Kapitel 21

Als Severus Snape erwachte, genügte ihm ein einziger Blick, um sich zu orientieren.
Er war wieder auf der Krankenstation von Hogwarts.
Seine letzten Erinnerungen waren unscharf. Er sah Hermines besorgtes Gesicht über sich. Er erinnerte sich, dass Bill Weasley mit ihm nach Hogsmead apperiert war und sie dort bereits von einem Hauself erwartet worden waren.
Dann lag alles im Nebel.
Irgendwie war er hier her gekommen, er glaubte sogar noch gesprochen und auf Fragen geantwortet zu haben, aber was und zu wem war ihm unmöglich zu sagen.
Er hörte eilige Schritte und Poppy trat in sein Sichtfeld. Sie schien besorgt und berichtete, was geschehen war.
Zwar hatte sich die Heilerin an seinen Wunsch ihn keinesfalls ins St. Mungo zu verlegen, gehalten, aber sie war ratlos, besorgt und hilflos genug gewesen, um einen Kollegen aus dem Krankenhaus nach Hogwarts zu bitten.
Einen ihrer alten Schulfreunde, den sie - wie sie Snape erst jetzt erzählte - auch schon nach der Schlacht zur Behandlung des Schlangenbisses hinzugezogen hatte.
Er war spezialisiert auf schwere magische Verletzungen durch Gifte, Banne und verfluchte Gegenstände.
Es war auch dieser Heiler, den sie nun unmittelbar nach Snapes Erwachen erneut ins Schloss rief, ohne dass sie selbst Aussagen über seinen Zustand traf.
Poppys ernste Miene, ihr Unwille ihm ihre Sorgen zu erklären, ihr Vertrösten auf das Erscheinen des Heilers, hatten im Professor sämtliche Alarmglocken schrillen lassen. Es musste ernst um ihn stehen. Sehr ernst.
Der Heiler ließ nicht lange auf sich warten.
Sein Gesicht wirkte offen. Hätte Poppy nicht gesagt, er sei ein Schulfreund gewesen, hätte Snape ihn auf Mitte 40 geschätzt, so wusste er aber, dass er sicher zehn Jahre älter war. Er wirkte etwas gedrungen, vor allem wohl wegen seiner sehr breiten Schultern. Snape hätte ihn wohl eher für einen Mann fürs grobe gehalten, als für einen Mediziner. Seine Haare waren kurz und blondgelockt. Im völligen Kontrast dazu standen seine braunen Augen.
Nachdem er sich als Adrian Bergstrom vorgestellt und selbst noch einmal sein Fachgebiet genannt hatte, fragte er

"Wie fühlen Sie sich, Professor Snape?"

Die Antwort fiel leicht, denn da war nur ein Gefühl, welches klar vorherrschte.

"Müde."

Der Medimagier nickte.

"Haben Sie eine Ahnung, wie lange Sie geschlafen haben?"

Snape schaute aus dem Fenster. Dem Stand der Sonne nach, war es später Nachmittag.

"Mehr als einen Tag, würde ich sagen."

"Es waren vier Tage, Professor."

Severus Snape schluckte.

"Miss Granger hat mir berichtet, dass die Anwendung von Magie und Ihre sonstige Konstitution laut ihrer Beobachtung in einem engen Zusammenhang standen. Es ging Ihnen trotz körperlicher Anstrengung besser, als Sie gänzlich auf Magie verzichtet haben. Ist das richtig?"

Der Tränkemeister beantwortete die Frage kritisch.

"Es ging mir schon schlecht, als ich diese Krankenstation verlassen habe. Also lange vor dem ersten Zauber. Aber ja, später habe ich bewusst auf Magie verzichtet."

Heiler Bergstrom neigte den Kopf.

"Ihnen als Meister der Zaubertränke brauche ich die Wirkungsweise einer Heilsalbe oder eines Heiltrankes wohl kaum erklären, oder?"

Snape schüttelte den Kopf.
Natürlich nicht. Magische Bestandteile konnten einen jeden Menschen heilen, sie wirkten bei Hexen und Zauberern aber deutlich schneller und besser, weil die eigenen magischen Kräfte gestärkt wurden und diese so selbst zur Heilung beitrugen.
Wieder musste er schlucken und Bergstrom folgerte richtig.

