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Ein Strolch zum Verlieben
Fanfiction von Slytherene
Liebe
Lesende!
Heute ein langes Kapitel, Ihr habt ja auch eine Weile warten müssen.
Für
die Reviews bedanke ich mich sehr herzlich bei Ewjena (3 X), Lina, MissMoony, Nutellamädchen, Moony4ever, Berserkgorilla und Nicole...per mail.
Betaleserin
ist wieder TheVirginian – danke dir. Rosa Gekritzel gab es im
Vorfeld auch von Textehexe. Danke schön!
Der
Totenkopf auf Thalias Oberkörper hat nichts mit Voldemort zu
tun, sonst wäre auch die Schlange vertreten. Nein, es ist eine
böse Laune eines bösen Mannes, aber mit Zauberei hat es
nichts zu tun. Ein bisschen mehr über Thalia und ein Vollmond
mit viel Wasser wie auch ein sehr untypischer Tränkemeister
erwarten Euch im folgenden Kapitel.
Gute Unterhaltung!
21. Wolfszeichen
„Remus." Ihre Stimme war weich an seinem Ohr. „Remus." Sein Name klang wie ein Kosewort.
Nein, aus diesem Traum wollte er gewiss nicht aufwachen.
„Remus!"
Mühsam
öffnete er die Augen und blinzelte in die Morgensonne. Thalias
Haar reflektierte das rote Gold wie ein funkelnder Rubin. Ihre Lippen
jedoch waren fast blau,
und sie zitterte. Jetzt spürte auch Remus, wie entsetzlich kalt
es war.
Er
zog sie in einen innigen Kuss.
„Du bist ja eiskalt", stellte er erschrocken fest.
„Deswegen habe ich dich geweckt. Wir holen uns den Tod hier draußen."
Mühsam kam er auf die Füße und zog Thalia hoch. Seine Muskeln waren steif vor Kälte. Sie hatten es nicht gespürt, als sie sich geliebt hatten, aber bewegungslos hier draußen zu liegen, im März, grenzte an Wahnsinn.
Thalia zog ihre Jacke um die Schultern und stieg vorsichtig und leise die Treppe in die Kajüte hinunter.
„Du
gehst zuerst unter die warme Dusche", bestimmte Remus. Die kleine
Nasszelle an Bord war so winzig, dass man keinesfalls zu zweit darin
duschen konnte. Er
zog einen Pullover über und tappte dann mit vor Kälte
klappernden Zähnen in die Kombüse, um Wasser für einen
heißen Tee aufzusetzen.
Dort
jedoch traf er Jimmy, der ihm zuvor gekommen war.
„Ahoi, du Sterngucker", begrüßte ihn der blonde Mann und grinste. „Dir ist bewusst, dass ich dir die Nase breche, wenn sie sich auch nur erkältet?"
Remus nickte.
Jimmy baute sich ihm gegenüber zu voller Größe auf. Er fixierte ihn mit Augen, in denen ein blaues Feuer aufflammte. „Wenn du Thalia das Herz brichst, werde ich dich eigenhändig ersäufen."
„Du hast zu viele Actionfilme gesehen", erwiderte Remus beherrscht. „Aber keine Angst, ich werde ihr nicht wehtun. Ich liebe sie."
Jimmy zog eine Augenbraue hoch. „So wie Gianni?"
Remus blickte erstaunt auf. „Nein, Jimmy. Ganz anders, und mit meinen Gefühlen für Gianni hat es nichts zu tun."
Die Aussage erstaunte ihn selbst. Obwohl er aufgewühlt und von dem Gefühlschaos in seinem Inneren stark beansprucht war, hatte sich an seiner Trauer, was Sirius betraf, nichts geändert. Natürlich hatte sich seine Beziehung zu Thalia von Grund auf verändert, und er begann jetzt bereits darüber nachzudenken, wie es jetzt mit ihnen weitergehen sollte. Würde sie Leo verlassen? Wie sollte er mit der Verantwortung umgehen, eine Beziehung, die mehr als zehn Jahre überdauert hatte, zu zerstören? ‚Verdammt, Remus, das hättest du dir vorher überlegen müssen!', fluchte er innerlich.
OOO
Als
Thalia etwas später zu ihnen stieß, das feuchte Haar in
ein Handtuch gewickelt und dicke Wollsocken an den Füßen,
standen Tee und ein kräftiges Frühstück schon bereit.
Ihr Anblick malte Remus ein glückliches Grinsen ins Gesicht. Obwohl
sie Jimmy sofort in lockeres Gespräch verwickelte, blieb eine
gewisse unterschwellige Spannung nicht aus.
Plötzlich
legte sie mit einem kratzenden Geräusch die Gabel auf den
Teller.
„In Ordnung, Jimmy, spuck's aus. Was nervt dich?"
Ihre
Direktheit schien den Hünen zu verblüffen.
„Was
meinst du?" erkundigte er sich.
„Komm, wir sind seit zwanzig Jahren befreundet, ich spüre doch, dass dir irgendetwas gegen den Strich geht."
Jimmy holte tief Luft. „Also,... um es voran zu schicken, es geht mich ja nichts an, wer hier mit wem schläft, so lange ich nicht beteiligt bin, aber..."
„Wärest du es gern?" unterbrach Thalia ihn.
„Was?" fragte er irritiert.
„Wärest du gerne beteiligt?" Ein dezent spöttischer Unterton schwang in ihrer Frage mit.
Remus ließ seine Teetasse sinken und blickte in Jimmys konsterniertes Gesicht.
„Das steht hier nicht zur Debatte", erwiderte der Matrose schließlich.
„Ich wüsste es aber trotzdem gerne", beharrte sie.
„Thalia, bitte", sagte er. „Du weißt, wie sehr du mich damit durcheinander bringst. Und um ehrlich zu sein, diese ganzen erotischen Verwicklungen hier verwirren mich. Du schläfst mit Remus, und abgesehen davon, dass er vorgestern Nacht beinahe mich flachgelegt hätte, bist du mit Leo zusammen. Gianni... ist Gianni, man weiß nicht, ob er nun Remus oder Armando zugetan ist. Wenn er sich nicht entscheiden kann, küsst er auch schon mal dich, Thalia. Und dabei sieht es so aus, als könnte auch da jederzeit mehr draus werden. Das ist doch alles emotionaler Wahnsinn."
„Ist es das, Jimmy?" Thalia zog eine Augenbraue hoch. „Nur weil du in romantischen Idealen des neunzehnten Jahrhunderts verhaftet bist, muss nicht jeder diesem Konzept anhängen. Was entgeht mir, wenn Remus morgen mit dir schläft? Verliere ich deswegen etwas? Nein. Was nehme ich Leo, der völlig enthaltsam lebt, wie du weißt, wenn ich die Nacht mit Remus verbringe? Was verpasse ich, wenn Gianni, den ich nicht nur küsse, wie er euch immer weis macht, auch mit anderen Menschen glückliche Momente hat? Es kann ihn doch nur strahlender machen und seinen Horizont erweitern."
