Disclaimer: Alles gehört Tolkien, es ist nur geliehen, wird nicht für den bösen Kommerz genutzt und ich gebe es nicht gerne, aber immerhin doch wieder zurück…irgendwann.
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A/N: Meinen Dank an Fehlerfindel Amélie, die unermüdlich an den Feinheiten der Deutschen Sprache feilt.
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21. Kapitel: Wohin des Weges?
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Schon als er sein Schwert zog, verfluchte sich Erestor dafür, ungefähr die Hälfte der zukünftigen Herrscher Mittelerdes in Lebensgefahr gebracht zu haben. Wenigstens ist Legolas nicht auch noch dabei, ging es ihm durch den Kopf, als er über die Schulter sah und in einem Getümmel von halbwilden Balchoth Estel und Elladan entdeckte. Elladan trat soeben mit einem herzlichen Lächeln einem Angreifer ins Gesicht, während er zugleich einen anderen, der sich ihm von hinten näherte ohne hinzublicken das Schwert in die Brust stach. Eine neue Angewohnheit, die er wohl von Galen übernommen haben musste. Dem Rhûnar-Heiler eilte der bizarre Ruf voraus, strahlende Laune zu verbreiten, bevor er seinen Gegnern die Knochen brach.
An Estel waren Glorfindels raffinierte Kampftechniken bislang jedenfalls zum großen Teil wohl verschwendet gewesen. Aber dafür verfügte Isildurs Erbe über eine interessante Hacktechnik, die vom Pferderücken aus prächtig geeignet war, Schädel zu spalten. Allerdings lächelte er nicht dabei, sondern schaute recht grimmig und sehr erwachsen aus. Die Zeit verging und aus Jungen wurden offenbar so langsam Männer.
Geistesabwesend wich Erestor dem Hieb einer von Bednars Leichwachen aus. Es gab nichts, was ihn so sehr anwiderte wie primitive Kampftechnik. Ausgerechnet damit musste er sich nun rumschlagen. Die Leibwache verlor den Arm und auch die Kampfmoral. Erestor nutzte den Schwung der Bewegung, um sofort dem nebenstehenden Wächter das Schwert über den Brustkorb zu ziehen. Ein tiefer Schnitt ließ den Mann aufbrüllen. Bednar wich bereits weiter in sein Zelt zurück, das Vertrauen in seine Leibwache doch nachhaltig erschüttert. Erestor hatte nicht die geringste Lust, ihn dort verschwinden und womöglich durch ein Loch in der Rückwand fliehen zu lassen.
Zwei weitere Leibwächter standen ihm noch im Weg. Den Rest der Balchoth beschäftigen seine Begleiter. Das würde ein Spaziergang. Ein erschreckter Laut brachte Erestors Berechnung zum Einsturz. Beinahe entgeistert stellte er fest, dass Emi wie ein hypnotisiertes Kaninchen vor einem der noch verbliebenen Leibwächter stand. Die Glöckchen in ihrer Kleidung klingelten disharmonisch, weil ihre Trägerin am ganzen Leib zitterte.
„Zu mir!" befahl er und packte sie mit der linken Hand, um sie nah an sich heranzuziehen. „Habt Ihr eine Waffe?"
Stumm zückte sie ein Messer. Erestor korrigierte sich – ein Messerchen, gut geeignet zum Obstschälen. Weintrauben oder ähnlich kleine Dinge. Er zog sein langes Jagdmesser aus dem Gürtel und drückte es ihr in die Hand. „Bleibt an meiner Seite, egal was passiert."
Mehr konnte er sich nicht um Emi kümmern. Er brauchte Bednar und er musste an den beiden Leibwächtern vorbei. Erestor glitt ein Stück zur Seite, als beide gleichzeitig mit ihren breiten Hackmessern auf die Stelle einschlugen, an der er zuvor noch gestanden hatte. Emi quietschte leise auf bei der plötzlichen Bewegung, konnte ihr aber zum Glück folgen. Erestors Schwert bohrte sich von oben durch die festen Muskeln zwischen dem rechten Schulterblatt und dem Schlüsselbein in den Brustkorb des Balchoth. Das Herz erreichte er so nicht, aber es langte. Gurgelnd brach der Mann zusammen.
Langsam wurde es eng. Seine Begleiter mühten sich redlich und auch recht erfolgreich, Bednars Stamm vom Erdboden zu tilgen, aber früher oder später würde auch in den unterentwickelten Hirnen der Balchoth genug Erleuchtung aufflammen, um sich zwischen den vier Reitern und Erestor aufzuteilen. Mit der Sensibilität des geborenen Heilers für Elben in Bedrängnis richtete sich Galens Aufmerksamkeit prompt auf das Hauptzelt. Er tauschte einen Blick mit Erestor und nickte dann nur. Der Rhûnar-Elb versetzte den Kampfstab in eine kreisende Bewegung, bis die silbernen Endstücke mit ihren Klingen ein glitzerndes, tödliches Rad neben ihm in die Luft zeichneten. Der Bursche lächelte dabei wirklich so strahlend wie ein Sonnenschein. Die Balchoth wichen erschrocken zurück. Erestor konnte es verstehen…
„Meins!" schrie Hestia triumphierend und riss einem der Wagenfahrer das Hackmesser aus der Hand. Sie fühlte sich vor Galen augenscheinlich sehr sicher. Während Galen langsam sein Pferd durch die Menge in Richtung des Zeltes trieb, hielt sie sich mit einer Hand in Galens Weste fest und beugte sich weit nach links, um dort die Seite des Rhûna zu decken.
Elladan fluchte vor sich hin, weil er einen halbtoten Angreifer am Bein hängen hatte, der sich mangels anderer Waffe in sein Fleisch verbissen hatte. „Bruder, hilf mir."
„Schwächling", kam es von Elrohir, der die hinteren Reihen der Balchoth mit seinen Pfeilen ausdünnte. „Ich bin beschäftigt."
Estel manövrierte sein Pferd zwischen die Zwillinge, packte in den struppigen Haarschopf des Balchoth und riss mit der rechten Hand dessen Kopf zurück. Dabei trennte er ihm fast mit der Schwertklinge noch ein Ohr ab. Die andere ballte er zur Faust und schlug dem Mann heftig auf den Schädel. Ein schmerzerfüllter Fluch drang bis zu Erestor hinüber und er kam nicht von dem Beißer, denn der war ohne weiteren Kommentar zusammengebrochen.
„Du schuldest mir was!" keuchte Estel dann. „Das sind Steinschädel!"
„Warum hast du ihn nicht einfach abgestochen?" schrie Elladan kopfschüttelnd.
Ein Schlag in den Rücken ließ Erestor einen Schritt nach vorne taumeln. Als er herumfuhr, fiel ihm Emi vor die Füße. Auf ihr lag der letzte der Leibwächter, der noch einmal zuckte und dann auf der Wahrsagerin zusammensackte. Erestor überzeugte sich kurz, dass Bednar noch immer hinten an der Zeltwand stand. Er säbelte zwar mit einem Messer an der dicken, braunen Plane herum, aber das Material schien recht widerstandsfähig zu sein. Zeit genug also, den toten Leibwächter mit dem Fuß von der zappelnden Azulanerin zu rollen. Emi klammerte sich immer noch an Erestors jetzt blutbeschmiertes Jagdmesser, das zuvor in der Brust des Balchoth gesteckt hatte. Mit weitaufgerissenen Augen starrte sie zu Erestor hoch, der ihr die Hand hinstreckte.
„Seid Ihr verletzt?" fragte er.
„Ich weiß nicht", stammelte sie und ließ sich auf die Füße ziehen. „Jedenfalls spüre ich nichts."
„Gut", nickte er und wandte sich endgültig Bednar zu. „Bednar!"
Der Wagenfahrer drehte kurz den Kopf. Auf seiner vernarbten Fratze malte sich unter all den Hautwülsten Panik ab. Er warf sich wieder herum und versuchte, sich durch den halbfertigen Schnitt in der Zeltplane zu quetschen. Erestor war mit wenigen Schritten bei ihm und packte ihn an seiner Tunika. Heftig riss er den strampelnden Mann wieder aus dem Loch heraus und schleuderte ihn quer durch das Zelt. Bednar stieß mit dem Rücken gegen eine der Zeltstangen und blieb stöhnend liegen.