"So passt auch der Aufenthalt auf der Krankenstation ins Gesamtbild, nicht wahr? Ihre Genesung, die ab einem gewissen Punkt stagnierte, ihr schwacher Allgemeinzustand, trotz medizinischer Versorgung..."

"Ja."

War sie schlichte Antwort und nur wer den Tränkemeister kannte, hörte nun Anspannung aus seiner Stimme.

"Professor Snape, ich habe eine Theorie zu Ihrem Zustand entworfen. Ob sie auch tatsächlich zutreffend ist, werden wir wohl erst mit der Zeit erfahren."

Und so erklärte der Heiler seine Annahme.
Er erzählte von den Bisswunden Arthur Weasleys, zugefügt von Nagini in der Mysteriumsabteilung.
Bergstrom war der leitende Heiler gewesen und berichtete davon, dass sie sich magisch nicht hatten heilen lassen, dass es tatsächlich sogar so gewesen war, dass die Wunde erst wirklich verheilte, als man ihr die Zeit dazu gegeben und gänzlich auf Medikation verzichtet hatte. Auf Snapes zweifelnden Blick gab der Heiler zu, dass das bei ihm der Fall etwas anders gelagert sei, die Wunde an sich sah gut aus.
Was aber gleich war, war die scheinbare Wirkung des Gifts auf Magie.
Bei Arthur Weasley auf die Behandelnde, bei Severus Snape auf die eigene. Der Heiler war der Meinung, dass das Gift direkt gegen magische Energie wirkte.
Snape erhob an dieser Stelle deutlichen Widerspruch.

"Wenn das so wäre, könnte ich doch gar nicht zaubern."

Bergstrom schüttelte den Kopf.

"Ich spreche nicht von Ihren magischen Fähigkeiten. Ich spreche von Ihrer magischen Energie."

Kurz schien er nach Worten zu suchen, um dann weiter auszuholen.

"Was unterscheidet uns von einem Muggle?
Eine Frage die in unserer Welt gern als beantwortet gilt, obwohl wir es tatsächlich nicht wissen.
Ich habe mir in den letzten Jahren dazu einige Gedanken gemacht und verfolge nun eine Idee, die vieles erklären würde, was ich täglich sehe und erlebe. Und gerade Sie könnten der bisher fehlende Beweis sein.
Ich glaube, uns durchströmt neben der Lebensenergie - dem Lebensfunken, der Seele, wie auch immer Sie es nennen wollen - noch die Magie.
Das Gift dieser Schlange ist ein durch und durch magisches. Wir wissen sicher, dass dieses Gift nicht verletzt oder tötet, indem es die Muskulatur lähmt, oder die Leber überlastet. Es sind nämlich keinerlei Schäden nachweisbar.
Außer einem großen Blutverlust konnten wir nach der Schlacht nichts finden, was ihren kritischen Zustand erklären würde. Und diesen Blutverlust hätten wir magisch sehr schnell wieder ausgleichen können. Es gelang uns aber nicht.
Vor vier Tagen gab es gar keine Erklärung für Ihren Zustand. Sie waren völlig entkräftet, ohne dass eine Ursache zu finden war."

Er unterbrach sich, musterte Snape und fuhr dann mach einer kurzen Pause fort.

"Das Gift scheint zu wirken, indem es das Lebenslicht schwächt oder im schlimmsten Fall gänzlich vom Körper trennt.
Ich vermute eine ähnliche Trennung beim Avada Kedavra. Vorbei, von einer Sekunde auf die andere.
Der Mensch stirbt nicht aufgrund einer Verletzung und die Seele entfährt, sondern die Seele - als die Energie, die unserem Körper sagt: atme, fühle, denke - entfährt und der Körper stirbt.
Beziehen wir nun die Magie mit ein.
Wir werden magisch geboren, man kann magische Fähigkeiten erlernen, nicht aber die Magie an sich. Es muss in meinen Augen etwas grundlegendes sein.
Ich glaube an eine zweite starke Energie, neben der Seele."

