,,Barry!…" Claire lachte breit, beinahe von einem Ohr zum anderen und umarmte den Hausherrn, ,,…Alles gute zum Geburtstag!"

Der Mann Ende vierzig schloss die junge Frau herzlich in die Arme: ,,Claire! Lange nicht gesehen, Kleines!"

Die Brünette löste sich von ihm und nickte: ,,Ja, hatte einiges im Büro zu tun, du weißt ja, auf meinen Bruder aufpassen." Sie machte Spaß.

Barry lachte: ,,Da hast du auch allen Grund dazu. Chris ist schon immer in jeden Schlamassel reingestolpert…" Freude lag in seinem Gesicht, ,,…Ich bin froh, das du kommen konntest, die Anderen sind alle schon im Garten."

,,Ich würde mir nicht mal im Traum einfallen lassen, eine Grillparty bei den Burtons zu verpassen…" entgegnete Claire und deutete dann mit dem Kopf dann hinter sich, ,,...Ich habe dir noch jemanden mitgebracht. Sieh nur…"

Barry blickte an Claire vorbei und traute seinen Augen kaum. Sein lächeln wich einem endlos erleichtertem Gesichtsausdruck. Beim hereinbitten hatte er schon kurz einen Blick zu ihr geworfen, doch seinen Augen kaum getraut. Auch ihrer Stimme nicht, als sie ihn vor knapp einer Woche angerufen hatte, verkündete wieder am Leben zu sein.

Chris hatte es ihm zwar derweil nochmals versichert, ihm auch einige Dinge über Afrika erzählt, doch der Cop glaubte es jetzt erst wirklich, als sie leibhaftig vor ihm stand.

,,Jill…" Barry kam zu ihr und sah sie an, dann lächelte er leicht und schloss die Arme um sie, ,,…du lebst!"

Jill schloss kurz die Augen und entgegnete die Umarmung zaghaft: ,,Hallo Barry."

,,Ich wollt es nicht glauben…" er drückte sie herzlich an sich, jetzt wurde sein Lächeln größer, ,,…Mensch, Mädchen, mach nie wieder so einen Scheiß!" Schwer löste er sich dann von ihr und hielt ihre Hände.

Er war älter geworden. Jill war erstaunt wie viel drei Jahre doch ausmachten. Immerhin hatte er heute seinen achtundvierzigsten Geburtstag.

,,Herzlichen Glückwunsch." gratulierte die Blonde.

Barry nickte: ,,Danke…" er musterte sie genau, ,,…du bist blond?…"

,,Ja, em…" entgegnete Jill lächelnd, ,,…das ist eine lange Geschichte!…"

,,Die du mir erzählen musst. Irgendwann, aber es tut richtig gut dich wiederzusehen…" Barry wollte natürlich trotz der knappen Informationen von Chris, wissen, was mit Jill in den letzten drei Jahren los gewesen war, ,,…Wie geht es dir?…Du siehst müde aus."

,,Es geht mir gut…jetzt, danke."

Barry nickte und schlang freundschaftlich einen Arm um ihre Schultern: ,,Komm, Kathy wird sich riesig freuen und warte bis du meine Mädchen siehst!" Er zog Jill durch den Flur, das Wohnzimmer, die Küche und hinaus in den Garten…


Kathy, Barrys Frau, hatte Jill ebenfalls herzlich willkommen gehießen, genau wie seine Töchter Moira und Polly, die beide mittlerweile im Collegealter waren.

Alle drei fielen regelrecht über sie her, obwohl Jill es hasst so im Mittelpunkt zu stehen, aber sie konnte auch ihre Freunde verstehen, die wohl alle lange an ihrem vermeidlichen Tod genagt haben mussten.

Barrys Frau hatte sich kaum verändert, ihre Töchter jedoch schon. Beide trugen jetzt lange Haare. Pollys waren gefärbt und hatten nun fast die selbe, helle Farbe wie die von Jill. Sie studierte mittlerweile Jura, Moira hingegen Politik.

