem Lehrer zu reden. Nur, wie bereits erwähnt, war Keaton ein Gryffindor und die Chancen stranden gering, dass er sich irgendwie auf etwas anderes besann, als das, was er sich bereits in den Kopf gesetzt hatte. Schließlich schien es als hätte Draco keine andere Wahl mehr. Gleich würde der letzte Schüler den Raum verlassen. Er könnte natürlich einfach weiter arbeiten und ihn ignorieren, aber es schien alles in allem eine schlechte Idee zu sein. Schlussendlich war es auch gar nicht nötig, die Initiative zu ergreifen. Kaum war der letzte andere Schüler verschwunden, knallte eine Hand so heftig auf den Tisch hinunter, dass einige Blätter sich hoben und wieder senkten.
„Krümm' der Kleinen nur ein Haar und ich schwöre dir, du wirst dein Leben lang nur noch aus einem Röhrchen essen können." Seine Stimme war leise, aber energisch und drohend.
Draco beendete den Satz auf seinem Papier. Er war sich dessen nicht bewusst, doch in diesem Moment wirkte er wir sein Vater. Kühl, bedacht aber vor allem arrogant. Etwas, was Jonathan Keaton nicht weniger aggressiv machte. Draco war bereits davon ausgegangen, dass er von diesem Jungen irgendwas zu erwarten hatte zur gegebenen Zeit. Es war nur die Frage gewesen, wann er es erfahren würde. Doch er ließ sich nicht bedrohen und schon gar nicht vorwerfen, dass er Astoria irgendwas zu Leide tun könnte.
Die Hand neben ihm auf dem Tisch zitterte. Vor unterdrückter Wut vielleicht. Kaum vor Nervosität. Erst als Draco sich seine eigene Antwort bedacht hatte, wandte er den Kopf zu Keaton um. Sein Blick traf auf zornige, dunkle Augen, sein eigener Blick war jedoch nicht weniger eisig.
„Ich werde es mir merken. Genauso wie ich mir merke wer mich bedroht, ob nötiger oder unnötiger Weise. Seien sie sich im Klaren, Mr. Keaton mit wem sie sich anlegen und ob es gut für sie ist. Sie werde nicht jedes Mal auf jemanden wie mich treffen. Ein anderer könnte weniger gute Gründe haben, sie am Leben zu erhalten. Vielleicht würde ich es mir anders überlegen, wenn ich nicht wüsste, dass Astoria etwas an ihnen liegt. So aber, würde ich sagen, sie sollten jetzt gehen."
Schweigen. Kurz darauf zog Keaton seine Hand ruckartig wieder weg. Er schulterte seine Tasche und wandte sich zum Gehen. Nicht aber ohne seine Drohung noch einmal zu wiederholen.
„Ein Haar."
Was für eine lächerliche Bedingung eine Drohung und was meinte er mit Röhrchen? Er würde Astoria niemals etwas zu Leide tun und jeden töten der auch nur daran dachte. Aber anscheinend schien es diesem Jungen gleich zu gehen. Dracos wandte seinen Blick zur halboffenen Tür, durch die Keaton gerade verschwunden war. Es gefiel ihm nicht.
