So meine Lieben, es ist so weit. Ihr bekommt endlich das langersehnte Kapitel 20. Tut mir wirklich leid, dass es so lang gedauert hat, aber wie gesagt hänge ich im Moment ein bisschen. Ich versuche aber, wieder schneller voran zu kommen, versprochen!

Ja, zugegeben, das letzte Kapitel war recht grausam ;) Aber hey, ich hab nicht um sonst in einem Forum ( www.travar.de/koops/elrond ) die Wahl zur Miss Ich-quäle-meinen-Char-bis-er-tot-umfällt-Sadistin gewonnen „fg" Es kann nicht immer alles Friede, Freude, Lembas sein „zwinker"

Dieses Kapitel wird nun wieder etwas ruhiger und beschaulicher, also zumindest keine glühenden Eisen und eiternde Wunden mehr. Ich hoffe, es gefällt euch auch weiterhin. Ich hatte hier eine Stelle, wo ich arg mit mir gehadert habe. Dazu mehr am Ende des Kapitels.

Doch nun erst mal viel Spaß!

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Kapitel 20

Die Welt um ihn herum schien kalt, dunkel und einsam. Er fror und fürchtete sich, doch er war nicht in der Lage, seine Arme schützend um sich zu legen, denn er spürte sie nicht mehr. Er versuchte sich umzublicken, doch alles, was ihn umgab, war eine schwere Düsternis, die ihn zu erdrücken schien. Und in ihr war Stille, bleiern und furchterregend, denn ein jeder seiner Versuche, sie durch Worte zu unterbrechen, scheiterte. Er wusste nicht, wo er sich befand, noch, wie er hier hergekommen war. Und bald war es ihm, als verlöre er sämtliche Erinnerungen an sein Leben, als er nur noch wusste, dass er sich verloren fühlte.

Er spürte keinen Schmerz, und doch war es ihm, als könnte er sich daran erinnern, zuvor große Schmerzen durchlitten zu haben, aber nun waren sie verschwunden. Er spürte plötzlich nichts mehr, weder seine Gliedmaßen, noch das Schlagen seines Herzens oder Luft in seinen Lungen. Es war ein eigenartiges Gefühl - unendlich leicht, aber zugleich schwer. Und diese Schwärze; doch es war keine gewöhnliche Dunkelheit, vielmehr kam er sich blind vor, obwohl er auch nicht spürte, ob er die Augen offen oder geschlossen hatte. Sein gesamter Körper schien nicht mehr zu existieren.

'Bin ich tot?' dachte er. Es konnte keine andere Erklärung dafür geben. Angst überfiel ihn, und die Tatsache, dass er sie nicht körperlich empfand, machte sie nur schlimmer. Er wollte nicht sterben, und doch musste dies geschehen sein.

Aber warum war alles um ihn herum dieses dunkle Nichts? Warum war er nicht in Mandos Hallen? Waren dies nur Lügen, die den Lebenden die Angst vor dem Tod nehmen sollten? Es war ihm, als erinnerte er sich alter Geschichten von Elben, die aus Mandos Hallen zurückgekommen waren, doch er wusste ihre Namen nicht mehr; er wusste nicht einmal seinen eigenen.

Auch der Zeit, die verging, war er sich nicht gewiss. Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit, dass er schon hier schwebte - nein war, und doch konnten es ebenso gut auch nur wenige Augenblicke gewesen sein. Nur was war schon ein Augenblick, wenn man das Vergehen der Zeit nicht durch seine Umgebung wahrnahm?

Das einzige, was er wirklich noch spürte, waren seine Angst und seine Gedanken, doch langsam wich auch die Furcht von ihm und die Schwärze schien fast einladend, beruhigend. Es gab keine Sorgen mehr, keine Trauer. Hatte er je um etwas getrauert? Er konnte sich nicht erinnern. Und es schien auch nicht mehr wichtig, denn allmählich hatte er alles vergessen, was das Leben für ihn gewesen war, und so versiegten auch der Wunsch, dorthin zurückzukehren, die Angst vor dem was kommen möge und die Fragen, die soeben noch seinen Geist eingenommen hatten. Er ließ sich von der Schwärze vollständig umfangen, bis es ihm war, als sei er eins mit ihr, ein Bestandteil des warmen Nichts - vollkommene Ruhe.