Das Haus allerdings, war noch genauso eingerichtet gewesen, wie es Jill in Erinnerung gehabt hatte. Das gemütlich Reihenhaus in der typischen Vorstadt mit Vorgarten, Garage und einem großem hinter dem Haus gelegenen Garten mit Grillecke. Barry war eben ein Familienmensch. Für die hiesige Polizei arbeitete er auch immer noch, allerdings war er nun mehr am Schreibtisch tätig. Ihm gefiel das ruhige leben.

Neben Barrys Familie und einige Kollegen vom Revier, die Jill allerdings nicht kannte, waren auch Leon, Rebecca und Chris bereits im Garten.

Jill hatte auch sie begrüßt, ihren Partner allerdings lediglich angeblickt, doch anscheinend vermied er es, ihr in die Augen zu sehen und versuchte krampfhaft sich irgendwie zu beschäftigen, um den Anschein zu erwecken, er hätte keine Zeit sie zu bemerken. Jill fand das mehr als kindisch, wollte ihn aber auch nicht ansprechen, um möglicherweise einen Streit auszulösen und Barrys Geburtstag zu versauen. Sie würde warte, bis der richtige Moment da war…

Über drei Stunden feierten sie schon im Garten. Es wurde auch viel gelacht. Kathy hatte die Videokamera, währen Claire den Fotografen mimte.

Sie knipste alles. Barry mit seinen Kollegen, seiner Frau, dann mit seinen Töchtern und Luftschlangen, Barry mit Chris und je eine Flasche Bier in der Hand. Dann machte sie auch ein Foto von Barry am Barbecue mit Kochmütze und Schürze, dann ein Bild mit ihm und Jill und schließlich ein Schnappschuss von Barry und sich selbst.

Die Stimmung war durchgehend fröhlich und heiter, bis auf zwei gewisse Personen, die keinerlei Andeutungen machten miteinander zu reden…


Es wurde mittlerweile dunkel.

,,…möchtest nicht wirklich darüber reden, oder?" stellte Barry derweil doch recht schnell fest, als Jill mehrmals seinen Fragen ausgewichen war. Vor einigen Minuten erst hatte das Geburtstagskind sich zu der Blondine gesetzt, die allein auf einer Bank etwas abseits von der Party platz genommen hatte. Er hatte sowieso noch mit ihr sprechen wollen. Jedoch hörten sie das Geplauder und Gelächter noch immer und Claire war am lautesten, dabei erneut Fotos zu machen. Musik lief im Hintergrund.

Jill sah ihn auf seine Frage hin einfach nur an und sagte dann: ,,…Nein…"

Er nickte: ,,Ich verstehe das…"

,,Da wärst du der Erste, Barry. Alle wollen, das ich rede." betrübt blickte Jill unter sich, stützte ihre Unterarme auf den Knien ab und ließ den Kopf hängen.

Sie seufzte.

Barry drehte seinen Kopf zu ihr.

Man musste kein Cop sein, um zu sehen, beinahe schon zu spüren, das die Frau neben ihm ganz schön mitgenommen war. Jill wirkte traurig und immerzu nachdenklich, fast abwesend. Sie war auch die Einzige gewesen, die heute nicht wirklich gelacht hatte.

Die Blässe ihrer Haut war beinahe erschreckend, doch Barry wusste, das es sich lediglich um eine Komplikation der Substanz hielt, die ihr verabreicht worden war, ebenso wie das helle Haar.

Er schluckte, wollte ein Gespräch anfangen, um sie etwas aufzuheitern, von ihren Gedanken abzulenken und suchte nach einem passenden Thema.

,,Weißt du…Chris hat, seit er gestern hier angekommen war, nur von dir erzählt."

Jill seufzte innerlich, denn Barry ahnte mit Sicherheit nicht, dass er gerade das vollkommen falsche Thema angeschnitten hatte.

,,Wirklich?" bohrte Jill dann doch halblaut nach, tat ihm den Gefallen.

,,Ja, wundert dich das?"

