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Kapitel 20
„Wenn Sie so weiter machen, ist es mir egal, wie viele Freunde Sie haben."
Sam Carter blickte ihn unbekümmert an, ehe sie sich abwandte und blätterte dabei weiterhin provokativ langsam ihre Unterlagen durch. Als sie bemerkte, dass der andere Agent noch immer vor ihrem Schreibtisch stand, blickte sie wieder auf. Sein Gesicht war mittlerweile rot angelaufen und noch immer wollte ihr sein Name nicht einfallen. Bewusst ignorierte sie dabei die Blicke der andere Kollegen die teils belustig, teils missbilligend das Schauspiel beobachteten.
„Wie kommen Sie drauf, dass ich Freunde habe?"
„Es stimmt. Sie hat keine.", klingte sich nun Gibbs ein, der gerade aus dem Fahrstuhl gekommen war und die Szene kurz beobachtet hatte.
"Genau. Warum Freunde, wenn Feinde das Leben so viel interessanter machen?", meinte Sam ein letztes Mal, bevor sie ihre Unterlagen zusammen raffte und Gibbs in das Konferenzzimmer folgte. Ruhig schloss sie die Tür hinter sich und erst als sie sicher war, dass keiner ihrer Kollegen hinein sehen konnte durch die geschlossenen Jalousien wandte sie sich an Gibbs. "Mischen sie sich nie wieder ein, verstanden?", sagte sie kühl bevor sie sich an ihren Platz setzte, den sie auch die letzten Male für sich beansprucht hatte.
"Oh keine Sorge ... Ich hab mich nicht eingemischt. Ich habe nur das Offensichtliche, was hier so gut wie jeder denkt, laut ausgesprochen.", meinte er daraufhin nur gelassen.
Sam gab es ungern zu, aber er hatte Recht. Trotzdem hatte sie das Gefühl als müsste sie sich bedanken und sie hasste es sich zu bedanken... Besonders bei Menschen, die sie einfach nicht einschätzen konnte. Tony war der Einzige, dem sie ohne Probleme solche Worte sagen konnte, einfach aus dem simplen Grund das er Tony war. Tony war alles für sie. Doch Gibbs? Sie wusste nicht was sie über Gibbs denken sollte. Es spielte keine Rolle, dass sie Partner waren, oder das sie sich in den letzten Wochen durch die Arbeit und speziell ihrem aktuellen Fall besser kennen gelernt haben, er war trotz allem ein Rätsel für sie und Rätsel waren etwas was sie noch mehr hasste als bei jemanden in der Schuld zu stehen.
Ohne ihn aus den Augen zu lassen, nickte sie schließlich und sagte ohne ihr Gesicht zu verziehen. "Nun, es ist besser, wenn jeder weiß wie ich bin als sich Illusionen hinzugeben."
Ruhig wandte sie ihren Blick dann von Gibbs ab und sortierte ein letztes Mal ihre Unterlagen, während sie darauf wartete, dass Janet und Tony auftauchen würden. Natürlich würde Tony zu spät kommen, aber das war normal. Genauso wie es normal war, dass Janet genau pünktlich zu ihrem Treffen erschien. Ein kurzer Blick auf ihre Armbanduhr zeigte Sam, dass Janet in wenigen Augenblicken das Zimmer betreten würde. Um genau zu sein, würde sie in drei... zwei... eins... jetzt in der Tür erscheinen. "Hallo Gibbs, Sam." Mit einem Lächeln und einem kleinen Nicken für beide betrat die andere Frau das Konferenzzimmer, in ihrer Hand eine dicke Akte, mit welcher sie sich an ihren gewohnten Platz setzte. Gibbs hatte ihre Begrüßung genauso wie Sam mit einem Nicken erwidert, wobei es Sam jedoch nicht verstehen konnte, dass ihre Lippen für einen Moment zuckten. Es war fast so als wollte sie Janet anlächeln... Langsam wurde diese... Sache mit Janet Fraiser besorgniserregend, war Sams letzter Gedanke bevor er von dem Wirbelwind, der ihr bester Freund war, unterbrochen wurde.