Er wusste nicht, wie lange er in den Armen der Dunkelheit gelegen hatte, doch allmählich schien die Umgebung sich zu verändern, als bekäme sie ihre Form zurück, und der erste Sinn, der dies bestätigte, war sein Gehör, als er aus der Ferne ein leises Rauschen vernahm, das näher zu kommen schien. Es war ein sanftes Plätschern und Fließen, neu und doch eigenartig vertraut. Noch immer sah er nichts, doch dann fing die Schwärze um ihn herum langsam an zu leuchten. Farben entsprangen aus ihr, zunächst ein samtiges Blau, doch heller werdend, bis es golden erstrahlte.

Aus dem Nichts formte sich um ihn herum die Welt, bis er sie in all ihrer Pracht wahrnehmen konnte, und dann sah er es: Das Meer. Anmutig schoben die Wellen sich zur Brandung, begleitet von einem sanften, friedlichen Rauschen. Auf ihrer Oberfläche tanzten Abertausende silbrig und golden glitzernde Perlen des Lichts; und dahinter erstrecke sich ein endlos langer, weißer Strand, fast wie Schnee so hell und makellos. Doch er konnte nicht dorthin gelangen. Noch immer schwebte er hinter einem eigenartigen Schleier, der ihn von dieser Welt fern hielt, so dass er sie nur wie im Traum beobachten konnte, statt wirklich in ihr zu sein.

Am Rande des Strandes erhoben sich glatte Felsen, die das Meer seit Urzeiten aus dem Gestein gewaschen hatte, hell und rund; und über ihnen thronte ein Gebäude mit hohen, schneeweißen Säulen, die das Licht der Sonne reflektierten. Die Halle – oder das Schloss – war atemberaubend schön und wirkte einladend auf ihn. Gerne wollte er dorthin gehen und es von innen sehen, doch noch konnte er nicht.

Wie aus weiter Ferne hörte er ein leises Murmeln, eine Art Ruf, den er nicht deuten konnte. Er schien aus den Wellen zu entspringen und doch direkt hinter ihm zu sein. Es war eine sanfte Stimme, klar und weich, und sie wiederholte ein Wort, das er nicht verstand. Immer wieder rief die Stimme, und obwohl er nicht wusste, was es war, kam es ihm vor, als spräche sie ihn an, und so wandte er sich um und blickte hinter sich. Dort war es dunkel wie zuvor, doch noch strahlte das Licht, das vom Meer herüberkam, in die Schwärze hinein - oder aus ihr heraus?

Es war ein schwacher Schein von Silber, der sich um die Stimme hüllte, die immer wieder dieses eine Wort wiederholte: "Legolas."

Lange blickte er ihr entgegen, und langsam schien die Erkenntnis in ihm zu wachsen, was der Ruf bedeutete. Es war sein Name.

Die Erinnerungen drohten zurückzukommen, und wie ein Sog zogen sie ihn in die Schwärze. Doch er wollte nicht zurück. Er wandte seinen Blick ab und sah wieder zum Meer und dem Strand. Noch war es blau und glitzernd, doch allmählich verblasste es.

"Nein", sagte er leise.

"Legolas, komm zurück ins Licht", sagte die Stimme sanft hinter ihm, doch er schüttelte den Kopf.

"Nein, wo du bist, ist nur Dunkelheit. Das Licht ist hier."

"Du irrst dich", sprach sie wieder. Sie klang vertraut, als habe er die Stimme schon zuvor gehört, und er konnte der Versuchung nicht widerstehen, doch noch einmal in ihre Richtung zu blicken.