Astoria blickte auf die Bilder vor sich hinunter. Sie war sich nicht sicher, ob dies eine gute Idee war. Ganz und gar nicht. Aber dennoch schien es ihr das Passendste gewesen zu sein. Nach all den Tieren, die sie durchgegangen war und raus gesucht hatte, schien es ihr das einzige Tier zu sein, mit welchem sie sich genug verbunden fühlte, um sich darin verwandeln zu wollen. Außerdem gab es jetzt sowieso kein Zurück mehr. Sie hatte alles dafür vorbereitet. Professor Grey hatte ihre Entscheidung, wenn auch mit einem Schmunzeln, gut geheißen und heute war die Stunde, in der sie sich alle das erste Mal in einen Animagus verwandeln würden. Natürlich noch unter genauer Anleitung und Unterstützung von Grey, aber heute würde es sein. Sie war als Letzte dran. Natürlich wieder alphabetisch, wie hätte es anders sein können. Aber zumindest gab ihr das mehr Zeit. Zeit zum Vorbereiten oder Zeit zum Zweifeln. Wie sie das schon die letzten zwölf Wochen gemacht hatte. Die Tiere, welche die fünf Schüler gewählt hatten, hätten unterschiedlicher nicht sein können. Valentine hatte sich für eine Nachtigall entschieden. Sie hatten sich nächtelang darüber unterhalten, in denen Val von der Vorstellung geschwärmt hatte, ein so unscheinbares Tier zu sein, welches doch so schön war. Abgesehen davon hatte sie sich über Astorias Entscheidung kaputtgelacht. Eve, eine Ravenclaw mit der sich Astoria ganz gut angefreundet hatte, wollte sich in einen Bären verwandeln. Die Vorstellung war grotesk. Eve war ein zierliches Mädchen mit braunem Haar und Astoria konnte es sich nicht vorstellen, auch wenn ihr William Button, ebenfalls ein Ravenclaw, mehr als einmal versichert hatte, dass Eve durch aus wie ein Bär sein konnte, vor allem wenn sie wütend wurde. Button selbst wiederum wollte eine Schildkröte werden. Er hatte erzählt, dass seine Familie direkt am Meer wohnte und er sich dem Meer verbunden fühlte. John Ceasar hatte sich einen der Klassiker, wie Grey es nannte, ausgesucht. Er wollte sich in einen Fuchs verwandeln.
Draußen war es bereits dunkel und Kerzen erfüllten den Raum über ihnen. Da Grey auch sonst schon einen gut gefüllten Stundenplan hatte als Verwandlungslehrerin, war die Klasse auf die späten Abendstunden gelegt worden und nun, da die Tage bereits kürzer wurden, brachte das schummrige Licht noch mehr den Gedanken an etwas Geheimes mit sich. Astoria mochte das. Sie musste zugeben, dass es tatsächlich Spaß machte, selbst wenn sei bis heute nicht einmal gezaubert hatten. Es auch nicht zu erwarten gewesen, dass sie solange vorbereiten mussten.
„Gut. Alle bereit?" Grey hatte sie in einem Kreis aufgestellt, in dessen Mitte nun Valentine stand. Sie war sichtlich nervös, doch das war wohl jeder von ihnen. Alle Schüler nickten.
„Sehr schön. Dann darf ich sie bitten, Miss Avery."
Astoria schaute Val mit angehaltenem Atem zu wie sie die Formel nochmals repetierte, die Bewegung nochmals übte und erst als sie sich ganz sicher war, alles aneinanderhängte. Erst schien es, als würde nichts passieren, als sich plötzlich ihr Körper in tausende von Funken auflöste. Doch sie verschwanden nicht einfach, sie zogen sich zu einer kleinen Kugel zusammen nur um einen Moment später einen kleinen Vogel aus schimmerndem Licht zu bilden. Das Licht wurde immer blasser und blasser bis ein kleiner, grauer Vogel vor den vier verbliebenen Schülern hockte und ganz vorsichtig vor sich her pfiff. Das leise Piepsen aus ihrem Schnabel entlockte Astoria ein Lachen. Sie hatte es geschafft. Sie war zum Vogel mit der schönsten Stimme geworden, wie sie es sich gewünscht hatte.
„Wundervoll Miss Avery. Lassen sie uns noch einen Augenblick, ja."
Der kleine Vogel wandte sich hüpfend zur Lehrerin um und vollbrachte so etwas wie ein Nicken, was einen fast alle zum Lachen brachte oder wenigstens zum Schmunzeln. Alle schienen erleichtert. Erleichtert, dass Valentine den Beweis erbracht hatte, dass sie bereit waren.