Wieder eine Pause, diesmal vermutlich um Snape Raum für einen möglichen Widerspruch zu geben.
Aber dieser zweifelte keines der gesprochenen Worte an. Im Gegenteil, in seinem Kopf schien sich ein Gedankenfluss in Bewegung zu setzen. Er sah vor sich Türen, die sich öffneten und alles, was er bisher gewusst hatte, in einem neuen Licht erschienen ließen.
Der Heiler fuhr fort.

"Der Biss erfolgte in ihrem Fall bewusst am Hals. Eine zentrale Stelle.
Zur Wirkung des Gifts kam noch der Blutverlust. Man könnte also meinen, Ihr Tod sei eine sichere Sache gewesen.
Doch so war es nicht, denn die Schlange hat zwar eine Arterie getroffen, diese aber nicht so schwer verletzt, dass Sie sofort verblutet sind.
Das Gift strömte zuerst in ihr Gehirn - dem von mir angenommenen Sitz der magischen Energie und fügte ihr massive Schäden zu.
Erst von dort aus gelang es dann zu Ihrer Mitte, Ihrem Sonnengeflecht, Ihrer Lebensenergie. Wir müssen also davon ausgehen, dass die Auswirkungen auf Ihre magische Energie die größere war."

Snape durchdachte das und kam wieder an den gleichen Punkt.

"Aber warum kann ich dann überhaupt noch zaubern?"

Bergstrom nickte bestätigend.

"Das ist wohl die zentrale Frage.
Ich kann Ihnen das nur beantworten, indem ich Ihnen eine weitere Theorie liefere. Sie kann falsch sein, denn wir wissen eigentlich nichts und können so nur mutmaßen. Aber manchmal muss man eben einfach Schlüsse ziehen, aus dem was klar vor einem liegt, ohne es beweisen zu können.
Anders als die Seele scheint die Magie untrennbar mit dem Körper verbunden zu sein. Eine magische Pflanze bleibt magisch auch wenn man sie erntet und damit tötet.
Diese Energie wurde in ihrem Fall wohl so weit geschwächt, dass Sie ohne weiteres, keinen komplexen Zauber mehr ausführen konnten.
Und Ihr Zustand scheint zu verdeutlichen, dass die Magie sich dann an der anderen elementaren Energie bedienen kann.
Sie scheinen gerade den Ursprung von Sprichworten zu erklären:
Mit Leib und Seele hexen. Sich zu Tode hexen."

Und als er Snape nicken sah, fügte er hinzu.

"Ihre Magie wurde durch ihre Lebensenergie aufrechterhalten.
Was augenscheinlich direkt auf Ihren Allgemeinzustand wirkt. Sehr dramatisch, denn Sie wären vor vier Tagen beinahe gestorben. Schon wieder beinahe."

Snapes Blick fiel auf Poppy, die Tränen in den Augen hatte.

"Ich habe dir unmittelbar nach deiner Ankunft einen Stärkungstrank gegeben."

Ihr schlechtes Gewissen sprang ihn regelrecht an.
Er wollte sie anschnarren, dass sie es doch nicht hatte ahnen können, doch sie fuhr auf, ehe er nur ein Wort gesprochen hatte.

"Ich hätte dich beinahe umgebracht.
Adrian kam in dem Moment, als ich dir etwas geben wollte, um deinen Herzschlag zu stabilisieren. Ich habe über Stunden beobachtet, wie du um dein Leben gekämpft hast. Ich konnte nur zusehen und hoffen, dass du es schaffst."

Bergstrom ergriff wieder das Wort.

"Sie haben nach dem Angriff der Schlange Magie angewendet, nicht wahr?
Harry Potter hat von Erinnerungen berichtet. Er hat sie nach dem Angriff erhalten, richtig?"

