Löwin in Seide Kapitel 20: Familienfeier
Der nächste Morgen brach an. Die Sonne strahlte heute bereits früh so warm, dass es Hermione nicht in den Federn gehalten hatte. Sie hatte ohnehin ziemlich schlecht geschlafen und war bereits seit über drei Stunden dabei neue Zauberformeln zu üben. Endlich konnte sie wieder ihrem Hobby nachgehen. Es war eine wirkliche Erleichterung, vor allem, dass Mary es so wunderbar aufgenommen hatte. Und Zaubern hatte sie schon seit sie ihren Zauberstab zum ersten Mal in den Händen gehalten hatte stets beruhigt. Nur vergaß man die Zeit über einem schwierigen Zauber nur all zu oft. Das Lehrbuch der siebten Klasse war schon etwas veraltet. Schließlich war es als letztes von Percy verwendet worden und Ron hatte es ihr nur zu gern über die Ferien als leichte Vorbereitungslektüre überlassen. So konnte ihn seine Mutter zumindest nicht auf die Idee bringen in den Ferien neuen Stoff zu lernen.
Gerade versuchte sie eine schwierige Bewegungsabfolge mit ihrem Zauberstab nachzuvollziehen, als es klopfte und unmittelbar darauf Mary ins Zimmer stürzte. Dabei erschrak sich Hermione dermaßen, dass sie die letzten Worte der Zauberformel vertauschte und eine völlig falsche Zauberstabbewegung vollführte. Vollkommen geschockt starrte sie ihre kleine Schwester an. Der Zauber, den sie hatte üben wollen, hätte lediglich die Gestalt und Art ihres gesamten Zimmers verändern sollen, nun wusste sie nicht, ob ihr Zauber etwas bewirkt hatte, und wenn ja, was er wo angerichtet hatte.
„Mary! Musst du hier so reinstürmen, ich übe gerade!" schnauzte sie auch sogleich ihre Schwester an. Wie konnte man nur so unvorsichtig sein. Was wäre passiert, wenn sie einen Zauber auf die Tür gesprochen hätte und er Mary getroffen hätte? Ihre Eltern würden ihr die Hölle heiß machen, wenn das passierte.
Mary, sich hingegen keiner Gefahr und Schuld bewusst, schaute nur etwas beleidigt aus der Wäsche. Kein bisschen mehr so enthusiastisch wie ihr Eintreten war ihre Nachricht.
„Mum und Dad warten schon unten. Wir wollten doch um elf Uhr los!"
Absolut verwirrt blickte Mia zu der Blonden. „Hä?" Mehr kam nicht von der Seite der Älteren, die im Moment haltlos überfordert zu sein schien. In deren Kopf arbeitete es unterdessen ganz gewaltig, aber Mary, die diesen Ausdruck auf Hermiones Gesicht nur zu gut kannte, dachte gar nicht daran, ihre große Schwester darauf hinzuweisen, was denn heute für ein Tag war.
Leider wurde ihr perfider Plan, ihre Schwester ein kleines bisschen Leiden zu sehen, von einem durch die Verbindungstür kommenden Draco zunichte gemacht. Dieser, noch fleißig im Anziehen begriffen, schloss im Gehen die Knöpfe seines schwarzen, eleganten Hemdes, welches er zu ebenso eleganten weißen Hosen trug.
„Mia, kann ich so gehen? Mary meinte zwar, für die Feier wäre es schon okay, aber …" Weiter kam er nicht, denn der Blick, der ihm aus Hermiones Augen entgegen kam, verschlug ihm die Sprache. Selbige hatte seine Frage nur am Rande mitbekommen und wie gebannt auf die weiß schimmernde Haut gestarrt, die noch ab und zu im Kontrast du dem dunklen Stoff aufgeleuchtet hatte. Leider verschwand auch der letzte Rest, als Draco den vorletzten Knopf schloss.
Erst durch das sich ausbreitende Schweigen wurde sie sich ihres Verhaltens bewusst. Sofort stieg eine unangenehme Hitze in ihrem Körper auf und Schamesröte überzog ihren sonst so hellen Kopf.
