20. Doors
„I just have to be brave.
I just have to be slightly braver than I am scared."
Victoria Schwab
Vielleicht war es gut gewesen, dass sie die letzten beiden Tage nicht zur Arbeit gekommen war. Auch wenn er keine Sekunde lang glaubte, dass sie eine Erkältung hatte, wie der andere Heiler ihm heute mit knappen Worten versichert hatte. Für gewöhnlich heilte man Erkältungen, anstatt sie tatsächlich auszukurieren, soweit er sich noch erinnerte. Wozu die Qual? Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie lieber im Bett lag, als zu arbeiten.
Aber besser so. Dann konnte er versuchen, nicht mehr an sie zu denken, sie zu vergessen und nie mehr einen unsittlichen Gedanken an ihren Körper oder ihren Mund zu verschwenden. Dann konnte sie auch nicht merken, wie Greyson anstatt Snape heute dafür Sorge zu tragen schien, dass er nach Hause kam, nachdem Draco in stiller Stumpfsinnigkeit fünfhundert Flakons mit Etiketten versehen hatte. Wie Greyson ihm draußen in einer versteckten Gasse Vielsafttrank einflößte, mit ihm apparierte und ihn ins Ministerium schleuste.
Das Gefühl, nicht angestarrt zu werden, war… unbeschreiblich, fand Draco. Die Leute ignorierten ihn, nahmen ihn gar nicht war, und frei konnte er sich bewegen, ohne Angst haben zu müssen, mit dem nächsten Unverzeihlichen in der Innenstadt hingerichtet zu werden. Ein gutes Gefühl.
Auch das Ministerium kam ihm weniger erdrückend vor, ohne all die Aufmerksamkeit, die er sonst bekam. Nicht er selbst zu sein, war wunderbar. Aber Greyson hatte ihm nur einen Schluck Vielsafttrank gegönnt. Gerade genug, dass er zwanzig Minuten unerkannt blieb. Nicht lange genug, um sich gewöhnen zu können.
Und fast überkam ihn die Aufregung, denn… er hatte zwar nicht mehr wirklich daran gedacht, aber… er würde seinen Zauberstab in seinen Händen halten.
Und es war ein überwältigendes Gefühl. Er gewöhnte sich an das breite Spektrum an Gefühlen. Langsam, aber er gewöhnte sich. Er fühlte sich seltsam lebendig. Er wusste nur noch nicht, ob das gut oder schlecht war.
Ungesehen hatten sie die Trainingshalle der Auroren erreicht. Es war schon spät genug, dass die meisten ohnehin wohl Feierabend hatten. Außerdem glaubte er nicht, dass Weasley es riskierte, dass irgendwer ihn sah.
Greyson öffnete die Doppeltüren mit einem stummen Spruch, und sie betraten die erleuchtete Halle. Die Decke war mit bruchsicherem Stein geschützt, erkannte er. Die Wände wirkten weicher, wohl um Knochenbrüche oder Ähnliches zu vermeiden, sollte man dagegen geschleudert werden. Seine Kopfhaut kratzte mittlerweile unangenehm, fiel ihm auf.
Der Körper des Mannes, in den er sich verwandelt hatte, besaß weniger Haare als er. Sie begannen bereits wieder aus seinem Kopf zu sprießen. Der Trank verlor an Wirkung. Und als Greyson die Türen zur Halle verriegelt hatte, verlor die Haut, die er sehen konnte, an kräftig gebräunter Farbe, und seine helle Haut, seine langen Finger, waren wieder seine eigenen. Sekundenschnell fiel sein Haar wieder auf seine Schultern, und er blickte wieder durch seine eigenen Augen. Die des fremden Mannes waren erkennbar kurzsichtiger gewesen, als seine eigenen.
„Malfoy", begrüßte Weasley ihn von der anderen Wand. Draco hatte ihn gar nicht bemerkt. Er war hinter den Attrappen gewesen, hatte nun den Arm voller künstlicher Schlangen, so sah es zumindest aus. Draco kam näher.
