Unendlicher Schmerz

Bellas POV

Darf ich denn nicht endlich glücklich sein?

Ich muss wirklich etwas Schreckliches angestellt haben, von dem ich nichts weiß. Die letzten fünf Tage waren die qualvollsten, die ich je erleben musste. Meine Tochter, mein Ein und Alles, die unsere Liebe endlich erwidern konnte, in den Fängen der Volturi.

Werden sie ihr etwas antun? Wie werden sie Renesmee behandeln?

Ich habe solche Angst um sie. Ohne sie kann ich nicht mehr sein. Dann hat alles keinen Sinn mehr. Ich würde es einfach nicht schaffen. Auch nicht mit Edward an meiner Seite. Er würde genauso leiden. So besorgt und bedrückt habe ich ihn noch nie erlebt. In den letzten Tagen habe ich Eigenschaften an ihm erkannt, welche ich vorher nie zu Gesicht bekam.

Aber nicht nur von ihm.

Was mir Mut macht, ist die Hilfe unserer Freunde, die mit Leidenschaft dabei sind, Renesmee zu befreien. Selbst diejenigen, die vorher im Traum nicht daran gedacht hatten, sich gegen die Volturi zu stellen.

Nicht wirklich überrascht bin ich, als Jacob und sein Rudel ins Schloss geplatzt kommen. Er würde alles für Renesmee tun. Zwar kennt er sie nur ein paar Tage, aber dennoch hatten sie eine enge Bindung. So eng, dass ich dachte, er würde sich auf mein Baby prägen. Tage später, nachdem Renée und Phil Renesmee mitgenommen hatten, berichtete mir Jacob, dass er selber fast dran glaubte, sie sei es. Weil er so starke Gefühle für sie hegte.

Mittlerweile bin ich da ganz unbesorgt. Denn fünf Jahre danach lief ihm Paula über den Weg. Und wie beschrieb er es? Es hatte sofort geknallt. Er liebt sie über alles. Seitdem ist er wieder der beste Freund für mich, wie er es war, bevor er zum Werwolf wurde. Auch wenn die Distanz nicht gerade sehr vorteilhaft war.

Kaum, dass wir in Volterra sind, spüre ich Schritt um Schritt, dass wir Renesmee näher kommen. Als ich sie dann in der Gasse auf dem Boden liegen sehe, möchte ich am liebsten auf Demetri zustürmen.

Was dann in den nächsten Minuten passiert, ist so unreal und beängstigend. Wie plötzlich dieser Sturm aufzieht und Eleazar zur Überraschung sagt, dass Renesmee diesen hervorgerufen hat, glaube ich, falsch zu hören. Auch, dass Edward auf einmal ihre Gedanken lesen kann.

Die ganzen Ereignisse passieren in Sekundenbruchteilen. Ein Blitz schlägt ein und Jane ist nur noch Asche. Sie hat es verdient.

Zu unser aller Überraschung flüchten die Volturi. Sie haben Angst vor meiner Tochter. Alecs Worte der Rache klingen da fast lächerlich. Dennoch sollten wir es in Betracht ziehen, dass er in ferner Zukunft Rache üben könnte.

Renesmee war nicht sie selbst, als sie es tat. Das erkenne ich schon an ihren roten Augen, die mir unheimlich Angst bereiten, und wünsche mir sehnlichst ihre rehbraunen Augen zurück, die mich immer an mein Menschenleben erinnern.

Renesmee kommt auf uns zu, ihr Gesicht ausdrucklos. Ich merke, wie einige von uns ängstlich von ihr weichen. Das ändert sich aber schlagartig, als sie ihre Augen zu und wieder aufschlägt. Das rot weicht in Tränen aus ihren Augen und das braun ist wieder dominant. Dennoch ist es ein schmerzendes Bild, ihre blutigen Tränen zu sehen.

Vor mir und Edward bleibt sie stehen. Ihr Blick nun entsetzt, geschockt.

„Was hab ich getan?", fragt sie noch und fällt regungslos in meine Arme. Carlisle ist sofort an unserer Seite.

Renesmee glüht. Ihr Zustand gleicht dem, wie in Phoenix, als es ganz schlimm war.

„Sie braucht ganz dringend Blut", sagt er und schaut mich besorgt an.

„Bringt sie zum Flugzeug. Ich besorge schnell was aus dem Krankenhaus."

