Ich wollte das hier eigentlich gern vor Pfingsten fertigstellen, da ich dann erst einmal in Urlaub bin, schaffe es aber nicht mehr. Hier also das vorletzte Kapitel und für das letzte muss ich euch etwas vertrösten. Aber es gibt zu dieser Geschichte, bzw. in diesem Setting eine Handvoll schöner, sehr unterschiedlicher Sequels. Wenn ich diese hier beende bemühe ich mich die Erlaubnis der Autorin zur Übersetzung der Fortsetzungen zu bekommen.
Viel Spaß!
Kapitel 21: Der letzte Verdächtige
Entweder er war so tief in Gedanken versunken oder tatsächlich eingeschlafen, jedenfalls schreckte er von dem Gefühl von Johns Atem an seinem Ohr hoch, entspannte sich aber als Johns Zunge an seinem Hals entlang strich.
"Ich habe dich vermisst," murmelte John. "Hab' den ganzen Tag an dich gedacht. Mrs. Phillips meinte, ich müsste einen schönen Urlaub gehabt haben, weil ich zwar müde aber glücklich aussähe. Komm mit mir ins Bett."
"Willst du nicht zuerst einen Tee?"
"Später." Um seine Prioritäten zu unterstreichen ließ John seine Hand an der Vorderseite von Sherlocks Hosen hinuntergleiten, streichelte seinen Schwanz und ließ ihn hart werden.
Sherlock fragte sich, ob normale Männer und Frauen sich in ihren Flitterwochen ebenso fühlten, so gierig nacheinander, dass die leiseste Berührung zu Erregung führte oder war es Teil ihrer Perversion so unersättlich zu sein.
Gelegentlich musste man allerdings doch das Schlafzimmer verlassen und sei es nur um zu essen und sie setzten ihre angenehme Häuslichkeit vor dem Kamin im Wohnzimmer fort.
Sherlock wollte wissen was John von dem hielt was er von Sally erfahren hatte aber er war unsicher wie er es anbringen sollte. Er wollte keinen neuen Streit.
"John, ich weiss... ich weiss das du möchtest, dass ich es vergesse aber sagen wir einmal, dass ich nichts unternehmen würde, egal was wir herausfinden, könnte ich mit dir darüber sprechen?"
John legte seine Zeitung beiseite und schloss die Augen. "Du wirst keine Ruhe geben oder? Ich schätze ich verstehe, nachdem was du mir gestern Abend erzählt hast. Wenn... wenn wir glauben müssten, dass es seine Lordschaft war, was würde das ändern? Anderson war anscheinend ein durch und durch verabscheuungswürdiger Kerl. Wenn er ihrer Ladyschaft wehgetan hat, sie erpresst hat, dann könnte ich verstehen, wenn Lord Lestrade ihn getötet hätte. Ich würde es nicht gut heißen aber ich könnte es verstehen. Aber du hast Recht, wenn es Lord Lestrade war, dann hat er dich vorsätzlich leiden lassen und das könnte ich ihm nicht verzeihen."
"Ich habe Sally getroffen."
"Wen?"
"Eines von Lestrades Hausmädchen."
Johnrunzelte die Stirn, "Das war gefährlich."
"Es war ihr freier Nachmittag. Ich habe sie abgepasst und ihr ein Bier ausgegeben. Sie sagte, dass Anderson ihr in der Mordnacht, ich glaube das muss nach dem Streit mit Lady Lestrade gewesen sein, gesagt hat, dass er etwas besseres als Geld bekommen hätte, das sie für den Rest ihres Lebens versorgen würde."
"Besser als Geld? Mehr Informationen aber das hätte doch sicher mehr erpresstes Geld bedeutet."
"Das habe ich auch gedacht. Eine sichere Einnahmequelle? Ein besseres Haus? Ein Partner? Sally sagte, dass er ihr nie gesagt hat wen er erpresst hat und das niemand sonst eingeweiht war. Und das Geld ist verschwunden. Wir wissen wohin die Briefe gegangen sind oder zumindest glauben wir es zu wissen: Lady Lestrade. Es ist nur logisch das sie auch das Geld genommen hat."