„Äh was? Ja, ja, ja sieht gut aus. Geht am Besten schon mal runter, ich komme gleich nach." Damit schob sie immer noch hochrot und völlig zerstreut Draco und Mary aus ihrem Zimmer vor die Tür und schloss selbige. Zum Glück war sie eine Hexe und in Null Komma nichts umgezogen. Ein Wink mit dem Zauberstab und eines ihrer Lieblingskleider materialisierte sich an ihrem Körper, während die ursprüngliche Kleidung verschwand. Ein weitere Wink und ihre Füße steckten in hübschen, silbernen Sandaletten. Ein letzter Wink und auch die Frisur war ausgehfein. Noch etwas Wimperntusche und Lidschatten, sowie Lipgloss und mit einem letzten Blick in den Spiegel brach sie auf zum 75. Geburtstag ihrer Großmutter.
‚75 Jahre, pah, 75 war doch noch keine Alter, um das man so einen Aufriss machen musste. Sein Urgroßvater würde demnächst 250 Jahre alt werden und selbst da würden wohl auch nicht alle Verwandten so einen Trara darum veranstalten. Muggel. Die mussten ja sowieso alles feiern. Sogar Todestage von irgendwelchen Typen, die irgendwas geschrieben hatten. In der Welt der Zauberer lud man zu solchen Festen wenigstens die Geister der Gefeierten ein. Was machte es schon Sinn zu feiern, ohne Gastgeber. Aber hier war Logik ja sowieso des Öfteren fehl am Platz.' Musste sich Draco eingestehen.
Gelangweilt stand er weiterhin an der Bar und rührte geistesabwesend in seinem Cocktail. Seinem alkoholfreien Cocktail. ‚Auch so eine Sache. ‚Kein Alkohol für die jungen Leute' äffte er in Gedanken die ältere Dame an der Bar nach, deren Geburtstag heute nicht gefeiert wurde. Das gab's doch wohl nicht. So weit er informiert war, und seit er in der Muggelwelt wohnte war er erstaunlich lernfähig gewesen, durfte man ab sechzehn Jahren Alkohol trinken. Laut Zauberergesetz war er sogar schon volljährig und hatte bereits die Erlaubnis zu apparieren, auch wenn er es erst im laufenden Schuljahr lernen würde. Wobei ihm gerade auffiel, dass er sogar ganz legal in den Ferien zaubern durfte. Schade nur, dass es eben nur in der Zaubererwelt galt. Außerdem hatte er natürlich dummerweise den Zauberstab auf Anraten der Grangers zu Hause gelassen. Super. Wirklich. Und überhaupt. Warum waren hier auch so verdammt viele Muggel. Der Weasley-Clan war ja schon riesig, aber was sich hier herumtrieb, dass war schon extrem. Und von Hermione und Mary war natürlich auch keine Spur zu sehen.
Er fühlte sich hier absolut deplatziert. Wie ein Slytherin auf der Tribüne der Griffindores bei einem Quidditch-Spiel der beiden Mannschaften. So etwas konnte gar nicht gut gehen. Eher im Gegenteil, das war Lebensgefährlich.'
Inzwischen hatte er Mary entdeckt, die in einer Horde fast alle gleich aussehender Weiber stand, die allesamt giggelten und kreischten, dass sie ihn schmerzhaft an eine gewisse Person erinnerten. Wie er inzwischen erfahren hatte, trug besagte Person sogar den Namen einer äußerst unangenehmen Krankheit. Wie passend. Mary war also bereits beschäftigt. Sie stach aber auch extrem aus dem Meer rot, braun und schwarz gefärbter Schöpfe heraus mit ihrem reinen hellen Blond. Und wo trieb sich Hermione rum. Wenigstens sie sollte doch so schlau sein und ihn nicht aus den Augen lassen. Von ihr war nirgends auch nur eine Spur zu sehen. Er hatte irgendwie sogar das Gefühl, dass sie sich nicht einmal mehr im selben Raum wie er befand. Gut die Party erstreckte sich auch über mehrere Räume, aber dennoch. Sie konnte ihn hier schließlich nicht einfach abstellen und sich amüsieren gehen. Das wäre ihm als Gast besonders unfair gegenüber.
