21.
„Man, Kowalski, ich hätte ja gedacht, dass Sie… irgendwie besonnener wären. Ich bin schon aus den unterschiedlichsten Gründen aus einer Bar hinauskomplimentiert worden, aber noch nie, weil meine öde Begleitung sich geprügelt hat", sprach David mit Rokko, während er in dessen Kühlschrank nach etwas suchte, dass die Spuren der Schlägerei kühlen konnte. „Hier", hielt er Rokko etwas entgegen. „Das hat ja Gefrierbrand", stellte Rokko irritiert fest. „Auch noch meckern", schüttelte David den Kopf. Ohne Ankündigung drückte er Rokko das gefrorene Stück Fleisch ins Gesicht. „Boah, kalt", jammerte dieser. „Seien Sie doch nicht so ein Weichei. Erst sich schlagen wie ein Neandertaler und dann mit so ein bisschen Kälte nicht klarkommen." – „Ich weiß ja, dass das nicht astrein war, aber…" – „Wenn Sie sich wenigstens nur gegen diesen Angriff verteidigt hätten, aber…" David zuckte mit den Schultern. „Meine Oma hat immer gesagt: Der Klügere gibt nach." Rokko riss die Augen auf. „Das hatte mit Intelligenz gar nichts zu tun. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Bruno so austickt, nur weil ich ihm sage, dass er mit Lisa nicht so umgehen kann, wie er mit ihr umgeht." – „Wie geht er denn mit ihr um?", wollte David wissen. „Interessiert Sie das wirklich?" – „Natürlich interessiert mich das! Lisa ist mir wichtig. Ich meine, ich war in letzter Zeit zwar völlig von der Firma besessen, aber… aber sie ist trotzdem immer noch eine gute Freundin und wenn sie mit ihren Problemen nicht zu mir kommt…" – „Bruno stellt ihr nach", brachte Rokko die Situation auf den Punkt. „Sie meinen jetzt aber nicht geschwisterlich, oder?" – „Nein. Er… Wie soll ich das formulieren? Gestern im Einkaufszentrum: Er war richtig grob zu Lisa und er ist besessen von der Idee, dass die beiden ein Paar sind… sein könnten… müssen." – „Das klingt, als bräuchte er Hilfe… professionelle. Sie werden es nicht gesehen haben – so schnell wie alles ging, aber Lisas Bruder, der hatte den irren Blick. Richtig irre, meine ich." – „Eher wie ein Kettensägenmörder oder wie ein Axtmörder?", zog Rokko sein Gegenüber auf. „Pf, ich sollte Ihnen das Stück Fleisch wegnehmen und Sie Ihrem sich andeutenden Hämatom überlassen", winkte David beleidigt ab. „Ich schätze, als Frau von Brahmberg meinte, ich solle Sie heute Nacht beschäftigen, hat sie nicht das gemeint", lenkte Rokko ein. „Bestimmt nicht, aber sie wird froh sein, dass ich mich nicht geprügelt habe." – „Immer rein in die Wunde", grinste Rokko. „Wenn es Sie beruhigt, ich wollte mich nicht prügeln. Ich wollte nur, dass Bruno weiß, dass er Lisa systematisch kaputt macht. Er merkt das anscheinend nicht." – Meine Oma würde jetzt sagen: Reden ist Silber, Schweigen ist…" – „Weisheiten Ihrer Oma, sehr schön. Meine pflegte ja zu sagen: Grün und blau schmückt die Sau und nun sehen Sie sich meinen Anzug an", deutete Rokko auf sich. David musterte das Kleidungsstück, das aussah wie Kunstrasen und das stahlblaue Hemd darunter. „Okay, Sie haben gewonnen. Sagen Sie mir, wo ich das Gästezimmer finde und ich überlasse Sie Ihrem Gefrierbrand."
„Er hat sich wirklich mit Bruno geprügelt?", fasste Mariella am nächsten Tag bestürzt Davids Bericht zusammen. „Das hat ja gerade noch gefehlt. Ich meine, es ist ja nicht so, als wäre Lisas Bruder nicht schon schräg genug drauf. Sie hat mir da so einiges erzählt, das ist schon nicht mehr normal." – „Er stellt ihr nach?", wandte David sein Wissen aus dem Gespräch mit Rokko an. „So könnte man es formulieren. Er ruft sie an, er schreibt ihr Mails, er ist ständig bei ihr Zuhause." – „Nun ja, sein Vater ist dort." – „Ja, aber… keine Ahnung, es ist echt gruselig, wie Bruno drauf ist." – „Wie gut, dass Lisa jetzt dich als Unterstützung und Hilfe hat", grinste David seine Lebensgefährtin an. Diese lachte kurz auf. „Ich wünschte, es wäre so. Ich meine, ich wollte es dir und Herrn Kowalski gegenüber so darstellen, aber wenn ich ehrlich bin: Es gibt nichts, was ich für Lisa tun kann. Bruno ist der Knackpunkt und wenn sich daran nichts ändert, dann ändert sich nichts an Lisas Situation. Alles, was ich tun konnte, war ihr zuzuhören, sie ein bisschen abzulenken, aber mehr auch nicht." – „Das ist doch schon eine ganze Menge", beruhigte David Mariella. „Lisa ist viel stärker als sie wirkt. Es ist aber nie verkehrt, jemanden zum Reden zu haben." – „Danke, dass du das sagst." – „Ähm, auch wenn das jetzt geschmacklos erscheinen mag: Was ist denn jetzt mit Lisas Kündigung? Rückgängig wird sich die ja nicht machen lassen… Was wird denn nun aus Kerima?" – „Ach, David, keine Ahnung. Wir sollten uns Dienstag wie immer bei Herrn Kowalski treffen und darüber reden. Vielleicht sollten wir auch überlegen, ob es überhaupt Sinn macht, noch um Kerima zu kämpfen, ob wir das wirklich wollen, verstehst du?" – „Aber…" – „Nein", unterbrach Mariella David. „Denk erstmal in Ruhe darüber nach." – „Okay. Glaubst du wirklich, Kowalskis Wohnung ist ein guter Treffpunkt? Ich meine, er hat nichts gesagt – direkt, meine ich, aber ich glaube, zwischen ihm und Lisa, da ist irgendwas, das noch nicht ganz ausgereift ist." Mariella bedachte ihren Lebensgefährten mit einem wissenden Lächeln. „Dann treffen wir uns hier. Von Richard dürfte ja jetzt keine Gefahr mehr für Lisa ausgehen."