"Ich wünsche euch allen einen schönen guten Morgen!", trällerte ihr bester und wie sie gerade festgestellt hatten, einziger Freund und betrat mit federnden Schritten den Raum. Er setzte sich schwungvoll auf den Stuhl schräg vor Sam und sah alle, mit einem breiten Grinsen im Gesicht, nach einander an. "Na, hat mich jemand schon vermisst?" Es war kaum möglich, aber sein Grinsen schien sogar noch breiter zu werden. Nur Sam schien es jedoch aufzufallen, dass sein Blick ein Tick länger als nötig an Gibbs hängen zu bleiben schien.
"Stell dir vor, Tony, mein Abend ohne dich war richtig ruhig und erholsam. Ich glaube, dass sollte ich öfter mal versuchen.", sagte Sam trocken und blickte ihn kurz an ehe sie wieder den Blick senkte. Sie rieb dabei vorsichtig ihr Handgelenk.
Kurz huschte Tonys Blick zu ihrem Handgelenk, folgte der Bewegung, während seine Augen sich kurz vor Schmerz verdunkelten, doch dies alles passierte innerhalb einer Sekunde und es schien keinem der anderen beiden aufzufallen. Diese schienen eher zwischen einem Lächeln (Janet) oder dem Verlangen jemanden zu schlagen (Gibbs) zu schwanken als auf solche Kleinigkeiten zu achten. Zumindest dachte Tony dies, der vielleicht zum ersten Mal seit Jahren jemanden unterschätzte, denn Gibbs war durch aus diese Sekunde aufgefallen als Tony einen Blick in sein wahres Ich gegeben hatte. Janet war die Einzige in der Runde, die diesem kurzem, eigentlich unbedeutenden Ereignis keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Doch dies lag mehr daran, dass sie sich fragte, woher diese spezielle Angewohnheit ihrer neuen Kollegin wohl kam. Obwohl sie sich erst einige Wochen kannte, hatte sie schon öfter gesehen wie die junge Blondine über ihr Handgelenk rieb. Ob dies eine spezielle Bedeutung hatte? Bevor sie jedoch weiter darüber nachdenken konnte, eröffnete Gibbs ihre heutige Besprechung.
"Ich hatte vorhin ein Gespräch mit dem Chief, der nach dem aktuellen Stand der Dinge gefragt hat. Ebenso wie wir, denkt er, dass es bald Zeit für unseren nächsten Schritt wird. Nach dem letzten Profil von Kate und den Hinweisen aus Detective Sheppards Undercover-Einheit wird der Mörder oder die Mörder nicht mehr lange ruhen." Seine Stimme war ruhig als er kurz ansprach was sie alle wussten. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie zu dem nächsten Opfer gerufen werden. Das war ihnen alles klar, doch dies auch noch durch Kollegen bestätigt zu bekommen, während sie teilweise noch unsicher waren, wie sie den Mörder erwischen können, war bitter. Zumindest war dies Janets Meinung, die es noch nie ertragen konnte, wenn ein Mörder die Oberhand erlangte.
"Welche Hinweise hat Detective Sheppard genau geliefert?", fragte sie darum auch gleich nach.
"Das ist das Problem: nichts. Niemand hat etwas gesehen oder gehört. Oder wollen wir es mal so ausdrücken: niemand wollte etwas sehen oder hören. Sheppard ist an einen der Kellnerin dran, die er für eine mögliche Informantin hält. Er weiß jedoch nichts genaues. Die Besucher sind sehr verschwiegen ebenso wie das Personal. Wir können leider auch nicht viel weiter machen weil wir sonst ungewollt Aufmerksamkeit auf uns ziehen und somit den Mörder verschrecken könnten.", sagte Gibbs mit ruhiger Stimme, doch man konnte ihm ganz deutlich seine Unzufriedenheit ansehen.
"Auch sein normales Netzwerk ist seltsam verschwiegen. Selbst die größten Schwätzer halten sich seltsam verschwiegen. Nur wenige trauten sich Gerüchte, die sie gehört haben, an John oder einen seines Teames heranzutragen", fuhr er fort, während er diese erwähnten Materialen an seine Kollegen weiterreichten. Es waren Kopien von verschwommenen schwarz-weiß-Bildern, die ein junges Pärchen zeigte, die den verdächtigen Club betraten. Das Besondere war, dass ein dritter, junger Mann dabei war.
