Kapitel 15
Sorgen und bange Gedanken
Richard wandte sich langsam zum Zelt seines Medicus. Er wußte, daß dieser alles in seiner Macht Stehende tun würde, um den jungen Ibelin zu retten, ohne daß er ihn extra dazu auffordern mußte, aber er war zu unruhig nach diesen Nachrichten, als daß er seinem Tagesgeschäft als Herrscher hätte nachgehen oder auf die Rückkehr des Knappen Sylvain mit seinem Bruder hätte warten können. Er hatte den jungen Mann auf sein Ehrenwort hin gehenlassen, damit dieser seine Angelegenheiten regelte, denn danach würde er ihn mit einer Nachricht zu Hugh du Blois bringen lassen, wo er unweigerlich eingekerkert würde. Wenn Balian starb, würde der junge Mann einen hohen Preis für die Sicherheit seines Bruders zahlen.
Unschlüssig stand Richard dann vor dem Zelt des Heilers und hörte ihn dort drinnen aufgeregt mit seinen Helfern sprechen. Es kam dem König in den Sinn, daß es möglicherweise nicht gut wäre, den Mann dort drinnen durch seine Anwesenheit zu stören. Er wandte sich an einen Soldaten, rief ihn zu sich und beauftragte ihn damit beim Zelt zu bleiben und wenn der Heiler herauskam, ihm zu sagen, daß er sich in die Burg begeben hätte. Einen weiteren Soldaten schickte er mit der gleichen Nachricht zu Sylvain und befahl ihn mit seinem Bruder ebenfalls dorthin. Danach wandte er sich um und ging eilig zur Burg, er würde Philipp und Hugh du Blois von dem Erfahrenen unterrichten und hoffte, Balian von Ibelin noch lebend anzutreffen. Als er den Lagerplatz der Ritter hinter sich gelassen hatte, kam ihm ein Helfer des Heilers entgegen. Erstaunt hielt ihn der König auf und fragte ihn nach seinem Auftrag:
"Herr, Meister Byron hatte mich geschickt, mich nach dem Befinden des jungen Ritters zu erkundigen. Er lebt, aber seine Lebenskraft schwindet. Er wird sich nicht mehr lange dem Tod wiedersetzen können. Eile tut Not."
Richard nickte nur und mit einem Wink entließ er ihn. Tief durchatmend beruhigte der König seine Nerven. 'Noch lebt Balian. Nichts ist verloren.'
Aber Richard war kein Träumer und ihm war bewusst, daß Balians Leben nur noch an einem seidenen Faden hing.
Als er in die Burg kam, herrschte bereits reges Treiben und im großen Saal des Pallas war man bereits dabei für die Gäste zum Morgenmahl einzudecken. Die Dienerschaft und das Gesinde hatten bereits ihr Mahl zu sich genommen und waren bei ihren Tagesaufgaben. Als Richard sich gerade Richtung Treppe zu den Zimmern wenden wollte, kamen Hugh du Blois und Philipp diese herunter. Richard hätte in dieser anheimelnden Burg ebenfalls eine Kammer beziehen können, der Burgherr hatte ihm dies angeboten, aber er war lieber unter seinen Männern. So hatte er es immer gehalten, wenn er mit ihnen zum Kampf unterwegs war und so wollte er es belassen. Er trat den beiden Männern in den Weg.
"Mein Herr!"[1]
Richard verbeugte sich leicht zum Gruß vor Philipp und wandte sich dann auch mit einem sachten Neigen seines Hauptes an den Grafen du Blois:
"Graf, vergebt, wenn ich noch vor dem Morgenmahl schlechte Nachricht bringe, aber ich muß Euch sprechen."
Hugh, ohnehin schon angespannt wegen der Sorge um Balian, bat den überraschten französischen König und Richard zu einer kleinen, reich verzierten Nische des Saales, in der vor einem Fenster mit breitem Gesims zwei Schemel mit hoher schmaler Rückenlehne standen. Die Rückenlehnen waren mit ornamentalen Schnitzereien geschmückt und man sah an der Zierlichkeit der Stühle bereits, daß diese wohl eher für die Damen des Hauses gedacht waren. Dies spielte aber im Augenblick keine Rolle, denn die drei Männer hatten ohnehin nicht das Bedürfnis sich zu setzen, sondern standen angespannt einander gegenüber.