Der silberne Schein in der Schwärze hatte eine Gestalt angenommen, die aus purem Licht zu bestehen schien, und dennoch hatte sie die Formen einer Frau, auch wenn er ihr Antlitz nicht sehen konnte, da ihr Glanz ihn blendete.

"Legolas", sagte sie wieder, und mit jedem Mal, da sie seinen Namen aussprach, schien sie ihn näher zu sich zu ziehen, bis er glaubte, direkt vor ihr zu sein. "Deine Seele ist dieser Welt noch nicht entglitten. Noch rufen Mandos Hallen nicht. Komm zurück."

"Nein", sagte er wieder. "Ich will nicht. Es ist so friedlich hier, so schön."

Er hatte sich beim Anblick des Meeres und des Landes dahinter so wohl gefühlt, angezogen von der Schönheit dieser Welt und der Ruhe, die sie ausstrahlte.

"Vielleicht wirst du eines Tages hierher zurückkehren, doch deine Zeit ist noch nicht gekommen, Legolas", sprach die weiche Stimme, und es war ihm, als zöge die Lichtgestalt ihn in ihre zarten Arme.

"Fürchte dich nicht, du wirst es wieder sehen. Wenn nicht im Tode, dann im Leben."

Er glaubte ihr, und dennoch fiel es ihm schwer. Er spürte, dass die Ruhe dieses Ortes ihn nicht begleiten würde, und dennoch zog ihn die Welt, die er verlassen hatte, wieder an. Es gab noch vieles dort, was er nicht beendet hatte, auch wenn er nun nicht wusste, was es war.

Zögernd blickte er zurück, doch das Land war bereits verblasst, nur noch grau und trüb durch einen dichten Schleier. Auch das Rauschen war verebbt und zog ihn nicht mehr in seinen Bann. Legolas sagte dem Meer Lebewohl und sah nach vorne, direkt in Galadriels lächelndes Gesicht.

"Komm", sagte sie und streckte ihre Hand zu ihm aus. Legolas ergriff sie und plötzlich wurde alles wieder schwarz.

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Vor dem Zelt auf dem Platz hatten sich alle Elben des Waldlagers versammelt. Einige gingen aufgeregt auf und ab, andere unterhielten sich leise, doch die meisten saßen nur stumm da und warteten, allen voran Haldir, der nun von seinen beiden Brüdern im Arm gehalten wurde. Er hatte keinen Ton gesprochen, seit die Herrin des Waldes sie alle aus dem Zelt geschickt hatte. Es gab keine Worte, kein mögliches Gespräch, das ihm das Warten erleichtern würde. Er wusste, es war nicht viel Zeit vergangen, und dennoch erschien es unendlich lang, dass er zwischen Bangen und Hoffen ausharrte. Einige Male hatte die Hoffnung ihn beinahe verlassen, denn es schien ihm unmöglich, dass Galadriel einen Toten zum Leben erwecken sollte – sie hatte dies noch nie getan - doch dann wiederum zwang er sich selbst, die Hoffnung nicht zu verlieren. Er betete zu allen Valar, die ihn hören wollten, dass Galadriels Heilkräfte stark genug seien, doch je länger sie in dem Zelt verweilte, desto unwahrscheinlicher schien es ihm.

Von Zeit zu Zeit versuchte er, sich abzulenken, indem er seine Blicke über den Platz schweifen ließ. Immer wieder sahen andere mitleidig zu ihm herüber, als sei er ein Angehöriger von Legolas. Warum schenkten sie gerade ihm ihr Mitleid? Ahnten sie, was in ihm vorging, vielleicht sogar, dass er sich dafür verantwortlich fühlte, was Legolas widerfahren war? Selbst wenn sie es taten, es war ihm egal. Es war nicht wichtig, ob sie schlecht von ihm dachten; das Einzige, was noch zählte, war, dass Legolas überleben würde.

Ein erschöpftes Seufzen entrann seiner Kehle und er vergrub sein Gesicht wieder in seinen Händen, während Rumils und Orophins Hände auf seinen Schultern ruhten, ihn bestärkten, Trost und Kraft spendeten.