Snape nickte.
Und war dann mit einem Mal nicht mehr in der Lage die Augen offen zu halten.
Er hörte Poppy und den Medimagier noch reden, war aber unfähig das gesagte zu verstehen.
Es war zunächst kein wirklicher Schlaf, in den fiel. Viel mehr gingen seine Gedanken auf Wanderschaft und er schien sich von seiner Umgebung loszulösen. Er kannte dieses Gefühl, dass sein Gehirn gerade auf der Schwelle zum Schlaf zu sehr klaren und ehrlichen Gedanken fähig war.
Das Erfahrene sollte ihn erschrecken.
Er sollte mit allem was er hatte darum fürchten, keinen Reinigungszauber mehr sprechen zu können, ohne sich damit die Energie für den nächsten Weg zu Fuß zu rauben. Zweifellos zu Fuß, denn das Apperieren schien zwangsläufig in einer Ohnmacht zu enden.
Doch er hatte keine Angst. Da war zu viel Faszination. Er begann zu verstehen.
Der Heiler war ein Genie.
Es war so einfach.
Warum war es nur eine Idee und noch keine Gewissheit?
Weil seiner Welt eine andere Erklärung lieber war.
Die allgemeine Meinung lautete: Magie war in allem, in jedem Gegenstand, Tier und Menschen. Allein die Entstehung des Universums musste etwas Magisches gewesen sein und so fand sich nun in allem etwas von eben diesem Zauber.
In einigen wenigen Menschen so stark, dass sie befähigt waren, diese Magie bewusst zu leiten. Diese seltene Gabe musste behütet und bewahrt werden.
Reinblütigkeit galt als Garant die Magie von einer Generation zur nächsten weiterzugeben. Squibs, die auch in die ältesten und reinsten Familien geboren wurden, wurden häufig als Schandfleck vor der Außenwelt verborgen.
Ein mugglegeborener und dennoch magischer Mensch konnte nach dieser Definition nur schwachmagisch sein.
Er konnte nur über gerade so viel Magie verfügen, dass er sie kanalisieren konnte, aber seine Fähigkeiten konnten keinesfalls mit denen eines Reinblütigen verglichen werden.
Auch wenn gerade in den letzten Jahren Menschen wie Dumbledore so viel für Toleranz und Gleichberechtigung getan hatten, wenn er den Kindern in Hogwarts glaubhaft versichert hatte, sie alle seien gleich, so war doch den meisten Mugglegeborenen spätestens nach der ersten Begegnung mit einem Slytherin klar gewesen, dass diese Ansicht sicher nicht für alle in der magischen Welt galt.
Viele waren nach wie vor der Meinung, eine alte Familie stünde für die stärkere Magie. Nicht nur Slytherin, viele von ihnen waren lediglich die, die ihre Meinung unverhohlen ausposaunten.
Und ausgerechnet er, Severus Snape, der Lily und ihr Talent gekannt hatte, war einem der größten Verfechter dieser Theorie gefolgt.
Voldemort hatte es verstanden, Zweifel auszuräumen. Nein, er hatte es verstanden ihn Zweifel vergessen zu lassen oder zur Ignoranz solcher zu verleiten.
Snape war es nie um eine Verfolgung und Verbannung von Mugglegeborenen gegangen, sondern um Macht, Rache und Dazugehörigkeit. Dennoch war er der Ideologie der Reinblütigkeit gefolgt.
Er wusste nun schon lange, wie falsch diese Ideen waren.
Er hatte hier ganz einfach zu viele Kinder gesehen, deren Fähigkeiten nicht in das Schema passten, aber erst jetzt begriff er, wie groß seine Sünde doch war.
Er hatte es geahnt und sich doch von Voldemort das Denken untersagen lassen - "Severus, nutze deine überragende Intelligenz doch nicht, um das zu belegen, was wir schon wissen." -, ja auch er war schon einmal an dem Punkt gewesen, an dem ihn die bekannte Erklärung nicht mehr ausgereicht hatte.
Er hatte es vergessen, verdrängt. Und später hatte er über Klassenunterschiede nicht mehr nachdenken wollen, waren solche Überlegungen schließlich das Tor zu seiner ganz persönlichen Hölle, seiner Schuld und Verzweiflung.

