Hallöchen, ihr Lieben!
Wunschgemäß zum Wochenende das nächste Kapitel. Dieses Kapi ist was fürs Herz und ich hoffe, ihr mögt es.
Daher auch gar keine großen Worte, sondern weiter geht's!
Viel Spaß,
daaaaanke für die vielen und längeren Reviews,
eure Lywhn
20. Kapitel – Verwundete Seelen
Das Feuer im Kamin knackte leise vor sich hin und wären die Umstände anders gewesen, hätte es eine ruhige und friedliche Atmosphäre verbreitet. Doch nicht in dieser Stunde. Angespannt war die Stimmung und selbst die sanften Versuche Arwens vermochten es nicht, die junge Menschenfrau an ihrer Seite zu trösten. Das Kindermädchen war vor einigen Minuten erwacht und hatte ihr, Elinha und Éowyn bestätigt, dass ein großer Mann in der Rüstung Gondors sich den Zugang zum Gemach erlogen und sie betäubt hatte. Ein Mann mit zwei verschiedenen Augenfarben! Die Frau hatte einen Weinkrampf erlitten, als sie erfuhr, dass das kleine Mädchen, auf das sie in den vergangenen Stunden Acht gegeben und – wie so viele andere schon vor ihr – ins Herz geschlossen hatte, entführt worden war und Éowyn bedurfte all ihrer Künste als angehende Heilerin, um die völlig aufgewühlte Bedienstete so weit zu beruhigen, dass diese aufstehen und das Gemach verlassen konnte.
Sam und Merry, die gemeinsam mit Frodo und Pippin sich um Elinha geschart hatten und nur durch ihre stillschweigende Gegenwart versuchten, ihr Kraft zu geben, hatten Ahino ebenfalls begleitet und sie gestützt. Die Frau würde einige Tage Ruhe benötigen, um die wieder zu Kräften zu kommen.
So kam es, dass Arwen alleine mit Frodo und Pippin bei der jungen Dúnedain vor dem Kamin saßen, als auf leisen Sohlen Legolas zurückkehrte. Für einen Moment stand er nur im Eingang und betrachtete das Bild, welches sich ihm bot: die beiden Lockenköpfe der Hobbits, die neben Arwen auf dem Boden saßen und dazwischen schimmerte der kastanienrot-braune Haarschopf Elinhas. Es herrschte Schweigen und die Luft war angefüllt mit Anspannung und Schmerz.
Der junge Elb senkte den Blick. Bei Ilúvatar, er hatte in den vergangenen zwei Stunden die ganze Stadt abgesucht. Durch sämtliche Ringe und über die Haupt- und einige Nebenstraßen hatte sein Weg geführt, trotz der anfangs noch dicht gedrängten Menschenmenge, die sich erst wieder auflöste, nachdem das Feuerwerk verglüht war. Ja, sogar auf den Pelennor war er hinaus geeilt und hatte die Stadtwachen dazu überredet, mit dem Schließen des Stadttores zu warten, bis er wieder zurück war, aber all seine Bemühungen waren vergeblich gewesen. Nirgendwo sah er einen oder mehrere Reiter – hatte er doch im Stall von dem leicht angetrunkenen Stallburschen erfahren, dass drei Pferde vor kurzer Zeit in aller Hast gesattelt und hinaus geführt worden waren – und auf der Nord- und Südstraße war der Schnee aufgewühlt von Huf- und Wagenspuren. Einige Mitglieder der Turmwache waren zu Pferd ebenfalls ausgerückt und der Elbenprinz hatte am Stadttor auf ihre Rückkehr gewartet, aber auch sie konnten keinen Erfolg vermelden. Sicher, zwei von ihnen waren jeweils noch auf dem Weg zum Süd- und Nordtor, um dort zu erfahren, ob einer oder drei Reiter um Auslass gebeten hatten, aber bis sie wieder in Minas Tirith waren, würde einige Zeit vergehen, denn 10 Meilen hin und wieder zurück waren auch für Pferde keine kurze Strecke.
Legolas atmete tief durch. Es kam selten vor, dass ein Mensch einem Elb entwischen konnte, aber es waren einfach zu viele Passanten auf den Straßen gewesen, um schneller vorwärts zu kommen und außerdem hatten der Entführer und seine augenscheinlichen Komplizen bereits einen gewissen Vorsprung. Trotzdem nagten Schuldgefühle in ihm, dass er mit leeren Händen zurückkehrte.
Arwen schien seine Anwesenheit zu spüren, denn sie wandte sich leicht um und die Hobbits folgten ihrem Beispiel. Auch Elinha, die starr und in sich zusammen gesunken in die Flammen gestarrt hatte, reagierte und schaute auf. Sie sprang regelrecht auf, als sie Legolas im Türrahmen stehen sah, doch genau wie die anderen drei konnte sie seiner Miene sofort entnehmen, dass er schlechte Nachrichten hatte. Ihr bleiches Gesicht wurde noch durchsichtiger und ihre Augen größer und dunkler, doch noch immer kamen keine Tränen.
Dieser Umstand beunruhigte den Sindar-Elb. Um einen Menschen, der nicht mehr weinen konnte, stand es schlimm. Mit wenigen Schritten war er bei ihr und setzte zum Sprechen zweimal an, doch kein Ton kam über seine Lippen. Was sollte er ihr sagen? Dass er versagt hatte? Dass sie Kaya nicht so schnell wieder in die Arme würde schließen können? Dass sie stark sein musste, wenn sie einem Zusammenbruch nahe war? Erstmals in seinem, für einen Menschen unvorstellbar langem Leben fehlten ihm die Worte und so vermochte er es nur den Kopf zu schütteln. Elinha presste sich beide Hände vor den Mund und schloss die Augen. „Wir finden sie", flüsterte der Prinz und seine Stimme klang ungewöhnlich rau. Ohne sein eigenes Zutun zog er sie an sich; eine instinktive Geste. Beinahe augenblicklich schlang sie die Arme um ihn und presste das Gesicht an seine Schulter – ein fast verzweifeltes Klammern, als wäre er der einzige Halt inmitten eines Orkans. Er hielt sie fest und drückte sie an sich ehe er sich darüber auch nur bewusst wurde; das Schlucken fiel ihm für einige Momente schwer. Er selbst sorgte sich unendlich um Kaya, denn das kleine Mädchen hatte ihn durch und durch ‚erobert'. Aber nun galt seine Sorge auch Elinha, denn ihr Kummer überschwemmte ihn wie eine eisige Flut, ohne dass seine mentalen Schilde dem etwas entgegen zu setzen hatten. Sein Herz hatte begonnne, für die junge Frau zu sprechen, auch wenn er dies noch nicht erkannte. Die Wange an ihren Kopf legend und leise, beruhigende Worte in seiner Muttersprache ihr ins Ohr flüsternd versuchte er sie – und auch sich selbst – etwas zu beruhigen.