Mit finsterer Miene baute sich Erestor über ihm auf. Um weitere Angreifer brauchte er sich keine Sorgen zu machen. Galen hatte vor dem Zelteingang Stellung bezogen. Wahre Meisterschaft machte aus seinem Kampfstab eine unüberwindliche Barriere für jeden Angreifer. Auch ohne Hestia, die in seiner Nähe herum sprang und sich in wilden Zweikämpfen mit einigen ganz unbeirrbaren Balchoth austobte, hätte keiner dieser Männer dem jungen Rhûna gefährlich werden können.
„Bednar…" Erestor bedachte den Mann zu seinen Füßen mit einem boshaften Lächeln. „Ich habe den Lohn für die Antwort auf meine Fragen soeben erhöht. Jetzt erhältst du dafür dein Leben."
Elrond liebte eine Weinsorte, die sein Kellermeister in Flaschen kelterte. Es war sehr junger Wein, der im Herbst kredenzt wurde und sich dadurch auszeichnete, dass er prickelte wie das Wasser aus einer sehr seltenen Mineralquelle in Bruchtal. Außerdem zeichnete er sich auch noch dadurch aus, dass die Flaschen nicht geschlossen werden durften, da sie ansonsten explodierten. Oder die Korken flogen wie Geschosse durch den Raum und der Wein sprudelte wie eine heiße Quelle hervor, sobald man die Flaschen ein wenig mehr bewegte. Die Zwillinge hatten dies ausgiebig getestet und einen ganzen Jahrgang damit ruiniert. Genauso sprudelte es jetzt aus Bednar hervor.
„Marsden war hier", stammelte er und Angstschweiß lief ihm in Strömen über das Gesicht. „Vor drei Tagen und er hatte es sehr eilig. Diesmal brachte er keine Ware für uns und er wollte auch keine erwerben, um sie in die Festung zu bringen. Doch er hat den gleichen Weg eingeschlagen. Es schien, er trug eine wichtige Neuigkeit mit sich."
„War er…?"
„Ohne Pferd", beantwortete Bednar die Frage, bevor Erestor sie beenden konnte. „Ihr könntet ihn einholen. Wirklich, Herr, Eure Pferde sind sehr schön und sicher auch ausdauernd. Ich könnte Euch Proviant mitgeben."
„Warum…?"
„Wir machen schon einige Zeit Geschäfte mit Marsden." Diese Eilfertigkeit wurde zu einer schlechten Angewohnheit. „Aber denkt nicht, dass wir etwa Freunde wären. Er hat uns nur um einen Gefallen gebeten."
„Und deswegen -", Erestors Hand schoss vor und legte sich hart um Bednars Kehle, „unterbrich mich nicht schon wieder! Und deswegen hattest du also vor, mich und meine Begleiter zu töten?"
„Versklaven", korrigierte Galen vom Zelteingang aus.
Erestor atmete tief durch. Er würde in Zukunft wieder alleine reisen. Das war weniger störend. „Oder versklaven. Also, Bednar, ich warte auf eine gute Erklärung."
Bednar zuckte heftig und seine Lippen waren blau angelaufen. Mit leichtem Bedauern nahm Erestor die Hand von seiner Kehle. Ein wenig zu spät, schien ihm, denn der Balchoth erschlaffte wie ein leerer Weinschlauch.
„Ist er tot?" erkundigte sich Galen interessiert.
„Schon möglich", antwortete Erestor verärgert. Er packte den leblosen Sklavenhändler am Fußgelenk und schleifte ihn hinter sich her zum Zeltausgang. Mit etwas Schwung schleuderte er ihn vor die Füße der kämpfenden Wagenfahrer. Ein plötzlicher Donnerschlag hätte auch nicht dramatischer sein können: die Kampfhandlungen erstarben und aus dem Gebrüll wurde Wehklagen.
„Galen", seufzte Erestor und machte eine knappe Geste in Richtung der ehemaligen Angreifer. „Schafft sie mir aus den Augen."
„Ich helfe dir", rief Hestia und fuchtelte noch wilder mit dem Hackmesser rum. „Ich kann das, Galen!"
„Zweifellos", grinste der Rhûna und übergab die Aufgabe, dieses Lager zu räumen, in die Hände einer blutrünstigen Sterblichen mit der geistigen Reife eines kleinen Mädchens. Sein Vertrauen in Hestia war entwaffnend. Ebenso wie das Lächeln, mit dem er Erestor wieder in das Zelt folgte. „Was habt Ihr nun vor, Lord Erestor? Ich dachte eigentlich, wir würden uns so schnell wie möglich an Marsdens Verfolgung machen."
„Nach Dol Guldur?" erkundigte sich Erestor spöttisch. „Mit Elronds Söhnen und Estel als Begleitern? Was denkt Ihr wohl, wird mein Freund und Herr von Bruchtal dazu sagen?"
Ein nachdenkliches Schimmern trat in Galens Smaragdaugen. „Ein Problem, wie mir scheint. Ihr wollt alleine weiter?"
„Das will er sicherlich", ließ sich Elladan vernehmen, der sein Pferd vor dem Zelt gezügelt hatte und abgestiegen war. „Nur habe ich nicht die geringste Absicht, ihn ohne uns ziehen zu lassen."
„Und du denkst, deine Absichten hätten für mich irgendeine Bedeutung?"
„Erestor…" Emi bewahrte Elronds Erben zum Glück davor, eine Antwort zum Besten zu geben, die Erestors Laune noch ins Unendliche sinken lassen würde.
Bruchtals Seneschall drehte sich zu ihr um und sah sie fragend an. „Was?"
Ihr Gesichtsausdruck zeigte eine beunruhigende Mischung aus Verwunderung und Nervosität. Statt etwas zu sagen, streckte sie ihm ihre rechte Hand entgegen. Helles Blut bedeckte die Innenfläche und es stammte sicher nicht mehr von dem Balchoth. Im nächsten Moment fiel sie ihm in die hastig ausgestreckten Arme.
„Oh Eru", kam es von Galen. „Nicht gut."
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Das Geräusch war sehr irritierend. Irgendwie rhythmisch, mit einem Beiklang von Hysterie und ihr völlig unbekannt. Es dauerte eine Weile, bis Maedcam dahinterkam, dass es sich um ihre Zähne handelte, die aufeinander schlugen. Sie hätte es zwar gerne abgestellt, aber es ging einfach nicht.
„Maedcam?" Arwen rüttelte sie nervös an der Schulter. „Was ist mit dir? Bist du krank?"
„Elben…werden…nicht…krank", klapperte Maedcam. Sie schlang die Arme um ihren Körper und wiegte sich vor und zurück. Auf ihren Beinen stand sie schon nicht mehr, seit sie endlich ihren Lagerplatz und Arwen erreicht hatte. Um ehrlich zu sein wunderte sie sich überhaupt, dass sie es noch bis hierher geschafft hatte.
Arwen, schöne, ahnungslose Arwen…sie legte ihr besorgt ihren eigenen Umhang um die Schulter und rannte dann los, um von einem der größeren Feuer einen Becher Tee zu besorgen. Maedcam klapperte mit den Zähnen und kicherte zugleich in einer neuen Welle von Hysterie.
„Trink das!" befahl Elronds Tochter. „Mein Vater verteilt auch immer Tee, wenn etwas nicht stimmt."
„Hah!" machte Maedcam und verbrühte sich fast die zitternden Finger, als sie versuchte, den Becher und seine heißen Inhalt an ihre Lippen zu führen. „Nicht…stimmt?"
„Trink!" Nun wurde Arwen streng. „Oder ich gebe dir eine Ohrfeige. Das soll angeblich auch helfen. Elladan behauptet das."
Lieber eine verbrannte Zunge als eine geschwollene Wange. Maedcam gehorchte hastig und stellte zu ihrem Erstaunen fest, dass es wirklich half. Zumindest das Zähneklappern und das Zittern ließen nach.
„Das war wohl zu erwarten", überlegte Arwen in der Zwischenzeit mit gedämpfter Stimme. Wachsam beobachtete sie den Rest des Nachtlagers. Fast überall hatten sich die Waldelben schon zur Ruhe begeben, nur wenige Feuer brannten noch. „Thranduil hat uns wirklich angetrieben. Ich frage mich, was er damit bezweckt. Zwei Tage in diesem fürchterlichen Tempo können nicht besonders klug sein, wenn wir in eine Schlacht ziehen."
Tränen schossen Maedcam in die Augen. „Keine…Schlacht."
„Was?" Arwen sah sie irritiert an. „Ist der Krieg abgesagt? Haben wir schon gewonnen?"