Gleichzeitig sahen sie einander an und sagten, "Die Charleses!"
"Nun," sagte John, "das scheint zu beweisen, dass es Lady Lestrade war, die das Zimmer durchsucht und die Briefe gefunden hat. Ein Dienstbote hätte nichts von den Schwierigkeiten der Charles' gewusst und wäre auch nicht geneigt gewesen, es wegzugeben, wenn er es gefunden hätte, auch wenn er vielleicht netterweise die Briefe zurückgesandt hätte." John schürzte nachdenklich die Lippen.
Sherlock nickte, "Lady Lestrade betrat den Raum nach Anderson und dieser anderen Person, dem Mörder."
"Hätte es nicht auch vorher sein können?"
"Nein, wenn der Raum schon durchsucht gewesen wäre, hätte Anderson sicher nicht sein Jacket abgelegt und auf jemanden gewartet."
"Oder sie und der Mörder sind zusammen gekommen."
"Was uns wieder zu seiner Lordschaft zurückbringt." Sherlock hockte auf der Kante des Stuhls und sprach sehr schnell, die Hände gestikulierten. "Lass uns versuchen die Abfolge der Ereignisse nachzuvollziehen. Ich hatte mich krank gemeldet und es Dimmock und Anderson überlassen den Tisch abzuräumen, die Kerzen zu löschen, usw. Die Gesellschaft löste sich auf und die Hausmädchen und Anderson und Dimmock besorgten das Wohnzimmer. Ab diesem Zeitpunkt können wir nur spekulieren. Wir nehmen an, dass sich Anderson und Lady Lestrade dann getroffen haben und in einen Streit über die Erpressung gerieten."
"Können wir da sicher sein? Was sollte er gegen sie in der Hand gehabt haben? Sie und ihr Ehemann scheinen sich wirklich zu lieben."
"Laut Sally, hatte Anderson erfahren, dass ihre Ladyschaft keine Jungfrau mehr war, als sie heiratete."
John gluckste, "Na ja, es gibt viele Paare die nicht auf den Segen warten können - "
"Es war nicht seine Lordschaft."
"Ah."
"Ja. Und dann, es muss direkt danach gewesen sein - erzählt Anderson Sally, dass er etwas bekommen hat, das besser sei als Geld."
"Etwas von ihrer Ladyschaft? Informationen? Informationen über irgendjemand anderen? Jemand noch höher gestellten, der noch mehr zu verlieren hatte?"
"Exakt!" Sherlock strahlte angesichts Johns schneller Auffassungsgabe. "Wir wissen, dass er bereits Mr. Darling und Jane Larkin erpresste aber nicht die Charles'. Ich bezweifle, obwohl ich es nicht sicher weiß, dass es nicht Lady Louisa oder ihr Verlobter waren, in jedem Fall hätten sie keine Verfügungsgewalt über ihr Vermögen gehabt, nicht bevor sie heiraten. Lady Caroline hat kein Geld und hätte es uns sicher gesagt, wenn Anderson es bei ihr versucht hätte. Also von den Gästen die sich an diesem Wochenende im Haus befunden haben - und ich glaube wir können ausschließen, dass es jemand war, der an dem Wochenende nicht dort war - bleiben nur Dame Agatha, die von einem Nachlass lebt. Und," er machte eine dramatische Pause, "Sir Neville."
John schüttelte den Kopf. "Ich dachte wir hätten Sir Neville ausgeschlossen."
"Ja, weil Anderson ihn an diesem Nachmittag so bewundert hat, ABER er hatte neue Informationen von Lady Lestrade. Sir Neville hat keinen guten Ruf aber das bisschen Reputation das ihm bleibt wollte er sicher gern behalten."