Arwen legte mitfühlend eine Hand auf den Rücken der Dúnedain, während Frodo – der die Furcht auf Legolas' Gesicht gesehen hatte – behutsam einen Arm um die schmale Taille des Elben legte, der sich für einen Augenblick zu versteifen schien, bevor er erkannte, wer ihn berührte und sich wieder etwas entspannte; zumindest so weit, wie es ihm möglich war. Pippin beobachtete sie und legte etwas Holz nach. Er musste sich mit irgendetwas beschäftigen, denn auch die Nerven dieses ansonsten so fröhlichen und nichts so schnell aus der Fassung bringenden Hobbits hatten in den vergangenen zwei Stunden gelitten. Und als er damit fertig war, gesellte er sich ebenfalls zu den vier und umarmte sacht halb Elinha und Legolas. Das Kleine Volk des Auenlandes bestand aus gesellige Wesen, und ihre Familienbände waren weit verzweigt und hielten aneinander fest – auch wenn es hin und wieder Streit gab, wie es in jeder Familie vorkam. Und für Pip gehörten seine Freunde mit zur Familie. Also war es für ihn etwas Selbstverständliches, ihnen durch puren Körperkontakt Trost spenden zu wollen (und auch ein wenig sich selbst).
So fand Aragorn sie, als er kurz darauf eintrat. Ein Blick auf sein Gesicht sagte seiner Gemahlin alles: die Situation war ernster, als gedacht. Auch der junge Elb spürte die Ankunft seines Freundes, hob den Kopf und sah ihn fragend an. Elinha tat es ihm gleich; ihr Griff um ihn lockerte sich nicht einen Augenblick.
Mit behutsamen Worten erzählte Estel, was er erfahren hatte und schloss den kurzen Bericht mit: „Wir brechen morgen noch vor Sonnenaufgang zur ersten Stunde auf und kehren erst zurück, wenn wir Kaya und die anderen gefunden haben." (Anm. der Autorin: die Zeitrechnung in Gondor begann morgens 6:00 h mit der 1. Stunde, und nicht –wie bei uns – um Mitternacht.) Er trat heran und war sich der Blicke seiner Frau, seiner Freunde und seines jungen Gastes mehr als nur bewusst. Und die Blässe und der Ausdruck in ihren Augen, sagten ihm genug, um sich um ihren Zustand zu sorgen. Sanft hob eine Hand und strich mit der Rückseite von zwei Fingern über die eisige Wange Elinhas. „Hab' keine Furcht. Der Umstand, dass der Entführer die Kleine lebend braucht, wird sie einigermaßen schützen", sagte er sanft.
Arwen atmete tief durch. „Wer wird dich begleiten?" erkundigte sie sich leise, und einmal mehr bewunderte Aragorn sie dafür, dass sie keine seiner Entscheidungen in Frage stellte oder ihn dazu bewegen wollte, seine Entschlüsse zu ändern, wie es sicherlich viele andere Frauen getan hätten, deren Männer hinaus in die Gefahr zogen. Sie vertraute auf seine Kraft und das Schicksal, und dieser Umstand gab ihm Rückhalt – auch wenn er in dem Mitternachtsblau ihrer Augen die versteckte Bekümmerung sah. „Éomer hat eben, als ich ihn auf dem Weg hierher traf, sofort zugestimmt, mich mit einigen seiner Krieger zu begleiten. Ferner habe ich veranlasst, dass ein Teil der Turm- und Stadtwache mit mir kommt. Gimli hat ebenfalls zugestimmt und" – sein Blick glitt zu Legolas – „dich brauche ich wohl erst gar nicht zu fragen."
Der junge Elb nickte kurz. „Aíe, ich bin dabei!" Der Druck seiner Arme wurde unbewusst etwas stärker und im Gegenzug ließ die Umklammerung der jungen Frau etwas nach; auch, wenn sie ihn nicht losließ. Es war eindeutig, dass sein Entschluss sie zumindest etwas beruhigte.
„Wir kommen auch mit!" sagte Frodo und Pippin nickte. „Ja, auf jeden Fall!"
„Das gilt auch für uns!" erklang Merrys Stimme hinter ihnen, als er und Sam in diesem Moment zurückkehrten und die letzten Sätze Aragorns vernommen hatten. Éowyn war noch bei dem Kindermädchen geblieben, welches ebenfalls weiteren Trostes bedurfte.
Der gondorische König lächelte leicht. „Meine Freunde, ich weiß, dass ihr niemals Legolas, Gimli oder mich im Stich lassen würdet, aber diesmal habe ich eine andere Bitte an euch. Ihr würdet mir mehr helfen, wenn ich die Damen des Weißen Turmes in guten Händen wüsste. Faramir wird mich zwar in meiner Abwesenheit in den Amtsgeschäften vertreten, aber ein Gefühl sagt mir, dass nicht nur da draußen Dinge auf uns zukommen, die der Vorsicht bedürfen. Gandalfs Miene und Reaktionen entnahm ich ebenfalls eine gewisse Unruhe, auch wenn unser Freund sich in Schweigen hüllt." Er blickte direkt den jüngeren der beiden Vetter an. „Pippin? Hiermit rufe ich dich aus dem dir gewilligten Urlaub zurück und lege das Wohlergehen Arwens und Éowyns in deine Hände. Als Knappe der Turmwache übertrage ich dir die Aufgabe, über das Wohlergehen der beiden Damen, wie auch die Mitglieder dieses Haushaltes, zu achten und dafür Sorge zu tragen, dass ihnen nichts geschieht. Faramir wird dich dabei unterstützen, so gut er kann!"