„Was hältst du davon, essen zu gehen? Ich dusche nur schnell und dann führe ich dich aus", schlug David kurze Zeit später vor. „Klingt gut. Wir müssten aber noch bei der Videothek vorbei, um die Filme zurückzubringen." – „Ay-ay", lachte David. „Ist das eigentlich so ein Frauending? Diese seltsamen Filme plus jede Menge Kalorien?" – „Zumindest haben wir uns nicht geprügelt", grinste Mariella. „Uh, touché", lachte David. „Wobei… ich habe ja gar nicht mitgemacht. Und ob du es glaubst oder nicht, Kowalski ist zwar nicht groß, aber der hat echt Kraft. War nicht so leicht, ihn von Bruno wegzuziehen." – „Oh, mein armer Schatz", bedauerte Mariella David ironisch. „Wenn du mir nicht glaubst, dann frag Jürgen", verteidigte dieser sich. „Natürlich glaube ich dir", lächelte Mariella. „Und nun geh duschen, ich verhungere."
Pfeifend stand David vor dem Badezimmerspiegel und widmete sich seiner Rasur. „Mist", schimpfte er, als er merkte, dass die Klinge zu stumpf war, um sich weiter zu rasieren. Er zog den Mülleimer unter dem Waschbecken hervor. „Was ist denn das?", fragte er sich laut, als er eine größere Verpackung darin sah. „Schwangerschaftstest", las er vor. Dann breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus. Mariella war schwanger! Er würde sein Wissen aber für sich behalten, bis sie ihn mit den Neuigkeiten überraschte. So wie er seine Lebensgefährtin kannte, plante sie bestimmt einen romantischen Abend, um ihm dann von dem Baby zu erzählen. Ob er wohl so lange aushielt, ohne dümmlich zu grinsen? Er musste einfach, damit Mariella nicht enttäuscht war.
„Wat is denn mit dir passiert?", bestürmte Bernd seinen Sohn, als dieser das Haus der Plenskes in Göberitz betrat. „Ich hatte einen Zusammenstoß mit einer Faust." – „Mit ner Faust", wiederholte Bernd. „Mit wessen Faust denn?" – „Kowalski. Der hat mal bei Kerima gearbeitet. Lisa hat noch viel Kontakt zu ihm", berichtete Bruno seinem Vater. „Schnattchen?", rief dieser die Treppe hinauf. „Komm mal runter, schnell."
„Nun sieh dir an, was dein feiner Freund mit meinem Sohn angestellt hat", deutete Bernd vorwurfsvoll auf Bruno. „Hast du auch schon gefragt, wer angefangen hat?", gab Lisa gereizt zurück. „Er hat mich provoziert", verteidigte Bruno sich. „Ich weiß, dass er provokant sein kann, aber doch nicht in diese Richtung. Ich will erst beide Seiten gehört haben, bevor ich ein Urteil fälle." – „Du nimmst ihn auch noch in Schutz", warf Bruno ihr traurig vor. „Jürgen und dieser Seidel konnten ihn kaum halten, als er sich auf mich gestürzt hat." – „Es gibt also Zeugen. Vielleicht sollte ich dann Jürgen mal fragen, wie er das Ganze sieht." – „Das ist so unfair von dir. Dein feiner Herr Werbefachmann verprügelt mich und du… Ach, was rede ich, klar, dass du Partei für ihn ergreifst, immerhin lässt du dich ja von ihm vögeln." – „Was ist? Da läuft was zwischen dir und dem Schläger, Schnattchen?", mischte Bernd sich ins Gespräch. „Ob und was da läuft, geht niemanden etwas an. Ich fahre jetzt erstmal nach Berlin und finde heraus, was wirklich los gewesen ist." Entschlossen ging Lisa in den Flur und griff nach ihrer Jacke. Bruno war ihr gefolgt und legte seine Hand um ihren Arm, um sie aufzuhalten. „Tu das nicht. Tue uns das nicht an." – „Bruno, es gibt kein Uns, außer du meinst ein geschwisterliches Uns."
„Hey", grüßte Lisa Rokko scheu. „Ich… ich habe von der Prügelei gehört und wollte mal sehen, wie es dir geht." – „Gut", erwiderte Rokko. „Danach sieht es aber nicht aus." – „Es fühlt sich aber nicht so schlimm an. War's das?" – „Ich hatte gehofft, wir könnten nochmal in Ruhe über alles reden. Du weißt schon, neulich Nacht, das im Einkaufszentrum und…" Wortlos machte Rokko einen Schritt beiseite. „Komm erstmal rein", winkte er Lisa in seine Wohnung.
