Eine Waffe

Tonks rieb sich mit schmerzverzerrtem Gesicht das Knie, als sie hinter Remus die Küche betrat. Natürlich war sie mal wieder gegen den unsäglichen Trollfußschirmständer gelaufen. Remus hatte nicht mal versucht, sich das Lachen zu verkneifen! Nun hatte sie nicht übel Lust, jeden im Raum auf der Stelle zu verhexen.

Zu den Schmerzen und der Demütigung kamen nun auch noch eine triefende Nase und quälender Hunger hinzu.

Doch ihre Laune besserte sich schlagartig, als sie Sirius' strahlendes Gesicht erblickte. Er lief aufgeregt umher und dankte ungefähr jedem überschwänglich für die Rettung seines Patensohns. Auch Remus und Tonks unterzog er einer langen festen Umarmung, bei der ihre Gesichter sich ungewöhnlich nah kamen. Remus grinste auf Tonks hinunter, deren Kopf gegen Sirius' Brust gedrückt wurde. Sie nahm seinen Geruch nun so intensiv wahr wie nie zuvor. An Remus haftete ein Hauch von Sommerregen und der Duft alter Bücher. Gleichzeitig meinte Tonks jedoch auch den Wolf in ihm zu riechen: eine kräftige, wenn auch angenehme, Note, die Wildheit und Gefahr verhieß.

In diesem Augenblick betrat Molly Weasley die Küche und machte dem ungeordneten Treiben mit einem einzigen warnenden Blick ein Ende. Sirius entließ die Freunde aus seinen Armen und Tonks atmete mehrmals tief durch, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Zu ihrer Verblüffung fing sie einen nachdenklichen Blick von Severus Snape auf, der allein am anderen Ende des Tisches saß und sie offenbar beobachtet hatte. Seine kleinen schwarzen Augen huschten für einen Moment zu Remus und wieder zu ihr, bevor sich sein Mund zu einem spöttischen Lächeln verzog.

Außer ihm hatten sich auch beinahe alle abdingbaren Ordensmitglieder im Raum eingefunden. Sogar Mundungus drückte sich verlegen in einer Ecke herum, wo er dennoch den vorwurfsvollen und abschätzigen Blicken der anderen ausgesetzt war. Nur Snapes Stuhl wurde noch stärker gemieden.

Schließlich betrat Alastor als Letzter die Küche und legte einen dunstigen Impertubatiozauber über die Tür zur Halle.

„ … möchte uneingeladene Zuhörer wirklich vermeiden. Seit Fred und George diese Langziehohren entwickelt haben ...", hörte Tonks Mrs. Weasley raunen.

Nun erhob sich Dumbledore, den Tonks noch gar nicht bemerkt hatte, von seinem Stuhl und eröffnete das Treffen.

Es folgte ein kurzer Bericht von Alastor, der die Rettung Harrys aus dem Haus seiner Verwandten schilderte. So wie der abgebrühte Auror es ausdrückte, kam Tonks die Aktion nicht mehr halb so halsbrecherisch und riskant vor.

Als Alastor geendet hatte, ergriff zur allgemeinen Überraschung Snape das Wort. Er machte sich nicht die Mühe aufzustehen oder die Stimme zu heben, sodass alle sich instinktiv auf ihren Plätzen nach vorn lehnten, um ihn sehen zu können und jedes seiner Worte zu verstehen.

„Gut, nachdem nun die Rettung des Wunderknaben vollzogen ist, können wir ja zu den etwas ... erheblicheren Themen des Abends übergehen.", sagte er mit seiner näselnden, unangenehmen Stimme. Er grinste herausfordernd unter dem Vorhang fettiger Haare hervor und beobachtete die Reaktion der Ordensleute auf seine Worte. Sowohl Sirius als auch Mrs. Weasley ballten bei Snapes Bemerkung über Harry ihre Hände zu Fäusten.