Pippins Wangen verfärbten sich vor Aufregung rot und halb stolz, halb verlegen, verneigte er sich tief vor der Elbin, die ihn mit einem warmen und liebevollen Lächeln bedachte. Dass die Tochter Elronds und der ‚Abendstern Bruchtals' im Notfall sehr gut auf sich selbst achten konnte und zudem eine voll ausgebildete und äußerst geschickte Kämpferin war, mochte sich dem Wissen des kleinen Hobbits entziehen, doch sollte die Situation es erfordern, würde er Arwen vor allem Unheil zu bewahren versuche, egal zu welchem Preis.
Estel richtete seine nächsten Worte an den zweiten der beiden Vettern. „Merry? König Éomer bat mich dir auszurichten, dass du bitte zu seinen Räumen kommen sollst. Wie er mir sagte, will er auch dich in den aktiven Dienst als Schildknappe Rohans zurück holen und dir die Aufgabe auftragen, seine Schwester und die zukünftige Fürstin Ithiliens zu beschützen, sollte Gefahr sich auftun. Das ist eine große Ehre für dich, denn Éomer liebt seine Schwester über alles und – wie ich denke – liebst du Frau Éowyn auf eine bestimmte Art auch."
Merrys Gesicht glich einem Feuerball, während er mit leuchtenden Augen nickte. „Das will ich meinen! Durch Pfeilhagel, Schwerthiebe und durch die Beine von Olifanten ritten wir gemeinsam, schlugen die Feinde nieder und beschützten uns gegenseitig. Auch war sie es, die mich nicht zurück ließ, als all meine Freunde in den Krieg zogen und nur ich der Schmach gegenüber stand, nicht kämpfen und helfen zu können. Sieh, es war sie, die mich heimlich auf ihr Pferd zog und mitnahm. Lady Éowyn ist meine Herrin, und wenn König Éomer mir das Juwel seines schönen Steppenlandes anvertraut, so gehören mein Schwert, mein Schild und meine Faust ihr!" Ganz wie ein kleiner Ritter stand er dort in dem Gemach und hatte sich nach Art der Rohirrim eine Faust vor die Brust gepresst.
Frodo und Sam sahen sehr wohl das versteckte Lächeln des ehemaligen Waldläufers und des Elbenprinzen, aber es war ein Lächeln der Zuneigung. Dann begegnete der ehemalige Ringträger dem Blick Aragorns und hob die Brauen. „Lass mich raten: auch für Sam und mich hast du einen Auftrag!" Ein dünnes Schmunzeln umspielte seine Lippen. Ihm war völlig klar, dass ‚Streicher' sie außen vor lassen sollte, denn – wie schon mehrfach erwähnt von jenem, der von dem großen Ringkrieg schrieb – Hobbits gehören nicht in eine Schlacht.
„Wohl wahr, Frodo!" nickte Estel. „Ich bitte dich und Sam die Augen offen zu halten und euch in der Stadt unauffällig umzuhören. Dinge sind ins Rollen geraten, von denen ich kein Wissen, wohl aber Vermutungen habe. Und Gandalf wird sicherlich bald sein Schweigen brechen, wenn er Näheres weiß! Ich habe das Gefühl, dass wir nur einen Teil dessen gewahr sind, was auf uns zukommt. Ich spüre das Aufziehen dunkler Schatten und eigentlich wäre mein Platz hier, in Minas Tirith, doch das Leben der Menschen eines ganzen Dorfes – und mag es noch so klein sein – steht auf dem Spiel. Und die Sicherheit eines Kindes, welches von skrupellosen Männern zum Spielball ihrer Machenschaften wurde. Ein schlechter König wäre ich, würde ich ihre Rettung an zweite Stelle setzen."
Es war Sam, der diesmal antwortete: „Keine Sorge, Streicher. Herr Frodo und ich werden schon heraus finden, welch übles Spiel hier begonnen wurde. Es hat einen Vorteil, klein zu sein. Man wird uns für Kinder halten – und diese nimmt man selten für voll. Also können wir getrost neugierig sein und uns umsehen."
„Sei bitte vorsichtig, Sam! Kaltblütig sind jene, die mit dem Blut Unschuldiger ihre Pläne umsetzen und du willst bald heiraten."
Frodo bedachte seinen Freund mit einem warmen Blick und schlang einen Arm um die, für ihn breiten Schultern des Hobbitgärtners. „Kein Problem! Wir werden einfach mit den Kindern gehen und uns wie sie benehmen! Auch Schuhe werden wir tragen und eine Kapuze im Gesicht. Wer würde uns für Bewohner des Auenlandes halten?"
Aragorn und Legolas sahen sich kurz an. „Recht hat Gandalf wenn er sagt, dass in einem Hobbit immer mehr steckt, als man denkt!" schmunzelte Elessar, bevor seine Miene wieder ernst wurde. Elinha sah ihn unverwandt an, straffte nun ihre schmalen Schultern und richtete sich etwas auf; die Arme jedoch noch immer um den Elbenprinzen geschlungen, als würde sie ohne hin zu Boden sinken. Doch in ihren Augen kehrte ein Funken ihrer alten Entschlossenheit zurück. „Auch ich werde mit Euch kommen!" Ihre Stimme war kratzig und leise, war allerdings bar jeden Zitterns.
