Hallo ihr Lieben!
Zur Entschädigung an unseren Rückstand im Gegensatz FanFiktion Punkt de kommen heute zwei Kapitel. Dieses und das nächste – also doppelte Lesefreude. Vergnügt euch und habt Spaß!
In diesem Kapitel wird es auch wieder etwas ... nun, lasst euch einfach überraschen. Nur ein Tipp: Es ist eines meiner Lieblinge! Und meine Beta hat es einfach nur noch besser gemacht. Danke, Piglet!
Seid brav und genießt eure Woche!
Eure Grim ^-^
PS: Und noch etwas Neues: Letzte Woche habe ich gesehen, dass dies hier die längste Story ist, die ich je geschrieben habe! Sie hat jetzt nämlich RedRidingHood überholt. Um A Very Potter Musical zu zitieren: YAYYYY!
Gila: Hach … du bist so süß! *-* Ich liebe Blaise und Astoria auch – wenn man etwas an seinen eigenen Storys überhaupt lieben bzw. das auch noch erwähnen darf, ohne eingebildet zu klingen. :) Übrigens habe ich mich verzählt! Es sind (mit diesem Kapitel und dem nächsten), nicht nur 8, sondern 9. Also, wenn ich es schaffe, immer eines pro Woche zu posten, sind es ab heute noch 7 Wochen Cheshire Cat. *fast schon etwas zittrig vor Aufregung und Unglaube* Und ja, überlege es dir bitte! Ich würde dir gerne immer sofort antworten, dann muss ich mit der Antwort nicht auf die nächste Woche immer warten. Aber die Entscheidung ist da natürlich dir überlassen. Tu mir nur den Gefallen, und hab jetzt wieder viel Spaß an den beiden neuen Chaptern! :)
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In jedes Menschen Gesichte
steht seine Geschichte,
sein Hassen und sein Lieben,
deutlich geschrieben.
Sein innerstes Wesen,
es tritt hier ans Licht -
doch nicht jeder kann's lesen,
versteh'n jeder nicht.
- Friedrich Martin von Bodenstedt (1819-1892)
Aus Blaise' Hähnchen á l'orange wurde letztendlich doch nichts, weil Astoria ihm verbot, mehr als ein Hauptgericht zu kochen. Daher gab es also nur eins, etwas mit einer sehr sahnigen Soße und Fisch, und nebenbei noch eine Suppe und einen Nachtisch, den selbst Draco nicht kannte.
Nach dem Essen, das, nur so am Rande gesagt, wirklich lange auf sich warten ließ, trommelte Astoria gut gelaunt wie eh und je alle zusammen und ließ sie auf den Sofas Platz nehmen, damit sie eine Runde Zauberschnippschnapp spielten.
Nach zehn Runden, die allesamt abwechselnd Blaise oder Weaslette gewonnen hatten, räumte Astoria genervt die Karten zur Seite und murrte: „Ich wette, ihr beiden habt geschummelt … Bei Merlin, das ist doch nicht normal!"
Blaise lachte und lehnte sich selbstzufrieden zurück. „Ach ja, woran liegt es dann, dass ich dich seit Jahren jedes Mal schlage?"
„Einmal hast du gegen mich verloren", warf Draco ein und richtete seine Haare mit seinem Zauberstab. Er hasste dieses Spiel, besonders, weil er nicht nur ständig verlor, sondern dabei auch immer das Pech hatte, die Explosionen an den übelsten Stellen abzubekommen. Einmal hatte er eine ganze Woche nicht mehr richtig essen können, weil seine Zunge fast abgebrannt wäre. Nicht umsonst hatte er sich danach jeglichen Spieleabenden mit Zauberschnippschnapp entzogen, die die anderen aus seinem Haus seit Generationen jeden Freitagabend ansetzten.
„Da war ich völlig betrunken, das zählt nicht."