"Dieser Mann ist ein regelmäßiger Kunde des Clubs und schon ein zwei Mal in anderen Club negativ aufgefallen. Er ging mit seinen Partnerinnen nicht gerade sehr pfleglich um und überschritt oft die festgelegten Grenzen. Er ist unser einziger Anhaltspunkt. Sheppard und sein Team haben ihn in die Prioritätenliste ganz oben ... nicht das wir irgendjemanden hätten, der anderweitig verdächtig wirkt."
"Wie soll es jetzt weiter gehen?", fragte Sam leise und blickte zu ihrem Partner auf.
"Wir werden Sheppards Team weiterhin in den Clubs ermitteln lassen. Und wir werden nochmals das ganze Material durchgehen, falls wir etwas übersehen haben sollten.", antwortete Gibbs.
"Wollen wir selbst noch mal in einem der anderen Clubs einen Testlauf machen?", fragte Janet.
"Hat es Ihnen so gut da gefallen?!", meldete sich nun Tony zu Wort, der ihr ein breites Grinsen dabei zuwarf.
"Aber immer doch. Ich durfte schließlich zu sehen wie Sie auf ihren Knien um Anerkennung betteln. Mal ne nette Abwechslung zu sonst!", war ihre bissige Antwort, die fieser als sonst ausfiel, während sie selbst versuchte zu verdrängen warum ihr der letzte Besuch so gut gefallen hatte.
Gibbs konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen und auch Tony ließ sich durch ihre Aussage nicht die Stimmung verderben. Nur die Blonde blickte ihre Teamkollegen ausdruckslos an - wie immer. Selbst auf ihren Lippen legte sich ein kleines Lächeln und sie konnte sich daher auch den nachfolgenden Satz nicht verkneifen: "Lachen Sie eigentlich nie?"
"Nein", kam Sams Antwort, die sie gleichzeitig mit Tony geäußert hat.
Grinsend wandte er seinem Blick Sam zu, die den Blickkontakt ohne eine offensichtliche Gefühlsregung auf dem Gesicht erwiderte. Zumindest erkannte Janet keine Regung im Gesicht. Sie nahm jedoch einen leeren Zettel von einem kleinen Stapel und einen Stift. Nach Sekunden der Stille legte sie den Stift wieder beiseite und hielt das Blatt Papier nach oben. Ein großer, lachender Smilie zierte das Blatt und sah neben ihrem ausdruckslosem Gesicht einfach nur amüsant aus. Einen Moment lang schwiegen alle bis Tony und Janet gleichzeitig anfingen zu lachen. Ein sehr kleines Lächeln stahl sich auf Gibbs Lippen. Mehr Ergebnisse brachte diese Besprechung jedoch nicht ein und so löste sich ihr Treffen schnell in Wohlgefallen auf. Gibbs und Tony waren schon verschwunden und Janet wollte es ihnen gleich tun, doch sie blieb an der Tür stehen als sie sah, dass Sam sich nicht bewegt hatte und dabei ihre Handgelenk rieb.
"Sam? Kommen Sie?"
"Ich ... Sie hatten mir ... uhm ... zum Anfang des Falls etwas angeboten ... ich wollte ... könnte ich ... also ... steht dieses Angebot noch?", kam es sehr langsam und zögerlich von der Blonden, die auf gestanden war als Janet sie angesprochen hatte.
"Angeb...", wollte Janet erst nachfragen, doch dann fiel es ihr wieder ein. "Ach DAS Angebot. Sicher." Aufmunternd lächelte sie die Blondine an.
"Wollen wir dann vielleicht in unser... ich meine das Cafe hier in die Nähe gehen?", fragte sie leise mit einem Blick auf ihre beiden Kollegen, die ebenfalls im Gang leise miteinander redeten.
Janet konnte daraufhin nur nicken. Nichts und niemand hätte sie auf diese Wendung der Ereignisse vorbereiten können. Sie hatte mit allem gerechnet - nur nicht damit.
Ende Kapitel 20