„Hey", begrüßte er ihn skeptisch, und seine Stirn runzelte sich marginal, als er Weasley erkennen konnte. Er war unrasiert, fiel ihm auf. Tiefe Ringe lagen um seine Augen, er wirkte… unausgeschlafen und krank. Es waren Dinge, die ihm eher unterbewusst auffielen, als wirklich aktiv, aber was beinahe physisch deutlich von Weasley ausging, war die absolute Ablehnung auf seinen Zügen. Sein Blick war nicht mehr neutral. Er war nur noch hasserfüllt.
Und es galt ihm. Draco. Mit einer harschen Geste warf Weasley die künstlichen Schlangen von sich, so dass sie durch die Luft segelten, und an verschiedenen Stellen um sie herum landeten. Ehe Draco sich überwinden konnte, zu fragen, was mit Weasley los war, griff dieser hinter seinen Rücken und zog einen Zauberstab aus dem Hosenbund. Zuerst war Draco überzeugt, Weasley würde ihn verfluchen, denn die Geste passte definitiv zu seiner Ausstrahlung. HautHaut
Aber nach einer Sekunde Überwindung, streckte ihm Weasley den Zauberstab auffordernd entgegen. „Deiner", bemerkte er kalt. Dracos Blick hob sich zu seinem Gesicht, aber Weasley gab keine weitere Emotion preis. Fast vorsichtig schlossen sich Dracos Finger um das glatte Holz, das griffig in seiner Hand lag. Und er glaubte, sich fast zu erinnern. An das Gefühl, an die Energie, die innerhalb diesem fabelhaften Stück Magie brodelte, bereit, benutzt zu werden. An die sanfte Krümmung, direkt an dem Punkt, wo seine Faust sich schloss, an die goldbraune Farbe.
Greyson neben ihm schien erleichtert auszuatmen. „Hatte schon befürchtet, die Kontrolle schlägt Alarm. George hat saubere Arbeit geleistet", bemerkte er anerkennend in Weasleys Richtung.
„Mein Bruder kennt alle Wege, die Ministeriumszauber zu umgehen", erwiderte Weasley schlecht gelaunt. Entweder wusste Greyson, weshalb Weasleys Laune so unterirdisch war oder er war klug genug, nicht zu fragen.
„Kennst du dich noch mit simplen Abwehrflüchen aus?", wollte er dann herausfordernd von ihm wissen, und Draco runzelte die Stirn.
„Keine Ahnung", erwiderte er vage.
„Wir werden es testen. Ich animiere die Schlangen, du führst den Diffindo aus, Schulsprecher", bemerke Weasley mit glattem Hohn in der Stimme, und Draco ignorierte die Worte, wappnete sich innerlich, und stumm sprach Weasley eine Formel, und die schwarzen Attrappen auf dem Boden, begannen plötzlich zum Leben zu erwachen, richteten sich einen Meter in die Höhe, und mit einiger Geschwindigkeit griff die erste bereits an.
„Diffindo!", rief Draco, aber er merkte bereits, dass er den Zauberstab nicht richtig einsetzte, der Zauber nicht freigesetzt wurde, und die Schlange stieß vor, biss direkt in seinen Unterschenkel, und zischend zog er die Luft ein, als er verzweifelt mit der bloßen Hand den Kopf der Schlange zur Seite schlug, und diese mit immenser Kraft gegen die Wand schleuderte und sich wieder in die Attrappe zurückverwandelte, ehe sie leblos zu Boden fiel.
„Perfekt", informierte ihn Weasley sarkastisch. „Du könntest Coldwells Handlager natürlich auch mit roher Gewalt beseitigen", schloss er bitter. Greyson war vorgetreten, sprach einen Zauber, der die restlichen Schlangen einzufrieren schien, während er den brennenden Schlangenbiss in Dracos Unterschenkel wortlos heilte.
„Ron", murmelte Greyson mahnend, aber Weasley schnappte zu ihm herum.
„Was?", knurrte er, scheinbar sehr kurz davor, zu schreien. Draco konnte Greysons Blick nicht deuten, aber eine seltsame Vorsicht lag in seinen dunklen Augen, und Weasleys Kiefermuskel arbeitete gefährlich.
