4.2 Kapitel: Ein Grund zu leben
Es war die sechste Nacht. Zevran war sich sicher, dass es seine letzte sein würde, dass er sie nicht mehr lebend überstehen würde. Er hatte längst alle Versuche aufgegeben, den Husten zu unterdrücken. Die Anfälle waren heftig, sein ganzer Brustraum schmerzte und er bekam kaum Luft. Schüttelfrost quälte ihn, seine Zähne klapperten. Aber seine Peiniger ließen ihn nicht in Ruhe. Immer wieder wurde ein Schwall Wasser über seinen zitternden Körper geschüttet. Dann hörte er Stimmen im Gang.
"Sofort aufhören, Ihr Idioten!" Das war Taliesen. Der Wasserstrahl verstummte. "Was seid Ihr nur für Schwachköpfe! Ich sagte foltern, nicht töten!" Zevran vernahm das Raunen kleinmütiger Entschuldigungen "Aber das sieht man doch, wenn einer krank ist!" Das war wieder Taliesens aufgebrachte Stimme.
Die Zellentür öffnete sich. Bis eben hatte Zevran noch zitternd in der Ecke gehockt. Jetzt stand er aufrecht, versuchte, jedes Zittern zu vermeiden, schaute Taliesen mit offenem Hass ins Gesicht.
Der schaute den Elf forschend an: "Wie lange hast du diesen Husten schon."
Zevran verzog zynisch den Mund, seine Stimme war sehr schwach. "Es ist nur eine Erkältung."
Taliesen lachte schallend "Vielleicht war es mal eine." Er reichte Zevran ein großes Handtuch: "Trockne dich ab und zieh dich an, ich bring dich in dein Zimmer!"
Die Krähen-Folterer hatten gute Arbeit geleistet: Zevrans Körper war mit Abschürfungen und Prellungen übersät. Alle Knochen und Gelenke schmerzten. Aber es gab keine Brüche, nichts war ausgekugelt und es gab keine großen Schnitt- oder Stichwunden. Er sollte einsatzfähig bleiben, irgendjemand brauchte ihn. Nur eine Krankheit hatte man nicht bedacht. Zevran überlegte, ob er jetzt verschwinden würde, wie die kranken Kinder. Und es war ihm gleichgültig.
In der Kleiderkammer bekam Zevran eine graue Leinenhose und ein einfaches, weißes Hemd. Beide waren ihm zu groß. In seinem Zimmer setzte er sich auf das Bett. Er zitterte, musste immer wieder husten.
Taliesen blieb an der Tür, wirkte in Eile: "Du bleibst, wo du bist, ich bin gleich wieder da!" Zevran zuckte die Achseln. Wo sollte er auch hin?
Als der Arzt kam, lag Zevran wieder auf seinem Bett, wie an dem Tag, als er in den Keller gebracht wurde. Nur blasser, magerer, mit Fieberflecken auf den hohlen Wangen. Der Arzt horchte mit einem Rohr an seiner Brust und seinem Rücken, untersuchte seine Augen, fühlte seinen Puls.
"Ich glaube nicht, dass es die Schwindsucht ist," sagte er schließlich, als würde er damit eine ihm vorher gestellte Frage beantworten. "Auch wenn ich es nicht definitiv ausschließen kann. Er hat hohes Fieber. Auf jeden Fall eine Lugenentzündung und Rippenfellentzündung. Er wird nicht mehr lange leben, vielleicht noch eine Woche."
Taliesen fluchte leise: "Keine Chance?"
Der Arzt zuckte die Achseln: "Nun, wenn er stark ist und viel Glück hat... Bettruhe, gutes Essen, stärkende Kräuter, Heilmagie?"
Zevran bekam von all dem kaum etwas mit. Einen einzigen Satz hatte er verstanden: Er würde sterben. Es erleichterte ihn, das zu hören, er sehnte den Tod herbei. In seinen Adern kochte das Blut, der gesamte Körper schmerzte. Jeder Atmenzug war unendlich mühsam und verbunden mit der Angst vor einem neuen, qualvollen Hustenanfall. Sein Bewusstsein schwand. Es war eine Gnade.
Der junge Dalish kniete neben dem Schlaflager seines Freundes. Mit tief besorgter Miene streichelte er dessen heißes Gesicht: "Du glühst ja vor Fieber, Lethallin, was ist passiert?"
"Ich bin krank Sûl. Ich fühle mich sehr schwach."
