Ludicrous Smile

Kapitel 21

Hermine wusste nicht, wie lange es dauern würde, ehe er wieder zur Besinnung käme. Fest stand nur, dass sie keine Minute länger als nötig in diesem Irrenhaus bleiben wollte.

So schnell sie konnte, rannte sie in ihren Turm und packte ihren wichtigsten Kram, bestehend aus Büchern, Klamotten und einigen anderen Habseligkeiten in eine Tasche, ebenso wie sie es getan hatte, als sie die Flucht der Jungs geplant hatte. Glücklicherweise war niemand im Schlafsal gewesen, sodass sie ungestört kommen und gehen konnte, ohne lange Rechenschaft ablegen zu müssen. Nicht einmal von Ginny konnte sie sich verabschieden; vermutlich heckte die gerade mit Neville und Luna aus, was sie als Nächstes anstellen konnten, um die Carrows zur Weißglut zu bringen.

Gute zwanzig Minuten später stand sie vor dem zu beiden Seiten von geflügelten Ebern flankierten Tor, das Hogwarts von der Außenwelt trennte. Wehmütig blickte sie ein letztes Mal über die Schulter auf die hohen Türme des Schlosses zurück, ehe sie es wagte, das Tor zu öffnen. Es ging ganz leicht. Nur ein leises Quietschen war zu hören und nicht der geringste Hauch einer Magie zu spüren, die sie aufzuhalten versucht hätte.

Hermine seufzte leise. Wenigstens diesen einen Gefallen hatte er ihr getan. Wie er es angestellt hatte, die Wachposten von ihrem Fluchtversuch abzulenken, war ihr gleich, ebenso wie das, was mit ihm geschehen würde, wenn irgendjemand dahinterkäme, was er getan hatte ... Nein, das war nicht richtig. Es quälte sie. Aber dafür war jetzt keine Zeit.

Sie schritt voran, setzte langsam einen Fuß vor den anderen und wartete, bis sich das Tor hinter ihr schloss, nachdem sie hindurchgeschlüpft war. Sie wusste, dass sich jeden Moment sämtliche Schutzzauber wieder so einrichten würden, dass niemand mehr es durchdringen konnte. Doch sie war fest entschlossen, weiterzugehen. Nichts hielt sie jetzt noch davon ab, sich ihren Freunden anzuschließen, den einzigen Menschen, denen sie vertrauen konnte.

Ohne länger zu zögern fing sie zu laufen an, erst langsam, dann immer schneller, gelenkt vom Licht ihres Zauberstabs. Nachdem sie überzeugt davon war, dass das weit genug war, um zu vermeiden, unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, disapparierte sie an Ort und Stelle.

Irgendwo in einem fernen Waldstück, wo laut ihrer Beschreibung zuletzt Harry und Ron gelagert hatten, spürte sie wieder festen Boden unter den Füßen. Es war dunkel und kalt und keineswegs sicher hier, solange sie nicht von etlichen Schutzzaubern umgeben war.

Mit klammen Fingern holte sie ihre Münze heraus und schrieb an Harry. Wenn sie Glück hatte, würde sie in wenigen Minuten bei ihm und Ron sein. Der Rest der ungewissen Zukunft, die jetzt vor ihr lag, sowie das weitere Vorgehen, würde sich ergeben. Wichtig war im Moment nur, nicht die Nerven zu verlieren, bevor das Adrenalin abflaute, das durch ihren Körper strömte, und vor allem, den Jungs nichts von Snape oder der Schwangerschaft zu verraten.

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"Ich hab es nicht länger ausgehalten dort."

"Ist es so schrecklich geworden?"

Sie nickte knapp.

"Noch viel schlimmer, Harry."

