„NEIN."
Das Wort kämpft sich aus dem innersten Winkel deines Herzens hinaus über deine Lippen an die Freiheit. All deine Gefühle bersten, gepresst in diese vier Buchstaben, hinaus. Es klingt flehend, zugleich auch fordernd, stark, denn du warst dir einer Sache nie gewisser, und vor allem eines: verzweifelt. Du glaubst nicht daran, dass es alles einfach so vorbei sein würde, nein, etwas in dir würde zerbrechen, wenn die Ketten der taubengrauen Realität dein Herz wieder in Beschlag nehmen würden. So einfach konnte es doch nicht vorbei sein. Es widerstrebt dir es zuzulassen.
Der Nachhall deines Ausbruchs sublimiert in der Hitze des Momentes. Innerlich stehst du in Flammen. Alles um dich herum geht schnell, zu schnell. Du hast doch noch gar keine Zeit gehabt zu begreifen, dass der Mann mit der erstarrend kalten Aura kein gewöhnlicher Mensch ist, ferner war es dir vergönnt überhaupt Abschied von ihm zu nehmen, oder eine ausführliche Antwort auf all deine Fragen zu bekommen. Das ist nicht fair. Deine Fäuste ballen sich, dein Blick wandert gen Boden, jedoch nicht ohne zuvor die Haltung des Undertakers einzufangen. Gleich einer Salzsäule steht er in unveränderter Position da, den Federhalter zwischen seinen langen Fingern rollend. Doch er scheint zu warten, denn noch bist du hier.
Langsam schließt du die Lider und atmest aus. Vor deinem geistigen Auge spielen sich die letzten Tage in rasanter Geschwindigkeit ab, und obwohl du erst wenige Monde in dieser Zeit lebst, kommt es dir vor wie dein ganzes Leben lang. Ein Leben, das du nie wieder missen willst. Vergessen seien die Leichen, der Gestank des Urins in den Gassen oder holprigen Kopfsteinpflasterwege. Nicht das Greifbare macht diese Welt aus, sondern dass, was du gelernt hast mit einem neuen Blick zu sehen. Die Wahrheit zwischen den Zeilen, der große Zauber hinter kleinen Dingen und vor allem die Freude am Leben zu sein. Es gibt doch noch so vieles, das du noch lernen und erkunden willst. Warum will er dem ein Ende setzen?
Du weißt, dass des Todesgottes Intention unbestreitbar edel sind. Der Undertaker will dich beschützen, auch wenn ihr beide dafür einen hohen Preis zahlen müsst. Ihn erwartet die Einsamkeit und dich... Du würdest lieber zugrunde gehen, als zurückzukehren. In der Zukunft hält dich nichts mehr. Auch wenn es hier gefährlich ist… deine Seele hat gewählt, dein Herz den neuen Takt übernommen. Dir ist bewusst, dass dieser Gedanke egoistisch ist, doch sind des Leichengräbers Absichten nicht minder selbstdienend? Für sein Gewissen schickt er dich weg? Vom größeren Wohl kann keine Rede sein, auch nicht von rational begründbaren Entscheidungen. Du weißt, dass man nicht alle Schlüsse nachvollziehen muss, denn einige Dinge kann man nur mit dem Herzen entscheiden.
Doch würde er es verstehen?
Langsam wandern deine Blicke zum Schwarzgekleideten, der gleich einer steinernen Statue vor dir steht und abzuwarten scheint. Es ist an dir zu reden, denn immerhin war es dein Wort, das dich hat hier bleiben lassen.
„Ich möchte nicht gehen." Dein Tenor ist unsicher geworden, es muss an ihm liegen- an seiner Haltung, seiner Aura, seinem wahren Ich. Da du nun um seine grausame Natur weißt, beginnen hunderte, ja gar tausende neuer Fragen in deinem Hals emporzusteigen. Doch wenn du es nicht schaffen würdest ihn zu überzeugen, dann wären alle diese sich anbahnenden Gedanken dazu verdammt mit samt deinen Erinnerungen zurück in die Schwärze gerissen zu werden. Das darf ich nicht zulassen.