Draco war nicht so dumm geworden, auf Weasleys Provokationen anzuspringen. Hormone hin oder her. Er wusste, wenn er sich in der unterlegenen Position befand, und er wusste, was passierte, wenn er widersprach. Er hatte siebzehn Jahre Übung, zornigen Männern keine Angriffsfläche zu liefern. Weasley war sauer auf ihn. Draco konnte sich zwar im Moment nicht erklären, warum, aber er würde nicht riskieren, es auf besonders schmerzhafte Weise herauszufinden.
Aber je stiller er Weasley betrachtete, umso eisiger schien dieser ihn zu fixieren. Also senkte er den Blick. Entschlossen und bedacht darauf, keine falsche Bewegung zu machen.
„Noch mal", sagte Weasley schließlich, taute die Schlangen wieder auf, und die nächste machte sich daran, ihn anzugreifen.
Unnötig zu erwähnen, dass er noch weitere fünf Schlangenbisse brauchte, um wenigstens eine der Schlangen zumindest auf kurze Distanz zu verscheuchen….
Leer und abwesend hatte sie in die Flammen des Kamins gestarrt, als es an der Tür klopfte. Molly war vor einer halben Stunde gegangen. Wer sollte es sein? Ginny sprach noch immer nicht mit ihr, und jetzt auch nicht mehr mit Ron, wie Hermine von Molly erfahren hatte. Und Molly versuchte ihr Bestes, Ron zu überzeugen, wiederzukommen.
Hermine hatte nur zugehört und nichts gesagt.
Sie schälte sich aus der Wolldecke und schritt langsam zur Tür. Sie bezweifelte, dass Ron davor stehen würde. Und wenn, dann würde sie ihm die Tür höchstens wieder ins Gesicht schlagen, denn er brauchte gar nicht angekrochen zu kommen, nachdem er ihr nur das Schlechteste unterstellte!
Sie öffnete die Tür ein Stück weit. Und für einen Moment war sie gänzlich überrascht.
„Mrs Weasley, entschuldigen Sie die späte Störung", begrüßte Severus Snape sie mit ernster Miene. Er wirkte so unwahrscheinlich alt, mit den weißen Haaren, den tiefen Falten um die Mundwinkel, dem Krückstock, den er noch immer wie ein drittes Bein benötigte.
„Mr. Snape?", begrüßte sie ihn mit gerunzelter Stirn, und sie konnte sich nicht wirklich erklären, warum er hier war. Er schien kurz mit sich zu hadern, ehe er wohl über irgendeinen inneren Schatten sprang.
„Könnte ich reinkommen?", fragte er dann, und sie zögerte kurz.
„Ich…- es ist nicht unbedingt ein guter Zeitpunkt", wich sie seinen Worten aus. Nein, das war es auch nicht. Sie hatte in den letzten beiden Tagen ihrer Trauer freien Lauf gelassen, hatte die Küche und das Esszimmer zugemüllt, trug seit zwei Tagen dieselbe Jogginghose, dasselbe Shirt, und sie war nicht in bester Verfassung für ernste Gespräche.
„Es… gibt etwas, was Sie über Draco wissen sollten." Er sprach die Worte mit Bedacht, seine Stimme war leiser geworden. Sie spürte, wie eine Kälte sie erfasste, und fast automatisch schüttelte sich ihr Kopf.
„Tut mir leid, Mr. Snape. Ich habe kein Interesse an dieser Information", entschuldigte sie sich knapp, schloss die Tür, aber sie fiel nicht ins Schloss. Verwundert fiel ihr Blick. Effektiv hatte Snape die Spitze seines Stocks dazwischen geklemmt. Ihr Blick hob sich resignierend und sie öffnete die Tür wieder. Sein Blick versprach nichts Gutes.
„Ich denke, das haben Sie doch", bemerkte er mit dem Blick eines Schulleiters, und es musste immer noch der alte Zauber der Autorität sein, denn schließlich wich sie widerwillig zurück, um ihn eintreten zu lassen.
