A/N: Hallo ihr Lieben, ich hab es endlich geschafft, hier kommt Craig's Rückkehr. Zitierte Bibelstellen kommen, natürlich, von der Bibel (oder aus dem Internet in meinem Falle). Anmerkung dazu: Mein Verhältnis zur Kirche ist bestenfalls ambivalent, ich bin offiziell katholisch erzogen worden, aber meine Mutter ist eher Buddhistin und mein Vater Evangele. Ich lerne Bio Vokabeln während des Gottesdienstes und finde die Ironie köstlich. Die Recherche für dieses Kapitel erweckt bestenfalls Übelkeit in mir, wenn auf ein paar der Websites biblische Zitate als Strafen für Homosexuelle angepriesen werden. Und zwar ernsthaft.
Keine Ahnung wie ich mein Vertrauen in die Menschheit bewahre.
Soundtrack:
The Catalyst, The Messenger, Blackout, Waiting for the End, Wretches and Kings, Irisdescent - Linking Park (Album: A Thousand Suns)
Thistle and Weeds - Mumford and Sons
Take me to Church - Hozier
Disclaimer: Austen war vermutlich deutlich bibelfester als ich... ich hoffe ein paar der Zitate fand sie ebenso übelkeitserregend wie ich
Kapitel 20: Von den Schatten
„Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient"
(Philipper 2, 3-4 )
Lizzie Bennet liebte es zu rennen.
Es gab Tage, da war sie von einer solchen inneren Unruhe erfüllt, einer Hektik und Eile, die sie jeden Schritt schneller, jede Bewegung hastiger ausführen ließ, dass Anne sie immer wieder bremsen musste, ihr etwas von Achtsamkeit und der Freude an kleinen Dingen erklärte, doch Lizzie wollte nie etwas davon hören, wollte nicht stoppen und aufhören und es war wie ein endloser Teufelskreis, wo Situation und Person sich gegenseitig anfeuerten noch schneller zu sein, ein immer schneller spinnendes Karussell, das drohte außer Kontrolle zu geraten, in eine Million Teile zu zerspringen und doch rannte und rannte sie bis bis -
Bis irgendetwas sie aufhielt, die Ereignisse unter Zeitlupe setzte, eine dröhnende, betäubende Stille nach dem Chaos und der Hektik, wie der Fall nach einem Rausch und das zähe Waten durch Honig von einem Raum zum anderen.
„Wie lange ist er jetzt schon da drin?", fragte Anne und ihre Stimme klang seltsam körperlos in dem halbdunklen Appartement. Es dämmerte draußen und lange Schattenfinger krabbelten über den Boden, griffen nach Knöcheln, Beinen, Körpern, wanderten über fragend blickende Gesichter und luden die Nacht ein sich auszubreiten.
„Zwei Stunden", sagte Hetty, den Kopf gegen die Schulter ihrer Zwillingsschwester gelehnt, während Lou, ihr Gesicht weiß vom harschen Licht des Notebooks auf ihrem Schoß, wie wild darauf eintippte. „Lou und ich waren hier, um nach Fotos zu suchen, die wir für die Suche verwenden könnten und wir hörten bloß wie jemand die Tür aufschloss und dann -"
„ - hat er sich einfach an uns vorbei geschoben und sich in seinem Zimmer eingeschlossen", beendete Lou den Satz für sie ohne vom Bildschirm aufzusehen. Sie verzog leicht das Gesicht. „Er stank."
„Wie eine Müllhalde", fügte Hetty hinzu. „Oder ein Obdachlosenheim."
Lizzie warf Anne einen Blick zu, den diese mit einem Nicken erwiderte.
„Hat er irgendetwas gesagt?", fragte das Bernsteinmädchen von ihrem Platz auf dem Boden aus, wo sie im Schneidersitz gegen die Wand gelehnt saß. Ihre Augen schimmerten groß und rund im Halbdunklen.
„Nein", sagte Lou mit einem Stirnrunzeln. „Aber er sah furchtbar aus."
„Als sei er gerade der Hölle entkommen", fügte Hetty hinzu und schloss müde die Augen. „Wie gejagt..."
Lizzie warf Anne einen brennenden Blick zu, biss sich schmerzhaft auf die Unterlippe und riss sich dann mit geballten Fäusten von der Gruppe los, um zum Fenster zu staksen und still und schweigend ihre Wut auf die Welt hinauszuschreien.
„Craig...", hörte sie Charlotte's Stimme und dann wieder das Klopfen an der Tür, das ihre Zeit besser einteilte als das Ticken einer Uhr. „Komm raus da. Wir machen uns Sorgen. Komm schon, komm raus da!"
Sie klang verzweifelt. Lizzie blinzelte durch das schmutzige Fenster, das nach draußen zur Straße zeigte und ließ die schwindenden orangen Strahlen über ihr Gesicht klettern. Sie trug noch immer den himmelblauen Krankenhauskittel und ihre Finger krampften sich um das dünne Material, während sie versuchte den Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken.
„Craig..." Charlotte's Stimme war nun leiser, aber das Klopfen hatte nicht abgenommen. „Lass mich wenigstens rein... komm schon, rede mit mir..."
Sie tat das alle zehn Minuten. Aufstehen, an die Tür klopfen, Craig darum anflehen wenigstens ein Lebenszeichen von sich zu geben bevor sie wieder frustriert zu Boden sank und mit einem Stirnrunzeln in die Leere starrte.
Nachdem die Nachricht wie eine Bombe eingeschlagen war und Lizzie die letzte Stunde ihrer Schicht nur mit Mühe überstanden hatte bevor Richard sie mit einem Kuss auf die Stirn nach Hause geschickt hatte, hatten sie sich nun alle in der Küche des kleinen Appartements versammelt, wo sie zwischen verstaubten Cola-Flaschen und kaputten Tastaturen hockten und überlegten, ob sie die Tür einschlagen sollten oder ob ein Dietrich reichen würde.
Wieder das Klopfen, wieder Charlotte's flehende Stimme. Dann Anne, deren Worte leise dazwischen schnitten.
„Hat jemand schon seinen Eltern Bescheid gesagt?", fragte das Bernsteinmädchen und Lizzie konnte nicht umhin zu schnauben.
„Als ob die das kümmert", sagte sie bitter – es waren die ersten Worte, die sie an diesem Abend überhaupt von sich gab
Sie hörte die Mahnung in Anne's Stimme. „Das weißt du nicht, Lizzie."
Lizzie zuckte nur unwillig mit den Schultern und malte mit dem Nagel ihres Zeigefingers Muster in die Staubschicht auf der Glasscheibe. „Warum sollten sie sich jetzt kümmern, wenn sie es davor nicht getan haben?" , fragte sie leise, die Frage mehr reine Rhetorik insbesondere da in diesem Moment die Tür aufging und alle hochschrecken ließ.
Doch es war nicht die Tür zum Schlafzimmer, die aufging, sondern die Haustür, hinter der sich Collins' blonder Schopf hervorschob und mit einem Lächeln und von der Kälte roten Wangen zu Charlotte hinüber blinzelte, die zum ersten Mal seit zwei Stunden aufzuatmen schien.