„Wenn sie sich die Federn anschauen, so sehen sie, dass Miss Avery etwas dunklere Federn hat, als eine richtige Nachtigall. Das liegt an ihrem schwarzen Haar und wenn sie vorne die Brust betrachten…", sie setzte ihren Finger vor die Nachtigall Val hin und wartete bis der kleine Vogel darauf gehüpft war, „… sehen sie, dass sie hier eine leicht weisse Brust finden, was eine echte Nachtigall natürlich auch nicht hat. Das kommt von der Schuluniform die sie alle tragen. Würde Miss Avery etwas anderes tragen, würdet ihr etwas anderes sehen."
Grey setzte Valentine wieder auf den Boden.
„Sie dürfen sich dann zurück verwandeln."
Es dauerte wieder einige Augenblicke, bis Valentine wieder in ihrer ursprünglichen Form vor ihnen Stand. Ein breites Lächeln lag auf ihren Lippen, was so ehrlich wirkte, als man es bei ihr kaum einmal sah. Sie sah wirklich glücklich und stolz aus. Applaus erschallte unter den Anwesenden.
„Sehr schön gemacht. Was ihr gerade gesehen habt ist die komplette Verwandlung in ihrer Basisform, wie wir sie gelernt haben. Das möchte ich jetzt von jedem von euch sehen."
Einer nach dem anderen kam nun dran. Vom riesigen Braunbär Eve bis hin zum Fuchs. Nicht jeder schaffte es im ersten Versuch wie Val, aber jeder stand irgendwann in seiner Tierform vor ihnen. Und nun war es an Astoria, sich zu verwandeln.
Ihre Hände waren schweißgetrieben, als sie dort im Kreis stand, die erwartungsvollen Blicke von den vier, die es schon geschafft hatten auf sich liegend. Sie atmete tief durch und schloss die Augen, um sich in ihrem Geist die kleinen Pfoten vorzustellen, die Anatomie, das feine Gesicht. All das, was sie sich in den letzten Wochen eingeprägt hatte. Sie ging nochmals alle Schritte durch in ihrem Kopf und erst als sie sich sicher war, schlug Astoria die Augen wieder auf. Grey nickte ihr kurz zu und Astoria begann. Die Spitze des Zauberstabes berührte ihren Kopf und für einen Moment geschah nichts, wie zuvor schon bei den anderen. Für einen Augenblick dachte Astoria, dass sie etwas falsch gemacht hatte, dann spürte sie ein leises Kribbeln. Ein sanftes Prickeln, das von ihrem Kopf ausging und langsam ihren ganzen Körper überzog. Mit dem Kribbeln kam die Dunkelheit. Erst war es nur ein Schatten über ihrem Blickfeld, dann komplette Schwärze. Als Astoria das nächste Mal etwas sehen konnte, hatte sich der Maßstab komplett verändert. Vor ihr prangte eine tiefe Ritze im Boden, welche sie erst im zweiten Moment als eine Fuge zwischen den Steinplatten erkannte. Schnell wandte sie ihren Blick zu ihren Händen, welche nun als kleine, mit weissem Fell überzogene Pfoten über den Boden wuselten. Die kleinen Nägel, die rosa Haut, sie hatte es tatsächlich geschafft. Nun bemerkte sie auch die Länge ihrer kleinen Schnauze und kam nicht umhin sich auf die Hinterbeine zu stellen und ihre Vorderpfötchen darauf zu legen, um zu sehen ob es auch wirklich war. Die Bewegung löste ein schreckliches Geräusch von oben aus, was sie einen weiten Satz nach hinten nehmen ließ. Ihr kleines Herz pochte wie verrückt vor lauter Schreck und erst im nächsten Augenblick erkannte sie, dass es das Lachen ihrer Mitschüler gewesen sein musste, was sie gehört hatte.
„Ganz ruhig Miss Greengrass, sie haben es geschafft. Sie haben sich in ein Frettchen verwandelt. Ich bin überrascht, sogar die Farbe haben sie hinbekommen."