Aragorn schüttelte sacht den Kopf. „Nein, Elinha, es ist zu gefährlich. Bleib hier bei…"
„Bei allem Respekt, mein König, doch nichts und niemand wird mich daran hindern, mein Kind zu retten. Ich werde mit Euch gehen, und wenn Ihr dies nicht wollt, so mache ich mich auf eigene Faust auf die Suche!" Ihr Tonfall war hart und das erste sachte Rosa kehrte in ihr aschfahles Gesicht zurück.
Estel seufzte leise; ihre Wortwahl ihr nicht übel nehmen. Sie war eine Mutter, deren Kind in Gefahr schwebte und er wusste, dass niemand so kämpferisch und gefährlich wurde, wie eine Frau in einer solchen Situation. Dennoch konnte er es nicht dulden, dass sie sich solchen Risiken aussetzte. „Ich verstehe dich, Elinha, und ich an deiner Stelle würde nicht anders reagieren. Aber wir jagen nicht nur die Entführer deiner Ziehtochter, sondern eine ganze Bande, die sich mit Orks verbündet haben. Es wird gefährlich werden und da kann ich nicht zustimmen, dass…"
Die junge Dúnedain machte sich von Legolas los und stand plötzlich nicht minder gerade und stolz wie Arwen vor Aragorn. „Ich werde da raus gehen und Kaya suchen! Ob mit oder ohne Eure Erlaubnis! Einsperren müsstet Ihr mich, um dies zu verhindern! Und ich warne Euch, dies zu versuchen! Wie Ihr selbst sagtet, bin ich eine Dúnedain und mein Vater hat mich als solche erzogen. Und ich verlange von Euch, als meinem Stammesführer, mir das gleiche Recht einzuräumen, wie allen anderen Familienmitgliedern der Waldläufer: Das Recht auf die Verteidigung meiner Familie! Kaya ist meine Familie – die einzige, die ich noch habe – und damit bestehe ich auf meinem Recht, alles tun zu dürfen, um sie zu retten!" Sie fühlte Legolas' Hand auf ihrem Arm, und – genau wie noch gerade eben, als er sie fest gehalten hatte – durchrann ein fremdes und Geborgenheit gebendes Prickeln durch ihren Leib, doch ihr Blick verließ nicht einmal die silbergrauen Augen Aragorns und ihre aufrechte Haltung wankte nicht einen Moment.
Der gondorische König runzelte die Stirn. „Fürwahr, ängstlich bist du nicht, wenn du dir etwas in den Kopf gesetzt hast oder deine Meinung vertrittst. Als eine Angehörige der Dúnedain kann ich das von dir geforderte Recht dir nicht versagen. Als dein König juckt es mich tatsächlich in den Fingern, dich mit Hausarrest zu belegen, um dich vor Schaden zu bewahren und dir zu zeigen, dass auch du dich meinen Anordnungen zu beugen hast."
Es blitzte in ihren Augen kämpferisch auf und ihre Miene wurde hart, während sie ihr Kinn energisch vorstreckte. Insgeheim amüsierte Aragorn dies, denn er bewunderte Stärke und Entschlossenheit; äußerlich durfte er sich davon nichts anmerken lassen.
Es war Arwen, die die Situation entschärfte. „Als meine Mutter von Orks entführt wurde, waren es meine Brüder Elladan und Elrohir, die auszogen und sie befreiten – entgegen dem Befehl meines Vaters, der sich sehr um seine Söhne sorgte und selbst seine Gemahlin retten wollte. Als du dich für die Schlacht gegen Mordor bereit machtest, waren es deine Elbenbrüder und dein Vetter, die an deiner Seite ritten, auch wenn du um ihre Sicherheit bangtest! Und als die Große Schlacht unter den Bäumen stattfand und im Süden Düsterwalds die Orks sich zu einem Großangriff gegen Lórien sammelten, war es die Mutter meiner Mutter, die Lady Galadriel, die an der Spitze ihres Heeres in den Kampf zog, gegen den Willen Celeborns, der halb krank vor Angst um sie war." Sie trat neben Aragorn und berührte seine Wange. „Ein jeder muss das tun, was er für richtig hält. Und wenn die Sicherheit der eigenen Familie und jener, die man liebt, auf dem Spiel steht, vermögen es ihre Angehörigen Wunder zu vollbringen, wo selbst erfahrene Kämpfer und Ritter versagen. Lass sie mitreiten – um ihretwillen und um Kayas Willen!" Sie schaute zu Elinha zurück, deren Verwunderung über den Beistand der Königin klar in ihrem Gesicht geschrieben stand. „Ihre Seele ist stark, doch verwundet. Würde sie dazu verurteilt sein, hier zu sitzen, nichts zu tun und zu warten, würde diese Wunde sich nur weiter öffnen, bis sie unheilbar ist. Mir erginge es nicht anders!" Ihr Augenmerk kehrte zurück zu ihrem Gemahl, in dessen Blick sie bereits die Antwort lesen konnte, und lächelte dünn. „Ja, wir Frauen denken anders als ihr Männer, und das ist auch gut so. Es sind immer die unterschiedlichen Blickwinkel, die das Auge für alles öffnen."
Die vier Hobbits sahen den ehemaligen Waldläufer unverwandt an und auch in Legolas' Blick lag eine gewisse Anspannung, die Aragorn verriet, dass sein elbischer Freund die Auffassung Arwens und Elinhas teilte. Er atmete tief durch und betrachtete nochmals eingehend die junge Frau. Arwen hatte Recht: nur die Aussicht, etwas zu der Rettung Kayas beitragen zu können, hatte Elinha aus ihrer Erstarrung gelöst – eine innerliche Lähmung, die für ihr Seelenheil eine ernst zu nehmende Bedrohung darstellte. „Gegen so viel Argumente fällt es schwer, die eigene Auffassung erfolgreich zu vertreten, die nur ein einziges Gegenargument hervor zu bringen hat: es ist zu gefährlich. Ich bin nach wie vor dagegen, erkenne aber, dass ein Beharren auf meinem Standpunkt Elinha wohl mehr schaden als nützen würde!" Er legte leicht den Kopf schief. „Kannst du reiten?"