"Ich habe heute Morgen durch einen Knappen Gâtinais' erfahren, daß die Klingen seiner Waffen vergiftet waren. Der Knappe brachte das Elixier und mein Medicus forscht bereits nach einem Heilmittel. Wie geht es Balian?"
Philipp, der von Hugh schon erfahren hatte wie es dem jungen Mann ging, schwieg und wartete, bis Hugh, der von dieser Nach richt geschockt war und einen Moment brauchte, zur Antwort bereit war:
"Balians Kraft schwindet. Er ringt mit dem Tod und wir haben bereits die Hoffnung verloren, denn er hat in der Nacht sehr ab gebaut. Das Fieber verzehrt ihn. Sein Atem geht schwer und rasselnd. Jeder Atemzug scheint eine Qual."
Richard seufzte, es hörte sich schlimmer an, als er befürchtet hatte:
"Mein Heiler tut alles, was ihm möglich ist, aber vielleicht hat der Knappe zu lange gezögert und es ist bereits zu spät. Uns bleibt nichts als zu warten."
Hugh du Blois nickte traurig:
„Ihr Herren, verzeiht, wenn ich darum bitte mich zurückziehen zu dürfen. Ich will in diesen schweren Stunden nicht meine Gemahlin allein an Balians Lager wachen lassen, und auch mein Sohn bedarf seines Vaters, denn er ist seinem Cousin wie einem Bruder zugetan."
"Geht nur, du Blois, Euer Ansinnen ist Recht und wir können ohnehin nichts tun, bis der Medicus Richards uns Nachricht gibt oder selbst hier erscheint. Geht."
Philipp bedachte Hugh du Blois mit einem aufmunternden Lächeln und wollte ihn bereits entlassen, als Richard den Burg herren noch zurück hielt:
"Es gibt da noch etwas, das ihr wissen solltet. Der Knappe, der zu mir kam, war von Gâtinais gezwungen worden mit dem Mittel die Klingen zu präparieren. Er tat es, um seinen Bruder zu schützen. Er hat mir seinen Bruder anvertraut, bevor er von dem Frevel berichtete, weil er mit einer Bestrafung als Mitwisser rechnet und ich habe beide in die Burg befohlen."
Richard wandte sich an Philipp und sprach weiter:
"Ich wollte den Knappen dem Burgherrn übergeben, damit er im Kerker auf seine Bestrafung wartet, die, denke ich, sollte Balian am Leben bleiben von ihm oder bei seinem Tode von Euch, mein Herr, erfolgen müßte."
Philipp blickte kurz in das Gesicht du Blois und erwiderte dann Richard:
"Euer Handeln entspricht meinem Wunsch in diesem Falle und so soll es sein."
Dann wandte er sich an du Blois:
"Und nun geht, es ist alles gesagt. Steht Eurer Gemahlin bei, wir werden die Kapelle aufsuchen und für die Rettung Balians beten. Ich habe vieles gut zu machen und es würde meine Seele belasten, wenn ich durch seinen Tod nun keine Gelegenheit mehr dazu bekäme. Ich werde meinen Heiler zum Medicus Richards schicken, vielleicht sind sie zusammen in der Lage Balian zu retten, wo einer möglicherweise zum Scheitern verurteilt wäre."
Mit einem tröstlichen Schulterklopfen entließ er nun endgültig den Grafen und winkte stattdessen einem seiner Männer, der dafür Sorge tragen sollte, daß sein Heilkundiger sich mit Richards Arzt zusammen tat. Dann verließen beide ohne das Morgenmahl einzunehmen den Saal und wandten sich zur Kapelle, wo sie zusammen mit dem Geistlichen der Burg für Balians Leben beten wollten.
Hugh du Blois ging schweren Schrittes hinauf zu den Kammern. Zunächst wollte er seinen Weg direkt zu seiner Gemahlin lenken, aber dann kam ihm in den Sinn, doch erst nach seinem Sohn zu sehen, der noch tief und fest am Schlafen war, als Hugh beim ersten Morgengrauen das Zimmer von Balian verlassen und nach ihm gesehen hatte.