„Geht es nicht schneller, wenn wir einfach hier einen Menschen erledigen, von denen die hier rum laufen?", fragt Benjamin.

„Das würde sie nicht wollen", schaltet sich Dolton ein.

Auf seine Erklärung bin ich noch gespannt. Ich würde ihn am liebsten immer noch dafür töten, was er getan hat. Aber er hat Renesmee geholfen zu flüchten, das ist der einzige Grund, warum er noch lebt.

„Sie war die ganze Zeit mit einem Menschen in eine Zelle gesperrt und hat sich sogar mit der Frau angefreundet. Sie hat meine Schwester dazu gebracht, ihre Mahlzeit nicht zu verspeisen und auf das Menschblut zu verzichten, obwohl sie lange kein Blut mehr zu sich genommen hatte. Aber sie hat es geschafft, dank Renesmee."

Seine Schwester also. So langsam kommt Licht ins Dunkle.

Edward lässt da auch nicht weiter mit sich reden. Er nimmt Renesmee in seine Arme und läuft ohne ein weiteres Wort, mit einem wohlwissenden Blick zu mir los. Genau, wie Carlisle, der von Eleazar begleitet wird. Ich renne Edward so schnell es geht hinterher. Aber selbst mit Renesmee in seinen Armen ist er schneller als alle anderen.

Hinter mir höre ich, wie Tanya und Irina Dolton zur Rede stellen und er dann seine wahre Geschichte preisgibt. Da bei muss man schon Mitleid mit ihm haben, wie er seine Mutter verloren hat und dass seine Schwester jahrelang Gefangene der Volturi war. Sie haben viel durchmachen müssen. Das habe ich auch, deshalb kann ich Dolton nicht sofort verzeihen, aber ich kann verstehen. Es hätte uns schließlich fast Renesmee gekostet.

Niemand spielt mit dem Leben meiner Tochter.

„Mom", höre ich Renesmee ganz schwach sagen. Allerdings ist sie noch nicht bei Bewusstsein.

Wir sind schon am Flugzeug angekommen. Die anderen Vampire und die Wölfe sind schnell los, um zu jagen, bevor wir abfliegen. Alice, Rose, Jasper und Emmett sind bei uns geblieben. Ein Gesicht besorgter als das Andere. Keiner der vier würde jetzt von Renesmees Seite weichen.

Edward legt unsere Tochter vorsichtig in einen Sitz ab, den Emmett mal eben fix zur Liege umfunktionierte.

„Mom", sagt Renesmee erneut.

„Ich bin hier, mein Schatz. Es wird alles wieder OK. Du bist frei", sage ich hier mit gebrochener Stimme und gebe ihr einen langen Kuss auf die Stirn. Meine kalten Lippen zischen regelrecht, als sie auf Renesmees glühende Haut treffen.

Ich spüre Jaspers Kraft in mir wirken, meine Sorge zu verdrängen, doch es ist schwer. Aber er gibt nicht auf. Mit einem Lächeln bedanke ich mich bei ihm.

„Mach dir keine Sorgen, Bella. Ich hab gesehen, dass sie in Denali wieder fit ist. Versprochen. Ich hab's gesehen", erzählt Alice ganz aufgeregt.

„Ich dachte, du kannst ihre Zukunft nicht sehen?"

„Kann ich auch nicht. Aber Scotts", grinst sie mich an.

„Was hast du gesehen?"

„Die Hellseherin schweigt und genießt."

„ALICE!"

„OK, OK. Ich hab gesehen, wie die beiden miteinander reden und sich dann küssen. Total süß", freut sie sich.

Und auch ich kann mir jetzt ein Grinsen nicht verkneifen. Jetzt verstehe ich auch Edwards zerknirschtes Gesicht. Wobei er doch froh darüber sein sollte. Irgendwas ist da noch.

„Alles OK, Edward?", frage ich ihn und lege meine Hand an seine stählerne Wange. Seine Augen suchen und finden mich.

„Ich kann ihre Gedanken nicht mehr lesen", grummelt er.

Emmett, Rose und Alice lachen amüsiert. Und auch ich muss mich zusammenreißen.

„Das muss ein Albtraum für dich sein, Eddie. Du kannst aller Leute Gedanken lesen, nur nicht die deiner beiden Mädels", ergötzt sich Emmett an Edwards Leid.