„Im Spiel, Krieg und der Liebe zählt alles", flötete Astoria schadenfroh, der Blaise einen düsteren Blick schenkte und säuselte: „Ich glaube, das heißt irgendwie anders …"
„Wie wäre es, wenn wir etwas nicht ganz so Explosives spielen. Malfoy fällt seine linke Augenbraue sonst auch noch ab", wechselte Weaslette das Thema, die ihm gegenüber auf dem anderen Sofa saß und sich ein Lachen offenbar höflich verkniff. Verärgert machte sich Draco daran, auch seine Augenpartie wiederherzustellen.
„Eine gute Idee", warf Astoria ein und sah auf die Uhr, die auf einer Kommode an der Wand thronte. „Ich glaube, es ist jetzt spät genug. Was haltet ihr davon, wenn wir losgehen?"
„Wohin losgehen?", wollte die Rothaarige wissen.
„Hier in der Nähe gibt es ein nettes Fest, zu dem wir jedes Jahr gehen. Du weißt schon, Stände mit Neujahrsvorhersagen, Bleigießen, gute Snacks, Essen, Spiele und ordentlich etwas zu trinken, Musik, Tanz und eine Aussichtsplattform, von der man das Feuerwerk sehen kann, das am Strand gezündet wird."
„Es gibt ein Strandfeuerwerk?"
Draco betrachtete Weaslette fasziniert, deren braune Augen plötzlich zu leuchten begannen. Vielleicht lag es nur an den Lichtspiegelungen, aber sie strahlte richtig.
„Ja", bestätige Blaise nickend und stand schon auf, um seine Jacke zu holen. „Na los, ich will mich heute noch ordentlich mit Glühwein abfüllen."
Die drei anderen erhoben sich ebenfalls und gingen zur Geraderobe, wo sie in ihre Mäntel und Jacken schlüpften und Astoria Weaslette Handschuhe lieh, die diese vergessen hatte. Nach einem kleinen Streit zwischen Blaise und Astoria, wer von beiden den Hausschlüssel hätte haben sollen und sich herausstellte, dass er direkt neben der Tür hing, konnten sie gehen und folgten der kleinen Landstraße, die hinter dem Haus verlief und direkt zu dem Ort im Tal führte, der mit dem bizarren Namen Pen-y-gelyniaeth ausgeschildert wurde.
Schon als sie die ersten Häuser passierten, konnte man das gedämpfte Gemisch aus vielen Menschenstimmen, dem rauschenden Meer und dem Wind hören. Der salzige Geruch des Wassers, der Draco so vertraut war, vermischte sich mit dem von Würstchen, indischem Essen und anderen Gerichten.
„Merlin, riecht das gut", seufzte Weaslette, die dick eingepackt neben ihm herlief und ihre von der Kälte gerötete Nase in den Wind streckte. „Ich war schon ewig nicht mehr am Meer … Das letzte Mal als ich klein war, glaube ich."
„Tatsächlich?", fragte Astoria überrascht und wandte sich zu ihr um. „Dann wird es dir gefallen. In zwei Stunden, um Mitternacht, zünden sie das Feuerwerk – es ist der Hammer, weil sie oft auch Boote rausschicken und von dort zünden. Eins muss man den Muggeln dabei ja lassen: Sie stellen sich wirklich gut darin an, ihre nichtmagische Seite auszugleichen."
„Jetzt schwärm nicht so, das Feuerwerk von Zonkos überschattet alles", entgegnete Blaise herablassend.
Bevor die beiden wieder anfangen konnten zu diskutieren, traten die vier um eine Ecke und auf einer langen Promenade erstreckte sich vor ihnen das Fest. Stände, rechts und links, wo Essen und anderes angeboten wurde, Lichterketten, die sich von einem zum anderen hangelten und die Nacht erleuchteten, lautes Stimmengewirr, hintergründige Musik und die packende Fröhlichkeit, die bei so etwas immer aufkam.
„Salazars schnappende Schlangengrube, sind das Seifenblasen?!", rief Astoria aus und schnappte sich Weaslettes Ärmel, um sie zu einer Traube Menschen zu ziehen, die um zwei Frauen herumstanden, die meterlange Seifenblasen entstehen ließen. Draco und Blaise folgten und die nächsten Minuten konnten sie die Mädchen nicht überreden, weiterzugehen.