„Ja, Herr, das kann ich!" entgegnete die junge Frau ruhig.
„Wie sieht es mit irgendwelchen Verteidigungskünsten aus? Beherrschst du eine Waffe?"
„Ja, mein König. Mein Vater lehrte mich den Umgang mit einem Kurzschwert und auch hatte er begonnen, mich im Bereich des Bogenschießens auszubilden, als er starb. Meine Schießkünste mögen nicht die besten sein, doch um mein Kind und mich zu verteidigen, reicht es!" Klar und fest waren ihre Worte und Estel kam nicht umhin anerkennend festzustellen, dass in der Dúnedain tatsächlich das kämpferische Blut der Nordmenschen floss.
„Ein Pferd mag ich dir wohl leihen und an einer Waffe mag es auch nicht scheitern, auch wenn für deine Hände ein geeignetes Kurzschwert noch gefunden werden muss. Doch wie sieht es mit deiner sonstigen Ausrüstung aus? Du hast nichts weiter als das Krankengewand und deine Stiefel, und eine Rüstung wäre für dich zu schwer. Sicher, Tunika und Beinlinge sind auffindbar, doch…"
„Ich werde Elinha ausstatten!" warf Arwen ein und schenkte ihm ein fast schon herausfordernden Blick, als er sie verblüfft ansah. „Ich habe genug Reitgewänder, Mäntel, Unterkleider und –Tuniken, die sie gegen die Kälte schützen und sie dennoch nicht behindern werden. Und was die Waffen betrifft, so magst du getrost auch dies mir überlassen. Von allen Menschen brauche ich dir wohl am wenigsten eröffnen, dass bei uns Elben auch die Frauen ihre eigenen Waffen haben." Sie zwinkerte ihm leicht zu und Estel konnte es sich nicht verkneifen, den Spieß ein wenig umzudrehen. Es war selten, dass Arwen zweideutige Worte wählte, und so war die Versuchung einfach zu groß, sie ein wenig auf den Arm zu nehmen – und sei es auch bloß, um ihr und den anderen zu zeigen, dass ihre Ehe auf Gleichberechtigung basierte.
„Ja, in der Tat konnte ich schon oft feststellen, dass elbische Frauen ihre eigenen Waffen haben. Waffen, bei denen selbst der frömmste Mann in Versuchung gerät!"
Arwen starrte ihn für einen Moment sprachlos an, während Legolas sich auf die Lippen biss und die vier Hobbits zu kichern begannen. „Recht hat er!" nickte Pippin. „Fragt mal Gimli! Der ist auch schon in den Genuss von elbischen Frauenwaffen gekommen. Selbst seinem knurrigen Mundwerk entglitt Gesäusel voller Komplimente, als die Lady Galadriel ihn anlächelte."
„Und dem deinen entgleiten mal wieder Kommentare, die nicht nur Gandalf graue Haare bescheren, wären sie nicht bereits weiß!" kommentierte Aragorn trocken, während der Hauch eines Lächelns über Elinhas Gesicht glitt. Dies nahm Elessar zum Anlass, um die junge Frau noch ein wenig mehr aufzubauen. „Dass aber auch Menschenfrauen über besondere Waffen verfügen, erfuhr schon so mancher Elbenmann. Einer von ihnen ist mein engster Freund!"
Legolas' Ohrspitzen verfärbten sich puterrot, während Arwen – die sich wieder gefangen hatte – sacht die Hand nach ihm ausstreckte und ihm einen leichten Klaps auf den Hinterkopf gab. „Ada sagte immer, dass dies das Denkvermögen erhöht. Vielleicht hilft es dir beim nächsten Mal zu erkennen, was ich zum Ausdruck bringen wollte und…"
„Meleth nîn, (meine Liebe) du sprachst von den Waffen einer Frau, nicht umgekehrt!" Er bedachte sie mit einem zärtlichen Blick und schürzte dann die Lippen. „Mir scheint, du hast dich dazu entschlossen, unseren jungen Gast hier deine volle Unterstützung zu gewähren. Nun, so sei es. Die Erfahrung lehrte mich, dass man dich nicht aufhalten kann, wenn du etwas wünschst. Selbst Lord Elrond steht dem machtlos gegenüber, wie sollte es also mir möglich sein, der so viel jünger ist als er und dich grenzenlos liebt?" Er legte einen Arm um ihre Schultern und ließ seinen Augenmerk zwischen den beiden Frauen hin- und hergleiten. „So kleide sie ein und versorge sie mit allem Notwendigen, wenn es dich denn beruhigt." Er sah Elinha an. „Und dir rate ich, sofort zu Bett zu gehen und etwas Schlaf zu finden. Hart werden die nächsten Tag werden und ich kann keine Rücksicht auf dich nehmen, solltest du der Erschöpfung anheim fallen." Sein warmer Tonfall nahm seinen Worten die Schärfe.
Elinha verneigte sich. „Ich danke Euch, mein König, für Eure Großzügigkeit und Euer Verständnis!" Ihre Stimme war nach wie vor leise und ihre Augen zeugten von großer Müdigkeit, die sie nun – endlich – befiel. Sie wandte sich Arwen zu und ergriff eine schlanke, warme Hand der schönen Elbin. „Auch Euch gebührt mein tiefster, ergebendster Dank, Herrin", flüsterte sie und Arwen strich ihr in einer schwesterlichen Geste über die Wange. „Danke mir nicht, denn Estel hat Recht. Die nächsten Tage werden schwer werden und so manches Mal wirst du dir im Geheimen vielleicht wünschen, du wärest hier geblieben. Aber selbst der Schwächste vermag Dinge zu beeinflussen, die ohne ihn vielleicht anders verlaufen wären und kann dadurch das Schicksal abwenden, welches für andere zur Bedrohung geworden wäre. Ich besitze nicht die Fähigkeiten Adas, die Zukunft sehen zu können, doch ich fühle, dass deine Aufgabe erst noch beginnt." Sie beugte sich vor und drückte einen sanften Kuss auf die Stirn der jungen Sterblichen. „Mögen die Sterne deinen Schlaf bewachen!"