„Du schläfst mit Gianni?" fragte Remus völlig perplex, und die Teetasse rutschte ihm aus der Hand. Laut klirrend landete sie auf dem Boden. Er jedoch hatte nicht einen Blick für die Scherben übrig. Er sah von Thalias Gesicht zu Jimmys erstaunter Miene und wieder zurück.
„Du doch auch", erwiderte sie.
„Ja, a-aber..." stotterte Jimmy, der offenbar ebenfalls von dieser Nachricht überrascht war.
„Nicht kontinuierlich", fügte sie hinzu und lächelte. „Es ist schon eine Weile her, Remus."
„Ihr seid Freunde", wandte Jimmy ein. „Gianni ist schwul!"
In
Thalias Blick lag eine Mischung aus Mitleid und Wehmut. „Gianni ist
nicht besonders festgelegt, was seine diesbezüglichen Neigungen
angeht. Und ja, wir sind Freunde. Gianni besitzt die besondere Gabe,
gewisse… Hindernisse zu übersehen. Meine Optionen sind nicht
gerade weit gestreut, Jimmy."
Sie
nahm ihre Tasse und verließ die Kajüte.
OOO
„Ihre Optionen sind nicht breit gestreut?" fragte Jimmy und sah Remus irritiert an. „Was glaubt sie, das sie ist? Eine neunköpfige Schlange?"
„Deine Vergleiche von Frauen mit Tieren werden auch durch die Wiederholungen nicht taktvoller, Jimmy", erwiderte Remus. Ihm war gerade bewusst geworden, dass Jimmy, obwohl seit Schulzeiten mit Thalia befreundet, nichts von den Narben auf ihrem Körper ahnte, während Gianni…Sirius ihr Herz so sehr berührt haben musste, dass Thalia ihm dieses Geheimnis anvertraut hatte.
Er fegte die Scherben seiner Tasse auf und wische den verschütteten Tee vom Boden der Kajüte. Dann zog er sich sehr warm an und stieg ebenfalls an Deck. Es würde ein schöner Frühlingstag auf See werden. Kein Wölkchen trübte den blauen Himmel, der sich endlos weit zum Horizont erstreckte.
Er hörte Jimmys Schritte auf den Planken, bevor er seine Hand schwer auf seiner Schulter spürte.
„Darf ich dich etwas fragen, Remus?"
„Klar, frag mich."
„Wie wird es denn jetzt weitergehen…mit dir, mit Thalia und…mit Gianni."
Remus sah Jimmy an. Das Meer spiegelte sich in seinen hellblauen Augen, fast war die Linie des Horizonts darin zu erkennen.
„Du stellst die gleichen Fragen, die ich mir auch stelle. Leider habe ich keine Antworten für dich. Gianni betrügt mich nicht nur, er hat mich auch angelogen, was Thalia betrifft."
„Gianni ist eben so", sagte Jimmy. „Ich wusste auch nichts davon. Er hat es dir vermutlich nicht gesagt, weil er dir nicht wehtun wollte – oder diskret sein. Du hättest Thalia fragen sollen. Sie sagt immer die Wahrheit."
„Das tut sie, wenn du weißt, was du fragen musst. Aber sie verbirgt sehr viel." Plötzlich kam ihm ein Gedanke. „Du kennst sie doch seit der Schule. Wie waren denn ihre Eltern?"
Jimmy blickte überrascht von den Wellen auf. „Sie hatte keine. Sie ist in einer Pflegefamilie aufgewachsen. War nicht gerade toll. Warum fragst du?"
„Mmhm…ich könnte sie auch selbst fragen, aber es fällt mir schwer. Die Narben an ihren Armen… die hast du doch schon mal gesehen, oder?" Remus fragte nach, obwohl er sich eigentlich sicher war. In zwanzig Jahren konnte man nicht alles verheimlichen. Er hatte seinen Freunden in der Schule auch seine Lykantrophie nicht verbergen können.
„Ja, natürlich habe ich die gesehen. Früher, beim Fußball, hatte sie die noch nicht. Wir waren als Kinder in der gleichen Mannschaft. Ich bin dann aber auf eine andere Schule gekommen, und ich habe sie erst wieder getroffen, als wir so etwa siebzehn waren. Das war eine schlimme Zeit. Es ist nicht so einfach, in einer Arbeitergegend als schwuler Teenager. Thalia war immer da, wenn ich nicht mehr konnte. Irgendwann habe ich mitbekommen, dass ihr Stiefvater sie verprügelte. Wir sind mit ein paar Jungs hin und haben's ihm gezeigt. Wir dachten, dann hört er auf. Eine Woche später hat er sie dann krankenhausreif geschlagen. Er hat ihr auch die Arme aufgeschnitten, damit die Ärzte denken, dass sie das selbst gemacht hätte. Es war schrecklich. Sie war ziemlich schwer verletzt. Im Krankenhaus hat sie Leo kennen gelernt. Und der hat geschafft, was keiner von uns fertig gebracht hätte: Er hat sie wieder aufgebaut. Na ja, und sie ihn wohl auch. Ich weiß, du magst ihn nicht, aber Leo ist schon in Ordnung. Er kann rüde sein und spielt sich dominant auf, aber er liebt Thalia, und ich glaube, ohne sie würde er zugrunde gehen."
Remus betrachtet das Spiel der Wellen. Auf einmal war er sich nicht mehr sicher, ob Thalia sich für ihn entscheiden würde. Sie vertraute ihm, sie liebte ihn, doch wie sehr war sie an Leo gebunden? Wie viel würde ihr am Ende diese eine gemeinsame Nacht bedeuten? Spielte es eine Rolle, dass er ein Werwolf war? Sie hatten dieses Thema nicht weiter vertieft. Hielt sie sein Geständnis gar für eine Metapher und hatte das Bild seines brennenden Fleisches verdrängt?
Auf See zu sein, war wie eine Klausur in einem Kloster. Natürlich gab es Arbeit an Bord, aber letztlich blieben sie doch alle drei ihren Gedanken und dem sanften Schaukeln der Wellen überlassen. Sie hatten Glück. Die See war ruhig, der Himmel sonnig oder sternenklar, und sie segelten langsam unweit der Küste nach Norden.
Am
Abend – sie hatten alle zusammen gesessen und relativ entspannt
griechische Mythologie und englische Literatur diskutiert, bis es
einfach zu kalt geworden war an Deck – bot Jimmy wieder an, die
erste „Wache" zu nehmen. Remus vermutete, dass der Seemann eine
Weile allein sein wollte, doch zu seiner Überraschung entschied
Thalia, nicht mit ihm hinunter zu gehen in die Kajüte, sondern
noch bei Jimmy zu bleiben. Remus, der völlig durchgefroren war,
entschloss sich, erst einmal eine heiße Dusche zu nehmen und
dann zu schlafen. Er war müde von der Sonne, dem Wind, der
frischen Luft und den vielen Gedanken und widersprüchlichen
Gefühlen, die ihm keine Ruhe ließen.