„Nichts, das Sie zu sagen hätten, würde mich anders über ihn denken lassen, als ich es ohnehin tue", versicherte sie ihm mit Nachdruck, und sie sah wie sich seine Mundwinkel unzufrieden bewegten, als er ihren Flur hinab humpelte, jeder zweite Schritt dumpfer als der erste.
„Ja, das mag sein. Aber vielleicht irren Sie sich auch", entgegnete er äußerst vage und betrat ungefragt ihr Wohnzimmer. Auch hier hatte sie die letzten Tage mehr als nur gewohnt.
„Es ist nicht aufgeräumt", erklärte sie, ohne sich zu entschuldigen.
„Ich bin nicht die Haushaltskontrolle", bemerkte er lediglich. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Er schien sich nicht zu wundern, dass sie alleine war, fragte nicht nach Ron, und sie war fast dankbar dafür.
„Setzen Sie sich", bot sie ihm etwas unwillig an und deutete auf die Sitzgruppe vor dem Kamin. Er bedankte sich und nahm schließlich im Lehnsessel Platz. Er streckte sein krankes Bein, lehnte sich zurück und unschlüssig stand sie im Raum, nicht sicher, ob ihr dieses Zusammentreffen gefallen würde. Sein Blick bedeutete ihr schließlich, dass sie näher kommen sollte. Sie setzte sich wieder auf ihren Platz auf der Couch, auf dem sie den Nachmittag über Mollys tröstenden Worten gelauscht hatte, ohne sie überhaupt wirklich wahrzunehmen.
„Mr. Snape-", begann sie vorsintflutlich, denn sie konnte kaum ertragen, dass er tatsächlich hier war und vorhatte über Malfoy zu sprechen, aber sein Blick hob sich ernst zu ihrem Gesicht.
„-Draco hatte… viele Albträume als Kind", begann er mit gerunzelter Stirn zu erzählen, während das Feuer laut knisterte. Ihr Mund schloss sich unentschlossen und etwas entgeistert. „Lucius erzählte es mir ab und an, wenn man sich mit den Todessern traf", fuhr er wie beiläufig fort und rieb sich den Nasenrücken mit Daumen und Zeigefinger, als fiele es ihm schwer, sich zu erinnern. Seinen Worten konnte sie keine Wertung diesbezüglich entnehmen, aber dass er offen – und vor allem mit ihr – über diesen Teil seines Lebens sprach, schockierte sie doch. Und sie begriff nicht, warum er das tat.
„Lucius missfiel es, nicht nur, weil es seine Frau und die Elfen nachts wachhielt, auch weil es eine Form der Schwäche war", fuhr er nachdenklich fort.
„Wieso erzählen Sie mir-?"
„-weil alle Fehler meistens zusammenhängen, Mrs Weasley", unterbrach er sie streng. „Die Fehler, die ich machte, sind ein Resultat meiner Unaufmerksamkeit gewesen…", erklärte er, ohne dass sie begriff, was er damit meinte. Allerdings erntete sie erneut seinen strengen Blick, wohl um sicher zu gehen, dass sie ihn nicht erneut unterbrach.
„Albträume sind – ganz entgegen Lucius' Ansicht – keine Schwäche, sondern ein Zeichen. Zumindest in unserer Welt, in unserer Gesellschaft. Es mag sein, dass eine Empfänglichkeit für Albträume eine Sensibilität zum Ausdruck bringt, welche – von den falschen Menschen – sicherlich als Schwäche angesehen werden kann", fuhr er mit sonorer Stimme fort, schien sich in seinem Gedankengang ein wenig zu verlieren, denn er starrte für einen Moment abwesend in die Flammen. „Der Geist allerdings ist im Einklang mit der äußeren Welt, verarbeitet korrekt die Geschehnisse, denn das Unterbewusstsein, zeigt somit, dass… es sich nicht hinters Licht führen lässt", schloss er gedehnt.