Jetzt lehnte John sich mit leuchtenden Augen nach vorn. "Sir Neville hasst Dienstboten oder sieht sie als Untermenschen an. Er würde es sicher nicht gut aufnehmen, wenn einer von ihnen ihn erpressen würde."
Sherlock klatschte in die Hände! "Wieder richtig, mein Liebster. Genug um zu töten?"
Sie starrten einander an, ein Lächeln auf den Gesichtern. Sherlocks Ausdruck wurde ernst. "Aber das ist alles nur Spekulation. Keine Beweise, nichts."
John überlegte, "Du hast den Raum als erster gesehen, richtig? Dann Gregson, seine Lordschaft und ich. Woran erinnerst du dich?"
"Anderson war im Bett, auf dem Rücken, mit dem Laken über dem Gesicht. Ich bemerkte, dass die Hälfte des Raums durchsucht worden war, als ob gefunden worden wäre wonach gesucht worden war. Ich zog das Laken zurück und sah, dass er mit seiner eigenen Krawatte erdrosselt worden war, nicht die von seiner Diener-Livree, sonst hätte er die noch getragen und seine Ärmel waren aufgerollt." Er schloss die Augen, "Der Knoten in der Krawatte. Da war etwas -"
"Das dachte ich auch! Aber ich konnte ihn mir nicht näher ansehen."
"Kannst du dich erinnern wie er ausgesehen hat John? Wirklich erinnern?"
"Ich glaube schon." John schloss die Augen, als könne er das Abbild dieses Knotens auf der Innenseite seiner Augenlider sehen.
Sherlock sprang auf, ging zum Schreibtisch und holte Papier und Bleistift hervor. Er zeichnete schnell etwas und reichte es John.
"Ja! Genau so."
"Und warum seine eigene Krawatte? Warum hat der Mörder die benutzt?"
"Weil sie länger als eine Fliege ist?" fragte John.
"Ja! Der Gerichtsmediziner der im Prozess ausgesagt hat, sagte der Knoten sei ungewöhnlich gewesen, wenn er einmal festgezogen war, hätte man ihn fast unmöglich wieder lösen können."
John öffnete den Mund, wie um etwas zu sagen, schloss ihn aber wieder und schürzte die Lippen. "Das erinnert mich an etwas. Etwas aus Indien." Er stand auf und ging zum Bücherregal hinüber. Er zig ein Buch heraus, Indische Kulte, und blättere rasch hindurch. "Ja, da ist es, die Thug-Bruderschaft (siehe Wikipedia, Anm. der Übersetzerin) in Zentral Indien." Er legte das Buch auf dem Tisch ab und Sherlock beugte sich darüber.
"Ich dachte man hätte sie in den 1830ern ausgelöscht."
"Offiziell schon, ja aber tatsächlich, wer weiss. Es gibt in Indien Gebiete wo nie ein Weisser hinkommt. Hier ist der Knoten, den sie benutzt haben, um Reisende zu erwürgen."
"Es ist nicht exakt der gleiche Knoten."
"Nein aber man kann sehen, dass er auf ihm basiert. Es war anscheinend sehr effektiv, lautlos und schnell. Macht das Opfer sofort kampfunfähig. Da ist noch etwas..." John ging wieder zum Bücherregal hinüber und zog ein weiteres Buch hervor und dann noch eins.
Er legte sie neben Indische Kulte. "Dies hier ist die umfassendste Geschichte Indiens, Indische Historie, von ihren eigenen Historikern." Er überflog den Index in dem einen Buch und wandte sich dann dem anderen zu. "Ja! Hier ist es:
...die Thugs wurden gejagt und der Gerechtigkeit zugeführt durch die gemeinsamen Anstrengungen von William Bentnick und seines befehlshabenden Captains, William Henry Sleeman. Während der Thug-Kult und seine brutale Gewalt von der Mehrheit der Briten verurteilt wurde, gab es doch einige, die ihre Effizienz und ihre Tötungsmethoden bewunderten. Es gab Bestrebungen in Teilen der Armee, ihre Techniken zu studieren und sich zu eigen zu machen. Es gab Gerüchte, dass gewisse Regimenter, besonders das 17. Infanterie-Regiment, eine eigene, modifizierte Version der Thug-Schlinge trainierten, während sie in der Mhow-Region stationiert waren, vermutlich haben sie es sich von Überlebenden des Kultes beibringen lassen, die dort in der Gegend lebten.