Eine Weile später schlenderten sie die Promenade hinab, hielten immer mal wieder an und kauften oder bestaunten etwas. Und obwohl Draco nicht viel redete, musste er zugeben, dass es ihm Spaß machte, mit seinen Freunden und Weaslette durch die Massen zu spazieren. Sie verstanden sich gut und das freute ihn – aus irgendwelchen Gründen. Besonders Weaslette lachte viel und schien noch ausgelassener und fröhlicher zu sein, als sonst. Sie hatte sich auf dem Weg Zuckerwatte besorgt und hüpfte jetzt fast bei jedem Schritt vor lauter Heiterkeit. Er hätte nie gedacht, dass man sie so leicht friedlich stimmen konnte, doch hätte er es gewusst, hätte er das sicher früher ausgenutzt.
„Mhm, das ist wirklich köstlich", verkündete sie zufrieden und strich sich ihre Haare aus dem Gesicht, die vom Wind schon ganz zerzaust waren.
„Das sagst du jetzt zum hundersten Mal", klärte er sie freundlicherweise auf und sie setzte schon augenrollend zu einer Antwort an, als Astoria ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Seht mal, Neujahrswahrsagen! Ich hatte schon darauf gewartet, dass endlich mal so ein Stand auftaucht!", rief sie laut aus und wirbelte zu ihnen herum. Sie deutete auf ein Schild über einem der Stände, wo ein älterer Mann mit Bart und einem dunkelvioletten Umhang saß, auf dem kleine Halbmonde abgebildet waren.
„Nein", kam es sofort stöhnend von Blaise, doch er hatte wieder kein Mitspracherecht.
„Kommt schon!", sagte (befahl) Astoria und trat an den Stand heran. Die anderen drei kamen ihr folgsam, aber widerwillig, nach und Draco war erleichtert, dass Weaslette genauso säuerlich dreinschaute.
„Was kann ich für euch tun?", fragte der Halbmond-Mann in einem so rauchigen, mystischen Tonfall, dass er Draco sofort an Trelawney erinnerte. Die Blicke von ihm und Blaise kreuzten sich und sein Freund schnitt ihm eine Grimasse, die seinen Gedanken bestätigte. „Soll ich euch die Zukunft für das kommende Jahr voraussagen? Oder Fragen beantworten, die euch beschäftigen? Die Karten legen oder einen Blick in meine Kristallkugel werfen? Euer Liebesglück prophezeien?"
„Ich würde gerne meine Vorhersage für das nächste Jahr hören – und meine Freunde auch", zwinkerte Astoria ihm zu und legte einige Muggelscheine auf den Tisch. Der Mann lächelte und zeigte seine schiefen Zähne, als er das Geld an sich nahm.
„Gerne. Setzt euch doch." Er wies auf die Bank, die vor dem Tisch stand, auf dem er seine 'Werkzeuge' platziert hatte. Amüsanterweise erkannte Draco genau die Sachen, die auch Trelawney in ihrem Turmzimmer überall herumstehen hatte – eine mit Nebel gefüllte Kristallkugel, Tarotkarten (allerdings von Muggeln) und einige seltsame Tabellen mit Planetenkonstellationen.
„Dann gib mir nun bitte deine Hand, Mädchen", bat der Mann jetzt und nahm Astorias kleine Hand, die er in seine legte.
Draco bemerkte, wie Blaise seinen Kiefer anspannte und den Wahrsager aus Adleraugen beobachtete, was auch Weaslette gesehen zu haben schien, denn sie grinste Draco zu und formte mit den Lippen „Ich hab's gewusst". Er zuckte nur mit den Achseln und lauschte dem Mann, der Astoria nun vorhersagte, ein langersehnter Wunsch würde sich im nächsten Jahr erfüllen. Blaise riet er hingegen, Risiken einzugehen.
Als er zu Weaslette kam, lächelte er sogleich freundlicher. „So, meine Liebe, wollen wir mal sehen", säuselte er und nahm ihre ihm etwas sträubend entgegengestreckte Hand. Er besah sich die Linien in ihrer Handinnenfläche und murmelte leise vor sich hin, bis er aufsah und mit samtiger Stimme erklärte: „Im nächsten Jahr kannst du viel erreichen, du solltest aber tief in dich schauen. In Wirklichkeit hast du die Antworten schon, die du brauchst."