Es war unmöglich, und all das Warten war umsonst. Legolas' Herz hatte aufgehört zu schlagen und es gab nichts, das dies ändern konnte. Und auch die Hoffnung, dass Mandos Legolas aus seinen Hallen entlassen würde, war vergebens. Überhaupt war dies nur zwei Elben widerfahren. Einer von ihnen stand etwas abseits der drei Brüder bei den beiden Söhnen Elronds und Edlothion.

Glorfindel war vor seinem Tod bereits ein erfahrener Krieger gewesen, der Herr des Hauses der Goldenen Blume von Gondolin, ein Gefährte Ecthelions und Turgons. Und er war gefallen, als er eine der dunklen Kreaturen Morgoths, einen Balrog, getötet hatte. Durch all dies hatte sich als würdig genug erwiesen, ins Leben zurückgeschickt zu werden, doch Legolas war nur ein unerfahrener, junger Elb, der Sohn eines Königs zwar, aber bisher ohne ruhmreiche Taten und große Tapferkeit. Warum sollte ihm eine solche Gnade zuteil werden, wenn sie anderen großen Kriegern verwehrt wurde?

Weil ich ihn brauche, dachte Haldir. Selbst wenn es nie eine Möglichkeit gegeben hätte, dass Legolas Haldirs Gefühle erwiderte, so wollte Haldir gerne darauf verzichten, wenn Legolas nur bei ihm blieb, in dieser Welt und am Leben.

„Es ist alles sinnlos", stieß er bitter aus, während ein Knoten in seiner Kehle ihm das Sprechen erschwerte, und mit einem verzweifelten Seufzen starb der letzte Funken Hoffnung in ihm.

Doch plötzlich brachte ein leises Raunen ihn dazu, aufzusehen, und dort am Eingang des Zeltes stand Galadriel. Sie lächelte milde.

Neben Haldir erhob sich Rumil von seinem Platz und auch Glorfindel ging einige Schritte auf die Herrin des Waldes zu, doch Haldir blieb sitzen, und es war ihm, als stünde sein Herz still, während er erwartungsvoll in Galadriels Gesicht blickte. Sie sah ihn kurz an, bevor sie ihre Blicke wieder durch die Runde schweifen ließ.

„Auch wo alle Zuversicht versiegen mag, gibt es noch Hoffnung, denn oft sind die Dinge nicht, wie sie scheinen", sprach sie ruhig, doch war es nicht ihre übliche Erhabenheit; fast wirkte sie müde und geschwächt.

„Legolas' Seele hatte diese Gefilde noch nicht vollständig verlassen, auch wenn der Lebenshauch aus seinem Körper gewichen war." Sie hielt inne und das Lächeln auf ihren Lippen wurde strahlender. „Er lebt."

Es waren nur zwei kleine Worte, doch noch nie hatte etwas Haldir soviel bedeutet, wie dies.

Er fühlte sich, als würde die eisige Klaue, die sich um sein Herz geschlossen hatte, durch diese Worte gesprengt. Eine tiefe Erleichterung erfasste ihn, löste den Knoten in seiner Kehle. All die Last fiel von ihm ab und er konnte sich seiner Tränen nicht länger erwehren. Diesmal waren es Tränen der Freude, als sie mit einem Laut, halb ein Schluchzen, halb ein Lachen, ausgelöst wurden und seine Wangen hinunter rannen.

Auch die anderen Elben stießen erleichterte Rufe aus, und aus dem Augenwinkel sah Haldir durch einen Schleier von Tränen, wie die Zwillinge und Glorfindel sich glücklich umarmten.

Rumil und Orophin reagierten in derselben Weise, bevor sie sich zu ihrem Bruder gesellten, ihm auf die Schulter klopften und ihn auf die Beine zogen, als sich ihre Arme um seine Schultern schlangen.

