Kapitel 20

Jack grinste Ennis über den Frühstückstisch hinweg an. „Ich habe eine Überraschung für dich, Liebling.", sagte er. „Heute machen wir was ganz Besonderes."

„Und was?", fragte Ennis misstrauisch.

Jack faltete die Zeitung und wies auf einen Artikel, über dem groß stand: „Vierzig Prozent auf alle Matratzen und Betten! Nur heute!" „Wir gehen einkaufen und ich kaufe dir ein Einweihungsgeschenk – eine neue Matratze, wir haben doch drüber geredet."

Ennis sah ihn mit einer Mischung aus Scham und leichter Freude an. „Einweihungsgeschenk? Hör auf mit dem Scheiß, ich hab dir schon mal gesagt, dass das unser Haus ist, wir wohnen hier zusammen."

Jack lächelte ihm zu. „Weiß ich ja, En, ich weiß ja, was du meinst… aber ich will dir – uns – ein Geschenk kaufen – eine neue Matratze."

„Okay.", sagte Ennis und schenkte Jack ein resigniertes Grinsen. „Ich seh ja ein, dass die Matratze ausgelutscht und alt ist, wenn du mir – uns – eine neue kaufen willst, beschwer ich mich nicht."

Jack lächelte. „Lass und ein Maßband holen und das Zimmer ausmessen, ich will genau wissen, wie groß es ist, vielleicht können wir ein King-Size Bett reinquetschen."

„Da ich noch nie ein King-Size Bett gesehen habe, hab ich keine Ahnung, aber okay.", erwiderte Ennis und stand auf, um den Tisch abzuräumen.

Lubbock war etwa 150 Meilen von Quanah entfernt, doch da Ennis und Jack die großen Weiten des Westens gewöhnt waren, schien es keine allzu lange Fahrt, und es lohnte sich für die vierzig Prozent auf die Matratze. Sie unterhielten sich angeregt, während sie all die Meilen zurücklegten. Jack fuhr und Ennis beugte sich hinüber und küsste ihn auf die Wange, als versuche er spielerisch, Jacks Augen von der Straße wegzubekommen.

Jack fuhr nach Lubbock hinein und steuerte sicher durch die großen, geraden Straßen der Stadt. Einmal passierte er einen Platz mit einer bronzenen Männerstatue, die eine Gitarre in den Händen hielt. „Wer zur Hölle ist das denn?", fragte Ennis.

Jack sah sie kurz an und dann fiel es ihm wieder ein. „Das ist Buddy Holly, der Rock'n Roll Sänger, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Er kam aus Lubbock."

„Was hat er so gesungen?", fragte Ennis. „Der Name sagt mir nix."

Jack dachte eine Weile nach. „Peggy Sue"… und „That'll be the Day."

"Oh.", erwiderte Ennis. "Ich erinner' mich an diese Lieder." Er besah sich die Statue. „Das ist der Kerl, huh? Eine Schande, dass er getötet wurde."

Jack fuhr näher an die Statue heran und schaute auf das Datum. „1936 bis 1959…" Jack rechnete kurz im Kopf. „Er war 23 – verdammt, das ist noch jung – als er starb."

„Mist.", sagte Ennis. „Ich dachte, das würde ein spaßiger Ausflug, keine Totenmesse."

Jack lachte. "Nur ein wenig lokale Geschichte, Schatz. Ich dachte, es könnte dich interessieren." Er fuhr von der Statue weg und bog in eine breite Straße ein. Er parkte einen Meter vor dem Eingang des Möbelgeschäftes von Lubbock. „Bereit?", fragte er Ennis, während er die Hand an die Türklinke legte.

„Klar.", sagte Ennis. „Geben wir der Verkäuferin ein Gesprächsthema fürs Abendessen."

Sie betraten den Laden, in dem eine große Auswahl an Möbeln stand – rechts die Esszimmer, links die Wohnzimmer. „Matratzen sind meistens hinten.", sagte Jack leise, während er ohne zu zögern den Laden durchquerte.

„Warum flüsterst du denn?", fragte Ennis. „Wir machen doch nichts Illegales."

Jack wandte sich zu ihm um und grinste. „Ennis, ich liebe dich so, verdammt." Plötzlich blieb er stehen und stand einem gutaussehenden Mann gegenüber, der schlank und in ihrem Alter, jedoch etwas kleiner als sie war. Er hatte braune Haare und Augen. Beiden fiel auf, dass er ein wenig steif ging.

„Guten Morgen.", sagte der Mann lächelnd. „Willkommen im Möbelgeschäft von Lu…" Er brach mitten im Satz ab.

Ennis schaute erst den Mann an und dann Jack, der stocksteif dastand und blass um die Nase war.

„Guten Morgen.", versuchte Ennis den fürchterlichen Moment zu überbrücken und herauszufinden, was hier eigentlich los war.

Der Verkäufer schien seine Fassung zuerst wieder zu erlangen. „Guten Morgen.", sagte er und reichte Ennis eine Hand. Ennis schüttelte sie rasch und sah zu Jack hinüber.

„Ray?", fragte Jack noch immer leichenblass.

Der Verkäufer nickte. „Ja, Jack, ich bin es, Ray. Lange nicht gesehen."

Die drei standen eine Weile bewegungslos da, dann fiel Ennis plötzlich unerwartet ein Gedanke ein und er brach mit einem Witz hervor: "Ray? Isst du immer noch so gerne gegrillte Käse-Thunfisch-Tomaten-Toasts?"

Ray schaute ihn ungläubig an, dann brach er in schallendes Gelächter aus. Jack drehte sich mit heruntergeklappter Kinnlade zu Ennis um und stieß atemlos hervor: „Fuck, Ennis, was redest du da?"

Ray, der immer noch lachte, sagte mühsam: „Ja noch immer, ist immer noch mein verdammtes Lieblingssandwich."