„Ich hab etwas zu essen mitgebracht", verkündete das Rumpelstilzchen mit einem fast nervösen Blick in die Runde und hielt eine Plastiktüte mit dem Logo des China Imbisses hoch. Man konnte fast spüren wie die Spannung im Raum um gleich einige Oktaven brach. „Ich hoffe das ist in Ordnung, ich dachte, das wäre-"
„Wundervoll!", rief Lou aus und klappte mit neu gewonnener Energie ihren Laptop zusammen. „Ich sterbe fast vor Hunger."
„Ich auch", meldete sich Hetty zu Wort, während Charlotte noch immer Collins anstarrte. „'Krepieren' trifft es wohl eher."
„Um ehrlich zu sein, dachte ich, dass „angemessen" das bessere Wort wäre, aber -" Collins hielt schlagartig in seinem Monolog inne, als sein Blick auf die fragenden Mienen der anderen fiel.
„Sar- Sarkasmus?", fragte er an Lizzie gewandt, die, vom Geruch des chinesischen Essens wiederbelebt, so etwas wie ein Lächeln zustande brachte und ihm die Tüte aus der Hand nahm.
„Nein", sagte sie mit einem leichten Schmunzeln. „Kein Sarkasmus, Collins."
„Aber was -", begann Collins, wurde aber sogleich von Charlotte unterbrochen, die sich ihm mit einem Aufschrei um den Hals warf und ihm jede Luft zum sprechen raubte, indem sie seine Lippen für ganz andere Zwecke benutzte.
„Urgh", machte Lou und hielt sich und Hetty die Augen zu. „Leute, nehmt euch ein Zimmer. Hier sind Kinder im Raum."
Anne schnaubte. „Wenn ich mich recht entsinne haben wir vor fast zwei Monaten euren Eintritt ins Erwachsenendasein nicht gerade pädagogisch wertvoll gefeiert." Hetty streckte ihr die Zunge raus. „Und ich meine mich zu erinnern, dass du irgendwann dein T-Shirt ausgezogen hast, um dem rothaarigen Knaben mit der Hornbrille zu zeigen, warum du deine Brüste Ernie und Bert nennst."
Lou und Lizzie brachen in prustendes Gelächter aus, während Hetty knallrot anlief. Anne grinste nur leicht diabolisch in ihrer pixiehaften Buddha-Art.
„Wehe einer von euch erzählt das Hayter", murmelte Hetty mit immer noch brennendem Gesicht. „Ich hab noch keine Zeit gehabt -"
Der Rest ihrer Worte ging in Rascheln und Räuspern und dann in der fast eisigen Stille unter, die sich in der Küche breitmachte, als die Tür erneut aufging und Wentworth ihren Kopf mit verwehten schwarzen Haaren und vor Kälte geröteten Wangen dahinter hervorschob und in die Runde von Gesichtern blinzelte, die sie mit variierenden Mienen von Schock und Ablehnung betrachteten.
Nachdem Lizzie nämlich am Weihnachtsmorgen übermüdet und durchgefroren ihren Weg nach Lyme gefunden hatte und die kleinen Körper der Teufelszwillinge, die sich wie zwei quirlige Heizkörper um sie geschlungen hatten, sie so weit wieder aufgewärmt hatten, dass sie genug von ihrer Außenwelt mitbekam, hatte es nicht lange gedauert bis sie die bedeutungsschweren Blicke, die beißenden Kommentare und Anne's zerbissene Unterlippe bemerkte und kurz darauf ihre kaum verhohlene Drohung von einem Oktobernachmittag an einer U-Bahn Station wahrmachte, als sie Wentworth an einem Vormittag im zweiten Stock zwischen Treppe und Flur erwischte.
Sie war gerade bis zu den Worten „unversöhnliches, verbittertes Miststück" und „zitronengesichtige, bleistiftkauende Sadistin" gekommen, unterbrochen von einem gelegentlichen „Was denkst du dir bloß?" und der durchaus berechtigten Frage, wie sie es denn bloß übers Herz brächte Anne wehzutun, denn das läge ja wohl gleichauf mit Verbrechen wie Welpen treten, Regenbögen zerschneiden oder Babys zum Weinen bringen, als ein Räuspern und die geschockten Mienen der Zwillinge sie unterbrochen hatten.
Seitdem war Wentworth so etwas wie die persona non grata wenn es nach den Zwillingen und Lizzie ging und jede Mühe Anne's sie doch zum Vergessen und Versöhnen zu bringen war bislang erfolglos geblieben.
„Ich hab sie vor dem Haus getroffen", erklärte Collins, während seine kleinen blauen Augen hektisch zwischen Charlotte, Lizzie und den Zwillingen hin und her sprangen. „Ich wusste nicht... Das heißt, ich dachte... Ich hoffe... Ich hoffe, das war richtig", stammelte er und Lizzie entging nicht, wie Wentworth's dunkle Augen als erstes zu Anne huschten, die wie erstarrt an der Wand saß, den Rücken kerzengerade durchgestreckt, und wie sich dann schließlich alle Augen auf sie richteten und auf ihr Urteil warteten.
„Sie hat auch Kekse mitgebracht!", rief Collins, hilfreich wie immer, in einem Versuch die Stimmung und die beinahe mörderischen Blicke von Lizzie, Hetty und Lou aufzulockern.
„Vegane Cookies?", warf Wentworth mit einem nervösen Lächeln ein und hielt eine Keksdose mit Weihnachtsmotiv hoch. „Ich hab sie gestern Abend selber gebacken. Da ist auch kein Weizen drin, aber ich bin mir nicht sicher wie vegan die Schokolade ist, weil ich die normale 85% nehmen musste – die andere war ausverkauft – und da sollten wirklich bloß nur noch Spuren von Milch drin sein, zumindest laut Verpackung, also sind sie streng genommen nicht vegan, aber -"
„Es ist okay", sagte das Bernsteinmädchen und stand auf, um Wentworth die Dose aus der Hand zu nehmen ohne sie dabei anzusehen oder auch nur zu berühren.
„Benehmt euch ihr zwei", sagte sie, als sie an den Zwillingen vorbeikam und stupste leicht mit ihrem Fuß gegen Lou's Schienbein. „Sie hat uns bei der Suche sehr geholfen."
Hetty antwortete mit einem Schnauben und Lou mit einem abfälligen „Ach ja? Wie denn?", während Lizzie bloß mit verschränkten Armen Wentworth anfunkelte, die immer noch ein wenig verloren dastand und nervös ihre Finger wrang.
„Die Zeitung", stammelte sie und begegnete der kaum verhohlenen Feindseligkeit der Zwillinge mit einem Stirnrunzeln. „Ich habe von einer Story, für die ich vor ein paar Jahren recherchiert habe, noch Kontakte in Nordirland gehabt und die haben sich als sehr nützlich erwiesen..."