Als
er in seiner Koje lag und dem sanften Schaukeln der Wellen
nachspürte, hörte er Jimmys und Thalias Stimmen von
Achtern. Er konnte die Worte nicht verstehen, aber sie schienen
heftig zu streiten. Als er schon fast den Entschluss gefasst hatte,
noch einmal hinauf hoch zu gehen, wurde der Ton ihrer Unterhaltung
wieder ruhiger. Während Remus noch darüber nachdachte, was
die beiden wohl so intensiv hatte diskutieren lassen, glitt er in
einen tiefen, traumlosen Schlaf hinüber.
oooOOOooo
Als er erwachte, stand die Sonne bereits wieder am Himmel. Jimmy in der anderen Koje schlief tief und fest. Ein blonder Schimmer bedeckte seine Wangen und gab dem breitschultrigen Mann etwas seltsam Schutzbedürftiges. Remus zog sich leise an und erklomm die Stiege zum Hauptdeck. Thalia lehnte gegen die rückwärtige Wand der Kajüte. Sie hatte eine warme gefütterte Jacke an und sich zusätzlich in eine Decke gewickelt. Ihr Haar wehte in der Brise, die deutlich aufgefrischt hatte.
„Bist du nicht müde?" fragte er, als er sich neben ihr niederließ. Sie schüttelte den Kopf. Auf einmal erschien sie ihm fern und unnahbar. Zögernd streckte er die Hand nach ihr aus. Sie ergriff sie, zog sie an ihrem Mund und küsste spielerisch seine Finger. Remus fühlte, wie sein Herz einen Stolperer tat und ein warmes Glücksgefühl sich in seinem Bauch breit machte. Er schlang die Arme um ihre schmalen Schultern und vergrub die Nase in ihrem roten Haar.
„Du hast dich mit Jimmy gestritten", sagte er ruhig.
„Wir waren nur unterschiedlicher Ansicht", erwiderte sie.
„Ich zerstöre euren Frieden", sagte Remus.
Sie lachte leise. „Dein Auftauchen hat unsere Lethargie beendet. Manchmal muss man Lebensentwürfe überdenken. Jimmy fällt es schwer. Ich tue mich übrigens auch nicht so leicht damit."
„Mir ist bewusst, dass du in anderen Beziehungskategorien denkst als ich", begann Remus vorsichtig. „Es fällt mir schwer, keine Besitzansprüche zu stellen." Er zögerte, aber da sie schwieg, blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr die Frage zu stellen, vor deren Antwort er sich fürchtete. „Wirst du Leo verlassen?" Sie sah ihn an, und sie schien tatsächlich erstaunt zu sein. „Ist es das, was du willst?"
„Ich
dachte, das läge auf der Hand", erwiderte Remus und versuchte
ein Lächeln, das irgendwie schief geriet. „Die letzte Nacht
war etwas Besonderes."
‚Merlin,
lass sie nicht sagen, dass es für sie anders war!', flehte er
still.
Thalia lächelte, und bei ihr geriet es nicht schief. „Das war sie. Sehr besonders." Sie lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter und zog seine Hand an ihr Herz. „Ich hoffe, es wird nicht die einzige bleiben, Remus. Ich bin mir nur nicht sicher, ob Leo zu verlassen etwas mit uns zu tun hat. Ist es die Bedingung, um dir zusammen zu sein?"
Remus schluckte. War es eine Bedingung? „Ich denke schon", sagte er nach einer Weile. „Ich kann mir nicht vorstellen, dich in einem Hotel zu treffen, mir dir zu schlafen, und nach ein paar Stunden gehst du in eure Wohnung zu ihm und ich kehre allein in meine leere Höhle zurück."
Sie lachte ihr leises, sanftes Lachen. „Ein Hotel werden wir uns kaum leisten können. Ich könnte es sicher arrangieren, ganze Nächte bei dir zu sein und bleiben, bis du zur Arbeit gehst. Das würde Strolch bestimmt auch gefallen, nicht wahr?" Sie kraulte den kleinen Mischling, der mit Remus auf Deck gekommen war und sich zufrieden auf ihrem Schoß zu einer Fellkugel zusammen gerollt hatte.
Remus dachte nach, aber alles in ihm sträubte sich gegen ein solches Konstrukt. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie, bis ihnen beiden die Luft wegblieb. Sie schmeckte so süß und warm. Er würde nicht teilen können. Er sagte es ihr. „Ich liebe dich, Thalia. Ich will mit dir leben, ich möchte neben dir aufwachen. Nicht nur gelegentlich."
Sie sah ihn an. „Bist du sicher, dass es das ist: Alles oder nichts?"
Er
ließ von ihr ab und spürte dem Gedanken nach. Alles oder
nichts, falls er sie zu einer Entscheidung zwang. Und wenn sie sich
nun doch für Leo entschied?
Schließlich
schüttelte er den Kopf. „Nicht heute. Ich habe zu viel Angst,
um dich vor die Wahl zu stellen. Aber ich glaube, dass eine Menage á
trois nicht funktionieren wird. Bevor ich dich verliere, werde ich
jedoch versuchen, damit klar zu kommen."
Der Gedanke allein machte ihn krank. Er hoffte, dass sie vielleicht nur Zeit brauchte, um Leo aufzugeben. Er wollte lieber gar nicht daran denken, wie dieser reagieren würde, wenn sie ihm sagte, dass sie mit Remus zusammen war. Sie beugte sich zu ihm herüber küsste ihn sacht. Ohne nachzudenken lehnte er sich in ihre Umarmung. Ihre Lippen teilten sich für seine Zunge, und ihre Finger fanden irgendwie einen Weg unter seinen Pullover und unter sein T-Shirt. Sie jagten ihm einen Schauer über den Körper mit ihrer Eiseskälte.
Remus zog ihre Hände unter seiner Jacke hervor. „Du bist ja völlig durchgefroren. Lass uns hinein gehen."
„Wir würden Jimmy stören."
„Der schläft tief und fest. Wir werden leise sein." Remus zog sie auf die Füße und öffnete die Kajütentür. Thalia stieg hinab, und Strolch folgte ihr. Remus hörte sie lachen. Der Grund erschloss sich ihm, als er ebenfalls unten ankam. Strolch hatte sich zielstrebig zur Kombüsentür begeben und sich demonstrativ davor gesetzt.
Remus seufzte genervt auf, dann presste er Thalia plötzlich gegen die Wand der Kajüte und küsste sie leidenschaftlich.
„Hey, dein Hund hat Hunger!" protestierte sie zwischen zwei Küssen.