Ohne auf diese Äußerung einzugehen, erklärte Dunbledore: „Serverus ist unser Informant bei den Anhängern Voldemorts. Seine Dienste sind absolut verlässlich und er genießt mein volles Vertrauen. Er hat in letzter Zeit einige interessante Entwicklungen beobachtet, von denen er uns heute berichten wird."

Snape nickte zustimmend und hob dann doch die Stimme, um das allgemein eintretende missbilligende Gemurmel der Ordensmitglieder zu übertönen. „Der Angriff auf Potter durch die Dementoren war kein Zufall.", begann er.

Sirius schnaubte. „Natürlich nicht! Jemand hat es auf ihn abgesehen!"

Völlig unbeeindruckt fuhr Snape fort: „Es scheint, dass der Dunkle Lord im Begriff ist, die Kontrolle über die Dementoren Askabans zu erlangen. Vermutlich kann er ihnen mehr Opfer bieten als das Ministerium. Natürlich sitzen dort einige seiner ehemaligen Gefolgsleute ein, die ihm immer noch treu ergeben sind: Rudolphus und Bellatrix Lestrange ..." Sowohl Sirius als auch Andromeda zogen bei der Erwähnung der Verwandten scharf die Luft ein. „Rookwood, Dolohov und noch viele andere. Es ist anzunehmen, dass zu ihrer Befreiung eine große Aktion geplant ist … schon sehr bald."

Er sagte das so selbstverständlich, als ginge es hierbei um nichts weiter als einen harmlosen Schädlingsbefall und nicht um mehrere gestörte Massenmörder, die im Begriff waren, ihre Gefängniszellen hinter sich zu lassen. Alle anderen am Tisch schienen ähnlich beunruhigt und verängstigt wie Tonks. Ein sorgenvolles Murmeln ging um den Tisch.

Ungerührt sprach Snape weiter: „Außerdem war es mir möglich, herauszufinden was es ist, was der Dunkle Lord aus der Mysteriumsabteilung begehrt." Er machte eine effektvolle Pause und brachte alle Anwesenden mit einem einzigen stechenden Blick seiner dunklen Augen zum Schweigen. „Es ist eine Information aus der Halle der Prophezeiungen."

Stille folgte auf diese Enthüllung. Tonks für ihren Teil hatte noch nie etwas von dieser Halle gehört und konnte sich auch nicht vorstellen, dass irgendetwas, was eine Prophezeiung zu sagen hatte, sich wirklich auf das alltäglich Leben eines Menschen auswirken könnte, wenn er es nicht selbst wollte. Glaubte Voldemort an die Macht dieser Vorhersagen?

„Was besagt die Prophezeiung, hinter der er her ist?", wollte Remus wissen.

Snape zog herablassend eine Augenbraue hoch und sagte kalt: „Keine Ahnung."

Die Art, wie er es sagte, gab Tonks das Gefühl, dass dies keineswegs die ganze Wahrheit war.

„Der Dunkle Lord glaubt, dieses Objekt im Kampf gegen Potter verwenden zu können. Das ist der Grund, weshalb er sie haben will."

„Also wird er versuchen, jemanden ins Ministerium zu schleusen, der sie sich für ihn besorgt.", sagte Sirius.

„Höchstwahrscheinlich.", antwortete Snape gelangweilt.

„Nun, dann müssen wir wachsam sein. Gut, dass wir den Eingang zur Abteilung schon seit einer Weile beschatten."

„Wir? Ich denke, deine Aufgabe ist es, hier den Hauselfen zu spielen. Jedenfalls erinnere ich mich nicht, dich jemals bei einem Wachdienst gesehen zu haben." Der Zaubertrankmeister feixte breit in Sirius' Richtung, der sofort aufsprang und bedrohlich knurrte.

Snape hatte sich ebenfalls erhoben und offenbar schon die Hand am Zauberstab, während er sagte: „Würde wohl jemand den Hund raus lassen? Er braucht ganz offensichtlich Auslauf."

Bevor Sirius auf diese Bemerkung reagieren konnte, hob Dumbledore die Hände und brachte die Streitenden zum Verstummen.

