20. Januar – Die verlorene Unendlichkeit

„Nick, alter Freund, bist du da?", rief ein kräftiger Zauberer des Nachts in der Nähe des Gryffindorturms durch die Korridore.

„Nicolas?", kam die vorsichtige Antwort. „Bist du das?"

„Wer denn sonst", lachte Nicolas Flamel und sogleich kam sein bester Freund Nicolas de Mimsy Popington (kurz Nick genannt) aus einer Wand geschwebt. Die beiden waren schon seit über 500 Jahren befreundet, seit sie zusammen in Hogwarts gewesen waren und Flamel später als Anwalt für den Fast-Kopflosen Nick gewirkt hatte, um ihm vor dem Tod zu bewahren. Es hatte offensichtlich nicht viel gebracht (aber wenn Nick auch solche Sachen machte…), doch Nick war absichtlich als Geist zurückgekehrt, um mit seinem durch den Stein der Weisen unsterblichen Freund zusammen sein zu können.

„Nicolas, was machst du hier?", wollte Nick nun verwundert wissen.

Flamel machte ein trauriges Gesicht. „Es ist so weit", meinte er schwer. „Ich bin hier, um mich zu verabschieden."

Nick seufzte. „Ich hatte gehofft, dieser Tag würde noch lange nicht kommen. Am besten nie…"

Flamel nickte. „Doch nun ist er hier. Perenelles und mein Elixier reicht nur noch für ein paar wenige Tage und dann müssen wir… sterben…"

„Du hättest den Stein damals nicht zerstören sollen!", rief Nick nun aufgebracht vor Trauer. „Der, dessen Name nicht genannt werden darf, ist trotzdem wiedergekehrt und vereitelt Übel und Schrecken! Es hat nichts gebracht!"

Flamel jedoch blieb ganz ruhig. „Ich weiß, dass es schwer ist, mein Freund, aber es war richtig gewesen, den Stein zu vernichten. Wer weiß, wer sonst noch nach ihm getrachtet hätte. All die Jahre war er nie sicher – nicht einmal in Hogwarts unter Dumbledores persönlichem Schutz… Es ist einfach nicht normal, dem Tod so lange aus dem Weg zu gehen…"

„Aber… was soll ich denn ohne dich machen?", erwiderte Nick niedergeschlagen. „Du bist doch der Grund, warum ich zurückgekehrt bin. Deinetwegen habe ich mich nie vor dem Tod gefürchtet."

„Oh, doch, mein Freund", hakte Flamel sofort ein, „vor dem Tod sollte man immer einen gewissen Respekt haben, sonst wird es dich früher oder später teuer zu stehen kommen…"

Nick wollte etwas sagen, doch Flamel unterbrach ihn sofort. „Was deinen Existenzgrund anbelangt, hast du doch nun einen neuen, wie mir scheint."

„Wirklich?", fragte Nick verwundert. „Welchen denn?"

„Du bist doch der Hausgeist von Gryffindor. Du bist hier, um den Schülern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen." Er lächelte. „Und das, mein lieber Freund, ist das nobelste, was du jemals tun könntest."

Nick seufzte noch einmal, nickte dann aber. „Du hast Recht", meinte er schließlich mit mehr Zuversicht.

„Auf Wiedersehen, mein Freund", sagte Flamel da und öffnete seine Arme.

„Leb wohl", erwiderte Nick und umarmte ihn kurz.

Flamel ließ sich nicht anmerken, dass es sich für ihn gerade angefühlt hatte, als hätte man ihm einen Eimer voll eisigem Wasser über den Kopf geschüttet. Stattdessen lächelte er versucht fröhlich. „Behalte mich in guter Erinnerung und ich habe nicht umsonst gelebt."

„Das werde ich", versprach Nick.

Und mit einem letzten Winken verabschiedete sich Flamel, drehte sich um und ging fort vom Gryffindorturm, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Als Nick ihn nicht mehr erblicken konnte, ließ er sich rückwärts in die Wand sinken, bis er von vollkommener Dunkelheit umgeben war…