„Sehr nützlich", warf Anne ein, die nun leichtfüßig um den Tisch herumtanzte und Teller verteilte. Lizzie rollte die Augen und Wentworth brach in eine Art erleichtertes Lachen aus, das sofort erstarb als sie sich umdrehte und sich von Angesicht zu Angesicht mit Lizzie fand, die mit ihren verschränkten Armen die Rabenprinzessin drohend taxierte.
Lizzie zog eine Augenbraue hoch. Wentworth wurde blass.
„Hör auf dich wie mein Bodyguard aufzuführen", schalt Anne sie und stupste sie mit ihrer kleinen, elfenhaften Gestalt und einem Karton mit frisch gegartem Reis in die Seite und beendete damit den Blickkontakt abrupt.
Lizzie lockerte ihre Pose und warf Anne einen spielerisch schmollenden Blick zu. „Ich würde mich gut als Terminator machen", erklärte sie, was das Bernsteinmädchen zum Lachen brachte.
„Da musst du aber erst mehr essen", erwiderte sie und hüpfte um Wentworth drumherum als wäre sie gar nicht da und Lizzie konnte sehen, dass das der Rabenprinzessin gar nicht gefiel. Sie grinste, bleckte ihre Zähne in einer fast raubtierhaften Art und mit einer stillen Drohung in den Augen, einer Warnung, die einem Versprechen gleichkam, dass das nächste Treffen nicht ohne Blutvergießen enden würde.
Wentworth schluckte und nickte kaum merklich.
„So wie der Herr seine Freude daran hatte, auch Gutes zu tun und euch zahlreich zu machen, so wird der Herr seine Freude daran haben, euch auszutilgen und euch zu vernichten."
(5. Mose 28,63)
Die orangen Strahlen wurden blasser und machten Platz für die Schatten, die aus Ecken und Schränken hervorkrochen und außerhalb des blassen Lichtzirkels der Deckenlampe warteten wie in Bann geschlagene Monster, während sie ihr Essen verzehrten und Gesprächen lauschten, die von zähen Fragen und besorgten Blicken, zu lauten Rufen nach Craig evolvierten und sich dann mit dem Fortschreiten der Dunkelheit zu amüsierten Reminiszenzen verschiedener Anekdoten ausdehnten, als plötzlich die Tür zum Schlafzimmer aufging und Lou, die gerade mit weit ausholenden Armbewegungen eine verworrene Geschichte von Craig, drei Kobolden und einer roten Zipfelmütze erzählte, von der niemand wusste, ob das ein Euphemismus sein sollte oder nicht, mitten im Satz unterbrach.
„... und dann nahm der eine der drei seinen Beutel und sagte ihm...sagte ihm, dass im Austausch gegen die Zipfelmütze er ihm gerne doch seine drei -"
Rascheln. Das Klicken der Tür und das leise Tappen von Füßen. Lou's Gesichtszüge, rot vom Lachen, Zunge, Zähne und Mund in einem wilden Tanz des Übermuts im blassen Licht verzogen, erstarrten, fielen, und ihr Kopf knallte gegen die Tischkante, als sie beinahe vom Stuhl fiel.
„Craig", wisperte sie, starrte in den Schatten, während sie sich an den Händen wieder in die Waagerechte zog.
Die anderen starrten ebenfalls in den dunklen Flur, wo Erhebungen aus Gliedmaßen, Haaren und Kleidung die Dunkelheit schattierten und Lizzie fühlte wie ihr Herz zum ersten Mal seit ein paar Stunden wieder schlug.
Für ein paar Augenblicke sagte niemand ein Wort, bis es wie ein Schrei aus Charlotte herausbrach und sie ihm um den Hals fiel.
Die Schattengestalt bewegte sich nicht.
Und während Collins glücklich in die Hände klatschte, die Zwillinge sich aus ihrer Starre befreiten und Anne und Wentworth fast spiegelgleich die Stirn runzelten, fühlte Lizzie wie die Angst wie kalte Finger ihren Magen und Rippenbogen hinaufkroch.
Etwas, irgendetwas stimmte ganz und gar nicht.
Eine hüpfende, strahlende, ebenso hysterisch glückliche wie zuvor traurige Charlotte zog und zupfte, schob und drückte an der Schattenfigur bis sie in den Lichtkegel trat und alle scharf den Atem einzogen. Collins hielt mitten in seiner Manier eines klatschenden Kleinkindes inne und die Mienen der Zwillinge und die von Anne und Wentworth variierten zwischen aufgerissenen Augen und entsetzt offenen Mündern, als zum dritten oder vierten Mal an diesem Tag die Welt einfach aufhörte sich zu drehen.
Er war dünn, fast abgemagert, mit Knochen die an den falschen Stellen hervorstachen und einem T-Shirt, das an seltsamen Stellen Falten warf, aber mehr noch als der fragile Zustand seines Körpers war es der absolut hungrige Ausdruck in seinen Augen, die auch wenn sie halb geschlossen waren, viel zu groß für sein Gesicht schienen, der Lizzie's Magen und Fäuste verkrampfen ließen.
Da waren Wunden. Schnitte am Kiefer, an Wangenknochen und Schlüsselbein, rote, kaum verheilte, unregelmäßige Linien, die sein Gesicht zerteilten, unterbrochen und schattiert von blauen Flecken, die wie Blumen auf Gesicht, Hals und Armen erblühten.
Doch was sie fast am meisten erschreckte waren seine Haare. Oder vielmehr, der Mangel an Haaren, denn die fast kinnlangen blonden Locken, die Marley vom Philip's dazu bewegt hatten ihn einen Engel zu nennen, waren bis auf drei stachelig kurze Millimeter verschwunden.
Es ließ ihn älter aussehen. Verhärmt. Nicht mehr ein reiner Engel, sondern die gefallene, verlorene Version, die es nur halb lebendig wieder zurück nach Hause, in diese Küche geschafft hatte.
„Oh Craig...", wisperte Charlotte und ließ von ihm ab, als hätte sie sich verbrannt. Sie streckte eine Hand aus, hielt nur kaum ein Schluchzen zurück. „Was ist passiert? Oh Craig..."
Doch die Schattenfigur, die einst Craig gewesen war, streckte eine Hand aus und hielt das spanische Mädchen auf Abstand. Sein Gesicht zuckte, er öffnete den Mund ein, zwei Mal, doch kein Laut entkam. Er blinzelte zum Essen, zu den Resten, die noch auf dem Tisch standen und Anne, die bernsteinfarbenen Augen groß und weit, stand auf und reichte ihm den Teller mit Reis und Gemüse, den sie für Craig beiseite gestellt hatten.
Craig nahm ihn, nickte, drehte sich um und ehe sie es sich versahen und auch noch ehe einer von ihnen protestieren konnte, fiel die Tür zum Schlafzimmer wieder ins Schloss und sie hörten nur noch wie der Schlüssel sich im Schloss drehte bevor die Welt ganz langsam begann sich weiter zu drehen.