Leise öffnete er die Tür zur Kammer von Anno, trat vorsichtig an das Bett heran, das gegen die Kälte der Nacht mit schweren Vorhängen geschützt war, schob ein wenig den Stoff in der Mitte beiseite und blickte auf das Bett. Es schien so, als würde der Junge noch immer schlafen, aber dann regte er sich:
"Vater?"
Anno wandte sich um und setzte sich in seinem Bett auf.
'Wie spät war es? Hatte er seine Pflichten versäumt, daß sein Vater schon nach ihm sah? Balian! Der gestrige Tag war kein Traum! Balian, war er noch am Leben?'
All die sich hetzenden Gedanken und unguten Gefühle spiegelten sich im Gesicht des Jungen und Hugh entschied sich, sofort mit dem Knaben zu reden und das Gespräch zwischen ihnen nicht länger aufzuschieben, wenngleich es ihn drängte, zu seiner Gemahlin zu kommen.
"Guten Morgen, Anno, ich hoffe du hast wohl geschlafen?"
"Guten Morgen, Vater. Ich habe geträumt, ich dachte es wäre ein Traum, aber Balian liegt wirklich in seinem Bett und ist schwer verletzt, nicht wahr, Vater?"
Hugh du Blois strich seinem Jungen eine Haarsträhne aus dem Gesicht, setzte sich an die Bettkante und erwiderte:
"Ja, Junge, Balian ringt noch immer mit dem Tod, und ich habe gerade Nachricht bekommen, die uns noch mehr die Hoffnung nimmt, daß er diesen Tag überleben wird. Ich weiß, wie sehr du ihn magst, mein Sohn, deshalb sprich bitte jetzt mit mir über das, was dich gestern so erschütterte. Daß unsere Fürsorge für den Sohn Godfreys in dir Eifersucht erzeugen könnte, mag ich nicht glauben, also was quält dich?"
"Vater, muß ich von Euch weg? Muß ich meine Ausbildung bei einem anderen Ritter machen?"
Hugh zog seine Stirn kraus, ob dieser Fragen. 'Was brachte den Jungen auf diese Gedanken?'
"Hast du Angst, weil Balian nun seinen Platz an meiner Seite ein genommen hat, seit die Herrschenden auf der Burg weilen, daß du mir nicht mehr lieb und teuer bist? Woher kommen diese Sorge und die Fragen?"
Anno nestelte an seiner Bettdecke herum und wagte es lange Zeit nicht, seinem Vater in die Augen zu blicken, bis dieser mit sanfter Gewalt sein Kinn anhob und sprach:
"Nun, Sohn, sprich! Ich wünsche es zu erfahren."
Der Knabe holte tief Luft und antwortete:
"Ich habe vor einigen Tagen ein Gespräch eines Ritters mit einem anderen angehört, wie sie sich darüber unterhielten, daß es ungebührlich sei, daß Ihr mich selbst ausbildet, und einer der Ritter sprach davon, daß er Euch schon genügend Gold bieten würde, mich in seinen Dienst zu stellen. Ich weiß zwar, daß normalerweise der Vater für die Ausbildung des Sohnes einen anderen Ritter bezahlt, aber er klang so überzeugt, daß Ihr nicht Nein sagen könnt. Ich habe Angst vor diesem Mann, Vater."
Hugh du Blois blickte seinen Sohn, der nun mit bangen Augen vor ihm saß, lange an. Erinnerungen an den Bericht Balians, was er als Knabe hatte durchmachen müssen, gingen ihm durch den Kopf. Die Sorgen des Jungen waren nicht unbegründet, und wieder einmal fiel ihm auf, wie reizvoll sein Junge aussah. Er hatte seinen kraftvollen Körperbau, aber die Feinheit und das sanfte Erscheinungsbild seiner Mutter. Ein solcher Knabe konnte einen Mann schon in Verführung bringen. Hugh wußte, daß er und seine Brüder Glück gehabt hatten bei einem Herrn ausgebildet worden zu sein, der sehr strenggläubig war und Übergriffe auf Knaben nicht zuließ, weil sie nach der Bibel Sünde waren. Sie hatten zwar oft unter dieser Strenge gelitten, aber sie war auch ihr Schutz gewesen, denn es war durchaus üblich, daß sich Knappen gefügig zeigen mußten oder ihre Strafen in körperlichen Diensten für die zuständigen Ritter bestand. Hugh dachte an Balian in diesem Alter, und er bemerkte zum ersten Mal, wie ähnlich sich die beiden waren, nur daß sein Junge blondes Haar hatte, das golden leuchtete, wenn die Sonne es beschien.