Zumindest als Lehrer hatte er alle Schüler gleich behandeln wollen. Auch aus Ausgleich für zuvor offen unterstützte Ansichten.
Sein Verhältnis zu den Schülern des Hauses Gryffindor war nie ein gutes gewesen, schlicht der Tatsache geschuldet, dass er seine eigene Geschichte nicht von seiner Arbeit hatte trennen und er einen Hang zum Verallgemeinern nicht leugnen konnte. Aber er hatte die Leistungen seiner Schüler immer gleich bewertet, unabhängig aus welcher Familie und aus welchem Haus sie kamen.
Unvermittelt sah er Hermine vor sich. Ihre unstillbare Wissbegier.
Hatte er sie anfangs gern noch schlicht als Streberin klassiert, hatte er nach und nach erkennen müssen, dass sie tatsächlich alles wissen wollte.
Und er hatte ihr mit seiner Härte genau diesen Drang austreiben wollen. Sie hatte ihn mit ihrer fuchtelnden Hand genervt. Er war überzeugt gewesen, sie wolle lediglich Eindruck schinden, sie wolle beweisen, dass sie so gut war, wie die anderen.
Und wie er das dachte, erkannte er, wie tief die Vorurteile saßen, auch in ihm.
Nein, er sah nicht auf Mugglegeborene hinab, nicht mehr.
Er traute ihnen die gleichen Fähigkeiten zu. Aber er beurteilte sie doch anders, mit Sicherheit ungerecht.
Warum hätte Hermine Granger ihm damals etwas beweisen wollen?
Sie war von Anfang an talentiert und gut gewesen. In vielem sicher besser, als die meisten anderen Schüler von Hogwarts.
Aber wie unglaublich hatte alles im Schloss wohl auf sie gewirkt, als sie es in ihrem ersten Jahr betreten hatte.
Wen wunderte da die Wissbegier, wenn sie mit einem Schlag zu sehen bekam, was Kinder aus magischen Familien doch seit ihrer Geburt als selbstverständlich empfanden? Sie war in eine fremde Welt gelangt, so vieles war neu und gänzlich unbekannt gewesen.
Sie hatte so viel zu fragen gehabt, war auf Menschen angewiesen gewesen, die ihr Dinge und Zusammenhänge erklärten.
Da waren sicher sehr viel ernsthaftes Interesse und Begeisterung gewesen. Und er hatte ihr schlicht unterstellt, sie tue dies nicht aus Neugier, sondern um sich einzuschmeicheln. Etwas was aussichtslos war, denn Interesse am Stoff sollte für Severus Snape selbstverständlich sein.
Er hatte wohl immer wieder genervt und aggressiv genug reagiert, um ihr das Melden und Plappern abgewöhnen zu können.
Sie war ruhiger geworden in seinem Unterricht. Sie, wie sicherlich viele andere vor und nach ihr. Sie hatten aufgegeben.
Wie ungerecht.
Er diskriminierte, auf eine ganz subtile Art.

Über diesen Gedanken musste er dann tatsächlich in den Schlaf hinübergeglitten sein, denn als er die Augen wieder aufschlug, lag die Krankenstation in Dunkelheit.
Und da war sie auf einmal, die Angst.
Würde er je wieder normal zaubern können? Wie sollte er in der magischen Welt leben, wenn er doch selbst quasi unmagisch war?
Er würde wohl eher seine Gesundheit riskieren und sein Leben verkürzen, als ein Leben als Squib zu fristen.
Ein Leben, das er noch vor etwas mehr als einer Woche gar nicht hatte Leben wollen. Und nun machte er sich schon Sorgen um die Qualität eines solchen. Verwirrend, konnte er nicht einmal sagen, woher dieser Sinneswandel kam.
Er seufzte resigniert auf.
Kurz darauf hörte er Schritte.
Es war Bergstrom, was Snape überrascht im schwachen Licht einer einzelnen, entfernt stehenden Kerze erkannte.

"Na, sind Sie wieder erwacht?"

Fragte dieser leicht hin.

Snape überging das Offensichtliche und fragte seinerseits ebenso sinnlos

"Sie sind noch hier?"

Bergstrom entzündete die Kerze an Snapes Bett und setzte sich dann auf den daneben stehenden Stuhl.

"Ich, als Chefarzt meiner Abteilung, hielt ich es für eine gute Idee, Sie unter Beobachtung zu lassen. Ich habe mich vorerst vom Dienst freigestellt und Poppy und ich wechseln uns hier ab."