„Denn du, Herr, bist gut und gnädig, von großer Güte allen, die dich anrufen"
(Psalm 86, 5)
Niemand von ihnen schlief gut in dieser Nacht.
Sie blieben wo sie waren, eingerollt auf Stühlen, gegen Wände gelehnt und mit Decken und Jacken bedeckt bildeten sie einen aus Gliedmaßen gewundenen, ineinander verschlungenen, oszillierenden Haufen menschlicher Organismen über die sich die Schattenmonster legten, als jemand den schwachen Lichtkegel ausknipste, der sie zurückgehalten hatte.
Lizzie verbrachte die Nacht in einem dämmrigen Halbwach-Zustand, der ihren Augen Streiche spielte und sie in der Dunkelheit Dinge sehen sah, die so verstörend grotesk sie immer wieder in aberwitzige Halbträume jagten, in denen blutroter Regen auf einem Feld blaue Blumen erblühen ließ während heisere Schreie das Ganze untermalten.
Als die Anzeige der Mikrowelle über der Anrichte dann schließlich fünf Uhr Morgens anzeigte starrte Lizzie Bennet seit gut einer halben Stunde hellwach in das Dämmerlicht, das von außen eindrang und beobachtete mit blutunterlaufenen Augen das Heben und Senken der Brustkörbe der anderen im Raum.
Charlotte und Collins waren ein Knäuel vor Craig's Schlafzimmertür, weil das spanische Mädchen, nachdem sie sich aus ihrer Schockstarre befreit hatte, das Klopfen in Intervallen wiederaufgenommen hatte ohne auch nur eine Reaktion zu erzielen – Sie hatte irgendwann erschöpft aufgegeben.
Die Zwillinge hatten sich wie zwei Katzen mit Decken auf den Küchenstühlen eingerollt – Lou hatte ihren Kopf zwischen zwei Cola-Flaschen vergraben, während Hetty's blonde Locken auf der Fensterbank balancierten.
Das Bernsteinmädchen währenddessen schlief mit ihrem Kopf auf Lizzie's Schoß drapiert und mit den Knie zur Brust gezogen sah sie tatsächlich aus wie eine Elfe in dem bläulichen Morgenlicht. Wentworth lehnte in ähnlicher Pose wie Lizzie gegen die Wand auf der anderen Seite von Anne und ein rascher Blick zur Seite zeigte ihr, dass auch die Rabenprinzessin schon wach war.
Als die Ziffern der Uhr schließlich umschlugen, versuchte Lizzie vorsichtig Anne's Finger, die sich in einer Art Klammergriff um die Falten der Hose ihres Kittels geschlungen hatten, zu lösen. Das Bernsteinmädchen verzog leicht das Gesicht wie ein kleines Kind, was Lizzie zum Schmunzeln brachte, während sie sie langsam von sich löste, umdrehte und dann ihren Kopf in Wentworth's Schoß platzierte
Die Rabenprinzessin öffnete erstaunt den Mund, doch sie sagte keinen Ton, als Lizzie ihr stillschweigend gebot doch leise zu sein.
Anne gab einen Laut wie eine kleine Katze von sich, bevor sie ihre Glieder streckte und sich dann langsam an Wentworth schmiegte, während ihre Finger neue Kleiderfalten fanden um sich festzuhalten.
Lizzie schüttelte mit einem Schmunzeln den Kopf und deckte Anne mit eine der Decken zu. Wentworth währenddessen starrte das Bernsteinmädchen mit so etwas wie verwundertem Erstaunen an bevor ihre Finger ganz langsam hinabsanken und über die kurzen, stacheligen Haarsträhnen des elfenhaften Mädchens strichen.
Sie lächelte.
Lizzie warf der Rabenprinzessin einen letzten warnenden Blick zu, ein „Ich-trau-dir-nicht-aber-ich-hab-keine-andere-Wahl-Blick", bevor sie ein wenig schwankend, ein wenig unbeholfen an den verdrehten, atmenden Gliedmaßen auf dem Boden vorbeistakste – aus dem Schlafzimmer war kein Ton zu hören – ihre Tasche schnappte und aus der Wohnung trat.
Sie versuchte zu atmen als sie draußen im Flur stand, doch obwohl selbst in dem schmalen Raum mehr Platz war als dort drinnen, so drang der Sauerstoff immer noch nicht leichter in ihre Lungen ein. Gedanken an Kaffee und zuckergetränkte Gebäckstücke hielten sie aufrecht und am rennen nun da die Welt sich wieder drehte – langsam zwar, aber ja sie drehte – und sie zögerte nur einen Moment als sie an ihrer früheren Wohnungstür vorbeikam, wunderte nur für den Bruchteil einer Sekunde wie es Lydia ging und ob sie nach ihr sehen sollte, bevor sie den Gedanken wegschob, es zu Jane's Verantwortung und der ihrer Eltern machte und die Treppe hinunterstolperte.
„Lizzie!", kreischte dann plötzlich eine viel zu hohe, viel zu aufgedreht klingende Stimme und Lizzie verfluchte sich für Gedanken an Personen, die man nicht sehen wollte.
Sie fanden einen nämlich. Wie Bluthunde.
„Lizzie!", rief die Stimme erneut und kicherte dann wie wild. Mit steinerner Miene blickte Lizzie auf und sah wie ihre jüngste Schwester die Treppen hinaufkletterte, wild und betrunken und den Arm um einen Typen geschlungen, der Lizzie unbehaglich, übelkeitserregend bekannt war.
„George", sagte Lydia, ihre Stimme wie eine Kreissäge in Lizzie's Ohren, und deutete mit einem betrunkenen Gefuchtel hinauf zu Lizzie, die ein paar Stufen über ihnen stand. „Das ist meine Schwester... Lizzie!" Sie kicherte. „Ich hab so viele von ihnen... ist schwer sie alle auseinanderzuhalten... nicht wahr, Liz?" Lydia grinste zwischen halb zugefallen Augen. Die glatte, blonde Mähne von Weihnachten war mittlerweile verschwunden, stattdessen war ihr Haar nun dunkelbraun und wellig. „Liz, du musst unbedingt Wicky hier kennenlernen. Er ist sooo lustig!" Sie lehnte sich vor und der Geruch nach billigem Whiskey schlug Lizzie ins Gesicht. „Und sooo heiß", wisperte sie lautstark, was sie erneut zum Kichern und den Typen an ihrer Seite zum Aufblicken brachte.
„Septimus!", rief George Wickham aus, grinste und schwankte betrunken aber mit einem fast kalkulierenden Blick in den Augen, der Lizzie eine Gänsehaut bescherte.
„Vampir", sagte sie und verzog leicht das Gesicht. „Bist du wieder deinem Grabe entkommen?"
Das Grinsen auf Wickham's Gesicht wurde breiter. „Natürlich", sagte er und zog eine kichernde Lydia noch näher zu sich heran. „Ich muss doch etwas essen, nicht wahr?"
Lizzie lächelte kalt. „Und ich hatte dich für die vegetarische Version gehalten."