Ennis, der nun kicherte, wandte sich an Jack und sagte: „Schätze, das ist dein alter Freund, Ray, oder? Vielleicht solltest du uns einander vorstellen."

„Ach Fuck.", sagte Jack und musste schließlich auch noch über den Witz lachen. Er rang eine Weile nach Atem und sagte dann: „Ennis, das ist mein alter Kumpel, Ray Prevost. Ray, das ist mein Partner, Ennis Del Mar."

„Schön Sie zu treffen.", sagte Ray und schüttelte Ennis' Hand ein zweites Mal. „Ich hab Ihren Namen vor langer Zeit gehört. Nett, endlich ein Gesicht damit verbinden zu können."

„Also wie geht es dir, Ray?", fragte Jack. „Was machst du? Verkaufst du Möbel?"

"Ich mache mehr, als sie nur zu verkaufen.", sagte Ray. „Ich bin der Geschäftsführer." Er hielt inne und wies hinüber zu den Esszimmern. „Habt ihr eine Minute? Ich würde auch gern deine Geschichte hören."

Jack wandte sich an Ennis. „Ist das okay, Kumpel?"

„Klar.", meinte Ennis. „Ich hab keine Eile."

Die drei setzten sich an einen Tisch. „Also.", begann Ray. „Du hast gesagt „Partner". Ich schätze, das heißt, dass ihr zusammen seid?"

Jack nickte. "Ja, seit Mai. Wir leben in Quanah."

"Aber auf dem Rodeoplatz hörte ich, du hast geheiratet."

Jack nickte erneut. „Hab ich auch – Lureen Newsome und dann hab ich mich in Childress niedergelassen." Jack gab eine Zusammenfassung seines Lebens und endete mit ihrer Ankunft in Quanah im Mai. „Ennis brauchte einen Platz für seine Pferde und er hat die Farm und Jobs gefunden – jetzt kaufen wir sie." Sie hatten beschlossen, wenigstens zeitweise bei der Geschichte zu bleiben, dass sie die Farm kauften, wenigstens gegenüber Fremden und flüchtigen Bekannten. Es war einfach leichter, als all die Details über Hal zu erzählen. Ennis dachte außerdem das dieser Teil der Story ein wenig persönlich war und niemanden etwas anging.

„Sieht aus, als hättet ihr einen guten Fang gemacht.", sagte Ray.

„Jap, haben wir. Wir wussten nicht genau, was wir machen sollten, jetzt lassen wir uns nieder." Jack hielt eine Weile inne. "Und du, Ray? Hast du je geheiratet?"

Ray schüttelte den Kopf. "Nein, nach der Zeit mit dir, Jack, wusste ich, für welches Team ich spielte." Er grinste, als er dies sagte. "Ich lebe hier in Lubbock mit einem netten Mann, sein Name ist Elliott. Er ist Arzt."

„Arzt? Wow. Ich hätte nicht gedacht, dass Ärzte mit Cowboys rumhängen."

Ray lachte. "Ja, eine lange Geschichte. Mal sehen... das mit uns war 65, richtig?" Jack nickte. „Naja ich hab noch eine Weile mit dem Rodeo weitergemacht, dann, 67, wurde ich von einem Bullen geworfen. Er trat auf mein Bein und brach es in zwei Teile."

„Autsch.", sagten Jack und Ennis wie aus einem Mund.

„Autsch trifft es gut.", erwiderte Ray. „Sie brachten mich ins Krankenhaus, um es eingipsen zu lassen, aber zu viele Blutgefäße waren eingequetscht – die Ärzte hatten Angst, ich könnte mein Bein verlieren. Sie flogen mich mit dem Hubschrauber zu dem medizinisch-technischen Zentrum hier in Texas. Ich hatte einige Operationen, mein Bein war über Wochen in einer Schlinge." Er wies auf seinen Oberschenkel. „Ich hab einen Metallstift im Knochen."

„Jesus, das hört sich aber böse an.", sagte Jack.

„War's auch aber ich hatte gute Ärzte. Elliott war derjenige, der alle meine Blutgefäße vernähte. Er ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass ich mein Bein noch habe." Er wandte sich an Ennis. „Elliott ist ein Chirurg für Blutgefäße." Ennis nickte bei dieser Information.

Jack lachte. „Du hast dir deinen Freund im Krankenhaus geangelt?"

Ray musste ebenfalls lachen. "Jesus, Jack, ich war in Behandlung. Nein. Außerdem hat er sich eher mich geangelt." Er kicherte. "Als ich aus dem Krankenhaus kam, musste ich monatelang in Reha. An einem Tag aß ich gerade ein Sandwich in der Krankenhaus-Cafeteria, als Elliott hereinkam. Natürlich erinnerte er sich an mich – er hat schließlich genug Zeit damit verbracht, sich meine Zehen anzusehen und sich Sorgen über meine Blutversorgung zu machen, wie also könnte er mich vergessen? Naja, jedenfalls haben wir uns unterhalten und dann getroffen – wir haben uns ein paar Jahre lang verabredet, ehe Elliott sich entschied, dass er es wirklich wollte."

„Was meinst du?", fragte Jack verwirrt.

„Elliotts Geschichte ist typisch.", erklärte Ray. „Er heiratete seine Collegefreundin. Sie fand sich mit dem Schmerz und dem Leid einer medizinischen Ausbildung ab. Dann, als er im vierten Jahr war, begann er eine Affäre mit einer Krankenschwester im OR. Nicht gerade ungewöhnlich, wie Elliott sagte, viele Chirurgen vögeln die Krankenschwestern. Dumm war nur, dass in seinem Fall die Krankenschwester ein Krankenpfleger war." Er hielt inne. „Die Sache kam heraus und er wurde fast heraus geworfen – das einzige, das ihn rettete war, dass der Chefarzt ein umgänglicher Mann war – und Elliott ein verdammt guter Chirurg." Ray setzte sich in seinem Stuhl anders hin und rieb sein Bein. „Jedenfalls versuchte er, sich mit seiner Frau auszusöhnen, er versuchte es hinzukriegen aber er schaffte es nicht – irgendwann ließen sie sich scheiden. Dann hatte Elliott eine Phase, in der er herumexperimentierte – mit Männern und Frauen – um herauszufinden, wer er war. Ich bin in dieser Phase aufgetaucht. Ich hab mich recht schnell in ihn verliebt, aber er brauchte länger, um zu begreifen, was zwischen uns war."