Elinha wusste weder etwas über die elbischen Höflichkeiten, noch über traditionelle Grüße und Wünsche des Schönen Volkes, doch einer Eingebung folgend wisperte sie: „Mögen sie Euch beschützen, Herrin – und auch Euch, mein König!" Sie senkte das Haupt und Aragorns Mund verzog sich zu einem leichten Lächeln. Es war kein Wunder, dass dieses Mädchen den Thronerben des Großen Grünwaldes verzaubert hatte. „Das Gleiche wünsche ich dir, Elinha. Ich werde dich morgen Früh zeitig von einer der Dienerinnen wecken lassen. Und versuche wirklich etwas Schlaf zu finden. Kaya geht es gut – ich fühle es!"
„Ich danke, mein Herr!"
Das Königspaar verließ nach lieben Worten an Legolas gerichtet das Gästegemach und auch die vier Hobbits sagten ‚Gute Nacht', wobei keiner von ihnen es versäumte, die junge Frau zu umarmen und dem jungen Elb auf den Oberarm oder – mit etwas Recken – auf die Schulter zu klopfen. Dann verschwanden auch die Halblinge und Elinha und der Sohn Thranduil waren allein.
Legolas bewunderte ihren Mut, sich so offen gegen die Befehle ihres Königs und Stammesführer zu äußern und ein Recht einzufordern, über das er nichts wusste. Er kannte nicht viel über die Sitten und Gebräuche der Dúnedain, die in vielen Dingen die der Elben nicht unähnlich waren, wie er hörte. Aber die Ähnlichkeit zwischen ihren Völkern war nicht wirklich verwunderlich. Immerhin war der Stammvater der Númenórer und damit der Dúnedain ein Halbelb gewesen und das Blut des Schönen Volkes floss in jedem Einzelnen von ihnen. Dennoch waren es Menschen, und bei den Sterblichen gab es immer wieder Ansichten und Gebräuche, die einen Elb vor ein echtes Rätsel stellten – selbst, wenn dieser Elb seit Jahrzehnten mit einen von ihnen eng befreundet war. Auch eine Elbin hätte verlangen können, bei der Rettung eines ihrer Familienmitglieder dabei zu sein, allerdings hatte sie kein Recht darauf. Ja, des Kämpfens wurden vielen von ihnen gelehrt, doch im Ernstfall oblag es den Männern, um Land und Familie zu kämpfen. Die einzige Ausnahme bildeten weibliche Mitglieder der Wache und des Heeres, aber solche gab es nur bedingt und Legolas musste sich eingestehen, dass er selbst auch nur ungern eine Frau mitten auf dem Schlachtfeld sah. Frauen waren genauso mutig und fähig wie ein Mann, daran bestand für ihn kein Zweifel, doch sie waren in der Regel schwächer und gehörten beschützt. In dieser Richtung empfanden Menschen – und Elbenmänner gleich.
Und somit war er auch ein wenig beunruhigt wenn er daran dachte, dass Elinha sie begleiten würde, doch er erkannte auch, dass es in diesem Fall das Beste war. Er atmete tief durch und beobachtete, wie sie vor den Kamin trat und wieder in die Flammen starrte; ihre schlanken Arme fest um sich geschlungen. Arwen hatte es versteckt angedeutet: das Einzige, was Elinha davor bewahrte der Verzweiflung zu verfallen war die Aussicht, handeln zu können und dazu beizutragen, Kaya ihrer Entführern zu entreißen. Und das Wohl der Seele zählte nicht minder als die Gesundheit des Körpers – wenn nicht sogar mehr.
Tief durchatmend schloss Legolas die Distanz zu ihr. Er brauchte nicht ihr Gesicht zu sehen um zu wissen, dass ihre Gedanken weit fort waren. Schweigend blickte sie in das Kaminfeuer, und der Anblick der trockenen unvergossenen Tränen in ihren Augen berührten ihn tief. Bei den Valar, was war es nur, das ihn zu diesem Menschenmädchen zog wie die Motte zur Kerze? Was hatte sie nur an sich, dass sein Herz mit ihr lache, weinte oder litt? Warum nur beruhigte ihre Nähe ihn und machte ihn gleichzeitig nervös? Er war kein junger Elbling mehr, der bei dem Anblick einer hübschen jungen Frau flatterig wurde. Er hatte ohnehin niemals zu jenen Elbenjünglingen gehört, die sich geradezu albern in seinen Augen benahmen, wenn eine schöne Elleth (Elbenmädchen) ihren Weg kreuzte. Ja, er war noch jung – zumindest, wenn man das Alter der anderen Eldar bedachte – aber niemals hatten seine Seele und sein Herz so auf eine Frau reagiert, wie sie es bei Elinha taten; eine Sterbliche, deren Bekanntschaft er machte, weil sie ihn bestahl. Und fürwahr, sie schien in der Tat ihm mehr gestohlen zu haben, als nur den Geldbeutel, wie Estel erst vor kurzem scherzhaft angemerkt hatte.
Elinha blickte in die tanzenden Flammen und fröstelte. Ihr Verstand sagte ihr, dass dies nur eine Reaktion auf die vergangenen Stunden war, denn seit der vorherigen Nacht jagte ein Entsetzen das nächste. Und ihr Innerstes sehnte sich nach Geborgenheit. Selbst die eigene Umarmung tat ihr gut, so lächerlich dies klingen mochte. Doch was war schon ihre Angst gegen das, was vielleicht Kaya durchmachte? Die Ungewissheit, wie es dem Kind ging, war das Schlimmste. War sie irgendwo im Dunklen und fror so wie sie? Passte ihr Entführer wenigstens auf sie auf und würde er sie versorgen? Schlief sie oder war sie wach und hockte verängstigt in irgendeiner Ecke? War sie warm genug angezogen bei dieser Kälte, die draußen herrschte? Keine dieser Fragen konnten momentan beantwortet werden.
