„Was hast du dir nur dabei gedacht?" Diese laute, wütende Stimme ließ Harry erschrocken die Augen aufschlagen. Ungläubig starrte er zu seinem Onkel, der eben bei der Tür herein gestapft kam.
„O… Onkel Vernon?" stotterte Harry verwirrt und richtet sich ruckartig auf. Wieso war sein Onkel da? Wie hatte er Harry nur gefunden? Wo war Severus?
„Wen hast du denn erwartet? Den Weihnachtsmann? Natürlich bin ich es, du hirnloser Freak!"
Harry schüttelte den Kopf. „Wie…? Woher…? Was…?" stammelte er.
„Hast du wirklich geglaubt, dass es jemand länger als zwei Wochen mit dir aushält? Ich bin hier um dich zurück zu bringen, und dann werden wir unser Gespräch über Gehorsamkeit fortsetzen!" bellte Harrys Onkel.
Erneut schüttelte Harry seinen Kopf in der Hoffnung ihn klar zu bekommen. Das konnte doch nicht wahr sein? Severus würde doch nie zulassen, dass Harry zurück zu seinen Onkel gehen müsste, oder? Er hatte doch gesagt, dass er Harry lieb haben würde. Waren das etwa nur leere Worte? Unsicherheit kam in Harry hoch. Wo war Severus? Sein ganzer Körper begann zu zittern und ein stechender Schmerz machte sich in seiner Brust breit.
„Los, beweg dich!" herrschte Onkel Vernon den Jungen an, packte dessen Arm und zog ihn aus seinem Bett hoch.
„Nein!" rief Harry voller Panik und riss ich los. Er wollte aus dem Zimmer laufen und Severus suchen gehen, aber er konnte sich vor Schreck nicht bewegen.
Plötzlich wurde sein Kopf seitwärts gerissen. Auf seiner Wange machte sich ein brennender Schmerz bemerkbar. Harry hatte beinahe vergessen wie schmerzvoll eine einfache Ohrfeige seines Onkels sein konnte. Tränen bildeten sich in Harrys Augen, doch obwohl Harry wusste, dass Tränen ihn nur in noch mehr Schwierigkeiten brachten, konnte er sich nicht verhindern. Denn der Schmerz in seiner Wange war nichts im Vergleich zu dem Schmerz in seinem Herzen.
Severus musste Harrys Onkel doch gehört haben, aber er kam immer noch nicht ins Zimmer gerannt. Hatte er Harry aufgegeben? War er wirklich zu schwierig, um auf Dauer bei jemand anderen bleiben zu können?
„Severus, bitte hilf mir, es tut mir leid!" rief Harry in letzter Hoffnung, „Ich werde mich bessern, ich verspreche es! Bitte, hilf mir!" Doch es kam niemand und schließlich hüllte sich Dunkelheit um Harry.
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Severus wachte mit einem Ruck auf und wusste im ersten Moment nicht was ihn mitten in der Nacht so plötzlich geweckt hatte. Ein leises Wimmern drang an sein Ohr. Er wunderte sich was das wohl war, doch dann sprang er eilig aus dem Bett und hastete rüber zu Harrys Zimmer.
Der Junge war zu einem Ball zusammen gerollt und weinte so leise er nur konnte.
„Was ist passiert, Harry?" fragte Severus und eilte zu den Jungen. Doch sowie er Harrys Schulter berührte, zuckte dieser gewaltig zusammen und versuchte der Hand auszuweichen, ohne seine zusammengerollte Position aufzugeben.
„Nein, Bitte. Ich tue alles. Bitte, Nicht!" wimmerte Harry verstört.
„Schschsch… Beruhige dich, Harry." Flüsterte Severus und nach einer Weile fügte er hinzu. „Es ist alles gut. Du bist in Sicherheit! Keiner kann dir was tun. Wir sind noch immer in Spanien!"
Nach einer Weile öffnete Harry langsam die Augen und hob seinen Kopf gerade hoch genug, um zu Severus linsen zu können. Der Schmerz und die Hoffnungslosigkeit die sich in den grünen Augen spiegelten gaben Severus einen Stich.
Beunruhigt ließ er sich auf Harrys Bett sinken, doch Harrys leichtes Zurückzucken hielt ihn davon ab, den Jungen sofort in seine Arme zu schließen. ‚Was hat der Junge nur geträumt', fragte sich Severus besorgt über Harrys Verhalten.
