Chapter 21: „Einblicke"
Die Gruppe hatte sich inzwischen um den Tisch im Wohnzimmer von Misatos Apartment. Zwar waren alle vier immer noch in Uniform, jedoch war die Trageweise inzwischen eindeutig legerer geworden.
Misato, Shinji und Aizen hatten ihre Uniformen geöffnet, wobei sich herausstellte, dass Misato ein sehr weit ausgeschnittenes T-Shirt trug, was auf Seiten von Shinji ein weiteres mal für Entrüstung sorgte, da sein Vorstand wieder einmal sehr tiefe Einblicke zuließ.
Rei hatte sich strickt geweigert ihre Uniform in einer anderen als der vorgeschriebenen Art und Weise zu tragen, aber Shinji war schon zufrieden damit, dass sie geblieben war und er ihre Gesellschaft genießen konnte.
Nach und nach trafen nun auch die restlichen Gäste ein, die es nun ebenfalls geschafft hatten sich von der offiziellen Verleihung zurück zu ziehen.
Maya, Hyuga und Aoba trafen als erstes ein, gefolgt von Ritsuko, eigentlich wollte Misato auch Klassenkameraden einladen, wurde aber von Shinji mit der Begründung gestoppt, dass Aizen es wahrscheinlich nicht gerne hätte wenn diese Sache zu bekannt werden würde.
Misato wollte ihn aber nicht so davon kommen lassen und hatte ihre eigenen Pläne ausgearbeitet.
Die Stimmung lockerte sich immer weiter, es wurde viel gelacht, was natürlich nicht auf Rei zutraf, und viel getrunken, vornämlich von Misato.
Aizen trank und aß nichts, so konnte er es vermeiden, das ein Blick auf sein Gesicht geworfen werden konnte, ein einziges mal schob er seinen Verband an seinem Mund zur Seite um zwei der Schmerzkiller einzuschieben, achtete aber sehr darauf, dass niemand etwas von dem was darunter war sah.
Plötzlich zog Misato ein Bündel hervor, ähnlich dem, welches sie ihm damals vor der Tür gegeben hatte:
„Ich denke, das wirst du Morgen zum Dienst brauchen.",
sie öffnete das Päckchen und holte eine rote Uniform-Jacke und eine gleichfarbige Mütze heraus, wie sie auch Misato im Dienst trug.
Sie legte ihm die Jacke über die Schultern und salutierte vor dem knienden Aizen:
„Captain!"
Aizen senkte seinen Kopf, leicht beschämt, nahm langsam die Farbe seiner neuen Jacke an und hoffte das sie nicht durch seinen Verband leuchtete, als Maya aufschrak:
„Mein Gott!!",
alle Blicke wendeten sich dem erschrockenen Schrie zu:
„Was ist?" –
„Mir ist gerade etwas klar geworden, ab jetzt müssen wir Aizen im Dienst siezen!!",
nach einem kurzen Moment der Stille, füllte lauthalses Gelächter den Raum:
„WAS?, ich mein das ernst!"
Shinji hatte sich inzwischen auf den Balkon zurückgezogen und betrachtete die Sterne, er lies die Gedanken schweifen:
Damals, beim Stromausfall, hat Rei gesagt sie hasse das Licht der Stadt.
Ich glaube inzwischen weiß ich warum:
Diese künstlichen Lichter scheinen alles zu überschatten, alles natürliche, alles Schöne, alles scheint von ihnen eingenommen zu werden.
Erst wenn die Lichter der Stadt erlöschen wird die Gesamtheit der Welt erkennbar und auch die Schönheiten der Dinge die sonst übersehen oder unscheinbar zu seien scheinen treten zum Vorschein.
Wie die Sterne.
Wie Rei.