„Du hast ja keine Ahnung."

Oh mein Armer. Ich gebe ihm einen sanften Kuss auf die Lippen, was ihm erstmal milde stimmt.

„Das hält aber nicht lange an", haucht er mir ins Ohr.

„Vielleicht später."

„Genug der Turtelei. Lasst uns Renesmee erstmal was Frisches anziehen. Sie sieht ja grauenhaft aus."

„Alice!"

„Ist doch wahr:"

Wir schicken die Jungs erstmal raus, um dann Renesmee notdürftig zu waschen. Edward weicht dabei ungern von unserer Tochter. Sobald Alice ihr ein neues Outfit rausgesucht hat und wir es Renesmee angezogen haben, durfte er ja auch wieder zu ihr.

Carlisle und Eleazar kommen Minuten später zu uns. Behutsam flößen er und Edward unserer Tochter das wichtige Blut ein. Es dauert nicht lange, da fällt ihre Temperatur wieder auf normal und ihr Körper entspannt sich. Sie fällt in einen tiefen Schlaf. Sicher hat sie die Tage kaum ein Auge zu gemacht. Was mir auffällt, sie reagiert immer schneller und besser auf das Blut.

„Unsere Freunde wollen sich schon von hier aus auf den Weg zurück in ihre Heimat machen", berichtet Carlisle, nachdem er Renesmees Werte noch mal gecheckt hat und ihr großväterlich einen Kuss auf die Stirn gibt.

Nicht nur ich bin überrascht von dieser Geste. Aber ich habe es in Carlisles, wie in Esmes Augen gesehen, welche Sorgen sie mit mir teilten, als Renesmee noch gefangen war. So erleichtert ist er jetzt, sie wieder in unserer Sicherheit zu wissen.

„Wir sollten uns bei ihnen bedanken", sagt mir Edward. Er hat recht.

Allerdings will ich Renesmee nicht alleine lassen. Ich will nie mehr von ihrer Seite weichen. Mein Engel.

„Ich bleibe hier", bietet mir Rosalie warmherzig lächelnd an.

„OK. Danke Rose", sage ich, auch wenn ich es recht widerwillig mache. Aber unsere Helfer haben unseren Dank mehr als verdient. Auch, wenn im Endeffekt es Renesmee war, die die Volturi in die Flucht geschlagen hat, hätten sie alles riskiert, um uns zu helfen.

Vor dem Flugzeug warten sie schon alle. Etwas weiter hinten haben sich die Wölfe platziert. Die bekannten Gesichter wie Jacob, Sam und Seth in Menschengestalt, während diejenigen, die zum ersten Mal auf uns Vampire trafen, noch in ihrer Wolfsgestalt blieben.

„Meine Freunde. Ich möchte euch danken, für die Hilfe, meine Tochter zu befreien", beginnt Edward.

Zafrina tritt hervor.

„Das war sie alleine, junger Freund. Ihr habt eine mächtige und wunderschöne Tochter. Kommt uns doch mit Renesmee besuchen. Sie ist sicher gewillt, mehr über unsere Kultur zu erfahren, so wie wir über jeden Fortschritt, den sie macht."

„Das werden wir, Zafrina. Dennoch möchte ich mich bedanken, für euren Willen, euch gegen die mächtigen Volturi zu stellen, um Renesmee zu befreien. Wir bieten euch jederzeit Hilfe an, wenn ihr uns braucht. Danke."

Er hat es absolut besser drauf, mit den vielen verschiedenen Vampiren zu kommunizieren. Was sicher auch daran liegt, dass er ihre Gedanken sehen kann. Die meisten habe ich zum ersten Mal gesehen. Dennoch verabschieden sie sich von mir, als würden wir uns Jahrhunderte kennen. Ein Marathon von Umarmungen folgt.

Ganz selbstverständlich laden uns auch die anderen Zirkel zu sich ein. Immer mit der Betonung, Renesmee mitzubringen. Benjamin, Peter und Charlotte haben sich bei uns eingeladen. Benjamin möchte unbedingt mehr über Renesmee erfahren. Garrett verlässt uns erst gar nicht. In den letzten Tagen hat er sich gut mit Kate angefreundet und will sogar versuchen, auf die vegetarische Variante unserer Ernährung umzusteigen. Die Wölfe fliegen erstmal mit uns zurück. Das Wasser zu überqueren liegt ihnen nicht so.

