Kapitel 21 - Das Urteil

„Darf ich bitten, schöne Frau?" Lisa zuckte zusammen und sah erschrocken auf. Nein, sie träumte nicht, Vor ihr stand tatsächlich ein Mann, sah sie auffordernd an und streckte ihr die Hand entgegen. Und so genau sie auch hinsah, sie konnte niemanden anders in diesem Mann erkennen als - Rokko Kowalski. Mit großen verblüfften Augen sah sie ihn an. Warum tat er das? Was wollte er damit bezwecken? „Hey, würden sie sich bitte jetzt dazu durchringen, meine Frage zu beantworten, sonst ist nämlich das Stück zu Ende!" Rokko grinste Lisa schelmisch an, die es immer noch nicht fassen konnte. Rokko hatte sie tatsächlich angesprochen. Da sie nicht in der Lage war, ein Wort zu sagen, nickte sie nur, stand auf und streckte Rokko nun auch die Hand entgegen. Der nahm sie sofort und drückte sie ganz fest.

Es gab kein Zeitgefühl mehr. Es gab keine anderen Menschen mehr, weder auf der Tanzfläche noch sonst irgendwo. Rokko sah nur noch Lisa. Seine Lisa, die ihm fortwährend ungläubig ins Gesicht starrte. Sie hatte immer noch diese wunderschönen blauen Augen. Aber sie sahen traurig aus. Er blickte in das Gesicht einer Frau, in deren Zügen tiefe Zweifel lagen, und die keinerlei Selbstachtung mehr zu haben schien. Wo war sie nur hingekommen, diese wunderbare Frau? Rokko sah in Lisas Augen und spürte, dass Jürgen Recht gehabt hatte mit allem, was er ihm heute am Nachmittag über sie gesagt hatte. Ja, sie hatte ihm wirklich eine Menge angetan, fast seinen glauben in die Liebe und das Leben zerstört. Doch der Blick in ihre Augen zeigte ihm, dass sie am ende genau so gelitten hatte wie er. Am Ende war ihr glück genau so zerbrochen wie das Seine am Tag ihrer Fast-Hochzeit. Sie hatten also im Grunde die selbe Ausgangsbasis. Warum also nicht gemeinsam nach vorne schauen und es dieses mal besser machen? Wozu noch nach dem Schuldigen suchen?

In dem Moment, als Rokko diese Dinge ins Bewusstsein drangen, fielen all die wohl gepflegten Vorwürfe, mit denen er sich die Liebe zu Lisa selbst verbieten wollte, endgültig von ihm ab. Er hatte Jürgen vergeben können. Er wusste, dass er allen bei Kerima vergeben hatte, in dem Moment, als er Jürgen am Flughafen herzlich und freundschaftlich begrüßte. David tat ihm plötzlich einfach nur noch leid und er spürte Verachtung für ihn, weil er die bedingungslose Liebe der wunderbarsten Frau der Welt nicht hatte annehmen können. Aber der Zorn und der Ärger auf ihn waren nicht mehr da. David, ein emotionaler Zwerg im Riesenkostüm, da stand er, Rokko, doch locker drüber! Nur ärgerlich, dass Lisa auf die Verkleidung hereingefallen war und so lange gebraucht hatte, den Zwerg zu entlarven. Ja und Lisa hatte er nun auch vergeben. Er liebte sie und er wollte nicht, dass sie leidet. Lisa hatte sein Leid auch nicht gewollt, dessen war er sich auf einmal ganz sicher. Okay, sie hatte es verursacht, warum sollte sie dann jetzt nicht die Chance bekommen, den Schaden wieder gut zu machen? Alle Türen standen plötzlich offen!

‚Rokko! Rokko Kowalski, der Mann mit dem ich hätte glücklich werden können!' Es brach Lisa fast das Herz, ihm plötzlich wieder so nahe zu sein, in seinen Armen zu liegen und ihn so wunderbar lächeln zu sehen. ‚Rokkos Herz gehörte und gehört nur einer einzigen Frau!' Lisa seufzte innerlich ‚Ach Marissa! Hoffen wir einfach, dass es nicht mehr so ist!', sagte sie in Gedanken. ‚Die Frau, der sein Herz viel zu lange gehörte, hat ihn nämlich am wenigsten von allen verdient. Am Allerwenigsten! Wenn auch unbewusst und ungewollt – als Notnagel hat sie ihn benutzt und sie hat ihm das allerschlimmste angetan, was man einem Mann, den man liebt nur antun kann.' Während dieses inneren Monologes hatte Lisa die Augen geschlossen. Als sie sie jetzt wieder öffnete, bemerkte sie, dass Rokko sie direkt ansah. Er betrachtete ihr Gesicht auf eine wunderbar aufmerksame Weise, die sie auf der Stelle erröten ließ. „Willst du wissen was ich sehe?" fragte Rokko daraufhin plötzlich. Da die Musik so laut war, musste er die Frage fast schreien. ‚Ähm, wie… ich meine… wie meinst du das?" Es war Lisa furchtbar peinlich, ausgerechnet jetzt so verlegen zu sein. „Ich erkläre es dir gerne!", erwiderte Rokko grinsend. „Aber hier ist es zu laut dafür. Was hältst du davon, auf der Terrasse ein wenig frische Luft zu schnappen?"

