21.

„Hey Liselotte, wie schön dich zu sehen! Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr vorbei, um mir von euren Weihnachtsfest zu erzählen. War's denn schön? Hat's Watson gefallen? Hast du endlich mit Rokko…" Jürgen sah auf und erschrak: In Lisas Augen standen Tränen und ihre Unterlippe bebte bedrohlich. „Lisa? Ist alles in Ordnung?" – „Watson ist gestern Nacht gestorben", brachte sie gerade noch hervor, bevor die Tränen sie übermannten. So schnell er konnte, ging Jürgen auf sie zu und nahm sie in den Arm. „Pscht, Lisa, pscht", versuchte er vergeblich, sie zu beruhigen. „Komm, setz dich erstmal." Sanft aber bestimmt dirigierte Jürgen seine beste Freundin auf deren Stammplatz auf der Bank. „Wo ist Rokko?", wollte er wissen. „Der hat mich weggeschickt, aber ich bin geblieben, bis seine Eltern kamen. Das war vor zwei oder drei Stunden – ich weiß es nicht mehr. Ich bin dann völlig planlos durch die Stadt gelaufen…" – „Aber man landet ja immer beim guten, alten Jürgen", versuchte dieser Lisa aufzubauen. „Darf ich fragen, ob… ob er sich… naja… gequält hat?" Lisa schüttelte den Kopf. „Nein, gar nicht. Er hat im Krankenhaus etwas gegen seine Kopfschmerzen gekriegt und dann… wir lagen einfach so da… Rokko hat Geschichten aus Watsons Kindheit erzählt und irgendwann… er hat einfach nicht mehr geatmet." Schluchzend vergrub Lisa ihren Kopf an Jürgens Schulter.

Hilflos streichelte der hilflose Jürgen der weinenden Lisa immer wieder über den Rücken. Erst das erneute Klingeln des Glockenspieles an der Tür ließ ihn aufsehen. „Herr Haas!", begrüßte er den Designer. Dieser warf nur einen Blick auf Lisa und sah Jürgen dann fragend an. Lautlos formte er „Nein" mit den Lippen, doch Jürgen bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen durch ein Nicken. Vor lauter Verzweiflung wusste Hugo sich nicht anders zu helfen, als dem Türrahmen einen Schlag zu versetzen. Ein weiteres Klingeln zeigte Jürgen, dass Hugo wieder gegangen war.