Jack nickte. „Lebt ihr zusammen?"

"Technisch gesehen nicht aber ich bin fünf Nächte die Woche bei ihm. Trotzdem hab ich meine eigene Wohnung. Ärzte sind da etwas konservativ – Elliott glaubt, er müsse nach außen hin wie eine gute Partie wirken. Ich hoffe, er kommt irgendwann zur Besinnung."

„Bist du glücklich?", fragte Jack.

„Bin ich.", sagte Ray. „Unsere Arrangements klappen… er ist ein guter Kerl, wir sind glücklich." Ray grinste sie beide breit an. „Ich kann nicht fassen, dass du hier bist Jack. Es ist schön, dich zu sehen."

"Es ist auch schön, dich zu sehen, Ray." Er hielt inne. „Hör mal, Ray, es tut mir Leid, wenn ich dir weh getan habe…"

Ray schüttelte den Kopf. "Das muss dir nicht Leid tun, Jack. Das war vor elf Jahren. Eine gute Sache an der Zeit ist, dass sie schlechte Erinnerungen verblassen lässt." Er stand auf und lockerte sein Bein, dann sah er Ennis an. „Ich muss mein Bein bewegen. Wenn ich längere Zeit sitze, wird es taub." Er hielt inne und fuhr fort. „Also… ihr seid heute hier…?"

„Um eine neue Matratze zu kaufen.", erwiderte Jack.

Ray nickte. „King-Size, vermute ich?"

"Das hätten wir gerne aber ich bin nicht sicher, ob das Zimmer groß genug dafür ist." Er holte einen Zettel mit den Maßen hervor und zeigte ihn Ray. „Es ist ein lustiges altes Farmhaus und die Türen sind an seltsamen Stellen. Das ist eigentlich die einzige Wand", er fuhr mit dem Finger über die Linie, „wo wir ein Bett gegenstellen können."

Ray sah sich das Bild eine Weile an und überlegte, dann stand er auf und sagte: „Kommt mal mit, ich will euch was zeigen." Sie durchquerten die Halle und hielten vor einem großen Bett aus Kirchbaumholz. „Dieses hier wird Kapitäns-Bett genannt.", erklärte er. „Seht ihr, da sind Schubladen drunter und das Kopfteil ist wie ein Bücherschrank." Er griff hinüber und drückte einen Knopf. „Da ist auch Licht eingebaut."

Ennis besah sich das Bett und seine Augen weiteten sich. Das Ausstellungsstück hatte eine King-Size Matratze und sah aus wie ein Flugzeugträger. „Ich dachte, die Betten von Kapitänen wären eng und gemütlich.", sagte er.

Ray lachte. „Auf Schiffen ja. Das ist die texanische Interpretation. Alles ist groß hier in Texas." Er wies mit der Hand über das Bett. „Die Sache ist die, mit dem Kopfteil da oben braucht ihr keine Nachttische mehr an jeder Seite des Bettes, also habt ihr etwas mehr Platz für ein größeres Bett." Er holte ein Maßband hervor und legte es auf die Matratze, dann besah er sich Jacks Zeichnung. „Das dürfte passen, denke ich und ihr hättet immer noch Platz für dieses kleine Schränkchen." Er wies auf einen kleinen Schrank mit vier Schubladen, das an der rechten Seite des Bettes stand. „Es ist schön, etwas mit ein paar zusätzlichen Schubladen zu haben und man kann eine Lampe darauf stellen. Wenn ihr dann durch die Tür ins Schlafzimmer kommt, wäre das auf der rechten Seite."

„Was meinst du, En?", fragte Jack.

„Es… ist… sehr… schön.", sagte Ennis vorsichtig. „Aber ich hatte kein komplettes Bett erwartet, nur eine Matratze."

Ray strich mit der Hand über das Seitenbrett aus Kirchbaumholz, jetzt war er ganz der Verkäufer. „Ich mag diesen Look.", sagte er. „Es verdeckt den Sprungrahmen, da braucht ihr keine Tagesdecke. Zu viele Rüschen dran, denke ich. Und Ennis, Sie sehen mir nicht wie der Rüschentyp aus."

Ennis errötete und schüttelte den Kopf. „Nein, bin ich nicht. Aber ich wusste auch nicht, dass ich der Kapitäns-Bett-Typ bin."

Ray betrachtete das Bett und hatte die Hände in die Hüften gestemmt. „Das ist eines meiner Lieblingsstücke im ganzen Laden.", sagte er. „Sieht für mich aus, wie ein Bett für Männer. Echt hübsch."

Es brauchte noch etwas mehr von Rays überzeugender Verkäuferpersönlichkeit, doch am Ende kauften sie das Bett, das Schränkchen, eine Truhe für die Decken und einen Wandschrank. „Warum nicht?", meinte Jack. „Wo wir einmal dabei sind… eine Sache mehr oder weniger..." Es half, dass alles um vierzig Prozent reduziert war, wie es in der Anzeige gestanden hatte. Ray, der Geschäftsführer, ging sogar noch einmal zehn Prozent runter."