Hugh schluckte schwer, als er einfach seinen Jungen an sich heranzog, sanft ihm den Rücken streichelte. Als Anno sich ganz vertrauensvoll an ihn schmiegte, flüsterte der Graf ihm zu:
"Um nichts in der Welt würde ich dich hergeben, Junge. Kein Gold kann mir so viel bedeuten wie du. Mag der Weg, den ich gehe auch unüblich sein, deine Erziehung wird die Lästerer zum Schweigen bringen. Es gibt nur einen Menschen, dem ich dich sonst noch anvertrauen würde, und das ist Balian, aber im Moment hat der Herr noch nicht über sein Leben entschieden. Deines aber, Anno, liegt wohlbehütet in meinen Händen und daraus werde ich es erst entlassen, wenn du stark genug bist, für dich selbst einzutreten."
Behutsam drückte er den Jungen wieder von sich weg und blickte in seine Augen. Er sah, daß eine große Last von dem Knaben gefallen war, daß aber da immer noch ein Schmerz war, den er nicht ergründen konnte.
Abermals fragte er seinen Jungen:
"Das war nicht alles, nicht wahr? Da ist noch etwas, das dich kümmert."
Anno nickte und erwiderte leise:
"Ich habe noch nie solche Gewalt gesehen wie beim Gottesurteil. Von den Übungsschwertern bekommen wir blaue Flecke und schmerzende Glieder, aber was die Kämpfer, was Balian dort er trug, ich kann das nicht verstehen, wie das möglich ist. Und wofür das? Er liegt nun im Sterben, Gâtinais ist tot. Wofür?"
Hugh du Blois erkannte, was seinen Jungen umtrieb, aber er sah nun auch, daß sein Knabe zu behütet aufgewachsen war. Er war als Lehnsherr ein geschickter Diplomat und hatte so sein Hab und Gut, seine Familie immer vor den Grauen von Machtkämpfen schützen können, aber sein Sohn war dadurch mit solchen Härten auch nie konfrontiert worden, wie sollte er also damit umgehen?
Hugh überlegte lange, wie er seinem Sohn jetzt antworten sollte. Er hatte einen Fehler gemacht, und wenn er seinen Sohn weiter ausbildete, würde er diesen Fehler fortführen, er würde also doch das bereits Gesagte zurücknehmen müssen, sein Versprechen brechen müssen, aber das wer und wann, diese Entscheidung wollte er jetzt nicht fällen, und so erwiderte er auf die Frage des Knaben:
"Als Kämpfer mit dem Schwert wirst du immer wieder Verletzungen einstecken müssen, und deine Kraft und Willensstärke werden den Hauptanteil daran haben, ob du obsiegst oder verlierst. Der Herr hatte es seit dem Tod deines Großvaters gut mit uns gemeint und ich konnte Krieg und Tod von dem Gut und der Familie fernhalten. Dies bedeutet nicht, daß es überall so ist und ein jeder ein solches Glück hat. Manche Nachbarn oder auch Räuber oder Situationen wie dieser Kreuzzug nun machen es unabdingbar, das Schwert in die Hand zu nehmen, und dann gibt es auch Verletzte und, wenn es dem Herrn gefällt, auch Tote. Dies ist der Lauf der Dinge, und als mein Erbe wirst vielleicht auch du einmal in diese Situation kommen. Die Härte, die ein Ritterdasein bringen kann, blieb dir bisher erspart, aber auch dafür mußt du dich wappnen, mein Sohn. Deine Ausbildung muß dir dies ebenso vermitteln und du mußt lernen damit umzugehen."