„Draco trägt das Dunkle Mal", ergänzte er dann. „Oder – er trug es zumindest einst. Es wurde ihm wohl auf recht grausame Weise entfernt, allerdings war das wohl zu seinem Vorteil. Ein eher seltener Nebeneffekt der Folter", räumte er bitter ein. „Er bekam es im sechsten Jahr gestochen und Madame Pomfreys Berichterstattung jeden Monat, über den Aufenthalt der verschiedenen Schüler im Krankenflügel, zeigte eine auffällige Anwesenheit von Draco Malfoy. Wegen Schlafstörungen und Albträumen."
Verwirrt sah sie ihn weiterhin an, wagte aber nicht ihn zu unterbrechen. Seine dunklen Augen hoben sich gedankenschwer zu ihrem Gesicht.
„Empfänglichkeit für das Böse mag eine Stärke sein. Das Dunkle Mal schien dieser Stärke jedenfalls Tür und Tor geöffnet zu haben." Snape setzte sich auf, lehnte sich ein Stück weit auf seine Oberschenkel. „Hat er Ihnen von seinen Albträumen erzählt? Damals?", wollte er schließlich wissen, und ihr Mund öffnete sich überfordert.
„Ich-", begann sie stockend, zog die Augenbrauen zusammen, und schüttelte den Kopf, „-kann mich nicht entsinnen", erwiderte sie knapp.
„Mir erzählte er davon", entgegnete Snape gleichmütig. „Es erschien mit kaum verwunderlich, hatte er doch immer schon Albträume gehabt. Albträume brachten niemanden um, sagte ich mir", schloss er und atmete lange aus. „Er träumte von Voldemort. Seiner… Wiederauferstehung."
Snape schloss für einen Moment die Augen, legte die Hand über die Stirn und lehnte sich zurück, während seine andere Hand abwesend über den Oberschenkel seines kranken Beines strich, wohl um den Muskel zu entspannen.
„Mr. Snape", begann sie vorsichtig, „ich verstehe nicht, was Sie mir sagen wollen", entgegnete sie, bereit, ihn zum Gehen aufzufordern, denn sie wollte nichts von Malfoy wissen. Und auch nichts von seinen möglichen Albträumen.
„Ich glaubte, es… wäre Neid", ignorierte Snape ihren Einwand. „Neid auf Harry Potter", fuhr er fort, und ihr Herzschlag beschleunigte sich minimal beim Klang des Namens. „Harry hatte sich nach Ende des Kriegs zusehends verändert. Ich nahm an, es läge in der Natur der Sache selbst. Abwesend, zurückgezogen, gewaltbereit – alles natürliche Reaktionen von Kriegshelden. Aber… ich war unaufmerksam", wiederholte er mit einem freudlosen Ausdruck.
Hermine schwieg. Kein Wort verließ ihre Lippen. Sie sah ihn einfach nur an.
„Draco hatte nie gelernt, über… ein Problem zu sprechen, sich… zu öffnen. Ihm fehlte dafür der richtige familiäre Hintergrund. Lucius hatte immer eine klare Vorstellung von autoritärer Erziehung. Durchaus angemessen, hatte ich gedacht. Anders wurde auch ich nicht erzogen. Uns fehlte der… Horizont für Emotionalität. Ich haderte ein Jahr mit mir, ob ich es mit meinem Seelenheil und meiner bevorzugten Einsamkeitsliebe vereinbaren konnte, einen verurteilten Mörder in meinem Hause aufzunehmen, Mrs Weasley."
Es schien ihm sichtlich schwer zu fallen, darüber zu reden. Er machte mehr Pausen, mied ihren Blick häufiger, und sie sprach noch immer nicht.
„Die Strafverfolgung fragte mich vor siebzehn Jahren, wie so etwas Grausames wie ein Mord in Hogwarts geschehen konnte – direkt vor meiner Nase. Wie ich einen Schulsprecherkandidaten auswählen konnte, der so offensichtlich gefährlich war, dass es sich hätte aufdrängen müssen." Hermine spürte, wie ihr kälter wurde. Wie es sie mitnahm, dass er über die Vergangenheit sprach.
„Und ich habe nicht darüber nachgedacht. Tief im Innern wusste ich, ich hatte keinen Fehler begangen. Draco war… weder gefährlich, noch… bösartig."