„Einen Wodka – doppelt! Nein, dreifach", verlangte Hugo unüberhörbar. Die Thekenbedienung sah ihn süffisant lächelnd an. „Ist es nicht ein bisschen früh für so hartes Zeug, Hübscher?" – „Das müssen Sie schon mir überlassen. Einen dreifachen Wodka – vite, vite." – „Sie hat Recht, Herr Haas", erklang eine Stimme hinter Hugo. Die barbusige Tänzerin hatte die Tanzfläche Tanzfläche sein lassen, als sie den Designer hatte den Laden betreten sehen. „Ich bin ein erwachsener Mann und wenn ich trinken will, dann trinke ich", wies Hugo die junge Frau zurecht. „Es gibt aber einen Unterschied zwischen Trinken und Frustsaufen", bemerkte Oksana spitz und fing das Glas auf halben Weg zwischen ihrer Kollegin und Hugo ab. „Wenn Sie mir einen wirklich guten Grund nennen, dann lasse ich Sie vielleicht mal nippen", zog sie ihn auf. „Watson ist tot", erklärte Hugo der Tänzerin – äußerlich wirkte er gefasst, aber in seinem Inneren war eine Welt zusammen gebrochen. „Das quirlige Kerlchen von neulich – dem, dem wir vorgespielt haben, das hier wäre ein anständiges Etablissement?" Oksana riss ihre grünen Augen weit auf. „Das ist jetzt nicht wahr, oder?" – „Doch", sinnierte Hugo mit hohlem Blick. „Erst Britta, jetzt Watson – immer wenn ich jemanden nah an mich heranlasse, dann passiert ein Unglück." – „Das ist doch Quatsch", widersprach Oksana heftig. „Sie haben Ihre Frau ja nicht vor das Auto geschubst, das sie letztlich überfahren hat, sondern sie ist davor gelaufen – das war ihre eigene Schuld. Jedes Kindergartenkind lernt, dass das vierrädrige Etwas immer stärker ist und man deshalb richtig hinsehen muss, bevor man über die Straße läuft. Und Watson – der war doch schon krank bevor er Sie kennen gelernt hat, oder? Ich würde sagen, ich habe Recht und Ihr Wodka geht in den Ausguss." Die Tänzerin beugte sich über die Theke und ließ das Getränk genau dort verschwinden. Erst jetzt wurde Hugo bewusst, dass sie nur ein Höschen und Schuhe mit einem Schwindel erregend hohem Absatz trug. Wow, wie schön sie ist. Obwohl… wieso einen schönen Körper nackt präsentieren? Ihn ein wenig zu verhüllen würde den Reiz doch eher vergrößern… Hugo, was denkst du denn da? Watson ist gerade gestorben und du begaffst nackte Titten. Hatte Watson nicht gesagt, du sollst dich nicht hängen lassen? Hatte er das damit gemeint? Normal weiterleben, die Augen öffnen für die Menschen um dich herum, wieder etwas für Andere empfinden… Rokko! Um Himmels Willen, wie musste es dem jetzt nur gehen? Heute gehst du wieder in die WG und bist für ihn da – so wie er für dich da war, als du nicht wusstest, wohin. Ja, genommen hast du genug, jetzt ist es Zeit, auch mal zu geben. „Herr Haas? Haben Sie mich gehört?" Sorge stand in Oksanas Gesicht, als sie Hugo musterte. „Ähm, tut mir leid, ich war in Gedanken. Was haben Sie gesagt?" – „Ich sagte, ich mache den Vormittag frei und gehe ein bisschen mit Ihnen spazieren. Frische Luft tut Ihnen bestimmt gut." Wild entschlossen, Hugo etwas Gutes zu tun, riss sich Oksana ihre schlecht gemachte platinblonde Perücke vom Kopf. „Wow, Sie haben schöne Haare", bemerkte Hugo und betrachtete fasziniert Oksanas pechschwarzes Haar. „Jep, alles echt, aber sehen Sie nicht so genau hin, das eine oder andere graue Haar ist auch schon dabei", neckte sie ihn lachend.

„Rokko, Junge, was machst du denn da?" Siegfried Kowalski, ein stämmiger und betagter Mann, stand in der Tür zu Watsons Zimmer und betrachtete mit Sorge, wie sein Sohn in einer Übersprungshandlung Watsons Bett abzog und den Bezug in eine Mülltüte stopfte. „Ich muss hier aufräumen", erklärte Rokko ihm aufgebracht. „Aber das kann doch auch warten", wollte Siegfried ihn beruhigen. „Nein, das kann es nicht. Watson ist in diesem Bett gestorben und…" – „Mutti kann das doch erstmal in die Waschmaschine stecken. Du musst dich nicht damit quälen." – „Ich will nicht, dass es gewaschen wird, ich will es nicht mehr sehen. Mein Sohn ist darin gestorben, glaubst du, ich ziehe diese Bettwäsche je wieder irgendwo drauf?" Wie von Sinnen stürmte Rokko auf Watsons Kleiderschrank zu. Diese Ordnung! Die Pullover und T-Shirts nach Farben geordnet, die Socken ordentlich aufgerollt, die Hosen über einen Bügel gehängt, die Bügel alle in einer Richtung. Verdammt, von wem hatte er diesen Ordnungstick nur… gehabt? Rokko spürte, wie sein Vater ihm eine Hand auf den Oberarm legte. „Tu das nicht", sagte er nur. „Wenn du dich beruhigt hast, dann wirst du es bereuen, kein Andenken an Watson zu haben. Lass dir Zeit." – „Ich habe mir Zeit gelassen", flüstere Rokko. „So viel. Die ganze Zeit, die er bei euch in Flensburg gelebt hat. Wieso war ich so feige, ihn bei euch abzuladen?" – „Du hast ihn nicht bei uns abgeladen. Du hast das beste gemacht, was du in dieser Situation hättest tun können. Wir hatten Watson wirklich gerne bei uns." – „Aber er wollte seinen Vater", stellte Rokko verbittert fest. „Und den hatte er doch auch." – „Ja, für ein paar Wochen." Siegfried schob seinen Sohn vom Schrank weg und schloss dessen Türen. „Die paar Wochen und deine ganze Studienzeit über", begann Siegfried, schüttelte dann aber den Kopf. „In deinem Zustand bringt dieses Gespräch nichts. Komm, wir gehen erstmal wieder runter zu Mutti. Soll ich vielleicht deine Freundin anrufen, die nette junge Frau, die letzte Nacht so tapfer auf uns gewartet hat? Vielleicht kann sie dir ja besser helfen…" – „Lisa? Nein, besser nicht. Ich war unmöglich zu Lisa." – „Das versteht sie schon. Sie war auch aufgewühlt. Ihr solltet euch jetzt gemeinsam Halt geben. Mutti und ich…" – „Nun tu doch nicht so, als hättet ihr immer eine Musterbeziehung geführt", warf Rokko seinem Vater vor. „Nein, aber du musst ja nicht die gleichen Fehler machen wie ich. Du könnest auch mal der Sohn deiner Mutter sein und den ersten Schritt machen." Rokko versuchte zu lächeln, schaffte es aber nur gequält. „Ich rufe sie nachher an."

