Kapitel 20 „Mitternacht"

Es war kurz vor Mitternacht.

In der alten Villa in Sunnydale hatten sich Willow, Xander, Giles und Oz auf dem Boden niedergelassen und bereiteten sich auf das Ritual vor, das den Höllenschlund wieder öffnen sollte.

Willow dachte an ihre Freundin Star. Wo immer sie auch sein mochte, sie hoffte, dass es ihr gut ging. Konnte man das überhaupt so nennen? Hoffentlich würde das hier auch ihr helfen und sie zurückbringen.

Willow atmete noch einmal tief durch und schlug die Kapuze der Robe hoch, so dass ihr Gesicht beinahe vollständig verhüllt wurde. Nur einige rote Haarspitzen schauten hervor.

Giles schaute auf seine Uhr, die neben ihm lag und gab Willow das vereinbarte Zeichen, das ihr bedeutete mit der Beschwörung zu beginnen. Der Neumond stand am höchsten am Himmel und damit waren die Tore zwischen Gut und Böse soweit geöffnet wie nur irgend möglich, wenn nicht gerade einer der heidnischen Festtage gefeiert wurde.

Die vier zündeten die schweren schwarzen Kerzen an. In den Räucherschalen schwelten Kräuter und Mineralien und verbreiteten einen betäubenden Duft.

Zunächst sprach Willow ein alteuropäisches Schutzritual. Es sollte die Hilfe und den Schutz der Mächte des Guten erbitten. Vielleicht brachte das nichts, aber Willow gab es ein besseres Gefühl.

Dann begann sie mit der Heraufbeschwörung der magischen Energien.

Willow begann leise einige Sätze zu murmeln. Die Luft flirrte. Schwaden von Energie schwirrten heran und hüllten sie ein. Ihre Helfer hatten zuverlässig und pünktlich damit begonnen Willows magische Kraft zu verstärken. Die verschiedenen Farbschattierungen der Energieschwaden wiesen sie als verschiedenen Schulen von Zaubern zugehörig aus: grün für die Schule der Beschwörungen, gelb für die Schule der Heilungs- und Stärkezauber, orange für die Schule der Schutzzauber, violett für die Schule der Elementarzauber und ein tiefer Anthrazit-Ton für die Nekromantie.

Da Willow selbst ihre Magie nie spezialisiert hatte, konnte sie all diese Energien nutzen. Die Energie hüllte Willow ein, durchdrang sie und legte sich schließlich wie eine hauchzarte Aura um sie.

Willow rezitierte Sprüche und Formeln in lateinischer Sprache. Ab und zu wechselte sie in eine viel ältere Sprache. Giles sprach seinerseits die Aktivierungsformeln für die magischen Symbole. In den Kohlebecken rings um sie leuchtete tiefblaues Feuer, dass eine magische Kälte ausstrahlte.

In der großen, flachen Schale vor ihnen befand sich eine Flüssigkeit. Willow hatte sorgfältig ein Pentagramm darum gezogen, gerade groß genug, damit die Schale zwischen den überschneidenden Strichen Platz hatte. Je weiter Willows Beschwörung voranschritt, desto mehr begann es darin zu brodeln. Ab und zu schütteten ihre Freunde die magischen Zutaten hinein, tropften alles andere als wohlriechende Flüssigkeiten, die Willow vorbereitet hatte, dazu und halfen ihr in jeder Weise die ihnen möglich war.

Die aktivierten Kreidesymbole gleißten auf dem Boden um sie herum. Die Kerzen flackerten unstet und die aufsteigenden Dämpfe sammelten sich über ihnen wie unter einer Glocke.

Die Zeit verging und Oz beobachtete besorgt, wie viel Kraft es Willow kostete ihre Magie zu praktizieren. Die magische Aura um sie wurde zunehmend schwächer und durchscheinender, je mehr Willow die Energien anzapfte. Ihre Freunde hielten sich bereit sie aufzufangen, falls sie das Bewusstsein verlieren sollte.

Willow nahm schließlich den scharfen Dolch, der vor ihr lag und schnitt sich schnell in die Handfläche. Obwohl es nur ein kurzer Schnitt gewesen war, drang er tief in ihr Fleisch. Sie presste die Hand schnell zu einer Faust zusammen und ließ das heruntertropfende Blut in die Schale fallen. Darin begann es zu kochen. Je mehr Blut hineinfiel, desto mehr brodelte es.

Der Boden fing an zu zittern. In der Luft lag ein stetiger Heulton. Die vier hatten Mühe sich aufrecht zu halten. Willow fuhr mit ihrer Beschwörung fort. Sie kämpfte gegen das Böse, das sich immer mehr in ihr manifestierte.

Um sie herum hatten sich Tore gebildet, die sie einen Blick auf unsagbares Grauen aus der Dämonendimension werfen ließen. Dämonen aller Kategorien versuchten die Tore zu dieser Welt zu durchbrechen. Die Formeln auf dem Boden glühten gleißend und hielten sie zurück, jedenfalls hier in der nahen Umgebung. Die Symbole umgaben die vier wie einen schützenden Kokon.