Sie zuckte mit den Schultern, wusste nicht, ob Chris ihm das von ihr und Carlos erzählt hatte und entgegnete einfach: ,,Kommt drauf an, was er gesagt hat."

Barry blickte erneut zu ihr: ,,Kannst du dir das nicht denken?…" seine tiefe Stimme klang sanft, ,,…Er ist so glücklich darüber, das du lebst und ich bin echt froh meinen Kumpel wieder zu haben. Er lacht sogar wieder über dämliche Witze mit mir…Die letzten Jahre, war er ebenfalls tot, glaub mir…auch wenn sich das jetzt krass anhört, aber es stimmt."

Jill blickte ihren Freund erst jetzt an.

,,…Er hat sich die Schuld gegeben und konnte sich niemals verzeihen, nicht auf dich aufgepasst zu haben." vollendete Barry dann.
,,Wir wussten beide, das es riskant war. Er hätte sich nicht meinetwegen so fertig machen sollen!" entgegnete Jill.

,,Wäre es dir anders gegangen?…Er war der Anführer, schon immer. Es war seine Verantwortung."
Jill nickte: ,,Ja, ich weiß, aber ich werfe ihm nichts vor. Das habe ich nie…Ich würde es jedes Mal mit Freude wiederholen, wenn ich dadurch sein Leben retten könnte und ich bereue es auch nicht. Er ist doch so viel besser als ich, er war schon immer so viel besser, die Welt konnte gut auf eine Jill Valentine verzichten, aber niemals auf einen Chris Redfield."

Barry nahm Jills Hand: ,,Das stimmt nicht!…"

,,Barry…" begann Jill und blickte unter sich, ,,…Chris hat eine erstklassige Ausbildung genossen, war bei der AirForce, ihr kamt beide aus der richtigen Spur, nicht wie ich…Eine dahergelaufene Ex-Diebin, die sich ihren Lebensunterhalt zusammengestohlen hat und die per Zufall das `Glück´ hatte von Wesker rekrutiert zu werden."

,,Red doch nicht so ein Quatsch! Und so was will ich auch nie wieder hören, okay!…" Barry griff ihr an die Schulter, seine Augen musterten sie, beinahe tadelnd, ,,…Seit wann hast du denn, Jill Valentine, Minderwertigkeitskomplexe?…Wo wären wir denn heute ohne dich? Sieh doch nur was hinter dir liegt! Du hast uns in den Arklays wohl alle den Arsch gerettet, mit Chris die BSAA gegründet, ihr habt dazu beigetragen Umbrella zu vernichten und habt zusammen gegen Bioterrorismus in der ganzen Welt gekämpft und du hast ihm geholfen Wesker zum Teufel zu schicken…" er lächelte, ,,…Wie kannst du nur an dir zweifeln?…Du warst schon immer die insgeheim Beste von uns allen, Jill."

Sein aufmunternder Blick ließ auch sie lächeln.

,,Ich will dir nur eins sagen…" Barry sah sie fest an, ,,…dir schulde ich alles, was ich heute habe und bin. Weil du uns allen all die Jahre geholfen hast, an vorderster Front gekämpft hast, geholfen hast, die Welt sicherer zu machen, kann ich heute zufrieden mit den Menschen die mir wichtig sind, mein Leben leben und meinen Geburtstag feiern…"

,,Übertreib es nicht, Barry…" Jill stützte ihren pochenden Kopf mittels ihrer Arme auf den Knien ab und blickte unter sich.

,,Sei du doch nicht so verdammt pessimistisch…aber das warst du schon immer…Du hast immer an allem gezweifelt. Hör auf damit, Jill, denn…du bist genauso viel wert wie wir alle!"

Langsam schüttelte sie den Kopf: ,,Nein…du weißt nicht, was ich getan habe…und sag mir jetzt nicht, es war nicht meine Schuld, denn das war es!"

,,Nein, du hattest doch dieses Kontrollgerät und…"
,,Barry…" Jill hob den Kopf und blickte ihn an, ,,…ich konnte diese Kontrolle durchbrechen! Ich habe mich geweigert Chris zu töten!"