„Du hast ja keine Ahnung, wie hungrig ich bin", erwiderte er atemlos und tatsächlich konnte er plötzlich dem Wunsch, ihr hier und jetzt sofort die Kleider vom Körper zu streifen und sie auf der schmalen Bank der Kajüte zu nehmen, nicht widerstehen. Beinahe hastig half er ihr aus der Jacke und zog ihr den Pullover über die Schultern. Merlin, wie sehr er sie wollte! Er verlor sich im Duft ihrer Haut und ihres Haares, seine Zähne hinterließen Spuren auf ihrer weichen Haut, und er leckte den Geschmack von Meer und Salz von ihrem Hals. Erst als er in sie eindrang, wurde ihm bewusst, wie nah ihm der Wolf war. Auf leisen Pfoten hatte er sich herangeschlichen und brach in seinen Geist ein. Er trieb ihn einen harten, schnellen Rhythmus. Es fehlten noch drei Tage bis zum Vollmond. Viel zu früh…
Die leisen, hellen Laute, die Thalia von sich gab, ließen ihn diesen Gedanken und alles andere um sich herum vergessen.
Als
sein Atem sich verlangsamte und seine Herzfrequenz wieder auf ein
menschliches Niveau herab gesunken war, spürte Remus das Echo
des Tieres noch immer. Es war zu früh, hämmerte es in
seinem Kopf. Seine Nasenflügel bebten. Er bedeckte Thalias
schweißnasses Gesicht mit unzähligen zarten Küssen.
Sein eigener Geruch war überall an ihr und mischte sich mit dem
Duft ihrer Haut. Remus fühlte, wie sich eine satte Zufriedenheit
in ihm ausbreitete.
Alle Fragen waren so unendlich weit entfernt, der
Moment allein füllte ihn vollständig aus.
„Deine Augen haben die Farbe von Bernstein", riss ihn Thalia unversehens aus diesem Glücksgefühl. Er biss sich auf die Lippen und löste sich widerstrebend von ihrem warmen Körper. Ohne sich die Mühe zu machen, etwas überzuziehen, stieß er die Tür zum Schlafraum auf und trat in das dahinter liegende kleine Badezimmer. Aus dem kleinen Spiegel starrte ihn sein unrasiertes Gesicht an, vertraut und dennoch fremd, und seine Augen leuchteten fast daraus hervor. Heller Bernstein, es stimmte. Kein Wunder, dass es Thalia aufgefallen war. Ihr Gesicht tauchte hinter ihm im Spiegel auf, und er spürte ihren Arm sanft um seine Mitte.
„Es sind noch drei Tage bis Vollmond", wiederholte er seinen Gedanken von vorhin laut. Er glitt mit der Zunge über seine Zähne. Wenigstens keine Reißzähne. „Es tut mir Leid, wenn es dich erschreckt hat." Die Gedanken rasten in seinem Kopf. Hatte er sich im Datum geirrt? Er blickte forschend in ihre dunkelblauen Augen, die ihn aus dem Spiegel immer noch interessiert ansahen. Ihre Miene verriet keine Angst, keine Abscheu. „Ich habe mich noch nie im Datum getäuscht", sagte er heiser.
„Das hast du auch diesmal nicht", erwiderte sie. „Vollmond ist erst in der Nacht nach übermorgen."
„Ich verstehe das nicht. Es ist viel zu früh für diese Veränderung", sagte er.
„Das sind wunderschöne Augen, Remus. Kein Grund, sich zu schämen." Er drehte sich zu ihr um. Machte sie sich über ihn lustig? Aber da war nichts Spöttisches in ihrem Gesicht. Er küsste sie etwas unsanft.
„Ich danke dir. Aber du hast keine Ahnung, wovon du sprichst. Ein Werwolf ist hochgefährlich, eine mordlüsterne Bestie, die nicht zwischen Feind und Freund unterschieden kann und alles tötet, was sie kriegen kann. Wenn der Mond kommt, gibt es mich nicht mehr. Nur noch den Wolf." Er nahm ihre Hand. „Ich muss vom Schiff runter, Thalia. Ich könnte eine Gefahr für dich und Jimmy werden. Ich weiß nicht, was mit mir geschieht."
Sie sah ihm noch einen Moment lang in die merkwürdigen gelben Augen. Dann nickte sie. „Ich spreche mit Jimmy."
oooOOOooo
Sechs
Stunden später kletterten Remus und Thalia von der „Westwind."
Jimmy hatte mit ihrer Hilfe das Boot gewendet und war hart südsüdwest
gesegelt, um sie später in einem idyllischen Hafenstädtchen
an Land zu setzen. Thalia versprach ihm, sobald wie möglich
zurück zu sein, da er das Schiff nicht alleine segeln konnte.
Ein Taxi brachte sie zum Bahnhof. Remus' Zug würde ihn vor
Mondaufgang nach London bringen. Er hatte beschlossen, bei Harvey in
der alten Brauerei unterzukriechen.
‚Merlin, das wird knapp!'
dachte er panisch. Ihm war nicht entgangen, dass sich unter anderem
sein Körpergeruch verändert hatte. Die gelben Augen verbarg
er hinter einer Sonnenbrille, die Jimmy ihm geliehen hatte. Die
Blicke seiner Mitreisenden im Abteil waren mehr als befremdlich. Es
spielte jedoch keine Rolle, solange er es nur rechtzeitig zu seinem
Versteck schaffte.
Kurz
vor London hielt der Zug plötzlich auf freier Strecke. Der
Schaffner gab bekannt, dass man aufgrund eines Triebwerkschadens des
vorhergehenden Zuges eine Verzögerung werde hinnehmen müssen.
Remus stand auf und tigerte nervös von Tür zu Tür. Sie
waren alle verschlossen. Er sah durchs Fenster – es dämmerte
bereits.
Er musste raus hier!
Das Fenster in der Toilette –
vielleicht war das ein Ausweg. Doch das kleine Fenster ließ
sich nicht öffnen und selbst wenn, es wäre für ihn zu
eng gewesen. Resigniert nahm er die Brille ab und spritzte sich eine
Hand voll Wasser aus dem kleinen Waschbecken ins Gesicht. Aus dem
Spiegel blickten ihm seine Augen warm und schokoladenbraun ins
Gesicht. Remus lehnte sich gegen die Wand und atmete tief durch. Er
spürte in sich hinein, doch die Bestie schlief.
„Was tust
du mit mir?" fragte er sein Spiegelbild.
oooOOOooo
„Hormone", sagte der Tränkemeister und ließ eine verstaubte, in dickes Leder gebundene Schwarte auf den Tisch knallen. „Ich glaube nicht an Hormone. Das ist Magie."
„Hormone sind die kleinen Dinger, die unsere Tochter wachsen lassen", widersprach ihm Virginia und stellte einen Grappa vor Remus hin: „Werwölfe – für mich klingt das noch fantastischer als der Rest deiner wilden Geschichten, Severus."
„Würdest du bitte einen Levitatis ausführen, damit mich meine Frau nicht länger für einen durchgeknallten Irren hält?" fragte Severus und schob Remus den polierten, zierlichen Eschenstab hin.
„Ich zaubere nicht so nah am Mond", weigerte sich Remus.
„Es sind noch drei Tage", gab Severus zu bedenken.