Er schmollte. „Ach, Septimus, wo bliebe denn da der Spaß?", erwiderte er, wurde dann jedoch von Lydia unterbrochen, die mit einem Lallen und einem Taumeln von Lizzie zu Wickham deutete.
„Lizzie, das ist George. Oder Wicky." Sie kicherte erneut. „So nenne ich ihn."
„Wir kennen uns", sagte Lizzie knapp und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Müdigkeit der durchwachten Nacht drohte nun mit ihr aufzuholen. „Aber da behauptete er noch Student zu sein."
„Student?" Lydia brach in lautes Gelächter aus. „Wicky ist doch kein Student. Er arbeitet bei der Autowerkstatt... direkt gegenüber!"
„Du arbeitest bei Forster?", fragte Lizzie und beäugte das rote Sweatshirt des Vampirs mit kaum verhohlener Abneigung.
„Sicher doch, Kleines", grinste der Vampir und presste eine Reihe von Küssen gegen den Hals ihrer Schwester – Lizzie musste an sich halten, um sich nicht zu übergeben.
„Ich muss los", sagte sie dann ein wenig steif zu Lydia, der das überhaupt nicht zu gefallen schien, denn sie fiel ihrer zögernden Schwester prompt um den Hals, erstickte sie fast mit ihren Armen und dem Geruch nach Zigaretten und billigem Alkohol.
„Aber du kannst noch nicht gehen", jammerte sie. „Wicky und ich wollen noch weiter feiern und du musst mit uns kommen!"
„Ich muss ins Krankenhaus, Lyds", erwiderte Lizzie und versuchte sich aus den tentakelartigen Armen zu winden. „Ich hab jetzt keine Zeit mit dir zu feiern."
„Ah buh! Du hast nie Zeit mit mir zu feiern", schmollte Lydia und trat einen Schritt (oder vielmehr zwei Stufen) zurück. „Immer bist du entweder arbeiten oder lernen oder hängst mit diesem Mädchen mit den verrückten Augen rum! Ich bin deine Schwester, verdammt, und trotzdem sehe ich dich nie."
„Lydia, wir hatten seit fast fünf Jahren kaum Kontakt", erwiderte Lizzie entnervt. „Warum denkst du, das würde sich jetzt ändern?"
„Weil ich jetzt in London bin?", rief Lydia aus und schob ihre Unterlippe vor. Das hatte früher bei ihrer Mutter immer gezogen, aber Lizzie war nicht Mrs Bennet. „Ich dachte wir würden zusammen die Stadt unsicher machen. Zuhause haben alle gesagt, dass du so verrückt und wild wärst – eine Hexe hat dich Mimi Goulding genannt – aber du bist bloß langweilig und nie da und -"
„Liebling", warf Wickham dann ein, den das Ganze offenbar nicht interessierte. „Lass deine Schwester einfach langweilig sein", er zwinkerte Lizzie zu und hauchte dann Lydia weitere Küsse auf Wangen und Nase, „und uns unseren Spaß haben. Wir brauchen sie gar nicht."
Lydia kicherte und wurde rot. „Das stimmt, Wicky..." Sie kicherte erneut als er ihr etwas ins Ohr flüsterte und zog ihn dann die Treppe hinauf und an Lizzie vorbei.
Der Vampir zwinkerte erneut und warf ihr einen Kussmund zu.
„Florence hatte doch Recht", verkündete Lydia dann herablassend, „als sie sagte, dass -"
„Was Florence Cavanaugh sagt oder auch nicht sagt, geht dich einen Scheißdreck an", fauchte Lizzie, der dieses ganze verdammte Theaterstück allmählich zu bunt wurde. „Und was dich betrifft", zischte sie Wickham an, der wie das Bild der Unschuld zwischen Lydia's Locken hervorblinzelte und sie dachte an Darcy und seine Schwester und die Worte von einem Nachmittag auf einem Bordstein bevor der Regen kam, „steck dir eine verdammte Ingwerwurzel in den Arsch und werde glücklich damit!"
Und mit diesen, für Personen die mit der Wirkweise von Ingwer nicht vertraut waren, reichlich verwirrenden Worten, verabschiedete sich Lizzie Bennet und hüpfte die Treppen hinunter.
Es gab einen Grund, warum sie Vampire verabscheute.
Unten vor dem Haus traf sie auf Marley, die ein Tablett mit einer Kaffeekanne und Tassen balancierte, von denen sich Lizzie gleich eine schnappte bevor sie der Wirtin des Philip's die Tür zum Gebäude aufhielt und sie über die Ereignisse der Nacht informierte.
„Hab' mir schon gedacht, dass das nicht lange gut gehen kann", grummelte die grauhaarige Frau mit einem müden Kopfschütteln und blinzelte in die Dämmerung. Lizzie zuckte bloß mit den Schultern.
„Bienchen, hast du deine Schwester gesehen?", fragte dann Marley plötzlich, die eulenhaften Augen auf Lizzie gerichtet. Ein Schnauben war alles, was sie zur Antwort bekam und die ältere Dame schüttelte den Kopf. „Pass auf, Lizzie-Bee, sie hängt mit den falschen Leuten rum. Früher oder später gibt das böses Blut."
Lizzie zuckte bloß mit den Schultern und machte sich auf den Weg die Straße hinunter, die pinke Kaffeetasse mit den tanzenden Katzen in einer Hand.
Weil man manchmal nicht tatsächlich rennen musste, um davonzulaufen.
„Wenn ich mich fürchte, so hoffe ich auf dich."
(Psalmen 56:4)
„Ich habe heute George Wickham gesehen", sagte Lizzie Bennet ein paar Stunden später als sie sich erneut mit Darcy in einem Aufzug gefangen sah.
Sie hatten beide Schatten unter den Augen, waren Körper, die nur noch von Zucker und Koffein und dem Lärm und der Hektik um sie herum angetrieben wurden und es waren diese Momente zwischendurch, wenn sich die Türen des Aufzuges schlossen und die Außenwelt mitsamt Menschen und Geräuschen aussperrten, wo sie einatmeten und Luft holten und einen Moment lang keine Maschinen waren.
„Ach ja?", fragte Darcy und sie sah wie sich seine Hände zu Fäusten ballten, seine Schultern anspannten und sein Profil zum dem einer Statue wurde.
„Ja." Sie lächelte leicht, verbarg es zwischen wirren Haarsträhnen und der Wand des Aufzuges. „Ich hab ihn einen Vampir genannt." Sie legte den Kopf schief, hörte wie Darcy den Atem anhielt. „Und ihm geraten sich ein Stück Ingwer in den Arsch zu stecken."
Sie lächelte süßlich. Wie Anne, wenn sie mehr Hexe als Elfe war.
Darcy sagte gar nichts und es dauerte ein Weile bis sie seine bebenden Schultern sah und das stille Lachen erkannte, das er halb zu verbergen versuchte.