Weaslette runzelte skeptisch die Stirn, sagte aber nichts weiter. Der Wahrsager drehte sich zu Draco, der ihn herausfordernd musterte und ihm mit seinem besten arroganten Malfoyblick seine Hand reichte.
„Wenn Sie mich in irgendeiner Weise beschmutzen, können Sie das Handtuch schmeißen", sagte er kühl.
„Draco, sei freundlicher!", rügte ihn Astoria, als wäre er ein bissiger Hund.
„Keine Sorge", antwortete der Wahrsager nur und erwiderte kurz unerschrocken seinen Blick, bevor er Dracos blasses Handgelenk mit seinen langen Fingern etwas grob umschlang und ihn zu sich zog. „Du solltest lieber nicht weiter so voreingenommen sein. Das, was du willst, liegt direkt vor dir, also pass auf, dass du es nicht übersiehst. Das nächste Jahr wird über mehr entscheiden, als dir lieb sein sollte. Und bereuen tut weh."
„Ah, danke. Das hilft mir jetzt weiter", spottete Draco und erhob sich. „Astoria, du hast dein Geld zum Fenster rausgeschmissen."
„Was heißt hier mein Geld? Du zahlst mir das gefälligst zurück!", entgegnete sie in ihrem Befehlston und lächelte den Wahrsager an. „Danke für Ihre Bemühungen."
Bliase grummelte etwas vor sich hin, dann stand auch er auf. „Wir haben ihn dafür bezahlt, Astoria", sagte er genervt und legte einen Arm um ihre Schultern, um sie weiterzudrängen. Draco sah, wie sie sofort verstummte und errötete, während Blaise damit beschäftigt war, dem Mann in dem lächerlichen Umhang einen drohenden Blick zuzuwerfen.
„Merlin, die beiden sind echt unglaublich", sagte Weaslette kichernd und verabschiedete sich mit einem höflichen, aber nicht sehr herzlichen „Danke sehr" von dem Wahrsager. Inzwischen war es schon ziemlich spät und nur noch vielleicht eine halbe Stunde bis Mitternacht. Die beiden folgten Astoria und Blaise weiter und nach einer Weile kam die Aussichtsplattform in Sicht, an die Draco sich noch aus seiner Kindheit erinnerte, als sie drei fast jedes Silvester zusammen verbracht hatten.
Eine kleine Gruppe von Musikern stand auf einer improvisierten Bühne, während ein eher zweitklassiger Sänger irgendwelche Muggellieder sang. In der Mitte der Aussichtsplattform hatte sich eine Tanzfläche gebildet und am Geländer sahen einige aufs Meer hinaus oder, wie im Falle mehrerer Pärchen, knutschten wild herum.
„Ich glaube, das ist Country Roads, oder?", rief Astoria über die Musik hinweg, doch weder die Jungen, noch Weaslette hatten eine Ahnung von Muggelmusik und zuckten lediglich die Achseln. Sie seufzte und nahm Blaise am Arm. „Komm schon, ich möchte jetzt tanzen!"
„Tanzen?", wiederholte Blaise mit weit aufgerissenen Augen und sie lachte, noch während sie ihn winkend davonschleifte.
Weaslette winkte ihr grinsend hinterher.
„Ich hoffe, einer von ihnen merkt irgendwann noch, was der andere für ihn empfindet", wendete sie sich an Draco.
„Ich fürchte, nervig würden sie trotzdem weiterhin sein, also ist mir das ziemlich egal", erklärte er sachlich und drehte sich dem Meer zu. Er starrte auf die übereinanderschlagenden Wellen und lauschte auf das Rauschen der See. Es stimmte zwar, dass er es oft gesehen hatte, aber er bekam nie genug davon.
Weaslette lehnte sich neben ihn an das weiß gestrichene Geländer und malte abwesend mit ihrem Fuß Kreise in den Sand, der hier, wo der Stein der Aussichtsplattform in die Dünen überging, von Steinchen und Gräsern durchzogen wurde.