Astoria musste sich daran gewöhnen, wie die Stimme der Lehrerin tönte, wenn sie selbst so klein war. Dennoch tapste sie mutig zurück in die Mitte des Kreises. Nun da sie sich orientiert hatte, war alles gar nicht mehr so schlimm und sie hörte zu, wie Grey zu erklären begann.
„Wie sie sehen hat Miss Greengrass es geschafft sogar die Farbe zu beeinflussen. Normalerweise nimmt man schlicht die Farbe des Tieres an, mit einigen Musterungen die Hinweise geben, was man vorher getragen hat oder wie die Haarfarbe ist. Gerade bei Frettchen die Farben von Weiss bis fast Schwarz aufweisen können, geht man im Normalfall davon aus, dass das Tier anschliessend ungefähr die Haarfarbe annimmt. Miss Greengrass hat sich aber ein weisses Frettchen ausgesucht und da haben wir sie."
Eine Hand erschien in ihrem Blickfeld und Astoria kletterte geschickt darauf. Es war erstaunlich, wie automatisch sie diesen Körper kontrollieren konnte, doch natürlich war das alles ein Teil des Zaubers. Grey zeigte kurz noch einige Merkmale an ihrem Körper, was Astoria artig über sich ergehen ließ, bevor sie zurück zu Boden gelassen wurde und sich nach einigen Augenblicken zurückverwandelte.
„Danke Miss Greengrass. Nun. Ich bin sehr zufrieden mit ihnen. Sie haben heute eine sehr gute Leistung erbracht. Bis zum Ende des Semesters werden wir uns damit beschäftigen, wie man die Verwandlung selbst beschleunigen kann, ohne dass sich Fehler einschleichen. Im Winter dann wir der Herr vom Ministerium sie in seinem Register erfassen."
Astoria hatte sie noch etwas verwirrt neben Valentine gestellt und hörte einfach nur zu.
„Es ist heute etwas später geworden. Ich werde das gebührend ausgleichen beim nächsten Mal."
Aber nichtsdestotrotz würde es die nächste Stunde geben. Nicht das Astoria etwas dagegen hatte. Sie ging gerne zu Grey. Vor allem zu diesen separaten Stunden. Gerade jetzt, da alles endlich zu einem Ziel führte. Irgendwie hoffte sie, das Draco niemals von ihrer Wahl erfahren würde. Allerdings war sie sich nur zu gut bewusst, dass dieser Wunsch so gut wie unmöglich war. Allein schon wenn man betrachtete wie gut sich Grey und Draco verstanden. Sie hatte ihm bestimmt schon längst davon erzählt. Sie wurden entlassen und Astoria machte sich zusammen mit Valentine auf den Weg in die Kerker.
„Ein weisses Frettchen? Sie will mich zum Gespött der ganzen Schule machen oder?"
Draco nahm einen Schluck vom Whiskey, von welchem er auch Simone angeboten hatte. Diese beantworte seine Worte mit einem Schmunzeln.
„Ich finde es amüsant."
Draco schenkte der Lehrerin einen vielsagenden Blick und erwiderte fürs Erste Nichts darauf. Das würde noch mehr Leute hier amüsant finden. Vor allem jene, welche sich noch an die Sache mit Moody erinnern konnten. Ein Schnauben entfuhr ihm. Auch wenn der Alte nun tot war, diese Sache brannte Draco noch immer unter den Fingernägeln. Und so wie er die Schule kannte, würde sich diese Geschichte wie ein Lauffeuer ausbreiten. Die alte Brühe würde wieder aufgewärmt werden und all die Arbeit, die er sich gemacht hatte, um den Respekt der Schüler zu erhalten, würde wieder zunichte sein.