Barry registrierte erfreut das Jill nun doch etwas über dieses Thema redete, da Chris und auch Claire ihn vorab informiert haben, das Jill momentan neben sich läuft. Also wollte er sie weiterhin einfach etwas aufbauen: ,,Aber, das ist doch gut! Ich weiß gar nicht, was du hast…"

Jill schluckte, sie konnte nicht verstehen, das er sie in diesem Punkt nicht verstehen konnte: ,,…Ja, das war gut…aber warum habe ich das dann nicht früher geschafft?…Ich hätte es schon früher durchbrechen müssen!..Ich hätte früher schon Befehle…verweigern sollen."

,,Aber Chris sagte mir, als du ihn frei gelassen hast, hat Wesker diese Dosis erhöht und du verfielst wieder in den Einfluss des P30. Dass hätte er dann vorher doch auch schon gemacht, wenn er merkte, das du dich widersetzen würdest. Du hättest keine Chance gehabt."

,,Trotzdem!…Ich hätte es ertragen müssen!…" entgegnete Jill. Sie leugnete nicht, das ihr jedes Mal, wenn Barry diesen einen, seinen Namen sagte, ihr dieses Gesicht mit den grässlichen Reptilienaugen wieder vor Augen sprang. Es bereitet ihr eine dicke Gänsehaut aus Angst und Ekel. Sie schluckte, ehe sie weiter sprach: ,,…Ich hätte die Schmerzen einfach durchstehen sollen, hätte eine Überdosis provozieren sollen, vielleicht wäre dann einfach irgendwann mein Herz durch die Turboladung stehen geblieben und vielleicht wäre dann jetzt alles besser…"
Abrupt nahm Barry wieder ihre Hand und schüttelte den Kopf: ,,Nein!…" mit der anderen fasste er an ihre Wange, drehte ihren Kopf zu sich und sah ihr fest in die Augen, ,,…So darfst du nicht denken!…Es gibt einen Grund, warum du diese Hölle überstanden hast!…Du solltest leben, Jill! Niemand kann dir wieder etwas antun, sieh nach vorne."

Jill senkte traurig den Blick. Sie schloss die Augen, löste die Berührung, denn sie wusste nicht, ob sie das einfach so konnte.

,,Wir alle helfen dir…" sagte Barry dann und drücke ihre Schulter erneut, damit sie wieder zu ihm aufsah und sie tat es auch als er fort fuhr, ,,…Wenn du jemals…reden willst oder…etwas brauchst, ganz egal was, Jill…ich verspreche dir, ich bin da! Du kannst auf mich zählen!"

Sie hielt dem Blick ihres Freundes stand und nickte dann…

Nach einer weiteren Stunde in der sich der Zeiger langsam Richtung Mitternacht drängte, wurde Jill das krampfhafte Schweigen zwischen Chris und ihr zu viel.

Lediglich flüchtige Blicke hatten sie sich hin und wieder zugeworfen, während der Eine am einen und der Andere am gegenüberliegenden Tischende saß. Seine Blicke jedoch waren zu undeutlich, zu unsagend, das brachte Jill auf die Palme. Sehr sogar. Sie fühlte sich von Chris regelrecht beobachtet.

Abrupt dann, stand die Blonde auf, verlies die heitere, selbst zu dieser späten Stunde noch fröhliche und gut gelaunte Gesellschaft und ging ins innere des Hauses. Ihr war ohnehin schon wieder kalt…


Im Wohnzimmer angekommen, atmete sie durch und schloss kopfschüttelnd die Augen: ,,Mach dich doch nicht so fertig!…Was hat der nur für ein Problem?" Sie öffnete die Augen wieder und konnte es nicht verstehen. Zwischen Carlos und ihr war doch nichts, gut, ein Kuss, aber Jill konnte nicht nachvollziehen, wieso ihr Partner deswegen schmollte, denn auch ihn hatte sie geküsst.

War es das vielleicht? Nein, sie hatten beide hinterher doch vereinbart, nur Partner zu sein.