Danach war der Kauf der Matratze ein Kinderspiel. Als ehemaliger Rodeoreiter mit einem schlimmen Rücken und kaputten Bein wusste Ray exakt, wie Jacks Rücken sich anfühlen musste. „Ich könnte dir das Blaue vom Himmel erzählen.", sagte er. „Aber vertrau mir, diese Matratze ist genau die, die du haben willst. Schön fest und mit einem weicheren Ende." Jack und Ennis legten sich auf die Matratze, um die zu testen, kicherten ein wenig und sahen sich an. Es war gut, dass der Laden so gut wie kundenfrei war und Ray sich aufführte, als hätte er alle Zeit der Welt.

Am Ende mussten sie sich noch über die Lieferung einigen. „Ich habe meinen Truck mitgebracht.", sagte Jack. „Aber ich glaub nicht, dass das alles da drauf passt."

Ray schüttelte den Kopf. „Nein, und bei diesem schönen Kirchbaumholz wollt ihr es sicher ordentlich verpackt haben.", erwiderte er. „Hör mal. Normalerweise liefern wir nicht bis Quanah, aber weil das ein gutes Geschäft ist und du ein alter Freund bist, kann ich das einrichten. Geht alles klar. Wäre morgen okay?"

"Das ist echt nett von dir, Ray.", sagte Jack. „Morgen ist super."

„Der Lieferant kann die alte Matratze auch mitnehmen, wenn ihr wollt.", sagte Ray. „Manchmal ist es echt nicht leicht, sie loszuwerden."

Jack wandte sich an Ennis. „Jetzt denke ich müssen wir noch Bettdecken kaufen. Nichts im Haus wird auf dieses Bett passen."

Ennis nickte und Ray sah sie an. „Direkt am Ende der Straße gibt es einen netten Laden namens „Leinen und mehr". Die Besitzerin ist Julie O'Brien, sie ist eine Freundin von mir. Sagt ihr, ihr habt ein Kirchbaumholz-Kapitäns-Bett gekauft. Sie wird bestimmt ein paar gute Vorschläge für schöne Laken haben. Was Dunkles wäre gut… vielleicht kariert."

„Nicht weiß?", fragte Ennis. Er wandte sich an Jack. "Farbige Laken?", sagte er, als habe er davon noch nie gehört.

Jack lächelte ihn an und sagte mit sanfter Stimme: „Betrachte es als ein neues Abenteuer, Liebling, als etwas, was wir noch nie vorher gemacht haben." Er drehte sich zu Ray um und streckte die Hand aus. „Ray, danke für alles. Das war toll von dir."

Ray erwiderte sein Lächeln. "Jack, danke." Er schrieb etwas auf einen Zettel. „Das ist meine Telefonnummer, falls du in Kontakt bleiben willst.

Jack nickte und steckte den Zettel in die Tasche. „Danke Ray… obwohl Quanah etwas weit weg ist."

„Das verstehe ich." Er hielt inne. "Aber, wenn ihr je einen kostenlosen ärztlichen Rat braucht, ruft einfach an. Und vielleicht habt ihr im nächsten Frühling Lust auf eine Umgestaltung des Wohnzimmers. Wenn das so ist, hoffe ich, dass ihr vorbei kommt. Ich mach euch ein gutes Angebot."

Jack grinste. „Ray, das würden wir ganz sicher tun. Danke nochmal."

Jack und Ennis wandten sich um und verließen den Laden, dann gingen sie den Bürgersteig entlang zum Leinengeschäft. „Verdammt kleine Welt, oder En?", sagte Jack.

„Aber echt.", erwiderte Ennis. „Wir kaufen ein Bett von deinem Exfreund? Gottverdammt, das schreib ich in mein Erinnerungsbuch."

„Verdammt richtig, Cowboy.", lachte Jack. „Jetzt lass uns ein paar Laken kaufen."

Am nächsten Morgen brachten sie die alten Möbel aus dem Schlafzimmer und lagerten sie auf dem Dachboden ein. Die Matratze und den Sprungrahmen hievten sie die Treppe herunter, damit der Lieferant sie mitnahm. Als das getan war, putzte Ennis den Hartholzboden auf Händen und Knien, nahm das Bohnerwachs und verrieb es mit der Hand. Als er fertig war, glänzte das Zimmer. Sieht gut aus, Cowboy.", meinte Jack anerkennend.

„Naja, ich dachte, wenn wir das große Bett erstmal hier drin haben, dauert es Jahre, ehe wir es wegbewegen, um den Boden zu reinigen."

„Da hast du sicher Recht.", lachte Jack.

Die Lieferanten kamen kurz vor dem Mittagessen. Sie schleppten die Möbel die Treppe hinauf und bauten das Bett auf. Dann legten sie die Matratze an ihren Platz, entfernten all die Plastikverpackungen und knüllten sie zu einem Haufen zusammen. Jack gab jedem ein Trinkgeld von 10$ und schlug vor, dass sie zum Mittagessen in das Barbecuerestaurant an der Mainestreet einkehren sollten.

Danach brachten Jack und Ennis ihre Unmengen an neuen Laken nach oben. Jack hatte alles am Tag zuvor gewaschen, um die Chemie aus den Laken und Spannbetttüchern zu bekommen. Sie bezogen gemeinsam das Bett, lächelten sich zu und dachten zurück an den Tag im Mai, als sie dasselbe getan hatten. „Dieses Bett sieht so verdammt groß aus.", grinste Ennis. „Wie soll ich dich da finden, Cowboy?"

Jack ließ sich auf das Bett fallen und zog Ennis auf sich. „Ich denke, du schaffst das schon, Schatz.", sagte er lachend.

Sie rollten sich gemeinsam herum, lachten und küssten sich. Dann beugte Jack sich zurück du sah tief in Ennis' Augen. „Willst du das Bett einweihen?", fragte er grinsend.

„Eigentlich nicht.", erwiderte Ennis. „Ich will Mittagessen, dann was anderes machen – vielleicht reiten oder schwimmen – und mit dir über das große Bett reden." Seine Stimme wurde eine Spur tiefer. „Ich will ein paar Vorschläge sammeln, was ich mit dir machen werde, um das Bett einzuweihen."