Aizen öffnete die Tür zum Balkon, mit ihm trat ein Schwall an Lärm aus dem Inneren nach draußen, wodurch Ikari aus ihren Gedanken aufgeschreckt wurde:
„Ich wette ich weiß an wenn du denkst." –
„Was?" –
„Shinji, hast du sie inzwischen gefragt?",
Shinji blickte ihn nervös an, dann nickte er verneinend und drehte sich weg um Aizen nicht ins Gesicht blicken zu müssen:
„Du existierst." –
„Was??" –
„Du bist wie Rei, du existierst, aber du lebst nicht." –
„Was redest du da?",
Aizen lehnte sich an das Geländer und blickte in die Ferne, Shinji tat es ihm gleich.
Er fuhr fort:
„Du existierst, du atmest, dein Herz schlägt und so weiter, eben die gesamten biologischen Abläufe, aber zum Leben gehört weit mehr als das. Du gehst keine Risiken ein, so dass du keine Fehler machen musst und du nicht verletzt wirst, aber genau aus solchen Situation lernt man, man entwickelt sich.",
Aizen holte tief Luft:
„Außerdem wer keine Risiken eingeht, dem entgehen auch die schönen Dinge, zum Beispiel Rei.",
er lächelte Shinji an:
„Wenn du sie nicht fragst, wirst du nie irgendeine Sicherheit haben, du wirst immer eine Unsicherheit mit dir tragen, bis diese dich dann irgendwann von innen heraus auffrisst und glaub mir, die Schmerzen, die du dabei haben wirst sind um einiges schlimmer, als die, die ich nun habe.",
Shinji schluckte, Dr. Akagi hatte ihm erzählt, welchen Schmerzen Aizens Verletzungen verursachten und das er starke Medikamente dagegen einnehme, welche man in den benötigten Dosen kaum noch Gesund nennen konnte.
Aizen lies ihn auf dem Balkon zurück und ging zurück zu der fröhlichen Gruppe im Innern.
Rei hatte sich etwas von dem Tumult weggesetzt und beobachtete alles in Ruhe.
Sie fröstelte, sie suchte nach der Ursache und erkannte, dass ein kalter Luftzug, erzeugt durch das Eintreten Aizens vom Balkon in das Zimmer, das Frösteln verursachte.
Sie blickte nach draußen und sah Shinji.
Er stand auf dem Balkon, die Hände auf dem Geländer verschränkt und den Kopf dazwischen gebettet.
Langsam stand sie auf und ging Richtung Balkon, ihr Blick wanderte noch einmal durch den Raum. Sie erspähte Aizen, der ihr leicht zu nickte.
Sie trat hinaus, wo ihr eine Woge kalter Nachtluft entgegen schlug.
„Ikari, darf ich mich zu dir gesellen?",
Shinji schaute auf:
„S- Sicher." –
„Was führte dich hieraus, Ikari?" –
„Ich habe über das nachgedacht, was du damals bei dem Stromausfall gesagt hast.",
Rei nickte.
„Rei, ich weiß, dass du Menschen Ansammlungen eigentlich nicht magst, Entschuldigung."
Wieder nickte Rei.
„Wieso bist du mit gekommen?" –
„Deine Gegenwart ist ... akzeptabel."
Shinji wollte ihr seine Gefühle gestehen, fand aber weder die Worte noch den Mut es zu tun:
Ich bin ein Feigling, wie könnte man so jemanden überhaupt mögen?
So standen sie nur neben einander und beobachteten den Himmel, genossen die Stille und die Nähe des anderen.
Wieder durchlief sie das Kribbeln, dass sie so oft durchlief, wenn sie in seiner nähe war:
Ich weiß nicht wie ich mich diesen Gefühlen gegenüber verhalten soll.
Ich sollte mit jemanden über diese Gefühle reden.
Aber, ... mit wem sollte ich reden?
Shinji blickte auf die Uhr:
„Es ist schon spät, wir sollten schlafen gehen.",
Rei blickte Shinji an und legte den Kopf schräg, unsicher wie sie die Aussage auffassen sollte:
„Du wünscht ein mit mir zu werden?" –
„W- W- WAS!! Nein, ... i- ich meinte nur, dass du wahrscheinlich müde bist und ins Bett möchtest, ...",
Shinji kämpfte mit sich um nicht die Fassung, oder noch schlimmer den Halt zu verlieren und Kopfüber vom Balkon zu fallen.
