~Kapitel 21~

Dann wurde ihre Miene wieder Ernst. „Ich will nur nicht, dass dir was passiert, nur wegen mir. Dieser Holland kommt mir nicht besonders geduldig vor." Lilah versuchte, sie zu beschwichtigen. „Dass ich jetzt noch hier sitze, ist schon mal ein gutes Zeichen. Ich muss mir seine Gunst wieder verdienen, dazu muss ich mir etwas einfallen lassen."

Dann fiel ihr noch etwas ein, was Holland bei ihrem Gespräch früher am Tag erwähnt hatte. „Du, sag mal. Hast du irgendwann mal mit Holland geredet, er hat da so eine Andeutung gemacht…" Lilliana schluckte und begann nach einer Weile leicht zu nicken. Das Gespräch hatte sie ja ganz vergessen. „Ääähm, ja. Da gab es tatsächlich mal ein Gespräch…"

Lilah zog ihre Augenbraue hoch. „Hey! Jetzt lass endlich mal die Augenbrauen-Sache!" So eine dämliche Angewohnheit! „Ich hielt es einfach für eine gute Idee, ihm meinen Standpunkt mal persönlich klar zu machen. Und bis vor ein paar Tagen dachte ich auch das hätte funktioniert. Das mir eine plötzliche, besondere Schwangerschaft 'nen Strich durch die Rechnung macht, konnte ich ja nicht ahnen!"

Ihre ältere Schwester sah sie immer noch fragend an und widerstand dem Drang, ihre Augenbraue erneut zu heben. „Wann?" fragte sie schließlich, da sie sich keinen Zeitpunkt vorstellen konnte. Lilliana dachte kurz nach. „Jaa, äh, das war an dem Tag, wo du dann plötzlich zum Meeting musstest und wir uns zum Mittag getroffen haben…"

Lilah erinnerte sich und schüttelte mit dem Kopf. „Das war der Tag, wo ich dachte, dass du meinen Kleiderschrank geplündert hast!" rief sie aus und Lilliana nickte. „Ich dachte, das kommt überzeugender rüber in so einem Outfit – aber es waren wirklich meine Klamotten!" Lilah schüttelte weiter mit ihrem Kopf, nachdem sie die ‚Augenbrauen-Sache' ja nicht mehr machen sollte.

„Warum hast du mir denn nicht gesagt, was du vorhast, dann hätte ich… hätte ich.." Sie fuchtelte mit ihren Händen in der Luft herum und Lilliana ergänzte den Satz: „mich davon abzuhalten versucht. Und eben deswegen hab ich's einfach gemacht! Und hey, ich dachte echt, dass das funktioniert hätte. Du hast nichts gesagt, das irgendetwas anders wäre oder das er etwas von dem Gespräch erzählt hat und er hat aufgehört nach mir zu fragen…"

Lilah sah ihre Schwester schief an. „Was sollte denn anders sein?" Lilliana grinste kurz verlegen. „Naja, es… kann sein, dass mir da eventuell eine klitzekleine Drohung herausgerutscht ist…" Den letzten Teil des Satzes sprach sie schneller und diesmal konnte Lilah nicht anders und hob ihre Augenbraue erneut. „Du hast was?" Lilliana zuckte mit den Schultern.

„Ich hab sinngemäß so etwas gesagt, wie, dass er uns nicht gegeneinander ausspielen soll, weil das ihm nicht bekommen würde… Oder so… Hey, er wollte, dass ich auch für die…äh… Firma arbeite, da hab ich mich einfach hinreißen lassen!" Die Anwältin konnte ihre Schwester schon irgendwo verstehen und war froh, dass daraufhin nichts weiter passiert ist.