Hugh machte eine kurze Pause, überlegte, wie er nun Balians Situation erklären sollte und daß dieser recht gehandelt hatte, bevor er fortfuhr:
"Balian kämpfte um sein Recht, das ihm hier in seinem Geburtsland abgesprochen wurde, als anerkannter Sohn seines Vaters zum Ritter geschlagen, auch als solcher behandelt zu werden. Er hat sich viel Ruhm erworben in einem fernen Land, aber man sprach ihm das Recht ab, an meiner Seite als Teil der Familie Platz zu nehmen. Die Zurechtweisungen kamen nicht offen durch den König, sondern hinterhältig durch Attacken wie von Gâtinais und anderen Rittern. Balian mußte handeln, und er hat den einzigen Weg gefunden und ist ihn konsequent gegangen, der ihm unwiderlegbar für alle Zeit, auf Geheiß des Königs niedergelegt in den Chroniken der Familie, die Anerkennung und Adelung als Ritter brachte. Er zahlte dafür einen hohen Preis, aber erst die Niedertracht Gâtinais ließ diesen Preis ins Unermeßliche steigen."
Abermals stockte der Burgherr und überlegte, zögerte, ob er seinem Jungen nun die schreckliche Nachricht unterbreiten sollte, die König Richard ihm gebracht hatte, dann entschied er, daß sein Sohn, auch wenn es jetzt sehr schwer war, damit umzugehen lernen mußte, und so sprach er:
"Und die Niedertracht Gâtinais' war noch viel widerwärtiger, als wir alle bisher dachten oder für möglich hielten. Seine Klingen waren vergiftet und selbst die kleinsten Verletzungen durch sie sollten Balian den Tod bringen, und im Moment sieht es so aus, als würde Gâtinais noch im Tod über Balian triumphieren."
Anno schrak zusammen und seine Augen füllten sich mit Tränen:
"Vater, das darf nicht sein! Warum läßt Gott so etwas zu? Was hat Balian denn getan, daß er so gestraft wird?"
Hugh zog seinen Jungen wieder an sich und antwortete mit heiserer Stimme:
"Ich weiß es nicht, mein Junge. Sicher wird Gâtinais ob dieser Tat in der Hölle schmoren, aber warum Balian nun vielleicht den Tod erdulden muß, kann ich dir nicht sagen. Ich will es für mich so sehen, daß auch der Herr sich mit Gutem und Schönem umgibt und sich deshalb einen Menschen wie Balian wegen seiner Güte vor dessen Zeit zu sich holt, auch wenn wir es nicht verstehen können. Und Balian wird ganz sicher an der Seite des Herrn seinen Platz finden und nicht ins Fegefeuer gehen. Davon bin ich überzeugt, gibt es einen gnädigen und barmherzigen Gott."
Anno blickte zu dem Gesicht seines Vaters auf und nickte. Wenn selbst sein Vater keine Erklärung hatte, dann wollte er sich damit zufrieden geben, woran sich sein Vater festhielt, erschien dieser Gedanke doch selbst ihm als Kind durchaus verständlich.
"Nun, Sohn, aus den Federn! Du hast Pflichten und deine Mutter sorgt sich um dich. Ich werde nun an ihre Seite eilen. Dir gebe ich den Auftrag, uns ein Tablett mit Essen ins Zimmer von Balian zu bringen. Wir haben noch nicht gespeist. Dann wirst du selbst etwas essen und deine Arbeit aufnehmen."
Er wuschelte durch die Haare seines Sohnes, trocknete ihm mit einer sanften, streichelnden Bewegung die Tränen auf der Wange und stand dann auf. Er lächelte seinem Sohn nochmals zu und verließ das Zimmer.
Vor dem Zimmer seines Sohnes atmete Hugh tief durch. Anno's Probleme waren für einen behüteten Knaben in seinem Alter sicher beängstigend, aber letztlich doch überschaubar und zu bewältigen. Hugh hatte keine Zweifel, daß sein Junge das schaffen würde, aber er selbst mußte sich nun einem Problem stellen, dem er machtlos gegenüberstand, denn solange die Ärzte der beiden Könige kein Gegenmittel gegen das Gift gefunden hatten, würde Balians Tod unausweichlich sein und selbst wenn sie denn etwas fanden, konnte es bereits zu spät sein. Er liebte seine Familie von Herzen, aber der Tod Balians würde ihn zu tiefst erschüttern.