Hermines Hände versteiften sich in ihrem Schoß, als er sie direkt ansah. „Oder war er das?", fragte er nun sie. Überrascht lockerte sich ihr Kiefer. Steif sprach sie.
„Er hat Harry umgebracht. Das heißt, er war gefährlich und bösartig." Ihre Stimme brach beim Sprechen. Snape nickte langsam.
„Ihr Mann hat Draco aus der Verwahrung geholt und ihn wieder bei mir Zuhause abgeliefert. Hat mir unverhohlen nahe gelegt, ihm nichts zustoßen zu lassen. Er hat Draco gezwungen, in ihrer Praxis zu arbeiten, obwohl Draco lieber wieder zurück nach Askaban wollte, anstatt Sie zu sehen." Hermine schluckte schwer. „Wissen Sie, wie viel Überwindung es jemanden kostet, einen anderen Menschen umzubringen?"
Die Frage traf sie unerwartet, und sie hatte darauf keine Antwort. Sie wollte auf so eine Frage nicht antworten.
„Es braucht zunächst ein geeignetes Motiv. Habgier und Eifersucht sind die beiden häufigsten Gründe, aus denen man einen Mord begehen würde. Draco besaß Gold. Und…" Sein Blick wirkte nicht mehr vollkommen direkt, als er sie musterte. „Eine Freundin?"
Fragte er sie? War das sein Ernst? Dachte er, sie wäre seine Freundin gewesen? Was wusste Snape schon?! Aber er fuhr schließlich fort, überwand die unangenehme Stille schnell. „Sowieso erschien es mir immer fragwürdig, weshalb ein Schüler so offensichtlich, ohne einen zweiten Gedanken, einen Mitschüler auf der Empore des Dachstuhls hinrichtete." Hermine wurde beinahe übel bei Snapes Worten, denn er malte Bilder in ihr Bewusstsein, die sie kaum ertragen konnte. Armer Harry. Armer Harry…. Sie war nicht da gewesen für ihn.
Snape sah sie wieder direkt an. „Draco war nicht impulsiv, und ich hielt ihn nicht für dumm genug, tatsächlich einen Mord begehen zu können."
„Aber er hat es getan!", entkam es zornig ihren Lippen.
„Ja", bestätigte er nickend. „Seltsam, nicht wahr?" Sie sah ihn mit weiten Augen an.
„Was wollen Sie mit all diesen Beobachtungen sagen? Wie unwahrscheinlich es ist? Wie… traurig und zufällig? Mr. Snape-!"
„-Harry Potter umzubringen hat nicht einmal Voldemort geschafft", bemerkte Snape ruhiger.
„Die Liebe seiner Mutter hat ihn nicht mehr geschützt", brachte Hermine tonlos hervor. „Wieso machen Sie das?", fuhr sie ihn zornig an. „Wieso zerren Sie diese alte Geschichte zurück ans Tageslicht? Es ist vorbei", entkam es ihr zitternd, und fast schämte sie sich, vor Snape emotional zu werden, aber es waren anstrengende Tage, und sie konnte es nicht verhindern.
„Sie sind klug. Vielleicht braucht es bei Ihnen keinen Ronald Weasley, der Ihnen die Wahrheit hinter diesen Dingen verrät." Fast klang er mahnend.
„Was wollen Sie damit sagen?", wollte sie sofort von ihm wissen. Snape stützte sich auf den Armlehnen ab und erhob sich schwerfällig wieder. Er griff nach dem Stock, der am Wohnzimmertisch gelehnt hatte und sah sie wieder an.
„Sie haben mich damals um ein Buch gebeten, erinnern Sie sich?", wollte er schließlich wissen, nachdem sie praktisch aufgesprungen war, um ihn nun vom Gehen abzuhalten. Sie hatte sich ihm in den Weg gestellt, so dass er nicht in den Flur konnte.
„Ich habe viele Lehrer um viele Bücher gebeten", entgegnete sie atemlos.