Sie wechselten sich ab.
Das klang für Snape nicht so, als habe er lediglich den Abend verschlafen. Eigentlich wollte er es nicht wissen, aber er fragte dennoch.

"Wie lange habe ich diesmal geschlafen?"

Bergstrom sah ihn ernst an.

"Nicht ganz 36 Stunden.
Wie fühlen Sie sich jetzt?"

Snape wusste nicht ob es die Wahrheit war, oder eine Hoffnung.

"Besser."

Der Medimagier nickte.

"Ihr Schlaf war auch anders. Die ersten Tage lagen Sie wohl eher im Koma. Jetzt haben Sie zumindest wieder geträumt."

Er musterte seinen Patienten kritisch.

"Sie halten die magische Welt ganz schön in Atem.
Das ganze Schloss wird von Reportern belagert.
War die Tötung Dumbledores auf dessen Verlangen noch etwas, was man Ihnen schlicht verziehen hat und Ihre Tätigkeit als Spion etwas, was Ihnen Respekt und gleichzeitig Mitleid eingebracht hat, ist die Rettung von Miss Lancaster nun eine Tat, für die Sie bewundert werden.
Ein jeder da draußen hofft auf ein Foto von Ihnen. Sie sind ein Held."

Snape stöhnte gequält auf, was den Heiler lachen ließ. Dann wechselte dieser das Thema.

"Haben Sie Hunger? Frühstück wäre wohl am ehesten passend."

Ja, er hatte Hunger. Sehr sogar.
Nachdem der Heiler einen Hauself beauftragt hatte, ein Frühstück vorzubereiten, fragte Snape die nun sehr drängende Frage.

"Wie wird es weiter gehen?"

Als Antwort erhielt er zunächst nur ein Achselzucken. Dann sagte Bergstrom schließlich

"Ich kann es nicht genau sagen. Wir wissen, dass Arthur Weasley wieder vollständig genesen ist.
Er war nie so sehr in seiner Magie beeinträchtigt wie Sie. Aber auch er hatte anfangs Probleme zu zaubern.
Ich hoffe, der Schaden wird sich zurück bilden. Aber Sie sollten Geduld haben und um Gottes Willen nicht ohne Überwachung zaubern."

Und er sagte das so eindringlich, dass Snape ihm versicherte dies nicht zu tun.

"Weiß irgendjemand davon?"

Und wie er es fragte, wurde ihm bewusst, dass er hoffte, es sei nicht so. Er wollte nicht bedauert werden. Er wollte nicht als schwach gelten.
Bergstrom schüttelte entschieden den Kopf.

"Niemand außer Ihnen, Poppy und mir. Für alle anderen sind sie einfach völlig entkräftet."

Ein Hauself brachte nach wenigen Minuten ein überladenes Tablett, mit dem man ohne Probleme die Hälfte der Lehrerschaft hätte versorgen können.
Während Snape mit immer weiter wachsendem Appetit aß, führte Bergstrom das Gespräch fort.

"Es gibt sehr viele Personen, die Sie sprechen möchten.
Ich nehme mal an, Rita Kimmkorn können wir auf die lista non grata setzen, aber wie sieht es mit Minerva McGonagall und unserem Zaubereiminister aus?
Poppy hat mir erzählt, dass Sie nach der Schlacht niemanden haben sprechen wollen. Sollen wir sie abwimmeln?"

Wäre Snape seinem ersten Impuls gefolgt, hätte er ja gesagt, sicher sogar mit Erleichterung in seiner Stimme. Doch er überwand sich und sagte, das sei nicht nötig. Er wollte sie sprechen, beide.
Und er dachte das ohne Groll. Er nahm Minerva und Kingsley nicht übel, dass sie ihm den Mord an Dumbledore zugetraut hatten, keinem der Ordensmitglieder. Genau so hatte es schließlich sein sollen.
Er würde sich dem stellen, sollte es auch noch so nervenaufreibend sein.