Jack sah ihn an und ein Anflug von Verlangen wuchs in seiner Brust. Er liebte es, wenn Ennis diesen bestimmenden Ton in der Stimme hatte. Als hätte Ennis seine Gedanken gelesen, rollte er sich auf Jack, presste seine Schultern auf das Bett und küsste ihn hart, wobei er seine Zunge tief in dessen Mund schob. „Das war ein kleiner Vorgeschmack, damit du noch warten kannst.", sagte er, neigte sich zurück und schenkte Jack einen flammenden Blick.

„Ich hab dreizehn verdammte Jahre gewartet, En.", erwiderte Jack leise. „Da machen mir ein paar Stunden mehr auch nichts aus."

„Und heute Nacht werd' ich dich auch warten lassen.", sagte Ennis mit dunkler, rauer Stimme. „Ich lass dich warten, bis du darum bettelst."

„Wenn du weiter so redest, bettele ich schon in fünf Minuten darum.", sagte Jack, hob plötzlich seine Arme und Schultern und warf Ennis auf den Rücken. Diesmal war Jack es, der Ennis auf die feste Matratze presste. „Dieses Spiel können zwei spielen, Schatz.", sagte er und drückte seinen Mund auf Ennis'.

So neckten sie einander noch eine Weile, dann lösten sie sich schwer atmend voneinander. „Bist du sicher, dass du warten willst?", fragte Ennis mit dunklen, glänzenden Augen.

„Ich bin sicher.", sagte Jack. „Ich weiß, du machst deine Sache gut." Er stand auf und versuchte, die Erektion in seiner Hose zu ignorieren. Dann schaute er auf Ennis und bemerkte an ihm dasselbe. „Was willst du zum Mittagessen?", fragte er zwinkernd. „Hot Dogs?"

Sie entschieden sich dafür, erst reiten und dann schwimmen zu gehen. Am Fluss banden sie die Pferde an einem Baum an und nahmen ihre Sättel ab. Sie hatten ein paar Bierflaschen in der Satteltasche mitgenommen und legten sich auf einer Decke in die Sonne. Jack rieb faul etwas Sonnencreme auf Ennis' Rücken.

„Jack?", fragte Ennis. „Kann ich dich mal was Persönliches fragen?"

Jack kicherte leise. "En, ich glaub nicht, dass es noch ein Thema gibt, über das wir an diesem Punkt des Spiels nicht reden könnten."

Ennis rollte sich herum und sah ihn an. „Es ist mir etwas peinlich, dass zu sagen aber ich möchte es gerne wissen…" Er hielt inne. „Naja bei dir und mir bin ich es ja meistens, der dich fickt, oder nicht?"

Jack nickte. „Uh huh."

"Die einzigen Male, wo du mich gefickt hast... nun, die kann ich fast an einer Hand abzählen. Es ist nicht allzu oft."

Jack nickte wieder. „Das stimmt, En. Und meistens ist das, wenn du ziemlich betrunken bist und ich ziemlich erregt... und wenn du… sagst, dass du müde bist. Es ist, als würdest du mich dann die Arbeit machen lassen."

„Macht's dir was aus?", fragte Ennis. „Macht's dir was aus, dass immer ich die Sache in die Hand nehme?"

Jack schüttelte den Kopf. „Ich mag es auf diese Weise. Wenn es mir was ausmachen würde, hätte ich das gesagt. Hab ich das je gemacht?"

Ennis verneinte. „Nein, hast du nicht.", er hielt inne. „Gut, dann komme ich jetzt zu der persönlichen Frage. Bei dir und Ray – war das wie bei uns? Hat er dich gefickt?"

Jack schüttelte den Kopf. "Nein."

Ennis lehnte sich zurück und stützte sich auf seine Ellenbogen. „Hab ich auch nicht gedacht. Er sah nicht aus, als wär er der Typ dafür. Also warst du der Aktive."

„Eigentlich haben wir nie gefickt, En.", erwiderte Jack.

Ennis setzte sich gerader hin und sah Jack an. „Nie gefickt? Du hast gesagt, ihr ward sechs Monate zusammen. Was habt ihr denn die ganze Zeit gemacht? Karten gespielt?"

Jack grinste. „Nein, wir waren schon zusammen. Hatten Oralsex. Und weißt du, diese Sache, bei der man sich gegenüber liegt? Das, was wir auch ein paar Mal gemacht haben? Das haben wir oft getan. Ray mochte es so."

Ennis sah Jack an, als könne er ihm immer noch nicht recht glauben. „Nie gefickt? Echt nicht?"

"Echt nicht. Ray wollte es absolut nicht... mich ficken, meine ich. Er sagte, es wäre okay für ihn, wenn ich ihn ficke aber… das ist einfach nicht natürlich für mich, En. Die Male, als ich es bei dir gemacht habe…" Er hielt inne, um zu überlegen, als suche er die richtigen Worte, um seine Gedanken auszudrücken. „Mit dir ist es so anders, ich will in dir sein, weil ich dich so sehr liebe und ein Teil von dir sein möchte. Und manchmal ist das der einzige Weg, um dieses Verlangen vollkommen zu befriedigen. Es ist nicht oft so, nur ab und zu… aber wenn es so ist, dann brauche ich das." Er lächelte Ennis zu. „Macht das Sinn?"

Ennis nickte. „Ja, ich denke schon."

Jack fuhr fort. "Ray habe ich nie geliebt, also schätze ich, dass dieses Verlangen niemals da war... diese Sache, die mich zu so etwas treibt."

Ennis sah Jack eine Weile nachdenklich an. „Was ist denn befriedigend für dich?", fragte er. „Ich meine Oralsex und diese Handarbeit – hat das funktioniert?"