„Keine Schlacht", wiederholte Maedcam und atmete tief durch. So langsam entfaltete der Tee seine komplette Wirkung. „Ich bin ein bisschen herumgeschlendert-„
„Was mich wundert", grinste Arwen. „Ich hätte nicht gedacht, dass du noch so frisch bist. Wir sind zwei Tage nur gerannt."
„Arwen…" seufzte Maedcam. „Unterbrich mich nicht, denn ich weiß nicht genau, wie lange ich noch bei Bewusstsein bin. Also, wir haben uns doch gefragt, warum die Waldelben so schnell aufgebrochen sind."
„Strategie", nickte Arwen und hob dann beschwichtigend die Hände. „Ich bin schon still."
„Diese Strategie war ein Rückzug", zischte Maedcam. „Eben habe ich eine Unterhaltung zwischen einigen Tawarwaith mitangehört und ausnahmsweise waren es keine, die diesen seltsamen Dialekt sprechen, den ich nicht verstehe. Obwohl ich wünschte, sie hätten es getan, dann würde es mir nicht so schlecht gehen. Wir sind am Ende, Arwen, und wir müssen sofort von hier weg."
„Darf ich jetzt was sagen?" erkundigte sich Arwen schnippisch, weil Maedcam bedeutungsvoll schwieg.
„Ich hätte nie auf dich hören sollen."
„Also darf ich etwas sagen. - Wovon bei Manwes sonnigem Gemüt redest du eigentlich?"
„Thranduil hat das Bündnis aufgekündigt!"
„Niemals!"
„Und ob!"
„Kann ich mir nicht vorstellen."
„Ach nein?" Maedcam hätte sie am liebsten geschüttelt. „Dann sieh dich doch um! Wir sind seit zwei Tagen nach Nordosten unterwegs. Der Amon Lanc ist entweder zum wandernden Berg geworden oder dies ist eindeutig der Rückweg der Tawarwaith."
„Das muss er mir erklären, ich bin immerhin Elronds Tochter!"
Arwen machte Anstalten, sich sofort zu erheben und zu Thranduils Lager irgendwo in der Mitte des Heeres zu marschieren. Maedcam packte sie hastig am Handgelenk und zwang sie wieder zu Boden. „Bist du verrückt geworden?" fauchte sie sie an. „Es heißt, Thranduil hat sich mit Celeborn überworfen. Er hat ihm und deinem Vater die Bündnistreue aufgekündigt. Glaubst du, er wird erfreut sein, wenn er uns hier entdeckt? Wahrscheinlich hält er uns für Spione oder sonst was."
„Aber dir wird er sicher nichts tun", behauptete Arwen nach kurzem Überlegen mit neuer Hoffnung. „Du bist immerhin mit Hauptmann Forlos-„
„Forlos ist nicht mehr hier", wimmerte Maedcam und ging fast in einer neuen Welle Verzweiflung unter. „Forlos ist mit einigen berittenen Kriegern bei deinem Vater geblieben. Die Krieger haben erzählt, dass Thranduil mit ihm noch fürchterlicher gestritten haben soll als mit Celeborn."
„Oh."
Maedcams Kraft war verbraucht. Sie schluchzte in ihren Tee und scherte sich nicht darum, dass sie bald aussehen würde wie ein verquollener Frosch. Alles zerbrach ihr unter den Händen. Am besten wäre gewesen, sie hätte Lothlórien niemals verlassen. Und sie war wütend auf Haldir, der überhaupt schuld daran war, dass sie von Forlos' Existenz erfahren hatte. Was war das vorher für ein schönes, ruhiges Leben gewesen! Und was hatte sie nun? Sie saß irgendwo am Rande des Düsterwaldes, umgeben von Fremden und in Begleitung einer verrückten Elbin. Und der Elb, den sie liebte, lag wahrscheinlich Dutzende Meilen entfernt unter dem gleichen samtigen Sternenhimmel und hatte ein gebrochenes Herz, weil er seinen König verraten hatte, der wiederum den Rest aller Elben verraten hatte. Doppelter Verrat sozusagen. Von ihrem eigenen mal ganz abgesehen. Immerhin hatte sie versprochen, schön sicher am Anduin auf ihn zu warten. „Ich glaube, ich sollte dahinschwinden."
„Später!" knurrte Arwen. Auf ihrer Stirn war eine steile Falte erschienen und ihre Augen funkelten, so angestrengt dachte sie nach. „Zuerst müssen wir wieder zurück zum Anduin. Ich bin sicher, alles klärt sich auf."
„Zum Anduin?" Maedcams Stimme überschlug sich fast. „Wir können nicht einfach aufstehen und wieder Richtung Westen marschieren."
„Nein", verkündete Arwen von oben herab. „Natürlich nicht!"
Keine Stunde später zerrte Arwen Undomiel ohne die ihr sonst angeborene Grazie eine widerstrebende Maedcam hinter sich her. Von einem glücklichen Geschick – oder auch sehr unglücklichem, nach Maedcams bescheidener Meinung – beschirmt, hatten sie sich an den Wachen vorbeigeschlichen und rannten nun geduckt auf den Waldrand zu.
„Nach Osten?" giftete Maedcam atemlos, als sie endlich die ersten Gehölze erreichten. „Nach Osten? Das da ist der Düsterwald. Was sollen wir hier? Dann könnten wir auch direkt bei König Thranduil bleiben. Das ist mit Sicherheit ungefährlicher."
„Vertrau mir", flötete Arwen und zerrte sie weiter. „Wir verstecken uns im Unterholz, bis Thranduil am Morgen weitergezogen ist und dann marschieren wir so schnell wie es geht wieder nach Westen. Ganz einfach und logisch."
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„Lauft!"
Das brauchte Gaellas nicht zweimal sagen. Obwohl sie gerade erst angehalten hatten, rafften alle ihre Bündel zusammen und rannten los. Die dunklen Schatten zwischen den Bäumen hinter ihnen sprachen eine deutliche Sprache.
„Was sind das?" kreischte Tinnueden.
„Spinnen!" lispelte Izak über die Schulter. „Woher kommst du eigentlich? Aus einer Truhe?"
Unter normalen Umständen hätte ihm die Hofdame wahrscheinlich die letzten Reste seiner verlausten Haare vom Kopf gerissen, aber es waren keine normalen Umstände. Im Gegenteil, sie waren sehr unnormal. Varya rannte um ihr Leben. Sie kannte die großen schwarzen Baumspinnen und sie kannte zumindest in Ansätzen die Erdspinnen. Keine Sorte gefiel ihr, beide waren tödlich.
Eigentlich sollten sie gerade eben auf der Alten Waldstraße unterwegs sein, doch der ganze Wald schien sich in den letzten Tagen gegen sie verschworen zu haben. Sie waren nicht sehr weit gekommen, bis ganze Horden von schwarzen Eichhörnchen ihnen den Weg versperrt hatten. Notgedrungen waren sie weiter nach Süden abgeschwenkt, um diese Gefahr zu umgehen und später wieder auf die Alte Waldstraße einzulenken. Der Plan hatte nicht funktioniert. Ebenso wenig wie der, dann eben parallel zur Straße nach Westen weiter zu marschieren. Der Südwald so nah der Straße war nicht ganz so gefährlich. Irgendwann in den letzten Tagen hatten sie Ionnin verloren. Varya war ganz froh, dass er wohl eingesehen hatte, wie ungemütlich dieser Ausflug zu werden drohte. Sie hoffte nur, er hatte den Weg in den Palast zurück recht schnell gefunden. Legolas würde es nur schwer verkraften, wenn seinem Bergsalamander etwas zustieße.
Varya sprang über einen umgestürzten Baum und versuchte dabei, Gilnín nicht aus den Augen zu lassen, der ihre Gruppe anführte und gelegentlich alte und hoffentlich verlassene Netze einfach mit seinem Stab zerriss. Hinter Varya liefen Tinnueden und Izak, immer noch streitend und den Abschluss bildete Gaellas. Von ihnen allen hatte er wohl noch die besten Möglichkeiten, eine der großen Spinnen eine Weile aufzuhalten. Zum Kampf konnten sie sich ihnen jedenfalls nicht stellen.
„Der Ork ist hingefallen", kam es von hinten.
Varya fluchte. „Gilnín, der Ork ist hingefallen."
Erestorion warf einen Blick über die Schulter. „Dann heb ihn wieder auf."
„Heb ihn wieder auf", gab sie den Befehl weiter, verlangsamte aber vorsichtshalber ihre Schritte.
„Er rührt sich nicht mehr", schrie Tinnueden. „Und er macht so komische Geräusche."