„Danke", hörte sie ihn leise sagen und dann drehte er sich um und sie sah ein blitzendes Lachen, glitzernd und weit, ein Lachen, das sein ganzes Gesicht in etwas verwandelte, das an ihrer Brust zog und zerrte und sie spürte wie auf einmal sich die ganze Welt ein ganz klein wenig schneller drehte.
Und sie lächelte. Zum ersten Mal an diesem Tag.
„Und Gott kam aus der Ferne und sprach: Ich habe dich immer geliebt. Darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte."
(Jeremia 31,3)
Lizzie fand Richard am Ende des Tages oben auf der Dachterrasse mit einer Zigarette zwischen den Lippen. Es war ähnlich kalt wie am Tag zuvor als sie dort mit Darcy gestanden hatte, aber die Sonne war schon beinahe untergegangen und tauchte die Terrasse in ein blasses Rotorange.
„Ich dachte du rauchst nicht im Krankenhaus", bemerkte sie als Gruß und stellte sich entgegen der Windrichtung neben ihn, um den Rauch nicht einatmen zu müssen.
Der glitzernde Mann bleckte bloß seine Zähne in einem sardonischen Lächeln und blies Rauch in die Luft. „Technisch gesehen bin ich nicht im Krankenhaus", erwiderte er und legte den Kopf schräg. „Du siehst müde aus, Papillon."
„Ist das etwas neues?" Sie lehnte gegen die Mauer und schloss ihre Augen für einen Augenblick.
„Der Zombie-Look?" Er schüttelte den Kopf. „Nein, daran bin ich gewöhnt. Aber du siehst heute als hätte man den Zombie mit dem Vampir gekreuzt. Und glaub mir, die beiden sind genetisch nicht kompatibel."
„Du weißt gar nicht, wie recht du hast", murmelte Lizzie und rieb sich müde die Schläfen.
„Darcy sieht übrigens auch so aus", bemerkte Richard und legte den Kopf in den Nacken, die Zigarette immer noch zwischen den Lippen. „Ist das der Grund für die verunglückte Fortpflanzungsgeschichte?"
Lizzie hustete leicht und spürte wie die Hitze in ihren Wangen aufstieg. „Nein", sagte sie dann düster. „Er hat damit nichts zu tun."
Er kam ein paar Schritte näher. „Sicher, Papillon?" Es hörte sich an wie ein Scherz, aber da war eine ernsthafte Note dahinter, die sie verunsicherte.
„Ja", sagte sie mit einem Seufzer und blinzelte hinunter auf die wie immer geschäftigen Londoner Straßen.
„Komm schon, Papillon. Spuck es aus. Hat mein Cousin wieder an deinen Haaren gezogen? Ich kann ihm sagen, dass er das sein lassen soll, es sei denn natürlich, du stehst auf so ein Zeug -"
„Richard!" Sie stieß ihren Ellbogen zwischen seine Rippen und sein halb entsetzter Gesichtsausdruck brachte sie unfreiwillig zum Lachen. „Glaub mir, es hat nichts mit Darcy zu tun", sagte sie und wandte sich wieder der Stadt zu. Nach diesem Tag voller Sprints zwischen Notaufnahme, Pädiatrie und der Blutbank fühlte es sich an, als würde ihr Körper Überstunden machen, als wäre sie über diese unsichtbare Grenze des menschlich möglichen geschossen und befände sich nun jenseits von allem – sie wusste nicht, ob sie überhaupt schlafen könnte, selbst wenn sie es versuchen sollte.
„Was ist es dann, Liebling?", hakte der glitzernde Mann nach und zupfte sanft an einer Locke – Richard hatte das Gebot ihre Haut nicht zu berühren schnell und ohne Fragen zu stellen akzeptiert und sie liebte ihn dafür.
Lizzie runzelte die Stirn und starrte nach unten auf den Innenhof, wo sich der Eingang zur Notaufnahme befand und die Rettungswagen mit Sirenen und blauen Lichtern in unregelmäßigen Abständen vorfuhren.
„Wie... wie machst du das, Richard?", fragte sie ihn dann leise und fuhr mit den Fingern über den Beton der Brüstung. „Mit all dem klar zu kommen? Zu akzeptieren wer du bist?"
„Ah..." Richard stieß einen Seufzer aus und stützte sich mit den Ellbogen auf der Brüstung ab, die Zigarette zwischen seine Finger geklemmt. „Nun, zum einen, Papillon, bin ich das Kind reicher Eltern."
Sie schnaubte unfreiwillig und spürte wie die Bitterkeit in ihrer Kehle aufstieg und den Geschmack auf ihrer Zunge verätzte.
„Na, na, Papillon. Nicht so voreilig. Meine Familie ist sehr wohlhabend und besitzt großen gesellschaftlichen Einfluss. Gegen mich zu gehen würde bedeuten gegen sie zu gehen und niemand in England kann sich das leisten." Er grinste ein wenig selbstironisch und nahm einen Zug von seiner Zigarette. „Das hilft natürlich. Zum anderen... je höher du in den gesellschaftlichen Schichten gehst, desto höher die Chance gebildete Menschen zu treffen und, wie jeder weiß, reduziert Bildung Ignoranz. Das soll nicht heißen, dass ich nicht meinen Teil an selbstgerechten Idioten getroffen habe – glaub mir, das habe ich - aber es hielt sich in Grenzen und meine – wie soll man es sagen... Extravaganz ist in diesen Kreisen nichts ungewöhnliches. Sie wird toleriert, schätze ich. Mit mehr Amüsement als Ernsthaftigkeit zwar, aber nichtsdestotrotz bin ich noch nie zusammengeschlagen worden." Er zuckte mit den Schultern und sie fühlte die kalte Wut, die in ihrem Magen brodelte seit sie Craig im Licht der Küchenlampe gesehen hatte, wieder aufsteigen.
„Geld kann dich nicht vor allem beschützen", sagte sie dann kryptisch, nicht merkend, dass sie den Gedanken laut ausgesprochen hatte.
„Hat dich nicht beschützt wie, Papillon?", fragte Richard sanft, seine Stimme ein mitfühlendes Wispern in ihrem Ohr.
Lizzie zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf.
„Warum nicht?", fragte er mit einem Schnippen seiner Zigarette. „Wirtschaftliche Interessen sind normalerweise ein großer Motivator."
Sie lächelte bitter. „Solange du dich nicht mit einer reicheren Familie anlegst, dann ja." Lizzie schloss die Augen, verzog das Gesicht. Selbst ihre Stimme klang nach einer Mischung aus Zitronensaft und salzigen Tränen und es widerte sie an. „Ansonsten bist du am Arsch."