„Im Slytheringemeinschaftsraum befand sich vor etwa dreihundert Jahren ein Bücherregal mit schwarzmagischer Literatur. Mittlerweile beschlagnahmt, teilweise verboten und-"
„-ich erinnere mich", unterbrach sie ihn mit gerunzelter Stirn.
„Ich sagte Ihnen, dass Hogwarts diese Literatur nicht mehr führt." Sie schwieg. Das wusste sie selbst. Sie erinnerte sich noch das Gespräch und an Snapes misstrauischem Ausdruck, den er ihr damals geschenkt hatte. Er griff schließlich in die Weiten seines Reiseumhangs. „Sie baten mich um ein Buch mit schwarzem Einband und schwarzen Seitenrändern." Er zog ebenjenes Buch hervor. „Schwarzes Schlangenleder, um genau zu sein, die Ränder getaucht in das Gift einer Schwarzviper", fuhr er schließlich angewidert fort, wog das jahrhundertealte Buch in der Hand und hielt es ihr schließlich entgegen. „Damals hielt ich es für unangebracht und unnötig einer Schülerin die Existenz eines solchen Exemplars zu bestätigen, geschweige denn, es auszuleihen."
Hermine blickte hinab auf das schwere Einzelstück. „Ich möchte mich entschuldigen, es Ihnen damals nicht gegeben zu haben", schloss er ruhig. Mit keinem bestimmten Gefühl nahm sie es entgegen. Der Einband wies keinen Titel auf. Sie schlug die erste Seite gedankenverloren auf.
„Besessen", las sie den Titel laut, die alte Schrift, fast vergilbt, mit schwarzmagischen Symbolen verziert.
„Wieso fragten Sie nach diesem Buch?", riss sie seine Stimme aus ihren formlosen und wirren Gedanken. Und sie antwortete ebenso abwesend, wie sie sich fühlte.
„Draco sagte, Rowena Ravenclaw hatte ihm dieses Buch im Traum gezeigt", erwiderte sie stockend und hob dann den Blick.
Sie sahen sich an. Nur einen Moment lang.
„Guten Abend, Mrs Weasley", verabschiedete sich Snape schließlich von ihr, trat um sie herum in den Flur hinaus und wie versteinert verblieb sie an genau derselben Stelle, hörte die Tür ins Schloss fallen, und ihr Mund öffnete sich stumm, während ihr Herzschlag in ihrer Brust hämmerte.
Nein. Es konnte nicht sein.
Mit fahrigen Fingern blätterte sie durch die alten Seiten, von denen teilweise die schwarze Tinte bröselte. Sie kam zu dem Kapitel der Durchführung. Ihre Augen überflogen einige Zeilen, verfingen sich an den Bildern der Opfer. Rot waren die Augen nachgezeichnet. Sie blätterte weiter. ‚Die Inbesitznahme eines gegenständlichen Horkruxes oder Tieres erfordert den Kontakt, so dass der Dämon in den Gegenstand oder das Tier eindringen kann.' Mit gerunzelter Stirn las sie weiter, nicht sicher, wonach sie überhaupt suchte.
‚Der misslungene Todesfluch.' Ihr Atem stockte unwillkürlich. ‚Der misslungene Todesfluch kehrt sich in einen Vorteil und zeichnet das Opfer. Entweder durch dauernde Narben, verfärbte Haut, et cetera. So kann eine Inbesitznahme des Geistes erfolgen. Die erfolgreiche Inbesitznahme fordert letztendlich den geistigen Tod des gezeichneten Opfers.'
Ihre Augen lasen noch einige Worte wie, geistiger Kampf des Opfers und Überwindungsschwellen und die letztendliche Kapitulation des Geistes.
Mit zitternden Fingern legte sie das Buch zur Seite.
Wieder ging ihr Blick leer in die Flammen. Angst erfasste sie. Wenn es stimmte, dann…? Dann hatte Draco Harry getötet, aber… gleichzeitig hatte er Voldemort umgebracht?!
Still saß sie auf ihrer Couch, während ihr weit aufgerissener Blick ins Leere ging, und sie diese Erkenntnis auf sich wirken lassen musste.
Tränen rollten über ihre Wangen, ohne dass sie es überhaupt noch merkte.