„Hat es. Es funktionierte. Aber ich wusste, was ich mit dir hatte... wie es sein konnte. Ich hab dir ja gesagt, dass ich mit Ray Schluss gemacht habe, weil ich gemerkt habe, dass ich dich liebe. Der Sex war auch ein Teil davon neben dem Gefühl in meinem Herzen."

Ennis grinste belustigt. „Was denkst du, macht er mit seinem Doktorfreund? Seinen Schwanz lutschen und es ihm mit der Hand besorgen?"

Jack musste kichern. „Vielleicht… aber ich vermute, er ist Dr. Ficker. Immerhin ist er Chirurg. Das sind ziemlich bestimmende Typen, vielleicht ist er auch im Schlafzimmer der Boss."

Ennis lehnte sich zurück und starrte in den Himmel. „Wer weiß? Es gibt verschiedene Typen von Schwulen, also wer weiß?" Er hielt inne, dann lächelte er Jack zu. „Wir haben echt Glück, dass wir kompatibel sind."

"Sind wir, aber um ehrlich zu sein, En... das ist eine Sache, die ich so an dir mag."

„Was?", fragte Ennis, der ihm nicht folgen konnte.

„Man merkt es, En. Du bist ein aggressiver Typ. Du scheinst sanft und ruhig zu sein aber du hast Feuer unterm Hintern. Das finde ich sexy."

„Und du wusstest, dass ich dich ficken würde?", fragte Ennis.

„Ich hatte das Gefühl…"

„Das ist erstaunlich, Jack.", grinste Ennis. „Wo ICH ja nicht mal wusste, dass ich dich ficken würde."

Jack lachte. „Du wusstest ja auch nicht, dass du schwul bist, En. Hättest du das gewusst, hättest du auch sicher darüber nachgedacht."

Ennis lehnte sich zurück und wurde plötzlich ruhig. Dann mit leiser Stimme, fast als schämte er sich, sagte er: „Ich hab Alma in den Arsch gefickt."

Jack musterte ihn. „Sie hat dich das tun lassen? Die meisten Frauen finden..." Er beendete den Satz nicht.

„Ich hab sie nicht gefragt, hab's einfach gemacht." Er sah Jack reumütig an. „Das ist diese aggressive Seite, oder?"

„Stimmt. Hat sie dir gesagt, dass du aufhören sollst?"

Ennis schüttelte den Kopf. "Nein, sie hat nie was gesagt."

Jack drehte sich um und sah Ennis direkt ins Gesicht. „En, ich will nicht über dich urteilen oder was über dich und Alma sagen, aber ich denke… ich denke, es ist besser, dass du mit mir zusammen bist. Ich denke, ich bin etwas stärker und kann besser mit dir umgehen."

Ennis nickte. „Da hast du sicher Recht. Ich hab versucht, vorsichtig zu sein, aber manchmal haben mich meine Gefühle einfach übermannt. Ich hab mir Sorgen gemacht, ob ich ihr wehgetan habe."

„Naja, das ist vorbei, jetzt musst du nicht mehr darüber nachdenken. Und wenn du zu grob mit mir umgehst, sag ich dir die Meinung."

„Das ist aber noch nicht passiert, oder?", fragte Ennis.

„In dreizehn Jahren nicht, Cowboy.", sagte Jack.

Ennis wandte sich zu Jack um und grinste ihn versaut an. „Das gibt mir Gelegenheit, mir etwas vorzustellen.", sagte er. „Wir haben das große Bett, viel Platz – vielleicht fessele ich dich."

Jack zwinkerte ihm zu. „Ich hab mich schon gefragt, worauf du wartest.", sagte er.

Ennis kam ins Schlafzimmer und trocknete sich mit einem Handtuch das Haar. Jack lag auf dem Bett, hatte sich ein paar Kissen in den Rücken gelegt und nippte an einem Bier.

„Du lebst dein Lotterleben, was?", grinste Ennis.

„Ich hab dir auch ein Bier mitgebracht.", sagte Jack und wies auf die Flasche. „Da auf der Kommode."

Ennis nahm sie und trank einen Schluck. „Wann renovieren wir eigentlich das Bad?", fragte er. „Ich weiß nicht, wie lange ich es mit dieser Handdusche noch aushalte."

„Wann immer du damit anfangen willst, Cowboy.", erwiderte Jack. „Ich denke, du hast mehr Ahnung von Renovierungen als ich."

„Aber ich hab auch noch nie ein Bad renoviert. Trotzdem ist Bauen ja Bauen... ich find schon raus, wie das geht." Er hielt inne und sah Jack an. „Ich finde, wir sollten alles neu machen – die Toilette, das Waschbecken – und nicht nur die Dusche."

Jack nickte. „Ist wohl sinnvoll. Alles hier drin ist sicher vierzig Jahre alt."

„Na dann", überlegte Ennis, „müssen wir nen Plan machen – ich kann nicht tagelang ohne Klo leben."

Jack lachte. „Wo liegt das Problem, Cowboy, hast du vergessen, wie man in die Büsche kackt?"

Ennis musste ebenfalls lachen. "Jap, nach Monaten, in denen ich mit dir in einem Bett geschlafen hab und nur den Flur runter gehen musste, um zu pissen, bin ich ein neuer Mensch, Jack Twist. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich je wieder in einem Zelt vögeln könnte."

Jack grinste ihn an und schwang die Beine über die Bettkante. „Zieh dich an, En. Lass uns zum Barbecue ausgehen. Mir ist nicht nach kochen."

„Hört sich gut an.", sagte Ennis, öffnete den Wandschrank und wählte ein Hemd aus. „Ich bin in einer Minute fertig."

Eine halbe Stunde später betraten sie das Barbecue-Restaurant. Sie sahen, dass ihre Lieblingsecke unbesetzt war. Dann nahmen sie Jeanie Campbell ins Auge und sie nickte, um ihnen zu bestätigen, dass sie dort sitzen konnten. Als sie ihre Sitzplätze einnahmen, kam Jeanie mit zwei Bier herüber. „Das Essen geht heute aufs Haus.", sagte sie. „Das Übliche?"