Entnervt von dem Disput zwischen Virginia und dem Tränkemeister griff Remus nach dem Stab und schwang ihn durch die Luft. „Wingardium leviosa."
Das Glas mit dem Grappa drin zersprang.
„Toll!" sagte Virginia unbeeindruckt. „Der Grappa ist von meiner Kusine Emilia. Hat sie extra aus Italien mitgebracht."
Severus verzog säuerlich das Gesicht. „Ihr seid noch nicht sehr gut aufeinander eingestellt, der Stab und du."
Remus knurrte. „Ich bin völlig fertig, Severus. Was erwartest du? Pfingstrosen?"
„Nicht im März", erwiderte der Tränkemeister.
Virginia rutschte indessen auf seinen Schoß. Sie küsste seine schmalen Lippen und sagte besänftigend: „Vielleicht ist es einfach eine Kombination aus Biologie und Zauberei. Du weißt schon, Hormone beeinflussen das arkane Feld und umgekehrt."
„Süße Theorie, Prinzessin", erwiderte er. Zu Remus gewandt sagte er grinsend: „Vielleicht hat dein räudiger Wolf auch einfach sein Weibchen gewittert."
Es hatte ein Scherz sein sollen. Aber Remus und Severus sahen sich an, und sie wussten beide in diesem Augenblick, dass letzterer den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.
„Natürlich", sagte Remus leise. „Wir haben dort zum ersten Mal…und von da an wurde der Ruf lauter und als ich mich von ihr entfernte, hörte es auf." Er sah Severus an. „Du weißt, was das bedeutet?"
„Du wirst eine ehrbare Frau aus ihr machen?" fragte der schwarzhaarige Ex-Zauberer.
„Nein. Ja. Ich meine, vielleicht, keine Ahnung. Es bedeutet, du musst den Wolfsbann brauen. Ich werde Thalia sonst nie wieder sehen können. Wenn sie wirklich die Verwandlung bewirkt…"
„Wie stellst du dir denn das Wolfsbannbrauen vor, so mit ohne Magie?" fragte Severus, milder Spott in der Stimme.
„Wieso? Du erstellst doch auch einen Dolorcalmus."
„Ich vergesse immer wieder, was für eine Niete du im Tränkeunterricht warst, Remus. Ein Dolorcalmus ist ein Trank der zweiten Stufe, aber der Wolfsbann ist ganz oben auf der Schwierigkeitsscala.
„Jetzt hört aber auf!" mischte sich Virginia ein. „Thalia ist doch kein Himmelskörper, der Werwölfe zum Glühen bringt."
Severus
grinste beinahe anzüglich, und Remus wurde rot.
Virginia
schüttelte unwillig ihren Blondschopf.
„Ich glaube immer noch
an Hormone, und ja, vielleicht hat es auch etwas mit Magie zu tun.
Wahrscheinlich ist es völlig ausreichend, wenn ihr rund um
Vollmond auf Sex verzichtet. Da muss man einfach ein bisschen
sensibel sein und ausprobieren."
„Du hast gut reden", ereiferte sich Remus. „Wenn das ‚Ausprobieren' mir entgleitet, ist Thalia tot und die halbe Nachbarschaft mit."
„Vergiß Leo nicht, wenn du schon Leute frühstückst", sagte Severus trocken.
„Severus!" Virginias helle Augen funkelten ärgerlich.
Der Tränkemeister grinste unbeirrt weiter. „War nicht so gemeint. Also gut, fangen wir an, Wolfsbann zu brauen."
oooOOOooo
Die nächsten Tage vergingen beinahe wie im Flug. Remus, der von Jimmy am Handy erfahren hatte, dass Thalia und er den Segeltörn wie geplant fortsetzen würden, um am Tag nach Vollmond erst nach London zurückzukehren, war damit beschäftigt, gut verkleidet in der Nokturngasse Tränkezutaten zu erwerben. Letztlich musste auch die findige Virginia zugeben, dass sich manche Ingredienzien wie Krallenstaub und Mondkrötendarminhalt nicht über den Großhandel bestellen ließen.
„Weiß Thalia eigentlich, dass du außer einem Werwolf zusätzlich auch ein Zauberer bist?" fragte Virginia, als sie neben Remus im Labor stand und den Magnetrührer ausrichtete.
„Ich habe nicht einmal daran gedacht, es zu erwähnen", gab Remus zu. „Ich lebe jetzt schon so lange ohne Stab, dass es kaum noch eine Rolle spielte für mich. Natürlich muss ich ihr sagen, was ich bin. Erst der Krötendarm oder erst die Lupinenwurzeln?"
„Erst der Euphorbiacaeensaft, genau siebenundsiebzig Milliliter, nicht jedoch bevor der Kessel siebenundsiebzig Grad hat", wiederholte Virginia das Rezept, das sie sich nach kurzem Lesen offenbar bereits eingeprägt hatte. Remus bewunderte ihre ruhige, souveräne Art. Sie arbeitete präzise und konzentriert, jeder Handgriff beherrscht und sicher, ihr Denken zielorientiert und strukturiert bis in den kleinsten Prozessschritt. Wäre sie eine Hexe, sie würde eine begnadete Tränkemeisterin abgeben. Zart, licht und hell war sie wie das umgekehrte Spiegelbild von Severus, der finster dreinblickend das Labor verlassen hatte, um das Mittagessen zu kochen.
„Meinst du nicht, er hätte hier bleiben sollen?" wagte Remus eine als Frage formulierte Kritik.
Virginia sah ihn, ein spitzbübisches Lächeln spielte um ihre Lippen.
„Heute geht es nur darum, genau und in der richtigen Reihenfolge zu dosieren. Das kann ich so gut wie er. Wenn ihr nächste Woche die Magisierung macht, werden wir die Rollen tauschen, denn du wirst seine Erfahrung und seinen Rat vermutlich bitter nötig haben, wenn die Hälfte stimmt von dem, was er über deine Braufähigkeiten sagt. Dann allerdings werdet ihr das essen müssen, was ich koche, und ich versichere dir, du wirst keine Freude daran haben. Ich bin eine lausige Köchin. Aber vielleicht hilft uns ja Thalia."
‚Thalia – die noch gar nicht ahnt, worauf sie sich mit mir einlässt. Die noch nicht einmal weiß, ob sie sich dauerhaft mit mir einlässt.' Remus versuchte, den Gedanken zu verscheuchen, während Virginia den Wolfsmilchsaft dosierte.
„Hast du Severus sofort geglaubt, was er ist…war?" korrigierte sich Remus.
„Vorsichtig formuliert – ich war mir sicher, dass er nicht lügt, aber ich hatte schon Probleme, meine Sicht der Welt in diese Richtung zu erweitern. Am Anfang dachte ich, er ist psychisch nicht ganz auf der Höhe. Ich meine, mal ehrlich, ein Tor, hinter dem ein Monster wohnt, das Augenfarben und Rezepte klaut… das klingt schon nach verwirrtem Geist, oder?"
„Wie hat er dich überzeugt?"