„Auch wenn ich es nicht ganz verstehe", Simone hatte das Wort wieder ergriffen, „Ich habe ihnen die Aufgabe geben, sie sollen sich ein Tier aussuchen, mit welchem sie sich verbunden fühlen. Ich weiss nicht, wie sie darauf gekommen ist. Wenn sie dich nur damit hätte Ärgern wollen, hätte der Zauber nicht geklappt, da bin ich mir sicher. Um sich in ein Tier zu verwandeln, muss man mehr als nur eine lose Bindung zu einem Tier aufbauen. Man muss sie studieren und lieben lernen. Man muss es wollen. Man kann sich ja später nicht mehr einfach umentscheiden. Aber das weisst du ja."
Draco nickte. Er hatte sich niemals zum Animagus ausbilden lassen. Wann auch? Jede freie Minute seiner Schulzeit hatte er damals auf die dunklen Künste verwendet. Er hatte sich nicht für irgendwelche Kunststücke mit Tieren interessiert. Simones Ausführungen waren ihm nicht ganz neu, aber die Sache mit der Verbundenheit zum Tier hatte er nicht gewusst. War es möglich, dass sie deswegen das Frettchen gewählt hatte? Natürlich kannte sie die Geschichte. Sie war damals schon an der Schule gewesen. Er bemerkte nicht wie ihm bei dem Gedanken ein leises Lächeln auf die Lippen schlich. Sollte sie tatsächlich deswegen gerade dieses Tier gewählt haben? Nicht, dass es etwas an der Wirkung ändern würde, dennoch war der Gedanken auf einmal viel angenehmer.
„Draco? Ich weiss du spielst gerne den schweigsamen Typ, aber ich komme mir gerade albern vor."
„Entschuldige. Ich war nur gerade in Gedanken. Ab Morgen kann ich wieder von vorne anfangen damit mir Respekt zu verschaffen unter den Schülern", gab er der Lehrerin zur Antwort. Trotz der unschönen Vorstellung blieb jedoch der angenehme Gedanke hängen.
„So schlimm würde ich das nicht sehen. Das haben doch die meisten schon vergessen. Nun wie dem auch sei, zerbrich dir nicht den Kopf darüber. Nimm es wie es kommt."
Damit stand Simone auf und verabschiedete sich. Draco blieb allein zurück vor dem prasselnden Feuer seines Kamins. Das Glas Whiskey in seiner Hand, nachdenklich an seine Lippen gelehnt ohne wirklich davon zu trinken. Der Gedanke ließ ihn nicht los. Er wusste, dass Astoria ihn nicht mehr ablehnte. Schon länger. Seit dem Sommer war er sich sicher und all ihre Gespräche, auch wenn sie meistens im Streit endeten, gaben ihm den Eindruck, dass er nicht alleine war mit seinen Gefühlen. Aber diese Vorstellung ließ alles nochmals in einem neuen Licht erscheinen.
Ein Klopfen holte ihn aus seinen Gedanken. Er musste keine Uhr suchen, um zu wissen, dass es viel zu spät war um noch irgendeine Art von Besuch zu erwarten. Entweder war Simone nochmal gekommen oder Filch, weil irgendein Schüler wieder mal die Regel missachtete. Mit einem Seufzen erhob sich Draco von seinem Sessel und stellte das Glas auf den kleinen Beistelltisch. Egal wer es war, das Glas würde sich schlecht machen in seiner Hand, wenn er die Tür öffnete.
Er sollte zumindest zu einem Teil Recht behalten. Es handelte sich um einen Schüler, den die Regeln nicht kümmerten oder besser eine Schülerin. Astoria stand vor seiner Tür. Draco brauchte einen Moment, um zur Seite zu treten und sie einzulassen. Zwei Sekunden in denen er sich fragte, was er zu erwarten hatte. Er wollte es gar nicht wissen, denn in diesem Moment kam der Frust zurück, den Simone kurz verscheucht hatte.
„Kommst du um dich schon vorab mal über mich lustig zu machen?"
Zugegeben der Angriff war nicht ganz fair. Schließlich hatte er noch vor kaum einer Minute ganz andere Gedanken über die Sache gehabt. Auf Astorias Blick war einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Trotz zu lesen. Draco beeilte sich, die Tür zu schließen, aus der Annahme heraus, dass gleich laute Worte folgen würden, die nicht jeder hören sollte.