Mehr musste nicht gesagt werden. Hermine wusste auch so, dass sich Harrys Magen zusammenkrampfte, während er an Ginny und all die anderen dachte, die er in Hogwarts zurückgelassen hatte. Ihr ging es dabei nicht anders. Schuldgefühle, Scham und Wut mischten sich gleichermaßen. Sie fühlte sich so elend, dass sie sich am liebsten übergeben hätte. Ob aufgrund der Sache mit der Schwangerschaft oder als Folge des wiederholten Apparierens wusste sie nicht. Es war ihr auch gleichgültig. Viel wichtigere Fragen drängten sich ihr auf: Warum hatte er das nur getan? Hasste er sie denn immer noch so sehr, dass er sie durch diese Hölle gehen lassen wollte? Wusste er überhaupt, was er ihr damit angetan hatte? Die wenigen glücklichen Momente, die sie mit Snape erlebt hatte, waren wie ausradiert. Nichts davon schien für sein Verhalten zu entschuldigen. Auch nicht, dass er sie nicht aufgehalten hatte, fortzugehen.

Das Zelt, in dem Harry und Ron sich eingerichtet hatten, war trotz aller Bemühungen, es gemütlich wirken zu lassen, zugig und nicht im Mindesten heimelig. Es fehlte an vielen Dingen, die man sich im täglichen Gebrauch gar nicht wegdenken konnte, selbst dann, wenn man einen Zauberstab zur Hand hatte. Schnell stellte sie fest, dass es dumm gewesen war, den Aufbruch so zu überstürzen. Sie hätte wenigstens noch schnell in die Schulküche schleichen können und etwas Verpflegung mitnehmen sollen.

Glücklicherweise ließen sich die Jungs die Enttäuschung nicht anmerken, dass sie außer Kleidung, Büchern und sonstigem Kram nichts mitgebracht hatte, was auf den ersten Blick von Nutzen gewesen wäre. Die Wiedersehensfreude und die Erleichterung, sich nach Monaten der Trennung in die Arme zu fallen, war größer als alles andere.

Erschöpft von ihrer Reise sank Hermine nicht lange nach ihrer Ankunft auf dem schäbigen Sofa nieder, das den Mittelpunkt der notdürftigen Behausung bildete. Wenig später fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Morgen beim Aufwachen stellte sie bedrückt fest, dass nicht etwa alles nur ein böser Traum gewesen war. Etwas viel Schlimmeres machte sich in ihr breit: Die Gewissheit, mit einem heranwachsenden Kind in ihrem Körper vollkommen auf sich allein gestellt zu sein, während der Vater, der die eigentliche Schuld an der ganzen Misere offenbar nicht erkennen wollte, weit weg in Hogwarts war.

Bleich vor Schreck wankte sie aus dem Zelt und klammerte sich an einem der Riemen fest, die es im Boden verankerten, um sich zu übergeben. Wenn sie Snape je wiedersehen würde, würde sie ihn dafür büßen lassen.

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Harry war so besorgt um Hermine, dass es ihm schwer fiel, seine Gefühle im Zaum zu halten. Er hatte sie dabei beobachtet, wie sie stundenlang die Karte des Rumtreibers angestarrt hatte und daraufhin über ihr zusammengesunken und in Tränen ausgebrochen war. Aber das war nicht alles, was ihm aufgefallen war: Das ein oder andere Mal hatte er gesehen, wie sie plötzlich aus dem Zelt gestürzt war, um sich zu übergeben. Er war kein Experte, was das anbelangt, aber so einfältig war er nun auch wieder nicht, dass ihm entgehen konnte, was das zu bedeuten hatte. Rein äußerlich war natürlich noch längst nichts von einer Schwangerschaft zu sehen, doch er war fest überzeugt davon, dass sie versuchte, den wahren Grund für ihre Zusammenbrüche vor ihm und Ron geheimzuhalten.

„Wie fühlst du dich?", fragte er vorsichtig an, nachdem sie die ersten Tage hinter sich gebracht hatten.

Hermine zuckte mit den Schultern.

„Geht schon wieder. Ich muss mich erst an das Essen gewöhnen. Und die Kälte macht mir zu schaffen. Ist schon eine ganz schöne Umstellung, hier draußen zu leben."