Nach einer ganzen Weile der Stille notierst du das erste Mal eine Veränderung in der Expression deines Gegenübers. Er schützt die Lippen- ein Zeichen des Missmutes. Nach und nach scheint er aus seiner Starre zu schmelzen, auch wenn das Schreibinstrument in seinem Griff noch immer dem Papier gefährlich nahe ist. „_." , vernimmst du die sanfte, aber ansonsten Emotionsfreie Stimme. „Je länger du hier bleibst, desto größer wird die Gefahr, in die du sich begibst. Selbst hier bist du nicht für immer sicher." Die latente Warnung entgeht dir nicht. Doch was hatte sich verändert? In Anbetracht der Tatsache, dass der Mann vor dir nur äußerlich einem Menschen glich, in Wahrheit jedoch ein höheres Wesen war, sollte die Angelegenheit so drastisch verändern? Nein, das war es nicht, nicht für dich. Du bist bereit weiterhin hierzubleiben und den Fakt hinzunehmen. Es hatte doch zuvor auch reibungsfrei funktioniert.
Trotzdem suchst du nach Worthülsen, mit denen du ihm erklären kannst, dass du entgegen aller Bedrohungen hier verweilen willst. „Das ist mir…" „Aber nicht mir." Du kannst den Satz nicht beenden, er fällt dir ins Wort und kommt nun direkt auf dich zu geschritten. Das in Leder gefasste Buch lässt er mit dem Stift in der Seite auf den Tisch sinken. Erneut hält er vor dir, näher als je zu vor. Du spürst, wie sich sein Zeigefinger unter dein Kinn legt, und es sanft aber bestimmt anhebt. Diese Geste, der Akt, dass du hinaufsehen musst, um mit ihm zu reden ist keines Weges neu, doch in genau diesem Moment weißt du, dass du ihm unterlegen bist- in jeglicher Hinsicht. Du sollst es wissen, du sollst eine Vorstellung davon haben, dass seiner Macht so ziemlich keine Grenze gesetzt ist, dass er mit dir verfahren könnte wie er wollte- wenn er es wollte. Der Undertaker hat sich nie selbst in eine superiore Rolle begeben, doch nun spürst du am eigenen Leib wie es sich anfühlt mehr als nur unterlegen zu sein.
„Sieh mich an.", obgleich es ein Befehl ist, klingen seine Worte bittend. Du hast keine andere Wahl, sein Antlitz nimmt dein Sichtfeld voll und ganz ein. Die silber-Grauen Haare, die seinen Augen verbergen, die feine, die dich Quer um Hals und durch Gesicht ziehen und die schmalen Lippen, gezeichnet von geheimnisvoller Ausdruckslosigkeit. „Ich will nicht zulassen, dass dir etwas passiert, denn auch ich bin eine Gefahr für dich." Die Worte schneiden ein, wie rasiermesserscharfe Klingen durch totgesagtes Fleisch. Du hältst den Atem an, der Undertaker selbst schien keiner Luft zu bedürfen. Noch immer warnt er dich. Möglicherweise in der Hoffnung, dass du selbst dich eines Besseren besinnst und ohne Widerworte die Rückreise hinnehmen wirst.
Er könnte dich zwingen, ohne Probleme sogar. Auch hätte er deinen Ausruf einfach ignorieren und beenden können, was er gedachte zu tun. Aber der Shinigami hatte innegehalten, abgewartet und dir Raum gelassen dich zu erklären. Und nun steht er wenige Zentimeter von dir entfernt und sorgt dafür, dass dir die Knie bloß anhand seiner Berührung weich werden. „Trotzdem." Du denkst nicht groß nach, du tust einfach, wonach dein Herz begehrt. Auch dem Undertaker kann dein lodernder Wille nicht entgehen, die Überzeugung hier zu bleiben. „Du kannst nicht hier bleiben, nicht bei mir." Der Schatten auf seinem Gesicht scheint den ganzen Raum zu erfassen. „Dieser Ort wird bald nicht mehr sicher sein für dich."
Auch wenn du davon überzeugt bist, dass du nicht gehen willst, schafft dieser Mann es dir wieder Bedenken einzuflößen. Nein, du musst stark bleiben, an dem festhalten wonach du begehrst! So zwingst du dich ihn direkt anzusehen, auch wenn der silberfädige Vorhang deinen Blicken keinen Einlass gewährt. Du kannst nur vermuten, dass dort seine Augen sind. Es fällt dir schwer einem Wesen gleich dem Undertaker derartig selbstbewusst gegenüber zu treten. Doch er rührt sich nicht, scheint zu warten, wie das Raubtier im Schatten der Nacht.
„Bitte lass mich hier bleiben." Analog zu deinen flehenden Worten spürst du, wie die Berührung unter deinem Kinn sich dir entzieht. Unmerklich senkt sich dein Haupt, nachdem die langfingerige Stütze verschwunden ist. Mit einer fließenden Bewegung ist er auf deiner Augenhöhe. „Du sehnst dich nach der Gefahr." Du schluckst beim Klang dieser Worte. Kein menschliches Wesen konnte sein Umfeld so derartig geschickt manipulieren. „Wenn es jedoch dein innigster Wunsch ist, dann werde ich ihn dir erfüllen."