Willow spürte wie immer mehr Kraft aus ihr heraus floss. Wenn sie nicht bald Erfolg hatte, würde der ganze Aufwand umsonst gewesen sein. Sie mobilisierte ihre letzten Reserven und erhob ihre Stimme. Der Schmerz schien ihr Innerstes verglühen zu wollen, als sie sich gegen das Böse anstemmte, das sie zu vernichten suchte. Willow schrie den letzten Teil der Beschwörung heraus. Ein ohrenbetäubender Knall ertönte.

Der Boden schwankte, in den Wänden bildeten sich Risse. Die Luft flirrte ein letztes Mal, dann brach der Strom an magischer Energie zusammen. Von der Decke rieselte Putz auf die vier hinab. Der Staub drang in ihre Augen und Lungen und ließ sie husten.

Willow brach bewusstlos zusammen. Im Fallen stieß sie die Schale um. Die ätzende Flüssigkeit ergoß sich über den Boden und brannte sich in den Stein. Wo sie die verloschenen magischen Symbole berührte begann diese zu brennen. Der ekelerregende Rauch füllte den großen Raum.

„Raus hier!"

Faith war in der Tür aufgetaucht. Sie half Giles die Sachen zusammenzuraffen. Xander und Oz schleppten die ohnmächtige Willow nach draußen. Sie flüchteten durch den Garten und über die Steinstufen nach draußen.

Die Villa wurde wie von einem Erdbeben geschüttelt. Die Fassade wurde von Rissen durchzogen, die in beeindruckender Geschwindigkeit größer wurden. Als Faith und die anderen die Straße erreichten, brach das Haus in sich zusammen und hinterließ eine rauchende Ruine. Die Freunde waren von Staub bedeckt. Ihrer Kleidung haftete der Geruch der ätzenden Dämpfe an, zusätzlich zu dem Elixier, das Willow ihnen gegeben hatte.

Der Himmel über ihnen schien Feuer gefangen zu haben. Gewaltige Blitze zuckten bedrohlich. Ihr Licht machte die Szenerie noch unheimlicher. Einer schlug in die Ruine ein und beißender Ozongeruch lag in der Luft. Dem Blitz folgte ein weiterer ohrenbetäubender Knall. Der ständige heulende Ton untermalte das Geschehen. Dann endete es so plötzlich wie es begonnen hatte und ließ eine bedrückende Stille zurück.

Unten in der Stadt gleißte der Boden bedrohlich, wo sich ein Spalt geöffnet hatte, der sich im Laufe der Zeit zum Höllenschlund ausbilden würde. Sunnydale blieb noch eine kurze Gnadenfrist, bevor das Böse wieder mit aller Macht darüber hinein brechen würde.

„Also Giles, korrigieren Sie mich wenn ich mich irre, aber irgendwas ist doch grade mächtig schief gegangen."

Xander ließ Willow vorsichtig zu Boden gleiten und schaute Giles an.

Oz schlug Willows Kapuze zurück und versuchte sie aufzuwecken. Doch ohne Erfolg.

„Wir müssen sie in ein Krankenhaus bringen." Er klang ehrlich besorgt.

„In diesem Zustand können wir sie nirgendwo hinbringen. Das würde zu viele Fragen geben. Nein, ich denke sie ist einfach völlig erschöpft", meinte Giles, der sich in einer müden Geste übers Gesicht strich. Was dazu führte, dass ein Streifen in seinem Gesicht entstand, wo er den grauen Staub verwischt hatte.

„Und was ist damit", fragte Oz und hielt eine schwarze Haarsträhne ins diffuse Licht. Sie wussten wann Willow sich das letzte Mal so verändert hatte: als sie in ihrem Schmerz über Taras Verlust dem Bösen verfallen war. Jetzt durchzogen schwarze Strähnen ihr rotes Haar.

„Wir packen sie erst mal ins Auto und dann sehen wir weiter. Auf jeden Fall solltet ihr schleunigst hier verschwinden."

Faith packte Willow, hob sie dank ihrer übernatürlichen Kraft hoch und trug sie zu Giles' Wagen. Dort legte sie Willow vorsichtig auf den Rücksitz ab.

Xander, Oz und Giles waren ihr gefolgt. Sie packten die Sachen, die sie gerettet hatten, in das Auto. Als Faith sich umdrehte und weggehen wollte, hielt Giles sie zurück.

„Wo willst du denn hin, Faith? Du solltest nicht alleine hier bleiben. Warum kommst du nicht mit uns? Du weißt, dass du stets willkommen bist uns bei unserem Kampf zu unterstützen."

„Danke. Aber ich werde erst mal hier aufräumen. Außerdem wissen Sie, dass Sie mich nicht brauchen. Ich bin nicht für Ihre Regeln gemacht - war ich nie. Wenn ihr Hilfe braucht, ruft mich einfach an."

Ein markerschütternder Schrei wehte aus Richtung Stadt zu ihnen hinauf und verstummte dann abrupt.