Die beiden Männer blickten einander an. "Besitzt du eine Ausgabe von Burkes Peerage (britisches Adelslexikon, Verzeichnis der adligen Familien Großbritanniens, Anm. der Übersetzerin) John?" fragte Sherlock.
"Ich glaube ja, allerdings wird es nicht die aktuellste Ausgabe sein." Er überflog die Buchrücken im Regal.
"Das spielt keine Rolle," sagte Sherlock. "Solange es nicht seit fünfzig Jahren überholt ist, sollte es für unsere Zwecke genügen."
"Hier ist es." John bemühte sich das Buch von einem der oberen Regalborde zu ziehen. Sherlock reichte hinauf und und zog es mit Leichtigkeit hinunter.
Sherlock öffnete es und fand schnell die Seite die er suchte:
Sir Neville Grenville, KBE (1900), CB (1895) 17th Foot Soldiers, (1877 - 1879), Mhow...
(KBE = Knight Commander of the Order of the British Empire, zweite Stufe des britischen Ritterordens Order of the British Empire
CB = Companion of the Order of the Bath, Klasse des britischen Verdienstordens Order of the Bath
Quelle: Wikipedia, Anm. der Übersetzerin)
Er schlug das Buch zu und grinste John an. "Der Beweis!"
John kam zu ihm herüber und packte ihn bei den Schultern. "Du sagtest du würdest dem nicht nachgehen. Grenville ist ein gefährlicher Mann. Das wussten wir schon vorher, das hier unterstreicht das nur noch mehr. Wenn wir damit fortfahren, müssen wir die Polizei einschalten. Ich werde die Polizei einschalten." John hob die Hand, um Sherlocks Protest zu unterdrücken. "Es wäre besser, wenn du nicht in Erscheinung trittst. Lass mich mit meinem Anwalt reden - er hat diese Stiftung aufgesetzt, um dir zu helfen - r wird wissen, wie wir am besten vorgehen."
Sherlock nickte. Im Augenblick war es genug zu wissen wer es getan hatte. Alles was noch blieb war herauszufinden warum.
Am Freitag entschied Sherlock, dass er beginnen sollte für John zu arbeiten, obwohl dieser dagegen protestierte und meinte, er müsse das noch nicht tun. Er machte kurzen Prozess mit dem Schreibtisch in dem kleinen Büro und kochte Tee für kleine alte Damen, die ihm alle sagten wie hübsch er sei.
Sie machten es sich nach dem Abendessen gemütlich, John mit einem medizinischen Aufsatz und Sherlock mit Ovid. Gegen neun klingelte das Telefon. John blickte aufgeschreckt hoch. Er hatte den Anschluss erst seit drei Monaten.
"Wer kann das sein?" Er zog den Gürtel seines Morgenmantels fester und ging die Treppe hinunter. Sherlock wartete oben.
"Hallo?" Er brauchte einen Moment, um die Stimme am anderen Ende der Leitung zu erkennen.
"Doktor Watson? Ist da Doktor Watson? Bitte sagen sie das sie es sind!"
"Wer ist - Lady Caroline?"
"Doktor Watson, was sie gesagt haben, was Mr. Holmes gesagt hat, letzten Mittwoch...ich...ich habe meine Tante gefragt oder besser ich habe es nebenher fallenlassen, weil, weil ich nicht glauben wollte...aber es hat mir einfach keine Ruhe gelassen, dass mit der Schreibmaschine...oh Doktor Watson!" Ihre Stimme überschlug sich panisch.