Lisa durchfuhr ein Schreck bei diesen Worten. Ihre Hände wurden eiskalt. „Hey! Du wirst ja ganz blass!" ‚Ach du grüne Neune!', schoss es Lisa sofort durch den Kopf. ‚Er hat es natürlich sofort gemerkt! Oh mein Gott, warum habe ich keine Kontrolle mehr über meinen Körper? Lisa Plenske! Reiß dich zusammen!' „Lisa? Ist alles in Ordnung? Komm! Ein Bisschen frische Luft wird dir gut tun." Damit zog Rokko sie auch schon in Richtung Ausgang. Ihm war natürlich klar, dass Lisas Blässe eindeutig auf seinen Vorschlag zurückzuführen war, aber das musste er ja nicht zeigen.

So traten sie also auf die Terrasse der Taverne heraus. Sie war fast menschenleer. Wohlige Stille umfing die beiden. Ein warmer Wind umstrich sie und der Himmel war sternenklar. Es war eine dieser unbeschreiblich herrlichen kretischen Sommernächte. Rokko und Lisa setzten sich an einen der kleinen Tische im hinteren Teil der Terrasse. Der Wind trug den Lärm aus der Taverne zu ihnen, sonst war es still. „Wird es besser?", fragte Rokko schließlich sanft. „Ähm, also, ich weiß nicht… ich ähm, ich glaube, es geht schon!" Wieder herrschte für einen Moment Schweigen zwischen den beiden, bevor Rokko wieder zu sprechen begann: „Wir sind hinausgegangen, weil du wissen wolltest, was ich vorhin gesehen habe." Seine Stimme klang sanft, ruhig und ganz sicher. „Ähm, also…" „ich weiß. Eigentlich ja, weil ich dir sagen wollte was ich gesehen habe.", unterbrach Rokko lächelnd. „Ähm ja, das trifft es ja wohl eher!", entgegnete Lisa fast flüsternd. „Du hast doch nicht etwa Angst?" Rokko lächelte noch immer. „Ähm, na ja!", Lisa schluckte heftig. „Zumindest habe ich ja wohl allen Grund dazu!" „Wieso denn das? Ich bin doch ganz harmlos! Also ich finde nicht, dass du einen Grund hast, Angst vor mir zu haben."

„Oh doch! Den habe ich Rokko!" Jetzt sprudelten die Worte förmlich aus Lisa heraus. „Den habe ich, weil ich nämlich die dümmste, naivste und kaltherzigste Frau der Welt bin!' Wieder schluckte sie. „Weil ich dir, ausgerechnet dir, dem Menschen, der immer für mich da war, weil ich ausgerechnet dir das Gefühl gegeben habe, du wärest nur der Notnagel. Und das habe ich bis zum äußersten getrieben! Rokko! Was hätte ich anderes von dir zu erwarten, als Verachtung und die harten Worte, die ich verdient habe?! Und vor Verachtung durch einen Menschen den man… Also… der einem noch immer… wichtig ist, davor hat doch jeder Angst!" Jetzt schluchzte Lisa nur noch. Sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen und weinte leise in sich hinein. „Du warst nie Notnagel. Ich… ich… ich wollte das alles nicht! Ich… ich war so… so… so dumm! Meine Güte, ich hab mir das ganze Leben versaut!"

Eigentlich hätte Rokko nach allem, was ihm Lisa angetan hatte, Genugtuung fühlen müssen bei diesem Anblick. Doch nichts von alledem war in ihm. Sie tat ihm leid und am liebsten wollte er sie in die Arme nehmen. Doch er riss sich zusammen. Er wollte sie verblüffen. „Hey Lisa! Ich bin auch noch da!" sagte er deshalb jetzt in leicht resolutem Ton und es wirkte prompt. Lisa hob den Kopf, nahm dann das Taschentuch, das ihr Rokko hinhielt, wischte sich die Augen und schnäuzte sich heftig. „Entschuldigung Rokko!", sagte sie mit immer noch verweinter Stimme. „Du bist eigentlich derjenige, der hier heulen müsste." „Bitte hör mir zu.", unterbrach er sie. „Erstens würde ein kaltherziger Mensch jetzt weder weinen noch Angst haben und zweitens will ich, das du weißt, was ich vorhin gesehen habe!" Lisa sah ihn an und schluckte noch einmal. „Na dann, schieß los!", erwiderte sie und versuchte ein Lächeln. Da nahm Rokko einfach ihre Hand und begann zu sprechen:

„Ich habe eine Frau gesehen, die weder an sich, noch an die Liebe glaubt. Eine Frau, die sich all ihrer Hoffnungen und Träume selbst beraubt hat, um sich zu strafen. Eine Frau, die blind ist für all das Schöne um sie herum. Einen Flüchtling, dem die flucht nicht gelungen ist. Eine wunderbare Frau, die sich selbst ihre Liebe nicht verzeihen kann, weil sie dadurch einen Riesenfehler begangen zu haben glaubt." Rokko hielt für einen Moment inne. Lisa standen die Tränen in den Augen. Sie wollte gerade etwas sagen, als Rokko schon weitersprach: „Und die die Riesentür nicht sieht, die sie eigentlich einfach nur passieren bräuchte." „Rokko, es gibt keine Tür mehr!" Lisas Stimme klang fast erstickt. „alle Türen, die mir je im Leben offen gestanden haben, habe ich mir selbst vor der Nase zugeschlagen!" Resigniert senkte sie den Blick.

Da ließ Rokko ihre Hand los, beugte sich über den Tisch, nahm Lisas Kinn in seine Hände und zwang sie so, ihn anzusehen. „Okay. Machen wir es anders.", setzte er nach kurzem überlegen von neuem an. „Stell dir mal vor, du hast jemandem heiße Schokolade auf den schönsten weißen Anzug gekippt. Natürlich merkst du gleich, dass du was dummes gemacht hast. Was tust du nun?" Lisa konnte diesen Themenwechsel zwar nicht zuordnen, war aber sehr dankbar dafür. „Ich entschuldige mich natürlich. Und ich biete ihm an, den Schaden wieder gut zu machen." „Genau!", nickte Rokko zustimmend. Dann lächelte er. Kein Vorwurf, kein Zorn lag in seiner Stimme, als er weiter sprach: „Und nun überträgst du diese Geschichte auf unsere jetzige Situation. Du hast mir verdammt viel Schaden zugefügt, warst unfair, hast so einiges Kaputtgemacht! Okay, und jetzt stehe ich mit meinem Schaden vor dir. Du hast längst gemerkt, dass du richtig dumm gehandelt hast! Was tust du nun also?"

Lisa blieb vor Staunen der Mund offen stehen. „Rokko! Du kannst doch nicht eine heiße Schokolade auf der Hose mit dem vergleichen, was…" „Oh doch! Das kann ich sehr wohl!", unterbrach sie Rokko! „Lisa, ich bestehe auf Wiedergutmachung des Schadens! Müssen wir erst vor Gericht ziehen deswegen, oder einigen wir uns friedlich?" „aber… aber… wie soll ich denn… was ich getan habe ist… ist unentschuldbar, Rokko!" „Ob es entschuldbar ist oder nicht, diese Entscheidung liegt ja wohl beim Geschädigten, und das bin ich!" Lisa hielt fast den Atem an. „Was… was… was willst du denn?" „Wie wär's für's erste mit einem Kuss?"

Ehe Lisa antworten konnte, hatten Rokkos Lippen schon die ihren gefunden. Es war eine Explosion, ein Befreiungsschlag, der Start in den Weltraum… Nein, es gab keine Worte für das, was beide in diesem Augenblick fühlten. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis sie sich wieder voneinander lösten. Rokko Ließ Lisas Kinn los, legte die Arme um ihre Schultern und flüsterte: „Lisa, wenn es ist, wie Jürgen sagt, und du mich wirklich noch liebst – dann will ich eine dritte Chance als Wiedergutmachung. Dann verurteile ich dich zu lebenslanger Haft in meinen Armen, und zwar dieses mal ohne Ausbruchsmöglichkeit. Ich liebe dich nämlich immer noch und zwar kein Bisschen weniger als damals. Ich habe niemals damit aufgehört, auch wenn ich es so gerne gewollt hätte!" Lisa standen Tränen in den Augen. „Rokko, ist das wahr? Nicht nur, dass du mir verzeihen würdest, du willst… du willst es wirklich noch einmal mit… mit mir… versuchen?" „Na, David ist ja jetzt endgültig passé!", grinste Rokko. „Dann stünde dem ja nichts mehr im Wege. Außer du…" „Womit hab ich das verdient?" unterbrach ihn Lisa und küsste ihn noch einmal leidenschaftlich. „Rokko, du hast deinen Platz in meinem Herzen immer behalten. Ich glaube, ich habe auch nie wirklich aufgehört, dich zu lieben, obwohl ich es mir eingeredet habe, um meinem Traum hinterherzulaufen. Selbst in den glücklichsten Tagen mit David, habe ich viel zu oft an dich gedacht! Ich habe mich gefragt, wie es dir geht, was du machst. Und ich habe gebetet, du mögest bald glücklich werden!" „Na, dann wurden deine Gebete ja jetzt erhört!", antwortete Rokko und diesmal begann er mit dem Kuss.

Sie küssten sich lange und innig. Immer wieder von neuem fanden sich ihre Lippen und Lisa hatte kaum Zeit, in einer der kurzen Unterbrechungen zu flüstern: „Rokko, ich nehme das Urteil an!"