„Auch mich erfüllt es mit großer Freude, dass unser Gast überlebt hat", sprach Galadriel wieder und Haldir sah sie an. Kurz war es ihm, als durchdrängen ihre blaugrauen Augen seinen Geist. Schuldbewusst senkte er den Blick, denn obwohl Legolas nun außer Gefahr war, wäre dies doch nie geschehen, wenn Haldir sich nicht falsch verhalten hätte.

„Nun grämt euch nicht wegen der Vergangenheit oder versucht einen Schuldigen zu finden." Zwar sprach Galadriel zu allen Anwesenden, doch spürte Haldir, dass die Worte für ihn bestimmt waren. Noch einmal fühlte er sich erleichtert und dankbar, dass zumindest die Herrin des Waldes ihn nicht verantwortlich machte… auch wenn er dies war.

„Was geschehen ist, lässt sich nicht mehr ändern, doch hat es ein gutes Ende gefunden. Legolas wird noch einige Zeit brauchen, bis seine Wunden vollständig verheilt sind, denn die Verletzung war schwer und er hat viel Blut verloren. Er wird jedoch genesen." Als Galadriel geendet hatte, sah Haldir, wie sie tief Luft holte und ihre Kräfte zu sammeln schien.

„Doch nun möchte ich mich selbst ein wenig zu Ruhe begeben, denn der Vorgang seiner Heilung hat an meinen Kräften gezehrt."

Maedir trat nun an Galadriels Seite und bot ihr seinen Arm. „Ich werde Euch zu meinem Zelt geleiten, Herrin. Dort könnt Ihr Euch ausruhen, bis Eure Kräfte wiederhergestellt sind."

Lächelnd nickte sie und ließ sich von Maedir durch die Reihen der Elben führen. Als sie an Haldir vorbeikam, blickte sie ihm flüchtig in die Augen.

Es war nicht Eure Schuld, hörte er sie in seinen Gedanken sagen, bevor sie mit dem Heerführer verschwand.

Haldir hatte es überrascht, den sonst so unfreundlichen Elben so sanftmütig sprechen zu hören, doch er dachte sich nichts weiter dabei. Das einzige, was in diesem Moment seine Gedanken ausfüllte, war Legolas. Norugorn war bereits in das Zelt hineingegangen und Haldir folgte ihm unverzüglich. Als seine Blicke auf den Verwundeten fielen, sah er sofort, dass Legolas' Haut nicht mehr ganz so fahl wirkte wie zuvor, und auch seine Brust hob und senkte sich wieder in einem langsamen aber gleichmäßigen Rhythmus.

„Wir sollten ihn waschen und auf das andere Lager betten. Dieses hier ist gänzlich besudelt mit Blut", schlug Norugorn vor, doch Haldir hatte ihn kaum gehört. Er kniete bereits an Legolas' Seite, nahm die schlanke Hand des Elben in die seine und streichelte mit der anderen sanft über die nun nicht mehr so erhitzte Stirn.

Ein glückliches Lächeln lag auf Haldirs Lippen und immer noch spürte er Freudentränen in seinen Augen. Legolas lebte. Mit einem tiefen Atemzug schluckte Haldir die Tränen hinunter und wandte sich an Norugorn.

„Ja, in Ordnung", sagte er nur, bevor Rumil und Orophin ebenfalls in das Zelt traten.

Während Norugorn sich um saubere Kleidung kümmerte, entkleideten die drei Brüder den Verletzten, wuschen vorsichtig seine von Blut und Schmutz bedeckte Haut und sein Haar und banden einen frischen Kräuterumschlag um die Wunde, die bereits zu heilen begann. Es würde lange dauern, bis die Narbe vollständig verschwand, wenn überhaupt, aber das Fleisch um sie herum war bereits nicht mehr so dunkel und würde sich schnell regenerieren.