„Sei doch nicht immer so kaltschnäuzig", sagte sie und schüttelte belustigt den Kopf. „Ich wette, du würdest dich für die beiden freuen, wenn sie zusammenkämen."
„Ah ja? Gib's zu, Weaslette, du bist scharf drauf, gegen mich zu wetten", stichelte er, meinte es aber nicht sonderlich ernst.
Was sie wohl auch genau wusste, denn sie lehnte sich etwas vor und blinzelte ihn von unten her an.
„Ich gewinne ja auch immer", erklärte sie schnippisch. „Wobei mir etwas einfällt: Hattest du mir nicht einen Gefallen versprochen? Immerhin habe ich gegen dich gewonnen."
Draco hob eine Augenbraue.
„Ich erinnere mich nur daran, wie ich von dir Briefe vorgelesen bekommen habe, die meine Ohren dauerhaft geschädigt haben."
Sie sagte daraufhin nichts mehr, sondern machte ein verdrießliches Gesicht und blickte aufs Meer hinaus. Jetzt schmollte sie offenbar – und das war irgendwie süß. Nicht, dass sie als Person süß war, aber es gab Momente im Leben eines jeden Menschen, da erschien er nun einmal süß. Sagte Draco sich zumindest.
„Du bist echt fies, Malfoy …", maulte sie nach einer Weile.
Und er konnte es nicht fassen. Seine Augen weiteten sich und Draco starrte sie mit ein wenig geöffnetem Mund an. Ihr rotes Haar wehte über ihre Schulter und zerriss immer wieder ihr Profil, ihre Lider waren leicht gesenkt, sodass sie auf den Strand hinabschauen konnte, und ihre Wimpern warfen Schatten auf ihre helle Haut, auf der sich einige blasse Sommersprossen abzeichneten.
Hatte er gesagt, sie sei süß? Nein, das war sie nicht. Ganz bestimmt nicht, denn sie war hübsch. Ginny Weasley war tatsächlich hübsch.
Darüber hatte er nie nachgedacht, doch sie war es.
Draco wusste nicht, woher auf einmal dieser Gedanke kam, doch als der Wind abrupt die Richtung wechselte, war es, als bekäme er eine Fontäne Wasser ins Gesicht. Er blickte zur Seite und konzentrierte sich darauf, sie vollkommen auszublenden. Was dachte er da nur? War er jetzt völlig verrückt geworden?
„Hör mal …", sprach sie plötzlich wieder und der gespielte Trotz von eben war verschwunden. „Es gibt da etwas, das mich die ganze Zeit beschäftigt."
„Du fragst dich, wie attraktiv eine nur einzelne Person sein kann, immer, wenn du mich siehst?", riet er und schaffte es, sich nichts von seiner Verwirrung anhören zu lassen.
„Nein." Sie rollte leicht mit den Augen. „Es ist wegen deinem Vater. Ich frage mich einfach, wieso du ihn nicht sehen willst."
„Ist das relevant?"
Sie ballte die kleinen Hände zu Fäusten und trat einen Schritt auf ihn zu.
„Hör mal, Malfoy, wenn es nicht relevant wäre, würde ich nicht fragen. Es interessiert mich, weil ich dich verstehen möchte-", sie schien selbst überrascht von ihren Worten, doch fuhr sie entschlossen, fast schon trotzig fort: „Weil wir Freunde sind."
Draco sah zu ihr hinunter und musste mehrmals blinzeln, als sie ihn so durchdringend ansah. Da brannte ein Feuer in ihren Augen, das brennender war, als alles bisher erlebte, und keinerlei Widerspruch duldete.
Er legte den Kopf in den Nacken, um nicht länger sie ansehen zu müssen.
„Du willst das wirklich wissen, hab ich recht?"
„Ja. Ja, will ich."
„Ich habe nach dem Krieg für das Ministerium ausgesagt", sagte er ohne jede Einleitung. Es auszusprechen war viel einfacher, als darüber nachzudenken, es zu tun. „Nach dem Haftprozess gegen meinen Vater bin ich zum Aurorenbüro gegangen und habe angeboten, alles zu erzählen, was ich weiß. Ich würde meinem Vater nicht gegenübertreten können, verstehst du?"