Richard sagte nichts, blies nur langsam Rauch in die Abendluft. „Das Problem ist", sagte er nach einer Weile, seine Züge ein Spiel von Licht und Schatten in der untergehenden Abendsonne, „das die Menschen allen Dingen Namen geben und mit diesen Namen kommen Konzepte, Ideen wie sich dies oder jenes zu verhalten hat... Erwartungen..." Er schnaubte. „Der Grund allen Übels sind die Erwartungen, die eigenen und die anderer, weil du sie nie ganz erfüllen kannst, Papillon. Das ist unmöglich und die Leute gehen daran kaputt. Sie verbeißen sich in etwas ohne zu begreifen, dass wir Menschen keine Dichotome sind. Wir sind nie ausschließlich das eine oder das andere und während wir das in bestimmten Bereichen schon begreifen, so werden die Leute nach ihrer Sexualität immer noch in Schubladen gesteckt." Er schüttelte den Kopf und sie sah einen Hauch von Glitzer in seinen Haaren schimmern.
„Menschen verlangen praktisch, dass du dich der einen oder anderen Gruppe zuordnest. Weil es die Dinge einfacher macht, berechenbarer. Stereotype haben ihre Grundlage und Berechtigung, das streite ich nicht ab. Aber wir versteifen uns zu sehr darauf eine Person als Summe der Labels zu sehen, die für sie in Anspruch genommen werden und begreifen nicht, dass Sexualität eine Mischung aus Attraktion und Emotion und eben nicht konstant ist und das Identität eben nicht bedeutet sich selber in Worte fassen zu können."
„Ich kann mir vorstellen, dass dir da viele widersprechen werden", merkte Lizzie leise, aber mit einem Lächeln an.
„Ja", sagte Richard und stieß einen Seufzer aus. „Es ist ein ständiges Streitthema zwischen Darcy und mir. Der Mann, bei all seiner Intelligenz, verstrickt sich so in Ideen von sich selber und der Welt, dass er gar nicht merkt, dass er bloß über ein Scheinproblem Schlaf verliert und graue Haare bekommt."
„Er ist ein Idiot", fügte Lizzie hilfreich hinzu und nickte ernsthaft. „Und ein Alien."
„Ah, Papillon. Ich will gar nicht wissen, was ihr beide im Bett so alles anstellt...", er schüttelte den Kopf in gespieltem Ekel. „Das ist widerlich."
„Du bist widerlich", konterte Lizzie.
„Deine Mutter ist widerlich."
„Das stimmt!"
Sie lachten leise und Lizzie spürte wie sich ihre Muskeln ein wenig entspannten. „Ich hab es irgendwann aufgegeben", sagte Richard nach einer Weile, „mich zu definieren. Ich mag Männer und Frauen und an manchen Tagen trage ich gerne Make-up und ob mich das jetzt als bisexuell oder transsexuell oder als sonst irgendetwas definiert ist mir herzlich egal, denn letztendlich sind Begriffe so bedeutungslos, ein Kokon von Selbstkonzepten, der uns mit jedem Tag mehr einschließt bis wir alle nicht mehr wissen wir man atmet..." Er schüttelte in Gedanken versunken den Kopf.
„Eine seltsame Idee, nicht wahr? Dass wir uns selber ersticken anstatt einfach loszulassen und glücklich zu sein? Letztendlich geht es doch darum - glücklich sein - und das mit niemand anderem als mit dir selbst."
„Und Caroline Bingley", warf Lizzie mit einem Grinsen ein.
Richard schnaubte. „Was hat denn dieses brillierende Skelett damit zu tun?"
„Nun, sie ist doch Darcy's Verlobte", erklärte Lizzie unschuldig. „Er wird mit ihr glücklich werden müssen, nicht wahr?"
Der glitzernde Mann sah sie mit einem seltsam halb amüsierten, halb ernsthaften Ausdruck an. „Weiß Darcy darüber Bescheid, Papillon?", fragte er sie.
„Natürlich! Es ist seine Verlobte! Außerdem erinnere ich ihn immer wieder daran. Der Mann hat die Aufmerksamkeitsspanne einer Fliege..."
In einem Versuch sein Lachen zu unterdrücken, presste Richard eine Hand auf seinen Mund, während seine Schultern bebten.
„Er ist dir sicherlich sehr dankbar dafür, kleiner Schmetterling", sagte er als er sich schließlich wieder beruhigt hatte.
Lizzie zuckte mit den Schultern und wand sich wieder den zahlreichen blinkenden Lichtern der Stadt zu. „Da wäre ich mir nicht ganz so sicher. Er befindet sich noch im Stadium der Verleugnung."
Richard prustete. „Schließ nicht von dir auf andere, Liebling", sagte er kryptisch und erwachsen wie sie war, beschloss sie, darauf nur mit einer ausgestreckten Zunge zu antworten.
„Nett", sagte der glitzernde Mann, beugte sich vor und streckte ebenfalls seine Zunge heraus.
„Ihh", machte sie und wich zurück. „Du bist ekelhaft."
„Hatten wir das Thema nicht schon einmal?" Richard grinste breit und jungenhaft und sie schubste ihn spielerisch.
„Zu häufig", konterte Lizzie. „Und dann erzähl ich dir etwas von Manieren und du konterst mit einer deiner Lebensweisheiten über persönliche Freiheit und die Restriktionen durch die Gesellschaft und dann werde ich -"
„ - mir die Zunge rausstrecken und die ganze Diskussion beginnt von vorne." Richard schüttelte den Kopf. „Meine Güte, sind wir armselig."
„Und das ist auch nichts neues", konterte Lizzie und vergrub ihren Kopf in den Armen, die sie auf die Brüstung gestützt hatte.
„Hmm", machte Richard und nahm einen weiteren Zug. „Papillon... sag deinem Freund – Ich nehme an, dass es sich um einen Freund handelt?" Lizzie nickte stumm. „Sag ihm, dass es im Leben wichtigere Dinge gibt als die eigene sexuelle Orientierung. Sie diktiert bloß wie du Spaß hast, nicht wie dein Leben aussieht."
Lizzie sah ihn eine lange Zeit an, während das blasse Sonnenlicht immer schwächer wurde und der Dunkelheit Platz machte. „Danke", wisperte sie schließlich.
Richard nickte leicht, zupfte an einer ihrer Locken. „Was ist los, Papillon?"
Sie zuckte mit den Schultern, schmeckte den Kloß in ihrem Hals und wollte ihm schon alles von Craig und den Blumen auf seiner Haut erzählen, doch als sich ihr Mund öffnete, sprudelten ganz andere Worte aus ihr heraus.
„Ich kann es nicht mehr", sagte sie leise, die Arme um ihren Oberkörper geschlungen, „...mich entscheiden. Früher konnte ich es, ich konnte mich dafür entscheiden einfach glücklich zu sein, aber mittlerweile... es wird immer schwieriger und es... zerrinnt mir einfach wie Sand zwischen den Fingern."
Richard sah sie mit schiefgelegtem Kopf und einem nachdenklichen Gesichtsausdruck an. „Ich glaub nicht, dass wir uns dafür entscheiden können glücklich zu sein, Papillon. Man ist es oder man ist es nicht. Der Schmerz gehört zum Vergnügen dazu... und das nicht nur bezogen auf die perversen Dinge."
Sie lächelte sanft bei der Bemerkung und stupste ihm leicht in die Seite. „Warum rauchst du heute, Richard?", fragte sie dann nach einer Weile und sah ihn fragend an. Seine sonst so offene, fröhliche Miene verdüsterte sich zunehmend.