Als sie Legolas schließlich das saubere Hemd angezogen hatten, das Norugorn ihnen gebracht hatte, trugen sie ihn vorsichtig zu dem anderen Schlaflager. Noch war Legolas bewusstlos. Seine Augen waren geschlossen, was bedeutete, dass er in einem tiefen, traumlosen Schlaf lag, in dem seine Selbstheilungskräfte am stärksten waren, und vermutlich würde er erst wieder zu Bewusstsein kommen, wenn seine Verletzungen soweit geheilt waren, dass die Schmerzen im wachen Zustand erträglich waren.

„Der Kräuterverband muss alle vier Stunden gewechselt werden", sagte Norugorn, während er die schmutzigen Laken des anderen Lagers abzog.

„Ich werde bei ihm bleiben", sagte Haldir.

„Möchtest du nicht lieber selber ruhen, Bruder?" fragte Rumil, während er eine Hand auf Haldirs Schulter legte.

„Nein. Ich könnte ohnehin keine Ruhe finden. Ich bleibe bei ihm."

„Wenn es dich nicht stört, werden wir dir ein wenig Gesellschaft leisten und dich ablösen, solltest du dennoch erschöpft sein", bot Orophin an und entzündete eine mit duftenden Ölen versetzte Kerze. Im Zelt roch es noch immer nach Schweiß, Blut und verkohltem Fleisch, doch der blumige Duft der Kerze würde diesen Geruch bald neutralisieren.

Als Norugorn schließlich das Zelt verlassen hatte, blieben allein die drei Brüder bei Legolas zurück. Bald schon wurde es draußen dunkler und nur das sanfte Flackern der Kerze erhellte den Raum. Orophin hatte in der Zwischenzeit etwas zu Essen gebracht, da Haldir nicht von Legolas' Seite weichen wollte. Immer wieder kontrollierte er die Temperatur seiner Stirn, sah nach der Kräuterbinde oder hielt einfach nur Legolas' Hand.

Einige Zeit später kam Norugorn erneut in das Zelt und gab den drei Elben frische Laken für das dritte Lager. Die Männer, die in diesem Zelt geschlafen hatten, waren woanders untergekommen und so konnten jene, die Legolas pflegen wollten, hier nächtigen.

„Die Herrin Galadriel ist zurück nach Caras Galadhon gegangen", informierte Norugorn sie. „Doch sie sah immer noch geschwächt und blass aus. Ich habe sie noch nie so gesehen. Legolas zu heilen, muss fast all ihre Kräfte ausgelaugt haben."

„Er war tot", sagte Rumil, der dies mitangesehen hatte. „Zumindest sein Körper war es, denn sein Herz hatte aufgehört zu schlagen. Einen Elben in diesem Zustand im Leben zu halten, erfordert wohl sehr viel Kraft."

„Es ist ein Wunder, dass sie es geschafft hat", sagte Orophin, der an die Zeltwand gelehnt auf dem Boden saß und ein wenig Brot und Käse aß. „Und ich bin mir sicher, sie konnte dies nur vollbringen, weil die Magie der Ältesten sie stärkt."

„Glorfindel sagte zu mir, Herr Elrond hätte Legolas ebenfalls heilen können", fügte Haldir hinzu.

„Er ist selbst als Halbelb durch sein Blut ebenso gesegnet und zudem als Heiler bekannt. Ob er jedoch tatsächlich Legolas zu diesem Zeitpunkt hätte retten können, werden wir nie erfahren", sprach Orophin.

„Wir können nur glücklich sein, dass Galadriel es schaffte." Rumil ließ sich neben seinem ältesten Bruder nieder und nahm ebenfalls etwas zu Essen.

„Das können wir wirklich", sagte Haldir nachdenklich, während er vor Legolas' Lager auf dem Boden saß, immer noch die Hand des jüngeren haltend. Er konnte nur immer wieder daran denken, wie dankbar er der Herrin des Waldes dafür war, dass Legolas noch lebte. Er hatte den gesamten Tag noch keine Nahrung zu sich genommen, doch war er innerlich viel zu aufgewühlt, um an Essen denken zu können. Auch die Müdigkeit, die er aufgrund der Angst und geistigen Anstrengung verspürte, ignorierte er. Er wollte Legolas nicht aus den Augen lassen, denn ein kleiner Rest Angst war noch immer vorhanden. Erst wenn Legolas wieder zu Bewusstsein käme, würde auch diese gänzlich verschwinden.