Tatsächlich überraschten ihn die folgenden Stunden.
Minerva war das personifizierte schlechte Gewissen. Sie war unendlich wütend auf Dumbledore und bat Snape um Verzeihung. Sie entschuldigte sich auch dafür, ihn einen Feigling genannt zu haben. Diese Beleidigung schien sie sogar noch mehr zu bereuen, als ihr nicht vorhandenes Vertrauen.
Es folgte ein Angebot in ihrer Funktion als Direktorin von Hogwarts.
Sie fragte allen Ernstes, ob er die Stelle als Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste wieder einnehmen wollte. Nicht im kommenden Schuljahr, denn sicher gab es für ihn nun erst einmal viel zu klären, aber für das Jahr darauf würde sie ihm die Stelle freihalten. Das war ein Angebot, das Snape einem Geschenk gleich kam, bescherte es ihm doch ein herzhaftes Lachen.

"Minerva, glaube mir bitte eines. Nie wieder in meinem Leben will ich unterrichten.
Ich habe es gehasst, immer, zu jedem Zeitpunkt."

Er hatte es für Dumbledore getan, auf dessen Bitte hin.
Zunächst - das war ihm immer klar gewesen - um unter Beobachtung des Direktors stehen zu können.
Später dann, um wie versprochen ein Auge auf Potter zu haben. Nein, er würde dieses Kapitel hinter sich lassen.
Keine zehn Pferde konnten ihn dazu bringen, in diesem Schloss zu bleiben.
Minerva wirkte tatsächlich enttäuscht. Doch er wusste, dass sie ihn verstand.
Sie sagte, er könne so lange in Hogwarts bleiben, wie er wollte. Und er wusste, dass er am liebsten schon fort wäre.
Er brauchte Ruhe, er wollte seine Gedanken sortieren. Er wollte verarbeiten.
Und dabei dachte er nicht nur an das grausame Leben, dass er bisher geführt hatte. Er dachte auch an die Theorie der magischen Energie. Er wollte wissen.

Auch das Gespräch mit Kingsley verlief anders als erwartet, denn zunächst wurde Snape von diesem beschimpft.
Ob er denn nicht gewusst hätte, in was für Gefahr er sich und Hermine gebracht hätte.
Ob er wirklich so gnadenlos arrogant war, dass er meinte, er könne es in seinem Zustand mit einem Todesser aufnehmen.
Ob ihm der Biss der Schlange endgültig den Verstand gekostet habe.
Und gerade als Snape, der sich aller Gefahren, gerade auch für Hermine schmerzlich bewusst war, der Geduldsfaden zu reißen drohte, tat der Minister drei tiefe Atemzüge und bedankte sich.
Für den Mut und die Opferbereitschaft. Und Kingsley sagte klar, dass er damit nicht nur die Rettung von Cecilia Lancaster meinte.
Snape hatte erwartet, dass er mit Fragen konfrontiert werden würde, aber die Version der Rettung aus dem Mund von Hermine, schien dem Ministerium zu genügen. Sie hatte wohl schon einen Tag nach ihrer Rückkehr alles detailliert geschildert.
Kingsley fragte lediglich, woher der Professor gewusst hätte, dass Cecilia Lancaster noch gefangen war.
Und Snape würde die entsetzte Miene seines Gegenübers so schnell nicht vergessen, als er wahrheitsgemäß antwortete

"Aus dem Jenseits."

Bevor Kingsley ging, kündigte er einen weiteren Besuch bei Snape an.
Er würde in wenigen Tagen, sobald der Zustand des Professors sich stabilisiert hatte, durch einen Auroren Erinnerungen sicherstellen und eine umfassende Aussage aufnehmen lassen, in Vorbereitung auf die anstehenden Prozesse.

Nach diesem Besuch brauchte Snape wieder eine Pause. Die Aussicht auf das vor ihm liegende Verhör schien ihn zusätzlich zu schwächen. Erneut übermannte in der Schlaf gnadenlos.


OK, ich gebe zu, das mit dem regelmäßig haut nicht so ganz hin.

Es gibt bei mir eindeutig ein Motivationsproblem, es fehlt mir schon ein wenig Feedback. Als nun aber die Geschichte wieder mal auf die Alertliste gesetzt wurde, habe ich mich entschlossen, doch wieder ein Kapitel einzustellen. Ich hoffe, es hat euch gefallen.

LG