"Lady Caroline! Was ist los? Was ist passiert?" Inzwischen war Sherlock die Treppe heruntergekommen um mit zuhören.
"Ich sagte...ich sagte, dass ich mich fragen würde, wer sonst noch erpresst wurde und ob es nicht seltsam sei, dass die Briefe zurückgeschickt wurden. Und dann sagte ich...ich sagte, dass es doch merkwürdig sei, dass die Notizen bei den Briefen mit einer Schreibmaschine geschrieben wurden aber das hätte ich ja eigentlich nicht wissen dürfen und...und...sie sah mich so erschrocken an und rannte aus dem Zimmer und nun hat sie das Haus verlassen und niemand ist da..."
"Wo ist seine Lordschaft?"
"In seinem Club. Irgendein Treffen mit seinen Freunden vom College und Lou und Francis sind auf einem Ball und nur ich bin hier und die Kinder und die Dienstboten und ich weiss nicht wo sie hingegangen sein könnte."
"Lady Caroline beruhigen sie sich, es wird alles in Ordnung kommen, ich verspreche es ihnen aber das ist jetzt sehr wichtig: Wo wohnt ihr Onkel?"
"Was? Hier."
"Nein, Sir Neville."
"Sir Neville!"
"Ja, wir glauben, dass Anderson vielleicht versucht hat ihn zu erpressen. Wir haben das gerade erst herausgefunden, sonst hätten wir es ihnen früher gesagt. Ihre Tante könnte in großer Gefahr sein."
"Oh," schrie Caroline auf.
"Wo wohnt er Caroline?"
"Ich...ich bin nicht sicher. Lassen sie mich Gregson fragen." Sie hörten wie sie den Hörer ablegte. Nach zwei Minuten kehrte sie zurück. "Einundvierzig Holland Park Mews in Notting Hill. Bitte helfen sie ihr Doktor Watson."
"Wir machen uns sofort auf den Weg Lady Caroline und bringen sie wieder nach Hause. Ich verspreche es ihnen. Versuchen sie ruhig zu bleiben und wenn ihr Onkel zurückkommt...sollten sie ihm erzählen was sie wissen."
John legte auf. Sherlock war bereits nach oben gestürmt, um sich anzuziehen.
Fünfzehn Minuten später waren sie in einer Kutsche und kurvten durch London. "Tut mir leid die Herren," sagte der Kutscher. "Es geht nur langsam vorwärts heut Nacht wegen des Nebels." Die Straßen waren vom dichten gelben Londoner Dunst erfüllt und die Sicht miserabel. Der Kutscher musste des öfteren scharf die Zügel anziehen, um nicht mit anderen Fahrzeugen zusammenzustoßen die plötzlich aus dem Nichts auftauchten.
"Warten sie auf uns," rief Sherlock ihm zu, als sie an den Mews ankamen.
"Blackie ist immer so nervös bei diesem Wetter Sir. Macht es ihnen was aus, wenn ich sie in Bewegung halte?"
"Machen sie nur."
Sherlock und John näherten sich vorsichtig dem Haus. Die Straße war sehr dunkel, mit nur ein paar wenigen Lichtern, die durch den Nebel schimmerten. Sie hatten Schwierigkeiten die Nummer einundvierzig unter den unbeleuchteten Häusern zu finden. "Soll ich einfach die Türglocke läuten?" fragte John.
"Ich weiss es nicht. Wir wissen nicht einmal, ob sie hier ist. Sieht so aus als sei niemand zu Hause."
Sherlock ging die Stufen wieder hinunter, um nach oben zu sehen. Da kam ein Schrei von drinnen. John hatte gerade seine Schulter gegen die Tür gedrückt, um zu versuchen sie aufzubrechen, da flog sie auf und Lady Lestrade stürmte ohne Mantel oder Hut an ihm vorbei.