„Wir sollten ihn liegen lassen", murmelte Varya, hielt aber endgültig an und drehte sich um. „Gilnín, das geht nicht."
Ein gutes Dutzend Schritte entfernt lag Izak flach auf dem Bauch im modrigen Waldboden und stöhnte dumpf. Außerdem zuckten seine Glieder unkontrolliert. Tinnueden stand ein wenig unentschlossen neben ihm, einen Langdolch in der Hand, dessen Spitze verdächtig auf Izaks Rücken deutete.
Gaellas brach unelbisch laut aus dem Unterholz. „Ihr sollt laufen!" brüllte er sie an. „Hinter uns ist eine Baumspinne."
„Izak zuckt", erklärte Tinnueden und stieß den Ork jetzt mit der Messerspitze leicht in den Rücken. „Er kann nicht mehr laufen."
Varya ging neben der zuckenden Gestalt auf die Knie. Einen Moment zögerte sie noch, aber dann sagte sie sich, dass jetzt ohnehin nichts mehr verschlimmert werden konnte. Beherzt packte sie zu. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, mit bloßen Händen in ein Fass Säure gegriffen zu haben, aber es verging zu einem unangenehmen Prickeln.
„Stirbt er?" erkundigte sich Tinnueden hoffnungsvoll.
Stumm schüttelte Varya den Kopf. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was mit ihm da gerade passierte, aber es war dramatisch.
„Gilnín, hierher zu mir!" Gaellas übernahm ihren Schutz. „Es ist nur eine. Mit ein wenig Glück schaffen wir es."
Tinnueden blieb neben Varya stehen. Den Langdolch hatte sie mit ihrem Bogen getauscht. Gilnín und Gaellas hingegen bildeten die erste bescheidene Verteidigungslinie dort, wo sich bereits das Licht vor der Ankunft eines abgrundtief verdorbenen Geschöpfes verkroch.
Varya starrte auf das Geschehen vor ihr und nahm zugleich wahr, wie der winzige Funken in Izak sich anschickte, einen Teil seines Gefängnisses abzuschütteln. Izak selber war sein größter Gegner, doch der andere schien entschlossen, sich den Weg hinaus zu erkämpfen.
„Sie kommt." Gaellas ging in die angespannte Haltung eines Kriegers, der sich auf einen übermächtigen Gegner vorbereitete. Das rechte Bein leicht vorgestellt, den Schwertgriff mit beiden Händen umklammert und die Klinge aufrecht in Höhe seiner linken Schulter. „Zielt auf ihre Augen, Tinnueden, sie hat genug davon."
Es war eine einzige Spinne und auch wenn sie groß war, so gehörte sie doch nicht zu den wirklich riesigen Exemplaren, die der Düsterwald beherbergte, je weiter man nach Süden vordrang. Sie glitt über die tiefen Äste der uralten Linden, die hier ausgeharrt hatten. Mit einem Sprung landete sie dicht vor den beiden Elben. Obwohl ihre Beine leicht eingeknickt waren, überragte ihr Kopf die Verteidiger.
Am liebsten wäre Varya weggerannt. Sie hasste diese Ungetüme. Izak hielt sie jedoch fest. Sie korrigierte sich: nicht der Ork war es, sondern der andere flehte sie auf eine unbewusste Weise an, ihn jetzt nicht zu verlassen. Er war ein Ertrinkender, der nun mit seinen letzten Atemzügen das rettende Ufer vor sich entdeckt hatte.
„Tinnueden!" brüllte Gaellas.
Thranduils Hofdame zögerte nicht lange. Die Distanz war kurz und der Weg des Pfeils entsprechend gerade. Wie an einer Schnur flog das Geschoss über die Lichtung, knapp über die Köpfe der beiden Elben hinweg und bohrte sich in die Stirn der Spinne.
„In die Augen!" Gaellas jaulte fast vor Wut. Dennoch ließ er sich nicht aufhalten. Es war die alte und lebensgefährliche Strategie der Tawarwaith, diesen Monstern zu Leibe zu rücken, zu der er in ihrer verzweifelten Lage griff. Ein einziger Sprung und der Waldelb landete auf dem Rücken des Tieres.
„In die Augen", brummte Tinnueden neben Varya. „Jaja, ich bin doch nicht Legolas."
Sie mochte nicht seine Fähigkeiten haben, doch beim nächsten Pfeil reichte es, die linke Ansammlung kleiner Augen zu treffen. Gilnín bekam sogleich die gesamte Wut der Spinne ab. Ihr großer Kopf senkte sich dem Noldo entgegen, die Kiefer geöffnet, Geifer tropfte daran herunter. Unbeeindruckt packte Erestors einziger Nachkomme seinen Kampfstab am unteren Ende und stieß ihn weit vor. Knirschend landete das andere Ende mitten in dem Teil, der wohl das Gesicht der Spinne sein sollte. Einer der Giftzähne brach splitternd ab.
Warum jetzt? Du hättest eine bessere Wahl von Zeit und Ort treffen können. Varya festigte ihren Griff um Izaks Arm, als könnte sie damit den anderen erreichen. Sie spürte seine wachsende Müdigkeit und zugleich auch Izaks erstarkenden Widerstand.
Ein Aufschrei von Gaellas lenkte sie ab. Der Elb stand gebeugt über dem Kopf der Spinne. Sein Schwert steckte fast bis zum Heft im Nacken der Spinne. Das allein war es jedoch nicht, was den Schrei verursacht hatte. Aus Gaellas' linkem Unterschenkel ragte der Schaft eines grüngolden befiederten Pfeils.
„Entschuldigung", murmelte Tinnueden neben ihr.
Seufzend nahm Varya die Hände von Izak. Sie hatte den fremden Elb verloren. Er war zwar noch da, aber dieses Mal würde es ihm nicht gelingen, sich aus seiner hässlichen Orkhülle zu befreien. Besser, sie sparte sich ihre Kraft auf, Gaellas möglichst schnell von seiner Pfeilwunde zu befreien.
Gilnín, merklich angeschlagen in seinem kämpferischen Selbstbewusstsein, wich den umhertastenden Beinen der fast toten Spinne aus, um Gaellas in Empfang zu nehmen. Mit dem Pfeil im Bein sprang der Elb von ihrem Rücken und brachte sich in Sicherheit, als das Ungetüm einknickte. Wütend schüttelte er Gilnín hilfsbereit ausgestreckte Hände ab und humpelte auf Tinnueden zu. „Wolltet Ihr mich umbringen?"
„Seid nicht albern", herrschte Varya ihn an und stand auf. Das fehlte ihr jetzt noch: eine Streiterei angesichts einer verendenden Spinne, deren Verwandtschaft wahrscheinlich schon auf dem Weg zur Beisetzung war. „Tinnueden, holt sein Schwert."
„Dieses Monster lebt noch…"
„Sofort!" Varya fand, sie hatte Thranduils Tonfall sehr gut getroffen. Tinnueden wohl auch, denn murrend trabte sie auf Ungoliaths widerlich röchelnde Nachfahrin zu. „Um den Pfeil kümmere ich mich später. Er steckt nur im Muskel. Ich würde jetzt gerne hier weg."
Grollend stopfte sich Gaellas ein Stück Trockenobst in den Mund und kaute darauf herum, als ob es sein persönlicher Feind sei. Etwas blässlich mied Gilnín jeden Blick auf den Blutfleck, der sich langsam um die Eintrittsstelle am oberen Rand des Stiefels bildete und konzentrierte sich stattdessen auf Izak. „Ist er tot?"
„Hättet ihr wohl gerne", kam es undeutlich vom Waldboden. Mühsam hob der Ork den Kopf. Halb verrottete Blätter klebten in seinem Gesicht. Über seine Stirn krabbelte ein verstörter kleiner Käfer, den er mit einer unwirschen Geste wegwischte. „Du hast dich mit ihm verbündet, Silberhexe."
„Natürlich." Varya runzelte etwas die Stirn. „Und du lispelst nicht mehr, Ork."
„Da, Euer verdammtes Schwert!" Tinnueden hielt Gaellas mit spitzen Fingern die verschmierte Waffe entgegen. „Es war keine Absicht."
„Unfähigkeit", blaffte Gaellas zurück.
„Wir hätten doch im Palast bleiben sollen", stöhnte Gilnín.
Varya bedachte ihn mit einem düsteren Blick. „Gehen wir weiter. Wir brauchen ein Versteck."