Harry konnte nicht sprechen. Er wusste nicht mehr, was real war und was nicht. Er starrte auf Severus Hände die im Schoß des Mannes lagen und langsam wurde ihm klar, dass er nur einen bösen Traum hatte. Dennoch dauerte es, bis der Schmerz ihn losließ und Erleichterung sich breit machte.
„Entschuldige!" flüsterte Harry schließlich.
Severus schüttelte den Kopf, „Du brauchst dich nicht entschuldigen!"
„Aber ich habe dich geweckt", widersprach Harry.
Severus hätte beinahe aufgelacht vor Erleichterung, stattdessen zog er den Jungen zu sich, schloss seine Arme um ihn und drückte ihn an sich. „Du brauchst dich nicht für Alpträume entschuldigen!" flüsterte er in Harrys Haare.
Sowie sich Harry in den warmen beschützenden Armen wiederfand, löste sich der letzte Zweifel in Luft auf. Er schüttelte sich und hätte am liebsten erneut zu weinen angefangen.
„Möchtest du darüber reden?" fragte Severus schließlich.
Harry schüttelte verneinend den Kopf und presste sein Gesicht in Severus Nachthemd, „Es war ein dummer Traum!" murmelte er.
„Träume sind nicht dumm!" sagte Severus mit ernster Stimme, „Und dieser scheint dich ziemlich mitgenommen zu haben."
Harry wurde still und dachte nach. Er wollte Severus schon von dem Traum erzählen, aber er hatte Angst Severus würde enttäuscht sein, wenn er erfährt was Harry geträumt hatte. Denn nun war Harry selber klar, dass Severus ihn niemals zurück zu seinen Onkel schicken würde.
Severus spürte, wie Harry sich wieder verspannte und drückte ihn sanft von sich, um den Jungen in die Augen sehen zu können. „Egal was es ist, du kannst es mir erzählen. Ich nehme an, der Traum hatte irgendetwas mit dieser Person zu tun, die sich dein Onkel schimpft, daher denke ich würde es dir besser gehen, wenn du darüber redest."
„Aber ich will nicht, dass du enttäuscht bist", flüsterte Harry ängstlich.
„Warum sollte ich enttäuscht sein?" fragte Severus mit sanfter Stimme. „Hab ich dich etwa in deinem Traum als Sklave an deinen Onkel verkauft?"
Harrys Augen weiteten sich vor Schreck, doch dann ließ Harry den Kopf hängen und murmelte „Na ja, so was in der Art. Aber du hast mich nicht verkauft. Onkel Vernon ist gekommen, um mich abzuholen, weil ich zu viele Schwierigkeiten gemacht habe. Du warst gar nicht im Traum. Du warst nicht da, obwohl ich nach dir gerufen hatte."
„Oh, Harry!" seufzte Severus und drückte Harry wieder an sich. „Ich weiß, das was gestern passiert ist hat uns beide schockiert, aber bitte glaube mir, du wirst nie zu viele Schwierigkeiten machen. Ich bin froh dich bei mir zu haben, ich bin erleichtert, dass du meine Vergangenheit akzeptierst und dich nicht von mir abgewendet hast. Du bist ein besonderer Junge und um Nichts in der Welt würde ich dich wegschicken."
Neue Tränen bildeten sich in Harrys Augen, „Ich komme mir so undankbar vor, wenn ich träume, dass du mich wegschickst."
„Nein, Harry, nicht. Es gibt keinen Grund dich undankbar zu fühlen", Severus wischte die Tränen mit sanften Händen weg, „Du hast keine Kontrolle darüber was du träumst und es ist verständlich, dass du Angst hast, wieder weggeschickt zu werden, nachdem du elf Jahre lang gelernt hast, Erwachsenen nicht zu vertrauen. Ich bin nicht von dir enttäuscht, wenn diese Angst sich in deine Träume schleicht. Ich bin hier um dir zu versichern, dass ich dich niemals wegschicken werde. Und ich sage dir das gerne noch hundertmal, wenn du es hören musst."
Nun schlang Harry seine Arme um Severus und vergrub sein Gesicht fest in dessen Brust, unfähig in Worte zu fassen wie dankbar er Severus war.
Ohne ein weiteres Wort, schwang Severus seine Beine hoch und legte sich mit dem Jungen in den Armen in Harrys Bett. Harry kuschelte sich so nah an ihn wie es nur ging und schlief schließlich wieder ein.
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„Wo fahren wir hin?" fragte Harry neugierig.
Severus hatte am Morgen nur gesagt, dass sie nicht schwimmen gehen werden, sondern einen Ausflug mit Carolina und Celine machen werden. Harry war froh, dass Severus nicht mehr sauer war auf die beiden, wegen des Unfalls vor einer Woche. Denn er mochte Lin und so wie es schien mochte Caro Severus.