„Bells, würde es dir was ausmachen, wenn ich noch etwas bei euch bleibe?"

Meine hochgezogenen Augenbrauen fordern ihn auf, den Grund dieser Frage aus ihm zu quetschen.

„Ich würde Nessie gern besser kennenlernen und mit ihr Zeit verbringen."

„Ich weiß nicht, ob das soie eine gute Idee ist, Jacob."

„Komm schon, Bells."

„Renesmee hat einen festen Freund, der in Denali auf sie wartet."

„Und ich eine Freundin, die in La Push auf mich wartet", grinst er mir zu, da er ganz genau weiß, dass ich keine weiteren Gegenargumente bringen kann.

Edward zeigt mir mit seinem Knurren, was er davon hält. Er kommt zwar mit Jacob mittlerweile ganz gut klar, aber auch ihn haben Jacobs Gedanken geschockt, als er noch dachte, dass Renesmee DIE ist. Ich kann und will Jacob jetzt auch nicht enttäuschen. Nicht, nachdem er und sein Rudel wiedermal so viel riskierten.

„OK", geb ich mich geschlagen und finde mich in Jacobs Armen wieder. Erst Edwards lauter werdendes Knurren befreit mich aus Jacobs schraubstockartigen Armen. Nicht, dass mir die Umarmung missfiel.

„Schon OK, Kumpel. Hier hast du deine Frau wieder", sagt Jacob, gibt mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange und schubst mich in Edwards Arme.

„Ich finde das keine gute Idee", ist Edward zerknirscht.

„Ich auch nicht, aber ich kann ihm seinen Wunsch nicht verwehren, nachdem, was er für uns getan hat", versuche ich ihn zu überzeugen.

„Nur ein paar Tage:"

Edward resigniert und geht mit mir zurück ins Flugzeug, wo Rose sich rührend um unsere Tochter kümmert. Ich wünschte, ihr Mutterglück könnte sich irgendwann erfüllen. Sie sehnt sich so sehr danach. Deshalb werde ich ihr jede Menge Zeit mit Renesmee geben.

Nur jetzt möchte ich erstmal keine Sekunde mehr von ihr weichen. Als ich Renesmees Haare aus dem Gesicht streiche, lächelt mich Rose mitfühlend an. Ich war die Tage nicht wirklich anwesend und mir wird jetzt erst bewusst, dass ich absolut nicht die Einzige bin, die unter dem ganzen Chaos gelitten hat. Rose nimmt liebevoll meine Hand, die über Renesmees ruht.

„Danke, Rose."

„Es gibt nichts, wofür du dich bei mir zu bedanken hast, Bella. Renesmee ist so ein wichtiger Teil dieser Familie und sie bedeutet mir mehr, als eine Nichte", sagt sie mir mit einem breiten Lächeln und bringt ihr blondes Haar dabei zum Wallen.

Unser Gespräch wird von Captain Eleazar unterbrochen. Eleazar hat sich als Pilot bereit erklärt, damit wir Cullens bei Renesmee sein können. Während des Fluges ruft Carlisle Esme an. Wir hatten völlig vergessen, ihr Entwarnung zu geben. Sie berichtet uns, dass Scott sich noch immer nicht so recht mit seinem Vampir Dasein anfreunden kann. Das wird sicher nochmal sehr schwer für Renesmee. Aber wir werden sie dabei mit Leibeskräften unterstützen.

Charlie bekommt von mir einen Anruf. Er ist natürlich erleichtert, seine Enkelin in Sicherheit zu wissen. Genau wie Phil und Renée, die ich im Huntergrund hören kann. Charlie will noch etwas Zeit mit den beiden verbringen, um das Geschehene zu verarbeiten. Außerdem will er, dass Scotts Tod reibungslos über die Bühne geht.

Ich muss immer wieder an Scotts Eltern und seine kleine Schwester denken, die jetzt um ihn trauern.

Mittlerweile sitzen wir alle um Renesmee herum verteilt. Edward braucht jetzt die Nähe und Wärme von seiner Tochter und legt ihren Kopf auf seinen Schoß, während ich ihre Hände halte und mit den Daumen über ihre Handrücken kreise.

