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21.

„Der Onkel da hat mir neulich ein Pflaster auf mein Knie geklebt. Hier bin ich nämlich hingefallen!", verkündete eine laute, empörte Kinderstimme. „Mama, hast du gehört?" – „Ja, Eileen, das habe ich. Deinem Knie geht es doch jetzt aber wieder gut." – „Ja, aber ohne Onkel Bruno würde es das nicht. Willst du nicht reingehen und Danke sagen? Ohne ihn hättest du mich nicht heile zurückgekriegt." Eileens Mutter streichelte dem kleinen Mädchen über den Kopf. „Möchtest du denn gerne reingehen und Hallo sagen?" – „Ja", strahlte Eileen. „Frau Schmidt geht nämlich seitdem einen ganz anderen Weg, wenn wir spazieren gehen." – „Aha. Und warum?" – „Keine Ahnung, aber der neue Weg ist viel kürzer." – „Dann wird es das wohl sein", grübelte Eileens Mutter. „Nun lass uns endlich reingehen", drängte das Mädchen.

Ob dieser Hugo Haas wohl wusste, wie schwer das umzusetzen war? Kopfschüttelnd studierte Bruno die Zeichnung des Designers. „Hallo Bruno", stürmte Eileen in den Laden. Der Angesprochene sah auf. „Hey du! Wie geht es deinem Knie?" – „Da ist total dick Schorf drauf, aber sonst ist es gut. Hier, das ist meine Mama. Papa ist noch auf Arbeit, aber der ist dir bestimmt auch dankbar für das Pflaster." – „Ach dafür doch nicht", winkte Bruno ab. „Seien Sie doch nicht so bescheiden", lächelte Eileens Mutter. „Es war sehr lieb von Ihnen, das Knie meines kleinen Schatzes zu verarzten." Erst jetzt nahm sie sich die Zeit, sich im Laden umzusehen. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass so ein Laden hier in der Gegend läuft", grübelte sie dann laut. „Tut er auch nicht. Also nicht besonders gut. Der Vorbesitzer, Meister Pönke, der hatte sich einen Ruf erarbeitet. Ich hingegen muss ganz schön strampeln. Glücklicherweise habe ich seit kurzem einen Auftrag von einer Firma, von daher…" – „Oh, das ist aber schön." Eileens Mutter wusste gar nicht, warum sie sich mit dem ihr völlig unbekannten Mann freute, aber sie tat es. Es lag vielleicht an dem breiten Grinsen in seinem Gesicht. Offensichtlich war er sehr stolz auf seinen Laden. „So, Eileen, wir müssen dann weiter", wandte sie sich an ihre Tochter. „Ähm, warten Sie bitte", ergriff Bruno seine Chance. „Was ist denn?", fragte Eileens Mutter lächelnd. „Also, der Kindergarten, in den Eileen geht… also in dem Hoda… also Hoda Schmidt arbeitet…" – „Ja-a." – „Wo genau ist der? Also, nicht dass Sie mich für seltsam halten oder so… ich würde Frau Schmidt einfach gerne besuchen, weil… naja… es gab da ein Missverständnis, das ich gerne aus der Welt schaffen würde." Eileens Mutter unterdrückte ein Lachen – dieser Mann war aber auch zu süß. Er und Hoda? Eine herzerfrischende Vorstellung. „Soll ich Ihnen die Adresse geben?" – „Oh ja, bitte", seufzte Bruno erleichtert.