„Warum?" flüsterte sie. „Warum ein kleines Kind wie Kaya? Wer… wer bringt so etwas fertig und entführt mitten in einer eisigen Winternacht ein kleines Mädchen?"
Sie schloss die brennenden Augen, als sich zwei lange, warme Arme behutsam von hinten um sie schlossen und sie ihren elbischen Beschützer wie eine Trutzmauer an ihrem Rücken fühlte – ganz so, als wolle er sie von allen Schrecken abschirmen. Sie spürte die zarte Haut seiner Wange an der ihren und der Duft von Wäldern und Wiesen umhüllte sie wie der Vorbote des Frühlings. Sein Herz schlug an ihrem Rücken – ein ewiges Pochen wie der Puls der Zeit und der Welt gemeinsam. Und dann – endlich! – kamen die Tränen. Wie einst die Fluten des Isen, als dieser aus seinem von Saruman aufgezwungenen Stausee sich ergoss, befreit von den Ents, stiegen sie in ihre Augen und rollten heiß und über ihr Gesicht. Für einige Momente tat es gut, endlich loslassen zu können, dann hob sie eine Hand, um sie fort zu wischen. Sie musste jetzt stark sein, für Kaya, und sich beherrschen, doch die Tränen wollten sich nicht bezwingen lassen.
„Schscht, Elinha, lass sie laufen!" wisperte die weiche Stimme des Elbenprinzen an ihrem Ohr, bevor er sie sanft zu sich herum zog. Sein schönes Gesicht verschwamm vor ihren Augen, während er ihre Wange umfing und sein Daumen zart wie ein Schmetterling die Tränenspuren nachzog. „Tränen sind das Blut der Seele, und eine Wunde, die nicht blutet, verheilt nur langsam und schlecht!"
Seine warmen Worte waren zuviel. Zu lange hatte sie stark sein und eine Verantwortung tragen müssen, die nicht selten die Grenze ihrer Kraft erreicht hatte. Und die Geschehnisse der letzten Nacht und des nun zurück liegenden Tages und Abends hatten den Bogen überspannt. Sich eng an ihn schmiegend ließ sie sich für eine kurze Zeit gehen, während sein sanftes Streicheln über ihre Rücken und die leisen, melodischen Laute seiner Sprache ihr Sicherheit und Geborgenheit gaben – genau wie am Morgen, als er in den Häusern der Heilung so plötzlich vor ihr gestanden hatte. Schließlich, als die Tränen sie zwar noch mehr erschöpft aber seltsamer Weise auch gestärkt hatten, hob sie den Kopf, wischte sich über das Gesicht und sah ihn an. Nichts als Verständnis und dünner Schmerz lag in den kristallblauen Tiefen seiner Augen und sie atmete durch. „Danke!" murmelte sie rau, und der Hauch eines Lächelns huschte über seinen ausdrucksvollen Mund.
„Es gibt keinen Grund, mir zu danken", entgegnete er leise. „Du wurdest verletzt und diese Wunde zu versorgen, ist mir selbstverständlich." Er strich eine widerspenstige Strähne aus ihrer Stirn. „Geh schlafen, Elinha. Versuche es zumindest. Morgen und die folgenden Tage werden in der Tat anstrengend für dich werden."
Ihr Blick glitt an ihm vorbei zu dem leeren Bett und sie erschauerte heftig. „Seit über einem Jahr war ich keine Nacht ohne Kaya. Und wäre sie mir nicht so grausam entrissen worden, würde sie auch jetzt dort liegen." Sie biss sich auf die Lippen. „Heißt mich ruhig albern, aber mir graut davor, alleine nun zu Bett zu gehen." Sie senkte den Kopf. „Kindisch, ich weiß, aber…" Sie schaute wieder auf und das unschuldige Flehen in ihren Augen versetzte ihm einen Stich. „Bitte bleibt! Ich… ich kann jetzt nicht alleine sein."
Sie hatte wieder zu zittern begonnen und er sah die Furcht in ihrem Blick. Ihrer Bitte zuzustimmen würde sich nicht schicken und sie in einen schlechten Ruf bringen, sollte jemand davon erfahren, doch Elben sahen viele Dinge anders als Menschen. Sie taten das, was für sie selbst und andere richtig waren, auch wenn dies vielleicht irgendwelchen Sitten widersprach. Kein Elb würde ihr oder ihm einen Vorwurf machen oder Hintergedanken bekommen, wenn er die Nacht hier verbringen würde – bei den Menschen war es etwas anderes.
‚Aber du bist ein Elb und Estel, der Herr dieses Hauses, ist unter uns aufgewachsen und mit einer Tochter unseres Volkes verheiratet. Keine Vorwürfe und keine Scherze werden über seine Lippen kommen, wenn er Kunde davon bekommen würde, denn er kennt uns und weiß, dass wir nur helfen wollen und niemals eine solche Situation zu unserem Vorteil ausnutzen würden! Und somit besteht auch kein Grund für übles Gerede' Ja, im Grunde wäre es ein Unding die Nacht in dem Gemach eines jungen Mädchens zu verbringen, welches ihm weder versprochen noch an ihn gebunden war, aber Elinhas Wohlergehen war ihm wichtiger als das. Und so nickte er: „Ich bleibe!"
Die Erleichterung, die über ihre Züge glitt, sprach für sich und mit einem „Hannon leh" löste sie sich von ihm und ging mit schweren, müden Schritten hinüber zu der Wäschetruhe, um das Krankengewand heraus zu holen, welches ihr für die Nacht dienen würde. Legolas verschloss derweil die Tür, die Sam – der als letzter gegangen war – bereits halb zugezogen hatte, schlüpfte aus seinen Stiefeln, entledigte sich des seidenen Obergewandes, löste den breiten und kunstvoll bestickten Schärpengürtel und lockerte den Kragen seiner Untertunika.