Gut, vereinbart war etwas beschönigt, denn Jill alleine hatte das beschlossen.

Männer…denken aber auch immer direkt daran Eifersüchtig zu sein, nachdem man ihnen mal schöne Augen gemacht hat…

…und ja, das hatte sie auch wirklich getan. Früher allerdings, bevor sie `weg´ war.

Sie seufzte.

Jills Blick fiel abrupt auf ein Objekt, dass sie lange, sehr lange nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.

Langsam ging sie darauf zu.

Viele unerfreuliche Erinnerungen hingen mit einem solchen Teil, einem solchen Instrument, zusammen. Jedoch setzet Jill sich davor, auf die kleine Bank. Sollte sie es versuchen? Einfach so, aus einem Impuls heraus?

Sie zögerte erst, doch gab dann nach, brachte ihre Finger in Position und…

…langsam, drückte sie die Tasten.

Die ersten Töne erklangen und Jill fühlte sich einmal mehr zurück in ihre Vergangenheit gesetzt. Sie spielte die Akkorde…als hätte sie es niemals verlernt.

Erst langsam. Dann setzte sie höhere Töne dazwischen, die Melodie war fest in ihrem Innern verankert. Niemals hatte sie diese vergessen und sie würde es auch nie.

Ihre Finger wurden nach einigem Momenten etwas schneller und Jill vergaß mit einem Mal alles um sich herum.

Das Lied, diese Komposition, hatte sie seit jeher begleitet, doch fürchtete diese nicht. Noch nie hatte sie das getan. Den Titel kannte sie, seit den Arklays, seit der Villa, dem Anfang von allem.

Ja, vor drei Jahren noch hatte sie nicht gewusst, ob sie es noch spielen konnte, doch sie tat es und da dies das Letzte gewesen war, was sie tat, bevor sie nach einem schier unaufhörlichen Kampf mit ihrem Partner durch den Keller des Spencer-Anwesens und dann zu…Wesker kam, mit ihm in die Hölle hinab fuhr, hatte sie sich während ihrer Gefangenschaft stets daran erinnert. Sich vorgestellt, sie würde das Stück spielen, weit, weit weg, wo es sicher war.

Jills Gedanken schweiften noch mehr ab. Sie fühlte Verlust und Befreitheit, all das, an was diese Musik sie erinnerte und all das, was sie erlebt hatte.

Ihr Vater hatte ihr das Klavierspielen einst selbst beigebracht und nie hatte sie es bereut. Jill würde nicht unbedingt sagen, das sie vernarrt darin war, zu spielen, doch wenn sie es mal tat, war sie für einen kurzen Moment eins mit sich selbst, friedlich und glücklich.

Dann war es vorbei.

Eine schwere Stille herrschte…

,,Moonlight Sonata…Du kannst es noch…"

Es war Chris´ Stimme hinter ihr, die sie nach einem schier unendlichen langen Moment in die Wirklichkeit zurück rief.

Sie blickte überrascht auf. Er war ihr wohl gefolgt.

,,…hätte nicht gedacht, das du es doch noch spielen kannst…" Er kam näher, denn Jill hörte Schritte auf dem Teppichboden.

Die Blondine schluckte, drehte sich jedoch nicht um: ,,…Glaubst du denn ich könnte das jemals vergessen?"

,,…Es war wunderschön." sagte er umgehend und wagte es, eine Hand auf ihre rechte Schulter zu legen.

Jill ließ es zu. Jetzt würde sie mit ihm reden können.

Chris setzte sich dann zu ihr, auf die kleine Bank, jedoch mit dem Rücken zum Klavier. Er drehte den Kopf nach rechts und sah sie an.

,,Warum hast du dich nicht gemeldet?" Jill starrte noch immer auf die weiß-schwarzen Tasten des Klaviers.

Der Agent atmete durch, er gab ihr leise die Antwort: ,,…Keine Ahnung…ich wusste nicht, was ich sagen sollte, war vielleicht auch einfach…zu feige."