Hughs Gedanken schweiften ab. Vor etwas mehr als dreiundzwanzig Jahren war sein Bruder ins Heilige Land aufgebrochen, weil er in diesem Land keine Zukunft für sich gesehen hatte, und er hatte ihn gehen lassen. Seit Godfrey zwei Jahre zuvor für wenige Tage zurückgekehrt war, fragte Hugh sich, warum er nie versucht hatte zu ihm Kontakt in Jerusalem zu bekommen. Er hatte immer auf Nachricht von ihm gewartet und wußte doch nur, was man von Reisenden erfahren konnte. Hugh hatte mit Godfrey gehadert, aber selbst hatte er auch nichts getan und geschwiegen. Als der Bruder dann für kurze Zeit nach vielen Jahren wieder in der Burg weilte, hatte er seinen Frieden mit ihm geschlossen, aber den Schmerz des Verlustes als dieser wieder von hinnen zog, stärker als in jungen Jahren verspürt. Als er vor Monaten einen Brief Tiberias' erhalten hatte, der ihn vom Tod des Bruders unterrichtete, von den Geschehnissen in Jerusalem und von Balian, war er von Kummer aber auch unsäglicher Unruhe erfüllt gewesen, denn Tiberias hatte ihm den Jungen seines Bruders in aller Ausführlichkeit geschildert, und so hatte er voller Ungeduld auf die Rückkehr seines Bruders in der Gestalt seines Sohnes gewartet. Und dann war dieser Moment endlich gekommen, Balian hatte um Einlaß und Gehör gebeten und bereits im ersten Moment, als Hugh des Jungen ansichtig wurde, wußte er, daß dies nicht sein Bruder war, nein, er war so viel mehr, und die Liebe, die er all die vergangenen Jahre für seinen Bruder in seinem Herzen bewahrt hatte, flog dem jungen Ritter mit dem dunkelbraunen, glänzenden Haaren, den sanften, samtenen Augen und jenem Lächeln, das so viel gab und noch viel mehr versprach, zu. Hugh hatte seinen Neffen von Beginn an wie einen Bruder, oder doch eher wegen seiner Jugend wie einen Sohn geliebt.
Schwer atmend stand er nun vor dessen Kammer, in der schon sein Vater geschlafen hatte und die Balian nun vielleicht nur noch zur eigenen Bestattung würde verlassen können.
Voller Schwermut und unsäglichem Bangen schloß Hugh die Augen, um sich zu sammeln. Er mußte nun für seine Familie stark sein, wenngleich er wußte, daß er auf alle Zeiten mit dem Herrn hadern würde, ließe der es zu, daß der Sohn seines Bruders nun von ihnen ging. Er dachte kurz an das Schwert, das Balian ihm anvertraut hatte. 'Hatte Balian diesen Verlauf des Kampfes, die Entscheidung geahnt? Wenn er Gâtinais eine solche Feigheit zutraute, warum hatte er nichts gesagt, war das Risiko ein gegangen?'
Hugh schüttelte den Kopf, es hatte keinen Zweck weiter zu grübeln, es war, wie Richard es sagte, sie konnten nur warten, beten und hoffen und auf einen gnädigen und gerechten Gott vertrauen.
Er öffnete die Türe, blickte seiner Gemahlin kurz in die Augen und sah dann zu der eingefallenen Gestalt im Bett hin, die tief in die Kissen gesunken war. Kaum ein Heben der Brust war noch erkennbar und seine Gemahlin hatte Balians Hände bereits auf der Brust gefaltet. Nicht mehr lange würden seine Leiden dauern, und nur noch tiefe Trauer stand in Eleanores Augen.
[1] Richard hatte Lehen im Norden von Frankreich und war als Lehnsherr somit formal Philipps Untertan. Da aber beide Könige waren, entbot Richard als Gast in Philipps Reich mit dieser Anrede lediglich obligatorisch den Gruß eines Vasallen an seinen König.