"Keine Sorge, Lethallin, ich bleibe bei dir, ich kümmere mich um dich..."
Ganz langsam kam Zevran zu sich. Er versuchte, sich zu erinnern, was passiert war. Aber seine vom Fieber vernebelten Sinne verstanden nichts. Das Atmen tat ihm weh. Er spürte eine Decke über sich und jemand legte ihm ein feuchtes Tuch auf die Stirn. "Sûl?" fragte er irritiert.
"Falsch geraten!" antwortete eine weibliche Stimme.
Zevran öffnete mühsam die Augen. Es dauerte eine Weile, bis er verstand, wo er war, und die Elfin neben sich erkannte. "Ginera? Was machst du denn hier?" Ihm fiel alles wieder ein. Er muss bewusstlos gewesen sein. Aber wie lange? Und warum war er überhaupt noch am Leben?
Die Frau erhob sich: "Bilde dir bloß nicht ein, dass ich freiwillig bei dir bin, Kleiner. Es war ein Befehl von Taliesen." Sie atmete hörbar ein, ihre Stimme klang verächtlich: "Keine Ahnung, was du angestellt hast, dass er meint, dich wie ein Schoßhündchen behandeln zu müssen."
Zevran gelang trotz seines miserablen Zustands ein zynisches Grinsen. War sie eifersüchtig? "Er hat mich fast zu Tode foltern lassen, meine Liebe."
"Oh?" Ihre Ton war schnippisch. "Ok, du hast gewonnen. Das ist es nicht wert." Sie ging zur Tür. "Ich sag Bescheid, dass du wach bist."
"Was kümmert es dich, ob ich sterbe?" fragte Zevran kalt.
Taliesens Stimme klang nicht wärmer "Wir können jeden guten Mann gebrauchen, und du hast dich als verdammt nützlich erwiesen. Es war eine große Dummheit, dass du weggelaufen bist." Der junge Mann lehnte am Türrahmen, die Beine hatte er locker überkreuzt, die Arme vor der Brust verschränkt und schaute auf den im Bett liegenden Elfen.
Zevran zuckte die Achseln. Er versuchte, einen Hustenanfall zu unterdrücken, aber es gelang ihm nicht. Der Anfall dauerte lange und war schmerzhaft. Beschämt über die eigene Schwäche wandte er den Blick zum Fenster.
"Du hast gute Arbeit geleistet bei den Manicos," sagte Taliesen ungerührt "Aber dein Mord an Goisar war fast noch besser."
Der Elf drehte sich nicht um. Es überraschte ihn nicht, dass der Capo Bescheid wusste.
Taliesen lachte leise: "Kein Blut, keine Spuren von Gewalt, es sah aus, als hätte sein Herz einfach aufgehört zu schlagen. Genial."
Nachdem Zevran keinerlei Reaktion zeigte, hob Taliesen erneut an: "Hör zu, du bist gut, und ich will dich für einen Job."
"Warum hast du mich dann foltern lassen?" fragte der junge Elf, ohne seine Blickrichtung zu ändern.
Taliesen schnaubte verächtlich: "Das nimmst du doch nicht persönlich, oder? Es war klar, dass du bestraft werden musstest. Für das Weglaufen und für den Mord an Goisar. Aber die Folter hatte noch einen anderen Sinn." Er ging zum Fenster hinüber, um Zevran seinen Blick aufzuzwingen: "Wer eine Krähe sein will, muss Schmerz ertragen können. Folter gehört zum Ritual. Es sollte auch deine Weihe sein, du solltest dein Tattoo bekommen."
Zevran versuchte zu lachen, es wurde wieder nur ein Husten "Rituale..." Auch seiner schwachen Stimme hörte man den Spott noch an. "Ich bin noch nicht sechszehn. Außerdem: Wie kommst du darauf, dass ich wieder für dich arbeiten würde?" Er schaute demonstrativ an dem jungen Mann vorbei durch das Fenster.
Taliesen trat näher an das Bett heran: "Du bist sechszehn, wenn der Meister sagt, dass du die Weihe durchlaufen sollst. Und...," betont langsam zog er ein aufgerolltes Papier aus seiner Gürteltasche und wedelte es durch die Luft: "...ich dachte, du wärst vielleicht daran interessiert, den Mann zu töten, der Sergio getötet hat."
Zevran Blick wandte sich Taliesen zu. Seine vor Fieber glühenden Augen blickten entschlossen.