„Das genügt, Severus. Gibt es noch mehr zu berichten?"

Snape setzte sich wieder und schüttelte ruckartig den Kopf.

Dumbledore nickte ihm zu und erhob nun seinerseits das Wort: „Gut, dann habe ich noch ein paar Ankündigungen zu machen: Ich möchte euch allen mitteilen, dass auch wir nicht untätig sind, wenn es um die Gewinnung von Zauberwesen für unsere Sache geht. Bisher habe ich mit den Meermenschen und den Zentauren zwar nur strikte Neutralität im Bezug auf die Angelegenheiten der Zauberer heraus handeln können, bin aber diesbezüglich zuversichtlich. Unser Freund Bill Weasley hat sich bereit erklärt, so gut er kann auch einige Kobolde für unsere Sache zu gewinnen." Er nickte Bill lächelnd zu. „Außerdem kann ich euch freudig mitteilen, dass die Verhandlungen unsres Gesandten bei den Riesen bisher sehr günstig verlaufen."

Tonks stutzte. „Wer ist denn dort?", fragte sie Remus mit gedämpfter Stimme.

„Hagrid natürlich.", kam es von ihm zurück, als läge das auf der Hand.

Vielleicht tat es das auch. Es war auf jeden Fall ratsam, die Verhandlungen von jemandem führen zu lassen, der wenigstens entfernt mit den Riesen zu tun hatte.

Hieß das aber, dass auch Remus' Dienste wieder gefragt sein würden, wenn Dumbledore die Eingliederung der Werwölfe erneut in Angriff nehmen wollte? Tonks dachte daran, wie katastrophal die letzte Intervention dieser Art für sie verlaufen war und sie befiel bei dem Gedanken, dass Remus erneut dieser Gefahr ausgesetzt sein könnte, kalte Angst.

„Zudem halte ich es für geboten, euch über eine Veränderung im Lehrkörper von Hogwarts zu informieren." Dumbledores Miene verfinsterte sich. „Das Ministerium stellt uns freundlicherweise die Dienste von Dolores Umbrindge, der Untersekretärin des Ministers, zur Verfügung. Nun, in meiner gegenwärtigen Position ist es nicht ratsam, ein solches Angebot ohne triftigen Grund abzulehnen und da uns für den Posten des Verteidigungslehrers tatsächlich jemand fehlt ..."

Snapes Gesicht nahm einen Ausdruck an, als wollte er auf der Stelle jemanden vergiften. Tonks erinnerte sich, dass er sich bereits zu ihrer Schulzeit jedes Jahr aufs Neue erfolglos um eben diese Stelle beworben hatte.

„Ich kann diese Einmischung des Ministeriums in schulische Angelegenheiten nur als eine Form der Kontrolle verstehen. Offenbar fühlt der Minister sich durch meine Ansichten bedroht und fürchtet eine Verschwörung, die ihn seines Amtes entheben soll. Und diese Verschwörung soll von mir ausgehen. Ich fürchte, in Hogwarts wird sich einiges ändern und so wie die Dinge stehen, können wir nichts dagegen tun." Auf dem Gesicht des Schulleiters standen Sorge und tiefe Trauer. „Aber ich bitte euch: Selbst wenn der Minister eines Tages einen Grund finden sollte, mich zu verhaften … selbst wenn ich im Kampf gegen die dunkle Seite drohe unterzugehen - Ihr dürft nicht aufhören, mit allem was ihr habt, Voldemort zu widerstehen. Egal, was der Tagesprophet über mich und Harry noch schreiben mag; egal, wie viele Zauberer und Hexen diese Lügen noch glauben werden - es ist und bleibt eure Pflicht, stets und unerbittlich für das zu stehen, was richtig ist. Denn das einzige, was sich niemals der Macht der Mehrheit beugen darf, ist das menschliche Gewissen.1"

1 frei aus dem Buch „Wer die Nachtigall stört ..." von Harper Lee