,,Wenigstens bist du ehrlich."

Stille.

,,Wieso hast du mich am Freitag einfach stehen lassen?…" wollte sie dann wissen.

,,Ich weiß es nicht." Er wandte den Blick ab, sah stur zu Boden.

Die Blonde atmete genervt durch: ,,Chris…" Sie hatte seine Ausflüchte satt.

,,Jill, ich will nicht reden, okay."

Erst jetzt drehte Jill ihren Kopf zu ihm, sah seinen grübelnden Blick: ,,…Ich wollte auch nicht reden und doch habe ich es getan…Sag, bist du sauer?"

Ihr Partner atmete langsam und schweigend durch.

,,Chris!"

Er schluckte und gab nach, da er wusste, das sie nicht locker lassen würde, bis sie hatte, was sie wollte. ,,Sagen wir mal, ich bin gut darin zwischen den Zeilen zu lesen."

Jill wirkte ertappt und senkte ihre Augen zu Boden. Wieso, das wusste sie nicht, doch das Gespräch gefiel ihr jetzt schon kein bisschen. ,,…Und was ließt du da?" wollte sie dann dennoch wissen.

Es dauerte einen langen Augenblick, bis Chris endlich antwortete: ,,Die Wahrheit…" er drehte den Kopf zu ihr, blickte ihr ins Gesicht, ,,…Du hast Gefühle für ihn."

Die Blonde stürzte die Lippen und nickte ehrlich, sah ihrem Partner dann in die Augen: ,,Ja…das kann ich nicht leugnen und es wäre nicht fair dir gegenüber zu lügen…Ich empfinde…da etwas für Carlos."

Chris drehte seinen Kopf wieder weg, ihre Aussagte hatte ihm sichtlich zugesetzt hatte. Er hatte die glasigen Augen geschlossen und wirkte, als wenn etwas über ihm…oder in ihm zusammengebrochen wäre.

Jill spürte umgehend einen heftig schmerzenden Stich in ihrer Brust, denn sie sah es ihm unschwer an. Ja, sie hatte die Wahrheit gesagt und ihm damit weh getan. Sie mochte zwar Empfindungen für Carlos haben, dennoch gehörte ihr Herz nur Chris, ob sie es wollte oder nicht. Es war schon immer so gewesen. Jedoch wollte sie das niemals zugeben.

,,…Chris…" setzte Jill an, wechselte abrupt das Thema, ,,…bitte verweigere die Mission morgen."

Abrupt schlug er die Augen wieder auf. Er drehte sich verwirrt zu ihr: ,,Woher…" doch dann kam es ihm und er schluckte wissend, ,,…Claire."

Jill nickte: ,,Ja em…Du darfst nicht gehen…nicht schon wieder!"

,,Das hast du nicht zu entscheiden, Jill."

,,Ich vielleicht nicht, aber du. Du hast genug getan!…Wesker ist tot!…Lass die Weltrettung mal den Anderen, du kannst sowieso nicht alle Katastrophen verhindern."

Chris seufzte: ,,Ich weiß, ich wollte mir ja auch wirklich eine Pause gönnen, doch als ich am Donnerstag Mittag davon erfahren habe, konnte ich nicht abschlagen."

Jill zog ungläubig die Augenbrauen hoch: ,,Die sind zu dir gekommen?"

Er nickte: ,,Ja, und ich habe das Angebot angenommen, weil ich schon in solchen Einrichtungen war…vor kurzem."

,,Was für Einrichtungen?"

,,Du weißt, ich darf nicht drüber reden, du kennst die Vorschriften!"

,,Wir sind Partner, Chris!…Ich muss doch wenigstens wissen, wo es hingeht!"

Chris schüttelte den Kopf: ,,Diesmal nicht. Ich gehe ohne dich oder hast du vergessen, das du quittiert hast?"

Sie schluckte und blickte weg.

,,Nein…" sagte sie und stand auf, ging in den Raum hinein und blickte dann wieder zu ihm hinab, ,,…du kannst mich trotzdem nicht zurück lassen. Du brauchst einen Partner!"