Der Hangrutsch, der dein Herz von der bedrückenden Last befreit gleicht einer gravitativen Massenverlagerung apokalyptischen Ausmaßes. Gleich einer toten Schlange fällt dir unsichtbare Schlinge um deinen Hals hinab und lässt die Luft zurück in deine Lungen fluten. Du hast das Gefühl, dass deine Organe wieder zu arbeiten beginnen und das pochende Ding hinter deinem Brustkorb seine Tätigkeit wieder aufnimmt.
Du lebst.
Wieder.
Immer noch.
Von neuem.
Der Undertaker ringt sich ein schwaches Lächeln ab. Dir wird klar, dass er nicht vollkommen mit deiner Entscheidung einverstanden ist. Doch du hattest die Wahl, es lag in deinen Händen. Dein eigenes Schicksal, das du vor einem Shinigami wählen durftest? Welche Ironie der Situation.
„Du bist hier nicht länger sicher, nicht in meinem Haus. Es werden Zeiten kommen, in denen ich deinen Schutz nicht weiter gewährleisten kann. Was dich auch immer zu verletzten drohte, es wird im Angesicht des Kommenden verblassen." Es ist ihm ernst, seine Worte lassen keine Widerrede zu. Du darfst bleiben- aber nicht bei ihm. Erneut fühlst du dich einsam. Du kannst nicht hinterm Berg halten mit deinen Emotionen. Dein Gesicht- ein offenes Buch. „_, ich habe dich nicht vor deinem Verderben bewahrt, damit ich derjenige sein werde, der deinen Untergang besiegelt." Seine Sätze gleichen einem Rauschen in der Ferne. Was würde nun mit dir passieren, wenn des Undertakers Zuflucht dir keinen Hort des Schutzes mehr bieten konnte?
„Ich werde dafür sorgen, dass es dir gut geht. Du hast mein Wort." Das Wort eines Shinigami, eines Todbringers. Du blinzelst. Das Lächeln kehrt in seine Miene zurück. Bevor du ihn fragen kannst, in welche Pläne er dich nun eingesponnen hat, steht der Illusionist schon wieder in seiner vollen Größe vor dir und macht sich an der Gemmen- Kette seines Mantels zu schaffen. „ Auch wenn ich dich vor ihnen gewarnt habe, werden sie dir Schutz bieten können- um deines Willens."
Wen meinte er? Den Phantomhive Haushalt? Du sollst du Sebastian Michaelis und Earl Ciel gehen? Deine Verwunderung zieht dir den Boden unter den Füßen weg. „Von allen Übeln, die nachts durch die Gassen kriechen und nach unschuldigen Seelen greifen, sind der Junge Waise und sein Schoßhund noch das Geringste." Du beobachtest ihn, wie er in eine seiner unzähligen Taschen greift und eine filigrane silberne Kette hervorzieht. „Doch du musst mir eines versprechen, _ …"
Schneller als dein sterbliches Auge es erfassen kann, hat er dir die Kette samt Anhänger um den Hals gelegt und verschlossen. Du blickst auf das ornamentierte Pendant am metallenen Silberfaden. Es ist eine der Kameen seines Hüftgeschmeides. Wenn du auch nicht viel über den Bestatter weißt, sicher ist dir jedoch, dass dieser Schmuck eine Bedeutung für ihn haben musste, denn sonst trug er nichts von Wert bei sich. Röte steigt dir ins Gesicht und doch kannst du den Blick von diesem aufwändig gestalteten Anhänger nicht lassen.
Sein Finger streicht über das fehlende Stück seiner Kette an deinem Hals. „Pass auf dich auf. Dinge, die du einst verloren hast kehren nie wieder zu dir zurück." Er lässt von dir ab und scheint dich zu betrachten. Langsam beginnt sich auch das Gefühlschaos in dir zu ordnen. Du hast in den letzten Minuten das gesamte Emotionsspektrum der menschlichen Empfindungswelt einmal abgeschritten. Du hast wieder mehr erfahren, als du verarbeiten kannst und es wird mehr geschehen, als du je vermutet hättest. Es ist zu viel. Anbei kommt der markante Geschmack der rumorenden Fragen in deinem Magen. Du willst fragen, weiß jedoch, dass du die Antwort selbst finden musst. Dem Leichengräber entgehen deine wandelnden Mienen selbstredend nicht, seine Züge werden sanft, wenn auch entschuldigend. Ihm ist bewusst, welchen Prozess er in dir zum Ticken gebracht hat.