Kurze Zeit später verließ Norugorn das Zelt wieder. Die Nacht war längst hereingebrochen und Rumil gähnte müde auf.

„Verzeiht, doch ich würde nun gerne ein wenig ruhen", sagte er, bevor er sich auf einem der beiden freien Lager niederließ.

Orophin nickte. „Ich bleibe noch wach. Wenn du ebenfalls schlafen möchtest, Haldir, so halte ich so lange Wache."

Haldir schüttelte den Kopf. „Nein, noch nicht."

Rumil war schnell eingeschlafen und so saßen nur noch die beiden älteren Brüder beim schwachen Kerzenschein wach in dem Zelt.

„Möchtest du darüber sprechen?" fragte Orophin nach einiger Zeit. Haldir sah ihn ein wenig verwundert an.

Ein leises, aber nicht spöttisches Lachen glitt über Orophins Lippen. „Ich meinte, wie dies geschehen ist. Ich kann sehen, dass es dich beschäftigt. Rumil machte mir gegenüber eine Andeutung, doch wollte er es mir nicht erzählen."

Die Worte seines Bruders riefen Unbehagen und Scham in Haldir hervor. Seinem kleineren Bruder solche Dinge anzuvertrauen, fiel ihm leichter, da Rumil schon immer zu ihm aufgesehen und Verständnis gezeigt hatte, doch mit Orophin war dies nicht immer so gewesen.

„Ich weiß nicht, ob ich es dir sagen soll", antwortete Haldir ehrlich. „Du würdest mich einen Narren nennen."

„Du wirst es nie herausfinden, wenn du es mir nicht erzählst", forderte Orophin ihn heraus, doch dann wurde sein Ausdruck ernster und sanfter. „Wenn du je den Eindruck hattest, dass du mir nicht alles anvertrauen kannst, Bruder, dann tut es mir sehr leid."

Haldir lächelte leicht. „Du hast es mir nicht immer leicht gemacht."

„Ich weiß, aber dies ist lange her. Auch ich habe aus meinen Fehlern gelernt."

Haldir nickte. „Nun… du hast vermutlich schon gehört, dass Ithiliel Legolas zurückgewiesen hat und dass Niphredil an ihm interessiert war?"

„Ja", antwortete Orophin. „Rumil hat mir davon berichtet."

„Dann kannst du dir auch denken, dass Legolas zu mir kam, um nach dieser Enttäuschung Trost zu suchen. Doch war ich in meinem Bestreben, ihm diesen zu spenden, nicht ganz uneigennützig." Haldir seufzte leise und schloss die Augen. Seinem großen Bruder zu erzählen, was er getan hatte, fiel ihm äußerst schwer, denn nun kam er sich sehr töricht vor.

„Also hast du das, was du ihm hättest geben sollen, selbst bei ihm gesucht – in seinen Armen?" fragte Orophin verstehend.

„Ja, doch mir war es gar nicht wirklich bewusst. Wir hatten etwas getrunken und Legolas reagierte viel zu schnell auf den Alkohol. Ich selbst war auch nicht mehr ganz Herr meiner Sinne…" Haldir hielt inne und seufzte erneut. „Das heißt, nein. Ich wusste, was ich tat, und dennoch schaltete ich mein Gewissen und meinen Verstand einfach aus. Ich habe mich von meinen eigenen Wünschen leiten lassen, statt an Legolas zu denken. Es ist nicht viel passiert… nichts ernstes, aber dennoch muss es Legolas erschreckt haben, als er in meinen Armen erwachte."

Das Glück darüber, dass Legolas noch immer am Leben war, wurde beschattet von den Schuldgefühlen, die wieder in Haldir aufstiegen.