„Friedrich bringt Tante Trudi jeden Augenblick zurück", brummte Rokko. „Und?", fragte Lisa süffisant grinsend. „Naja, was soll sie denn denken, wenn wir bis dahin nicht wieder angezogen sind?" – „Das, was sie ohnehin schon denkt", lachte Lisa. „Schatz, es tut mir leid", entschuldigte Rokko sich bei Lisa, als er sie von sich schob. „Denken, ja. Optischer Beweis, nein." Langsam wälzte Rokko sich aus seinem Bett und sah sich um. Nach kurzer Suche hatte er seine Hose aus dem Klamottenberg gefischt. „Uff", seufzte Lisa die Decke enger um sich ziehend. „Na gut", gab sie nach. „Glaubst du, der Arzt nimmt ihr diesmal den Gips ab?", wollte sie von Rokko wissen. „Wenn er an seinem Leben hängt…", kicherte dieser. Anschließend reichte er Lisas Sachen zu ihrer Besitzerin rüber. „Du bist ja fies", empörte sie sich kichernd. „Tz, ehrlich heißt das", gab Rokko zurück. Dann ging er auf Lisa zu, um sich noch einmal in den Arm zu nehmen. „Sag mal", druckste Lisa rum. „Wie… wie findest du eigentlich meine… meine Unterwäsche?" Rokko machte einen Schritt zurück und musterte Lisa. Zugegeben, das Leibchen aus Baumwolle, das sie immer trug, war ungewöhnlich, aber so passte es wunderbar zu seiner Trägerin. „Was soll denn damit sein?", fragte Rokko irritiert. „Naja, was tragen denn andere Frauen untendrunter?" Rokkos Gesicht verzog sich zu einem schelmischen Grinsen. „Das interessiert mich ehrlich gesagt nicht. Mich interessiert nur, was du untendrunter trägst." – „Ja, aber…", setzte Lisa erneut zu einem Widerspruch an. „Lisa", schnitt Rokko ihr das Wort ab. „Ich habe den Eindruck, es geht nicht darum, wie ich es finde… Ich finde deine Unterwäsche sehr schön, sie passt zu dir und der einzige Grund, warum du etwas daran ändert solltest, wäre, wenn sie dir nicht mehr gefällt." – „Ich weiß nicht", murmelte Lisa. „Ich dachte ja nur… ich könnte mich vielleicht besser in diese Welt einfügen, wenn… ach, vergiss es, ja?" Lisas Wangen glühten verschämt rot, als sie dies sagte.

Wo blieb Hoda denn nur? Ihre Kolleginnen mussten ihn schon für einen seltsamen Kauz halten. Seit einiger Zeit stand Bruno nun schon vor der Tür des Kindergartens und wartete darauf, dass Hoda endlich herauskam. Hineinzugehen, das traute er sich nicht, aber abhauen ging auch nicht. Er musste doch dringend mit Hoda sprechen und vor allem das Missverständnis aus der Welt schaffen. Wie er das tun wollte? Das wusste er noch nicht. Ihm würde schon etwas einfallen, wenn er dieser Frau erst einmal gegenüberstand…

Bruno trat erneut von einem Fuß auf den anderen, als die Tür erneut aufging. „Hoda!", freute er sich, als er die junge Frau erspähte. Sie trug ein für ihre dralle Figur sehr vorteilhaftes Kleid und ihre von Bruno reparierten Lieblingsschuhe. „Hallo", grüßte sie kühl. Nervös begann sie in ihrer Handtasche zu wühlen – sie wollte so beschäftigt wirken, aber eigentlich benötigte sie nichts von deren Inhalt. Allerdings hoffte sie, Bruno so abschütteln zu können. „Ich wollte mit Ihnen über neulich sprechen", begann Bruno aber stattdessen. „Das war ein ganz blödes Missverständnis. Jürgen hat es mir erklärt und ich wollte nur sagen: Ich habe Sie auch sehr gerne." Augenblicklich ließ Hoda von ihrer Handtasche ab und sah Bruno entsetzt an. „Ja, und was Ihre Figur betrifft, Jürgen sagt, ich soll sagen, dass Sie die Rundungen an der richtigen Stelle haben… also das meinte ich ja mit ‚mütterliche Figur', aber das hat Ihnen ja nicht so gefallen." – „Jürgen sagt?", hakte Hoda aufgebracht nach. „Jürgen sagt? Wer oder was ist dieser Jürgen? Eine Stimme in Ihrem Kopf?" – „Nein, nein, Jürgen ist mein bester Freund und glauben Sie mir, den brauche ich auch wirklich, sonst wäre ich in dieser Außenwelt hier total verloren." – „Außenwelt? Langsam machen Sie mir Angst. Sind Sie sicher, dass Sie normalerweise keine spitzen Ohren haben und ihre Finger zum Gruß spreizen?" – „Nein, meine Ohren waren schon immer so, wie sie jetzt sind und ich grüße die Leute ganz normal." Während Bruno noch sprach, setzte Hoda sich in Bewegung. „Das ist mir zu abgedreht", murmelte sie dabei.