Der Agent stand ebenfalls auf und stellte sich mit etwas Abstand vor sie: ,,Ich hab ein Team bei mir, außerdem reicht ein Mann. Die lassen dich ohnehin nicht mit, weil du noch immer kein okay vom Seelenklempner vorgelegt hast."

Jill fixierte seine Augen. Sie wusste instinktiv, das er ihr nicht alles sagte: ,,Diese Anspielung war nicht nötig, okay. Ich weiß, das ich momentan nicht unbedingt ganz…bei mir bin, dafür brauche ich kein Attest…Sag mir lieber, was du verheimlichst! Um was geht es?"

Chris blickte zu Boden und schüttelte den Kopf. Er war noch immer traurig, enttäuscht über ihre Aussage vorhin.

Erneut schluckte Jill, denn sie wusste, das sie aus ihrem Partner jetzt kein einziges Wort mehr herausbekommen würde, dafür kannte sie ihn zu gut. Sie wusste aber auch, das Chris noch immer glaubte, zwischen Carlos und ihr würde etwas laufen. Das sah sie in seinem Gesicht und das machte Jill wahnsinnig!

Sie überwand die zwei Schritte, die sie trennten und stupste ihn an der Schulter an: ,,Hör auf mit deinem Selbstmitleid!…" sie sah ihm in die Augen, ,,…Du glaubst, du kennst die Wahrheit? Dann bist du doch nicht so gut darin zwischen den Zeilen zu lesen, wie du denkst!"

Er wurde sauer: ,,Jill…du hast ihn geküsst! Was soll man denn daran nicht verstehen?"

,,Pah…" laut atmete sie aus und stemmte eine Hand in ihre Hüfte, ,,…ich habe dich auch geküsst und weiter?"

Erschrocken blickte er auf: ,,Und weiter?…Ist das alles, was du dazu sagen kannst?" Hatte es ihr denn wirklich nichts bedeutet? Das wollte er kaum glauben, er hatte doch gespürt, das sie es ebenso gewollt hatte. Sollte er sich wirklich so in ihr getäuscht haben?

,,Das musst du ja wissen, Chris, du weißt ja sowieso alles besser! Du hast ja schon immer alles besser gewusst!" Jill merkte gar nicht, das sie drauf und dran war mit ihm zu streiten. Mit ihrem besten Freund, ihrer heimlichen Liebe.

Chris wurde wütender und lauter: ,,Das ist doch gar nicht wahr! Du hattest stets das letzte Wort, Jill! Immer musstest du deinen dämlichen und sturen Dickkopf durchsetzen! Selbst als du auf die Idee gekommen bist, in den Tod zu springen!"

,,Chris!…" empört klang ihre Stimme, Jill fühlte sich mehr angegriffen, ,,…Ich habe dir deinen idiotischen Arsch gerettet, okay! Was kann ich denn dafür, dass das Fenster so nahe war!…Du hättest dich von Wesker ja auch in die andere Richtung schleudern lassen können!"

Sprachlos und aufgebracht blickte Chris sie an: ,,Jetzt ist das auch noch meine Schuld, oder was? Ich hätte deine Hilfe nicht gebraucht, Jill!…Ich kann gut auf mich selbst aufpassen und hättest du nur eine Sekunde länger die Füße still gehalten, hätte ich Wesker fertig gemacht!" Er gestikulierte deutlich mit den Händen vor ihr.

,,Natürlich!…Du bist ja auch Superman!…Der Kerl, der immer alles im Griff hat!" die Ironie in ihrer Stimme war genauso groß, wie ihre Wut. Sie stritten sich laut und heftig.

,,Das habe ich nie gesagt, aber es war nicht an dir, mich zu beschützen!…Ich habe deine Hilfe nie gebraucht…"

,,Chris, er hätte dich getötet!" fiel sie ihm schon beinahe verzweifelt ins Wort, fixierte funkelnd seine Augen und wusste, das sie dran war, diesen Streit zu verlieren.