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„Alter Freund…" Gandalf suchte nach Worten des Trostes und ihm wären auch sicher einige eingefallen, hätte er genug Zeit gehabt, doch Elronds Kopf fuhr herum und der Blick aus den sturmgrauen Augen war eindeutig eine Warnung mit dem Inhalt, dass auch Maiar körperlichen Schmerz empfinden könnten, wenn sie denn einen Körper besaßen. Da Gandalf seine stoffliche Existenz sehr mochte und sie auch noch eine ganze Weile beibehalten wollte, schwieg er lieber.
„Ich hätte zu gerne etwas Ruhe", knirschte der üblicherweise so besonnene Halbelb.
Gandalf nickte und nahm seinen Stab, der noch immer herrlich glänzend seit seinem Aufenthalt auf der ‚Sonnenblume' auf dem schmalen Tisch in Elronds Zelt lag.
„Es ist schon ganz erstaunlich." Elrond schenkte sich etwas Wein ein.
Gandalf sah leicht irritiert zum Zelteingang. Wollte Elrond nun allein sein oder nicht?
„Entweder ist mir die Gabe verloren gegangen, hinter die Masken anderer zu sehen oder ich bin tatsächlich von einem Haufen fröhlicher Selbstmörder umgeben", knurrte Elrond zwischen zwei Schlucken Wein.
Gandalf machte einen unauffälligen Schritt zum Ausgang. „Wieso?"
Wieder einer dieser Sturmblicke. Elronds Stimmung war eindeutig auf einem Tiefpunkt. „Mir scheint, ich bin der einzige, der ernstliche Zweifel am Ausgang unseres Feldzuges hat."
„Bislang ging es doch gut." Von Glorfindels Nase abgesehen, ergänzte Gandalf im Stillen, wollte Elronds gerade sehr angegriffenen Sinn für Humor jedoch nicht überanstrengen.
„Ähnliches würde ein Mann sagen, der in eine tiefe Schlucht stürzt und auf halbem Wege gefragt wird, wie es ihm denn wohl geht."
„Alles wird sich finden."
„Oh, erspar mir diese Durchhalteparolen!" knurrte der Herr von Imladris. „Wir haben einen großen Teil unserer Streitmacht wegen einer geradezu lächerlichen, uralten Fehde verloren. Sauron wird es bereits wissen. Seit Tagen kreisen ganze Schwärme seiner Krähen über unserem Lager. Wenn wir den Waldrand erreichen, wird er seine Schergen schon längst zusammengerufen haben. Wir sollten das ganze Unternehmen abbrechen."
„Du hast doch wohl nicht ernstlich angenommen, wir könnten uns unbemerkt nähern."
„Natürlich nicht. Aber ich lebte in der nun offenbar trügerischen Hoffnung, ein Heer beeindruckender Stärke zum Amon Lanc zu führen."
„Das ist es immer noch", widersprach Gandalf und meinte es auch so.
„Nicht so beeindruckend wie vor einigen Tagen." Elrond drückte mit Zeigefinger und Daumen auf seine Nasenwurzel. Er wirkte so düster und mutlos, wie Gandalf ihn noch nie erlebt hatte. „Nun gut, es ist müßig, über vergangene Dummheiten zu lamentieren. Vielleicht verführt den Dunklen Herrscher ja auch unsere Schwäche zu einem Angriff noch vor der Waldgrenze."
Gandalf verbiss sich die Worte, die sein Herz ihm eingab. „Möglich ist es, sogar sehr wahrscheinlich. Du wirst für jede Situation die passende Strategie finden."
„Ich sollte damit anfangen, Celeborn zu knebeln und zu fesseln. Wer weiß, wen er noch alles vergrault."
Gandalf nutzte die günstige Gelegenheit, sich endgültig zu verabschieden. Vor dem Zelt atmete er tief durch und schrak sofort zusammen, als sich in seiner Nähe jemand räusperte. „Orophin, was schleicht Ihr hier herum?"
„Verzeiht", sagte der Galadhel, der nur wenige Schritte entfernt gestanden hatte und deutete eine leichte Verbeugung an. „Es lag keinesfalls in meiner Absicht, Euch zu erschrecken."
„Erschrecken?" Gandalf zog drohend die Augenbrauen zusammen.
„Oder Euch in Euren sicherlich höchst bedeutsamen Überlegungen zu stören."
„Schon besser."
„Denen ich Euch auch von ganzem Herzen weiter überlassen würde, doch Lord Celeborn trug mir auf, Euch in sein bescheidenes Zelt zu bitten, da eine doch bedenkliche Neuigkeit ihn erreichte."
Bei genauer Betrachtung wand sich Haldirs Bruder ebenso wie seine Worte. Gandalf unterdrückte einen Seufzer. Man musste kein Maia sein, um nahendes Unheil zu erahnen. Energisch stapfte er los. Es war nur wenig hilfreich, sich dem Ärger durch Flucht oder Verzögerung zu entziehen. Außerdem war es recht anstrengend, sich in Elronds Nähe aufzuhalten. Es musste an Vilya liegen, dass Elronds schlechte Stimmung für diejenigen, die über eine größere Wahrnehmung verfügten, wie ein Leuchtfeuer über ihm hing. Es sollte Gandalf nicht verwundern, wenn selbst der Dunkle Herrscher die Ausläufer davon bereits spüren konnte.
Die Stimmung im Lager war zwar nicht so extrem wie die Elronds, aber es fehlte die übliche Gelassenheit, die die Erstgeborenen an den Tag legten, je näher ihnen ein Kampf auf Leben und Tod bevorstand. Die Krieger waren bedrückt von den Geschehnissen der letzten Tage. Einen Verbündeten im Zorn ziehen zu sehen war ihnen neu und nicht wenige trugen sich sicher mit dem Gedanken, dass nun wohl der Moment gekommen war, diesen Feldzug wenigstens solange zu verschieben, bis eine neue Strategie bestand. Niemand sagte natürlich etwas und sie würden voller Herz und Mut in die erste Schlacht gehen, aber Gedanken waren eben frei. Am angespanntesten war die Stimmung dort, wo Forlos und seine Krieger ihr Lager hatten. Gut einhundert Krieger hatte Thranduils Hauptmann unter seinem Kommando. Sie waren kurz nach Thranduils Abmarsch unter Forlos' Führung wieder aufgetaucht, allesamt Reiter und viele von ihnen direkt aus der Palastgarde. Gandalfs hochempfindliche Sinne krümmten sich unter der Düsterkeit und grimmigen Entschlossenheit, die von ihnen ausging. Den Kriegern war eine schwere Bürde auferlegt worden.
Nicht gewillt, sich zu sehr niederdrücken zu lassen, machte Gandalf einen leichten Bogen um diesen Teil des Lagers. Celeborns Zelt wurde seit dem Streit mit Thranduil nicht mehr in der Nähe der Bruchtaler aufgebaut. Elrond hatte es wortlos zur Kenntnis genommen und Gandalf vermutete im Stillen, dass er sogar dankbar dafür war. Wenn es so weiterging, würde der besonnene Halbelb sonst noch losziehen und seinem Schwiegervater an die Kehle springen. Es war unbewacht. Wie sich beim Eintreten herausstellte, lag das nur daran, dass die eigentlichen Wachen dieses Abends sich im Innern befanden.
Celeborn marschierte gerade vor Rúmil und Leiloss auf und ab. Der letzte Fetzen von großer Gelassenheit, die schon mehr als einen Beobachter über sein wahres Naturell getäuscht hatte, schien sich bereits vor einiger Zeit verabschiedet zu haben. Er war nicht der einzige, dem es offenbar gründlich die gute Laune verhagelt hatte. Im Hintergrund standen Haldir und Forlos Schulter an Schulter, die Arme vor der Brust verschränkt und die Mienen so eisig, als hätten sie die letzten Jahrhunderte in einem Gletscher verbracht und wären noch nicht völlig wieder aufgetaut.
Was Gandalf aber am meisten beunruhigte, war Glorfindel. Wenn der Vanya so kurz vor einer Schlacht schlechte Laune hatte, war das ein sehr bedenkliches Zeichen. Es bedeutete entweder, dass es überraschend erfolgreiche Friedensverhandlungen gegeben hatte – und davon hatte Gandalf nichts bemerkt – oder ein Problem war aufgetaucht, das ihn in seiner Konzentration auf den kommenden Kampf störte.
„Elbinnen!" herrschte Celeborn niemanden bestimmtes an. „Man sollte sie alle auf einem großen Schiff nach Valinor schicken, damit sie hier kein Unheil stiften können."