„Er hat mir Mundungus vorgestellt."
„Welch ein Held", meinte Remus ironisch und musste unwillkürlich lächeln. Hätte man Severus vor zwei Jahren gesagt, dass er einmal Dungs Hilfe in Liebesdingen bedürfen würde, er hätte denjenigen, der solches zu behaupten wagte, quer durch die Große Halle gehext!
oooOOOooo
Am Morgen des Vollmonds arbeitete Remus ebenfalls mit Severus im Labor. Unter dem Abzug über einem Bunsenbrenner stand ein kupferner Krug mit einer stinkenden, viskosen Masse. Dung hatte den Wolfsbann im Austausch gegen eine laut Virginias Angaben vorzüglich wirkende Hämorrhoidensalbe und einiges an Bargeld illegal besorgt.
„Das kannst du nicht trinken", hatte Severus nach einem Blick und intensivem Beriechen der Flüssigkeit gesagt. „Es enthält Kampher, der vermutlich den Geruch verbessern sollte, aber die Wirkung der Lupinenwurzeln aufhebt."
Remus seufzte. „Dann kipp es weg."
„Aber nein. Wir werden es lyophilisieren und später, wenn Zeit ist, die wertvolleren Inhaltsstoffe extrahieren. Unser eigener Trank ist frühestens nächsten Vollmond so weit. Du wirst diese Nacht vermutlich bei deinem Freund Harvey verbringen müssen." Remus hatte Severus von dem Versteck in der Brauerei erzählt.
Gegen
Mittag ging Remus noch einmal zu seiner Wohnung zurück, um eine
Decke und ein paar sehr verschlissene Kleidungsstücke zu holen.
Virginia hatte ihm ein mildes Beruhigungsmittel gegeben und eine
weitere Phiole Dolorcalmus
gegen die Schmerzen nach der Rückverwandlung. Von ihr hatte
Remus auch erfahren, dass Thalia den Trank gegen ihre Narbenschmerzen
einnahm, unter denen sie bei Wetterwechseln manchmal sehr litt.
‚Merlin sei Dank hat London meist konstant schlechtes Wetter',
dachte Remus.
oooOOOooo
Remus
stieg die Treppe zu seiner Wohnung hinauf, und er konnte ihn riechen
bevor er ihn sah – Sirius. Der dunkelhaarige Mann saß auf den
Stufen, den Kopf gegen Remus' Wohnungstür gelehnt. Sein Haar
floss wie Rabenflügel über Gesicht und Schultern, dunkle
Wimpern überschatteten die Haut unter geschlossenen Augen. Er
schlief. Irgendetwas in Remus' Herz ballte sich zu einem
verwirrenden Gefühlsklumpen, der wuchs und wuchs und ihn
plötzlich ganz ausfüllte. Er stand still, in die
Betrachtung des schlafenden Mannes versunken, unfähig, auch nur
einen weiteren Schritt zu gehen.
Hatte
er geglaubt, seine Gefühle für Sirius wären tot? Er
war solch ein Narr gewesen. Wütend über sich selbst stieß
er den anderen mit der Schuhspitze an.
Sirius zuckte, öffnete die Augen – und Remus sah eine Mischung aus Emotionen in dem irisierenden Grün, das ihn in seinen Bann schlug.
„Hey", sagte Gianni und lächelte. „Ich dachte schon, du kommst gar nicht heim."
„Es ist ein denkbar schlechter Zeitpunkt für eine Aussprache", antwortete Remus kühl. „Ich muss sofort wieder weg."
Gianni streckte die langen Beine und kam auf die Füße. „Was hast du vor?"
„Es ist Vollmond", erwiderte Remus tonlos.
„Dann fährst du aufs Land in den Wald? Das tust du doch, ich…weiß es, irgendwie. Ist das so eine Art Religion, die du da betreibst?"
„Nein. Ich versuche nur, möglichst wenig Menschen umzubringen, wenn ich mich verwandele." Remus wusste, wie rücksichtslos er handelte. Was, wenn Gianni…wenn Sirius sich erinnerte? Würden dann alle Erinnerungen zurückkehren? Er spähte nach einem Funken Erkenntnis in Sirius' Gesicht, aber da war nur Schmerz.
„Ich weiß, dass ich dich verletzt habe", sagte Gianni leise. Er berührte Remus sacht am Arm, doch dieser schüttelte ihn ab. „Es tut mir sehr, sehr Leid. Aber es war nicht so, wie du vielleicht denkst."
„Gib dir keine Mühe", sagte Remus hart. „Ich habe euch gesehen – im Schlafzimmer."
„Ich weiß", gab Gianni zu. „Ich habe das Huhn im Kühlschrank gefunden."
Remus drehte sich langsam um. Obwohl er die Wohnungstür aufgeschlossen hatte, standen sie immer noch im Flur.
„Es war nicht das, wonach es ausgesehen hat", sagte Gianni.
„Wie
bitte?" Remus glaubte sich verhört zu haben. Wie billig konnte
es noch werden?
„Du hast mir einen Tag vorher abgesagt, wegen
einer Veranstaltung, die du dir ausgedacht hast, um Zeit mit deinem
Liebhaber zu verbringen. Ihr habt nicht gerade Tee zusammen
getrunken. Verdammt, Sirius, du hast ihn verflucht noch mal gefickt."
Das Bild von Armandos lustverzerrtem Gesicht vor den Augen, war Remus jetzt mehr als wütend. Umso erstaunter war er, dass nun auch Sirius zornig aussah.
„Ich weiß, was ich getan habe! Und ich habe dir gesagt, dass ich es bedaure", rief er laut.
„Das reicht aber nicht!" schrie Remus zurück. Merlin, gleich würde er ihm die Kehle heraus reißen. Doch der Wolf blieb erstaunlich ruhig. Es war der menschliche Teil in Remus, der wütend war.
Plötzlich packte Sirius ihm bei Schultern und presste die Lippen auf seinen Mund. Völlig konsterniert ließ der Werwolf es geschehen. Atemlos flüsterte Sirius: „Ich habe dich nicht belogen. Die Versammlung sollte stattfinden, wurde aber abgesagt. Als ich aus der Maske kam, lief mir Armando fast über die Füße. Er sagte, ob wir nicht miteinander sprechen könnten und lud mich auf einen Kaffee ein. Ich weiß nicht, ob du das Gefühl kennst: Dass du jemanden eigentlich hassen müsstest, weil er dich hintergangen hat, aber du bringst es einfach nicht fertig, sobald derjenige vor dir steht."
Remus kannte das Gefühl sehr genau. Es beschrieb exakt seine derzeitige Gemütsverfassung.
„Wir haben was getrunken, und dann hatte er plötzlich was zu rauchen. Wir haben gekifft, eins kam zum anderen. Ich weiß, dass es falsch war. Aber ich habe dich nicht vorsätzlich und geplant betrogen." Er sah Remus offen ins Gesicht.