ER legt den Kopf schief und mustert dich, als wäre nie etwas geschehen, als wärst es einer der vielen Tage gewesen, an dem du ihm einfach nur geholfen hast. … als hätte er dir niemals verraten, dass er kein Mensch ist. Es hilft, die Anspannung der Situation beginnt sich zu lösen und auch die Aura um den Todesgott verflüchtigt sich schlagartig. Du hörst das Buch zuklappen und in seinem Mantel verschwinden. Was es auch immer darstellt, es konnte alles ungeschehen machen. Nein, daran möchtest du nicht denken. Du beobachtest den Herren vor dir, der auch den langen Federhalter untergehen lässt. Durfte er überhaupt in dein Schicksal eingreifen? Hatte er selbst erklärt, dass Shinigami nur beobachten und dann richten, und dass es um Leben und Tod ginge? Setzte der Langhaarige sich über die Gesetze der Seelenernter hinweg? Allein die Tatsache, dass er sich dir zu erkennen gegeben hatte…
„Was beschäftigt dich?" Ein wenig süffisant klingt es schon aus seinem Munde. Weiß er doch genau, dass in dir ein Sturm tobt, der darauf wartet auszubrechen. Er hält dir deinen Tee hin, er ist noch warm. Die kurze Zeit, die dir wie eine Ewigkeit der Folter vorkam kann nur wenige Minuten in Anspruch genommen haben. In der Reflektion des Becherglases spiegelt sich dein neues Schmuckstück wieder. Du betrachtest es. Wenn er es dir anvertraut, dann muss er dich in irgendeiner Form wirklich mögen- und das für eine Kreatur, die den sicheren Tod bringt. Beim Gedanken an seine Sense bezweifelst du das auch nicht. Wie er wohl damals aussah? Du siehst den verhüllten Mann vor dir an und es fällt dir schwer ihn, zumindest rein äußerlich, als eiskalten Lebensnehmer zu sehen. Andererseits war da wieder diese Sphäre, die ihn umgibt, wenn er es denn wollte. Den Undertaker konnte man nicht durchschauen, aber mit der Lüftung seines wohlmöglich größten Geheimnisses kannst du dir auf so vieles nun einen Reim machen. Doch eine Frage bleibt unbeantwortet.
„Warum darf ich nicht bleiben?" Du erkennst, dass er diese Frage bereits erwartet hat. Er lächelt. „Du bist erstaunlich, _. In Anbetracht deiner Lage scheint deine größte Sorge vernachlässigbarer Natur zu sein." Mokierte er sich etwa gerade über dich? Natürlich stand kein einfacher Bestatter da mehr vor dir, aber warum solltest du denn nun auch einfach gehen? „Dieses Wissen ist selbst für ein tapferes junges Fräulein zu gefährlich." Also musst du dich damit abfinden, dass er seine Gründe hat, auch wenn du sie nicht nachvollziehen kannst. „Ich werde mich darum kümmern, dass du beim jungen Earl Unterschlupf finden wirst." Vor deinem Geistigen Auge blitzen der Adelige und sein Butler auf. Du kannst einen skeptischen Gesichtsausdruck nicht verhindern. Nicht, nach Sebastian Michaelis fiesen Spielchen. „Vor ihm solltest du dich allerdings in Acht nehmen, _." Er kann Gedanken lesen, keine Widerrede. Du bist ertappt, er belustigt.
„Darf ich dich besuchen?" Du kannst dein Trauer nicht verbergen. Obwohl dir ein luxuriöseres Leben nun in Aussicht steht, bedrückt es dich ein wenig zu gehen. „Meine Türen stehen dir immer offen." Warum muss ich dann gehen? Du möchtest diskutieren, hältst aber inne, da du dich dankbar zeigen solltest überhaupt noch hier zu sein. Betrübt nippst du also an deinem Tee und starrst mit leeren Blicken die Urnensammlung auf dem Regal an. Einzig die staubfreie, dickbauchige Vase für flüchtige Überreste ist geöffnet- ihr Inhalt offensichtlich. In der Ferne nimmst du die gedämpften Schläge des Big Bens wahr. Tatsächlich ist es schon spät. Die Flut der nachsickernden Fragen will nicht abebben. Und obwohl du einen anstrengenden Tag hattest weißt du eines genau. Diese Nacht hält keinen Schlaf für dich bereit, denn die Höhle des Löwen schien dich zu erwarten. Du versuchst des Undertakers scheinbaren Sinneswandel zu verstehen.
Warum schien alles nur so kompliziert?