Weaslette schwieg und es wirkte so, als müsste sie diese Neuigkeit erst einmal gedanklich wiederholen, um sie überhaupt verstehen zu können. Dann fragte sie leise: „Hast du gegen ihn ausgesagt? Gegen deinen Vater?"
Draco zögerte. „Nein", sagte er schließlich die Wahrheit, seine Stimme wieder vollkommen distanziert. Er erinnerte sich gut, wie ihn Mr Dawn, der Zuständige für die Untersuchungen gegen unter anderem seinen Vater, genau das gefragt hatte. Ob er gegen ihn aussagen wolle. Und er hatte es nicht gekonnt, obwohl er sehr wohl wusste, wie viel mehr sein Vater Askaban verdient hatte, als so einige andere.
„Das ist kein Grund", meinte sie auf einmal.
Sein Kopf schnellte herum. „Wie bitte?"
„Du solltest ihn trotzdem besuchen. Der Wahrsager hat es doch gesagt: Sorge dafür, dass du nichts bereust. Du solltest mit ihm sprechen. Er ist immerhin dein Vater."
„Das war ein Muggelwahrsager. Er könnte nichts vorhersagen, selbst, wenn Wahrsagerei generell kein Schwachsinn wäre", erwiderte er düster und sah sie genervt an.
„Ist doch egal, ob er nun wirklich wahrsagen konnte oder nicht, wichtig ist, dass es ein guter Ratschlag war. Man sollte nie etwas bereuen – ich weiß, wovon ich rede. Ich habe oft genug bereut, damals nicht zu meinen Eltern oder Ron gegangen zu sein, als ich entdeckte, was Riddles Tagebuch konnte."
Es war überraschend und neu, wie ehrlich ihr Gesicht war. Doch das machte ihm umso deutlicher, dass er wusste, was sie meinte und empfand. Er hatte auch oft bereut – wie er seinen Vater als Kind bewundert und ihm nachgeeifert hatte, was er in den letzten zwei Jahren alles getan hatte, was er anderen Menschen angetan hatte.
„Okay", entgegnete er und atmete tief ein. „Ich werde ihn besuchen. Und du kommst mit."
Ihre anfängliche Freude verwandelte sich in Verwirrung. „Hä?", fragte sie entgeistert.
Draco grinste breit. „Wir sind doch Freunde", schnurrte er amüsiert und zwinkerte ihr spöttisch zu.
Weaslette blies ihre Backen auf und wurde so rot, als würde sie die Luft anhalten. Draco wusste jedoch ganz genau, dass es aus einem anderen Grund war. „Du bist so gemein, Malfoy", entließ sie letztendlich ihre Wut und schlug ihm mit der Faust gegen den Oberarm.
„Draco! Ginny!", rief da Astoria. Sie kam mit aufgeheizten Wangen Blaise voran aus der Menschenmenge, die sich unbemerkt von den beiden allmählich auf der Aussichtsplattform angesammelt hatte. „Gut, dass wir euch gefunden haben. Es ist nur noch eine Minute!"
„Es ist ja nicht so, als wären wir weg gewesen", frotzelte Draco und nahm von Blaise eine Tasse Glühwein entgegen. Er mochte das Zeug, aber Feuerwhiskey war ihm wohl immer noch lieber – immerhin war er Draco Malfoy.
Leise schnaubend wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Meer zu. Er hörte Blaise, Astoria und Weaslette aufgeregt miteinander reden und einige Sekunden später begann Blaise zu zählen.
„Zehn", begann er mit einem Blick auf seine Armbanduhr.
„Sieben", fuhr Astoria fort.
„Drei", flüsterte Weaslette. Sie klammerte sich so sehr an ihren Becher, dass ihre Finger rot wurden. Ihre Handschuhe hatte sie zum Trinken ausgezogen, wieso auch immer.
„Eins", sagte Blaise.
„Null!", rief die Menge jubelnd und das Zischen der Feuerwerkskörper, die gezündet wurden, ertönte in der Ferne.