Orophin stand von seinem Platz auf und setzte sich neben seinen Bruder, legte ihm bestärkend die Hand auf den Arm und drückte ihn leicht.

„Und dann kam Legolas nichts besseres in den Sinn, als mitten in der Nacht einen langen Spaziergang zumachen, als zudem noch ein Unwetter aufzog? Und natürlich ist es deine Schuld, dass er auf diese Ereignisse, so verwirrend sie für ihn auch sein mochten, nicht wie ein erwachsener Elb reagiert, sondern das tat, was er immer tut, wenn es brenzlig wird: Davonlaufen." Orophin sah seinem Bruder fest in die Augen. „Haldir, bitte mach dich dafür nicht verantwortlich. Dein Handeln war vermutlich nicht das klügste, es war jedoch verständlich. An dem, was Legolas zugestoßen ist, ist einzig und allein seine Unüberlegtheit schuld."

Haldir sah auf den schlafenden Elben, in sein Gesicht, das friedlich wirkte und nicht mehr gezeichnet von Schmerz, sondern wieder schön und lieblich.

„Er ist noch so jung. Es ist verständlich, dass er mit manchen Dingen nicht umgehen kann."

Orophin nickte. „Ja, und seine Jugend wiederum ist nicht seine Schuld, dennoch ist es auch nicht die deine, dass Legolas sich im Wald verirrte und von Orks überfallen wurde. Bitte sieh dies ein, denn ich möchte nur ungern mit ansehen, wie du dich von Schuldgefühlen verzehren lässt. Zudem ist Legolas wohlauf."

Dankbar lächelte Haldir seinen Bruder an. Er war erstaunt und erfreut darüber, dass sie so vertraut miteinander sprachen und Orophins Worte hatten ihm tatsächlich die Last der Schuld erleichtert. Haldir war der Grund dafür gewesen, dass Legolas verwirrt gewesen war, doch hätte er auch einfach nur das Zelt verlassen und im Lager verweilen können. Nach all der Zeit hier hätte er wissen müssen, wie gefährlich es sein konnte, nachts allein durch die Wälder zu streifen. Dennoch verstand Haldir den jungen Elben auch. Vermutlich war niemandem irgendeine Schuld zu geben. Die Dinge waren einfach unglücklich verlaufen.

Ein müdes Gähnen kam über Haldirs Lippen und er spürte, wie schwer seine Glieder waren.

„Geh zu Bett. Ich werde über ihn wachen", bot Orophin an, und auch diesmal hörte Haldir auf seinen älteren Bruder, auch wenn er sich nur widerwillig von Legolas löste. Er streichelte dem Jüngeren noch einmal sanft über die Wange und begab sich dann zu dem zweiten freien Schlaflager.

Noch einige Zeit dachte er über die Worte seines Bruders nach. Orophin hatte wirklich Recht gehabt. Um einiges beruhigter schlief Haldir schließlich ein und fand ebenfalls Erholung von den Strapazen eines erschütternden und anstrengenden Tages.

- TBC -

A/N: Was mich so lange grübeln ließ, war „Komm zurück ins Licht." Dieser Satz ist, seitdem Arwen ihn im Film zu Frodo sagte, so was von abgedroschen und wird gerne von jeder schlechten Mary-Sue-Schreiberin vermehrt verwendet wann immer jemand am abnibbeln ist. Ich kanns schon nicht mehr hören und nun schreib ich's selbst. Naja… es ging nicht anders. Wie meine Betaleserin sagte: „Was soll sie denn sonst sagen? - "Schieb deinen Hintern
wieder ins Leben"? lol"

Oder vielleicht ein Trillerpfeiffchen zücken und „Komm zurück, komm zurück, komm zurück!" winseln? Hmm… also bliebs bei dem Licht.

So, ich hoffe also, es hat euch gefallen und ihr alle bleibt mir trotz der langen Wartezeiten als Leser erhalten. Eure Reviews haben mich jedenfalls sehr gefreut!