„Arbeit für mich", meinte Faith. Sie machte kehrt und verschwand eilig in der Dunkelheit. Die drei blickten ihr nach. Vielleicht würde sie eines Tages zur Ruhe kommen und finden, wonach sie suchte.

Dann erinnerten sie sich an Willow.

Die drei kletterten in den Wagen. Oz setzte sich nach hinten zu Willow. Während der ganzen Fahrt hielt er sie besorgt im Arm und lauschte auf die kleinste Veränderung in ihrer Atmung.

Giles fuhr so schnell es ihm erlaubt war den ganzen Weg zurück nach L.A.

Er setzte sie vor Willows Wohnung ab. Oz und Xander hatten besprochen bei ihr zu bleiben. Giles wollte sich zunächst in einen vorzeigbaren Zustand bringen, bevor sie sich wieder trafen, um zu beraten was zu tun war.

Es erwies sich als etwas problematisch die bewusstlose Willow in ihre Wohnung zu schaffen, ohne von neugierigen Augen gesehen zu werden. Selbst zu dieser frühen Stunde war auf den Straßen schon der Teufel los und auch in ihrem Appartementhaus regte sich das Leben.

Die Jungs hatten ihr Gepäck in Willows Wohnung zurückgelassen. Sie wollten sich erst nach ihrer Rückkehr um eine Bleibe kümmern. Jetzt erwies sich diese Maßnahme als Glücksfall.

Nachdem sie Willow in ihr Bett gepackt hatten, konnte jeder nach einer heißen Dusche in frische Sachen schlüpfen. Willows Tinktur erwies sich als äußerst hartnäckig auf der Haut.

Und Xander verstand jetzt auch was sie gemeint hatte, als sie gewarnt hatte sie besser nicht mit künstlichen Materialien zusammenzubringen. Er hatte vergessen seine Uhr abzunehmen.

Das Metallband hatte auf der eingeriebenen Haut gelegen und diese war jetzt an der Stelle feuerrot und juckte unerträglich. Die verdreckten Sachen hatten sie aufgesammelt und zu einem Bündel verschnürt. Waschen war hier überflüssig, sie würden den Geruch nie rauskriegen, da half nur noch verbrennen.

Die Handtücher um die Schultern gelegt, um das aus ihren Haaren tropfende Wasser, aufzufangen saßen sie bei Willow. Diese atmete ruhiger. Auch Willows Gesichtsfarbe hatte sich etwas normalisiert, sie war nicht mehr so erschreckend blass wie noch vor wenigen Stunden.

Am meisten beruhigte es sie zu sehen, dass die schwarzen Strähnen in ihrem Haar zu verblassen begannen und ihre natürliche Farbe wieder annahmen. Trotzdem war ihre Freundin bis jetzt noch nicht aufgewacht.

Irgendwo summte Willows Telefon. Oz machte sich auf die Suche danach und fand es schließlich. Als er ranging meldete sich Giles, der auf dem Weg zu ihnen war.

Kurz darauf ließen sie ihn in die Wohnung. Er schaute nach Willow und meinte, sie sollten sie einfach schlafen lassen. Giles machte sich keine allzu großen Sorgen um sie, besonders nachdem es ihr augenscheinlich schon viel besser ging als noch heute in den frühen Morgenstunden.

Die drei setzten sich in Willows Wohnzimmer. Giles machte Tee, den sie tranken, während sie die Situation berieten.

„Also, was ist passiert? Haben wir's geschafft, ist der Höllenschlund wieder offen und alles ist in Butter", fragte Xander hoffnungsvoll.

„Also ehrlich gesagt, ich weiß nicht was passiert ist. Beziehungsweise weiß ich es nicht genau. Der Höllenschlund ist wieder offen, daran dürfte kein Zweifel bestehen. Doch die Reaktion war viel zu heftig, da muss noch irgendetwas anderes passiert sein. Doch im Augenblick kann ich nicht sagen was es ist. Wir werden Willow fragen sobald sie aufwacht. Vielleicht hat sie ja ein paar Antworten. Und ich kann nur hoffen, dass die Verschwundenen zurückgeholt wurden, denn wenn nicht, dann weiß ich auch nicht mehr weiter."

„Also haben wir doch das Ungleichgewicht von Gut und Böse beseitigt, oder nicht? Ihre Wächter haben keine Grund mehr ihnen die Hölle heiß zu machen", schaltete Oz sich ein.

„Nun, das sollten wir eigentlich erreicht haben, denke ich"

Davon war Giles sogar überzeugt. Doch ihm machte Sorgen was sie stattdessen angerichtet haben könnten. Und er machte sich Vorwürfe, dass er es nicht vorausgesehen hatte. Er wünschte Buffy wäre wieder zurück, damit er wenigstens eine Sorge weniger hätte. Doch sie war nicht wieder aufgetaucht und sie ging auch nicht an ihr Handy. Offenbar hatte sie es ausgeschaltet.

So blieb es Giles Fantasie überlassen sich auszumalen, was ihr wiederfahren sein mochte. Oder Angel, was das anging.