Obwohl sie sich bemüht hatte, es wie eine beiläufige Erwähnung klingen zu lassen, konnte sie sehen, dass er unruhig von einem Fuß auf den anderen trat. Sie wollte nicht, dass er sich Vorwürfe machte, schließlich war es ja nicht seine Schuld, dass sie nun die spärlichen Vorräte rationieren mussten, um sie auf drei Teller zu verteilen.

„Genau darüber wollte ich mit dir reden", sagte er und kratzte sich am Kopf.

Hermine tat alles mit einer Handbewegung ab.

„Mach dir keine Sorgen, mir geht es gut, Harry."

Er stieß einen langgezogenen Seufzer aus und setzte sich zu ihr auf einen großen Flachen Stein am Ufer des Flusses, an dem sie lagerten. Die Sonne war hervorgekommen und verbreitete eine wohltuende Wärme, die sie alle gut gebrauchen konnten, um den angespannten Gemütern etwas Erholung zu verschaffen.

„Das denke ich nicht, Hermine", begann er ernst. „Ich hab gesehen, wie du die Karte angestarrt und dich übergeben hast. Mach mir nichts vor. Ich bin nicht Ron, den du einfach mit einer Ausrede abspeisen kannst. Irgendwas stimmt nicht mit dir. Und ich fürchte, ich weiß genau, was es ist."

Hermine fühlte, wie ihr Herz zu rasen anfing. Seit Beginn ihrer Freundschaft hatte es immer wieder Momente gegeben, in denen es nicht nötig gewesen war, gewisse Dinge auszusprechen. Sie hatten einfach immer gewusst, was in dem anderen vorgegangen war. So hatte Harry recht schnell begriffen, dass der Grund für ihre Traurigkeit im sechsten Schuljahr mit Ron zu tun gehabt hatte, als er und Lavender miteinander geflirtet hatten, ebenso wie sie gewusst hatte, dass Harry angefangen hatte, Interesse an Ginny zu finden.

„Du bist schwanger", setzte er leise nach und es klang extrem hart, obwohl das Rauschen des Flusses seine Stimme weit übertönt hatte. „Und versuch ja nicht, mir was anderes einreden zu wollen."

„Woher weißt du – wie hast du das ..."

„Wer war es?", unterbrach er sie forsch und in seinen Augen blitzte unweigerlich der berüchtigte Kampfgeist auf, den sie von Anfang an bewundert hatte. „Wenn ich den Kerl finde, bringe ich ihn um!"

Entsetzt riss sie die Hände hoch.

„Nein, Harry, so war das nicht. Es ist nicht so passiert, wie du vielleicht denkst", beteuerte sie aufgebracht. „Ich wurde nicht dazu gezwungen, wenn du das meinst."

„Du wurdest nicht … Wie ist es dann passiert? Du willst mir doch nicht sagen, dass das ein einmaliges Erlebnis war, oder? Nein, nicht du, Hermine."

„So war es auch nicht", sagte sie kopfschüttelnd. „Etwas mehr war schon dahinter. Aber ich wollte dabei natürlich nicht schwanger werden ..."

Ihre Stimme brach und verebbte zum Ende hin ungehört. Es behagte ihr nicht, dass er es wusste. Schon gar nicht sollte er erfahren, was tatsächlich geschehen war.

Harry sah sie an. Offenbar hatte er keine Ahnung, was er darauf sagen sollte. Bisher hatten er und Ginny Glück gehabt, dass bei ihnen nichts weiter passiert war, wobei das ja auch nicht weiter verwunderlich war, so selten, wie sie Gelegenheit gehabt hatten, miteinander zu schlafen.

„Es ist also einfach so passiert?", hakte er vorsichtig nach.

Sie nickte.

„Jaah."

„Und ihr habt nicht verhütet oder so?"

„Doch, haben wir."

Sie spürte, dass ihre Wangen knallrot anliefen. Auch Harry schien sich unwohl zu fühlen, denn er wandte den Blick ab und kratzte mit der Spitze seines Stiefels an einem letzten Fetzen Schnee herum, den die Sonne übriggelassen hatte.

„Dann besteht also kein Grund für mich, den Typen zu hassen?", fragte er nachdenklich in die Stille hinein.