Dann erinnerte sie sich an Lindsey's Aktion im Aufzug und musste unwillkürlich schmunzeln. „Was ist?" Lilliana schüttelte, immer noch schmunzelnd, den Kopf. „Ich bin dann natürlich schnell weg da. Und im Aufzug hab ich Lindsey getroffen. Keine Ahnung, ob das ne neue Taktik von ihm war oder Ernst, auf jeden Fall hat er mich, nachdem er sich für Bettgeschichte entschuldigt hatte, geküsst…"

Lilah starrte ihre Schwester mit offenem Mund an. „Ich weiß! Das dacht ich mir auch! Naja, dann gingen die Türen auf und ich hab ihn da einfach stehen lassen. Und bis heute nicht wiedergesehen." Lilah kicherte. „Das hätte ich ehrlich gesagt gerne gesehen, aber wie's aussieht, hat er die Abfuhr gut verkraftet…" Auch wenn sie sich da nicht ganz so sicher war…

Die beiden saßen immer noch gemeinsam auf der Couch und versuchten dem Film zu folgen, aber trotzdem hing jeder in seinen Gedanken fest. Nach einer Weile des Schweigens murmelte Lilah schließlich: „Ich habe noch etwas herausgefunden…"

Sie schluckte hart und erst als sie sich sicher war, Lilliana's ganze Aufmerksamkeit zu haben fuhr sie fort: „Holland hat mich zum Übersetzen einer alten Prophezeiung verdonnert. Die Shanshu Prophezeiung. Bis jetzt wussten wir nur, dass sie von einem Vampir mit Seele und seinem Schicksal handelt. Holland wollte, dass ich sie jetzt übersetzen lasse, um eventuell etwas über ein Kind in Zusammenhang mit dem Vampir mit Seele herauszufinden… Immerhin kennen wir bis jetzt nur einen Vampir mit Seele."

Lilliana wurde ungeduldig. „Und?" Lilah schloss kurz die Augen, bevor sie weitersprach: „Der Übersetzter meinte, dass tatsächlich etwas über eine Schwangerschaft und ein Kind darin steht..." Lilliana's Augen weiteten sich vor Spannung. „Der Ausgang jedoch ist… eher ungewiss…" Die Jüngere zappelte auf der Couch herum. „Geht es noch ein wenig unpräziser?"

Lilah drückte Lilliana's Hand und suchte ihren Blick. „Das Kind soll entweder für den Anbruch einer neuen Welt stehen, oder…" Sie machte eine kurze Pause, da es ihr schwerfiel, es auszusprechen. „oder den Tod bringen…" Lilliana lachte einfach drauflos und Lilah stutzte. Als sie sich einigermaßen wieder gefangen hatte, setzte Lilliana an: „Das ist eine uuuuralte Schriftrolle, die irgendetwas über die heutige Zeit erzählen, pardon ‚prophezeien' soll?"

Sie schüttelte sich erneut vor lachen. „Komm schon Lilah! Das glaubst du doch selbst nicht! Da hatte eben mal einer eine überragende Fantasie, na und? Das heißt noch lange nicht, dass… irgendwer stirbt oder was weiß ich…" sie lachte erneut und Lilah sah sie immer noch fassungslos an. „Sie hatte recht, was den Vampir mit Seele angeht." Warf die Anwältin trocken ein und Lilliana winkte ab.

„Vielleicht hat da mal einer… die Wahrscheinlichkeit berechnet, in wie vielen Jahren das mal vorkommen könnte…" sie kicherte jetzt nur noch, stand auf und stellte ihren Becher in den Geschirrspüler. „Nein, wirklich Lilah! Jetzt lass dich von sowas nicht runterziehen. Das wird schon!" Sie lächelte ihre große Schwester an und diese konnte nicht anders, als das Lächeln zu erwidern.

„So, ich geh dann mal schlafen. Gute Nacht, Lilah!" Und auch diese ging wenig später ins Bett. Auch wenn es eine kleine Ewigkeit dauerte, ehe sie überhaupt einschlafen konnte. Zu viele Gedanken und Fragen schwirrten der Anwältin im Kopf herum.

TBC