Beide nickten, doch Jack fragte: "Warum kriegen wir kostenloses Essen?"

„Naja.", meinte sie. „Ihr habt doch was zu feiern, nicht?"

Jack musterte sie. "Ähhhhm, was? Hat einer den Möbelwagen gesehen?"

Sie lachte. „Ja ganz recht. Und die Lieferanten haben hier zu Mittag gegessen, also weiß ich sogar, was ihr für Möbel gekauft habt." Sie zwinkerte ihnen zu, als sie dies sagte. „Aber wegen eines neuen Bettes, bekommt man kein kostenloses Essen. Hier geht's um mehr."

Beide sahen sie verwirrt an und fragten sich, was wohl die Überraschung war.

„Gestern wurde Hals Testament vom Gericht abgezeichnet. Die Neuigkeiten sind schon rum. Glückwunsch, Ennis.", sagte sie.

Ennis sah zur Boden und errötete. „Danke, Jeanie. Ich kann es selbst noch nicht fassen."

Jack lächelte Jeanie zu. „Tom hat es uns nach der Beerdigung gesagt, deshalb hatten wir ein paar Wochen, um es sacken zu lassen… aber es ist so aufregend. Wir sind immer noch etwas geschockt."

Jeanie grinste. „Kann ich mir vorstellen – aber ich kann mir keine zwei netteren Jungs vorstellen, denen das hätte passieren können." Sie hielt einen Moment inne, dann fügte sie hinzu: „Erinnert ihr euch daran, als wir uns im Haus unterhalten haben – als ich sagte, dass es gut für eure Integration in der Gemeinde wäre, wenn ihr Hal zu euch nach Hause holt?" Beide nickten. „Nun, das hier setzt dem ganzen wohl die Spitze auf. Hal hatte viele Freunde in der Stadt. Wenn er euch genug mochte, um euch die Farm nach 100 Jahren zu geben… naja... ihr wisst, was ich sagen will."

„Ich weiß, was du sagen willst, Jeanie.", sagte Jack. „Aber ich glaube nicht, dass wir unsere Meinung über das Arschloch Norm Crocker je ändern werden." Er hielt inne. „Oh, entschuldige meine Wortwahl. Aber ich habe Mitleid mit dem nächsten schwulen Kerl, der versucht einen Kredit von ihm zu bekommen."

Jeanie stand da wie erstarrt und war käseweiß geworden. „Habt ihr's denn nicht gehört?"

„Was gehört?", fragte Jack. „Wir waren die ganze Zeit auf der Farm, haben unsere neuen Möbel geliefert bekommen und waren schwimmen."

Jeanie nickte und hob dann einen Finger. „Wartet mal." Sie ging hinüber zur Kasse und kam mit einer Zeitung zurück. „Es war eine solche Schlagzeile, dass es auf der ersten Seite des Lubbock Avalanche Journal gedruckt wurde."

Sie legte die Zeitung vor Jack auf den Tisch. Er besah sich die Zeitung und langsam sickerten die Worte in sein Bewusstsein. „Ach du heilige Scheiße.", sagte er gedämpft.

Ennis sah ihn an. „Was denn? Was ist passiert?"

Jack drehte die Zeitung und schob sie über den Tisch zu Ennis. Ennis besah sich zuerst das Bild, ein unscharfes Schwarz-Weiß-Foto einer unförmigen Masse Stahl, die einst ein Truck hätte gewesen sein können. Seine Augen flogen zur Überschrift, die in großen schwarzen Lettern gedruckt war: „Bankier aus Quanah bei Zugunglück ums Leben gekommen" „Was?", fragte Ennis, der immer noch nicht begriff.

Jack zeigte auf die Worte. „Bankier aus Quanah – Norm Crocker. Er wurde letzte Nacht getötet, als sein Truck auf einem Bahnübergang stehen blieb und er von einem Güterzug gerammt wurde. Er wurde 180 Meter über die Gleise geschleift, ehe der Zug anhalten konnte."

„Heilige Scheiße.", sagte Ennis.

„Heilige Scheiße stimmt.", erwiderte Jeanie. „Ich rede nicht gerne schlecht über Tote aber in diesem Fall ist es wirklich verdient."

„Was genau ist passiert?", fragte Jack, der die Zeitung nicht vor sich liegen hatte, um zu Ende zu lesen.

„Norm hatte ein paar gute alte Freunde, mit denen er gelegentlich trank. Gestern Nacht, als er ziemlich zu war, hat er den Truck abgewürgt. Andere sagen, er hätte einen Platten gehabt und es sei nur ein unglücklicher Zufall gewesen, dass es auf dem Bahnübergang passiert ist. Wie auch immer", sie hob die Schulter, „jedenfalls kam ein Güterzug gerade vorbei mit 45 Meilen die Stunde und der hat Norms Truck einfach erfasst und zusammengequetscht wie ein Spielzeug."

„Jesus.", sagte Jack. „Ich hab den Kerl für einen Idioten gehalten aber ihm nie den Tod gewünscht."

„Jack", erwiderte Jeanie, „glaub mir, du bist nicht der Einzige, der Norm Crocker gegenüber so eingestellt war. Die meisten Leute in der Stadt hielten ihn für einen Idioten."

„Ehrlich?", fragte Jack.