,,Und wenn schon…" er verschränkte die Arme vor der Brust.

,,Und wenn schon?…" fassungslos uns wütend starrte sie ihn an. Sie war verletzt über seine Gleichgültigkeit. War sie ihm also doch nichts wert? Seine abfällige Bemerkung über ihr Handeln damals, tat ihr weh. Jill wollte zwar keine Lobsagungen oder so, doch das Chris überhaupt nicht verstehen konnte, warum sie damals eine solche Entscheidung getroffen hatte, war wirklich echt unangenehm. Es war ein scheiß Gefühl. Verstand er denn wirklich überhaupt nicht, das sie ihn nicht hatte verlieren wollen?

,,Ich wäre alleine klar gekommen!" setzet Chris dann entgegen.

Jill stürzte die Lippen und stemmte ihre Hände in ihre Taillen: ,,Okay, ich merke es mir! Das nächste mal, wenn du Hilfe brauchst, sehe ich einfach nur zu wie dir der Arsch aufgerissen wird!"

,,Weißt du was?…" der Agent war unsagbar wütend auf Jill, auf sich, auf alles. Seine Augen funkelten sie ebenso böse an, wie sie einst Wesker angefunkelt hatten, ,,...warum gehst du nicht einfach zu deinem Spanier? Lass mich meine Arbeit erledigen!"

,,Er ist kein Spanier!…" Jill war ebenso sauer wie er, ,,…Warum hörst du nicht einfach mit der Eifersuchtsnummer auf? Du benimmst dich wie ein pubertierender Teenager dessen bester Freund ihm die Freundin weggeschnappt hat!…So kenne ich dich nicht! Was ist aus dem Chris von früher geworden?"

,,Der ist weg, genauso wie die Jill von früher!…Haben wir es jetzt alle kapiert? Ja?…" Mit beiden Armen gestikulierte er.

,,Und wieso?…Kumpel, ich war tot, klar!…Wieso warst du denn tot? Wieso hast du dich die ganzen Jahre nur so verdammt fertig gemacht?" Jill blickte ihn herausfordernd an.

Chris hielt ihrem Blick stand. In ihm kochte die Wut. Erkannte sie es denn wirklich nicht? Er sollte sie übers Knie legen, dann würde sie es vielleicht begreifen. Wenn er doch nur seinen Boxsack hätte…

,,Kannst du es dir nicht denken, Jill?" fragte er ebenso herausfordernd. Seine Kiefer mahlten knirschend aufeinander, er wollte sein Verlangen beherrschen.

Natürlich konnte sie es sich denken, aber sie ließ sich nichts anmerken. Vielleicht wollte sie auch einfach eine Bestätigung haben, eine Bestätigung das sie vielleicht doch Recht hatte und die sie so auf die normale Tour nicht bekommen hätte, da sie genau wusste, das Chris sich ebenso wenig traute `es´ ihr zu sagen, wie sie ihm.

,,Das fragst du mich, Chris?…Sag es mir doch einfach!" Jill stand vor ihm, jetzt die Ruhe selbst, mit einem auffordernden Blick. Sie verschränkte jetzt ihre Arme vor der Brust, wie ein trotziges Kind.

Chris atmete unkontrolliert, ballte seine Hände zu Fäusten. Sein Nasenflügel zitterten.

,,Weil…" setzte er an und brach wieder ab. Seine Augen ruhten in ihren. Er hatte Mühe nicht alles um sich herum zu vergessen und einfach das zu tun, wonach ihm jetzt gerade war.

,,Weil?…Komm schon, Redfield, du reißt doch sonst deine Klappe auch immer bis hinter die Ohren auf!…Also, weil?…"

Sie trieb ihn zur Weisglut. Forderte ihn bis aufs Messer heraus.

,,Weil…" Er packte unsanft ihre Schulter, Jill zuckte.

Chris konnte nicht widerstehen, er gab seinem Verlangen nach. Warum wusste er nicht, als er Jill zu sich hoch zog, seine Augen schloss und sie leidenschaftlich zu küssen begann…