Erneut nickte Rei völlig ruhig.
Diese absolut ruhige Reaktion Seitens Rei machte es für Shinji nicht einfacher sich wieder zu fassen.
Rei begab sich wieder ins Innere, dicht gefolgt von einem völlig verstörten Shinji:
„I- I-Ich bringe ... Rei Heim.",
Aizen nickte bestätigend. Misato setzte ihre Bierdose ab:
„Shinji tu aber nichts, was ich nicht machen würde, ... ups, ich meine was ich machen würde",
bei dem Satz setzte sie ihr unschuldigstes Gesicht auf, dass sie parat hatte, die restlichen Gäste schauten sich kurz fragend an, dann mussten sie ein Lachen verkneifen.
Shinji wollte etwas erwidern, brachte aber nur ein stottern heraus, wobei er mit jedem Stotterer weiter anlief.
Nur mit Mühe schaffte es Sinji durch die Eingangstür ins Freie wo Rei auf ihn wartete:
„Was meinte Major Katsuragi mit ihrer Aussage?" –
„Ähm ..., nichts weiter, las uns gehen.",
Rei war sich zwar bewusst, dass dies wahrscheinlich nicht stimmte, jedoch wollte sie auch nicht weiter nachhacken.
Sie nickte zustimmend.
Sie gingen schweigend nebeneinander her.
Shinji versuchte ein Gesprächsthema zu finden und gleichzeitig genug Mut und Selbstvertrauen aufzubringen um das einzige Thema das ihm einfiel anzusprechen.
„Wir sind da.",
Reis monotone Stimme weckte ihn aus seinem inneren Kampf.
Sie standen vor Apartment 402 in dem heruntergekommen Komplex.
Eine Weile standen sie sich gegenüber, Rei bereits hinter der Schwelle in ihrer Wohnung, Shinji davor, keiner von beiden bereit diesen Moment loszulassen.
...
„Schlaf Gut.",
Shinji brach die Stille.
„Gute Nacht.",
erwiderte Rei:
„und Danke.",
dann schloss sie langsam die Tür.
Sie standen noch einen Augenblick länger auf derselben Stelle, obwohl sie einander nicht mehr sehen konnten, blickten sie auf die Tür.
Ein Seufzer entfuhr Shinji. Er drehte sich weg und ging langsam wieder Heim.
Rei ich liebe dich.
Warum konnte ich es ihr einfach nicht sagen.
Ich Idiot.
Misatos Behausung hatte sich inzwischen gelehrt nur Aizen war noch da.
Angeheitert aber immer noch Herr ihrer Selbst fragte Misato:
„Wie geht es dir?" –
„Morgen geh ich wieder zur Schule." –
„Das beantwortet nicht meine Frage!" –
„Noch lebe ich." –
„Du nimmst das ziemlich locker." –
„Würde es etwas ändern wenn ich mich anders verhalten würde?",
Misato senkte den Kopf:
„Natürlich nicht." –
„Ich sollte jetzt auch schlafen gehen.",
Aizen griff nach seiner Krücke und zog sich hoch, plötzlich fing er merklich an zu zittern. Misato, die die Befürchtung hatte er könnte den halt verlieren sprang auf um ihn zu stützen:
„Nein, Misato, bitte nicht!",
er schob sie beiseite, wobei er den Kopf zu verstecken versuchte:
„Es geht schon wieder.",
er schaute sie an und versuchte fröhlich zu wirken.
Misatos Blick fiel auf ein rotes Rinnsal das sich vom versteckten Mundwinkel hinunter schlich und die Bandage verfärbte.
Sie wollte etwas sagen aber Aizen fuhr dazwischen:
„Ich werf nachher noch ne Pille ein, versprochen, gute Nacht Misato.",
mit diesen Worten verließ er sie.
Misato stand im Türrahmen zum Wohnzimmer, den Tränen nah, das Bier verstärkte die Traurigkeit noch, der Junge der ihr so geholfen hatte, der ihrem Shinji so sehr geholfen hatte starb, das war ihr eben klarer geworden als je zuvor.