Dazu hatte Galadriel sicher eine leicht abweichende Meinung. „Was ist passiert?"
Die Antwort war ein Knurren und eine Abfolge kaum verständlicher Mutmaßungen darüber, warum Elbinnen gar nicht wirklich zu den Erstgeborenen gehören konnten, da sie völlig anders dachten als ein normaler Elb.
„Celeborn!" fauchte Glorfindel schließlich. „Das bringt uns überhaupt nicht weiter."
„Ich kann wirklich nichts dafür", piepste Leiloss zittrig. „Und es kann doch sein, dass ich mich irre."
Haldir schüttelte den Kopf. „Nein, wohl nicht. So wie ich Arwen einschätze, wäre es genau ihr Stil."
„Das hat sie nicht von meiner Blutlinie", schnaubte Celeborn anklagend in Gandalfs Richtung. „Das muss von Melian kommen."
„Maedcam ist mit Sicherheit nicht auf diesen Gedanken gekommen", ließ sich Forlos zu einer Äußerung hinreißen. „Dafür ist sie viel zu liebenswürdig."
„Träumer", kam es von Glorfindel. „Sie hat angenommen, dass Ihr auf dem Rückweg in den Düsterwald seid. Und da wir sie alle so angespornt haben, wollte sie eben bei Euch sein."
„Dann hättet Ihr Euch eben raushalten sollen."
„Irgendjemand musste dem armen Mädchen doch Hoffnungen machen, so ungeschickt wie Ihr Euch angestellt habt."
„Ich hatte meine Gründe. – Und Hoffnungen habt Ihr ihr schon gar nicht zu machen."
„Unterstellt mir nicht, mich an der Gefährtin eines anderen zu vergreifen."
„Sie ist nicht meine Gefährtin."
„Dann wird es aber Zeit. Diese Elbin stolpert inmitten eines Haufens Krieger durch den Düsterwald, um Euch zu überzeugen."
„Herr", machte sich Rúmil bemerkbar. „Wenn ich es recht bedenke, hat das Unheil aber schon früher begonnen. Leiloss ist sich fast sicher, Elronds Tochter schon vor dem Streit zwischen…"
Kein Wunder, dass der Galadhel hastig verstummte. So ziemlich jeder sah ihn böse an, ausgenommen vielleicht Gandalf, der eine dunkle Ahnung hatte, weshalb man ihn hergebeten hatte. „Kann es sein, dass Arwen Undomiel und Maedcam sich unter den Waldelben befanden?" erkundigte er sich mit einem letzten Anflug von Hoffnung, dass er nur etwas falsch verstanden hatte.
„Unsere Ithildrim hier", Celeborn deutete mit ausgestrecktem Arm auf die leichenblasse Leiloss und man merkte ihm an, dass er statt seines Zeigefingers lieber ein Schwert in der Hand gehabt hätte, „weiß seit einiger Zeit, dass sich meine unternehmungslustige Enkelin und Galadriels völlig liebestrunkene Schneiderin als Tawarwaith verkleidet und unter Thranduils Krieger gemischt haben."
„Ich war mir nicht sicher", wandte Leiloss ein. Mutig waren die Ithildrim wirklich. Gandalf lächelte unwillkürlich. „Es war mehr so eine Vermutung, als ich die beiden kurz gesehen habe. Sie wirkten nicht wie die anderen Krieger. Ich hätte sie ja angesprochen, aber dann ging alles so schnell und Thranduil war weg."
„Aber jetzt seid Ihr Euch doch sicher?" fragte Glorfindel drohend.
„Rúmil meinte, ich müsse es sagen", lenkte Leiloss recht geschickt die Aufmerksamkeit auf Haldirs jüngsten Bruder.
„Sie hat es mir eben erst erzählt", verteidigte der sich hastig.
„Arwen wollte wohl Maedcam helfen", überlegte Haldir.
„Und Maedcam ging es nur um Forlos", nickte Rúmil.
„Ich hatte sie gebeten, am Anduin zu bleiben", brummte der Hauptmann. „Sie hat es mir versprochen."
„Und Ihr habt ihr natürlich geglaubt." Glorfindel schüttelte den Kopf.
„Ich hatte keinen Grund, es nicht zu tun."
„Sie ist mit Arwen befreundet. Mehr Gründe braucht es nicht."
Gandalf räusperte sich. Beim dritten Mal hatte er endlich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller. „Wenn ich es richtig sehe, haben wir demnach gleich ein doppeltes Problem."
„Arwen und Maedcam", nickte Glorfindel.
„Bei Euch wundert es mich gar nicht, dass Ihr nur an Weiberröcke denkt", blaffte Gandalf ihn an.
„Elrond", stellte Celeborn richtig und seufzte tief. „Wenn wir ihm sagen, dass seine Tochter sich bei Thranduil befindet, hat das verheerende Folgen. Er wird sich kaum auf die vor ihm liegende Aufgabe konzentrieren können."
„Dann sagt es ihm doch nicht." Leiloss zuckte unbekümmert die Achseln. „Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß, würden die Menschen sagen. Sehr schönes Sprichwort."
„Leiloss", warnte Haldir leise.
„Sie hat recht", sagte Gandalf und zwinkerte der Ithildrim kurz zu. „Damit ist niemandem gedient. Elrond hat schon genug Grund, uns allen für immer die Freundschaft aufzukündigen. Arwens Ausflug zu verschweigen, dürfte die Lage nicht mehr verschlimmern. In der Zwischenzeit muss jemand zu Thranduil und ihm von seinen ungebetenen Gästen berichten."
Forlos machte einen halben Schritt vor, erkannte aber wohl selbst, dass es zwar eine verständliche Geste war, aber völlig abwegig. „Könntet Ihr nicht einen Boten schicken, Lord Glorfindel?"
„Sicher", nickte der Vanya. „Wir brauchen eine genaue Wegbeschreibung."
Celeborn winkte ab. „Wir brauchen einen Waldelben."
„Ich gehe."
Gandalf hatte Orophin ganz vergessen, weil der sich bislang völlig ruhig hinter ihm gehalten hatte. Dieser Vorschlag war sicherlich gut, doch zu seiner Überraschung schüttelte Haldir hastig den Kopf. „Nein, besser nicht. Du würdest ihm nur eine Horde Orks auf den Hals hetzen."
„Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass selbst du, mein Bruder, an diese abwegigen Gerüchte glauben könntest", empörte sich Orophin.
„Ich kann sie sehr gut nachzuvollziehen", murmelte Glorfindel und griff an seine Nase.
„Nein, Ihr nicht", befand auch Celeborn und runzelte leicht die Stirn. Dann machte er einen Schritt auf die Auslöserin dieses Kriegsrates zu und baute sich vor ihr auf. Sie sahen sich verblüffend ähnlich, Celeborns Haare waren fast so silbrig wie die ihren und der bemerkenswerteste Unterschied bestand wohl darin, dass der Sindar-Herrscher sie um mehr als Haupteslänge überragte. Leiloss wirkte sehr klein, sehr eingeschüchtert und sehr fluchtbereit. „Ihr geht und Rúmil begleitet Euch. Thranduil hat eindeutig eine Schwäche für Euer Volk. Vielleicht bekommt er bei Euch nicht sofort einen Tobsuchtsanfall, wenn er die wundervolle Neuigkeit hört, dass sich Elronds einzige Tochter unter seinen Kriegern befindet."
Man musste so jung sein wie Leiloss, um sich über eine derartige Mission zu freuen. Für sie bedeutete es eine großartige Verantwortung, während die älteren Elben eher schmerzlich auf diese Entscheidung reagierten. Gandalf beneidete die junge Elbin um ihren Enthusiasmus und bedauerte sie, weil sie ihn irgendwann verlieren würde. Aber bis dahin würde es wohl noch eine Weile dauern. Zunächst stob sie aus dem Zelt und kurz darauf begab sich die ganze Verschwörergruppe hinter ihr her um dabei zu sein, als ein unbehaglich dreinschauender Rúmil und eine tatendurstige Ithildrim sich auf Pferden an die Verfolgung der Tawarwaith machten.
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„Elladan hat einen Plan", raunte Elrohir.