„So. Ob jetzt mal einer erklären kann, was da vorhin in Volterra passierte?", unterbricht Emmett die Stille.

„Das war so cool."

„Emmett!", stutzen ihn Rose und Carlisle zurecht.

„Was denn? Ich will doch nur wissen, wie unser Knirps das angestellt hat, Jane explodieren zu lassen und die Volturi in die Flucht zu schlagen. Die hatten voll Angst vor ihr", lacht er.

„Das kann ich nur bestätigen. Ihre Angst war ein Segen für meine Seele", kommt es von Jasper.

„Sie werden so schnell keinen Versuch wagen, sie zurückzugewinnen. Sie wissen, es ist zwecklos. Aro dachte auch daran, dass es unrecht war und seine Sucht nach Macht es nicht wert wäre, die Existenz der Volturi zu gefährden. Nur über Alec mache ich mir sorgen. Er will Rache für Jane. Aber das wird Aro nicht zulassen", gibt Edward die Gedanken Aros preis. Ich hoffe, er hat recht, was Alec betrifft.

„Aber wie hat Renesmee das nun gemacht?", fragt eine ratlosekonfuse Alice und blickt dabei zu Carlisle.

„Ich bin ratlos. Das ist in meinen (Jahre prüfen)361 Jahren als Vampir noch nie untergekommen. Ich kann es mir nur so erklären, dass sie es geschafft hat, Benjamins Kräfte an sich zu nehmen. Vielleicht eine weitere Gabe von ihr."

Das musste bei uns allen erstmal sacken. Sie kann Gaben von anderen Vampiren an sich nehmen? Das würde sie für die Volturi noch attraktiver machen. Aber die haben erstmal genug von ihr.

„Aber warum konnte ich dann ihre Gedanken lesen?", will Edward wissen.

„Du hast gesehen, Sohn, sie war nicht mehr sie selbst. Renesmee hatte keine Kontrolle über das, was geschah. Sie hat ihre anderen Gaben abgelegt und ihre Wut und Trauer muss dies ausgelöst haben. Ihr habt gesehen, wie entsetzt sie war, als sie realisierte, was sie Jane angetan hat."

Renesmees Gesicht, als sie registrierte, dass sie Jane vernichtet hat, war so schmerzerfüllt, geschockt und enttäuscht von sich selbst. Davor hatte sie am meisten Angst, ihre Kontrolle zu verlieren und dabei jemandem wehzutun, oder gar jemanden zu töten. Allerdings weine ich Jane keine Träne nach.

„Das heißt, wir müssen mit ihr trainieren. Ihr ihre Kräfte richtig vertraut machen. Renesmee muss sich in Kontrolle üben, vor allem, was ihre Emotionen betrifft. Wenn die der Auslöser ihrer Ausbrüche sind, wird es schwer, sie zu stoppen."

„Oh ja. Nessie ist eine emotionale Achterbahn", sagt Alice auf Carlisles Worte hin.

„Dann sollten wir dafür sorgen, ihre Emotionen auf einen Level zu bringen", sagt Rose dazu.

„Als wenn das so einfach wäre. Denkt daran, dass zu Hause noch ein grummeliger Scott wartet", dämpft Edward etwas die Hoffnung.

„Wir werden sie unterstützen, Edward. Ihr seid nicht alleine", kommt es nun von Jasper.

„Eine Familie", sagt Rose.

„Eine Familie", sagen wir im Einklang.

Gestört wird die Stille nur von Jacobs Schnarchen, der einige Sitze weiter tief und fest schläft.

„Nein, bitte nicht… Ich will nicht töten…", erschreckt uns Renesmee. Sie träumt, auch wenn es eher ein Albtraum zu sein scheint.

Sanft streiche ich ihr die Wange, um sie zu beruhigen. Was mir auch gelingt, denn ihre Atmung wird wieder langsamer. Ich kann meinen Blick nicht von ihrem Gesicht nehmen, in der Hoffnung, dass sie ihre Augen aufschlägt.

„Wir landen gleich", berichtet uns Kate.

Ich habe gar nicht gemerkt, wie sie zu uns kam.

„Wie geht es ihr?", fragt sie mit besorgter Miene.

„Körperlich geht es ihr schon besser, aber seelisch wird man erst sehen müssen", antwortet ihr Carlisle.

Sie legt mir eine Hand auf den Rücken und schaut mich einfühlsam an.