Er wurde grob von Sir Neville zur Seite gestoßen, der schrie, "Ich werde dir ein für alle mal den Mund stopfen, du lügnerische Hure!"
Unfälle passieren so schnell, dass man nur Verwirrung verspürt und keine Details ausmachen kann. Die Einzelheiten erkannten sie erst später. Für John schien die Kutsche in diesem Moment wie eine Geistererscheinung aus der Dunkelheit zu kommen, direkt auf Lady Lestrade zukommend, die wie festgefroren mitten auf der Straße stand und zum Haus zurück sah. Sherlock warf sich gegen sie, sein Schwung katapultierte sie beide aus der Bahn der fahrenden Kutsche und Sir Neville war ihnen direkt auf den Fersen. Erschreckt stieg Blackie, die Kutsche schlingerte gefährlich und drohte umzustürzen. John musste nicht sehen, wie die Hufe des Pferdes Sir Nevilles Kopf trafen. Er hatte das entsetzliche Geräusch brechender Knochen so oft in Indien und Afghanistan gehört. Das Pferd wieherte und stieg wieder, das Gewicht der Kutsche hinter ihm zwang es zurück nach unten und wieder auf den am Boden liegenden Mann.
"Haltet den Dieb!" schrie John als die Lichter in den Fenstern angingen. Er tat so, als verfolge er jemanden einige Meter die Straße entlang, als der Kutscher vom Bock stieg und versuchte das rasende Pferd zu beruhigen, bevor es den Körper endgültig zermalmte.
"Er ist einfach auf die Straße gerannt," sagte der Kutscher hilflos als Leute sich aus der Dunkelheit heraus um ihn zu sammeln begannen.
Dann hörten sie eine entfernte Polizeipfeife. John hastete über die Straße, wo Sherlock noch immer Lady Lestrades schlaffen Körper hielt.
"Ist sie in Ordnung?" fragte er Sherlock und suchte Lady Lestrades Gesicht nach Spuren von Blut oder Verletzungen ab.
"Sie ist bloss ohnmächtig," versicherte Sherlock.
"Geh ans Ende der Straße und nimm eine Kutsche zur Baker Street. Ich versuche die Aufmerksamkeit von euch abzulenken."
Sherlock hob Lady Lestrade hoch und verschwand in der Nacht. John schob sich durch die Menschenmenge die sich versammelt hatte. "Lassen sie mich durch ich bin Arzt. Ich habe alles gesehen." Er musste den Puls des Mannes nicht nehmen, um zu wissen, dass er tot war. Sein Schädel war von den schweren Pferdehufen grässlich zertrümmert, Blut und Hirnmasse war über das Kopfsteinpflaster verspritzt. Der Kutscher war den Tränen nah und versuchte noch immer sein Pferd zu beruhigen, dessen Nüstern flatterten in Panik und die Flanken waren schaumbedeckt. "Haben sie den Mann gesehen den er verfolgt hat?" fragte John.
"N - nein," stammelte der Mann. "ich dachte da wäre noch jemand aber dann, dann rannte der Mann nach draußen und - "
"Ich habe ihn gesehen," antwortete John, "er war ganz in schwarz gekleidet und rannte in Richtung Hauptstraße. Er hat sich einfach an mir vorbeigedrängt." Wie immer bei solchen Unglücksfällen, glaubten die Menschen was John ihnen erzählte, einfach weil er seiner Stimme einen so sicheren Klang gab, so das als die Polizei eintraf, um die Aussagen aufzunehmen, einige Augenzeugen den erfundenen Dieb beschreiben konnten.
In der Kutsche neben Sherlock regte sich Lady Lestrade kurz, schaute sich um wo sie sich befand und schien wieder in eine Art Starre zu verfallen, ohne Sherlock zu erkennen. Sie erlaubte ihm widerstandslos sie Treppen ins Wohnzimmer von 221 hinaufzuführen, um auf John zu warten.