„Hör auf mich ständig zu fragen. Ich werde es nicht sagen. Es soll eine Überraschung werden", sagte Severus, während er den geliehenen Wagen geschickt durch die Straßen von Benidorm lenkte, als wenn er sie wie seine Westentasche kennen würde.
„Aber du könntest mir doch einen kleinen Tipp geben", probierte es Harry erneut.
„Wieso siehst du nicht einfach aus dem Fenster und genießt die Aussicht?" fragte Severus unnachgiebig.
Harry brummte verstimmt, ließ sich zurück in den Sitz fallen und verschränkte die Arme vor seiner Brust. Dann blickte er zu Lin hinüber, doch das Mädchen zuckte nur mit den Schultern, „Ich weiß es leider auch nicht. Aber ich bin sicher es wird dir gefallen."
Harry seufzte und sah dann aus dem Fenster um die vorbei ziehenden Bäume zu beobachten. Seine Gedanken begannen zu wandern. Er konnte nicht glauben, dass es kaum mehr als eine Woche her ist, dass er mit Severus in dem Auto aus England geflohen ist. Er hatte sich so schrecklich verloren gefühlt, ganz im Gegenteil zu jetzt. Jetzt fühlte er sich sicher genug, um wie ein kleiner verwöhnte Bengel zu raunzen, nur weiß er nicht wusste wohin die Fahrt ging.
Es war seltsam wie schnell sich sein Leben geändert hatte. Hier war er so fern von allen Problemen. Es wäre toll für immer hier zu bleiben, doch er vermisste auch seine Freunde. Obwohl er nicht wusste ob sie noch seine Freunde waren, nachdem was passiert war. Wegen diesen Hauselfen Dobby, hatte Harry geglaubt, seine Freunde hätten ihm nicht geschrieben, als hat er auch nicht geschrieben.
Dummer Hauself! Aber andererseits ohne Dobby wäre Harry nicht hier. Hier kann er zwar seinen Freunden auch nicht schreiben, aber er hat immerhin hat er jemand neuen gefunden. Lin war ein sehr lustiges aufgewecktes Mädchen. Harry hoffte nur, dass Dumbledore die Situation in England in den Griff bekam.
José hatte eine Nachricht an einen Freund in England geschickt und ihn gebeten Severus Brief an Dumbledore weiter zu leiten. Auf diese Weise, so hoffen sie, würde man die Spur nicht nach Spanien zurück verfolgen können. Der Brief selber war ebenfalls für einen Außenstehenden nicht schlüssig, aber Severus war sich sicher Dumbledore würde ihn entziffern können.
Plötzlich zupfte Lin aufgeregt an Harrys Ärmel und riss den Jungen damit unsanft zurück ins Jetzt. „Sieh nur!" sagte sie.
Harry folgte ihren Blick und las auf einem Schild die Worte „Terra Natura"
„Was ist das?" fragte Harry verwundert.
„Das ist so was Ähnliches wie ein Zoo. Mit sehr vielen Tieren von überall aus der Welt."
„Und Terra Aqua?" fragte Harry, als er ein weiteres Schild sah.
„Da sind die Tiere des Meeres. Aber es gibt Pools, wo man Schwimmen gehen kann und es gibt viele verschiedene Wasserrutschen", erklärte Lin.
„Cool!" sagte Harry mit leuchteten Augen.
„Nun, wir werden nicht beide Parks an einem Tag schaffen. Du kannst dir aussuchen welchen wir heute machen wollen und den anderen Park machen wir ein anderes Mal", sagte Severus während er Ausschau nach einem Parkplatz hielt.
„Ich soll entscheiden?" fragte Harry verblüfft.
Severus fand schließlich eine freie Lücke und parkte ein, dann blickte er durch den Rückspiegel zu Harry, „Ja. Sieh es als verfrühtes Geburtstagsgeschenk. Am Wochenende, fürchte ich, wäre zu viel los."
Harry blickte überrascht. Mein Geburtstag?
„Dir gefällt die Idee nicht?" fragte Severus nach.
„Doch. Es ist nur… ich hab nicht damit gerechnet, dass ich bald Geburtstag habe."
„Na ja, es ist viel passiert. Aber es ist bereits der 29. Juli."
Harry schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich fass es nicht. Wo ist die Zeit hin?"
„Und wohin soll es jetzt gehen?" fragte Severus schließlich mit einem Lächeln.
Harry grinste breit. „In den Zoo!"