„Wir sind für euch da. Jederzeit."

„Danke, Kate."

Ihre Hand, die eben noch auf meinem Rücken ruhte, streicht jetzt über Renesmee Wange, die schon wieder an gesunder Farbe gewonnen hat. Kate geht dann aber wieder an ihren Platz. Sie mag Renesmee sehr. Und die letzten fünf Tage haben uns mit allen Denalis enger zusammengeschweißt.

Ich merkte gar nicht, dass wir schon gelandet sind. Da Renesmee noch tief und fest schläft, und wir sie noch nicht wecken wollen, trägt Edward sie zu Emmetts massiven Jeep. Ich gehe voran, so kann Edward mir unsere Tochter in die Arme legen. Sie lässt dies alles mit sich geschehen.

Edward sitzt mit mir und Renesmee auf der Rückbank und Renesmees Beine auf seinem Schoß. Kaum, dass Rosalie die Beifahrertür zu schlägt, gibt Emmett Gas. Zum Glück ist es von dem kleinen Flugplatz nicht mehr weit bis zum Schloss. Dennoch genieße ich die 15 Minuten, die Renesmee in meinen Armen liegt. Ihre Wärme ist so wohltuend. Und ihr beim Schlafen zuzusehen, ist einfach ein wunderschönes Erlebnis. Sie sieht so friedlich und unbekümmert aus, doch das Ganze wird sich schlagartig ändern, wenn sie erwacht.

„Sie sieht aus wie du, wenn sie schläft", höre ich von Edward.

Als ich zu ihm schaue, lächelt er sein schiefes Lächeln, doch ich weiß genau, dass sich dahinter genau die gleichen Sorgen verbergen, die mich beschäftigen. Aber er macht es richtig. Renesmee muss sich nicht auch noch um unsere Sorgen ängstigen. Wir müssen für sie da sein.

Als wir aufs Schloss zufahren, warten schon Esme und Carmen auf uns. Sie schließen ihre Ehemänner in sehnsüchtige Umarmungen. Allerdings drängt Esmes Blick schnell zu uns. Wohl mehr zu Renesmee. Zum rechten Zeitpunkt rührt sich Renesmee in meinen Armen.

„Renesmee?"

„Mom?"

„Hey. Wie fühlst du dich?", frage ich sie. Renesmee dreht sich in meinen Armen, so dass sie in mein Gesicht schauen kann.

„War das alles nur ein Traum?", fragt sie hoffnungsvoll, ohne auf meine Frage einzugehen.

„Nein. Leider nicht."

Ihr steigen sofort Tränen in die Augen. Edward nimmt sie in seine Arme und trägt sie aus dem Wagen.

„Also ist Scott wirklich tot und ich bin dran schuld", sagt sie und vergräbt ihr Gesicht in Edwards Schulter.

„Nein, Renesmee. Er lebt. Also er ist zwar tot, aber ein Vampir."

„Ein Vampir? Oh Gott. Das hat er immer verabscheut. Er wird mich hassen", schluchzt sie.

„Ich könnte dich nie hassen, Carlie", höre ich Scott, der hinter Emmett auftaucht.

Renesmee löst sich von ihrem Vater und schaut verängstigt zu Scott.

„Scott?"

„Ja, der bin ich", grinst er.

„Es tut mir so leid. Ich wollte nicht, dass dies passiert."

Er schaut sie lange unschlüssig an, was eine Qual für sie sein muss. Und auch für mich ist es eine. Ich kann sie nicht länger leiden sehen.

Scott tut dann etwas, was uns alle erleichtert ausatmen lässt.

Er gibt ihr erst einen Kuss und schließt sie dann in seine Arme. Seine Hände streichen liebevoll über ihren Rücken. Und an anhand, wie sich Renesmee in seiner Umarmung fallen lässt, merkt man, was fürie eine Last von ihr abfällt.

Esme begrüßt nun auch uns mit einer herzlichen Umarmung. Ich liebe Renée über alles, aber hier in Denali genieße ich ihre mütterlichen Umarmungen in allen Zügen. Sekunden später liege ich aber schon wieder in den Armen meines Mannes. Während der Rest der Familie ins Schloss geht, bleiben Edward und ich noch in der Nähe von Renesmee.