Dieser glaubte ihm. Doch das reichte nicht, um den Schmerz zu stillen. Vorsatz oder Fahrlässigkeit, es hatte so unendlich wehgetan.
„Ich wollte dich niemals verletzen, Remus. Ich mag Armando, all seinen Fehlern zum Trotz. Er berührt mein Herz, und ich kann dieses Gefühl nicht abstellen. Ich liebe dich deshalb doch nicht weniger!"
Ihre Blicke trafen sich, die Zeit schien still zu stehen.
„In unserem Schlafzimmer, in unserem Bett – Merlin, kannst du dir vorstellen, wie ich mich gefühlt habe, Sirius?" brach es aus Remus hervor.
„Nenn' mich nicht so", sagte der andere bestimmt. „Sirius ist tot."
„Du bist Sirius!" schrie Remus ihn plötzlich an. Seine Hände zitterten, und er griff nach der Türzarge, um sich aufrecht zu halten.
„Ich bin Gianni Nero", sagte der Dunkelhaarige ruhig. „Ich weiß sehr wohl, dass es etwas gab, bevor die Dinge so wurden, was sie jetzt sind. Ich habe Bilder in meinem Kopf…Fetzen von Erinnerungen. Ich lebe damit, aber ich habe mich für ein neues Leben entschieden, Remus. Ich liebe dich, aber ich werde nicht in die dunkle Welt zurückkehren, aus der du und Severus stammen. Ich will keine Erinnerung an Sirius Black. Allein der Name macht mir Angst. Meine Träume sind hier, und wenn der Preis dafür unsere Liebe ist, werde ich ihn bezahlen." Ihm standen Tränen in den Augen, aber er schien entschlossen.
Remus ließ sich an der Wand hinunter sinken. Ihm zitterten die Beine. Er wusste, er sollte längst auf dem Weg zur Brauerei sein.
„Du vermischst die Tatsache, dass du mich betrogen hast - und dass es ungeplant war, glaube ich dir - mit meiner Hoffnung, dass du wieder der werden könntest, der du einmal warst für mich. Aber ob ich dir deinen Fehltritt verzeihe oder du mir jemals vergibst, dass ich mich geweigert habe, dich als der zu sehen, der du heute bist, spielt jetzt eine untergeordnete Rolle. Denn den Platz, den Sirius in meinem Leben hatte, hat jemand anderes eingenommen. Und sie füllt weit mehr als die Leere, die du...die er hinterließ, als er…verschwand."
„Sie?" fragte Gianni mit vor Erstaunen geweiteten Augen.
„Ich liebe Thalia", gestand Remus.
Giannis
Reaktion verblüffte ihn.
„Das tun wir doch alle. Sie ist
das süßeste Mädchen auf Gottes weiter Erde."
„Du verstehst nicht. Ich meinte das nicht im übertragenen Sinne." Remus suchte nach den richtigen Worten. „Ich will sie bei mir haben, mit ihr leben."
Gianni zögerte. „Weiß sie davon?"
Remus sah ihn mitleidig an. „Was glaubst du wohl?"
„Weiß Leo auch schon davon?" hakte Gianni nach.
Remus schüttelte den Kopf.
„Böse Falle", sagte Gianni. „Sie wird ihn niemals verlassen. Ich sage nicht, dass sie nicht trotzdem mir dir zusammen sein könnte, aber die einzige feste Größe in ihrem Leben ist Leo." Er seufzte. „Remus, ich liebe dich. Wenn du mir verzeihen könntest, würde mir das viel bedeuten, ob wir nun zusammen bleiben oder nicht. Komm zu mir zurück, wenn du willst. Ich kann dir vermutlich nicht versprechen, dass ich immer treu sein werde. Aber ich werde so treu wie möglich sein."
Remus schluckte. „Ich kann nicht, Gianni."
„Dann hoffe ich, dass du mein Freund bleiben kannst." Gianni wischte mit dem Ärmel seiner Lederjacke eine Träne aus dem schönen Gesicht. Er küsste Remus sanft auf den Mund. „Wir sehen uns."
Mit schnellen Schritten war er die Treppe hinunter, und Remus hörte kurz darauf die Haustür ins Schloss fallen. Müde und leer lehnte er sich gegen die kalte Hauswand. So also endete nach so vielen Jahren seine gemeinsame Geschichte mit Sirius. „Deine Zeit mit Sirius war vor mehr als zwei Jahren beendet, als er durch den Vorhang fiel", bemerkte eine leise Stimme in seinem Kopf. „Dies ist Gianni, den du eben weggeschickt hast."
oooOOOooo
Remus war erleichtert, als er im Hof der Brauerei apparierte. Merlin sei Dank hatte er sich mit Severus' formidablem Slytherinstab nicht in die selbst in die Luft gesprengt. ‚Ohne das Ding wäre ich nicht rechtzeitig hier gewesen', dachte er.
„Harvey?"
„Hab' dich schon gesehen!" schmetterte der Geist und kam sehr ungeisterhaft um die Ecke gefetzt. „Du bist spät dran, Werwolf."
„Ich weiß", erwiderte Remus. Er eilte zu der Falltür, die die alte Halle gegen den Maischekeller abschloss.
„Ähem", vernahm er ein Räuspern von dem dicken Gespenst.
„Was?!" fragte Remus grob, eine böse Ahnung stellte ihm die Nackenhaare auf.
„Mach ruhig auf", meinte Harvey.
Er öffnete den Abgang. Abgestandenes, faulig riechendes Wasser schwappte über die zweitoberste Stufe.
„Wasserrohrbruch", zuckte Harvey bedauernd die Schulter.
„Oh Merlin!" rief Remus aus. „Warum hast du mich nicht verständigt?"
„Du hast nicht gerade deine Handynummer bei mir hinterlassen", argumentierte Harvey nachvollziehbar und verschränkte beleidigt die Arme.
„Schon mal was von Eulen gehört?" knurrte der Werwolf. Dann wurden ihm die Knie weich. Er riss sich die Kleidung vom Leib und taumelte in das kalte, abgestandene Wasser. „Verschließ die Tür, Harvey. Was auch immer passiert, lass mich nicht raus."
„Bist du wahnsinnig? Du krepierst in dem kalten Wasser!" rief der Geist entsetzt.
„Tu was ich dir sage!" befahl Remus barsch, und er spürte, wie sich seine Stimme veränderte. Sein Inneres begann zu glühen, während die Kälte durch seine Haut in seinen Körper eindrang. „Hol Hilfe!"
„Das Ministerium?" fragte der Geist irritiert.
„Nein, bei Merlins Bart! Severus Snape. Sonnenapotheke." Die Stimme versagte ihm, und dann übernahm der Wolf die Regie und Remus Lupin hörte auf zu denken.
OOOoooOOO
„Gott sei dank, er kommt zu sich."
„Das wäre ihm zu raten. Ich will mich nicht umsonst die ganze Nacht als Hundesitter betätigt haben."
„Hat er Flöhe in seiner Wolfsform?"
„Oh, das gibt eine ziemlich hässliche Narbe."