„Eine Zigarette für jede von ihnen", sagte er schließlich, seine Stimme angestrengt. „Diese hier ist für Emma."
„Forever ago", wisperte Lizzie und Richard's Mundwinkel zuckten leicht.
„Ja", sagte er schließlich und sie blinzelte, sah mit Erstaunen diese Entität aus sorglosem Kind und weisem Erwachsenem an. „Ich hasse es neue kaufen zu müssen", fügte er mit einem angewiderten Blick auf die fast leere Zigarettenschachtel hinzu. „Führt mir nur mein Versagen vor Augen."
„Was war es?", fragte sie dann, das Bild eines sommersprossigen Mädchens mit roten Haaren und einer Vorliebe für Justin Bieber vor Augen, bei der sie noch an diesem Morgen die Verbände gewechselt hatte.
„Herzstillstand", sagte Richard schließlich und starrte gedankenverloren auf das glimmende Ende der Zigarette. „Mitten in der Operation. Wir konnten nichts tun."
Sie nickte langsam und sie beide genossen die Stille, bis Richard schließlich den Stummel ausdrückte und in den Abgrund schnippte.
„Komm schon, Papillon. Ab nach Hause mit dir", sagte der glitzernde Mann dann. „Ich hab schon genug Tote auf meiner Station und ich will dich lebendig haben, wenn meine Tante am Wochenende ihr Dinner gibt."
Lizzie stöhnte und wich Richards kitzelnden Fingern aus. „Hab ich eine Wahl?", fragte sie resigniert, was Richard bloß zum Lachen brachte.
„Träum weiter, Papillon."
„Aber dich will ich wieder gesund machen und deine Wunden heilen, spricht der Herr."
(Jeremia 30,17 )
Als Lizzie am Ende des Tages nach Hause kam, fand sie Craig's Wohnung beinahe in demselben Zustand vor, in dem sie sie verlassen hatte.
Es war dunkel und nur das blasse Licht der Reklameschilder und Straßenlaternen fiel herein um Kontraste zu zeichnen, auf dem Tisch standen verschiedene Container mit Essen, indisches Curry und Reis in diesem Falle, und auf dem Boden hatten es sich die Groveland-Zwillinge, Anne und Charlotte gemütlich gemacht. Collins und Wentworth waren nirgendwo zu sehen.
Lizzie tappte auf Zehenspitzen zwischen den sich nicht regenden Gliedmaßen umher bis sie Craig's Tür erreichte, wo sie den Dietrich, den sie aus verschiedenen, nicht immer ganz legalen Gründen mit sich herumtrug, dazu nutze die Tür so leise wie möglich aufzuschließen.
Sie hörte Craig's Atem noch bevor sie ihn sah und sie schloss schnell die Tür hinter sich, bevor sie die Nachttischlampe anknipste.
Sie keuchte als sie ihn sah. Craig saß auf dem Bett in einem viel zu großen, grauen Sweatshirt, die Schnitte und Flecken auf seinem Gesicht noch viel sichtbarer als in der Nacht zuvor.
„Oh Gott", entfuhr es ihr und die Schattengestalt, die einst ihr Mitbewohner gewesen war, blickte auf, ein seltsam leerer Blick in seinen Augen, bevor sich seine Mundwinkel zu einem fast sardonischen Lächeln verzogen und er leise den Kopf schüttelte wie um zu sagen, dass Gott mit dem hier nur sehr wenig zu tun hatte.
Sie fiel auf die Knie zu seinen Füßen, Tasche und Rucksack halb vergessen und nur mit Mühe unterdrückte sie die Tränen und das Verlangen ihn zu umarmen.
Lizzie biss sich auf die Lippe und kramte nach den Sachen, die sie aus der Vorratskammer des Krankenhauses hatte mitgehen lassen. Verbände, Desinfizierungsmittel, Nadel und Faden wenn es nötig werden sollte.
Er zuckte zusammen als sie seine Haut berührte, als sie den Pullover von seinem Oberkörper schälte um die Wunden zu desinfizieren und zu verbinden. Die meisten von ihnen waren nicht tief, eher oberflächlich und viele von ihnen beinahe verheilt. Sie warf im gelblichen Licht der Lampe einen genaueren Blick darauf und sah, dass die Wunden sich überlagerten, neue frische über alten fast verheilten, als hätte man ihn im Laufe der letzten Wochen immer wieder zusammengeschlagen.
„Wenn ein Mann mit einem anderen Mann... dann haben sich beide auf abscheuliche Weise vergangen. Sie müssen getötet werden. Die Blutschuld dafür lastet auf ihnen... Leviticus", wisperte Craig, während sie einen der frischeren Schnitte betäubte, desinfizierte und mit ein paar Nadelstichen verschloss und Lizzie's Hände zitterten vor Wut für einen Moment.
„Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm", erwiderte Lizzie mit zitternder Stimme und blickte auf. „Johannes Evangelium."
Sie sah in die dunklen, vormals grün-braunen Augen und zum ersten Mal seit Craig wieder da war, schien etwas in ihm aufzubrechen. „Der Herr, dein Gott, ist ein barmherziger Gott. Er wird dich nicht verlassen", setzte sie hinterher und kletterte auf das Bett um neben ihm zu sitzen. „Deuteronomium."
„Lizzie..." Craig's Gesicht verzog sich, wurde weich und dann fiel er nach vorne und sein Kopf sank gegen Lizzie's Schulter. „Er hat geheiratet", wisperte er heiser und ihre Kehle zog sich bei den Worten zusammen. „Michael hat geheiratet und sie... sie erwarten ihr erstes Kind im Mai."
Er musste nicht mehr sagen. Denn auch wenn Craig so nie viel von sich preisgegeben hatte, so war er doch ausgesprochen redselig, wenn er betrunken war und sie beide hatten im Alkoholrausch darüber gelacht, dass sie doch beide von einem M in ihrer Vergangenheit heimgesucht wurden, auch wenn er sich nur selten an diese Konversationen erinnerte.
„Sie haben gesagt, ich muss darüber hinwegkommen, mich läutern... Lizzie, ich... ich hab es versucht, aber es ging einfach nicht!" Er weinte jetzt offen, ein gefallener Engel im Fegefeuer mit blauen Blumen auf der Haut und sie schlang ihre Arme um ihn, versuchte ihn zu heilen, halten, beschützen, wisperte Matthäus' „Verurteilt nicht andere, damit Gott nicht euch verurteilt!" wie ein Mantra, denn am Ende des Tages, wenn man aufhören musste zu rennen, konnte man nur hoffen, dass man weit genug gekommen war, damit einen die Monster nicht einholten.
Und einen in die Schatten zogen.
A/N: Nächstes Mal gibt es Dinner mit der ehrenwerten Lady (und einer Reihe weiterer Leute) - Soundtrack wird u.a. NoFX - Leaving Jesusland
greets, Teddy