„Und du hasst mich wirklich nicht dafür, dass du jetzt ein Vampir bist?", fragt sie schüchtern.

„Wenn ich mich recht entsinne, hat mich dieses Miststück gebissen und nicht du."

Bei den Worten zuckt Renesmee unwillkürlich zusammen. Sei es die Erwähnung vom Biss oder die Erinnerungen an Jane.

„Was ist?", fragt Scott besorgt.

„Ich hab sie umgebracht", antwortet Renesmee mit zitternder Stimme.

„Und was ist daran so schlimm?"

Geschockt windet Renesmee sich aus seinen Armen.

„Was daran so schlimm ist? Ich habe jemanden vernichtet und weiß noch nicht mal, wie ich das gemacht habe. Ich will niemanden töten."

Edward legt behutsam eine Hand auf ihren Rücken, um sie zu beruhigen.

„Ich habe mich lange mit Esme und Carmen unterhalten. Sie haben mir viel von den Volturi erzählt und was sie alles getan haben. Dass sie aber tausende Menschenleben auf dem Gewissen haben. Unschuldige Menschen, die sie gequält haben. Und Jane war mit ihrer Gabe eine der Schlimmsten. Oder hast du vergessen, was sie deiner Familie angetan hat, was sie mir angetan hat? Ich denke, ich bin nicht der Einzige der sagt, dass sie es verdient hätte, Renesmee."

Renesmee nimmt die Worte auf und denkt drüber nach.

„Ich will trotzdem niemanden mehr töten", sagt sie.

„Das musst du auch nicht, Schatz. Wir werden dafür schon sorgen, dass du deine Kräfte und vor allem deine Emotionen unter Kontrolle bekommst. Du bist nicht allein."

Ich könnte Edward knutschen für seine Worte, denn ich sehe, wie seine Worte erleichternd auf Renesmee wirken. Sie wirft sich ihrem Vater um den Hals und kann endlich wieder lächeln. Danach darf ich sie wieder in meine Arme schließen.

„Ich liebe dich so sehr, Renesmee."

„Hab dich auch lieb, Mom", sagt sie mir und ich gebe ihr einen Kuss auf die Wange.

Ich will sie gar nicht mehr loslassen und Renesmee anscheinend auch. Aber ich lasse sie los, da Scott schon sehr sehnsüchtig wartet. Renesmee geht wieder auf ihn zu, ganz schüchtern und bleibt vor ihm stehen.

„Aber du verabscheust doch Vampire. Kommst du damit zurecht? Liebst du mich trotzdem noch?"

„Ich gebe zu, dass ich, als ich aufwachte, absolut nicht begeistert von der Situation war. Aber dein Dad hat mir den Kopf gewaschen und deine Grandma auch. Es wird noch etwas dauern, bis ich mich völlig daran gewöhnt habe. Aber ich weiß, es gibt eins, was es erträglich macht und sogar etwas Gutes hat jetzt ein Vampir zu sein", sagt er mit rauchiger Stimme und schaut ihr tief in die Augen.

„Denn lieben, Renesmee Carlie Cullen, tu ich dich immer. Jetzt können wir nicht nur bis ans Ende unseres Lebens zusammen sein, sondern unendlich langfür die Ewigkeit. Diese Vorstellung ist doch ein Traum und ich müsste Jane fast dankbar sein. Egal, was du bist, egal was ich bin. Mich wirst du nicht mehr los", grinst er und fängt sich einen leichten Schlag von seiner Freundin ein.

Aber sofort danach wirft sie sich ihrem Liebsten um den Hals. Ein weiterer Stein fällt mir vom Herzen. Jetzt wo Scott ein Vampir ist, können sie bedenkenlos zusammen sein. Für Renesmee das letzte Quäntchen zu ihrem Glück im Leben bei uns.

Als sich die beiden küssen, erinnern sie mich so sehr an Edward und mich, als wir uns nach unserem Ausflug in Italien wieder hatten und küssten. Sie sind wirklich ein schönes Paar und ich kann mir keinen besseren Freund für meine Tochter wünschen.

Auch ich kann sagen, dass ich endlich, nach so vielen Jahren Leid, glücklich bin. Und schaue ich in Edwards Gesicht, sehe ich dort das erste Mal seit sehr langer Zeit keine Sorgenfalten. Völlige Entspannung.

Unser Familienglück ist perfekt.