„Remus? Wir haben uns solche Sorgen gemacht."
„Wenn er mir seine Handynummer gegeben hätte, wäre das nicht passiert. Eulen – wer benutzt die denn heute noch?"
Remus schlug mühsam die Augen auf. Er blickte in ein blaues, ein grünes, ein braunes und ein geisterhaft trübes Augenpaar.
Severus
und Gianni hatten dunkle Schatten unter den Augen, Harvey violette,
wenn man von Nebel so etwas sagen konnte; lediglich Virginia sah aus,
als hätte sie gerade einen vierwöchigen Kuraufenthalt
hinter sich.
Remus
sah sich um. Er befand sich in einem Schlafzimmer mit filigranen
Ebenholzschränken und einem blütenweiß bezogenen
Bett. An der Wand hingen Fotografien des Mont Blanc, verschneiter
Chalets und ein Bild von Virginia in einem knallroten Skianzug.
„Du hast dich erheblich verbessert im Vergleich zu deinem Kerker in Hogwarts, Severus", sagte Remus. Seine Stimme klang rau und fremd.
„Und du hast schon mal besser ausgesehen", konterte der Slytherin. „Du kannst Gina danken, dass sie so eine sichere Schützin und begnadete Pharmakologin ist. Sie hat sogar die Dosierung von Hundenarkotika im Kopf."
„Dann musst du aber auch Gianni danken", ergänzte Virginia. „Er war es, der der Tierärztin das Blasrohr unter Einsatz seines ganzen Charmes abgeschmeichelt hat. Sowas führt meine Apotheke dann doch nicht. Außerdem hat er dein Gesicht wieder soweit zusammen geflickt, dass man dich immer noch erkennt."
„Danke, ihr zwei", sagte Remus leise.
Gianni zuckte die Achseln. „Ein guter Masken- und Kostümbildner muss schließlich auch ein bisschen nähen können. Und ich werde es dir wegschminken, wann immer du ausgehen willst. Du weißt schon, leichtes Tagesmakeup. Aber ohne Harvey wärest du da unten ertrunken oder erfroren, und wir alle wissen, auf welche nette Gesellschaft er verzichtet hat, indem er dich gerettet hat."
„Freibier für Harvey", verkündete Severus. Dann reichte er Remus einen Taschenspiegel. „Hier. Besser, du konfrontierst dich gleich damit."
Remus starrte auf sein Gesicht und den langen, blutigen Riss, der sich von seinem Ohr über seine linke Schläfe bis fast zum Mundwinkel zog. Er erschrak. Dieser Mond hatte ihn gezeichnet. „Wem von euch habe ich diese Wunde zu verdanken?"
„Rat mal", schnarrte Severus.
„Hast du dir die Fingernägel nicht geschnitten?" fragte Remus sarkastisch zurück.
„Das war ein Silberdolch. Du hast Gina angegriffen, als das Betäubungsmittel nicht schnell genug wirkte. Ich dachte, es wäre in deinem Sinne, wenn du mit einer Narbe im Gesicht statt einer auf deiner Seele aufwachst."
„Danke, Severus." Es war nicht ironisch gemeint.
Remus seufzte auf. „Wir müssen diesem Wahnsinn ein Ende bereiten. Ich brauche einen sicheren Ort, an dem ich mich verwandeln kann und die anderen Lykantrophen auch. Diese Werwolfsgesetze müssen weg. Wir brauchen unsere Stäbe für angemessene Sicherungszauber. Es ist schon schwer genug, ohne dass die Auroren und die magische High Society uns nachstellen." Er erzählte den anderen von dem unverbrüchlichen Schwur, dessen Erfüllung ihm der designierte Zaubereiminister schuldete.
Als er geendet hatte, sagte Severus: „Die Zeichen stehen günstig. Lucius ist vor drei Wochen zum Minister gewählt worden. Ich schlage vor, dass du, der registrierte Werwolf, und ich, der abgeurteilte treue Diener Voldemorts, einfach ins Ministerium marschieren und um eine Audienz bei Malfoy bitten."
„Wie bitte?" fragte Remus irritiert.
„Das war ein Scherz, du Schaf im Wolfspelz", sagte Gianni mit Nachsicht in der Stimme. „Was wir brauchen, ist ein Plan."
„Der wird ganz sicher ohne dich auskommen müssen, Nero", verkündete Severus.
„Ach, aber ein ehemaliger Doppelspion ohne Magie, dessen Gesicht wirklich jeder in Zaubererlondon kennt, ist da besser geeignet?" keifte Gianni zurück.
„Was man vom Gesicht eines aus Askaban entflohenen Mörders ja auch überhaupt nicht sagen kann", schnarrte der Tränkemeister.
Remus sah, wie Gianni blass wurde.
„Aufhören, alle beide!" rief Virginia.
„Merlin, das ist ja wie früher", stöhnte Remus. Er sah zu Gianni hinüber, der bleich auf die Bettdecke starrte und sich mit zitternden Fingern durch die schwarzen Haare fuhr und griff spontan nach seiner Hand. „Alles okay?"
„Was ist Askaban?" fragte Gianni. „Ich hab's vergessen, aber der Name allein macht mich krank."
„Glaub mir, es ist besser, wenn du das nicht weißt", erwiderte Severus, dem ebenfalls die Farbe aus dem Gesicht gewichen war. „Ich hätte gar nicht damit anfangen sollen. Entschuldige, Gianni."
Er verließ das Zimmer. Virginia eilte ihm nach. Eine Viertelstunde später, in der Harvey die beiden verbliebenen Männer erfolgreich mit seiner Version von „Smoke on the water" abgelenkt hatte, kehrte sie mit einem Krug zurück. Sie goss eine weiße Flüssigkeit in ein Glas und reichte es Remus. „Hier. Das hilft gegen deine Schmerzen. Außerdem ist ein starkes Antibiotikum drin, damit sich die Wunden nicht entzünden." Remus kippte das Glas hinunter. „Ach ja, ich habe dir ein leichtes Schlafmittel mit hinein gemischt."
Remus spürte, wie seine Augenlider schwer wurden.
„Ich soll dir noch mal von Severus sagen, dass es ihm Leid tut, Gianni. Glaub mir, es macht ihm selbst ganz schön zu schaffen, dass er sich nicht mehr so gut im Griff hat wie es früher wohl der Fall war."
„Ist schon okay. Unter Freunden muss man das manchmal aushalten", erwiderte Gianni und grinste bereits wieder. Er strich Remus geistesabwesend durch die Haare. „Thalia kommt morgen früh", sagte er leise zu ihm und drückte ihm dann einen Kuss auf die unversehrte Wange. „Keine Angst, mit der kleinen Narbe wirst du sie kaum verscheuchen können."
Remus wollte noch etwas erwidern, aber sein Geist versank in wohlig warmen, bunt gefärbten Nebelwolken. Virginia hatte offenbar ordentlich Opium in seinen Cocktail gemixt.
TBC