„Nein", log sie schnell, obwohl sie wusste, dass es einem schrecklichen Vertrauensbruch gleichkam, ihrem besten Freund die Wahrheit über Snape und das, was er getan hatte, zu verheimlichen.

Harry blickte wieder auf und blinzelte ins helle Sonnenlicht.

„Willst du es denn behalten?"

Hermine starrte ihn mit offenem Mund an. Soweit hatte sie noch gar nicht nachgedacht.

„Ich frage das nicht, weil ich unverschämt sein oder den Moralapostel spielen will", erklärte er mit Nachdruck. „Aber wenn du bei uns bleibst, müssen wir wissen, worauf wir uns einlassen. Eine Schwangerschaft unter diesen Umständen ist kein Pappenstiel. Wir sind auf der Flucht, Hermine. Überall im Land wird nach uns gesucht. Du weißt, was sie mit uns anstellen werden, wenn sie uns schnappen. Außerdem müssen wir uns jederzeit darauf einstellen, das Lager zu verlassen. Wir müssen apparieren können, ohne aufgehalten zu werden. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das so gut für dich ist. Du brauchst Erholung, mehr zu essen, ein warmes Bett ..."

„Das ist ja wirklich rührend von dir", sagte Hermine ironisch.

Sie hatte genug davon, sich das anzuhören, auch dann, wenn es vielleicht nur gutgemeint war. Außerdem wusste sie ja selbst nicht, was sie tun sollte oder wie es jetzt weitergehen würde.

„Ich denke schon, dass ich es behalten werde, Harry. Bisher hatte ich den Kopf so voll, dass sich die Frage für mich gar nicht gestellt hat."

Er sah sie belämmert an und wippte mit einem Bein auf und ab.

„Willst du es Ron nicht sagen? Er sollte wissen, was auf ihn zukommt. Nur einmal angenommen, wir werden geschnappt … Er hat ein Recht darauf, es zu erfahren, Hermine, schließlich geht es hier auch um sein Leben."

Hermine biss sich nervös auf die Lippe. Dass die Sache so schnell die Runde machen sollte, war ganz und gar nicht nach ihrem Geschmack. Aber Harry hatte Recht, denn wenn es hart auf hart kam, sollte jeder von ihnen wissen, was er zu erwarten hatte.

„Ja", sagte sie leise. „Ich werde es ihm sagen."

Ein zaghaftes Lächeln legte sich über sein Gesicht, das ihr unter diesen Umständen nicht ganz geheuer war. Doch um weitere Einwände zu erheben, war es zu spät, denn schon fragte er: „Verrätst du mir dann auch, wer es war?"

„Auf keinen Fall, Harry", wehrte sie entschieden ab. „Vergiss das sofort wieder. Es ist vorbei."

Er wirkte enttäuscht, weil sie ihn zurückgewiesen hatte, zugleich aber auch so, als wäre er wütend.

„Bist du deswegen abgehauen, weil es ihm gleichgültig ist? Er weiß es doch, oder?"

„Was? Harry, hör bitte auf, mich das zu fragen. Du machst es damit nicht gerade einfacher für mich."

„Aber es muss doch einen Grund dafür geben, dass du so Hals über Kopf aufgebrochen bist. Wenn es wegen ihm ist, dann ist er ein ziemlich mieser Schurke, finde ich. Da kannst du sagen, was du willst."

Hermine holte Luft. Je mehr er versuchte, über die Angelegenheit herauszufinden, umso ungeduldiger wurde sie mit ihm.

„Ich bin abgehauen, weil ich das Gefühl hatte, dass es in Hogwarts nicht mehr sicher war in meinem Zustand, okay? Außerdem wollte ich euch sehen. Ihr habt mir beide so gefehlt. Doch wenn ich gewusst hätte, dass es so kompliziert werden würde, von euch aufgenommen zu werden, glaube ich, war es die falsche Entscheidung."

„Aber ..."

„Nein. Lass uns jetzt nicht mehr davon reden. Ich möchte die Sonne genießen, die Wärme. Alles andere wird sich zeigen."