Bunte Lichter erhellten den Horizont und sein Blick glitt zu seinen Freunden. Erst Astoria, die Blaise stürmisch umarmte, dann Weaslette.
Und zu seiner Überraschung sah sie ihn auch an – mit einem glücklichen Grinsen auf den Lippen.
ooooo
Der Geruch von gebratenem Schinken und Eiern stieg Ginny am nächsten Morgen in die Nase und holte sie langsam, aber sicher, aus dem Schlaf. Sie drehte sich seufzend auf den Rücken und starrte an die fremde Decke. Sie wusste, dass sie nicht im Fuchsbau war, doch sie brauchte eine Weile, um zu begreifen, wo sie dann war.
Natürlich lag sie im Gästezimmer der Familie Greengrass.
Sobald sie das begriffen hatte, lag sie noch eine Weile so da und genoss das Gefühl der weichen Matratze. Irgendwann war sie aber zu wach dafür und raffte sich auf, um sich anzuziehen. Schließlich öffnete sie die Tür und ging gut gelaunt nach unten, immer dem wohlbekannten Frühstücksgeruch folgend. Im Esszimmer begegnete sie Astoria, die verschlafen und noch ganz zerzaust am Tisch saß und eine Kanne mit dampfenden Kaffee in den Händen hielt, als wolle sie sie niemals wieder loslassen.
„Morgen, Ginny", nuschelte sie.
„Guten Morgen, Astoria", entgegnete Ginny belustigt und deutete zur Küchentür. „Ist das Zabini?"
„Mhm, ja …", kam als Antwort und kopfschüttelnd ging die Rothaarige weiter in die Küche. Dort stand tatsächlich der Slytherin am Herd und wendete geschickt einen Pfannkuchen. Als er sie entdeckte, grinste er und sagte: „Hi, Weasley. Zur Erklärung: Draco hasst Schinken und Rührei, deshalb die Pfannkuchen."
„Du machst die extra für ihn?"
Blaise lachte schallend.
„Ich bin ein Slytherin, was glaubst du denn?", kicherte er. „Nein, er muss dafür später aufräumen. Da habe ich auch etwas von."
Ginny schnaubte. „Das hätte ich mir denken können … Kann ich dir helfen?"
„Wenn du das Obst dort schneiden und waschen könntest, wäre das hilfreich." Er wies auf die Arbeitsplatte neben sich, wo eine Schüssel mit den verschiedensten Früchten und ein Schneidebrett bereitstanden.
Ginny folgte seiner Anweisung und ließ den Wasserhahn an. Sie war erleichtert, dass sie nicht mehr zu tun hatte, denn in der Küche war sie eine wirklich heillose Katastrophe.
„Ich bin überrascht, dass du so ganz auf Muggelart kochst. Verwendest du keine Zauber?"
„Nein, das würde mir doch den ganzen Spaß nehmen. Ich glaube, du unterschätzt uns Slytherins. Aber keine Sorge", er klopfte ihr gönnerhaft auf den Rücken, als er an ihr vorbei zu einem Schrank ging und Geschirr herausholte, „du bist schon viel angenehmer, als alle anderen Gryffindors, denen ich bisher begegnet bin. Es wundert mich nicht, dass Draco sich für dich interessiert."
Ginny hätte sich fast in den Finger geschnitten.
„So ist das nicht!", sagte sie schnell. „Er ist nicht an mir interessiert."
Der Latino runzelte amüsiert die Stirn. „So war das auch nicht gemeint", erwiderte er, als er ihre geröteten Wangen sah.
„Oh."
Daraufhin wurde es kurz still in der Küche und Zabini verschwand immer wieder, um den Tisch drüben zu decken. Als er wieder neben ihr am Herd stand und den dritten Pfannkuchen ausbackte, begann er erneut zu sprechen.
„Draco wird zu Lucius gehen, nicht wahr?"
Es verwirrte sie, dass er so plötzlich ernst wurde, und sie sah verdutzt zu ihm hoch.
„Ja …", sagte sie ehrlich. „Hat er dir davon erzählt? Ich dachte, er schläft noch."