Mit einem plötzlichen Gefühl von Übelkeit steckte Aragorn den Schleifstein weg, schob sein Schwert in die Scheide und sah sich gehetzt um. Zu seiner Beunruhigung war Elronds Erbe nirgendwo zu entdecken. Das Lager der Balchoth war verlassen. Kaum eine Stunde zuvor, als der Kampf mit Bednars doch ungeplantem Dahinscheiden geendet hatte, waren die Wagenfahrer blitzschnell unter Zurücklassung fast ihrer gesamten Habe verschwunden. Bednars Leichnam hatten sie zwar mitgenommen, die meisten anderen jedoch zurückgelassen. Schon kreisten die ersten Aasfresser über der Ansammlung von Zelten. „Ich dachte, wir warten, bis Emi sich erholt hat und machen uns dann auf den Rückweg?"
„Und lassen Erestor alleine hinter Marsden herjagen?" Elrohir schüttelte den Kopf. Ausnahmsweise schien er seinem Zwilling zuzustimmen. „Außerdem schätze ich, dass diese Wilden nur Verstärkung holen. Hier sind wir jedenfalls nicht sicher."
„Aber mitten in einem von Elladans Plänen sind wir das?" erkundigte sich Aragorn spöttisch. „Seit wann funktionieren seine wahnwitzigen Ideen?"
„Wir können Erestor nicht alleine ziehen lassen. Das wäre zu gefährlich."
Zwischen zwei Zelten tauchte die schwarze Erscheinung von Bruchtals Seneschall auf. „Sicher, er ist ziemlich hilflos, wenn ich ihn mir so genau ansehe. Elrohir, das Letzte, was Erestor braucht auf dieser Welt, ist unser Schutz. Außerdem glaube ich kaum, dass er uns dabeihaben will."
„Was will er denn machen?" war Elrohirs selbstbewusste Gegenfrage.
Da fielen Aragorn auf Anhieb eine Menge unangenehmer Dinge ein. Ein Blick auf die kalte Entschlossenheit in Erestors Obsidianaugen erweiterte das Angebot noch einmal. Erestor war entschlossen, den Sterblichen zur Strecke zu bringen und nach Aragorns bescheidener Meinung sollte man sich ihm dabei nicht in den Weg stellen.
Das Objekt ihrer Überlegungen blieb einige Schritte vor ihnen stehen, musterte sie einen Moment unergründlich und deutete dann auf Bednars Zelt. „Wie weit ist Galen?"
Wie auf Stichwort kam der Ithildrim aus dem Schatten des Zeltinneren. Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen. „Halb so schlimm", erklärte er und machte eine beruhigende Geste mit völlig blutverschmierten Händen. „Das war sicher kein gezielter Hieb. Der Balchoth muss sie erwischt haben, als er auf sie gefallen ist. Ich habe die Wunde geschlossen."
„Mit Mordor-Paste?" erkundigte sich Elrohir interessiert.
Galen nickte nur und bemerkte irritiert seine blutigen Hände. Suchend blickte er sich um und steckte sie schließlich in einen Weinkrug. Als er sie wieder herauszog, war aus blutrot weinrot geworden, aber das schien ihn nicht weiter zu stören. Er roch prüfend an seinen Fingern und Aragorn hätte sich nicht gewundert, wenn er die Tropfen an den Fingerspitzen abgeleckt hätte. Galen war da recht unempfindlich und hasste Verschwendung.
„Und warum hat sie dann nicht geschrieen?" bohrte Elrohir weiter.
„Sie war bewusstlos", vermutete Aragorn.
„Ist das so wichtig?" fragte Erestor mit hochgezogenen Brauen.
„Du kennst diese Paste nicht", sagte Elrohir düster.
„Gerüchte", wehrte Galen ab. Er wedelte doch lieber mit den Händen, um sie zu trocknen. „Man kann sie völlig schmerzfrei auftragen, wenn man es richtig macht."
„Ah", machte Aragorn nachdenklich.
Ein Rumpeln und Scheppern vom anderen Ende des Zeltlagers beendete die Spekulationen über den Einsatz der Mordor-Paste. Wachsam drehten sich alle in diese Richtung. Zwischen zwei Zelten trottete ein Pferd heran. Aragorn nahm jedenfalls an, dass es ein Pferd war, denn es war reichlich behängt mit Bändern, Schnüren und ausgefranselten Stofffetzen. Dazu kam ein leuchtend rotes Kummet, an dem silberne Plättchen hingen, die im Sonnenlicht wie verrückt glitzerten. Unter diesen ganzen Verzierungen musste sich ein plumpes, aber sehr kräftiges Tier verbergen mit einem wahrhaft friedfertigen Gemüt, denn sonst hätte es den ganzen Zierrat bereits abgeworfen und sich davon gemacht.
„Ist das Elladan?" erkundigte sich Galen kritisch.
„Nein, ich denke, das ist ein Pferd", antwortete Aragorn verwirrt und erhielt sofort einen Rippenstoß von Elrohir. „Was denn?"
„Er meint die Gestalt hinter dem Tier."
„Jetzt, wo du es sagst…"
Die Gestalt saß in einem nicht minder verzierten, zweirädrigen Wagen mit einer halbrunden Zeltplane darüber. Das Holz des Gefährtes war in Himmelblau angemalt und mit unzähligen Verzierungen meist recht dubioser, aber immer bunter Herkunft geschmückt. Die Plane selber war gestreift und zwar wie ein dünn geratener Regenbogen, der sich ständig wiederholte. In dem ganzen bunten Durcheinander war nur mit einiger Mühe der Kutscher zu erkennen. Er hockte auf einem einfachen Querbrett und winkte fröhlich. Wenn nicht die unzweifelhaft edlen Elbenzüge und die dunklen Haare auszumachen gewesen wären, hätte Aragorn ihn für alles Mögliche gehalten, nur nicht für Elladan. Er hatte keine Ahnung, woher sein Ziehbruder seine ebenfalls gestreifte Kutte hatte, aber sie verbarg so ziemlich alles von ihm. Hinter seiner Schulter tauchte plötzlich eine zweite, hysterisch bunte Gestalt auf und winkte kaum weniger gutgelaunt als Elronds Erbe.
„Hestia?" Galen klang zweifelnd. „Könnte das Hestia sein?"
„Wer sonst?" sagte Erestor überraschend milde. „Solange ihr Verstand verwirrt ist, passt sie perfekt zu ihm. Also gut, das Gefährt ist ausnahmsweise ein vielversprechender Einfall von Elladan. Damit dürftet Ihr Emi leicht zurück nach Azula bringen können."
Aragorn warf dem Seneschall einen verstohlenen Blick zu. Irgendwie beschlich ihn das Gefühl, dass Erestor hier etwas gründlich missverstanden hatte. Die Art, wie Elrohir seine Fingernägel betrachtete und sofort sein Jagdmesser zückte, um einen blutigen Rand unter einem davon zu entfernen, sprach Bände.
Gemächlich trottete das Balchoth-Pferd heran und brachte seine stämmigen Massen vor Bednars Zelt unter enthusiastischem Zungenschnalzen Elladans zum Stehen. Es warf einen trüben Blick auf die Wartenden und kaute dann lautstark auf seinem Geschirr herum. Elladan band die Zügel an einem Haken neben seinem Sitz fest, als würde er einen wilden Hengst bändigen müssen statt eines halb eingeschlafenen Pferdes mit dem Gemüt einer Hobbit-Kuh und erhob sich theatralisch mit ausgebreiteten Armen. „Ist das genial?"
„Es ist ein Pferdewagen", befand Galen unbeeindruckt.
„Was nahe liegt, da wir hier bei Wagenfahrern sind", ergänzte Elrohir boshaft. „Mich wundert nur, dass sie ihn nicht mitgenommen haben."
„War wohl zu langsam für die Flucht", hieb Aragorn in die gleiche Kerbe. „Aber davon abgesehen ist es schon genial."
Einmal in Fahrt konnte man Elladan noch nie durch solche Äußerungen aufhalten. Er ignorierte sie einfach, sprang leichtfüßig vom Kutschbock und stolzierte dann wie ein Pfau auf sie zu. „Eine bessere Tarnung gibt es nicht. Egal, wie nah wir dem Amon Lanc kommen, wir geben uns einfach als Balchoth aus, die ein paar Elben verschachern wollen. Und Emi müssen wir auch nicht zurücklassen."
Auch ohne über die Schulter zu blicken wusste Aragorn, dass Erestor stocksteif dastand. Man erahnte es aus seinen nächsten Worten. „Du denkst also, wir werden mit diesem Gefährt alle zusammen weiterreisen?"
„Aber sicherlich", grinste Elladan. „Du alleine wärst viel zu auffällig."