„Ich kann Sie ja irgendwo verstehen", meinte Oksana. „Ich hatte auch schon oft das Gefühl, ich würde das Unglück magisch anziehen. Als mein Bruder und ich damals nach Deutschland kamen, da habe ich oft geweint, weil meine Eltern so weit weg waren." – „Wo waren sie denn?", wollte Hugo wissen. „In Rumänien. Marian dachte, wir würden hier ein besseres Leben haben. Ich war gerade erst 15, aber er war schon 19, als wir hier ankamen. Drei Jahre später war er tot. Er wollte mich vor allem beschützen, aber… naja, die ‚Branche', in der ich begonnen habe, war nicht die sicherste, wenn Sie verstehen. Erschossen haben Sie ihn… Mein damaliger Zuhälter hat die Leiche einfach so verschwinden lassen." Oksanas anfängliche Verbitterung wich, betreten biss sie sich auf die Zunge. „Aber eigentlich wollte ich Sie ja aufbauen", meinte sie aufgesetzt fröhlich. „Wie lange sind Sie schon in Deutschland?", fragte Hugo. „Letzten Monat waren es 21 Jahre." – „Wollen Sie eigentlich ewig im Goldständer arbeiten?" – „Nun ja, es ist ein guter Job – besser als die, die ich bisher hatte. Angucken erwünscht, anfassen verboten, wenn Sie verstehen. Ich verdiene gut. Verpflegung, Unterkunft und ich lerne interessante Menschen kennen", lächelte die Tänzerin. „So, hier ist es. Hier wohnen Herr Kowalski und ich." Hugo deutete auf das Gebäude zu seiner Linken. „Sie nennen Ihren Mitbewohner Herrn Kowalski? Das ist spleenig." – „Ich weiß, aber es passt sehr gut zu uns." – „Na dann, seien Sie für Ihren Siez-Freund da." Oksana drehte sich um und wollte gehen, als Hugo sie zurückhielt. „Oksana? Ich würde Sie gerne wieder sehen", gestand er ihr. „Das wollen die meisten. Sie wissen ja: Ansehen erlaubt, anfassen verboten." – „Hm, wie im Museum. Ich weiß ja, wo Sie arbeiten. Wann ist Ihre Schicht denn immer zu Ende? Ich würde Sie gerne zum Essen einladen." Ein amüsierter Ausdruck huschte über Oksanas Gesicht. „Diese Woche habe ich die ‚Frühschicht', wenn Sie so wollen. Kommen Sie einfach vorbei und finden Sie heraus, wann ich Feierabend habe", lächelte sie Hugo provokant an und ging dann los. „Das werde ich!", rief Hugo ihr noch hinterher.

Als Hugo die Wohnung betrat, fand er Rokko geistesabwesend auf dem Sofa sitzen. Ihm gegenüber hatte der Bestatter Platz genommen und redete ununterbrochen von möglichen Zeremonien, Örtlichkeiten für die anschließende Trauerfeier und anderen Dingen, die Rokko im Moment zu überfordern schienen. „Hugo Haas", stellte der Designer sich vor und hielt dem perplexen Bestatter die Hand hin. „Klären Sie diese Dinge bitte mit mir."