„Ja, unser Draco ist eigentlich ein Langschläfer, aber nur, wenn er sich wohlfühlt. Hat Jahre gedauert, bis er angefangen hat, normal hier zu übernachten. Aber wegen gestern … ich habe das in seinem Blick gesehen. Wenn man sich so lange kennt, wie wir, merkt man das. Und das war der Blick, den er immer aufsetzt, wenn er sich zu etwas entschlossen hat."
„Ihr seid gar nicht so, wie ich mir euch vorgestellt hatte", sagte Ginny, einer Eingebung folgend.
„Ja, die aufgespießten Kröten und Leichen im Keller haben wir beim Frühjahrsputz entsorgt."
Blaise schmunzelte und Ginny stimmte ein.
„Weißt du, viele glauben ja, dass Draco seinem Vater so ähnlich ist", erzählte er dann lächelnd, während er routinemäßig weiterkochte. „Im sechsten Jahr hat Dumbledore ihm öfter seine Hilfe angeboten, doch er hat eisern abgelehnt. Ich vermute, du kennst die Geschichte?"
Ginny nickte. Harry hatte ihr nach der Verhandlung erzählt, was mit Malfoy gewesen war. Sie konnte sich nur denken, unter was für einem Druck er gestanden haben musste, sollte er einen Fehler machen, doch so wirklich wurde sie sich dem erst in letzter Zeit bewusst. Es entschuldigte aber nicht, wie er sich nach den Sommerferien zuerst weiter verhalten hatte – trotzdem war da etwas in ihr, was ihn in ein anderes Licht stellen wollte.
„Es war ihm egal, was mit ihm geschehen würde, solange er seine Familie sicher wissen konnte", fuhr Blaise fort. „Ich will nicht sagen, dass er ein Held, wie Potter oder seine Freunde ist, und all das eben. Aber er verdient eine zweite Chance mehr, als die meisten. Und Dumbledore wusste das und McGonagall hat es ebenfalls gewusst, deshalb wahrscheinlich die Aufnahme in den Slug-Club und die Ernennungen zum Vertrauensschüler und Quidditch-Kapitän."
„Ich weiß", sagte sie leise, aber bewusst, und musterte Blaise berechnend. „Er ist kein schlechter Mensch, nicht wahr?"
Sein Kopf drehte sich ihr zu und fest blickte er ihr ins Gesicht.
„Man mag einiges über uns Slytherins sagen, aber wenn wir etwas sind, dann stolz und treu. Misstrauisch und schnippisch – ja. Aber wenn wir lieben, dann ganz und gar und für immer. Also nein, Draco ist kein schlechter Mensch. Er hält sich aber für einen."
Das war ihr aufgefallen. Als Malfoy in dieser Nacht mit ihr gesprochen hatte, hatte sie etwas gesehen, was sie gleichermaßen irritiert und froh gemacht hatte. Das, was der Dunkelhaarige sagte, ähnelte ihren eigenen Gedanken.
„Pass ein bisschen auf ihn auf, ja, Weasley?", meinte Blaise und grinste ihr zu. „Ich glaube, du bist ganz gut für ihn."
Bevor sie etwas sagen konnte, öffnete sich die Küchentür und Malfoy erschien im Rahmen. Genau wie Ginny hatte er sich bereits angezogen und war offenbar schon duschen gewesen, denn seine Haare waren noch feucht.
„Na, Zabini", sagte er kühl, als er die beiden entdeckte. „Plauderst du aus dem Kessel?"
Blaise lächelte glatt und selbst Ginny hätte ihm seine unschuldige Miene abgenommen, wenn sie nicht gewusst hätte, was er eben noch alles erzählt hatte.
„Ich doch nicht, Draci", säuselte er. „Hier, mach dich nützlich und trag das rüber." Damit drückte er ihm den Teller mit fertigen Pfannkuchen in die Hände.
Ginny sah dem die Augen verdrehenden Blonden erstaunt nach.
Sie hätte nie gedacht, dass sie Draco Malfoy einmal mögen würde.
Aber das tat sie.