Also ließ er seinen Blick weiterhin über die Menge mit den vielen unbekannten Gesichtern schweifen, bis er an eine Gruppe von vier Jungen hängen blieb, welche allesamt um eine wesentlich kleinere Gestalt herum standen und entschieden zu boshaft lachten. Dieses Lachen konnte er selbst aus dieser Entfernung nur zu deutlich hören. Er kannte diese Art des Lachens nur zu gut. Schließlich benutzte er es selbst immer um Erstklässler in ihre Schranken zu weisen. Aber er war hier doch auf einer Familienfeier. Da sollte niemand eingeschüchtert werden. Ein weiterer Blick reichte aus, um den etwa dreijährigen kleinen Jungen zu erkennen, der mit großen, ängstlichen Augen seinen Teddy an seine schmale Brust drückte, die Ärmchen viel zu kurz um ihn gänzlich umfassen zu können. Das reichte Draco, schließlich würde sein Vater ihn sicher verstoßen, wenn er auch nur den Gedanken hegen würde, einem Familienmitglied auf einer Feier irgendetwas anzutun. Das grenzte in seinem Verständnis an Hochverrat, schließlich war das hier eine Familie und zumindest in der Öffentlichkeit hatte eine Familie unbedingt eine Front zu bilden. Blut war Blut und hielt zusammen, zumindest dem Anschein nach. Und da kam es, dass Draco sich bereits zum zweiten Mal in diesen Ferien unbewusst für einen Schwächeren einsetzte und sich damit absolut untypisch für ihn verhielt, als er, gefolgt von Hermiones Augen, die ihn ebenfalls gesucht hatte, auf die kleine Gruppe zu ging. Ohne ein Wort zu sagen schob er die Schultern zweier Beteiligten auseinander und nahm behutsam, mit einem freundlichen Lächeln, den Kleinen samt Teddy auf den Arm, wandte sich kommentarlos, allerdings einen wütenden Blick auf die glotzenden Jungs gerichtet, ab und trug seine Beute zurück zu seinem Platz an der Bar, seinem Drink und, wie er feststellte, zu Hermione.
Diese lächelte ihm so freundlich zu, dass sein Herz vor Schock glatt aussetzte, nur um dann doppelt so schnell wieder einzusetzen. Beinahe liebevoll setzte der den kleinen, ihm immer noch völlig unbekannten, Kerl auf seinen Barhocker. Nur dachte der Junge gar nicht daran, das Hemd seines Beschützers wieder los zu lassen. Viel zu sicher war er in dessen Armen gewesen.
„He Lukas, na? Willst du mich mal deinem dicken Freund vorstellen?" kam ihm da allerdings schon Mia zu Hilfe. Sofort lenkte sich Lukas' Aufmerksamkeit auf seine Cousine, der er nun voller Stolz „Pummel" vorstellte. Sie durfte ihn sogar einmal streicheln, was Draco mit belustigter Miene verfolgte, bis Lukas Mutter ankam und ihren kleinen Sohn zurück an den gedeckten Tisch holte.
Unterdessen war Hermiones Begleitung auch schon der Gastgeberin aufgefallen. Sie liebte ihre zahlreichen Enkelkinder wie ihre eigenen, aber gerade zu Hermione und Mary hatte sie eine ganz besondere Beziehung. Sie waren weder die Ältesten, noch die Nesthäkchen, aber von keinem ihrer sieben Kinder hörte sie stets so stolze Worte über deren Nachwuchs wie von Kathleen und ihrem Roger. Nun hatte die stille, ruhige Hermione endlich einen Freund, den sie sogar mit auf eine Familienfeier mitnahm. Wie innig musste die Beziehung der Beiden sein, wenn Hermione es riskierte, ihn ihrer Familie vorzustellen und dies nicht als „Beziehungsaus" ansah, wie so viele ihrer Enkelinnen es taten. Vielleicht, so begann sie zu überlegen, vielleicht würde sie noch in den Genuss kommen, den hübschen Draco als ihren Schwiegerenkel bezeichnen zu können und wie gern wäre sie doch auch Urgroßmutter. Aber man musste den Dingen Zeit geben, sagte sie sich dann immer und wer wusste schon, was noch passierte?
Sie hatte ebenfalls Dracos Handeln bemerkt und sich sehr darüber gefreut. Ihren Kindern und Enkeln musste sie immer erst sagen, dass sie die Zänkereien sein lassen sollten und hier kam endlich einmal ein junger Mann und handelte von sich aus. Es war wirklich ein Segen, dass er Hermiones Freund war. Außer Mary hätte ihn wohl keine ihrer Enkelinnen verdient, so eingebildet und schnippisch wie sie manchmal waren. Auch Hermiones Leuchten in den Augen, als sie vorhin mit ihr über den Mann an deren Seite gesprochen hatten hatte ihr deutlich gezeigt, was die junge Dame für ihn empfand, auch wenn sie selbst noch nicht darauf gekommen war. Sie selbst vertrat ja die Ansicht, dass man nur eine Liebe im Leben haben konnte, weshalb sie auch nach dem Tod ihres Mannes nie wieder geheiratet hatte. Für sie jedenfalls stand fest, dass Draco für Hermione das war, der Partner fürs Leben.