„Seht mal, Kinder, ich bin den Gips los", freute Tante Trudi sich in genau diesem Augenblick. „Ja, und wenn du so herumhüpfst, wird es bald wieder gebrochen sein", kommentierte Friedrich die ausgelassene Stimmung seiner großen Schwester. „Hallo Rokko", begrüßte er dann seinen Pflegesohn. „Frau Plenske", wandte er sich an Lisa. „Wie geht es Ihnen?" – „Gut, Danke." – „Ich war vorhin bei Kerima. Hugo hat mir die Schuhe gezeigt, die Ihr Bruder fertigt. Ich bin wirklich beeindruckt. Er wird es sicher weit bringen." – „Danke, Herr Seidel", freute Lisa sich über das Lob. „Lisa, du hilfst mir doch sicher beim Packen, oder?", meldete Tante Trudi sich zu Wort. „Ähm, ja, natürlich", kam die Antwort von der jungen Frau. „Wieso denn packen, Tante Trudi?", wollte Rokko wissen. „Ich bin wieder gesund und reise natürlich morgen wieder ab", erwiderte die alte Dame verständnislos. „Aber…", widersprach Rokko. „Vergiss es, Junge, wenn Trudi sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann wird das auch so und nicht anders gemacht", lachte Friedrich.

„Amish, he?", war Hodas Reaktion auf Brunos Erklärung. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sich so als Amish lebt." – „Es geht schon, aber… naja… ich habe mich dagegen entschieden. Ich wollte es nicht mehr." – „Ist es denn eine gute Entscheidung gewesen?", wollte Hoda wissen. „Jetzt, da ich Sie kenne, schon", grinste Bruno verlegen. „Oy, wie man jemanden anbaggert, haben Sie jedenfalls schon gelernt", grinste die Kindergärtnerin amüsiert. „Haben Sie mir denn nun verziehen?" – „Okay, wenn ich berücksichtige, dass ich Ihnen Unrecht getan habe, verzeihe ich Ihnen noch mal – gerade so", zwinkerte Hoda ihrem Gegenüber zu. „Hätten Sie vielleicht Lust, etwas mit mir zu unternehmen?", wagte sie sich dann zu fragen. „Ja, aber was denn?" – „Was macht man denn bei Ihnen, wenn man jemanden mag und ihn näher kennen lernen möchte?" – „Man geht auf dem elterlichen Hof spazieren. Dann weiß die Zukünftige schon einmal, was sie bekommt, wenn sie heiratet." – „Oy, ich glaube, meiner Emanzipation und mir, uns wird gerader schlecht. Ich biete Ihnen einen Kompromiss an: Wir laufen zum nächsten Kino und sehen uns dort einen Film an." – „Ihre Emanzipation, Sie und ich?", lachte Bruno. „Exakt. Kommen Sie." Hoda hakte sich demonstrativ bei Bruno unter und zog ihn mit sich.

„Guten Tag", grüßte Rokko ein Geschäft betretend. Die beiden Verkäuferinnen tauschten wissende Blicke. „Kann ich Ihnen helfen?", wollte eine von ihnen wissen. „Ähm… ich suche etwas für meine Freundin", gab Rokko offen zu. „Darf ich den Anlass erfahren? Dann lässt sich Ihre Suche vielleicht etwas eingrenzen." – „Ich will ihr einfach nur zeigen, dass ich sie liebe", strahlte Rokko. „Das ist ja mal ein schöner Grund", lächelte die Verkäuferin zurück. „Welche Größe hat ihre Freundin denn?" – „Hm, so 38, vielleicht 40", antwortete Rokko. „Junger Mann", maßregelte sein Gegenüber ihn. „Für Höschen ist das ja eine gute Angabe, aber für Büstenhalter?" – „Äh, haben die etwa eine andere Größe?" – „Ja, haben sie. Wenn Sie mir die nennen könnten, dann wäre das sehr hilfreich." Rokko seufzte laut – irgendwie hatte er es sich einfacher vorgestellt, Lisa ein hübsches Wäscheset zu besorgen… „Naja, so ne Handvoll wird es schon sein." Die zweite Verkäuferin, die noch immer an der Kasse stand, begann ausgelassen zu lachen. „Es war ja mal wieder Zeit für diesen Klassiker. Wenn Sie wüssten, wie viele Frauen ihren Partnern zufolge eine Handvoll Brust haben…" Verlegen legte Rokko eine Hand in den Nacken. „Ich schätze, dann muss ich noch einmal wiederkommen, oder?" – „Naja, Sie könnten sich ja mal umsehen, ob wir überhaupt etwas haben, das Ihren Vorstellungen entspricht. Wir tauschen auch um", erklärte die Verkäuferin, die direkt neben Rokko stand. „Oder Sie nehmen einen unserer Gutscheine. Das wird fast das Beste sein", warf die andere ein. „Gutschein", grübelte Rokko. „Das ist eine schöne Idee. Ich würde mich trotzdem gerne erst umsehen." – „Was ist Ihre Freundin denn für ein Typ? Dann kann ich Ihnen schon das eine oder andere zeigen." – „Klassisch, ganz klassisch und mädchenhaft, fast schon unschuldig." – „Gut", lächelte die Verkäuferin freundlich, bevor sie sich umdrehte und ein paar Wäschesets heraussuchte, die dieser Beschreibung entsprachen.