„Da bin ich schon zu spät, du machst dich selbst lächerlich."
Wohl ein Volltreffer, doch er wäre nicht Draco Malfoy, wenn er sich so etwas einfach eingestehen würde. Sie war schließlich diejenige, die ihn den Löwen zum Fraß vorwarf. Wortwörtlich.
„Ach und du möchtest das natürlich nur unterstützen in dem du alten Geschichten wieder neues Feuer gibst und all das, was ich mir aufgebaut habe wieder zunichtemachst."
„Was du dir aufgebaut hast? Soweit ich weiss, hat dein lieber Daddy dich doch hier reingebracht. Und davon abgesehen weiss ich gar nicht, was ich damit zerstören sollte. Dich mag sowieso niemand als Lehrer. Du bist wie Snape."
Der Schlag sass tief. Draco musste sich zusammennehmen, um an Ort und Stelle zu bleiben. Seine Hände verkrampften sich zu Fäusten und er atmete tief durch, während er sie einfach nur ansah. Er versuchte, sich zu beruhigen und die aufkommende Stille holte Simones Worte zurück in seine Gedanken.
„Ich will es sehen", sagte er schließlich leise und brachte damit Astoria komplett aus dem Konzept, wie es schien. All die Streitlustigkeit war auf einmal wie weggeblasen. Stattdessen stand sie ihm perplex gegenüber.
„Was?"
„Ich möchte es sehen", wiederholte Draco und verlagerte seine Position. Er löste die verkrampften Hände und verschränkte stattdessen die Arme. Es dauerte noch geschlagene zehn Sekunden bis Astoria reagierte und ihren Zauberstab hervorzog.
„Nagut." Ihre Worte waren skeptisch und genauso war es ihr Blick. Draco rührte sich nicht. Sein Herz klopfte. Er wollte tatsächlich dieses Frettchen sehen. Als würde damit der Beweis fallen, dass hinter Simones Worten etwas steckte. Dabei war das völliger Blödsinn. Sie als Frettchen zu sehen würde daran überhaupt nichts ändern.
Er beobachtete sie, wie sie sich vorbereitete. Sichtlich nervös. Sie würde sich verwandeln. Ihre Hände zitterten. Würde sie einen Fehler machen, so würde er ihr nicht helfen können. Das Einzige was er tun könnte, wäre sie zu Simone zu bringen und damit sich selbst und vor allem ihr Ärger einzuhandeln. Wenn es denn nicht zu spät war. Es hatte nicht nur den Grund der Aufsicht, dass ein Register geführt wurde und alles so streng gehalten wurde. Soweit Draco wusste, war die Verwandlung auch mit einigen Risiken verbunden.
Sie begann den Zauber. Risiken, die bis dahin führten, dass man sich nicht mehr zurückverwandeln konnte. Mit einem Schritt war er bei ihr und hatte ihre Hand gefasst.
„Lass es. Ich ...", seine Worte versiegten im Nichts und liessen nur vermuten, was er hatte sagen wollen. Draco selbst fand die Worte nicht mehr. Wie sie ihn ansah, mit ihren erstaunten, großen braunen Augen. Sanft widerspiegelte sich das flackernde Feuer darin und mit einem Mal war sich Draco ihrer der Nähe bewusst. Er stand nah bei ihr. Er konnte ihren Puls am Handgelenkt fühlen. Oder war es das schnelle Pochen seines eigenen Blutes, welches gerade seinen ganzen Körper beherrschte? Er wusste es nicht.