„Du hast einen neuen Fan, Draco!" witzelte Hermione später an der Bar, als Lukas nun bereits zum fünfzehnten Mal von seiner Mutter bei ihnen eingefangen werden musste.
„Wen meinst du? Pummel? Ja, ich denke der ist vollkommen von mir eingenommen." Antwortete Draco mit einem wissenden Grinsen im Gesicht, dass sie etwas anderes gemeint hatte. Aber immerhin hatte Lukas ihm Pummel vorgestellt und sogar kurzzeitig überlassen, ohne dass er hatte fragen müssen, wie Hermione zuvor.
„Du bist bescheuert!" lachte Hermione. Es war schon spät am Abend, aber beiden schien das nichts auszumachen. Ausgelassen saßen sie an der Bar, schauten den älteren Pärchen beim Tanzen zu und unterhielten sich angeregt, je nach Zuhörerschaft über Zaubertränke, schwierige Sprüche oder komplizierte Algebraformeln. Mit letzterem Thema konnten sie zumindest jeden ungebetenen Zuhörer ziemlich schnell vergraulen. Nicht selten war eine von Hermiones überschminkten und schrecklich gefärbten Cousinen angekommen und hatte sich zu ihnen gesetzt, doch einfaches ignorieren und das beibehalten des ursprünglichen Gesprächsthemas, in welches kein Außenstehender einsetzen konnte, hatte sie alle vertrieben. Gerade lachten sie über ein Missgeschick eines der Tanzpaare, das nun mehr auf dem Parkett lag, als stand, als Hermiones Großmutter zu den Beiden stieß.
„Na ihr beiden, wollt ihr euch denn so gar nicht auf die Tanzfläche begeben? Ich dachte du hättest einen Tanzkurs an deiner Schule gemacht Hermione? Und ein so gut erzogener junger Mann wie du Draco, kann doch sicher ebenfalls Tanzen. Also warum sitzt ihr hier nur herum und schaut zu. Ihr seid jung, wenn ich noch so jung wäre, ich würde mir meinen Liebhaber schnappen und …" Weiter kam die alte Dame nicht, denn Draco hatte bereits mit hochrotem Kopf die völlig überrumpelte Hermione am Handgelenk geschnappt und begann sie Richtung Tanzfläche zu ziehen. Darauf hatte die alte Dame nur gewartet und gab dem DJ ein verstecktes Zeichen. Sofort, als die Beiden Tanzhaltung angenommen hatten, wechselte die flottere achtziger Jahre Musik einer langsamen, verschmusten Ballade. Beiden blieb nichts weiter übrig, als sich aneinander zu schmiegen und einträchtig einen wirklich langsamen „Langsamen Walzer" zu tanzen.
Eng aneinander gelehnt bewegten sich die beiden Körper in einem Einklang, der selbst von Außen auf die Beobachter eine besondere Aura hatte. Die Bewegungen ein einziges Fließen. Man konnte die Harmonie durch den Saal strömen spüren, wenn man nur aufmerksam war. Die beiden verkörperten in den viereinhalb Minuten, die das Lied spielte, eine Einheit, das Sinnbild der Liebenden. Schon aus dem Grund, dass es im Nacken schmerzte, wenn sie nach oben in Dracos Gesicht schauen wollte, hatte Hermione ihren Kopf seitlich gedreht und ihn an Dracos Oberkörper gelehnt. Abwesend strichen ihrer Finger durch das immer länger werdende, platinblonde Haar. Es reichte Draco bereits bis auf die Schultern, aber sie bemerkte es erst jetzt, wo es sie bei den Drehungen ab und an in der Nase kitzelte. Die Augen geschlossen genoss sie einfach die Körperwärme, die vertrauliche Nähe und sogar das Kitzeln. Dracos Hand auf ihrem Rücken fühlte sich so angenehm und richtig an. Fast wäre ihr ein Seufzen des Bedauerns entwichen, als das Lied endete und sie sich wieder von einander lösten.
Der Zauber des Augenblicks war vorüber und kaum waren sie wieder in Nähe der Bar, kamen auch schon die Grangers mit Mary und sammelten die beiden ein. Schnell wurde sich von allen verabschiedet, besonders herzlich von der Gastgeberin und der Abend nahm sein Ende.