„Hm, ich weiß nicht. Ich kann mir das an Lisa einfach nicht vorstellen. Ich sollte sie wirklich mitbringen", gab Rokko zerknirscht zu. „Also möchten Sie einen Gutschein schloss die Verkäuferin daraus. „Ich schätze, das ist die beste Lösung."

„Das war ein sehr schöner Abend", gestand Hoda Bruno. Er hatte darauf bestanden, sie nach Hause zu bringen, damit ihr auch ja nichts zustoßen konnte. „Ja, das fand ich auch", erwiderte Bruno. „Wiederholen wir das?" – „Unbedingt", stimmte Hoda zu. „Ich weiß ja, wo du arbeitest. Ich melde mich in den nächsten Tagen bei dir", lächelte sie Bruno an. Sie beugte sich vor, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. Als sie sich wieder von Bruno entfernen wollte, hielt dieser sie zurück. Eine gefühlte Ewigkeit sah er Hoda tief in die Augen. Hoda hielt den Atem an, als sie Brunos Blick deutete. Unbewusst leckte sie sich kurz über die Lippen. Bruno nahm Hodas Gesicht vorsichtig in beide Hände und zog ihr Gesicht dann ein seines. Hoda ging das aber alles zu langsam. Sie legte ihre Lippen schnell auf Brunos, um ihn leidenschaftlich zu küssen. „Möchtest du noch mit reinkommen?", bot sie ihm atemlos an. „Nein", lächelte Bruno. „Heute nicht. Ich sehe dich dann bald, Fräulein Hoda."

„Ach, es ist so schön, wieder nach Hause zu können und vor allem diese blöden Krücken los zu sein", freute Hiltrud Seidel sich beim Abendessen. „Ich wollte euch noch einmal für alles danken. Ich habe mich wirklich wohl bei euch gefühlt." – „Es war ein Vergnügen dich hier zu haben, Tante Trudi", erwiderte Rokko. „Ein Vergnügen? Das kaufe ich dir nicht ab", lachte die Tante. „Aber sehr nett, dass du zumindest versucht hast, mir diese Notlüge aufzutischen. Ich gehe bald ins Bett", wechselte sie dann abrupt das Thema. „Ich will ausgeschlafen sein – für den Rückflug."

„Lisa?", fragte Rokko, als er sich neben der jungen Frau ins Bett fallen ließ. „Ich habe über das nachgedacht, was du heute Nachmittag gesagt hast… das mit deiner Unterwäsche. Ich finde sie schön, ich finde dich schön – egal, was du anhast. Deine Kleidung ist ein Teil von dir oder vielmehr von deiner Vergangenheit und deiner Identität. Ich finde, du solltest das nicht so einfach ablegen, aber wenn du glaubst, es ist Zeit dafür, dann… hier", sagte er und drückte Lisa einen Umschlag in die Hand. „Was ist das?", fragte sie verwirrt. „Ein Gutschein für einen Unterwäscheladen", antwortete Rokko. „Du kannst dorthin gehen und dir etwas Schönes aussuchen, wenn du möchtest. Er ist ein Jahr gültig, du musst also nichts überstürzen." Gerührt betrachtete Lisa das Geschenk. „Das ist so lieb von dir", seufzte sie, bevor sie Rokko um den Hals fiel. „Wenn… würdest du mitkommen, wenn ich… also, würdest du mich dorthin begleiten?" – „Du meinst, ich soll den Modeberater geben? Jederzeit", grinste Rokko frech.