„Ehrlich.", antwortete Jeanie. „Ich dachte immer, Banken hätten die Aufgabe, den Leuten Geld zu leihen aber so wie Norm Crocker gearbeitet hat, hatte man nen anderen Eindruck. Ich weiß, dass ihr sauer ward, als er euch abgelehnt hat, aber glaub mir, ihr ward nicht die Einzigen. Meine Freundin Sue Ellen wollte einen Kredit haben, um ihren Beautysalon zu eröffnen – er lehnte ab, weil er fand, dass Frauen nicht arbeiten, sondern zu Hause bei den Kindern bleiben sollten. Eine andere Freundin, die geschieden ist, bekam dieselbe Moralpredigt wie ihr. Und wenn deine Haut nicht kalkweiß ist – vergiss es." Sie schüttelte den Kopf. „Da denkt man, dass ein Bankier ein in der Gesellschaft fest verankertes Mitglied ist, doch Norm – der hatte echt Dreck am stecken. Die Leute werden ihm nicht eine Träne nachweinen."

„Nun, das ist echt mal was Neues.", sagte Jack.

Jeanie nickte. „Die Beerdigung ist in zwei Tagen, falls ihr hingehen wollt."

Jack lächelte schwach. "Ich glaub, ich verzichte."

„Du und ein Großteil der Stadt.", sagte Jeanie. „Ich sag euch, ich denke nicht, dass die Kirche auch nur annähernd so voll wird wie bei Hal Lawrences Beerdigung."

Während Jeanie und Jack geredet hatten, hatte Ennis den Zeitungsartikel zu Ende gelesen. Er sah auf zu Jack. „Ich kann es verdammt nochmal nicht fassen."

"Ich weiß, es ist unglaublich.", erwiderte Jack.

„Jack, ich denke da an Tom und seine Philosophie. „Es gibt keine Zufälle…" Haben wir das passieren lassen?"

Jack musterte Ennis. Ennis' Gesicht war blass und seine Augen hatten einen verängstigten Glanz, den Jack noch nie zuvor gesehen hatte. Jack sah sich rasch im Restaurant um und erkannte, dass Jeanie sie von den anderen Gästen abschirmte. Also griff er hinüber und nahm Ennis' Hand in seine eigene, da er das Gefühl hatte, Ennis brauche im Moment den physischen Kontakt. „Babe, du – wir – haben gar nichts getan. Unser Weg hat Norms vor drei Wochen gekreuzt und das war's auch schon. Letzte Nacht war seine Zeit gekommen und mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Vielleicht gibt es keine Zufälle aber das war auch nichts, was uns betroffen hätte."

Ennis nickte und seine Wangen nahmen langsam wieder Farbe an. „Danke, Babe.", sagte er sanft. „Du hast Recht."

Jeanie nahm die Zeitung. „Ich hol euer Essen. Bin gleich zurück.", sagte sie.

Sie ging fort und Ennis zog seine Hand weg, um sie in seinen Schoß zu legen. Er grinste Jack schwach an. „Es ist verdammt unfassbar."

"Ist es.", sagte Jack. "Ja, das ist es."

Norm Crockers Tod wurde zu dem Ereignis, das das erste Kapitel ihres gemeinsamen Lebens abschloss. Ein paar Tage später sah Jack auf den Kalender und erkannte, dass vier Monate vergangen waren – vom 15. Mai bis zum 15. September – von der Nacht in Don Wroes Hütte bis zu Norm Crockers Todestag. „Genau vier Monate, En.", sagte er. „Irgendwie fühlt es sich an wie vier Jahre."

"Aber irgendwie auch wie vier Tage.", erwiderte Ennis.

Jack nickte. „Ich weiß, was du meinst. Aber trotzdem..." Er wandte sich um und sah Ennis nachdenklich an. "Muss ich sagen, dass ich hoffe, dass der Rest unseres Lebens nicht so aufregend wird wie die letzten vier Monate."

„Was war daran aufregend?", fragte Ennis zwinkernd. „Wir sind umgezogen, haben geheiratet, du wurdest geschieden, meine Töchter haben uns drei Wochen besucht, ich hab herausgefunden, dass ich schwul bin, Leute sind gestorben, wir haben eine Farm geerbt… ist das nicht Alltag?"

Jack lächelte ihm zu. „Das einzige was fehlt, ist eine Geburt." Und aus dem nichts klingelte das Telefon. „Lazy L, hier ist Jack.", sagte er, als er den Hörer aufnahm.

„Jack, hier ist Tom.", kam es durch die Leitung. „Ich rufe nur an, um zu sagen, dass Janet ihr Baby bekommen hat. Es ist ein kleines Mädchen, ca 7 Pfund schwer. Ihr Name ist Kendra."

"Tom, das ist ja toll.", sagte Jack. „Geht es Janet gut?"

„Sie ist wohlauf.", erwiderte Tom. „Eine recht einfache Geburt, nur drei Stunden lang. Sie hat Kendra in zwanzig Minuten herausgepresst. Vielleicht kommt sie Morgen schon nach Hause."

"Nun, grüße sie schön von uns, ja? Ennis hat eine Schwäche für Töchter. Gib Kendra einen Extra-Kuss von ihm." Sie unterhielten sich noch eine Weile, dann legte Jack auf. Er schaute Ennis an. „Wäre das auch erledigt. Jetzt haben wir auch eine Geburt." Er erzählte Ennis die Einzelheiten über Toms Tochter.

Ennis sah Jack lächelnd an. „Weißt du, was wir auch den ganzen Sommer lang gemacht haben?"

„Was?", fragte Jack,

„Wir hatten viel zu feiern. Bei fast allem, was passiert, schaffen wir es, es als einen Grund zum Feiern zu nehmen" Er ging zum Kühlschrank und nahm eine Sektflasche heraus.

„Und…?", fragte Jack und zwinkerte Ennis aufmunternd zu.

Ennis zwinkerte zurück. „Ich denke, wir sollten feiern, dass Kendra Lawrence jetzt mit uns auf dieser Erde lebt." Er nahm zwei Gläser aus dem Regal. „Oder nicht?"

"Da sag ich nicht nein, Cowboy.", erwiderte Jack und knöpfte sein Hemd auf, während er zur Treppe hinüber ging.