Sein Mund fühlte sich auf einmal trocken an und alle Worte waren wie weggeblasen aus seinen Gedanken. Er vergaß vollkommen, ihre Hand wieder loszulassen, während ein angenehmer Schauer durch seinen Körper fuhr. Sein Blick lag auf ihrem lieblichen Gesicht. Wie sie ihn ansah, den Mund leicht geöffnet, flach atmend, erfüllte ihn erneut das Verlangen. Er wünschte sie zu berühren. Er wollte ihr über die feinen Wagen streichen, seinen Körper an ihren schmiegen und sie halten. Er wollte sie Küssen und diesmal war Nichts da, was ihn zurückhalten konnte. Keine nächste Stunde, kein nächstes Gespräch. Nur der Gedanken daran, dass es nicht richtig wäre. Warum riss sie sich nicht einfach los und ging? Es hätte es einfacher gemacht. Es hätte ihm die Entscheidung abgenommen. Doch sie tat es nicht. Sie blieb, wo sie war. Die Wangen leicht gerötet und noch immer in seinem Blick gefangen.
Das Verlangen siegte über den Verstand. In einer fließenden Bewegung entließ er ihr Handgelenk seinem Griff und ließ seine Hand sachte ihre Rücken hinunter gleiten, während er sich zu ihr neigte und sanft seine Lippen auf ihre legte.
Es war nur eine leise Berührung, doch sie brannte auf Astorias Lippen wie ein kleines Feuerwerk, das sich gleich darauf in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Sie konnte kaum noch atmen unter seiner Berührung, obwohl sie nur so fein war, dass man sie kaum spüren konnte. Die Welt drohte im Nichts zu versinken in der kleinen Ewigkeit, da er sie küsste. Sie konnte nichts tun, als da zu stehen und einen Rausch von Gefühlen über sich ergehen zu lassen. Sie meinte, dass ihr heiß und kalt zu gleich war, ganz abgesehen von diesem dämlichen Schwarm Schmetterlinge der sich wieder einmal zu angenehm anfühlte. Niemals hätte sie gedacht, dass es so wundervoll sein könnte, Draco Malfoy zu küssen.
Viel zu schnell war der Augenblick vorbei. Viel zu schnell lösten sich seine warmen Lippen wieder vor ihren und zwangen sie ihren Augen wieder zu öffnen, welche sich automatisch geschlossen hatten.
In seinen Augen sah sie dieselbe Verlorenheit, welche sie selbst spürte. Das Gefühl, völlig abseits der Welt zu stehen und es kümmerte sie überhaupt nicht. Wer brauchte schon die Welt unter den Füssen, wenn er schweben konnte? Irgendwo in ihrem Kopf flüsterte eine kleine Stimme sarkastisch, dass sie gerade völligen Blödsinn dachte, doch Astoria schob sie beiseite.
Einige Augenblick herrschte schweigen. Schließlich war es Draco, der die Augen schloss und tief durchatmete. Astoria wusste, dass damit der Moment vorbei war. Nun kam die Vernunft. Doch wer wollte schon etwas von Vernunft wissen. Sie waren verlobt. Sie durften das. Sie wollte das und niemand konnte es ihr verbieten. Egal ob offiziell oder nicht!
„Ich denke du solltest jetzt besser gehen."
Und doch widersprach sie nicht. Natürlich war da die Vernunft. Sie war seine Schülerin. Aber auch seine Verlobte! Welche Regeln galten in diesem Fall? Sie wollte es auf die Probe stellen, doch sie machte es nicht. Stattdessen nahm sie mit ihrem immer noch klopfenden Herzen einen Schritt rückwärts und nickte.
Er öffnete ihr die Tür und es war wie in einem Traum. Astoria konnte nicht einmal sagen, ob es ein guter oder ein schlechter Traum war. Noch immer hielt dieses Gefühl an, doch er schmiss sie gerade raus. Mehr oder weniger. Den Kopf gesenkt ging sie zur Tür hinaus und wusste nicht was denken. Schließlich drehte sie sich auf der Schwelle nochmals zu ihm um und versuchte sich an einem Lächeln. Kurz um stellte sie sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass ich mich entschieden habe.", flüsterte Astoria, bevor sie im dunklen Gang der Kerker verschwand.