„Natürlich, wie konnte ich das nicht bedenken." Es gab Dolche, die weniger scharf waren als dieser Tonfall. „Deswegen hänge ich mir also dieses bunte Etwas an die Hacken, noch dazu eine verletzte Wahrsagerin und marschiere dann in Begleitung von Elronds Erben, Rhûnars bestem Heiler und einem Dúnadan mit Aussichten auf eine Krone in Saurons Festung."
„Bah, so weit werden wir nicht kommen", machte Elladan mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Wir holen Marsden vorher ein."
„Damit?"
„Womit sonst?"
„Mit meinem Pferd und nur damit. Ihr macht Euch auf den Rückweg."
„Nein."
„Wie bitte?"
Aragorn zog den Kopf zwischen die Schultern. Elrohir seufzte leicht, begab sich dann aber voller brüderlicher Pflichterfüllung neben seinen Bruder. „Er hat Recht, Erestor", begann er ruhig. „Auch wenn ich es ungern zugebe, aber du fällst als einzelner Reiter mehr auf als ein kleiner Tross der Wagenfahrer. Die Festung macht ohnehin Geschäfte mit ihnen. Wer weiß, wie weit du Marsden verfolgen musst."
Vorsichtig wagte Aragorn einen Blick auf den Elben, der mehr einer Schattengestalt als einem Lichtwesen entsprach, als es Manwe selber lieb war. Die Züge des Seneschalls waren wie aus Marmor gemeißelt, perfekt aber eindeutig versteinert. Er merkte es wohl selber nicht, aber seine Hände ruhten auf dem Griff seines Schwertes und das ganze wirkte recht bedrohlich. Und er schwieg, was noch bedrohlicher war.
„Tja", machte Galen und wippte etwas auf den Fußballen. „Ich kümmere mich dann mal darum, dass Emi in den Wagen kommt. Könnte mir jemand dabei helfen? Estel? Hestia!"
Stimmungen waren gelegentlich ganz interessant und immer überaus beredt. Zurzeit signalisierten sie sehr deutlich, dass Ärger im Anzug war. Aragorn hätte zwar noch gerne weiter zugehört, aber die Gefahr, zwischen die Kontrahenten zu geraten, war ihm dann doch zu groß. Das sollten die Erstgeborenen unter sich ausmachen. Hestia, naiv, aber nicht schwachsinnig, musste ähnlich empfinden, denn sie schoss noch an Aragorn vorbei und schien nichts Wichtigeres auf der Welt zu kennen, als Galen zur Hand zu gehen.
Sie brauchten nicht lange, um die schlafende Wahrsagerin, die Galen fast bis zur Nasenspitze in Decken gepackt hatte, marschbereit zu machen. Aragorn hob sie auf die Arme, wunderte sich, wie leicht sie trotz der zahllosen Kleiderschichten war und trug sie dann hinaus, nachdem Hestia wie eine Diebin in der Nacht am Zelteingang Wache gestanden hatte und ihm zuwinkte.
Elladan saß bereits wieder auf dem Wagen, nur Elrohir wartete noch vor dem Zelt.
„Geht Erestor doch alleine?" erkundigte sich Galen neugierig.
Elrohir zeigte ein schmales Lächeln. „Er holt unsere Pferde. Wir konnten ihn überzeugen, dass unsere Hilfe nicht zu unterschätzen ist."
Aragorn blieb stehen und starrte ihn an. „Wie das denn?"
„Frag nicht", war die Antwort. „Du willst gar nicht wissen, wie man mit ihm verhandelt."
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Shelley: Hey, ich hab dich auch vermisst. Besonders auf der con, wenn ich das nochmal bemerken darf. Aber dieses Jahr bist du doch wieder dabei? Ich würde mir gerne mal wieder mit Met einen hinter die Binde gießen. + Also der Fluss wurde kurzerhand im Wege künstlerischer Freiheit umgeleitet. Zumindest der Seitenarm. Ansonsten lass ich es ja auch beim normalen Waldfluss, auf dem Thranduil mit seiner königlichen Barke rumschippert. Es passte so schön und richtig weiß ja keiner, ob der Palast nicht noch einen zweiten Zufluss hat. Dem alten Oropher und seinem Sohn wäre das doch zuzutrauen.
Legenda: jepp, sie schreibt wieder. Auch wenn sich alles gegen mich zu verschwören scheint und ich red nicht nur von dem totalen Serverausfall über mehrere Stunden, den ich heute morgen genießen durfte. Varya im Wald ist doch was Nettes, oder? Die erste Spinne ist schon hin. Jetzt schau ich mal, was da sonst noch so im Angebot ist. Der ein oder andere wilde Eber oder doch ein paar Fledermäuse grabe ich schon noch aus. Dann kann Thranduil nicht so sauer sein, wenn er sie wieder hat, sondern muss sich freuen, dass ihr nicht mehr passiert ist. Und Elrond wird das auch noch alles überstehen. Vielleicht solltest du ihm etwas Schokolade übrig lassen. Verdammt, da fällt mir wieder diese Story ein, die ich vor Urzeiten gelesen hab. Die Elben wurden ganz wuschig, wenn sie Schokolade bekamen. Und ich find die Story einfach nicht mehr.
Lia: Nein, Lia, du solltest gar nicht aufhören. Ich hatte sofort diese herrliche Familie vor Augen. Das gibt neues Leben in Bruchtal und Emi wäre ganz gut für Sulhin. Die wüsste schon, wie sie sie zum Schweigen bringt (im netten Sinne natürlich). Gilnín hat wirklich ein wenig mit sich zu kämpfen. Eigentlich wollte er nur seine Ruhe haben, aber keiner lässt ihn. Vorausgesetzt, ich bekomme alle heil wieder nach Bruchtal zurück. Was ich allerdings weiß, dass Thranduil nicht mehr umkehren wird. Elrond muss alleine in die Schlacht. Tja, mal sehen, ob Celeborn es wieder gut macht.
frenze+lach+ eine Brille mit Gläsern wie Packeis? Den kannte ich noch nicht, aber er ist gut. Muss ich mir unbedingt merken. Celebrumm merk ich mir auch, der ist sogar noch besser. War mir klar, dass wir uns nicht mit Theorie aufhalten, sondern du es sofort am lebenden Objekt ausprobieren willst. Andererseits ist Glorfindel ja immer zu haben, wenn es um solche Experimente geht. So, jetzt mach ich einfach mal weiter. Irgendwie ertrag ich es nämlich auch nicht, eine halbfertige Story hier zu haben.
Kaya Unazuki: Danke für die Decke und den Teddy, das hilft. Eindeutig. Und ja, du hast Recht mit dem Fluss. Ich hab ihn mal eben lecker umgeleitet in einen Nebeneingang des Palastes. +hüstel+ künstlerische Freiheit sozusagen. War aber wirklich nur eine ganz winzige Umleitung. Ich hab eine ganze Weile über der Karte gebrütet und mir dann so gedacht, dass eine kleine Abzweigung ja wohl nicht schaden kann. Wie hätte ich sie auch sonst auf den glibberigen Sims gekriegt? Schwimmen kann ja sogar Maedcam.
feanen: hach, der Düsterwald ist so groß. Theoretisch könnten die beiden jahrelang aneinander vorbeirennen und würden sich nicht finden. Und wenn er alleine in den Palast kommt, müssten die sich da eigentlich schon wieder beruhigt haben. Hoffe ich, ich wollte doch so eine Szene mit Katzenjammer schreiben. +überleg+
Annchen: Ich hör nicht auf, ich bin nur langsam geworden. Irgendwie fehlt mir ein netter Stärkungstrank von Elrond. Noch besser wäre ein netter Stärkungselb so wie Haldir, der gute Junge. Aber nee, kommt ja keiner vorbei. Muss ich sie immer selber schön schreiben. Und das Wort-das-nicht-genannt-werden-darf hab ich schon vergessen. Ehrlich. Dafür hab ich deine höchstinteressante Theorie zu Thranduil gelesen. Das würde aber bedeuten, dass er mit Celeborn unter einer Decke steckt, nicht wahr? Verstehen die sich schon so gut? Mal sehen, was Thranduil noch so alles treibt. Ich sollte schon mal einen geeigneten Busch suchen, hinter dem ich ihn und ein paar hundert Elben versteckt kriege. Und ich hab die Addy eingegeben. Aragorn, der alte Schlawiner. Aber die Kommentare darunter waren auch nicht von schlechten Eltern. Ich häng ja noch immer an dem Bild für Lucy aus der MarySue. Meinst du, die Künstlerin würde es mir für meine Homepage ausleihen?