„Darf ich mich wieder umdrehen?" erkundigte er sich höflich, hatte er sich doch während der ganzen Zeit mit dem Rücken zu Elinha gehalten, damit diese sich umkleiden konnte. Als keine Antwort erklang, wagte er einen kurzen Blick über die Schulter. Die junge Frau stand am Fenster, blickte hinaus in die kalte Nacht und hatte wieder die Arme um sich geschlungen. Sie trug das Krankengewand und sie hatte auch ihr Haar gelöst, doch sie machte keine Anstalten ins Bett zu gehen. Die Augen halb geschlossen vor Erschöpfung stand sie leicht schwankend da und ihre Gedanken waren wieder weit davon gedriftet. Legolas zögerte nicht einen Moment, trat zu ihr und hob sie hoch, als wäre sie ein Kind. Sie zuckte leicht zusammen, beruhigte sich aber sofort wieder und hielt sich an ihm fest. Wie leicht sie war – ganz so, als wäre sie eine Feder. Behutsam trug er sie hinüber zu der breiten, einladenden Ruhestätte und legte sie dort nieder. Doch als er sich aufrichten wollte, hinderten ihre Arme ihn daran und er bemerkte, dass sie bereits halb schlief.
„Bleib!" nuschelte sie undeutlich und der junge Elb begriff, dass er nur zwei Möglichkeiten hatte: entweder sich mit sanfter Gewalt aus ihrer Umarmung zu befreien und sie damit wieder zu wecken, oder ihrem instinktiven Wunsch nach Nähe nachzugeben und sich neben sie zu legen. Ersteres ließen weder seine Seele noch sein Herz zu, und so glitt er neben sie auf die Matratze, fingerte nach der Decke, die er über sie beide zog und nahm sie sanft in die Arme. Ein tiefes Seufzen entrang sich ihr, während sie sich unbewusst an ihn kuschelte, dann übermannte der Schlaf sie endgültig.
Legolas blinzelte zu den tanzenden Schatten des Baldachins über ihm, während er dem gleichmäßigem Atmen der jungen Frau in seinem Armen lauschte. Es fühlte sich… richtig an; beinahe so, als wäre endlich das geschehen, was von Anbeginn der Zeit her so gedacht gewesen war. Er war nicht daran gewöhnt, sein Nachtlager mit einem anderen zu teilen, aber zu seinem eigenen Erstaunen beruhigte ihn die Gegenwart Elinhas sogar.
Der Sohn Thranduils bemerkte noch nicht einmal, wie langsam aber sicher, die Bilder seiner Umgebung sich mit denen der Träume zu vermischen begann, bis ein dünner Schleier sich über seine Augen legte, als er – wie alle Elben – mit offenen Lidern im Reiche des Schlafes versank.
Es war kalt! Hundekalt, wie sein Freund Jorik es sagen würde. Bergil hatte schon öfter gefroren und der nun fast vergangene Winter war ohnehin hart gewesen, aber seit Stunden durch diese eisige Nacht zu ziehen, war etwas ganz anderes. Er sehnte sich nach seinem warmen Bett, einer Tasse heiße Milch und zwei oder drei Schnitten von dem leckeren Brot, welches seine Mutter am Nachmittag gebacken hatte. Stattdessen war er den drei Reitern quer über den Pelennor gefolgt, den sie vor kurzem verlassen hatten, als sie das Südtor anscheinend problemlos passierten. Bergil dagegen hatte sich etwas einfallen lassen müssen, wie er den beiden Wachmänner klar machen konnte, ihn – einen Knaben – um diese Zeit heraus zu lassen.
„Bitte, mein Herr ist ohnehin schon wütend genug auf mich und wenn ich ihn nicht einhole, wird er morgen noch zorniger werden!" hatte er gesagt, als er sich als Knappe des Ritters ausgab, den die Wachleute vor kurzem durchgelassen hatten.
„Dann reite weiter, Junge, und Eru möge deinem Herrn ein wenig Verständnis geben. Wenn ein so junger Knappe die Zeit bei einem solchem Feuerwerk vergisst, so ist dies wahrlich kein Grund aus der Haut zu fahren!" hatte der jüngere der beiden Wächter eingelenkt und auch ihn durch das Südtor passieren lassen.
Und nun war er wieder auf der Spur der drei Reiter, die einen nicht gerade geringen Vorsprung hatten. Oft sah er sie nur von Fern, aber er trieb sein Pony an und folgte ihnen so gut er konnte. Und dann – ganz urplötzlich, als er um eine Biegung kam – waren sie fort. Er zügelte seine Pony und richtete sich im Sattel auf, doch auch jetzt waren sie nicht zu sehen. Ein nicht gerader feiner Fluch kam über seine Lippen und er schlug mit einer Faust auf seinen Sattelknauf, als es rechts und links von ihm im Gebüsch raschelte.
Das Pony wieherte erschrocken und bäumte sich auf, so dass Bergil Mühe hatte, sich zu halten, als wie aus dem Nichts die drei Reiter aus dem Unterholz kamen. Die Augen des Knaben weiteten sich, als drei Schwertspitzen sich auf ihn richteten und der Mann, der das kleine Mädchen nach wie vor unter seinem Umhang hatte, ihn aus zwei verschiedenen Augen scharf ansah.
„Wen haben wir denn hier?" fragte einer der anderen beiden Männer und sein Gefährte antwortete mit einem kalten Lächeln: „Unseren Schatten!"
Bergils Gedanken überschlugen sich, als er erkannte, dass er geradewegs in eine Falle getappt war. Die Männer hatten ihn also bemerkt und ihm aufgelauert. Und wenn ihm nicht schnellstens etwas einfiel, dann stand es schlecht um ihn!
TBC…
Ja, wieder ein Cliffhanger. Ich weiß, ich bin grausam zu euch. Aber, he, das gehört doch dazu, oder? Wie angekündigt war dies ein Kapitel fürs Herz und im nächsten Chapi geht's wieder actionreicher zu.
Wie immer, ich beeile mich,
eure Lywhn
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